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Full text of "Beethoven-Handbuch"

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Beethoven - Handbuch 



von 



Theodor Frimmel 



Erster Band 

Abendlied — Ouvertiiren 




Druck und Verlag von Breitkopf & Hartel 
Leipzig 1926 



Copyright 1926 by Breitkopf & Hartel, Leipzig 



Vorwort. 

Das Beethovenhandbuch soil eine Liicke in der Literatur uber 
einen der groBten Kimstler der Vergangenheit ausfiillen. Zwar 
herrscht sicher kein Mangel an Beethovenbuchern anderer Art, 
groB und klein, alt und neu. Aber dasAufsuchen einzelner Fragen, 
Personen und Orte, die Beethoven betreffen, in dem Wust alterer 
Schriften, die zumeist ohne Register geblieben sind, ist zeit- 
raubend und muhsam, also nicht jedermanns Sache. Und doch 
wtinschen gar oft Musiker, Musikfreunde und Forscher rasch 
und in Kurze Auskunft uber allerlei Beethovenfragen, die sich 
gelegentlich ergeben. Hier soil das Beethovenhandbuch 
helfend eintreten. Die bisher vorhandenen Register reichen eben 
nicht aus. Namentlich finden sich die Ortlichkeiten , die fur 
Beethoven von Belang sind, nirgends auch nur in einiger Reich- 
haltigkeit genannt. Zumeist sind sie in den Registern einfach 
ubergangen, ganz abgesehen davon, daB viele bisher oft (iberhaupt 
nicht beachtet wurden. Fur zahlreiche Personen, die in den 
alteren Werken vorkommen, sind im Handbuch die Vornamen 
und einige Lebensdaten angefiihrt, die sonst nicht verzeichnet 
sind. Auch ist der Kreis von Beethovens Bekannten in den 
meisten alteren Werken viel zu eng gezogen. Das Handbuch 
muBte weiter ausgreifen. Sogar dasVerzeiehnis der Werke konnte 
vervollstandigt werden in Vergleichung mit vielen alteren Zu- 
sammenstellungen. — Dagegen wurde auf Analysen fast ganz- 
lich verzichtet, da solche den Umfang des Handbuches auf das 
vielleicht Vierfache vergroBert hatten und in den meisten Fallen 
ohnedies ausflihrlich vorliegen. Ganze Reihen jiingerer Forscher 
sind ja frisch und wagemutig damit beschaftigt, Beethovens 
Werke zu zerlegen und so fur Fortschritt auf dem genannten 



Vorwort 



Gebiet zu sorgen, oder solchen anzubahnen. An fachlichen An- 
deutungen fehlt es iibrigens auch im vorliegenden Handbuch 
nicht. 

Die Anordnung der einzelnen Abschnitte, die alles Be- 
merkenswerte an Beethovens Kunstlertum, an seiner Arbeits- 
weise, Lebensfiihrung, an seinem Charakter, seinem AuBeren, 
an seinen hervorstechenden Werken, aus dem Lebensgang des 
Meisters und seiner Freunde und Feinde beriihren, oder zumeist 
eingehend besprechen, ist eine lexikale, also eine nach den 
Anfangsbuchstaben der Stichworte eingerichtete, wodurch wohl 
das Auffinden des Gesuchten wesentlich erleichtert ist. 

Weitaus die meisten Nachweise von Schriften iiber Beet- 
hoven sind im Handbuch an und fur sich eindeutig, den Musikern 
besonders, wohl auch den Laien verstandlich. Die Veroffent- 
lichungen zum Beethovenjahr 1927 sind im Handbuch natlir- 
licherweise noch nicht aufgenommen, weil sich weder ihre Menge, 
noch viel weniger ihre wirkliche Bedeutung heute und in den 
nachsten Jahren wird abschatzen und erkennen lassen. Sie werden 
aber in einem sicher zu erwartenden Erganzungsband in Er- 
scheinung zu treten haben. Kurzungen werden nur bei den oft 
wiederkehrenden Literaturangaben angewendet. So wird der Titel 
„Biographische Notizen iiber Ludwig van Beethoven von Dr. F. G. 
Wegeler und Ferdinand Ries" (Coblenz 1838) nur in gekiirzter Weise 
angefuhrt als: Wegeler, Notizen, oder als: Ries, Notizen, je nach- 
dem es sich um Mitteilungen des einen oder des anderen handelt. 
Bei den Hinweisen auf Schindler ist gewohnlich die dritte oder die 
damit gleichlautende vierte Auflage des Buches „Biographie von 
Ludwig van Beethoven" gemeint. Sind andere Auflagen dieses 
Werkes oder andere Arbeiten Schindlers als Quellen benutzt, so 
wird dies eigens angegeben. Bei den vielen Anftihrungen aus 
dem groBen Werk von Al. W. Thayer wurde die Kttrzung: Th.-R. 
gewahlt, wenn sich die Hinweise auf die neue Auflage von Hugo 
Riemann beziehen. Wurde Thayers erste Fassung benutzt, 
so verwies ich einfach auf: Thayer. 



Vorwort 



Hugo Riemanns Musiklexikon wurde ohne Ausnahme in der 
achten Auflage benutzt und in aller Kurze gewohnlich als Rie- 
manns Lexikon angefiihrt. 

Das groBe, weitbekannte „biographische Lexikon" von Con- 
stant v. Wurzbach ist stets in abgekiirzter Form angefuhrt. 
W6' andere Arbeiten desselben Autors oder seines Enkels genannt 
sind, wird dies ausdrticklich bemerkt. 

„Wiens lebende Schriftsteller, Kiinstler und Dilettanten im 
Kunstfache" (Wien 1822), das vielgenannte Nachschlagebuch, dessen 
zweiter Teil den Titel fuhrt: „Merkwtirdigkeiten der Haupt- und 
Residenz-Stadt Wien und ihrer nSchsten Umgebung" (1823) wird 
meistens als: Bockhs Nachschlagebuch angefuhrt. 

Als andere Kurzungen seien noch erwahnt, daB Nottebohm- 
Mies folgendes bedeutet: „Zwei Skizzenbucher von Beethoven 
aus den Jahren 1801—1803, beschrieben und in AuszQgen dar- 
gestellt von Gustav Nottebohm. Neue Ausgabe mit Vorwort von 
Paul Mies" (Leipzig, Breitkopf & Hartel, 1924). — Oberdies 
seigesagt, daB fiir Violoncell und Violoncellspieler gewohnlich 
die Ausdriicke Cello und Cellist angewendet wurden, womit der 
Bequemlichkeit der Leser entgegengekommen sei. — Urn aus- 
gedehnte Wiederholungen zu vermeiden, wird sehr oft in Kurze 
auf andere Abschnitte verwiesen, die in den Zusammenhang 
des aufgeschlagenen Artikels gehoren. 

Der Verlagshandlung sei bestens gedankt fiir die Geduld und 
Mtihe, die sie an das Werk gewendet hat. Mancherlei FSrderung 
ist mir von dort geworden, und schon vor Jahren habe ich Beethoven- 
briefe aus dem wertvollen Hausarchiv zur Verfugung erhalten. — 
Auch mochte ich nicht versSumen, die Herren BibliotheksvorstSnde 
Dr. Robert Haas an der Wiener Nationalbibliothek, Hofrat Eusebius 
Mandyczewski an der Bibliothek der Gesellschaft derMusikfreunde 
und Hofrat Dr. Max Vancsa an der niederOsterreichischen Landes- 
bibliothek zu erwahnen als freundliche Forderer mehrerer Vor- 
arbeiten. An die Wiener Stadtbibliothek schulde ich seit Jahr- 
zehnten, von den Zeiten des Direktors Hofrat Dr. C. Glossy bis her- 



Vorwort 

auf zur Leitung durch Dr. Reuther vielen Dank fUr oftmaliges 
Entgegenkommen bei meinen Beethovenstudien. Erwahnt seien 
auch die freundliche Beihilfe des Instituts fur Musikgeschichte in 
Wien unter der Leitung des Hofrats Dr. Adler und Prof. Fischer 
und gtitige Ausklinfte aus dem musikhistorischen Museum Wilhelm 
Heyer in Koln durch dessen Leiter Dr. G. Kinsky. Herrn Dr. A. 
Konig in Gleiwitz danke ich fur freundliche Aushilfe aus seinem 
Privatbesitz an Beethovenschriften. Viele andere Hilfen sind im 
Text dankbar erwahnt. — 

Vielleicht laBt sich annehmen, dali eine neue iibersichtliche 
Zusammenstellung des Stoffes, zum Teil des alten, zum Teil 
eines solchen aus neueren Forschungen und Mitteilungen er- 
wiinscht und gewiB nicht uberflussig war. Moge das neue Buch 
nun auch den Weg zu den vielen Beethovenfreunden finden, 
die es allerorten auf der Welt gibt. 

Wien, im Juni 1926. 

Der Verfasser. 



A. 

Abendlled unter dem gestirnten Hitnmel „Wenn die Sonne nieder- 
sinket . .". Eines der weihevollsten Lieder Beethovens, geschaffen 
laut Datierung am 4. Marz 1820. Urschrift in der Wiener Hofbibliothek 
(jetzt Nationalbibliothek). Erstes Erscheinen in der „Wiener Zeit- 
schrift fiir Kunst" vom 28. Marz 1820. Ober spatere Drucke gibt 
besonders Nottebohm Auskunft im „Themat. Kat." S. 185. — Das 
Abendlied isteine besonders sanglicheMelodie zu einem Text von Heinr. 
Goble. In der Wiener Zeitschrift ist das Lied Herrn Dr. Braunhofer 
gewidmet. Beethoven schenkte am 19. April 1820 einen Abzug dem 
Fraulein Del Rio (Thayer-Riemann IV, S. 200 und 239), scheint also 
selbst etwas auf das kleine, aber hochst stimmungsvolle Werk ge- 
halten zu haben. Schubert ist durch das Lied beeinfluBt worden (vgl. 
Frimmel, „Beethoven", und Schubert, „DieMusik", Marz 1925). Spater 
nannte es Robert Schumann ein „schones und hehres" Werk, und 
man kann nicht zweifeln, da6 mehrere Lieder Schumanns, z. B. „Sonn- 
tag am Rhein" und „Mondnacht", durch Beethovens Abendlied gilnstig 
beeinfluBt sind. (Dazu „Beethovenforschung" Heft IX, S. 18f.) — 
Ein verkleinertes Faksimile der Urschrift wurde in der Wiener Monats- 
schrift „Moderne Welt" veroffentlicht (Herausgeber A. Bachwitz, 
Leiter Ludw. Hirschfeld, 1920, Heft 9, S. 19). (Siehe bei: Leidesdorf). 

Adamberger, Antonie (1790 — 1876), Schauspielerin, Sangerin, zu- 
meist bekannt als die Braut Theodor Korners und als Gemahljn des 
Altertumsforschers von Arneth. Antonie stammte aus einer Kiinstler- 
famiiie. Der Vater Heinrich Adamberger war u. a. als Kunstsammler 
weit bekannt. Sie war ein kraftiges, lebhaftes, frtihreifes Kind. Schon 
1802 und 1804 trat sie im Theater zu SchOnbrunn auf. 1809 zog sie 
Napoleons Aufmerksamkeit unbewuBt auf sich, doch hielt sie fest an 
ihrem Verhaltnis zu Kbrner. Dieser fiel bald danach (1813) in der 
Schlacht. 1817 vermahlte sich „Toni", wie sie genannt wurde, mit 
A. v. Arneth. — Mit Beethoven kam sie in VerbindungausAnlaB des 
Einstudierens und der Auffuhrung der „Egmont"-Musik, 1810. Sie 
sang damals die Klarchenlieder, so, wie sie Beethoven ihr eingelernt 
hatte. Im Jahre 1813 muB sie wohl auch wieder mit Beethoven zu- 
sammengetroffen sein. JDenn am l.Mai jenes Jahres deklamierte sie 

Fri minel, Beethovenhandbuch. I. 1 



2 Adamberger 

in demselben Augartenkonzert, in welchem auch Beethovens C-Moll- 
Symphonie und „Ein Marsch von Beethoven" aufgefiihrt wurden 
(vgl.Ed. Hanslick, „GeschichtedesKonzertwesensinWien", 1869, S. 72). 
(Im biograph. Lexikon von Const, v. Wurzbach einige falche Jahres- 
zahlen. Genaueres schon bei W. v. Lenz IV, S. 216 und V, S. 454, und A. 
W. Thayer, 1. Auflage, S. 135f., und dann beiTh.-R., Bd. III. Vgl. auch 
W. v. Lenz, „Kritischer Katalog" V, S. 454 bei Op. 84, L. Nohl, Beet- 
hoven nach den Schilderungen seiner Zeitgenossen" [1877]. Nohl be- 
suchte Frau Adamberger-Arneth und berichtete iiber ihre Aussagen. 
Vgl. Alfr. Ritt. v. Arneth, „Aus meinem Leben" und Geigers „Goethe- 
jahrbuch" [1892 und 1893]. Siehe auch Alfr. Chr. Kalischer und Hirsch- 
berg, „Beethoven und Wien", ferner Al. v. Weilen in: „Die Theater 
Wiens", Freiherr v. Jaden, ,,Th. Korner und seine Braut" (1886), 
Kerst, „Erinnerungen". In neuester Zeit erschienen zwei bemerkens- 
werte Feuilletons iiber Toni Adamberger, eines von Eduard v.Wert- 
heimer, , .Napoleon I. und die. Burgschauspielerin Toni Adamberger" 
[„Neue freie Presse", Wien, 28. Juli 1924], das andere von Anny Ne- 
wald-Grasse, „Antonie Adamberger und das Schonbrunner SchloB- 
theater" [„Reichspost", Wien, 10. Aug. 1924]. Vgl. uberdies die altere 
Kornerliteratur.) 

Antonie Adamberger ist auf einem kleinen Brustbild von Monsorno 
im Kornermuseum zu Dresden dargestellt. (Abbildung in der Arbeit 
von Hans Zimmer, „Theodor Kbrners Braut", bei Peschel-Wildenow, 
„Korner und die Seinen" in der Folioausgabe des P. Bekkerschen „Beet- 
hoven" und in St. Ley's „Beethovens Leben in authentischen Bildern" 
(1925) S. 15. Ein weiteres Bildnis der Adamberger kam vor in der 
Novemberversteigerung .1923 bei Albert Kende in Wien (Nr. 129 des 
Verzeichnisses). Auf einem zeitgenossischen Stich von unbekannter 
Hand, den man 1920 in der Beethovenausstellung der Stadt Wien zu 
sehen bekatn, ist dargestellt, „Clarchen (im Trauerspiel Egmont) gespielt 
von Mile. Adamberger". Ein zartes Aquarell von Bernhard von Schrotter 
aus der Sammlung des Herrn Prasidenten Jos. Franck in Graz ist 
abgebildet worden im „Alt- Wiener Kalender" von A. Trost fur 
1925. Als uberaus seltenes Blatt ist das Brustbild der Adamberger 
hervorzuheben, das Jos. Kriehuber auf Stein gezeichnet hat (fehlt im 
Kriehuber-Kat. von W. v. Wurzbach). (Fur freundliche Auskunft 
aus dem Kornermuseum bin ich Herrn Direktor Dr. GroBmann zu 
Dank verpflichtet. — Der fesselnde Brief von Antonie Adamberger 
an A. W. Thayer von 1867, der in Thayers „Beethoven" benutzt ist, 
befand sich spater bei Dr. Erich Prieger in Bonn.) — Als eine,Wid- 
mung an Antonie Adamberger steht das kleine Stilck Beethovens zum 



Adelaide 



Text: Ewig Dein . . . im Versteigerungskatalog Nr. LXXXIII von 
Karl Ernst Henrici (Mai 1923) verzeichnet. Das gute Faksimile bringt 
keine Widmung. 

Adelaide, eines der meistberuhmten Werke des Meisters, ein Lied 
oder, wie es Beethoven bezeichnete, eine Kantate nach Matthissons 
Gedicht. Op. 46, 1795 auf 1796 entstanden, und zwar mit groBer Auf- 
merksamkeit verfaBt. Es liegen viele Skizzen und Entwiirfe davon 
vor, von denen eine neun Zeilen lange schon bei Seyfried („Studien 
Beethovens", 1832) faksimiliert ist, und deren mehrere von Thayer 
(,,Chronol. Verz.") und Nottebohm („2. Beethoveniana") ausgenutzt sind. 
Vgl. auch Nottebohms „Themat. Katalog". Eine bemerkenswerte Ab- 
schrift befand sich 1900 bei Herrn Carl Paul Protzmann in Wien. 
Diese stammt aus der Familie des Grazer Musikalienhandlers Tendler. 
Die oft wiederholte Erzahlung „Rettung eines Liedes von Beethoven" 
von Gustav Barth stand zuerst in L. A. Frankls „SonntagsbIattern" von 
1845 zu lesen. Barth soil Beethoven eben getroffen haben, als er 
das Manuskript der ,, Adelaide" verbrennen wollte. Barth sang dann aus 
dem Manuskript und habe gesagt: „Nein, lieber Alter, das werden wir 
nicht verbrennen." Vielleicht hat es sich um eine aufgegebene Va- 
riante der Kantate gehandelt, die dann noch umgemodelt wurde. 
Beethoven scheint ja lange an dem Werk gebosselt zu haben. Man 
braucht nicht sogleich die ganze Erzahlung zu verwerfen oder mit 
Th.-R. (II, 112) auf den Sanger Joh. Mich. Vogl zu beziehen. „Gustav 
Barth" nennt sich Hofkapellsanger, oder wenigstens nennt ihn L. 
A. Frankl so. Es scheint eine Verwechslung mit dem Sanger Jos. 
Joh. August Barth vorzuliegen. Zu verwerfen ist nur die Ober- 
schrift von der Rettung der ,, Adelaide" durch Barth. Beethoven hat 
gewiB keine fertige, reife Kantatenhandschrift dem Feuer iiberant- 
worten wollen. (Siehe auch : „Bibliotheca Beethoveniana", 2. Auf 1., Jahr 
1858.) Einige Jahre spater sandte Beethoven das schon 1797 ge- 
druckte Werk an den Dichter, der dann in die 1815er Ausgabe seiner 
Gedichte folgende Bemerkung der „ Adelaide" beifugte: „Mehrere Ton- 
kiinstler beseelten diese kleine, lyrische Phantasie durch Musik; keiner 
aber stellte nach meiner innigsten Oberzeugung gegen die Melodie den 
Text in tiefereSchatten, als der genialeLudwig van Beethoven in Wien". 
Das war offenbar als Lob gemeint und wird auch so zu deuten sein. 
1815 wurde die „Adelaide" vor den versammelten Herrschern des 
Wiener Kongresses bei einem groBen Hoffeste durch den Sanger 
F. Wild zu Gehor gebracht. Beethoven begleitete ihn auf dem Klavier 
(Th-R. III. S. 488 ff.). — 

Eine Dichtung in Prosa von Ortlepp kniipft an die „Adelaide" an. 

1* 



Adlersburg — Arzte 



Sie findet sich in Landaus „Poetischem Beethovenalbum", wo auch 
Saphirs Gedicht ,, Adelaide" und eine Xenie von Viktor Hansgirg 
Platz gefunden haben. Diese alle ohne Bedeutung fur die Forschung. 

Als wissenschaftliche Literatur noch zu nennen: M. Friedlander, 
„Das deutsche Lied", 1 1 (1902), S. 404 ff., Nottebohm, „BeethovensStu- 
dien bei Haydn, Albrechtsberger, Salieri' (S. 230), Th.-R. II 2 nach 
Register und die Zitate bei Nottebohm-Mies, ,,Skizzenbucher" (1924). 

Die , ,Adelaide" hat anregend auf viele Romantiker gewirkt, auch 
schon auf Schubert. Als ein spateres Beispiel sei Mendelssohns Lied 
„Bei der Wiege" genannt. (Dazu „Beethovenforschung" IX. Heft, 
S. 21, und ttber Barths Erzahlung ebendort, Heft V, S. 34f. Neuestens 
Frimmel, ,, Beethoven und Schubert" im Marzheft der „Musik" (1925). 
(Siehe auch bei: Matthisson und: Franz Wild). 

Adlersburg, Carl Edler v. (1774 — 1855), Beethovens Rechtsfreund im 
Streit mitMalzel und Lobkowitz. Er unterschrieb sich damalsals„Hof- 
und Gerichtsadvokat, auch k. k. oest. Notar" (Th.-R. 1 1 1, S. 604). Zu jener 
Zeit wohnte er in der MiinzerstraBe 624, spater in der KOlnerhofgasse 
783 (nach Hof- und Staatsschematismus). Adlersburg hatte Bedeutung 
in der juristischen Welt, war schon 1820 Mitglied der rechtswissen- 
schaftlichen Fakultat, 1834 deren Rektor, 1850 Hofrat. Bei Kastner 
(„Beethovens Briefe" S.954, wird er als: Schwabel von Adlersburg ver- 
zeichnet. Der gleichzeitig mit unserem Adlersburg in Wien als Rechts- 
anwalt tatige Dr. Jos. Schwabel von Adlersburg war jedenfalls ein 
Verwandter des Dr. Carl v. Adlersburg. — Ein langer Brief an Adlers- 
burg bei L. Nohl, „Briefe" Nr. 1 13 erstmalig mitgeteilt, ein kleinerer 
_bji Th.-R. Ill, S. 611. 

Arzte. Beethoven war vielen Obeln und Leiden korperlicher Art 
unterworfen und bedurfte oft arztlicher Hilfe. Ja sogar an einen 
Kurpfuscher hat er sich einmal gewandt. Von angesehenen Arzten, 
die Beethoven befragte oder nur personlich kannte, kommen in Frage: 
Bertolini, Braunhofer, Jos. Frank, Hunczowski, Malfatti, J. A. Schmidt, 
Joh. Seibert, Smettana, Staudenheim, Ttirkheim, Vering, Wawruch, F. 
G. Wegeler. Fur die Bonner Zeit wird noch ein Dr. Crevelt genannt. 
Freund Zmeskall empfahl ihn einmal an Pater WeiB, der nicht Be- 
rufsarzt war. Beethoven wechselte oft mit den Arzten, da er leicht 
das Vertrauen verlor. In diesem Sinne schrieb er in der Zeit von 1816 
auf 1817 an die Grafin Erdody (Th.-R. IV, S. 27). Personlich bekannt 
war er auch mit den meisten Arzten, die den Neffen Karl behandelten, 
so mit Hasendhrl und vermutlich vortibergehend mit dem Wundarzt 
G5gl, gewiB jahrelang mit Dr. Smettana, wieder vorubergehend mit 
Dr. Seng, vielleicht auch mit dem Primarius des allgemeinen Kranken- 



AuBere Erscheinung 



hauses Dr. GaBner. (Den wichtigsten unter den Genannten werden im 
Handbuch eigene Abschnitte gewidmet. Siehe auch bei: Krankheiten.) 
AuBere Erscheinung. Ungezahlte Male fragte man sich: Wie sah 
Beethoven aus? Die Antwort, die in vielen Fallen ziemlich ober- 
flachlich ausgefallen ist, stellt sich bei genauer Betrachtung als recht 
verwickelt heraus. — Das AuBere des kleinen Kindes Ludwig van Beet- 
hoven ist nicht uberliefert. Mit dem erhaltenen Taufhaubchen, so 
lieb und ehrwiirdig es auch fur uns sei, ist keine brauchbare Erkenntnis 
gewonnen. Erst aus den spaten Kinderjahren, der fruhen Jttng- 
lingszeit und den spateren Lebensabschnitten gibt es Nachrichten und 
Bildnisse, die uns zu brauchbaren Vorstellungen verhelfen. So haben 
wir die Angaben im Fischerschen Manuskript und den SchattenriB, 
der den ungefahr 16jahrigen Beethoven darstellt (erste Abbildung bei 
Wegeler und Ries in den „Notizen"). Die Silhouette zeigt uns den 
Profilkopf auf wenig langem, eher kurzem Hals. MaBig vorspringendes 
Kinn, rundliche Nase, fliehende Stirn. Das Zopfchen hinten entspricht 
der Entstehungszeit um 1786. Nach der Fischerschen Handschrift 
hatte der angehende Jiingling zumeist „schmutzig" ausgesehen, und 
nur in der Uniform des Hofmusikus erschien er stattlich und sauber. 
Ein seegruner Frack, grune, kurze Beinkleider mit Schnallen, schwarze 
oder weiBe seidene Strumpfe, Schuhe mit schwarzen Schleifen, weiB- 
seidene geblumte Weste mit Klapptaschen. Haar gelockt. Der her- 
kommliche Zopf. Degen mit silberner Koppel an der Seite. Gedrungene 
Gestalt mit breiten Schultern. Etwas gebiickter Gang. Antlitz dunkel. 
Nach Dr. W. C. Miillers Zeugnis war Beethoven als Knabe „kraftig, 
fast plump organisiert von Korper". Das wunde, rote Gesicht wahrend 
der Pockenerkrankung muB nach arztlichen Erfahrungen vorgeStellt 
werden. Denn man hat keine Schilderung der Krankheit zur Ver- 
fugung. Doch erlauben die tiefen Narben im ganzen Gesicht bestimmte 
Ruckschliisse auf eine schwere Erkrankung, die bleibende Entstellung 
zurilcklieB. Das Kinn wurde ganz ungleich in den Halften. Zwischen 
dem unteren Lippenrand und der unteren Begrenzung des Unter- 
kiefers eine tiefe querverlaufende Narbe. Viele kleine Massenverluste 
im ganzen Antlitz verstreut und ober der Nasenwurzel besonders tief 
und auffallend. — Um 1800 beginnt die Reihe der Bildnisse (siehe 
dort), unter denen zunachst eine Gruppe den jungen Meister in Brust- 
bildern darstellt. Gesicht ziemlich voll. Krauses Haar, sehr dunkel. 
Backenbartchen vor dem Ohr. Kleidung der damaligen Wiener Mode 
entsprechend, wogegen nicht lange vorher noch die freie iiberrheinische 
Tracht Beethovens hervorgehoben wurde. 1804 oder 1805 sah ihn 
der junge Grillparzer zum ersten Male, und durch den Dichter ist tiber- 



6 AuSere Erscheinung 



liefert, daB Beethoven damals ,,noch mager" war und „gegen seine 
spatere Gewohnheit" hOchst elegant gekleidet ging. Urn jene Zeit trug 
er Brillen (siehe: Kurzsichtigkeit). Noch immertragt er das Backenbart- 
chen. Das dichte Haar war nicht immer zu bandigen, wie es von den 
Bildnissen abzulesen ist, soweit sie gezeichnet oder gemalt sind. Sehr 
bezeichnend ist die Erinnerung Toni Adambergers aus dem Jahre 
1810, als Beethoven der Klarchenlieder wegen zu ihr kam: „Einege- 
drungene Gestalt mit schwarz-grauem, zottigem Haar stand eines 
Morgens in meiner Tur — es war Beethoven" (nach Lenz). Die pla- 
stischen Hilfsmittel deuten das ungeordnete Haar wenigstens auf der 
Franz Kleinschen Buste an, die audi die Breite des Mundes uber- 
liefert. Die Pockennarben sind nirgends so gut zu studieren, wie an 
der Maske von 1812. In jenen Jahren war Beethoven gewohnlich 
noch ein Bild der Gesundheit und Kraft. Die verschiedenen Kranken- 
geschichten mflgen Ausnahmen andeuten. Spaterhin merkt man uber- 
haupt, daB der Mann nicht jungerwurde, und aus den 1820er Jahren 
erfahrt man durch Berichte und Bildnisse, daB die Lebenskampfe 
schon recht tiefe Spuren im Aussehen hinterlassen haben. Das blii- 
hende Aussehen ist dahin, und man Iiest von einer Gesichtsfarbe, die 
nicht mehr dem Gesundheitsbraun des Naturfreundes und Wanderers 
im Freien entspricht, sondern vielmehr die fortschreitende Leber- 
erkrankung erkennen laBt. (Siehe bei: Rellstab und: Edw. Schulz.) 
Tob. Haslinger schrieb im November 1825 an Hummel, daB Beet- 
hoven nach einer Erkrankung ,,wieder wohl" gewesen, „er altert aber 
recht sehr" (nach der Handschrift). Ahnliches geht aus den ge- 
druckten Nachrichten hervor. War die jugendliche Schlankheit schon 
langst einem volleren Umfang gewichen, so stellte sich wahrend der 
verderblichen Fortdauer der Leberkrankheit schlieBlich wiederholt 
eine Aufgetriebenheit des Unterleibes ein von solcher Lastigkeit, daB 
nur Punktionen eine vortibergehende Erleichterung brachten. Der 
iibrige Korper war abgemagert, das Antlitz abgeharmt, die Haare 
ergraut und nicht mehr vollzahlig. Uber Beethovens braune Augen 
geben uns mehrere Gemalde AufschluB. Die buschigen Brauen ver- 
liefen in maBigem Bogen. 

(Die erwahnte Frage: Wie sah Beethoven aus? lag jederzeit seit 
dem Aufbliihen Beethovenschen Ruhmes sehr nahe und wurde als 
Oberschrift an die Spitze vieler kleiner Aufsatze gestellt. Einige davon 
stehen in der „BibliothecaBeethoveniana" beim Jahr 1920 verzeichnet. 
Es gab aber schon langst Schilderungen seiner Person und Ober- 
sichten fiber die Bildnisse. Die erste Zusammenstellung geschah durch 
Aloys Fuchs, der sie schon 1839 in Castellis ,,Allgemeinem musikalischen 



Ah perfido spergiuro 



Anzeiger" veroffentlichte und bald danach erganzte. Dann folgten 
viele kleine einzelne Veroffentlichungen, Feuilletons und Studien 
ernster Art. 1888 wurde der Stoff, soweit er damals bekannt war, zu- 
sammengefaBt in meinem Buche „Neue Beethoveniana". Fr. Kleins 
Biiste wurde damals zuerst mitgeteilt. Reichlich erweitert und mit 
vielen Abbildungen versehen war dann diese Zusammenfassung 
aufgenommen worden in meine „Beethovenstudien" Bd. I, „Beet- 
hovens auBere Erscheinung", 1905 [entstellt, nebenbei bemerkt, durch 
die Kinderkrankheiten des Georg Miillerschen Verlages. Das Register 
ist nicht von mir gearbeitet]. Neue Funde verschiedener Art ver- 
anlaBten einen neuerlichen Durchschnitt durch die ganze Bildnisfrage, 
der von der Verlagshandlung Karl Konig in dem Buch: „Beethoven 
im zeitgenOssischen Bildnis" geboten wurde [Wien 1923]. Eine lange 
Reihe von Quellenschriften zur Frage der auBeren Erscheinung ist 
in den genannten Biichern benutzt und genannt. Sie konnen an 
dieser Stelle nicht alle wiederholt werden.) 

„Ah perfido spergiuro", Anfang des Textes einer Arie von Beet- 
hoven aus dem Jahre 1796. Auf dem Umschlag einer Abschrift, 
die Beethoven durchgesehen hat (ehedem im Besitz von Al. Fuchs), 
stand: „Une grande Szene mise en musique par L. v. Beethoven 
a Prague 1796". Diese Fassung scheint fiir die Sangerin Duschek 
geschrieben zu sein. Obrigens war die Arie ursprUnglich, wie es 
bei den Skizzen steht, der Komtesse de Clary zugedacht (nach 
Nottebohm, „2. Beethoveniana", und Th.-R. II, S. llf). Zur Zeit- 
bestimmung sei bemerkt, daB von 1797 an die Komtesse de Clary 
schon Grafin Clam-Gallas war. — Die Arie „Ah perfido" erschien 
erst 1805 als Op. 65. — Bei einer Auffuhrung der Arie in der 
groBen, (Iberlangen Beethovenschen Akademie vom 22. Dezember 
1808 hatte Beethoven fortgesetztes Pech. Die Milder war als 
Solistin gewonnen gewesen. Da gab es zwischen ihrem Verehrer 
Herrn Hauptmann und Beethoven einen Streit mit einer Ver- 
balinjurie, und Hauptmann untersagte das Auftreten der Milder. 
Madame Campi wird nun gebeten, aber sie geht nicht, da man sich 
zuerst an die Milder gewendet hatte. Man kam nun durch Schuppanzigh 
auf die junge BOhmin J. Schulz-Killitschgy, die Schwagerin Schuppan- 
zighs, die aber im eiskalten Saal mehr zitterte als sang und die Auf- 
fuhrung verdarb (nach ROckels Bericht und Reichardts Brief bei 
Th.-R. Ill, S. 81 und 83). 

Guten Vorftthrungen sowie den Noten kann man entnehmen, daB 
die Arie voll Feuer, etwas italisierend ist. Salieris EinfluB ware denk- 
bar. Sie wird noch heute aufgefiihrt. 



8 Akademie — Albrechtsberger 

Akadetnle von 1824. Beethoven gab wiederholt „Akademien", in 
denen Werke von ihm aufgefiihrt wurden. Die beruhmteste darunter 
ist die vom 7. Mai 1824 im Karntnertor-Theater mit der ersten Auf- 
fiihrung der IX. Symphonie und der teilweisen VorfUhrung der Messe. 
Beethoven, zwar schon hochst schwerhOrig, fast taub, leitete die Auf- 
fiihrung selbst unter Beihilfe anderer, horte aber nicht einmal den 
Beifallssturm, der nach jedem Satz entfesselt wurde, bis Caroline 
Unger, die eine Solistin, den guten Gedanken hatte, den Meister um- 
zukehren, damit er die Bewegung im Publikum wenigstens sehe. 
„Dies war das Signal zum Losbrechen eines kaum erhorten, lange nicht 
enden wollenden Jubels" (Schindler). Kanne (in: „Wiener allgemeine 
musikalischeZeitung" 16. Juni 1824) sagt amSchluB seines eingehenden 
Konzertberichtes: „Der bertihmte Beethoven kann diesen Tag als 
einen der schOnsten in seinem Leben betrachten, denn der Enthusias- 
mus der Zuhorer erreichte nach jedem Tonstiick von seiner Meister- 
hand den hochsten denkbaren Grad". (Th.-R. V. Bd. und die angege- 
benen Quellen. Frimmel, „Beethoven", 6. Aufl., S. 71 f. und 97.) Ehemals 
konnte man bei alten Musikfreunden noch manche Erinnerung er- 
fragen, die mit dem ubereinstimmt, was Schindler berichtet hat. 
Auch Dominik Artaria hat das Konzert mitgemacht und davon in 
der Familie oft erzahlt. — Wenige Tage nach der ersten Auffiihrung 
der IX. zeichnete Decker Beethovens Brustbild auf Stein, und Ab- 
ztige dieses Bildes wurden der ,, Wiener allgemeinen musikalischen Zei- 
tung" vom 5. Juni 1824 beigelegt. Der Text dazu bringt die Zeit- 
angabe (siehe auch: Ah perfido und: Bildnisse). 

Eine andere Akademie, die fur Beethoven von besonderer Wichtig- 
keit war, hatte am 22. Dezember 1808 im Theater an der Wien statt- 
gefunden. Es war die mit der Erstauffuhrung der V. und VI. Sym- 
phonie und der Chorfantasie, bemerkenswert auch dadurch, daB 
Beethoven in jener tibergroBen Akademie seine Laufbahn als Konzert- 
spieler im Virtuosenstil abgeschlossen hat. 
(Siehe auch bei: Wiener KongreB, Chorfantasie und Symphonien.) 
Albrechtsberger, Johann Georg (geb. 1736 zu Klosterneuburg, 
gest. 1809 in Wien), bertihmter Theoretiker, der in alien Nachschlage- 
biichern behandelt wird. Albrechtsberger war ungefahr ein Jahr lang, 
vom Janner 1794 bis ins Jahr 1795 hinein, Lehrer Beethovens in der 
Theorie, als Haydn, der fruher Beethoven unterrichtet hatte, nach 
London abgereist war. Freundschaftliche Beziehungen zwischen Beet- 
hoven und Albrechtsberger dauerten iiber den Zeitraum des Unter- 
richtes hinaus, wie das aus drei Briefen Albrechtsbergers an Beethoven 
aus den Jahren 1796 und 1797 hervorgeht. Sie sind in „Musica divina" 



Aktien — Alexander I. 9 



vom Friihling 1921 veroffentlicht und befinden sich im Besitz des Hofrats 
Prof. Dr. Adler in Wien. Dolezalek gibt von einer abfalligen Bemerkung 
Albrechtsbergers iiber Beethoven Kunde. Ahnlich auch C. F. Hirsch. 

Was als Studien Beethovens im GeneralbaB durch Seyfried ver- 
offentlicht worden ist, stammt, nebenbei bemerkt, nicht alles aus jener 
Zeit des Unterrichts bei Albrechtsberger, sondern aus der Periode, als 
Beethoven den Erzherzog Rudolf in die Musiktheorie einfuhrte. Notte- 
bohm hat dies nachgewiesen (die Literatur dazu ausgenutzt bei Frimmel, 
„Beethovenstudien" Bd. II. Ober die Beziehungen Beethovens zu 
Albrechtsberger vgl. hauptsachlich G. Nottebohm, „Beethovens Stu- 
dien. — Beethovens Unterricht bei J. Haydn, Albrechtsberger und 
Salieri" (1873) und Th.-R. I, S.359f. — Zu Albrechtsberger selbst von 
Wichtigkeit das „Thematische Verzeichnis der Kirchenkompositionen 
von Joh. G. Albrechtsberger" im Jahrbuch des Stiftes Klosterneuburg, 
Bd. VI (1914), C. v. Wurzbach, „Biographisches Lexikon", SchOn- 
felds „Jahrbuch der Tonkunst" 1796 und „Bibliotheca Beethoven- 
iana" (neue Auflage), 1796 und 1803. 

Bildnisse Albrechtsbergers u. a. in der Folioausgabe des P. Bekker- 
schen „Beethoven" und in meinem „Beethoven", 6. Aufl. S.24. — Ein 
Olgemalde von unbekannter Hand im Besitz der Gesellschaft der 
Musikfreunde zu Wien. 

Aktien (siehe: Vermogensverhaltnisse). 

Alexander I., Kaiser von RuBland (geb. 1777, gest. 1825). Als er 
beim KongreB in Wien war, dort fiel ihm ja ein gewichtiger Teil der 
Verhandlungen zu, wurde ihm Beethoven durch den Fursten Rasu- 
mowsky in den Gemachern des Erzherzogs Rudolf vorgestellt. (Siehe 
auch bei: Alexiewna.) Schon 1803 waren ihm die geistspriihen- 
den drei Violinsonaten Op. 30 gewidmet worden, und an diese er- 
innerte sich der Kaiser noch gegen 1825, wie es durch Prof. Wilhelm 
Wurfel uberliefert ist. Dieser sprach in Warschau mit Alexander 
davon, und Wurfel, als er in Wien war, berichtete an Haslinger 
dartlber (vgl. Th.-R. V, S. 240ff. und 553, wo auch der Brief Beet- 
hovens an Kaiser Alexander mitgeteilt ist). Beethovens Messe ge- 
langte in Abschrift an den russischen Hof und wurde von diesem 
honoriert. Kerst II, S. 316: In einem Gesprachsheft von 1820 schrieb 
jemand: „Das Geld fur Ihre Messe vom russischen Kaiser ist hier". 
(Zur Anwesenheit Alexanders in Wien vgl. Wassiltschikoff, „Die Razu- 
mowskys", De la Garde, Lulu Thtirheim, Egloffstein, Fr. Freksa und noch 
neuere Literatur fiber den Wiener KongreB, sowie als alteste gedruckte 
Quellen die „Wiener Zeitung" und das offizielle Buch: „Acte du 
Congres de Vienne" [1815].) 



10 Alexiewna — Amenda 



Portrats in alien groBen Bildnissammlungen. Eines aus derZeit des 
Kongresses abgebildet bei Otto Erich Deutsch, „Franz Schubert, dieDo- 
kumente seines Lebens" (1913). EinAquarell von Karl Agricola aus dem 
Jahre 1814 stellt den Kaiser Alexander und dessen Gemahlin Alexiewna 
dar. Es war in der Wiener Beethovenausstellung von 1920 zu sehen. 

Alexiewna, Elisabeth (Luise Marie), Kaiserin von RuBland, geborene 
badische Prinzessin, 1793 mit dem GroBfiirsten Alexander Paulo- 
witsch vermahlt, der 1801 Kaiser von RuBland wurde. Wahrend des 
Wiener Kongresses vermittelte es Erzherzog Rudolf, daB Beethoven 
der russischen Kaiserin vorgestellt wurde (1814). Sie lieB ihm ,,ein 
groBmiltiges Geschenk" (200 Dukaten) zukommen (nach dem Brief 
an Dr. Kanka vom 14. Januar 1815). Weitere Geldgeschenke erfolgten 
nach der Widmung der Polonaise Op. 89, und etwa 1816 folgte ein 
wertvoller Ring, wohl im Zusammenhang mit der Widmung des 
Klavierauszuges aus der 7. Symphonie. Dem Zeitpunkt nach unbe- 
stimmt ist ein Brief der Kaiserin an Beethoven in der Angelegenheit 
eines auszuwahlenden Wiener Pianofortes. 1826 sprach Beethoven noch 
mit groBer Running von jenem ,,freundlichenSchreiben". So berichtete 
als Ohrenzeuge Dr. Spikeram 27. April 1827 in den,,Berlinischen Nach- 
richten", Nr.96. (Dazu Kerst II, S. 161. Zu den iibrigen Mitteilungen 
Nottebohms „2. Beethoveniana", S. 311, wo auf die „Friedensblatter" 
vom 24. Dezember 1814hingewiesenist. Das Geschenk der Kaiserin wird 
bestimmt mit 200 Dukaten angegeben. Ferner Th.-R. Ill, S. 465— 487, 
und Kalischer im ,, Berliner Lokalanzeiger" vom 7. August 1894, Beibl., 
und derselbe in dem Buch „Beethovens Frauenkreis" II, S. 94ff.) — 
Kerst I, S. 180 bringt aus Schindlers NachlaB eine Mitteilung bei 
ilber das Geschenk von 200 Dukaten. 

Amadee, Baron (siehe bei: Marschner und: PreBburg). 

Amenda, Karl (geb. 1771 zu Lippaiken in Kurland, gest. Marz 1836 
in Kurland). Kam 1798 mit dem Gitarristen Mylich nach Wien, 
wo er zunachst Vorleser beim Fiirsten Lobkowitz wurde, als Violin- 
spieler mit Beethoven in Berilhrung kam und bald dessen auf- 
richtige Freundschaft erwarb. Diese war dauernd, und Amenda 
war einer der ersten, denen Beethoven von seinem beginnenden be- 
unruhigenden Gehorleiden Mitteilung machte. 1799 kehrte Amenda 
nach Kurland zuriick. Beethoven machte ihm am 25'. Juni jenes 
Jahres die erste Fassung des F-Dur-Streichquartetts aus Op. 18 zum 
Geschenk. In Kurland war Amenda zunachst Privatlehrer, dann 1802 
Prediger in Talsen, 1820 Propst der Kaudauschen Diozese, 1830 
Konsistorialrat. In Jena hatte erTheologie studiert. Amenda war allge- 
mein als gemutvoller Menschenf reund von gewinnendem Wesen bekannt. 



Anders — Anlehnungen, Anklange an altere Meister 11 

Nohl und Thayer sind dem Lebensweg des Freundes Amenda nach- 
gegangen. Nohl schrieb daruber in der Wiener Zeitschrift ,,Neue 
iliustrierte Zeitung" von 1880, Nr. 13, S. 198ff., Thayer in seinem 
,, Beethoven". Zusammenfassend Th.-R. Bd. II. Wohl zu beachten auch 
L. Nohl, „Beethoven, Liszt und Wagner", S. 89ff., uberdies „Die 
Musik" Bd. Ill, Heft 12, S. 418ff. mit Bildnis aus dem Jahre 1798. 
Bursy wurde durch Amenda an Beethoven empfohlen. Zur ersten 
Fassung des F-Dur-Quartetts vgl. „Die Musik", 1904, 2. Marzheft, und 
jetzt in erster Linie Wedig, „Beethovens Streichquartett Op. 18, Nr. 1 
und seine erste Fassung" (herausgegeben vom Verein Beethovenhaus 
1922. Die ganze erste Fassung, soweit erhalten, ist mitgeteilt und die 
Widmung an Amenda im Faksimile abgebildet). Zu Bildnissen Amen- 
das siehe die Festschrift des Beethovenhauses in Bonn von 1904, 
S. 64. Das Brustbild des schon feist gewordenen Predigers Amenda im 
Beethovenhaus zu Bonn abgebildet bei Pfohl, „Beethoven" (1922), S. 29. 

Anders, Hofrat von Einf luB an der Wiener Hauptmaut. Gehorte um 18 1 8 
zu Beethovens Bekannten. Seine ,,schone Tochter" war ,,musikalisch". 
Anders wird erwahnt in einem Brief Beethovens an Frau Nanette 
Streicher und zwar in der Angelegenheit der Klaviersendung aus London. 

An die feme Gellebte (siehe bei: Lieder). 

An die Hoffnung (siehe bei: Lieder). 

An Laura, friih fallendes Lied aus der Bonner Zeit, das dann erst 
nach Beethovens Tod den Bagatellen Op. 119 als Nr. 12 angereiht 
wurde (durch Diabelli). Georg Kinsky hat die Handschrift des Liedes 
entdeckt und in LeBmanns„AllgemeinerMusikzeitung" vom 10. Januar 
1913 eingehend besprochen (siehe auch: Bagatellen). 

Anlehnungen, Anklange an altere Meisfer. Dafi jeder Ktinstler, und 
ware es auch der eigenartigste, irgendwie mit kunstlerischen Vor- 
fahren zusammenhangt, ebenso wie in rein menschlichem Sinn mit 
Vater und Mutter, den GroBeltern, ja der ganzen Familie weiter 
zurtick, ist ftir jeden Naturforscher und Denker klar genug. Und 
dennoch muB es von neuem immer wieder ausgesprochen werden. Denn 
es gibt noch heute Richtungen der Psychologie, die das Talent, das 
Genie unmittelbar aus dem Kunstlerhaupt hervorgehen lassen. Ich 
halte solche Richtungen fur ungerechtfertigt, fur unvereinbar mit 
aller Erfahrung, und sehe in Beethoven ebenso wie in anderen Mu- 
sikern das ursprungliche Talent, das Genie, sich an dem emporarbeiten, 
was die Vorganger schon geleistet hatten. 

Beethoven hat doch die Formen des Liedes, der Sonate (ob nun 
fur die Hausmusik Oder fur die Symphonie oder sonstige instrumen- 
tal Konzertmusik anderer Art) von alteren Meistern iibernommen 



12 Anlehnungen, Anklange an altere Meister. 

und nur in manchen Fallen reicher ausgebaut. Der gewohnliche 
Allegrosatz mit kurzer oder auch langerer Durchfiihrung, Reprise 
(genau oder variiert), das Adagio, der Menuetto mit Trio, ja sogar die 
Gestaltung des Scherzo, das Finale, einschlieBlich der Rondoform 
waren alle schon bereit, als Beethoven zu schaffen begann. Doch 
darum handelt es sich nicht so sehr, als um einzelne entweder ent- 
lehnte oder neue Gedanken, herkbmmliche oder eigenartige Gestal- 
tungen, Erfindungen, um dramatischen oder lyrischen Ausdruck von 
besonderer Eindringlichkeit, um fesselnde thematische Arbeit. Aber 
auch auf diesen Gebieten ist stellenweise der EinfluB der Vorganger 
in Beethovens Werken recht deutlich zu erkennen. 

VH and el Jin seiner GroBartigkeit und unerschopf lichen Variations- 
kunstrmuB dem jungen Bonner Musikus beizeiten bekannt geworden 
sein. Als eine Art Vorbild scheint der altere Meister ihm zeitlebens 
vorgeschwebt zu haben. 1797 variierte Beethoven einen Chor der 
Jiinglinge und Jungfrauen, ein vornehmes Stuck getragener Art aus 
Handels Oratorium: „ Judas Maccabaus" (jetzt Ausgabe der deutschen 
Handelgesellschaft, S. 145ff.) mit Iiebevollem Verstandnis. Ein noch 
viel mehr einleuchtender Zusammenhang ergibt sich aus Beethovens 
Klaviersonate Op. 90 (in den Takten lOff.) mit Handels Menuett aus 
F-Dur fiir Klavier (aus 7 pieces, Takt 9ff.). In der Literatur iiber 
Beethovens groBe Messe ist wiederholt auf einen deutlichen Zusammen- 
hang mit Handel hingewiesen worden. Das unermiidliche Variieren in 
Beethovens Op. 120 (33 Variationen iiber einen Walzer von Diabelli) 
und die vielen Veranderungen anderer Art, so auch die iiber. das BaB- 
thema aus,, Prometheus", hangt doch wohlauch miteinerNacheiferung 
Handelscher Veranderungsreihen zusammen. 

Die ausdauernde Verehrung Handels, den Beethoven seinen ,,GroB- 
meister" nannte und neben Mozart am hochsten hielt, kommt noch in 
der groBen Freude zum Ausdruck, die Beethoven bekundete, als er 
wahrend der Todeskrankheit die englische Prachtausgabe der Werke 
des alten Meisters zum Geschenk erhielt und durchblatterte (Breuning, 
„Aus dem Schwarzspanierhause", S. 94ff., Th.-R. V, S. 126, 326, 328, 
341, 424, 437, 445, 469, 478 und B.d..-1-Jy nach Register). 

Begreiflicherweise hat J oh. Sebast. Bach tiefe Spuren im jungen 
Beethoven zuruckgelassenrlTnrDuettRdccorhnd Leonorens des 2. Aktes 
im „Fidelio" klingt ziemlich deutlich die H-Moll- Invention (eine alte Sin- 
fonia) des alten Bach an, die der junge Klavierspieler sicher getibt 
hat. Auch Bachs Partiten konnen ihm nicht fremd geblieben sein. 
Die VI. Partita hat mit Takt 13 und 14 gewiB auf die analog gestal- 
teten Stellen in Beethovens Klaviersonate Op. 10 Nr. 1 (Adagio molto) 



Anlehnungen, Anklange an altere Meister 13 

abgefarbt. Die Bachsche III. englische Suite dtirfte mit den Takten 
49 — 61 des ersten Satzes bei Beethoven gewiB einen Nachklang ge- 
fundenhaben, und zwar im sogenannten Perpetuum mobile der Klavier- 
sonate Op. 54 in den zwolf Takten des zweiten Teiies nach dem For- 
tissimo vom Espressivo angefangen. Die Bachsche Fugenkunst wirkt 
noch nach in den groBen Quartettfugen besonders in Op. 59, Nr. 3, 
in Op. 133 und in den letzten Klaviersonaten. DaB Beethoven Bachs 
„Wohltemperiertes Klavier" nahezu ganz auswendig wuBte, ist aus 
dem Kreise van Swietens beglaubigt, und es kann nicht tiberraschen, 
Anklange an des alten Bachs Fis-Dur-Fuge aus dem I.Teil des „Wohl- 
temperierten Klaviers" in Beethovens Fis-Dur-Sonate fur Klavier fest- 
stellen zu konnen. Auch die Fis-Dur-Fuge aus dem II. Teil der Bach- 
schen Sammlung hat ein wenig bei Beethoven abgefarbt. (Dazu 
H. Riemann, ..Analyse von Beethovens Klaviersonaten" III, S. 365.) 
Nicht zu iibersehen ist die Wiederkehr des Triolenthemas aus Bachs 
Violinsonate in A-Moll im Beethovenschen Septett (Variationssatz, 
Minore) und etwas verlangsamt im Streichquartett Op. 59, Nr. 3. 
(Hierzu ,,Osterr. Rundschau", Wien, 1. August 1920.) Man schlage 
sich ferner J. S. Bachs Concert dans le stil italien auf und beachte die 
vornehme Kantilene des ersten Satzes. Ein ganz nahe verwandter 
Gedanke tritt dann bei Beethoven auf im letzten Satz seiner Jugend- 
symphonie, Takt 76ff. und die Parallelstelle. Woher wird's denn 
Beethoven sonst genommen haben, als vom alten Bach (vgl. Frimmel, 
„Beethovenforschung", Heft III, vom Marz 1912). Weniger sicher ist 
dann die immerhin wahrscheinliche Herkunft vom alten Bach bei 
vier Beethovenschen Takten der Waldmadchenvariationen (1797, ohne 
Opuszahl) in der ersten Veranderung, Teil 1 1, Takte I ff . Zunachst denkt 
man wohl an Joh. Seb. Bachs A-Moll-Praludium aus dem zweiten Teil des 
„Wohltemperierten Klaviers", mit dem der junge Beethoven so gut ver- 
traut war. Beethoven kann die altertiimliche Formel auch anderswoher 
genommen haben, denn sie kommt auch bei den Sohnen Bach vor, z. B. 
in der F-Dur-Fuge von Joh. Ernst Bach (aus Fantasie und Fuge). 

Den Vorhalt der Oktave am Schlusse in der Oberstimme ohne 
harmonische Begleitung im langsamen Satz (Andante con moto) des 
G-Dur-Klavierkonzerts konnte Beethoven einer J. Seb. Bachschen An- 
regung verdanken, und zwar dem Dis-Moli-Praludium aus dem II. Teil 
des ,,Wohltemperierten Klaviers". Doch ist diese SchluBformel auch 
bei Haydn zu finden. Mit Harmonisierung ist die Formel in der 
Mozart-Haydn-Periode ganz gewohnlich. (Vgl. „Neue Musikzeitung", 
16. Dezember 1920, 42. Jahrg., Heft 6.) Auf andere Zusammen- 
hange mit dem alten Bach ist auch hingewiesen bei Nottebohm in 



14 Anlehnungen, Anldange an altere Meister 

„Beethoveniana" und bei L. Schiedermair, „Der junge Beethoven" 
(S. 355). 

/ Wie den alten Bach, so hat Neefe auch einen der jungeren, und zwar 
\C. Ph. Emanuel Bach, de\n angehenden Meister zuganglich gemacht. 
Noirhr-1 810- -maehtersich Beethoven Ausziige aus C. Ph. Em. Bachs 
theoretlschem Werk (vgl. Th.-R. Ill, S. 141 f. und 151, und Nottebohm, 
,,Studien Beethovens im GeneralbaB"). — In einem Briefe Beethovens 
an Breitkopf & Hartel vom 28. Januar 1812 heiBt es dann: „Die C. 
P. Emanuel Bachs Sachen konnen sie mir wohl einmal schenken, sie 
vermodern ihnen doch." — Musikalische Faden, die vom ,, Hamburger" 
Bach zu Beethoven heraufreichen, sind mehrfach zu erkennen, z. B. 
im Hauptgedanken des Scherzos in Beethovens Streichquartett Op. 18 
Nr. 1, und zwar klingt dort die Bachsche Xenophone (von 1761 und 
1763, Wotquenne S. 48) deutlichst an. Auf die uberzeugende Ahn- 
lichkeit des Kopfthemas in Beethovens Op. 49 Nr. 1 mit C.Ph.Em. Bachs 
erster Sonate far Kenner und Liebhaber (2. Satz, Allegretto) machte 
mich Frl. Berta v. Sagburg aufmerksam. Derselben wohlbelesenen 
Musikerin verdanke ich den nachfolgenden Hinweis auf Sa echini. 
Von den alten Opernauffiihrungen im Bonner Kurfurstlichen Hof- 
theater muB dem jungen Beethoven manches im UnterbewuBtsein 
zuruckgeblieben sein. Dem Sohn des Sangers Joh. v. Beethoven 
konnten doch die Auffuhrungen nicht unzuganglich sein, und iiberdies 
saB er ja seit 1789 als Bratschist im Orchester. Um jene Zeit diirfte 
er auch Sacchinis „Dardanus" irgendwie kennen gelernt haben. 
(Zuerst aufgefiihrt 18. September 1784 zu Trianon, sicher bald nach- 
her in Bonn bekannt.) Im 2. Akt S. 89 der Originalpartitur ein An- 
dante maestoso non presto". Dort erscheinen die Schleifer und nach- 
folgenden abgestoBenen Noten wie spater im Hauptthema der Beet- 
hovenschen Klaviersonate Op. Ill (vgl. „Beethovenjahrbuch" Bd. I). 

Von Zusammenhangen mit Dittersdorf, Gretry und Friede- 
mann Bach ist unter Angabe der Quellen hingewiesen in meinem 
„ Beethoven" (Berlin, Schlesische Buchhandlung, 1921, 6. Aufl.). — Ein 
Gretrysches Thema wurde von Beethoven variiert. Neuestens hat 
A. Sandberger beweisende Stellen beigebracht (,,Beethovenaufsatze"). 
Vgl. auch Schiedermair, „Der junge Beethoven". 

Auf die musikalischen Verbindungsfaden zu Chr. Go ttl. Neefe 
habe ich schon im Juli 1889 hingewiesen, und zwar in der „Wiener 
illustrierten Zeitung" unter Beigabe von Notenbeispielen, desgleichen 
in meinem „Beethoven" (6. Aufl., S. 12ff.). 

Die Spuren Haydns in der Musik Beethovens fallen nicht selten 
auf, auch wenn man nicht alles anerkennen darf, was als Oberein- 



Anlehnungen, Anklange an altere Meister 15 

stimmung gelegentlich ausgegeben worden ist. Wer aber wollte 
leugnen, daB z. B. die spaten Klaviersonaten Haydns voller Stellen 
sind, an die Beethoven anklingen? Der KuckucksschluB der Wald- 
steinsonate ist schon vorbereitet im AbschluB des ersten Satzes in 
Haydns C-Dur-Klaviersonate von 1782 („Erste kritische Gesamt- 
ausgabe", Leipzig, Breitkopf & Hartel Nr. 35, Lebert Nr. 2). — Das f rische 
Allegro di molto als AbschluB der zweisatzigen B-Dur-Sonate Haydns 
hat schon ganz den burschikosen Charakter des Finales der ,,Prome- 
theus"-Musik und des der „Eroica" und dementsprechend auch der Va- 
riationen Op. 35 Uber das „Prometheus"-Thema und der Kontretanze. -^ 
Die Haydnsche Es-Dur-Sonate (Breitkopf & Hartel Nr. 49) von 1790 ist 
im ersten Satz: Andante cantabile eine Art Vorbild fur das Adagio in 
Beethovens Op. 2 Nr. 1 geworden . In derselben Sonate von Haydn noch 
andere Stellen, von denen man annehmen mochte, daB sie dem Kompo- 
nisten derC-Moll-Symphonie, der Rezitativsonate und der As-Dur-Sonate 
nicht fremd geblieben sind. — Eine andere Es-Dur-Sonate Haydns 
(Breitkopf & Hartel Nr. 38, Lebert 15) hat ein Adagio (es ist tibrigens 
keines von den langsamen in modernerem Sinn), das fur Beethovens 
C-Moll-Klaviersonate Op. 10 Nr. 1 vorbildlich wurde im Hauptthema. — 
Auch Haydns As-Dur-Sonate (Breitkopf & Hartel Nr. 46, Lebert 
Nr. 16) enthalt Stellen, die auf Beethovens Op. 10 Nr. 1 und Op. 31 
Nr. 3 eingewirkt haben. — Haydns F-Dur-Sonate (Breitkopf & Hartel 
Nr. 23) von 1773 bringt in den Abschliissen des Presto schon Griffe, 
welche ahnliches in der Sonate pathStique vorbereiten. Anderes weist 
dann auch auf Op. 49. — Beethovens Larghetto aus der II. Symphonie 
ist dann stellenweise durch Haydn beeinfluBt, und zwar durch die 
erwahnte As-Dur-Sonate (Nr. 46) in den Takten 22 — 24 und iiber- 
dies durch Haydns groBe Es-Dur-Sonate von 1798 in der Gegen- 
bewegung der Terzengange. Ahnliches war auch in Haydns Oxford- 
syfnphonie (Breitkopf & Hartel Nr. 9) von 1788 vorgebildet im ersten 
Allegro II. Teil. Durchfuhrung Takt 7 und die folgenden. — Haydns 
Cis-Moll-Sonate bietet weitere Ankntipfungspunkte. — Aus Haydns 
groBem Es-Dur-Streichquartett Op. 64 wirkte der rhjfthmische Scherz 
am SchluB des Menuetts nach im AbschluB von Beethovens Bagatelle 
Op. 33 Nr.7. Ferner hat sicher Haydns Finale aus dem D-Dur-Streich- 
quartett Nr. 5 anregend gewirkt, als Beethoven das Finale aus F-Dur zur 
Brown-Sonate schrieb (Op. 10, Nr. 2). Der Anfang der Beethovenschen 
Klaviersonate Op. 81 a („Les Adieux") erinnert durchaus in Harmonie 
und Rhythmus an den Anfang des Adagio sostenuto im groBen G-Dur- 
Streichquartett von Haydn (Op. 76). — Auf die Ahnlichkeit des Bene- 
dicts in Beethovens Missa solemnis mit einer Stelle in Haydns Es-Dur- 



16 Anlehnungen, Anklange an altere Meister 

Sonatefiir Klavier(Nr.52, Lebert 17) sei noch hingewiesen. An Haydns 
Streichquartett Op. 17 Nr. 1 moge uberdies erinnert werden. Siehe 
auch bei: Quartette, Op. 18, Nr. 4, und: Variationen, Op. 35. — 

Mit den Spuren Haydns bei Beethoven beschaftigte sich auch Shed- 
lock im Buch: „The Pianoforte Sonata" (1895, S. 167; deutsche Uber- 
setzung 1897). Siehe auch Leopold Schmidt, ,,Jos. Haydn", S. 93, 
ferner Dr. Fritz Stein in der Zeitschrift „Die Musik", Januar 1912, 
und H. Jalowetz, „Beethovens Jugendwerke in ihren melodischen 
Beziehungen zu Mozart, Haydn und C. Ph. E. Bach" in den Sammel- 
banden der Internationalen Musikgesellschaft JahrXII, S.417ff., Uber- 
dies Karl Nef in denselben Sammelbanden Jahr XIII, Heft 2. Ober- 
dies verstreute Stellen in anderen Schriften. 

(Siehe iiber das personliche Verhaltnis zum alteren Meister auch 
den Abschnitt: Haydn.) 

Die meist auffallenden Spuren vorgangerischer Musik ruhren aber von 
Mozart her. Dies ist vielfach besprochen worden. (Vgl. die Werke von 
Lenz, Elterlein, A.B. Marx, Thayer-Riemann, Wasielewsky und die Arbei- 
ten von Jalowetz, G.Adler, Hans Gal, W.Altmann und einigen anderen.) 

(Vgl. G. Adler in: „Vierteljahrsschrift filr Musikwissenschaft" IV 
[1888], „DieMusik" I [1902, Heft 12], dann: „Studien zur Musikwissen- 
schaft" Heft IV [1916], auch Frimmel, „Beethoven", 6. Aufl.) — 

Eine auch nur annahernd vollstandige Aufzahlung der Zusammen- 
hange mit Mozart fehlt noch. 

Fur die Zwecke des Handbuchs geniigen wohl einige Hinweise. 
So sei z. B. auf die Mozartsche D-Dur-Symphonie (Kochel 504, im 
Janner 1787 zu Prag aufgeftihrt und bald in der ganzen musikalischen 
Welt verbreitet) verwiesen, die auf Beethoven und, nebstbei bemerkt, 
auch auf Franz Schubert sehr merklich eingewirkt hat. Im Mozart- 
schen Andantino dieser Symphonie steckt doch (Takt 6 und 7) die 
Anregung zu „Fidelio" 2. Akt mit Florestans: „In meines Lebens Friih- 
lingstagen" und zu den entsprechenden Stellen der „Leonoren"-Ouver- 
tttren, so zu den Takten 9—13 in der Ouvertiire Op. 72 und in Op. 138 
im weiteren Verlauf der Ouvertiire. Diese ruhigen Takte sind ganz 
in demselben sinnenden Charakter gehalten wie die an- 
gedeutete Stelle in Mozarts Andantino. — Das Hauptthema der Eroica 
ist stark beeinfluBt durch Mozarts Symphonie in Es. Allegro, 3 / 4 -Takt, 
Es-Dur, Takt 29ff. In Mozarts Ouvertiire zu „La villanella rapita" 
entsprechen im Andante Takt 24 und 25 einer Stelle in Beethovens 
VIII. Symphonie, l.Satz. Seitensatz, Gesangsgruppe Takt 5 und 6. 
— In Mozarts Violinsonate mit der Fuge (Kochel Nr. 402 von 1782) 
Hegt das Vorbild fur den letzten Satz des Streichquartetts von Beet- 



Anschiitz 17 



hoven Op. 18 Nr. 3 uberaus klar zutage. Nicht weniger fallt ins Ohr 
die starke Ausnutzung Mozarts im SchluBallegro des Beethovenschen 
Streichquartetts Op. 18 Nr. 5. Sogleich das Kopfmotiv weist auf 
Stellen in Mozarts Fuge der Klavier-Violinsonate aus A-Dur hin. 
Beethoven hatte wohl die schwierige Mozartsche Fuge tUchtig geubt, 
da sie ungewOhnlich unbequem zu spielen ist. Mozartspuren reichen 
noch bis in Beethovens Streichquartett Op. 74. — Mozarts Klavier- 
konzert aus B-Dur war mit dem Andante in Es vorbildlich fur Beet- 
hovens Op. 26. — Uber diesen Zusammenhang und iiber die musi- 
kalischen Faden, die sich von Mozarts Fantasie und Sonata in C-Moll 
zu Beethovens „Path6tique" ausspannen liber die Anklange in Beet- 
hovens As-Dur-Sonate Op. 26 und iiber viele andere Mozartspuren 
habe ich langst geschrieben. Ganze Reihen von Anklangen an Mozart 
sind aus den Klaviersonaten des alteren Meisters in vielen Werken 
Beethovens nachzuweisen. Von Bedeutung ist es, daB Beethoven aus 
Mozarts „Don Juan" das Thema „La ci darem la mano" gegen 1797 
variierte, daB er gegen 1801 fUr Hoffmeister & Kiihnel in Leipzig 
Quartette nach einerMozartschenSonate machte(Th.-R. II, S.239) und 
noch in der Zeit gegen 1820 den „Don Juan" wieder vornahm (Beet- 
hovens Handschrift dazu ist faksimiliert in der Zeitschrift „Die Szene" 
1917, Jahr VII, Heft 7—9). 

(Siehe auch bei: Mozart.) 

Die angeblichen Einflusse des alteren Fr. W. Rust auf Beet- 
hoven, welche durch Erich Prieger sehr betont wurden, sind durch 
den Artikel „Der Fall Rust" von Dr. Ernst Neufeld in „Musik", 
Dezember 1912, recht fraglich geworden. (Dazu auch„Revuemusicale" 
1913, und „Zeitschrift der Internationalen Musikgesellschaft" 1914, 
S. 111.) 

Was den vorausgesetzten EinfluB der Mannheimer Schule 
(J. Stamitz und Genossen) betrifft, so setze ich diesen, trotz Riemann, 
nur sehr gering an. Was etwa an Mannheimer Spuren bei Beethoven 
zu finden ist, diirfte er durch Neefe und andere, besonders durch 
Mozarts Musik erfahren haben. Vgl. „DenkmaIer der Tonkunst in 
Bayern", Jahr III (1) 1902, VII (2) und VIII (2), ferner „Die Musik", 
Jahr VII, Hft. 13f., 1908, Th.-R. II, S. 144f., Alfr. HeuB: Zum 
Thema: Mannheimer Vorhalt in „Zeitschrift der Internationalen 
Musikgesellschaft" Jahr IX, Heft8 (Mai 1908), und Frimmel, „Beet- 
hoven", 6. AufI,, S. 15. Neuestens A. Sandberger, ,,Beethovenaufsatze", 
1924, S. 11 Iff., und L. Schiedermair, ,,Der junge Beethoven". 

Anschiitz, Heinrich (geb. 1785 zu Luckau, gest. 1865 zu Wien). 
TragOde. Zur Zeit, als er mit Beethoven bekannt wurde und mit ihm 

Frimmel, Beethovenhandbuch. I. 2 



18 Anton Viktor — Appleby 

wiederholt sprach, war Anschutz Hofschauspieler in Wien. Es war 
1822, daB Anschatz in der Nahe von DObling den Meister im Kompo- 
nieren beobachtete und ansprach. In dem Buchlein „Heinrich An- 
schatz, Erinnerungen aus dessen Leben und Wirken" (Leipzig, Reclam 
1866, S. 207f.) wird von Anschutz folgendes darQber mitgeteilt: „Auf 
dem Wiesengrunde eines Hiigelabhanges zwischen Baumen und dem 
Bache sehe ich einen Mann gelagert, in etwas ungeordneter Kleidung, 
den gedankenschweren, geistreichen, wildschOnen Kopf in die linke Hand 
gestutzt und den Blick auf ein Notenblatt geheftet, in das er mit 
der Rechten mystische Runenzuge eingrub, wahrend er in den Zwischen- 
pausen mit den Fingern trommelte. . ." Anschutz naherte sich und 
sprach den Meister an, doch war die erste Begegnung sehr kurz. Wie 
es scheint, ermoglichte die deutliche Sprache und wohltonende Stimme 
des Burgschauspielers, wohl auch seine Gebarden, eine Verstandigung 
mit dem tauben Meister. Denn spater trafen beide Kiinstler wieder- 
holt sprechend zusammen. Unter anderem sprachen sie auch uber 
eine Musik zu „Macbeth", an die ja Beethoven schon 1808/9 gedacht 
hatte. -*-> Diese Erinnerungen des Schauspielers an den Tonmeister 
sind wiederholt benutzt worden, so 1894 feuilletonistisch durch A. 
Chr. Kalischer in Nr. 499 der Berliner „Feuilleton-Zeitung" (heraus- 
gegeben von Ernst Rosenfeld) vom 24. Januar jenes Jahres, auch bei 
Th.-R. S. IV, 294 f., und Kerst II, S. 38 ff., auch Frimmel, „Beethoven- 
studien" I, S. 9. Am oftesten ist aber Anschutz im Zusammenhang 
mit Beethoven genannt worden aus AnlaB der Grillparzerschen 
Leichenrede, die er 1827 vor dem Tor des Wahringer Friedhofes 
gesprochen hat. Diese Rede hat in ihrem Inhalt und Wortlaut fruh 
und spat zu vielen Erorterungen gefuhrt. (Siehe bei: Grillparzer.) — 
Die Erinnerungen an Heinrich Anschutz wurden in mehreren Zei- 
tungenvom Ende Dezember 1915 wieder aufgefrischt (vgl. „Bibliotheca 
Beethoveniana"). 

Anton Viktor, Erzherzog (geb. 1779, gest. 1835). — Beethoven durfte 
inn persOnlich gekannt haben, da er fur ihn zwei Militarmarsche 
geschaffen hat. Sie sind 1809 und 1810 entstanden und wurden 
1810 bei einem Karussel in Laxenburg gespielt. Die Handschriften 
gehoren dem Deutschen Ritterorden, in dessen Archiv sie bewahrt 
werden, 

Appleby. Der altere dieses Namens war eine Hauptautoritat in der 
musikalischen Gesellschaft zu Manchester und erster Direktor der 
Konzerte daselbst. Sein Sohn Samuel gehorte zu den fruhen und 
standhaft' ausdauernden Bewunderern Beethovens. Thayer hat sich 
Nachrichten aus der Familie verschafft und daraus mehreres in seinem 



Apponyi — Arbeitsweise 19 

„Beethoven" mitgeteilt, u. a. eine Dragonetti-Oberlieferung, ferner eine 
Cramersche Tradition von Beethovens freier Phantasie. Samuel 
Appleby besaB auch Briefe des Meisters an den Grafen Dietrichstein 
und verfilgte iiber Nachrichten, den Geiger Bridgetower betreffend. 
(Vgl. Th.-R. II, nach Register.) 
Apponyi, Graf Anton Georg (siehe bei : Quartette). — 
Arbeitsweise. Im allgemeinen laBt sich sagen, daB Beethovens Art 
zu schaffen eine (iberlegte, gefeilte war. Recht wohl ist zu unter- 
scheiden, ob er improvisierte und der pietzlichen Eingebung folgte, 
oder ob er es auf eine bleibende Leistung abgesehen hatte. Die Lei- 
stung des Improvisierens glich dem Ausbruch eines Vulkans, das 
eigentliche Schaffen war eine zumeist Iange, oft durch Jahre uberlegte, 
gelegentlich ausgeklfigelte Arbeit. Diese laBt sich in vielen Fallen 
nach ihren Entwicklungsstufen iiberschauen. Von den Improvisationen 
kOnnen wir nur nach vielen Berichten von Ohrenzeugen uns einen 
ungefahren Begriff bllden. Was der Meister schriftlich festhielt, wurde 
in vielen Fallen zuerst sehr fltichtig skizziert in einzelnen Motiven, 
an denen weiter geformt, gebosselt wurde. Bei manchen anderen 
groBen Meistern, z. B. bei Mozart, Schubert, ist ein rascheres Schaffen 
nachzuweisen. Bei Beethoven scheint das schnelle Niederschreiben 
zwar in der Jugendzeit geiibt worden zu sein — denn es haben sich 
nach und nach so viele Jugendwerke zusammengefunden, daB sie doch 
nur in fast eiliger Entstehung denkbar sind — , spater kam ein rasches 
Niederschreiben seltener, immer seltener vor, und die Nachrichten 
vom Niederschreiben in einigen Stunden oder einer Nacht sind immer 
mit einigem Vorbehalt aufzunehmen. Was sich aber nachweisen la'Bt 
und durch den reif en Meister selbst bestatigt wurde, ist die Tatsache, daB 
Beethoven oft jahrelang an einer Arbeit, groB oder klein, f eilte, wobei ihm 
jedoch immer das Ganzevorschwebte. Vgl. Ernest, „Beethoven" (S. 158f.). 
Carl Czerny und Louis SchlOsser haben dartiber u. a. berichtet. Wenn 
Beethoven an Breitkopf & Hartel schrieb, daB das Sextett far Blas- 
instrumente „in einer Nacht geschrieben" sei, so kann man wohl mit 
Obertreibung rechnen. Obrigens sagt er von diesem Werk: „Das 
Sextett ist von meinen frtthern Sachen" (Th.-R. II, S. 41). Die E-Dur- 
Ouverttire zu „ Fidelio" ist zwar sehr rasch entworf en worden (am 22. Mai 
beim Romischen Kaiser), dann hatte aber Beethoven wochenlang Zeit, 
urn sie zu volIenden(a.a.O. Ill, S. 423 ff. bis 436). Ober die tatsachlich 
rasch geschaffene Hornsonate berichtete Ries. Bekannt ist es, daB 
die ,,Chorfantasie" sehr rasch entstanden ist, freilich mit Benutzung 
eines Liedmotivs aus friiheren Jahren. Die „Coriolan"-Ouvertiire kann 
nicht lange zur Ausarbeitung gebraucht haben, und von der „Kreutzer- 

2* 



20 Arbeitsweise 



Sonate" laBt sich ahnliches behaupten. Die ganze Karitate „Der glor- 
reiche Augenblick" ist recht schnell zu Papier gebracht. Nach Schind- 
lers Bericht (II, 3) scheinen die Sonaten Op. 109, 110 und 111 verhalt- 
nismaBig rasch entstanden zu sein. Nicht selten wurden alte Einfalle 
nach Jahren wieder hervorgesucht und zu ganzen Satzen ausgestaltet. 
Was die Anregungen betrifft, so holte sie sich Beethoven zumeist in 
der freien Natur im Waldesgriin, am Bach, im Park, durch Vogel- 
stimmen, durch Pferdegetrappel. Gewohnlich fuhrte er Notenpapier 
in gebundenen Heften bei sich. Im Freien wurden darin mit Bleistift 
die Gedanken skizziert. Wenn ihm Motive, Melodien einfielen, summte, 
brummte, heulte er, wie denn tlberhaupt sein Schaffen gelegentlich 
so gerauschvoll war, daB die Umgebung daran AnstoB nahm, sogar 
bei Tag (Szenen in Oneixendorf) und, nicht verwunderlich, bei Nacht, 
wenn der Meister ans Klavier eilte und dies und das probierte, wodurch 
die Nachbarschaft unliebsam geweckt wurde. (Szenen in Modling, 
Baden.) An eine bestimmte Zeiteinteilung bei der Arbeit war ja nicht 
zu denken. Nur scheint es, daB Beethoven zum Ausarbeiten von Parti- 
turen die Vormittagstunden bevorzugt hatte (nach C. Holz). Ganz 
sicher ist es, daB der Meister immer an mehreren Sachen zugleich 
arbeitete. „Bald nehme ich dies, bald das vor", sagte er selbst zu 
Dr. Bursy, ahnliches zu L. Schl&sser. Vom iiberlegten langen Feilen 
oder langsamen Arbeiten berichten viele Stimmen. Die Geschichte 
der 33 Variationen uber einen Walzer von Diabelli kommt dabei in 
Frage. Man beachte besonders die Entstehung der groBten Werke: 
des „ Fidelio ", der „groBen Messe", der „Neunten", f erner die viermalige 
Umarbeitung der Gellertlieder. — Wahrend des Schaff ens war Beethoven 
ganzlich der AuBenwelt entrUckt, was um so deutlicher wurde in der 
Zeit, als er taub geworden war (Erzahlung Atterboms). — 

Ober die Entstehungsweise der Werke hat vielleicht Schindler zu- 
erst, dann Gustav Nottebohm wertvolle Beobachtungen angestellt, 
dieser in seinen Veroffentlichungen Beethovenscher Skizzenbiicher 
(Neuauflage von 1924) und in den zwei Banden „Beethoveniana". 
Einiges in Ludw. Nohls Veroffentlichungen, besonders in: „Beethoven, 
Liszt und Wagner", S. 96 ff. Zu beachten auch Riemanns Bemerkungen 
zuTh.-Rs. ,,Beethovenbiographie", Schenkers Ausgabe der letzten So- 
naten, ferner Schiinemann, „Skizzen Beethovens zur Kantate der glor- 
reiche Augenblick" (in „Die Musik" vom Oktober 1909 und ebendort 
Alfr. Ebert, „Das Autograph der Gellertlieder Op. 48 Nr. 5 und 6", 
H. Riemann, „Spontane Phantasietatigkeit und verstandesmaBige 
Arbeit in der tonktinstlerischen Produktion" („Jahrbuch der Musik- 
bibliothek Peters" XVI, 33), A. HeuB, „Beethoven in der jungsten 



Arien — Artaria 21 



Gegenwart", „Zeitschr. fur Musikw." Ill, 237, Arnold Schmitz, 
„Beethovens unbekannte Entwurfe und Skizzen", Bonn, Verlag Beet- 
hovenhaus. 

Arien (siehe: Werke). 

Arlet (siehe: Gasthauser. Weinstube zum schwarzen Kamel). 

Arnim (siehe: Brentano, „Bettina v. Arnim"). 

Artaria, Carlo A., Domenico (A., Matthias A.), August A. Die Familie 
der beriihmten Kunsthandler und Musikverleger Artaria hat eine 
verwickelte Geschichte, die von Hartmann v. Franzenshuld und den 
Familienmitgliedern eingehend studiert wurde. Fur die Zeit der Ver- 
bindung mit Beethoven kommen hauptsachlich die obengenannten 
Mitglieder in Betracht, und zwar Carlo A. (geb. 1747, gest. 1808 bis 
1802 Chef der Firma A&Co.) und Domenico A. (geb. 1775, gest. 1842), 
und von diesen ist es hauptsachlich Domenico, der mit dem Tonmeister 
in Verkehr stand. Artarias waren Beethovens erste Verleger, wenn- 
gleich fur Op. 1 zunachst nur eine Art Scheinverleger. Danach ist aber 
eine ganze Reihe von Kompositionen in ihrem Verlag erschienen. (Zum 
Verlag der Trios Op. 1 vgl. hauptsachlich Th.-R. I, S. 400f., 410ff. 
und 505, Schonfelds „Jahrbuch der Tonkunst" 1796, siehe auch „Die 
Musik", Heft 1. Zu den Variationen fiir Klavier und Violine von 1793 
vgl. die Verzeichnisse von Thayer und Nottebohm.) Ein handschrift- 
liches thematisches Verzeichnis der Werke Beethovens, die in diesem 
Verlag erschienen sind, befindet sich im Artariaschen Archiv. Uber- 
schrift: „Oeuvres de Beethoven". An einigen Stellen hat Beethoven 
eigenhandig Bemerkungen beigeschrieben, z. B. zur Bearbeitung des 
C-Moll-Trios aus Op. 1 als Streichquintett. „NB.: dieses Quintett 
ist mit Vorwissen und Genehmigung der H. Artaria u. Compny auch 
nach london verkauft worden, jedoch nur fur England" (folgt die 
Paraphe und die Unterschrift: „1. v. Beethoven" inlateinischerKursive). 
■ — Am SchluB des Verzeichnisses steht folgendes: „daB alle hier ge- 
nannte Werke das Eigenthum der Hr. Artaria u. Compny sind, be- 
statige ich hiermit laut meiner eigenen Handschrift. 1. v. Beethoven" 
(folgt die Paraphe). (Unterschrift wieder lateinisch.) 

Das Archiv enthielt auch viele Urschriften Beethovenscher Werke, 
deren Verzeichnis 1890 von Guido Adler zusammengestellt ist. (Siehe 
„Bibliotheca Beethoveniana" bei 1890 und 1893.) Auch Briefe sind 
noch vorhanden. 

Aus AnlaB des Nachdruckes von Op. 29 (Streichquintett) kam es 
zu einem Rechtsstreit, der nach allerlei gerichtlichen Phasen mit einer 
Verurteilung Beethovens „in contumaciam" und schlieBlich mit einem 
Ausgleich endigte. (Dazu hauptsachlich Th.-R. II, Anhang 2, wo 



22 Artaria 

die Akten vollstandig mitgeteilt sind. Ferner Alex. Hajdecki in: 
„Monatsberichte uber Kunstwissenschaft" (herausgegeben von Hugo 
Helbing), II. Jahr. Artarias Beethovenhandschriften sind an Dr. Erich 
Prieger nach Bonn und dann an die Konigl. Bibliothek nach Berlin 
gewandert. W. Altmann hat an mehreren Orten dariiber berichtet, 
u. a. im Beethovengedenkblatt der „Konigsberger Allgem. Zeitung" vom 
17. Dezember 1920, in Donaths „Kunstwanderer" und mit kleinen 
Erganzungen in der „Zeitschrif t f tlr Musikwissenschaf t" vom April 1921 . 
— Uber die Kunsthandlung Artaria vgl. auch Frimmel, „Geschichte 
der Wiener Gemaldesammlungen"(Einleitung), und desselben „Lexikon 
der Wiener Gemaldesammlungen" (Abschnitt: Artaria, wo weitere 
Literatur genannt wird). In den neuen Auflagen des Riemannschen 
Musiklexikons sind Familiennachrichten benutzt. Es gibt kaum eine 
Lebensbeschreibung Beethovens, in welcher Artaria nicht genannt ware. 
In neuester Zeit hinzugekommen auch A. Orel, „Beethovenbuch", 
S. 171 ff. In den vielen Nachrufen fttr August Artaria, die Ende Marz 
und Anfang April 1919 in den Wiener Tagesblattern erschienen sind, 
war auch vom alten Kunsthaus und von Beethoven die Rede. Zur 
Zeit Beethovens befand sich die Artariasche Kunsthandlung noch im 
alten Hause auf dem Kohlmarkt Nr. 1151. Es ist jetzt durch einen 
prachtigen Neubau (des Architekten Fabiani) ersetzt. In der Beet- 
hovenausstellung von 1920 waren viele Dinge zu finden, die auf Beet- 
hovens nahe Beziehungen zu Artaria Bezug nahmen. Mehrere Beet- 
hoveniiberlieferungen sind oft im Kreise der Familie erzahlt worden, 
z. B. eine, welche die Entstehung des Themas zum zweiten Couplet 
im Rondo des C-Dur-Konzertes Op. 15 in die Hinterstube des alten 
Artariaschen Geschaftes versetzt, wo sich ein Klavier befand. Beet- 
hoven soil dort an einen Ausruf „Der Artaria" die Noten geknflpft haben 



i 



4-J 1 — 



=bs 



woraus sich dann das erwahnte Couplet entwickelte. August Artaria, 
der als junger Mann Beethoven noch kannte, er hat ihn auch in Baden 
besucht, erzahlte im Familienkreise oft von seinen Erinnerungen an 
die groBe Akademie vom 7. Mai 1824 (siehe bei: Akademie). Das er- 
wahnte Klavierkonzert in C war vom Verlag Artaria erworben, dann 
aber 1801 an die Firma Mollo abgegeben worden. Es erschien 1801 
bei Mollo, bei welcher Firma Domenico Artaria seit 1801 Teilhaber 
gewesen. 1804 trennten sich die Firmen wieder. 

Die Firma Artaria war in den Zeiten Beethovens eine Art Mutter- 
anstalt far die jttngeren Italiener im Wiener Kunsthandel, fiir die 



Atterbom 23 



Cappi, Boldrini, Mollo, die alle bei Artaria ausgebildet worden sind. 
(Siehe bei diesen Namen.) 

Matthias Artaria, ein Mitglied der Mannheimer Artaria, erhielt 
zwar 1817 die Befugnis als selbstandiger Verleger, tritt aber erst 1822 
als solcher auf. Ohne Zweifel aber war er langst mit Beethoven be- 
kannt gewesen, als er das Quartett Op. 130 und die groBe Fuge 
Op. 133 in Verlag nahm. 1826 hatte Matthias Artaria Beethovens 
besonderes Vertrauen (Brief an Schott, Th.-R. V, S.313, Schindler II, 
115). M. Artaria starb 1835. 

(Reichliche Mitteilungen bei Th.-R., wo auch die Akten iiber den 
ProzeB aus AnlaB des Quintettnachdrucks vollstandig mitgeteilt sind. 
Zur Geschichte des Hauses dankenswerte Mitteilungen der Firma, 
vgl. auch Dr. Ernst GroB, „ Artaria & Co." „Neue freie Presse", 16. No- 
vember 1920.) 

Aschaffenburg. Die malerisch gelegene unterfrankische Stadt wurde 
von Beethoven zusammen mit einer Auslese aus den Bonner Hof- 
musikern besucht bei Gelegenheit einer Reise nach Mergentheim, die 
in kurfurstlichem Auftrag 1791 zu unternehmen war. In Aschaffen- 
burg war man am 3. September. (So nach A. Sandberger, „Beethoven- 
aufsatze", 1924, und fruher „Archiv fiir Musikwissenschaft", Juli 1920. 
Andere Einzelheiten der Reise bei Th.-R. Bd. I und bei Schieder- 
mair, „Der junge Beethoven" 1925. — Siehe auch bei: Junker und: 
Mergentheim.) 

Attetns (Ignaz Graf v.) ist unterschrieben im Diplom des Steier- 
markischen Musikvereins vom Janner 1822, einem Schreiben, mit 
welchem Beethoven zum Ehrenmitglied des Vereins ernannt wurde. 
Die Urkunde befindet sich jetzt im Wiener stadtischen Museum (siehe 
„Beethovenjahrbuch" I, S. 111). (Bei Th.-R. IV, S. 241 ist der Name 
verdruckt als „Affmes". Des Grafen Attems und Beethovens persOn- 
liche Bekanntschaft ist fraglich, aber nicht unwahrscheinlich.) 

Atterbom, Peter Daniel Amadeus (geb. 1790, gest. 1855), berUhmter 
schwedischer Dichter und Philosoph. In den Jahren 1817 — 1819 unter- 
nahm er eine Reise nach Deutschland und Italien. Auf der Ruckreise 
kam er nach Wien, wo er den tiefen Winter 1818/19 verbrachte und 
das denkwurdige Konzert vom 17. Janner 1819 besuchte. Es war 
jenes, in welchem Beethoven selbst seine „Prometheus"-Ouvertiire und 
A-Dur-Symphonie leitete. Atterbom reiste am 24. Janner jenes Jahres 
von Wien ab und schrieb dariiber in seinen Erinnerungen. Schon die 
7. Auflage des Brockhausschen Konversationslexikons (1827)berichtet 
in Kiirze von seiner Reise, „von welcher er eine Beschreibung heraus- 
geben wird" (vgl. „Aufzeichnungen des schwedischen Dichters P. D. 



24 Aufenthaltsorte — Augarten 

A. Atterbom, aus dem Schwedischen iibersetzt von Franz Maurer" 
[Berlin, Heymann 1867]). Atterboms Mitteilungen iiber Beethoven 
sind meines Wissens zuerst benutzt bei L. Nohl in: „Beethoven nach 
den Schilderungen seiner Zeitgenossen" und spater oft von anderen 
auszugsweise mitgeteilt worden. Die genaue Feststellung des Kon- 
zertes, welchem Atterbom beiwohnte, findet sich bei L. Nohl in: 
,, Beethoven nach den Schilderungen seiner Zeitgenossen" (1877) und 
beiTh.-R. IV, S. 157 f. 1826 war Atterbom nochmals in Wien. Damals 
wurde er durch den Wiener Dichter Ignaz Jeitteles zu Beethoven 
gefuhrt und zwar ins Schwarzspanierhaus. Der taube Meister be- 
merkte den Besuch nicht, und die beiden Besucher entfernten sich, 
ohne ihn gesprochen zu haben, konnten ihn aber eine Zeitlang wahrend 
des Komponierens beobachten (vgl. Zellner, „Blatter fur Musik" 
I, 1855, aus denen auch Nohl und Thayer schOpften). 

Aufenthaltsorte. Beethoven hat zwar keine groBen Reisen unter- 
nommen, im Sinne der heutigen Verkehrsmoglichkeiten, doch wechselte 
er oft seinen Wohnsitz. Als Kind war er von Bonn aus einmal in 
Rotterdam. Spater kam er des Sommers wiederholt nach Kerpen 
mit der Familie Breuning. Fruhe Ausf luge waren solche nach Bensberg, 
Coblenz, Flammersheim, Hennef, Oberdrees, Oberkassel, Odendorf, Oen- 
dorf, Poppelsdorf, Siegburg, Siirst, Vilich, wie dies von der Fischerschen 
Handschrift berichtet wird. In die Jiinglingszeit fallt sein erster Aufent- 
halt in Wien (1787), wobei die Zwischenaufenthalte wahrend der Hin- 
und Herreise zu beachten sind. 1791 war er in.Aschaffenburg, Mergent- 
heim usw. 1792 erfolgte dieEinwanderung in Wien. 1796Aufenthaltein 
Dresden, Berlin, Niirnberg, Linz, Prag. Von Wien aus wurden gelegent- 
lich PreBburg, Ofen (Budapest), Marton Vasar, Eisenstadt, Korompa 
(hochst wahrscheinlich) Pistyan, Graz bei Troppau, Teplitz, Karls- 
bad, Franzensbrunn und viele kleinere Orte zumeist in der Nahe von 
Wien, Jedlersee, aufgesucht. Die Landaufenthalte in Heiligenstadt, 
Baden, MOdling, NuBdorf, Hetzendorf, Penzing und Gneixendorf sind 
oft genannt, und iiber den Wohnungswechsel in Wien ist man heute 
ziemlich genau unterrichtet. (Siehe bei einzelnen der genannten Orte 
und bei: Reisen und: Wohnungen.) 

Augarten. GroBer Park mit langen und breiten Alleen am nord- 
lichen Rand von Wien. Er gehSrte dem Kaiserlichen Hof und wurde 
1775 durch Kaiser Joseph II. den Wienern freigegeben. Dort haben 
schon zu MozartsZeiten bedeutendeMusikauffiihrungen stattgefunden, 
und spater konnte man dort Auffiihrungen der ersten fiinf Symphonien 
Beethovens und mehrerer Ouverttiren horen. (Vgl. Ed. Hanslick, ,,Ge- 
schichte des Wiener Concertwesens" [1869], S. 65 und 70ff., Rochlitz, 



Augen — Aurnhammer 25 

„F(ir ruhige Stunden", S. 61.) — Im allgemeinen L.M.Weschel, „Die 
Leopoldstadt bey Wien" (1824), S. 491 f. und 558f. Alte Ansichten 
der Gebaude im Augarten sind nachgebildet in W. Kisch, „Die alten 
StraBen und Platze der Leopoldstadt" (1885, S. 150ff.); darunter auch 
die AuBenansicht des Konzertsaals, die dann wiederkehrt in K. Ko- 
bald, „Altwiener Musikstatten (1919, S. 51). Vgl. zu den AuffCihrungen 
auch Kastner-Frimmel, „Bibliotheca Beethoveniana", S. 5f., und 
„Beethovenforschung" Bd. II, S. 164ff. 

Als Hoftraiteur der Augartensale wird Ignaz Jahn, auch Franz Jahn 
genannt (siehe bei: Jahn, Hummel und Schuppanzigh). 

Augen (siehe bei: AuBere Erscheinung und: Kurzsichtigkeit). 

Augsburg. Bei Gelegenheit der Heimkehr von seiner ersten Wiener 
Reise (diese wohl schon 1786 begonnen und im Fruhling oder Fruhsommer 
1787 abgeschlossen) besuchte der damalige Kurfurstlich Ko'Inische Hof- 
organist Beethoven die alte Reichsstadt Augsburg. Wie es derMusikerbe- 
ruf erheischte, muBte er dort mit dem Klavierfabrikanten Joh.Andr. Stein 
und dessenTochter Nanette, der spateren Frau Streicher, bekannt werden. 
Nachweislich verkehrte er dort mit der musikliebenden Familie des 
Rates Schaden. Als wichtige Seltenheit hat sich ein Brief Beethovens 
vom 15. September 1787 an den Rat Schaden erhalten (Urschrift im 
Beethovenhaus zu Bonn, Faksimile im Bericht iiber die ersten 15 Jahre 
des Vereins 1890 — 1905). Von Schaden muBte sich der junge Ktinstler 
Geld ausleihen, um seine Riickkehr nach Bonn beschleunigen zu 
konnen. Er schreibt: „Je naher ich meiner Vaterstadt kam, je mehr 
Briefe erhielt ich von meinem Vater, geschwinder zu reisen als ge- 
wohnlich, da meine Mutter nicht in giinstigen Gesundheitsverhalt- 
nissen war . . ." Ob anzunehmen, daB Beethoven schon in Augsburg 
einen Drangebrief erhalten hatte, ist fraglich. Doch steht es bei 
Erwagung aller Umstande test, daB man den Augsburger Aufenthalt 
Beethovens gewiB nicht aus dem Gesichtswinkel des Vergniigungs- 
reisenden betrachten darf. Jedenfalls hatte er wenig Geld und Zeit zur 
Verftigung. Als sicher ist anzunehmen, daB er bei Joh. Andr, Stein 
die Klaviere genau gepruft und probiert hat. Die Vermutung Iiegt 
nahe, daB er im Dom oder sonst einer Kirche die Orgel beachtet hat. 
(Zur Reise von 1786,87 vgl. Wegeler, „Notizen", Th.-R. I, S. 21 Iff., 
und Frimmel in A. Trosts „Altwiener Kalender" fur 1925, „Beethoven 
und das Ehepaar Streicher". Siehe auch bei: Schaden). — 

Aurnhammer, Josefa, die namhafte Klavierspielerin aus Kozeluchs 
und Mozarts Schule, die in ihren alten Tagen noch 1813 konzertierte 
(vgl.Otto Jahn,,, Mozart", und Hanslick,,,Geschichte des Wiener Konzert- 
wesens"). — Sie dtirfte mit Beethoven bekannt gewesen sein. Denn in 



26 Averdonc — Bach 



dem Gesprachsbuch Beethovens aus dem Jahre 1825, das ins musik- 
historische Museum nach Koln gelangt ist, wird auf eine alte Geschichte 
mit der Aurnhammer und Mozart angespielt, die (ibrigens nicht naher 
erortert wird. Ein unmittelbares Zeugnis fur die Bekanntschaft mit 
Beethoven liegt nicht vor. 

Averdonc, Johanna Helene, Hofaltistin in Bonn (geb. 1760, gest. 
1789). Schulerin des Vaters Beethoven, in dessen Haus sie verkehrt 
haben muB. .Denn sie war Taufpatin eines jungen Beethoven, der 1781 
geboren wurde. 1778 war sie zugleich mit dem Knaben Ludwig v. Beet- 
hoven zu Koln in einem Konzert aufgetreten (Th.-R. I, S. 65, 130). Das 
„Avertissement" von jenem Konzert ist faksimiliert in Fr. A. Schmidt 
und Knickenberg, „Das Beethovenhaus in Bonn", sowie in der Folio-, 
ausgabe des Bekkerschen „Beethoven". Abgedruckt wiederholt u. a. in 
der neuen Auflage der „Bibliotheca Beethoveniana". Neuestens auch 
bei Schiedermair, „Der junge Beethoven" (1925), S. 130. An diesem 
Buch wird nach einem Aktenstiick auch mitgeteilt, daB man die 
Sangerin mit anderen als weiblichen Spiirhund fur den Minister 
Belderbusch betrachtete, (S. 97,) 

Averdonc, Severin Anton (geb. 1768, Todesjahr unbekannt). Dieser 
muBte dem jungen Beethoven als Dichter der Texte zu den Kaiser- 
kantaten bekannt sein (Th.-R. I, S. 296ff. Siehe auch: Kantaten). 

B. 

Bach, Johann Baptist v. Bach (geb. 1779, gest. 1847). Doktor juris 
in Wien. Bach besorgte fur Beethoven seit 1816 viele Rechtsangelegen- 
heiten, besonders in der langwierigen Angelegenheit der Vormundschaft 
tiber den Neffen Karl. Noch im Winter 1827, am 3. Janner, legte Beet- 
hoven sein Testament und dessen Durchfuhrung in die Hande dieses 
Rechtsanwalts. Beziiglich des ersten Verkehrs mit Bach regte sich Thayer 
in der ersten Auflage seines „Beethoven" (II I. Bd. von 1 879) sehr darilber 
auf (siehe auch Th.-R. IV, S. 50ff.), daB Schindler schon 1816 bei Dr. 
Bach gearbeitet haben soil (Schindler I, S. 231). Dieser Dr. Bach legte 
erst am 21. Janner 1817 seinen Eid als Hof- und Gerichtsadvokat 
ab. Nach Thayer sei dies ein Beweis fur Schindlers Unzuverlassigkeit. 
Nun ist es aber sicher, daB Dr. Bach schon lange vor der Ablegung 
des Eides dafiir gesorgt haben muB, eine Kanzlei zu erOffnen, und 
Schindler kann sehr wohl schon 1816 mit diesem Rechtsanwalt in 
Verbindung gestanden haben. Dr. Joh. Bapt. durfte ubrigens Sohn 
des alteren „Hof- und Gerichtsadvocaten zugleich Hofkriegsadvo- 
caten" Maria Alois Edlen v. Bach gewesen sein, der schon vor 1816, 17 



Bach 27 

in Wien tatig war. Laut „Hof- und Staatsschematismus" wohnte er 
1813 in Wien, Graben Nr. 1212. 1820 wohnte der jiingere Advokat 
Dr. Bach, also der Bach, der uns fur Beethoven angeht, in der Schullerstr. 
Nr. 903. Nach Littrows Kalender fur 1 827 wohnte er Wollzeile Nr. 863. — 
Weiterhin ist zu bemerken, daB Beethoven jedenfalls mit dem jungeren 
Dr. Bach bekannt gewesen sein kann und vermutlich auch gewesen 
ist, noch ehe dieser Bach seine Kanzlei aufgetan hatte. Schindler wird 
vielleicht um einige Wochen oder Monate in der Zeitangabe geirrt 
haben, aber nicht um Jahre, wie Thayer will: 1816, statt 1818. Ludwig 
Nohl hat den Bachschen NachlaB durchgesehen (Vgl. „Mosaik", 1880, 
S. 310ff.). Vom jungeren Dr. Bach ist in vielen Beethovenbiichern die 
Rede, auch in den Konversationsheften, und es sind mehrere Briefe 
an ihn veraffentlicht. Siehe auch bei: Testamente. 

Dr. J. B. Bachs Bildnis wurde in neuerer Zeit, kurz vor dem Krieg, 
vom Wiener Hof museum erworben. Es ist 1824 von J. B. Lampi 
gemalt worden und zeigt in alter Pinselkursive die Inschrift: „Meinem 
Freund D or . von Bach von Joh. Bapt. Ritter von Lampi 1824". 
Bach ist dargestellt in ungefahr lebensgroBer Halbfigur. Auf dem 
Tisch links stehen Band 1, 2 und 3 „Burgerliches Gesetzbuch" und 
weitere Bande. Der Dargestellte scheint einige DreiBig alt zu sein. 
(Siehe auch: „Neue Musikzeitung", 1. April 1924 — Dr. Max Unger 
und den Abschnitt: Schindler.) 

Bach, Joh. Sebastian, der beriihmte alte Tonktinstler, und seine 
SShne gehOrten zwar nicht zum Kreis der Bekannten, doch hat des 
alten Thomaskantors Musik bleibende Spuren im Schaffen Beethovens 
hinterlassen (siehe bei: Anklange an altere Meister). Nach Schindler 
(II, S. 184) besaB Beethoven noch in seiner letzten Zeit J. S. Bachs 
„WohltemperiertesKlavier",die„Exercices", „15Inventionen"undeine 
Toccata in D-Moll. Beethoven wuBte einen groBen Teil des „Wohl- 
temperierten Klaviers" auswendig, von dem er oft bei van Swieten 
vortragen muBte. Im Janner 1801 schrieb Beethoven an Hofmeister: 
„DaB sie Seb. Bachs Werke herausgeben wollen, ist etwas, was meinem 
Herzen, das ganz f iir die hohe groBe Kunst dieses Urvaters der Har- 
monie schlagt, recht wohl tut . ." 1925 auBerte er dem Organisten 
Freudenberg gegenuber, der groBe Bach sollte nicht Bach, sondern M e e r 
heiBen. (Siehe bei: Orgelspiel.) — Carl Phil. Em. Bach, der von 
Neef e und Beethoven bevorzugte Sohn des Joh. Seb. Bach. Beethoven hielt 
besonders viel auf Bachs „ Ober die wahre Art, das Clavier zu spielen" und 
gab dem jungen Czerny den Auftrag, zur ersten Klavierstunde sogleich 
jenes Buch mitzubringen. Fur uns ist es denn auch wichtig in bezug 
auf die AusfUhrung von Verzierungen in Beethovens Klaviersachen. 



28 Badergebrauch — Baden 

Badergebrauch. Beethoven huldigte dem Gebrauch vielen Wassers, 
am Waschtisch und in den Badern. Schindler berichtet: „Waschen 
und Baden gehOrten zu Beethovens unentbehrlichsten Lebensbedurf- 
nissen", woran er allerlei Mitteilungen von verschutteten Krugen 
kniipft. Auch Jos. Rockel war Zeuge des vielen Wasserverbrauchs 
beimWaschen(Kerst, „Erinnerungen << I,S. 116). Esscheint, daB er des 
Schwimmens nicht kundig war, aber wenigstens von Wannenbadern 
erfahrt man oft genug. Man erinnere sich an die Bader in Heiligen- 
stadt, Modling, Baden. So gut wie sicher hat Beethoven auch die 
Heilbader in Pistyan und Ofen besucht. Die Aufenthalte in Teplitz, 
Karlsbad, Franzensbad sind genau studiert. 1820 merkt sich Beet- 
hoven ein Buch an „Ober den Nutzen des kalten und lauwarmen 
Wassers durch UbergieBen oder Baden . ." (W. Nohl, ,,Konversations- 
Hefte", Bd. I). Noch 1826 ist von warmem Wasser in Gneixendorf 
die Rede. (Siehe bei den genannten Orten.) 

Bauerle, Adolf B. Weitbekannter Schriftsteller des vormarzlichen 
Wien (geb. 1786 zu Wien, gest. 1859 zu Basel). Fur Beethoven von 
einiger Bedeutung als Herausgeber der „Theaterzeitung", die nicht 
selten von Neuauffiihrungen Beethovenscher Werke handelt. Er ge- 
horte unter die persOnlichen Bekannten des Meisters. Er nahm am 
Leichenbegangnis teil. (Zu Bauerle besonders: Th.-R. IV, S. 312. Siehe 
auch C. v. Wurzbach, „Biogr. Lexikon", und Frimmel, ,,Lexikon der 
Wiener Gemaldesammlungen" I, S.82. — Bauerle war auch Gemalde- 
sammler. — Kerst, ,,Die Erinnerungen an Beethoven" II, S. 236.) 

Baden (bei Wien), der weltbekannte Kurort. Zu Beethovens Zeiten 
noch ein enges Stadtchen mit alten Mauern und Toren. AuBenhin 
freie Natur, die Beethoven so sehr liebte. Das nahe Helenental bot 
mannigfache landschaftliche Reize, erhOht noch durch die zwei ro- 
mantischen Baureste der Burgen Rauheneck und Rauhenstein, welche 
den Taleingang gewissermaBen bewachen. Freundlich genug war auch 
die Gegend nach dem Wienerbecken hinaus und die Vorgebirge bis 
Voslau siidwarts und bis Gumpoldskirchen, Tallern und Modling nord- 
warts. Ein Seitental des Helenentals filhrte nach Sigenfeld. Beet- 
hoven muB diese Gegenden, oder wenigstens Baden selbst, schon ver- 
haltnismaBig fruh kennen gelernt haben, vielleicht schon 1796, sicher 
kannte er sie schon um 1802. Ins Jahr 1804 mag der erste langere Auf ent- 
haltfallen, 1807 wohnteer des Sommersdortim Johannishof. 1810warer 
wieder zurKur in Baden. Besuchsweise dttrfte erdort 1812gewesensein, 
noch vor der Teplitzer Reise. 1813 gebrauchte er dort wieder die 
Baderkur. Er wohnte damals im Sauerhof. Im Spatsommer 1814 ist 
ein kurzer Badener Kuraufenthalt des Meisters nachweisbar. Weitere 



Baden 29 

Aufenthalte in Baden fallen 1815 und 1816. Im letzterwahnten Jahr 
wohnte er im Ossolinskyschen Hause. Baderbesuche im Jahr 1817 
sind wahrscheinlich, doch ist eine bestimmte Wohnung nicht bekannt. 
Nach den drei Modlinger Sommern bevorzugte Beethoven von 1821 
an die Badener Quellen ganz auffallend. Im genannten Jahre wohnte 
er in der Rathausgasse. 1822 wurde die Kur in zwei Abteilungen 
gemacht, deren erste den Meister im Gasthof „Zum Schwan" in der 
Wiener Gasse, deren zweite ihn im Magdalenenhof der Frauengasse 
wohnen sah. 1823 kehrte er wieder in die Wohnung des Hauses in 
der Rathausgasse zuriick, woran sich allerlei merkwiirdige Erlebnisse 
knupfen. 1824 und 1825 wohnte Beethoven in Gutenbrunn, in un- 
mittelbarer Nahe des alten Badens; jetzt sind diese Orte vereinigt. 
Alle Aufenthalte zusammengenommen, diirfte der Meister weit iiber 
ein Jahr dem Badeort gewidmet haben. Zufallig trifft die Periode 
der Beethovenschen Badener Kuraufenthalte mit der Zeit eines auf- 
fallenden Aufschwungs des Ortes wahrend der Regierung des Kaisers 
Franz I. zusammen. In den Jahren 1804 — 1813 wurden die Tore 
niedergerissen. „Der Kaiser fand Gefallen an dem Orte, kaufte sich 
dort an und verbrachte in der Regel einen Teil der Sommerzeit da- 
selbst. Sein Bruder, der Hoch- und Deutschmeister Erzherzog Anton 
Victor, folgte seinem Beispiel. ." Vgl. „Topographie von Niederoster- 
reich, herausgegeben vom Verein fur Landeskunde", Bd. II, 1878, wo 
die Ortsgeschichte behandelt wird, iiber die es eine ausgebreitete 
Literatur gibt. Eine groB angelegte Geschichte Badens wird geplant. 
Von Wichtigkeit ist Hermann Rolletts „Chronik der Stadt Baden" und 
desselben Rollett, „Beethoven in Baden" (1870 und 1892). Selbstandige 
Forschungen werden audi Paul Tausig (1911 und 1912) verdankt, 
der sie in einzelnen Artikeln der „Badener Zeitung" und in : „Beruhmte 
Besucher Badens" niedergelegt hat. Man beachte auch: „Hamburger 
Signale", 3. Marzl892, und R. v. Rein8l, „Die Baudenkmale des Kur- 
ortes Baden" in: „Deutsche Heimat", 1913. Th. Frimmel, ,,Beet- 
hovenausstellung in Baden" (Wiener Zeitung, 15. Aug. 1920), „Beet- 
hoven im Kurort Baden bei Wien" in: „Neue Musikzeitung" 1922, 
Heft 7 (von mir nicht korrigiert). Siehe auch bei : Hauer. 

Ich fiige noch hinzu einige Briefstellen und anderes, wie z. B. den 
Hinweis auf den Aufbewahrungsort der Handschrift mit den in Baden 
1810 komponierten Marschen fur Erzherzog Anton. Sie befindet sich 
im Deutschordensarchiv zu Wien, mir nebstbei bemerkt langst be- 
kannt gewesen. Auf Beethovens Notiz s'ei noch aufmerksam ge- 
macht: „Baden am 7. Juli 1817, als die M. vorfiberfuhr und es schien, 
als blickte sie auf mich". Briefe, die auf Beethovens Badener 



30 Bagatellen 



Aufenthalte Bezug nehmen, sind neben den langst bekannten auch 
der an Franz Brentano vom 12. November 1821, ein Schreiben 
von Rochlitz an Breitkopf & Hartel vom 9. Juli 1822, ferner Beet- 
hovens Brief an Spohr vom 17. September 1823, andere Beethoven- 
brief e vom 19. Mai und 4. August 1825. Ferner trage ich nach die 
Widmung f iir Schlesinger, geschrieben am 4. September in Baden. Der 
Besuch Johannes Stumpfs aus London 1824 ist bei Th.-R. ausfuhr- 
lich behandelt(V, S. 122ff). Auf die Vorftthrung des Aubryschen Pudels 
in Baden machte Volkmann aufmerksam („Neues iiber Beethoven", 
S. 35ff.). — Zur Begrenzung der Aufenthaltszeiten auch ein Brief an 
Frau Marie Pachler-Koschak vom 17.0ktoberl816(hierzu Faust Pachler, 
„Marie Pachler-Koschak", und 0. E. Deutsch in : „ Osterreichische Rund- 
schau" vom l.Februarl907, S. 192). Mariens Schwager Anton Koschak 
schrieb: „Beethoven war eben ein paar Tage vorher von Baden zuriick- 
gekommen, das wuBte ich; ich lief also spornstreichs zu ihm und traf 
inn glucklicherweise zu Hause." — Fur 1825, den Ietzten Badener 
Aufenthalt des Meisters, ist zu beachten, daB Beethoven noch am 
25. September jenes Jahres sich im Baden befunden hat. An jenem 
Tage bestatigte der Stadtpfarrer Dechant J. G. Schabel Beethovens 
Leben zum Zweck der Geldbehebung aus Prag (dazu Max Unger in: 
„Neue Musikzeitung" 1923, S. 151). 

Nach Baden wird eine alte Oberlieferung versetzt, daB Beethoven 
durch nachtliches Klavierspiel die Nachbarschaft gestSrt hat (nach 
den „Temps" von 1836 wiedererzahlt in der „Reichspost" [Wien, 
28. September 1919]). 

Bagatellen. So benannte Beethoven eine Reihe kleiner, einfach ge- 
haltener Klavierstiicke von zumeist dreiteiliger Form. Sie sind wohl- 
durchdacht, wie groBe Werke, und fast alle ebenso als Obungsstiicke 
wie fur den Konzertsaal brauchbar. Sie sind zu sehr verschiedenen 
Zeiten entstanden. Von den 7 Bagatellen Op. 33 sind die 6. und 7. 
erst 1801 und 1802 geschrieben, wogegen die ersten fiinf schon fruher 
zu fallen scheinen. Ob freilich die Nachdatierung: ,,1782" von Beet- 
hovens Hand auf dem Autograph die richtige Entstehungszeit nennt, 
ist recht fraglich (dazu Frimmel, „Beethovenjahrbuch" II, S.394ff. mit 
Faksimile der ersten Bagatelle. Zur Datierung der Bagatellen vgl. 
Nottebohm, „Ein Skizzenbuch Beethovens", 1865, und die Kataloge 
von A. W.Thayer und Nottebohm, sowieOtto Jahn, „Gesammelte Auf- 
satze fiber Musik", Ludw. Nohl, „Beethoven, Liszt und Wagner" S. 98. 
Neuestens Nottebohm-Mies, „Zwei Skizzenbilcher von Beethoven", 
1925. Carl Czerny in: „Klavierschule" IV. Teil, S. 33, macht auf den 
Pedalgebrauch in der As-Dur-Bagatelle aus Op. 33 aufmerksam, 



Bauer — Bauernfeld 31 



damit das Kontra-As nachklinge. Die erste Auflage dieser Bagatellen 
erschien 1803 im Verlag des „Wiener Kunst- und Industrie-Comptoirs". 
Zum Teil ebenfalls fruh entstanden sind auch die „Kleinigkeiten", 
die im November 1822 fur den Druck zusammengestellt wurden und 
zunachst als Oeuvre 112, spater als Op. 119 bei Sauer & Leidesdorf 
herauskamen. Es waren 11 Stiicke, denen in Wien 1828 durch Diabelli 
die Klavierbearbeitung eines Liedes: „An Laura" beigefiigt wurde. 
(Dazu Frimmel, „Beethovens Mitarbeiterschaft an Starkes Klavier- 
schule" und Abschnitt: Starke des „Beethovenhandbuches", iiberdies 
Kinsky in: „Allgemeine Musikzeitung" [begrundet von 0. LeBmann] 
10. Januar 1913, Kat. des Heyerschen Museums in Koln IV., S. 184 
Nr. 225, Autogr. von Nr. 8 und Nr. 9, und Karl Ernst Henricis „Auto- 
graphenkatalog" LXXIX vom September 1922 mit kleinem Faksi- 
mile. Ober die verschiedenen Entstehungszeiten siehe Nottebohm, 
„Beethoveniana" II, S. 146 ff.) 

Zu Anfang 1825 erschienen dann noch weitere ,,Six Bagatelles . ." 
als Op. 126 (Entwiirfe im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde zu 
Wien). Ein Autograph befand sich zu Nottebohms Zeiten bei Herrn 
Ritter von Pfusterschmid in Wien, spater bei Herrn Alexander Posonyi, 
ebendort. Siehe auch Nottebohm, „Them. Kat.", und „Beethoveniana" 1 1, 
S. 1 93 ff . Ebendort ist (S. 526f.) auch das kleine Klavierstiick: „Fiir 
Elise" als Bagatelle besprochen. Dem musikalischen Inhalt nach reiht 
sich an die „Bagatellen" auch eine kleine Komposition an, die ich (in 
Robitscheks „Deutscher Kunst- und Musikzeitung" von 1893 Nr. 6) 
veroffentlicht habe, und die Herrn Rechnungsrat Marquet gehOrte. 
(Faksimile in meinem „Beethoven".) Es ist ein Stammbuchblatt fur 
F. Piringer. Auch andere kleine Klavierstucke ohne Opuszahl gehOren 
in diese Gruppe. (Siehe: Supplement-band der Ges.-Ausg.) — 

Bauer (von), Name eines Osterreichischen Gesandtschaftsbeamten, 
der in zwei Briefen Beethovens an Ferdinand Ries in London erwahnt 
ist, und zwar als persOnlicher Bekannter (vgl. „Vierteljahrsschrift 
fttr Musikwissenschaft" I, S. 94 und 96), „. . . unser liebenswiirdiger 
Freund Bauer", heifit es in dem einen der Briefe, und zwar in dem 
vom 5. Februar 1823. — Im Brief vom 25. Februar jenes Jahres 
wird Bauer „Kaiserl. KOnigl. Gesandtschaftssekretar" genannt 
(Th.-R. IV, S.384). 

Bauernfeld, Eduard. Dichter, Schriftsteller (geb. 1802 zu Wien, 
gest. 1890 in OberdObling), verkehrte bei Giannatasio del Rio (siehe 
bei: Del Rio) zur Zeit, als Beethovens Neffe im Erziehungshaus unter- 
gebracht war. Mit dem Meister traf er dort einige Male zusammen. 
Einzelne Gesprache sind durch Bauernfeld festgehalten und im 12. Band 



32 Baumann — Baums 



der „Gesammelten Schriften", 1873, veroffentlicht worden. Vgl. auch 
Bauernfeld, „Erinnerungen aus Altwien", Ausgabe von Jos. Bindtner 
(1923), Verlag der Wiener Drucke (Freundl. Mitteilung von A. Trost, 
1923). Einmal sagte Beethoven zu ihm: „Schreiben Sie mir eine Oper. 
einen Brutus, oder so was! Anderes kann ich nicht brauchen" (siehe 
auch bei: Opernplane). — 

Baumann, Friedrich, Hofopernsanger (geb. 1763, gest. 1841). Stand 
offenbar zu Beethoven auf vertrautem Du-FuB, wie das aus dem Ton 
eines Brief chens aus dem Jahre 1807 hervorgeht, das beginnt „Freund, 
groBer Philosoph und Komikus!!! Kannst Du mir nicht gefalligst 
sagen . ." (erstmalig mitgeteilt in: „Deutsche Kunst- und Musik- 
zeitung", Wien . . . XX, Nr. 3, Frimmel. Spater mehrmals wiederab- 
gedruckt). — Um jene Zeit (1806) wurde Baumann von Lieder gemalt 
und nach diesem Bild von Neidl gestochen. 

Baumeister, Jos. Ant. Ignaz Edler v. (geb. 1750 zu Wien, gest. 1819 
ebendort). Baumeister war Doktor juris und Erzieher des Erzherzogs 
Rudolf gewesen, gehorte auch spater dem Hofstaat dieses Erzherzogs 
an, wohnte demnach in der vorderen SchenkenstraBe Nr. 53 als K. u. K. 
Regierungsrat und als „Bibliothekar" des genannten Erzherzogs (nach 
den Hof- und Staatsschematismen). BeethovensVerbindung mitErz- 
herzog Rudolf brachte es mit sich, daB der Meister auch mit dem 
Regierungsrat Baumeister oft zu verkehren hatte. Mehrere Briefe 
Beethovens an Baumeister sind veroffentlicht. In artiger, zuletzt fast 
formeller Weise (mit „wohlgeboren") ersucht Beethoven darin Bau- 
meister um das Herleihen von Handschriften eigener (Beethovenscher) 
Werke, um sie fUr andere Zwecke kopieren zu lassen. (Zu Baumeister 
Schindler 1 1, 33, Th.-R. 1 1, S. 543 und 1 1 1 passim. Kalischer, „Neue Folge 
ungedruckter Briefe Beethovens" S. 213f., die Gesamtausgaben der 
Briefe und C. v. Wurzbachs „Biograph. Lexikon.") Zur Lebens- 
geschichte Baumeisters auch Frimmel, „Beethovenforschung" IV, 
S. 114f. 

Baumgarten, Majorswitwe. Sie hatte 1820 oder 1821 fur kurze Zeit den 
Neffen Karl als Kostknaben im Hause. (Th.-R. IV, S. 211.) Siehe auch 
bei: Neffe und: Horzalka. Der Name kehrt wieder in einem Gesprachs- 
hefte von 1820 (Walter Nohl, „Konversationshefte" Bd. I, Heft 1,B1. 21). 

Baums, Frau Gertrud geb. Milller, war 1770 Patin Beethovens 
vom Nachbarhaus in der Bonngasse. Im Taufschein als „Ger- 
trudis Miillers dicta Baums" angefiihrt, ebenso in der' Wieder- 
holung des Taufscheins von 1810. Damals hielt sich Beethoven fur 
junger um 2 Jahre und meinte: „Eine Baumgarten war, glaube ich, 
mein Pate". Seit 1810 nochmals erwahnt in einem Gesprachsheft 






Bayer — Bentheim 33 



von 1820 (Walter Nohl, „Konversationshefte" Bd. I, S. 299 und 308). 
„Baums", „Bongard" „Baumgarten" (vgl. auch Th.-R. I, S. 122, 493). 

Bayer, Johann, Kupferschmiedemeister zu Baden bei Wlen. 

In dessen Haus wohnte Beethoven im Sommer 1821 und 1823. 

(Siehe: „NeueMusikzeitung", 11. Januar 1922, „Beethovenim Kurort 
Baden", und bei: Baden und: Wohnungen.) 

Belderbusch, Kaspar Anton, Graf v. War zur Zeit des Kurfiirsten 
Max Friedrich Minister in Bonn, nicht allzu beliebt, wahrscheinlich 
der Gehaltseinschrankungen und des Beamtenabbaus wegen, die unter 
seinem Regime beliebt wurden. Seine Frau spielte „sehr fertig auf 
dem Clavier", wie Neefe berichtete. Die Ehe ging urn 1792 ausein- 
ander. Der Minister war Taufpate des Kaspar Anton Karl 
v. Beethoven, der 1774 als jiingerer Bruder auf Ludwig folgte. 
(Vgl.Wegeler, „Notizen", S. 7, L. Nohl, „Beethoven" I, S. 83 Th.-R. I 
nach Register und S. 127. Ober den Neffen des Ministers Anton B. 
vgl. den Abschnitt: Koch.) 

Benedict, Julius, Musiker, Schuler Carl Marias v. Weber. Seine Er- 
innerungen an Beethoven aus dem Jahre 1823 und solche an das 
Zusammentreffen bei Haslinger im Paternostergassel und dann an 
den Besuch bei Beethoven in Baden im Gefolge Webers sind durch 
Thayer schatzenswerterweise erhalten geblieben (Th.-R. IV, S. 461 ff. 
Siehe auch bei: Weber). 

Bentheim, Friedrich Wilhelm „Belgicus" Fiirst zu Bentheim (geb. 
1782 zu Steinfurt, gest. 1839 in Italien). Hervorragender Offizier. 
War 1807 Major, zeichnete sich 1809 bei Aspern und wieder bei Wagram 
besonders durch Kuhnheit und Entschlossenheit aus, wurde schwer 
verwundet und erhielt den Maria-Theresien-Orden, dann 1818 den 
Furstenstand. Seit 1831 war er in Italien tStig. Gleichzeitig mit 
Beethoven gebrauchte er 1811 die Badekur in Teplitz, dort an- 
gemeldet als „Reichsgraf", mit den Titeln „k. k. Kammerer, Oberst 
und Kommandant des 47. Linien-Inf.-Reg. Vogelsang aus Prag", und 
wohnend im goldenen LOwen Nr. 121. Mit dem Oberst war von Prag 
auch der „k. k. Offizier von Vogelsang" Herr Karl August v. Varn- 
hagen angekommen, und zwar wie der Oberst am 1. Juli, Beet- 
hoven wird am 4. August desselben Jahres 1811 als Kurgast angemeldet 
(nach Max Unger). Sicher haben sich beide, Bentheim und Beethoven, 
die vielleicht schon von Prag her miteinander bekannt waren, in Teplitz 
getroffen. Anfang September war Bentheim schon wieder nach Prag 
zurflckgekehrt. Ein Brief Varnhagens vom 4. September 1811 aus 
Teplitz an den Graf en Bentheim nach Prag beginnt: „Beethovens Be- 
kanntschaft habe ich gemacht, der wilde Mann war gegen mich sehr 

Frlmmel, Beethovenhandbuch. I. 3 



34 Berlin 

freundlich und mild . . ." Beethoven sei in seine Arbeiten vertieft und: 
„Sie konnen es sich desto hoher anrechnen, daB er mit wahrer Freund- 
lichkeit Sie griiBen und sich dringend wegen seines damaligen Ver- 
gessens entschuldigen laBt, aber solcherlei kann ihm wohl ofter be- 
gegnen." Man war auf gutem FuB miteinander gestanden, denn Beet- 
hoven hatte in seinem Brief an Varnhagen vom 14. Juli 1812 „recht 
viel Schones sagen lassen, ... ich wiinschte ihn und Sie vorziiglich. 
hier". (Vgl. Dr. E. Jacobs in: „Die Musik" Bd. IV, S. 390ff., und 
Th.-R. Ill, S. 274, 315f., 364. — Siehe auch bei: Brunsvik, Oliva, und: 
Frimmel, „Beethovenforschung" Heft 10, und in den Schriften, die. 
dort genannt sind.) 

Berlin. Dort hielt sich Beethoven 1796 einige Monate lang auf,. 
konzertierend und sonst in Gesellschaft der dortigen Musiker. Ries. 
(Notizen, S. 109) berichtet von einer.einmaligen Reise nach Berlin ohne 
Zeitangabe. ,,In Berlin spielte er einigemal bei Hofe (beim Konig 
Friedrich Wilhelm II.), wo er auch die zwei Sonaten mit obligatem 
Violoncello Op. 5 furDuport (ersten Violoncellisten der Kflnigs) und 
fur sich komponierte und spielte. Beim Abschied erhielt er eine goldene 
Dose mit Louisdor gefiillt. Beethoven erzahlte mit Selbstgefiihl, daft 
es keine gewOhnliche Dose gewesen sei, sondern eine der Art, wie sie 
den Gesandten wohl gegeben werde." Friedrich Wilhelm (1744 — 1797) 
konnte als musikalisch sehr gebildeter Cellist die Leistung Beethovens 
beurteilen. Eine Angelegenheit mit einem Ruf nach Berlin oder einer 
Einladung zu Hof ist noch unklar. In der Berliner Singakademie 
spielte der Wiener Meister zweimal, und zwar mit groBem Erfolg.. 
Fasch der jiingere, der Leiter der Singakademie, dessen ,,Davidiana" 
aufgefuhrt wurde, notierte zum 21. Juni 1796: „Herr van Beethoven 
phantasierte von der Davidiana und nahm dazu das Fugenthema aus. 
Psalm 119 Nr. 16. — Herr van Beethoven, Klavierspieler aus Wien, 
war so gefallig uns eine Phantasie horen zu lassen." — Dann wieder 
zum 28. Juni: „Herr van Beethoven war auch diesmal so gefallig, uns. 
eine Phantasie horen zu lassen." (Nach Lichtenstein, „Zur Geschlchte 
der Singakademie in Berlin", 1841.) Auch mit Zelter und dem Fursten 
Radziwill (nach Reichardt) wurde Beethoven damals bekannt. Himmel 
trat in den Kreis des Meisters ein. Am wichtigsten aber war die nahe 
Bekanntschaft mit dem hochbegabten Prinzen Louis Ferdinand 
(1772 — 1806), dem Tonsetzer und Klavierspieler, dem Beethoven in 
seiner Art sogar hohes Lob spendete, indem er zugestand, daB er „gar 
nicht koniglich oder prinzlich spiele, sondern wie ein echter, ttichtiger 
Klavierspieler". In Wien traf Beethoven 1803 oder 1804 wieder mit 
dem Prinzen zusammen. Diesem wurde auch das Klavierkonzert in 



I 



Bernadotte 35 

C-Moll gewidmet. Die „ Wiener Musikzeitung" von 1843 erzahlt noch 
Weiteres fiber das Zusammensein in Wien. Bei Lobkowitz hOrte der 
Prinz die „Eroica" mit solcher Spannung an, daB er sich die Wieder- 
holung zweimal (was ich dahingestellt sein lasse) erbat. Den Kunstler- 
stolz Beethovens ehrte er, indem er an seiner Tafel dem Kiinstler neben 
sich decken liefi. — Mit dem KOnig von PreuBen Friedrich Wil- 
helm III. (geb. 1770, Konig seit 1797, gest. 1840, altestem Sohn 
Friedrich Wilhelms II.) kam Beethoven nicht in Berlin, sondern erst 
in Wien bei den KongreBfesten in Verbindung. Diese wurde aufrecht 
erhalten zur Zeit der Versendung der Missa solemnis und der Neunten 
Symphonie, die ja dem Konig Friedrich Wilhelm gewidmet ist (siehe 
audi bei: Messe und: Neunte Symphonie). — DaB Beethoven nach 
1796 nochmals in Berlin gewesen ware, ist ausgeschlossen. (Vgl. 
Th.-R. Bd. II, Kalischer, „Beethoven und Berlin", und in neuester 
Zeit Jul. Blaschke in „Germania", 12. Dezember 1920, freilich ohne 
Nennung der Quellen.) 

Bernadotte, Johann Bapt. Julius (geb. 1764, gest. 1844), Sohn eines 
Rechtsgelehrten zu Pau in Frarikreich. Begann 1780 eine militarische 
Laufbahn. Wirkte 1797 unter Bonaparte in Italien. Nach dem Frieden 
von Campo-Formio (17./18. Oktober 1797) wurde er franzosischer Ge- 
sandter in Wien. Dort blieb er nur kurze Zeit, da er auf dem franza- 
sischen Gesandtschaftshotel hatte die Trikolore aufpflanzen Iassen, 
wodurch ein arger Volksaufstand hervorgerufen wurde. Es war am 
13. April 1798. Bald danach ging Bernadotte nach Paris. DaB er 
1806 Fiirst von Pontecorvo wurde, 1809 bei Wagram mitgefochten 
hat und 1818 dem Konig Karl XIII. von Schweden und Norwegen 
als Adoptivsohn auf dem Throne nachfolgte, ist bekannt und in alien 
Nachschlagebiichern zu finden. Auch in der Beethovenliteratur wird 
Bernadotte oftmals erwahnt. Er war kunstsinnig, und zu seinen Be- 
gleitern in Wien gehorte auch der groBe Geiger Rudolf Kreutzer. Durch 
sein Musikverstandnis wurde er auch mit Beethoven bekannt, und es 
ist mehrfach beglaubigt, daB es Bernadotte war, der nach dem Zug Bona- 
partes nach Agypten Beethoven gegenuber den Gedanken geauBert 
hat, eine Heldensymphonie auf Bonaparte zu schreiben. Die alten 
Beglaubigungen sind gewissenhaft zusammengetragen bei Th.-R. II, 
S.64ff., 421 (siehe auchS.486). Noch 1823 in einem Brief an Bernadotte, 
nun schon KOnig von Schweden, spielt Beethoven auf das frOhere Zu- 
sammensein mit Bernadotte und seinem musikalischen Gefolge aus- 
drtlcklich an. Es ist der Brief, in welchem der Meister fiir die Ernen- 
nuhg zum auswartigen Mitglied der schwedischen Musikakademie in 
aller Form dankt und zur Zeichnung auf die Messe einladt. Die poli- 

3* 



36 Bernard 

tischenZusammenhangezwischen Beethoven und Bernadotte sind her- 
vorgehoben von Karl Nef (nach Masson, „Les Diplomates de la 
Revolution", Paris 1882, und nach Pingaud, „Bernadotte, Napoleon 
et les Bourbons", Paris 1901) im „Sonntagsblatt der Basler Nach- 
richten", 1923, Nr. 28 vom 15. Juli 1923. Neuestens Nef in „Zeit- 
schrift far Musik", 1925, Heft V, S. 7. 

Bernard, Josef Karl (geb. 1775, gest. 1850). Schriftsteller und 
Journalist. Sohn eines Landwirtes zu Horatitz in Bohmen, studierte 
in Saatz, Prag und Heidelberg, kam 1800 nach Wien in den Hof- 
kriegsrat. Daneben war er schriftstellerisch tatig. Die „Thalia" 
wurde von ihm herausgegeben (nach A. Hajdeczkis Mitteilung im 
„Erdgeist" Bd. I, S. 76). Seit 1815 mit der „Wiener Zeitung" in Ver- 
bindung. War gegen 1818 Mitredakteur der „Wiener Zeitschrift", 
und zwar mit Kuffner gemeinsam. Schreyvogl (West) schrieb am 
22. August 1818 an C. A. BOtticher uber diese zwei Redakteure: 
„Bernard hat zu wenig FleiB, und Kuffners Teilnahme ist sehr prekar. 
In den letzten Wochen ist viel schofles Zeug aufgenommen worden" 
(vgl. „N. f r. Presse" 21 . Juli 1883, „Ungedruckte Briefe Jos. Schreyvogls, 
mitgeteilt von H. A. Lier"). 

Am 4. Oktober 1819 wird er zum erstenmal als Hauptredakteur 
der „Wiener Zeitung" genannt (vgl. die Jubilaumsnummer der 
„Wiener Zeitung" S. 69). Mit A. Demarteau zusammen war er auch 
Grtinder des „Wiener Kunst- und Industrie-Comptoirs" (vgl. Demarteau, 
„Huit jours a Vienne", 1846, S. 157). Mit Beethoven hat er schon 
zur KongreBzeit in Verbindung gestanden. Er arbeitete den Text 
um, den WeiBenbach far den „Glorreichen Augenblick" geschrieben 
hatte. Oft besprochen ist Bernards Text zu dem beabsichtigten Orato- 
rium „Der Sieg des Kreuzes", uber dessen literarische Anlage das Ge- 
sprachsheft Nr.31 (1819) Auskunft gibt (W. Nohl, „K.-H." I, S. 196ff.). 

Nach einer vorlaufigen Anfrage im Jahre 1815 hatte am 17. Mai 1818 
V. Hauschka den Auftrag erhalten, im Namen der noch jungen Ge- 
s'ellschaft der Musikfreunde mit Beethoven zu unterhandeln, daB der- 
selbe „ein Oratorium heroischer Gattung far den ausschlieBenden 
Gebrauch der Gesellschaft auf ein Jahr . ." in Musik setzen wolle. 
Bernard wurde als Textdichter vorgeschlagen. Beethoven antwortete 
zusagend (Th.-R. IV, S.98f.). Bernard ubernahm die Abfassung des 
Textes, war aber noch 1820 im Marz und April nicht fertig (Th.-R. IV, 
S. 176, 200). Das Bernardsche Gedicht, endlich abgeschlossen, be- 
hagte dem Meister nicht genUgend, und es wurde nicht komponiert. 

Noch 1826 wird aber den miBglUckten Text gesprochen, und Kuffner 
findet Bernards Sprache veraltet. Bernard selbst wird von Kuffner 



Bernard 37 

ein falscher Schleicher genannt (Kerst, ,,Erinnerungen" II, S. 295 f.). 
Mit allerlei Verbesserungen Beethovens kam das Gedicht erst in unseren 
Tagen wieder ans Licht (bei J. A. Stargardt in Berlin, Konigin-Augusta- 
str.22). „DieMusik"machteim l.Marzheftvonl902darauf aufmerksam. 
Schindler (4. Auf 1. 1 1, S. 97) deutet an, daB sich Beethoven des Oratoriums 
wegen mit Bernard iiberworfen habe. Doch sagte Schindler auch: 
„Ich entsinne mich, daB der geschatzte Dichter und Freund Beet- 
hovens, Herr C. Bernard, bald nach dessen (NB. Beethovens) Tode 
den Vorsatz faBte, Notizen iiber Beethoven zu schreiben, die hSchst 
interessant hatten werden miissen . .". Bernard unterlieB es, um sich, 
wie Schindler behauptet, nicht miBliebig zu machen („Beethoven in 
Paris", Vorwort S. X). Begreiflich das. Denn Bernard hatte doch 
jahrelang Gelegenheit, von Beethoven allerlei intime abfallige AuBe- 
rungen iiber die Mitwelt zu vernehmen. Verkehrte der Freund doch 
bei Giannatasio del Rio, wohin Beethoven seines Neffen wegen so 
oft kam, und half er ihm doch wiederholt in den Streitigkeiten mit der 
Schwagerin Johanna und in der schwierigen Frage der Erziehung des 
Neffen. So hatte der Dichter mit wenigen anderen auch im Erziehungs- 
haus Blochlinger freien Zutritt zum Neffen. Bernard war verheiratet. 
Beethoven lud ihn und seine „Gattin" zu sich nach Baden (Kastner 
Nr. 1218). In den Gesprachsheften begegnen wir oft den AuBerungen 
Bernards, der den Meister oft iiber die neuesten Vorkommnisse unter- 
richten konnte (Nohl benutzte viele Stellen fur seinen , .Beethoven" 
und im Buch „Mosaik". Vieles auch bei Th.-R.), und eine lange Reihe von 
Briefen Beethovens an Bernard ist von diesem an seine Tochter 
Mathilde vererbt worden. Ich habe mich schon friih um diese Briefe 
bemiiht, sie aber nicht zur Durchsicht erhalten. Die Tochter Frl. Ma- 
thilde Bernard war filr eine wissenschaftliche Veroffentlichung schon 
gewonnen und wurde nur durch ihren Bruder, Generalmajor K. Bernard, 
davon abgehalten, die Beethovenbriefe fur die Forschung freizugeben. 
Nach dem Tode der Tochter im Juni 1906 ist es anderen gelungen, 
diese Briefe herauszubekommen. Danach wurden sie in der Zeitschrift 
„Erdgeist" veroffentlicht. Nahere Mitteilungen im „Beethovenjahr- 
buch" I, S.83ff. und II, S.385, und in „Beethovenforschung", Heft I. 
Abdruck der Briefe auch in Franz Malotas Autographen-Katalog LX. 
Auch sonst ist Bernard oft erwahnt worden in C. F. Pohl, „Geschichte 
der Gesellschaft der Musikfreunde", Rich. v. Perger, Hirschfeld und 
Mandyczewski, „Geschichte der Gesellschaft", bei La Mara, „Klassi- 
sches und Romantisches", S. 98 f., bei Kalischer, „Grillparzer und 
Beethoven", S. 89, in der Zeitschrift „Euphorion" von 1897. Siehe 
auch: „Deutsche Kunst- und Musikzeitung", 1. Febr. 1895 (Brief an 



38 Bernhard — Bertolini 



Bernard). — Kurzer Nachruf f Ur Frl. Mathilde Bernard von A. F. Prager 
ohne dessen Unterschrift in „Wiener allgemeineZeitung", 12. Juni 1906, 
mit Erwahnung der damals noch ungedruckten Beethovenbriefe. — 
In abler Laune schrieb Beethoven einmal an Glannatasio del Rio iiber 
den „gemuthlosen untheilnehmenden Freund" Bernard. Thayer hat 
sich (l.Aufl. Ill, S. 401 f.) sehr ereifert, doch war sonst eine Art 
wirklicher Freundschaft vorhanden. (Siehe auch bei: Lind.) 

Bernhard, Frau Bernhard, geborene v. Kissow aus Reval in Esth- 
land (geb. 1783, lebte noch 1864 zu Augsburg). 1864 hat L. Nohl 
die alte Dame noch nach Beethovenerinnerungen ausgefragt. In ihrer 
Jugend war Fraulein v. Kissow eine Zeitlang um 1796 in Wien, und 
zwar in der Familie des russischen Gesandtschaftssekretars v. Kliipfeld. 
Nohl notierte unrichtig „Klupfell". Nach der Schreibung des Namens 
in der groBen Familiengeschichte der Rasumowskys von Wassiltschi- 
koff muB man schlieBen, daB jener Sekretar Kliipfeld geheiBen hat. 
Fraulein v. Kissow hat bei Kliipfeld den jungen, wie sie meinte „gar- 
stigen", Beethoven wiederholt gesehen bis zum Jahre 1800, als sie 
Wien verlieB. Danach schickt ihr Beethoven noch eine Zeitlang seine 
neuesten Werke, sobald sie im Stich erschienen waren, mit kleinen 
freundlichen, meist scherzhaften Briefchen. (Zuerst hat Nohl selbst 
die Erinnerungen der Frau Bernhard veroffentlicht, und zwar 1867 
in „Beethoven nach den Schilderungen seiner Zeitgenossen" und in 
der Zeitschrift „Europa". Auch in Nohls „Beethovenbiographie" sind 
die Bernhardschen Mitteilungen benutzt, und sie wurden seither oft 
genug wieder zum Teil ganz oder in Ausziigen wiedergegeben.) 

Bertolini, Andreas, Med. Doktor, Arzt. War in der Zeit von 1806 
bis 1816 Beethovens Arzt und Freund. Er wuBte manche Einzelheiten 
iiber Beethoven aus jenen Jahren zu berichten, als Otto Jahn in Wien 
seine Forschungen iiber Beethoven (und Mozart) unternahm. Er er- 
zahlte, daB die Anregung zur „Sinfonia eroica" durch Bernadotte ge- 
schehen sei, und daB die Veranlassung durch den Zug Napoleons nach 
Agypten gegeben wurde. 1814 war die Freundschaft Beethovens mit 
Bertolini noch ungetrubt. Damals schrieb Beethoven fur ein Namens- 
tagsfest, das Bertolini filr seinen Standesgenossen Malfatti veran- 
staltete, eine kleine Kantate, einen vierstimmigen Chor mit Klavier- 
begleitung zum Text „Un lieto brindisi . . ." vom Abbate Bondi. 
1816 erfolgte ein Zerwiirfnis, das noch nicht aufgeklart ist. Einige 
Jahre nach Beethovens Tod, als Bertolini an der Cholera erkrankt 
war, vernichtete er alle seine Briefe von Beethovens Hand, da er sie 
nicht mehr durchsehen konnte und fiirchtete, daB einige davon nach 
seinem Tode in unrechte Hande kommen konnten. Ohne jeden Zweifel 



Berufung — Bevervorde 39 



haben diese Briefe sehr intime Mitteilungen enthalten. (Vgl. Th.-R. 
Bd. II und III nach Register.) 

Berufung nach Kassel. Jerome Bonaparte, der jungste Bruder 
Napoleons, war nach dem Frieden von Tilsit Konig des neu geschaffenen 
Reiches Westfalen geworden. Am 1. Januar 1808 war ihm in Kassel 
feierlichst gehuldigt worden. Fiir den jungen Hof des jungen Konigs 
suchte man das Beste und Kostbarste, das zu haben war. Beethovens 
Ruf war damals schon weit hinaus ilber Wien gedrungen, und man 
versuchte es, den Meister nach Kassel zu Ziehen. Im Herbst 1808 (es 
war noch vor dem 1. November) erhielt Beethoven den Ruf, als erster 
Kapellmeister an den Hof Jeromes nach Kassel zu gehen. 600 Dukaten 
in Gold jahrlich, ein Reisegeld von 150 Dukaten wurden geboten, und 
die Leistungen, die dafiir verlangt wurden, waren nicht beschwerlich. 
Bisweilen sollte er dem Konig vorspielen und die kurz dauernden 
Kammerkonzerte leiten. Die Nachricht von dieser Berufung ver- 
breitete sich schnell in weiten Musikkreisen, auch in den maBgebenden 
von Wien, nicht zuletzt im Kreise des musikliebenden Erzherzogs 
Rudolf. Es wurde mit Beethoven unterhandelt, und aus den Handen 
des Erzherzogs empfing der Meister schon am 26. Februar 1809 einen 
Vertrag mit sehr gUnstigen Bedingungen fur ein sorgenfreies Schaffen. 
Erzherzog Rudolf und die Fursten Lobkowitz und Kinsky machten 
sich verbindlich, zusammen jahrlich 4000 fl. dem KQnstler zu zahlen, 
und zwar lebehslanglich, wenn er sich verpflichten wollte, im Kaiser- 
staate zu verbleiben. Eine iiberaus ehrenvolle Anerkennung der 
Verdienste Beethovens leitete die Urkunde ein. Sie ist wiederholt 
abgedruckt, z. B. bei Th.-R.III, S. 125f., und bei Ernest, „Beethoven", 
S.233. 

DaB die Ereignisse im Leben des Staates und der hochherzigen 
Geber nach wenigen Jahren die Vertragsbedingungen tUchtig in Un- 
ordnung brachten, ist im wesentlichen bekannt und wird uns Uberdies 
in den Abschnitten fiber Kinsky, Lobkowitz und Beethovens Ver- 
mOgensverhaltnisse noch weiter beschaftigen. 

Bettina v. Arnim (geb. als Elisabeth v. Brentano zu Frankfurt a. M. 
4. April 1785, gest. zu Berlin 20. Januar 1859), vermahlt mit Ludwig 
Joachim von Arnim. (Siehe bei: Brentano.) 

Bevervorde, Maria Anna Wilhelmine. War in Bonn noch als Fraulein 
Westerholt Schulerin des jungen Beethoven, der sie im Klavier- 
spiel unterrichtete. Bei Schindler (S. 12 und 33) und in der ersten Auf- 
lage desThayerschen„Beethoven"(Bd.I)herrscht noch Unklarheit und 
Verwirrung bezuglich des Namens der Dame. Wertvolle Aufklarung 
wurde geboten durch H. Riemann in der neuen Auflage (siehe Th.-R. I, 



40 Dr. Beyer — Bigot 



S. 284). FrauleinWesterhoIt vermahlte sich 1792 mit Freiherrn Friedrich 
Clemens v. Elverfeldt-Beverf5rde-Wies. Beethovens Unterricht 
soil regelmaBig erteilt worden sein. Die Schiilerin wurde denn auch 
eine vorziigliche Klavierspielerin. Das Bildnis des Freifrauleins 
v.Westerholt in J. J.Webers „lllustrierter Zeitung" (Leipzig, 8. Januar 
1914, Nr. 3680, S. 81). 

„Dr. Beyer". So wird irrtumlicherweise Dr. Reger aus Prag ge- 
nannt, mit dem Beethoven in Verbindung stand. Ich habe in der 
zweiten Auflage der Berliner Gesamtausgabe (Bd. II, S. 159 und Ein- 
leitung) das MiBverstandnis aufgeklart. (Siehe bei: Reger.) 

Bier. Der Meister trank zwar zumeist Wein, doch verschmahte er 
auch Bier nicht, zumal das Regensburger (vgl. Seyfried, „Beethovens 
Studien", Anhang S. 40, und weiterhin im Handbuch den Abschnitt: 
Gasthauser). 

Bibliothek Beethovens. Der Ausdruck Bibliothek trifft nicht ganz 
zu. Man muBte sich ja dabei vorstellen, daB HuHderte von BQchern 
wohlgeordnet auf den Stellen zu finden gewesen waren. In Wirklich- 
keit aber waren „Biicher und Musikalien in alien Ecken verstreut" 
(Seyfried), und die Menge des Vorhandenen (50 — 60 Bucher) war 
keineswegs iiberwaltigend, so sehr uns auch die bunte Mischung fesseln 
kann. Deshalb behandle ich die sogenannte Bucherei, die Bibliothek, 
bei Schindler wenigstens Handbibliothek genannt, unter dem Schlag- 
wort: Lesestoff. Vorlaufig sei nur bemerkt, daB zum Gegenstand zu 
beachten ist L.Nohl, „Beethovens Brevier", A. Leitzmann, „Beethovens 
personliche Aufzeichnungen" (1912), und desselben „L. v. Beethoven" 
(1922), II. Bd., Anhang. Schindler hat zuerst einiges Wissenswerte 
uber Beethovens Handbibliothek mitgeteilt. 

Bigot, Marie (geb. Colmar 1786, gest. Paris 1820), bedeutende 
Klavierspielerin. Mit dem Madchennamen Kiene. 1804 vermahlt 
mit dem nachmaligen fiirstlich Rasumowskyschen Bibliothekar Bigot. 
Von 1809 an in Paris. Ober ihr hervorragendes Spiel Mozarts, Haydns, 
Beethovens berichten mehrere Stimmen (vgl. „Allg.Musikzeitung"vom 
16. April 1804 und vom Fruhling 1805, F6tis, Mendel, Riemann, 
Reichardt, „Vertr. Br.", L.Nohl „Beethoven", 1. Aufl.II, S.246L, 496. 
Th.-R., Bd. II). Reichardt sagt offenbar unrichtig von ihrer Herkunft: 
„Sie ist eine Neufchatelerin", und ftigt hinzu, „und erst seit einigen 
Jahren hier verheiratet, spricht aber schon so gut Deutsch, daB man 
die Auslanderin nur selten bemerkt." Wie sie, beziehungsweise ihr 
Gatte, mit dem Feldmarschall-Leutnant Franz Ludwig Grafen Bigot 
von St. Quentin verwandt war, der 1854 zu Mauer bei Wien verstarb, 
ist noch nicht ermittelt. — 1806 bekam sie die havarierte Handschrift 



Bihler — Bildnisse 41 



der Sonata appassionata zu Gesicht, die sie sogleich vom Blatt vor- 
zuglich herunterspielte. Mit Beethoven stand das junge Ehepaar 
Bigot in enger Verbindung. Ein langer Brief im Besitz des Pariser 
Conservatoire legt davon Zeugnis ab. Als ich mich 1886 urn dieses 
Schriftstiick lebhaft bemiihte, wurde es mir von Weckerlin verheim- 
licht, der es damals ganz elend in franzosischer Obersetzung glaubte 
veroffentlichen zu sollen. Obrigens steht der Brief langst nach Otto 
Jahns Abschrift bei Thayer gedruckt (siehe auch Th.-R.II, S.551, sowie 
„Vierteljahrsschrift fiir Musikwissenschaft", 1890, S. 585, ferner die 
neuen Briefveroffentlichungen. Zu Madame Bigot vgl. auch Ludw. 
Nohl, „Beethoven, Liszt und Wagner", S. 73, und „Mosaik"). 

Bihler, Med. Dr. Johann Bihler, Hauslehrer beim GroBhandler 
Baron Puthon. Am 30. Juli 1817 schrieb Beethoven an Zmeskall: 
„. . . Ein gewisser Bihler, Hofmeister von Puthon, wird sich auch bei 
mir einfinden . . .". Bald danach mtissen zwei Briefchen fallen, die 
Beethoven an diesen Bihler gerichtet hat. (Dazu Frimmel, „Neue 
Beethoveniana", 1888, und „Beethovenjahrbuch", 1908, I, S. lOOf.) 
Am 19. August gibt ihm Beethoven einen Brief an Schnyderv.Wartensee 
mit. 1817 — 1824 war Bihler auf Reisen, dann Hofmeister bei den 
Sohnen des Erzherzogs Karl. Die zwei kleinen Briefe, die ich in Melk 
vor Jahren beim Maler Neugebauer selbst kopiert habe, sind an diesen 
jedenfalls durch Bihler selbst gelangt. Spater waren sie bei Streinz 
in Graz. (Zu diesem Bihler vgl. hauptsSchlich Th.-R. IV, S.36, 40f., 
45, 415.) Wahrend seiner Abwesenheit von Wien soil sich Bihler in 
freundschaftlicher Weise an Beethoven erinnert haben (Walter Nohl, 
„K.-H." I, S. 352, 374, 421). Es ist nicht ausgeschlossen, daB Bihler 
1819 doch voriibergehend in Wien gewesen ware. ,,Der Buhl will 
bemerkt haben, daB er Sie hier extra aufgesucht hat" (W. Nohl I, 
S. 421). — 1824 war Bihler unter den Unterzeichnern der ehrenvollen 
Adresse fur Beethoven (Schindler II, S. 64). 

Bildnisse. Durch die nahen Beziehungen zur Familie Breuning in 
Bonn war es bedingt, daB der ungefahr 16jahrige JUngling in einem 
SchattenriB dargestellt wurde, ebenso wie die Mitglieder der Familie. 
Diese Silhouette ist zum erstenmal in den „Notizen" von Wegeler& Ries 
veroffentlicht und namentlich in neuester Zeit sehr oft nachgebildet 
worden. Ob der beginnende Ruf des jungen Musikers schon hinreichte, 
ihm die Ehre des Gemaltwerdens einzutragen, ist recht fraglich, und 
angebliche Bildnisgemalde aus jener Periode mussen mit MiBtrauen 
aufgenommen werden. Als Beethoven aber seit dem Herbst 1792 in 
Wien lebte und dort und auf Konzertreisen rasch zu immer gro'Berer 
Bertihmtheit emporwuchs, ergab sich schon urn 1800 eine Art Not- 



42 Bildnisse 



wendigkeit, sein Abbild in die Offentlichkeit zu bringen. Nach Stain- 
hausers Zeichnung stach zunachst J oh. Neidl das Brustbild Beet- 
hovens. Die beiden genannten Kiinstler waren von maBiger Begabung, 
und das Portrat, das sie schufen, muB mit besonders groBer Vorsicht 
aufgenommen werden. Es fand iibrigens bald Nachahmung und Ver- 
breitung. DaB es nicht ganzlich zu verwerfen ist, wird durch die 
Vergleichung mit einer Miniatur von Christian Horneman un- 
zweifelhaft, die 1802 auf 1803 entstanden ist und den fruheren Stichen 
ahnelt, obwohl es eine selbstandige Arbeit ist. (Die erste Abbildung, 
eine Photographie, diente als Beilage zum Buche von Gerhard v. Breu- 
ning, „Aus dem Schwarzspanierhause". Seither ist es sehr oft nach- 
gebildet worden. Kritische Vergleichungen in Frimmel, „Beethoven- 
studien", Bd.I.) Horneman war ein tiichtiger danischer Kleinmeister, 
der vielfach auch in Deutschland tatig war und unter anderem auch 
ein Kinderbildnis des Prinzen Friedrich Wilhelm Karl von PreuBen 
gemalt hat (Abbildung bei Lemberger, „Bildnisminiatur in Deutsch- 
land", Taf.XLIX als Nr.239). Nach Wien war Horneman gegen 1798 
oder in jenem Jahre gekommen, urn sich mit dem bertihmten Maler 
Heinr. Fiiger zu beraten (siehe Laban, „Fuger", S. 25). 

Der Zeitfolge nach ist nun das erste Mahlersche Beethovenbildnis 
zu verzeichnen. Es ist wohl 1804 entstanden und stammt von dem 
talentvollen, besonders fur Bildnis begabten Dilettanten Willibrord 
Josef Mahler, einem Rheinlander, der in Wien zu Beethovens Kreisen 
gehorte. (Dazu meine „Beethovenstudien", sowie „Studien undSkizzen 
zur Gemaldekunde", V. Bd., Heft 7.) Die Bildnisahnlichkeit seines 
ungefahr lebensgroBen Beethovenportrats ist jedenfalls zu schatzen, 
da Mahler ein gewissenhafter Kontcrfeter gewesen, und da sein 01- 
gemalde, mit den kleineren schon erwahnten Behelfen verglichen, mit 
diesen vielfach iibereinstimmt und dadurch einen sicheren Halt ge- 
wahrt. Zumeist wurde es nachgebildet nach einer getreuen Kopie, 
die nach Amerika kam. Fur die„Rivista musicale italiana" retouchierte 
ich 1897 eine photographische Abbildung der Kopie in sorgsamer 
Weise vor dem Original. Diese erste Nachbildung, die aufs Urbild 
zurUckgeht, wurde bald in Friedls „Weltpost" wiederholt. Das ganze 
Bild fand erst in neuester Zeit eine vollstandige Nachbildung in Orels 
„Beethovenbuch" von 1921. Das Originalgemalde kam aus Beethovens 
Besitz durch Vererbung in der Familie an Herrn Raoul Heimler in 
Wien. Bei Frau Caroline v. Beethoven, der Witwe des Neffen, habe 
ich es vor Jahren zum erstenmal gesehen. Es war zu wiederholten 
Malen ausgestellt. 

Zunachst reihen sich an die zwei Beethovenbildnisse von Isidor 



, 



Bildnisse 43 



NeugaB, einem nicht eben bedeutenden Maler aus den Kreisen des 
Osterreichischen Adels. Es sind die Bildnisse, deren eines in furstlich 
Lichnowskyschem Besitz zu Gratz bei Troppau und das sogenannte 
Bildnis des Hauses Brunsvik, beide Olgemalde, Brustbilder, welche 
den Komponisten in etwas stutzerhafter Kleidung darstellen. Beide 
Bilder stehen sich im Stil und in der Darstellung ganz nahe, was Iangst 
bemerkt worden und auf der Beethovenausstellung in Wien 1920 
vollig klar geworden ist, wie ich auch den Unterredungen mit W. Engl- 
mann und A. Trost entnehmen konnte. Doch habe ich etwas Neues, 
Beweisendes beizufiigen. Bald nach der Beethovenausstellung kam 
bei Liepmannssohn in Berlin ein Brief der Komtesse Therese Brunsvik 
zutage, in welchem der Maler des Brunsvikschen Beethovenbildnisses 
genannt ist, zwar mit dem Namen „Neigart", doch im Zusammenhang 
so, da6 nur NeugaB gemeint sein kann. Komtesse Therese schrieb etwa 
1807 aus Mahren ihrem Bruder, dem Grafen Franz, folgendes: „Beet- 
hoven sah ich die letzten Tage sehr viel ... ein gewisser Neigart hat 
ihn gemalt und das Portrat bei sich." Die Schreiberin bittet dann, 
dieses Bild der Schwester Pepi (also der Komtesse Josefine) schicken 
zu wollen. Damit haben wir also die Erklarung der groBen Uber- 
einstimmung zwischen den zwei Olgemalden, des einen in Gratz, das 
nachweislich von NeugaB gemalt ist (1806), und des anderen, das in 
die Familie Brunsvik gekommen ist. Nur das Bild in Gratz ist signiert 
und datiert. Beide Beethovenbildnisse konnen nicht den Anspruch erhe- 
ben, wohlgetroffen zu sein, doch lassen sie sich immerhin mit den Portrats 
von Mahler (1804) und Horneman (1802 auf 3) zusammenreimen. 

Desgleichen ergibt sich eine gewisse Ahnlichkeit mit dem folgenden 
gezeichneten Brustbild, das ungefahr 1808 entstanden ist. Ich meine 
die Zeichnung von Ludwig Ferdinand Schnorr v. Carolsfeld, 
die der Kiinstler, wie es scheint, in der Familie Malfatti entworfen 
hat. (Die kritische Vergleichung findet sich in meinen groBen Sonder- 
arbeiten iiber Beethovens Bildnisse, die schon mehrmals erwahnt 
worden.) Wenngleich gewiB vieles in der Schnorrschen Zeichnung 
verfehlt ist, so paBt doch das stutzerhafte Aussehen im allgemeinen 
zu den zwei NeugaBschen Portrats. 

Als wichtigste Abbilder des Meisters sind die von Franz Klein 
hervorzuheben, und zwar die Gipsmaske von 1812 und die lebens- 
groBe Bdste aus derselben Zeit. Die Buste ist unmittelbar nach der 
Maske gefertigt, und nur die Masse der buschigen Haare ist hinzugefiigt. 
Die groBe Bedeutung dieser zwei plastischen Hilfsmittel fur die Ikono- 
graphie Beethovens ist heute anerkannt von Malern, Bildhauern und 
in der gelehrten Welt. Die Oberlieferungen, die sich auf das Abgipsen 



44 Bildnisse 

des Kopfes bei Streichers in Wien beziehen, sind mir noch in der Familie 
mitgeteilt worden, wonach ich mich um die Abbildung der Maske und der 
Buste bemiihte. (Naheres in meinen Arbeiten uberBeethovenbildnisse.) 

Beethovens Ruhm nahm wahrend der Zeit seit 1812 in beschleunigter 
Weise zu, nicht zuletzt wahrend der Erfolge zur Zeit des Wiener Kon- 
gresses. Mit diesen hangt es auch sicher zusammen, wenn 1814 wieder 
ein Stich ausgegeben wurde, und zwar durch Artaria. Dieses Kunst- 
blatt ist von dem auBerordentlich geschickten Kupferstecher Bla- 
sius Hofel nach einer, wie es heiBt, miBglUckten Zeichnung von 
Louis Letronne hergestellt. Hofel muBte eigentlich etwas ganz 
Neues nach der Natur schaffen. Wenn man von dem herkommlichen 
Schonemachen jener Zeiten absieht und sich tiber das ganzliche Ver- 
schweigen der Pockennarben trosten will, wenn man ferner zeitgenos- 
sische giinstige Urteile beriicksichtigt, muB der Stich HOfels als wich- 
tige Urkunde fur das kraftstrotzende Aussehen Beethovens zur Zeit 
des Kongresses angesehen werden. Auch der Meister selbst war damit 
zufrieden und versendete nicht wenige Exemplare mit beigeschriebenen 
Widmungen, z. B. an Frau Antonie Brentano-Birkenstock, in deren 
Familie sich ein Exemplar vererbt hat (jetzt bei Brentanos in Long- 
wood Winchester Hants, nach freundlicher brieflicher Mitteilung von 
dort). Andere Exemplare kamen an Nik. Simrock (Abbildung bei 
Leop. Schmidt, „Beethovenbriefe" 1909), an Wegeler, Huber. 

Bald nach dem Erscheinen des Stiches von Hofel ruhrte sich Freund 
Mahler wieder, dessen zweites Beethovenbildnis, es ist ein Brustbild, 
in drei, vielleicht vier Exemplaren vorliegt, deren eines sich in Frei- 
burg i. Br. befindet, wahrend andere in der Familie Karajan und in den 
Sammlungen der Gesellschaft der Musikf reunde bewahrt werden. (Dazu 
„Beethoven im zeitgenossischen Bildnis", S. 32ff., und die daselbst an- 
gefuhrteLiteratur.) Ich halte nicht allzuviel von diesem zweiten 
Mahlerschen Bildnis, da es nur locker mit den fruheren und spateren 
zusammenhangt. 

1818 hat der bedeutende Maler August v. Klober den Meister 
und seinen noch kleinen Neffen Karl auf einem groBen Gemalde dar- 
gestellt. Dieses ist langst verschollen, ohne Zweifel zugrunde gegangen. 
Geblieben ist uns nur eine Kreidezeichnung, auf der das Jahr 1817 
verzeichnet steht, eine Angabe, die mancherlei Auffassung zulaBt, uber 
welche in meinen fruheren Arbeiten kritisch gehandelt wurde. Eines 
ist sicher, daB gerade der so oft nachgebildete Klobersche Beethoven- 
kopf in wichtigen Linien ganzlich verfehlt ist. Besonders bei einer 
gewissenhaften Vergleichung mit der Maske von 1812 fallt dies auf. 
(Die alte Zeichnung jetzt bei C. F. Peters in Leipzig.) — 



Bildnisse 45 



In der Zeit von 1818 auf 1819 ist in Wlen das Beethovenbildnis 
von Ferdinand Schimon entstanden, das einer strengen Prufung 
weit besser standhalt als das Klobersche. Dies erhellt aus den Ver- 
gleichungen mit den zuverlassigen Behelfen aus den friiheren und 
etwas spateren Jahren. Schindler trat sehr lebhaft fur das Schi- 
monsche Bildnis ein, das auch Beethovens Beifall fand, und hat 
es auch sogleich der ersten Auflage seiner „Beethovenbiographie" 
als Titelbild beigegeben. Das Olgemalde befand sich in Schindlers 
NachlaB und bildet jetzt einen kostbaren Bestandteil der Samm- 
lungen des Beethovenhauses in Bonn, welches auch fur eine gute 
Nachbildung gesorgt hat. (Vgl. auch Abschnitte: Schimon und: 
KaffeegenuB.) Der groBe Steindruck von R. Hoffmann entspricht 
keineswegs einem Gemalde von Schimon (Beethoven, Kniestuck. 
Die Feder in der herabhangenden Rechten haltend). 

In jenen Zeiten haufen sich schon die Versuche der Maler, Beet- 
hoven zu Bildnissitzungen zu bewegen. Schimon, von der ungeduldigen 
Natur des Meisters jedenfalls durch Schindler schon unterrichtet, 
war Beethoven wiederholt nachgeschlichen, um zu erhaschen, was 
moglich ware. Aus den Gesprachsheften erfahrt man, daB auch der 
beriihmte Miniaturist Daffinger den Meister malen wollte. Doch 
blieb es bei der Absicht (vgl. W. Nohl, „Konversationshefte" 
I. Bd., S. 273, 287, 337). Offenbar fand der Meister keine Zeit zu einer 
Sitzung. 

Die Zeichnung von Ed. Hippius ist um 1820 entstanden und 
schlieBt sich zwanglos an das Beethovensche Antlitz an, das wir aus 
Schimons Portrat kennen. (Erste Abbildung des Kopfes von Hippius 
bei Frimmel, „Beethoven im zeitgenossischen Bildnis" S. 40). 

In der Zeit von 1819 auf 1820 entstand dann das beriihmte Stieler- 
sche Bildnis, das so oft abgebildet wird. In den Gesprachsheften steht 
manches, das wahrend einer der ersten Sitzungen vom Maler notiert 
worden ist. So versucht er die passende Stellung zu f inden (im Dezember 
1819 oder im Janner 1920), indem erdem Meister aufschreibt: „Setzen 
Sie sich doch gefalligst, als wenn Sie schreiben, um die Stellung zu 
probieren", und „Wenn ich Ihnen winke, bitte in der Stellung zu bleiben, 
die Sie gerade haben" (vgl. Walter Nohl, „Konv.-H." I. Bd., S.327 und 
336). Die Aufschreibung fallt, nach sonstigem zu schlieBen, sicher 
noch vor LichtmeB 1820, d. i. vor den 2. Februar, und konnte auch 
noch aus dem Dezember 1819 stammen. Im Marz 1820 war das Bild 
noch nicht fertig. Oberhaupt wurde es nicht ganz nach der Natur 
vollendet, und die Hande sind aus der Erinnerung gemalt. (Zur Ge- 
schichte des Bildes vgl. „Beethoven im zeitgenossischen Bildnis" S.41ff., 



46 Bildnisse 



wo auch die Ahnlichkeit kritisch erortert ist.) Seit 1909 im Besitz 
des Herrn Geheimrats Hinrichsen zu Leipzig. 

Jos. Dan. Bohm hatte urn jene Zeit, 1820, das Gliick, zu Beet- 
hoven behufs einer Sitzung zugelassen zu werden. Eine Pragemedaille 
war geplant, und eine Wachsbossierung hatte sich lange erhalten, ist 
aber aus dem NachlaB des B8hmschillers Radnitzky verschwunden. 
Einen AbguB danach, den ich vor Jahren herstellen liefi, habe ich 
dem Beethovenmuseum zu Bonn gewidmet. Auch iiber Jos. Dan. 
Bohms Arbeit findet sich allerlei in den Gesprachsheften. (Dazu ,,Die 
Musik", 1905, Heft V, und Walt. Nohl, I. Bd., S. 274.) Es gait als 
wohlgetroffen. Siehe den Abschnitt: Bflhm. 

In der Wiener Akademieausstellung von 1820 war dann die erste 
Beethovenbiiste von Anton Dietrich zu sehen gewesen. 1821 
und 1822 folgten Abwandlungen derselben Btiste, die nur in Gips 
ausgefiihrt ist. Eine solGhe Variahte befand sich im Besitz des 
Dichters Lenau. Die Dietrichschen Biisten sind stark idealisiert. 
Eine Dietrichsche Zeichnung, Beethoven darstellend, tragt das spate 
Datum 1826. 

1823 hatte der beriihmte Sittenschilderer, Portratist und Land- 
schaftsmaler F. G. Waldmiiller ganz besonderes Pech, als er Beet- 
hoven malte. Durch Breitkopf & Hartel in Leipzig mit dem Auftrag, 
Beethovens Brustbild zu malen, betraut, hatte er zwar eine Sitzung 
bewilligt erhalten, aber Beethoven, vom Maler nahezu gerade vors 
Fenster gesetzt (man sieht es an dem Bilde, daB der Lichteinfall nur 
wenig von der Seite kam), wurde bald unwillig. Dazu kam noch der 
Arger iiber ein verdorbenes Makkaronigericht, und mitten in der Arbeit 
(wie Schindler erzahlt) muBte der Maler abbrechen, ohne das Bild 
spater vor der Natur vollenden zu konnen. Aus dem Gedachtnis wurde 
es fertig gemalt, um doch in Leipzig abgeliefert werden zu konnen. 
Trotzdem aber ist es ein iiberaus wertvolles Dokument, das uns Beet- 
hoven vorftihrt, „wie er kiff und schalt". Waldmiillers ganz auBer- 
ordentliches Formengedachtnis hat in wenigen Stunden jedenfalls 
etwas Wertvolleres geliefert als kleine Talente mit tagelangem Be- 
milhen. Immerhin sind allerlei Unstimmigkeiten nicht zu ubersehen, 
die ja schon an anderer Stelle aufgezeigt wurden („Studien und Skizzen 
zur Gemaldekunde", II. Bd., 5. und 6. Lieferung, und „Beethoven im 
zeitgenossischem Bildnis'', S. 52ff.). Erfreuen wir uns an dem Wald- 
miillerschen Jupiter tonans, der sonst auf keinem Bildnis zu sehen ist. 

Wie man annehmen darf, haben mehrere Maler (iberhaupt keine 
Sitzungen erzielt. Sie begntigten sich mit der Beobachtung des schrei- 
tenden Beethoven. So z. B. J. Nep. HOchle, Martin Tejcek, von 



Bildnisse 47 



denen nur die Beethovenfiguren erhalten sind, ohne daB man bisher 
wissen kann, ob sie urn Sitzungen angesucht haben. Bei Jos.Weid- 
ner war dies derFall, und er hat, nach besterOberlieferung, denMeister 
auch gemalt. Dieses Bildnis ist langst verschollen. Dagegen hat sich 
die Weidnersche Zeichnung eines schreitenden Beethoven a tergo er- 
halten. (NahereMitteilungen in den „Studien und Skizzen zurGemaide- 
kunde", Bd. Ill, S. 14ff.) 

Die weitverbreitete Lysersche Beethovenfigur und der Profilkopf 
gehen wohl augenscheinlich auf eine Skizze nach der Natur zurtick, 
doch kann diese, wie die Lyserspezialisten behaupten und nahezu 
beweisen, nicht von Lyser selbst herriihren. Ich nehme an, daB Lyser 
eine gelungene fremde Zeichnung benutzt hat. 

Durch Friedrich Kenner gelangte ich vor Jahren zur Kenntnis der 
Zeichnungen von Jos. Dan. Bohm, die den schreitenden Beethoven 
aus den 1820er Jahren darstellen. (Naheres in „Beethoven im zeit- 
genossischen Bildnis", wo auch die Lyserfrage erortert wurde.) 

Stefan Deckers Zeichnung ist 1824 entstanden, was sich nach- 
weisen laBt, ohne daB das Blatt datiert ware. Sogar gibt es Anhalts- 
punkte, um die Entstehung bald nach dem 7. Mai von 1824 wahr- 
scheinlich zu machen. Am 7. Mai hatte die denkwiirdige groBe Aka- 
demie mit der Auffuhrung der 9. Symphonie stattgefunden. Wie man 
weiB, war der Meister durch Uberanstrengung und Aufregungen bei 
jener Gelegenheit sehr bose mitgenommen worden. Es ist ziemlich 
klar, daB auf dem Deckerschen Brustbild dieser Chok, die Verstimmung 
und Abspannung, zum Ausdruck kommt. Gelegentlich verschenkte 
Beethoven die Nachbildung mit einer Widmung darauf. So hat sich 
ein solches Blatt vor einigen Jahren wiedergefunden. Beethoven hatte 
eine Widmung an Schlesinger darauf geschrieben, und zwar am 4. Sep- 
tember 1825 zu Baden. (Vgl. Liepmannssohns Aukt.-Kat. Nr. 46 von 
1921.) Aus Deckers Zeichnung ist korperlicher Rtlckgang unschwer 
herauszulesen, auch wenn man die Einfliisse des Konzerts vom 7. Mai 
in Rechnung zieht. 

Der Meister krankelte schon Iange, und die Katastrophe bereitete 
sich mit unerbittlicher Strenge vor. Seit dem Mai 1824 bot sich keine 
Gelegenheit mehr, an den Meister in Bildnisangelegenheiten mit Erfolg 
heranzutreten, und schon im Spatherbst 1826 setzte die Krankheit 
mit ihren verderblichen Anfallen ein. Als es zu Ende ging, faBte noch 
Josef Teltscher, der vorziigliche Zeichner und Miniaturist, den Mut 
zu Zeichnungen des Sterbenden. Sie befinden sich bei Herrn Dr. August 
Heymann in Wien, der diese kostbaren Blatter mit Pietat aufbewahrt. 

Nach der Leichenoffnung, bei der das Antlitz wesentlich verandert 



48 Bildung 

wurde, zeichnete Jos. Danhauser den Kopf Beethovens, wie er denn 
auch eine Maske abnahtn und danach eine Biiste f ormte. Diese Arbeiten 
haben jedenfalls viel mehr Bedeutung fur die Lebensgeschichte Dan- 
hausers, als fur die Beurteilung der Bildnisse Beethovens. 

(Siehe auch bei: AuBere Erscheinung.) 

Bildung, allgemeine. Neben der musikalischen war die allgemeine 
Ausbildung Beethovens in allem, was man furs gewbhnliche ' Leben 
braucht, jedenfalls^geringwertig, undWegeler (,,Notizen"9) urteilt sehr 
milde, wenrTer sagt, „ Beethovens Erziehung war weder auffallend 
vernachlassigt, noch besonders gut. Lesen, Schreiben, Rechnen und 
etwas Latein lernte er in einer Of fentlichen Schule, . . . Musik, zu der inn 
sein Vater ununterbrochen und streng anhielt, zu Hause." Durch die 
Fischersche Handschrift erfahrt man, daB der erste Unterricht bei 
einem Lehrer Huppert (nach Th.-R. I. S. 453 hieB er Rupert) in der 
nahen Neugasse genommen worden ist*). Spater ging Beethoven in die 
Miinsterschule. Etwas anders stellt Schiedermair neuestens den friihen 
Unterricht Beethovens dar. Bei Fischer heiBt es dann: „Er hat 
nach seines Vaters Aussage nicht viel in der Schule gelernt, deswegen 
hat ihn sein Vater so friih an das Klavier gesetzt und ihn so streng 
angehalten." DaB die gewohnliche Schulung keine ausreichende war, 
wurde dem Jiingling auch durch einen Herrn Zambono klargemacht, 
und die nachtragliche Ausbildung legt zwar fur Beethovens Bildungs- 
drang ein gutes Zeugnis ab, kann aber dariiber nicht hinwegtauschen, 
daB es an den elementaren Kenntnissen bei Beethoven durchs ganze 
Leben fehlte. In den vielen erhaltenen Briefenkommenwohlgewachsene 
Satze viel seltener vor als bei irgendwelchen grundlich gebildeten Zeit- 
genossen. Ein wenig soil in der ersten Wiener Zeit der alte Schul- 
meister Schuppanzigh, der Vater des beruhmten Geigers, nachgeholfen 
haben. Wenigstens deutet dahin Thayer eine Eintragung in Beet- 
hovens Tagebuch (Th.-R. I, 390). Beethovens Schwierigkeiten bei 
der kleinsten Multiplikation sind weit bekannt. „DaB Beethoven 
uber die Weltgegenden sehr unklar dachte, sei in Erinnerung gebracht 
(dazu besonders Hans Volkmann, „Neues uber Beethoven"). Trotz_alle- 
^dem las der junge und auch noch der reife Meister viel und mit Auf- 
merksamkeit. Deutsche Schrif ten, insbesondere Dichtungen, wurden 
ihm Zzuerst im Breuningschen Kreise bekannt (Wegeler, 9), und 
aiis allem, was aus dem weiteren Leben bekannt ist, geht hervor, daB 
Beethoven sich's urn die deutsche und auch manche auslartdische 
Literatur angelegen sein lieB. (Siehe bei : Lesestoff.) Viele Anregung 

*) Vgl. auch W. Hesse in Richard Pick's „Monatsschrift fur die Ge- 
schichte Westdeutschlands" (V. Jahrg., 1879, 3. bis 5. Heft. S, 211 ft.). 



Birchall — Birkenstock 49 



mag ihm durch den Besuch der neu gegriindeten Bonner Universitat 
geworden sein. Eufogius Schneider trug Literatur vor. Der junge 
Beethoven gehbrte unter die Abnehmer seiner Gedichte. Die Be- 
geisterung fiir Schiller und Goethe reipht weit zuriick. Herder wurde 
kultiviert und auch komponiert. Im sogenannten Fischhoffschen 
Manuskript kommen Abschriften aus Herder vor. Die Odyssee wurde 
von Beethoven gern und viel gelesen. Manches deutet auf ' Kant. 
Und so konnte Beethoven 1809 in einem Briefe an Breitkopf & Hartel 
schreiben: „Es gibt keine Abhandlung, die sobald zu gelehrt fur mich 
ware. Ohne auch im mindesten Anspruch auf eigentliche Gelehrsam- 
keit zu machen, habe ich mich doch bestrebt, von Kjndheit an den 
Sinn der Besseren und Weisen jedes Zeitalters zu fassen. Schande 
fur einen Kiihstler, der es nicht fiir Schuldigkeit halt, es hierin wenig- 
stens so weit zu bringen." Ein Lieblingsbuch Beethovens waren 
Sturms „Betrachtungen tiber die Werke Gottes im Reiche der Natur 
und Vorsehung" (1811). — Auf dem Gebiet der literarischen Bildung 
war Beethoven also Autodidakt. In Beziehung auf Musik steht die 
Sache etwas verwickelter (siehe bei : Musikalische Ausbildung). — 

Schindler I, S. 3 schlieBt sich ganzlich an Wegeler an (vgl. auBer den 
genannten Schriften W. Hesse, Bticken, Alb. Leitzmann in „Deutsche 
Rundschau", Februar 1913 „Beethovens literarische Bildung", und 
Nef in „Zeitschrift fttr Musik", 1925, Maiheft). In neuester Zeit auch 
L. Schiedermair, ,,Der junge Beethoven". 

Birchall, Robert, Londoner Musikverleger (133 New Bondstreet), 
der im Herbst 1815 mehrere Werke Beethovens ankaufte, eine An- 
gelegenheit, die bei Th.-R. (Ill) eingehend behandelt ist. Aus Thayers 
Erorterungen entnimmt man, daB Beethovens geschaftliches Vorgehen 
gegeniiber Birchall nicht ganz vornehm gewesen. 1816 gab es neue 
Unterhandlungen, die sich aber der hohen Forderungen Beethovens 
wegen zerschlugen (Th.-R. Bd. IV). Ein Brief Beethovens an Kirch- 
hoffer in der Angelegenheit Birchall ist veroffentlicht in der (Wiener) 
„ Illustrierten Zeitung" von 1899 Nr.43, Frimmel. Fehlt bei Kalischer. 
(Siehe auchNottebohm, II. Beethoveniana, S.345 mitHinweis auf Chry- 
sanders „Jahrbucher" I, S. 429 ff. Zu Birchall die Musiklexika ein- 
schlieBlich des G. Groveschen Dictionnary.) 

Birkenstock, Johann Melchior Edler v.. Wiener Gelehrter, Ver- 
besserer des Schulwesens, Referent der Biicherzensur, hervorragender 
Kunstfreund und Sammler, akademischer Rat, Hofrat (geb. 1738, 
gest. 1809). — Beethoven verkehrte in der Familie, wo ihn auch 
Bettina v. Arnim 1810 traf und er mit Brentanos aus Frankfurt oft 
verkehrte. DaB er den.alten Hofrat noch personlich gekannt hat, ist 

Frimmel, Beethovenhnndbuch. I. 4 



50 Blahetka — Blochlinger 

nach W. P. Websters Mitteilung an A. W. Thayer so gut wie sicher. 
(Th.-R. Ill, 216). Jedenfalls muB er im NachlaB des Kunstsammlers, 
noch bevor die Sachen nach Frankfurt wanderten, viele Kunstgegen- 
stande, besonders auffallende Gemalde, wohl auch antike Vasen und 
Kupferstiche gewahr geworden sein, wenn er Birkenstocks SchlOBchen 
an der ErdbergerstraBe, damals 239, spater 98 besuchte. Dieses ist 
1911 riiedergerissen worden. Freilich konnen wir nach dem heutigen 
Stand der Psychologie nichts Genaues uber die Einwirkung des Birken- 
stockschen Hauses auf den Tondichter ermitteln, und wenn wir an- 
nehmen, daB die kunstlerische Umgebung bei Birkenstock im all- 
gemeinen den Meister geistig gehoben hat, so gehort auch dieses schon 
ins Land der Hypothesen. Ein gewisser Sinn fur bildende Kunste war 
iibrigens bei Beethoven gewiB vorhanden. (Ober Birkenstocks Leben 
geben die biographischen Nachschlagebucher Auskunft. Zur Kunst- 
sammlung vgl. Frimmel, „Lexikon der Wiener Gemaldesammlungen" I, 
S. 1 12 — 185, wo auch der Katalog von 181 1 abgedruckt ist und mehrere 
Gemalde der wertvollen Sammlung abgebildet sind.) — Mit Birken- 
stocks Tochter Antonia vermahlte sich 1798 der Frankfurter GroB- 
kaufmann Franz Brentano. (Siehe bei: Brentano.) — 

Blahetka, Marie Leopoldine, Musikerin, Klavierspielerin (geb. 1811, 
gest. 1887). War dem Meister nahe bekannt und lieb, da sie doch 
am 3. April 1820 Beethovens B-Dur-Konzert offentlich spielte, und 
da sie durch den Meister an Jos. Czerny empfohlen worden war. 
Im Gesprachsheft 33 vom Herbst 1819 schrieb jemand dem tauben 
Beethoven hin, „Hr. Czerny ist Lehrer der kleinen Blahetka, wohin 
Sie ihn empfohlen haben". (W. Nohl, „K.-H." Bd. I. S, 155, 305, 308, 
373f., 403.) Noch andere Stellen aus den Gesprachsbuchern bei Th.-R. 
IV, S. 219. Uber ihre Konzerte auch Ed. Hanslick, „Geschichte des 
Wiener Konzertwesens", S. 223. (Musikerlexika.) Vgl. Schindler II, 
S. 177. Zum Konzert am 3. April 1820 vgl. „Allgemeine musikalische 
Zeitung" (Wien, Steiner & Co.), IV. Jahrgang, S. 230ff. Ihr Spiel wird 
im allgemeinen gelobt. Aus Hiiffer, „Anton Felix Schindler" entnimmt 
man, daB Beethoven bei den Eltern Leopoldinens gerne verkehrt hat. 

— Handschriftliche Biographie im Archiv der Ges. d. Musikfreunde 
wird erwahnt durch C. v. Wurzbach im „Biogr. Lex.", Bd. 26, S. 370.. 

— Ein Bildnis der Blahetka (Steindruck von Kunike) wiedergegeben 
bei Otto Erich Deutsch, „Franz Schubert in Bildern" (1913). 

Blochlinger, Josef Blochlinger von Bannholz (geb. 1788 zu Gobelingen: 
in der Schweiz, gest. 1855). Zu Beethovens Zeiten Leiter einer Er- 
ziehungsanstalt fur Knaben in Wien. Aus der Familie eines wohl- 
habenden Gutsbesitzers stammend und durch mannigfache Studien- 



Blochlinger 51 

ausgebildet, kam er 1804 nach Wien, wo er sich 1814 mit Henriette 
v. Fischer, der Tochter eines Hofsekretars, vermahlte und noch im 
selben Jahr ein Institut erGffnete (wiederholte Ankundigung in der 
„Wiener Zeitung"). Beethovens Neffe kam am 22. Juni 1819 in dieses 
Erziehungshaus, wo er bis August 1823 verblieb. In den Gesprachs- 
heften ist ungezahlte Male wahrend jener Jahre von Blochlinger die 
Rede. Dadurch erfahrt man auch, daB Blochlinger „sehr musikalisch" 
war. (Siehe bei : Trios.) — Fesselnde Dberlief erungen haben sich erhalten, 
von denen ich einiges in der „Neuen freien Presse" (4. November 1894), 
dann erweitert in meinen „Beethovenstudien", Bd. II und wieder in der 
„Neuen freien Presse" (vom 6. April 1923) mitgeteilt habe. Die letztge- 
nannte VerOffentlichung muBte Raummangels wegen stark gekiirzt wer- 
den. Ichhattedie Ortlichkeit des Instituts genau studiert und die ganze 
Angelegenheit neu durchgenommen. Das Erziehungshaus, das damals 
32 Zoglinge beherbergte, befand sich in dem weitraumigen, luftig ge- 
legenen Chotekschen Palais, nach alter Ortsbezeichnung Wien, 
Strozzigrund Nr. 26, heute Josephstadterstr. Nr. 39. Ich fand 1923 
alles Wesentliche noch ziemlich unversehrt und durfte die Raume 
betreten, wo der Meister mit seinem Neffen und wo der Anstaltsleiter 
mit Frau und Kind (das SOhnchen Karl, spater Major, war zu Beet- 
hovens Zeiten etwa 5 — 8 Jahre alt und hatte noch bestimmte Er- 
innerungen an Beethoven) sich bewegten. Nur ist jetzt alles anders 
eingerichtet, etwas verfallen und abgenutzt. Ober eine Freitreppe 
gelangte man in den Anstaltsgarten. Die entsprechende Freitreppe 
nach der Seite des groBen Hofes war zu Beethovens Zeiten langst vom 
alten Bau abgerissen worden. (Vgl. die kleine, selten gewordene Fest- 
schrift des Zivil-Madchenpensionats in Wien. Herr Direktor A.Trost 
hat sie mir dankenswerterweise vorgelegt. Ober den alten Bau vgl. 
„MonatsbIatt des Vereins fiir Geschichte der Stadt Wien", Juni — August 
1925. Das Zivil-Madchenpensionat kam 1840 in dieselben Raume.) 
Beethoven hat bei Blochlinger Freundliches und Unfreundliches er- 
erfahreh, das erstgenannte, wenn er von gutem Fortgang der Studien 
erfuhr, denen der Neffe oblag, das letztgenannte, wenn er hinter die 
Schliche kam, welche von der Schwagerin Johanna verubt wurden, 
um den Neffen hinter dem Rticken des Oheims zu sehen. DaB die 
Schwagerin Johanna entartet war, ist und war allbekannt. Beethoven 
brauste auf, wenn von Johanna, mit der er prozessierte, die Rede war, 
und er meinte, durch Blochlinger hintergangen worden zu sein. Dann 
nannte er ihn in vertraulichen Brief en an einen Freund auch: Esel, 
Pferdeerzieher, Flegel („Beethovenjahrbuch"I, S. 106 ff.). Auch hat sich 
ein iiberaus grober Brief Beethovens an Blochlinger erhalten, worin 

4* 



52 Bohm 

es von Angriffen wimmelt und eine Drohung enthalten ist, Herrn 
BlOchlinger wegen Verfuhrung des Neffen durch dessen Mutter ge- 
richtlich zu belangen. Dieses fesselnde Schreiben, das uns wieder ein- 
mal den Meister in hellem Zorn erblicken laBt, befand sich im Januar 
1923 bei Gilhofer & Ranschburg in Wien zum Verkauf. Ein Teil des 
Briefes, der in der Tonart des beruhmten Wolanekbriefes gehalten ist, 
findet sich im Verkaufskatalog faksimiliert. Max Unger (im „Neuen 
Wiener Journal" vom 9. April 1924 und in der „Neuen Musikzeitung" 
1924, 1. Aprilheft) vermutet, dali der Brief nicht in Blochlingers Hande 
gelangt ist. Nach allem, was man weiB, war Blochlinger eine hochst 
ehrenhafte Natur, der ein boses Einverstandnis mit der Frau Johanna 
v. Beethoven nicht zugetraut werden darf. Man beachte auch die Ge- 
sprache von 1820, die bei Kerst (,,Erinnerungen" II, S.310ff.) mitgeteilt 
sind. SchlieBlich nach manchen Reibungen kam es doch noch zu einem 
Anerkennungsschreiben von Beethoven an den Anstaltsvorsteher. Das 
Blochlingersche Institut kam schon 1825 vom Chotekschen Palais weg 
in die FavoritenstraBe, dem Theresianum gegenuber, und machte der 
Joh. Hofmannschen Erziehungsanstalt Platz. Diese hat mit Beet- 
hoven und seinem Neffen nichts mehr zu tun. (Zu den Vormundschafts- 
angelegenheiten wahrend jener Jahre vgl. Th.-R. und „Die Musik", 
2. Juniheft 1906, S. 366 und Oktober 1909.) 

Bohm, Josef Daniel, Medailleur (geb. 1794 zu Wallendorf in der 
Zips, gest. 1865 zu Wien). Kam mit dem Meister in Verbindung, als 
er dessen Medaillon modellierte, das urspriinglich als Vorarbeit fur 
eine Medaille gedacht war. Als Entstehungszeit hat sich Ende 1819 
und Anfang 1820 als hOchstwahrscheinlich herausgestellt. Zu jener 
Zeit wurde Bohm sehr oft in den Gesprachsheften erwahnt (vgl. die 
Veroffentlichung von Walter Nohl, Bd.I, S.274, 278, auch „Die Musik", 
1905, Heft 5, S. 318). BOhm hatte schon vorher Zeichnungen des schrei- 
tenden Beethoven skizziert. Sie sind auf Silber graviert worden, noch 
durch Bohm selbst. Abbildungen in Frimmel, „Beethoven", 6. Aufl., 
S. 70. Die erste Abbildung des Medaillons geschah in J. J. Webers 
„IUustrierterZeitung" vom 19. Dezember 1885, nachdem schon 1880 in 
der „Neuen Zeitschrif t f ttr Musik" auf das Vorhandensein des Medaillons 
hingewiesen worden war. Dort ist auch zum erstenmal die Uber- 
lieferung mitgeteilt, daB Beethoven vor der ersten Sitzung, als er mit 
dem Kiinstler eintrat, und als eben unter groBer Staubentwicklung 
aufgeraumt wurde, kurz entschlossen den Wasserktibel ergriff und 
uber den staubigen FuBboden hinschtittete. Ich habe die Nachricht 
von einem Freunde des Medailleurs, von seinem nahen Bekannten, 
dem Altertumsforscher Fr. Kenner erfahren, und zwar noch zur Zeit 



Bohm 53 

ungeschwachter Erinnerung Kenners. In meinen „Beethovenstudien" 
Bd. I, S. 113ff. habe ich noch die ungenaue Datierung „um 1823", 
da ich meinte, das Medaillon sei erst nach J. D. Bohms italienischer 
Reise (1821 und 1822) entstanden. Nach den Angaben der Gesprachs- 
hefte muB man aber annehmen, daB Bohm, kaum aus der Akademie 
hervorgegangen, schon von 1819 auf 1820 die Arbeit begonnen hat, 
noch vor dem Studienaufenthalt in Italien. Diese genauere Datierung 
wurde dann aufgenommen in mein Buch, ,, Beethoven im zeitgenossischen 
Bildnis" (1923), S. 47ff., wo auch die Ahnlichkeitsfrage erortert ist. 
Bohm hatte gern noch eine zweite Sitzung erzielt: ,,Der Bohm wiinscht, 
daB Sie ihm noch eine Sitzung schenken mochten" (Gesprachsheft 30, 
BI. 40a), doch ist eine solche nicht nachweisbar. Auch war die Wachs- 
bossierung, die sich lange erhalten hatte, nicht vollig durchgebildet. 

(Zum Lebensgang des Kiinstlers vgl. meinen Abschnitt „J. D. Bohm" 
im „Lexikon der Wiener Gemaldesammlungen" und die ebendort ge- 
nannte Literatur, Bd. I, S. 189. Siehe auch ,, Blatter fur Gem.-Kunde" 
Bd.II, S.80ff., und „Studien und Skizzen zur GemSldekunde", Bd.V, 
S. 104.) 

Bohm, Josef, beruhmter Geiger (geb. zu Pest 1795, gest. zu Wien 
1876), Schiiler Rodes. Seit 1815 in Wien, dann auf Reisen. Wurde 
1819 Professor am noch ganz jungen Konservatorium der Gesellschaft 
der Musikfreunde in Wien, 1821 Mitglied der Hofkapelle. — Um Beet- 
hoven hat er sich durch gute Auffuhrungen der spaten Streichquartette 
sehr verdient gemacht. Gelegentlich wurde er vom Meister ,,der 
wackere Fiedler" genannt („Beethovenforschung", 2. Heft, S. 61 f.). 
Das spate Es-Dur-Quartett (Op. 127) hatte bei der Auffilhrung durch 
Schuppanzigh am 6. Marz 1825 einen recht schwachen Erfolg. Erst 
die Wiederholung durch den temperamentvollen Ungarn Bohm 
drang durch (dazu Schindlerll, S. 112, und Th.-R.V, S. 144, 180ff.). 
Zmeskall schrieb dartiber am 26. Marz 1825 an die Komtesse Therese 
Brunsvik: „Beethoven a termine un nouveau quatuor. — Schup- 
panzigh l'a d6ja joue" dans ses quattuors d'abonnement. Mais 
l'Autriche 6choua et la Hongrie triompha. Schuppanzigh eut la honte 
et B6hm la victoire. Beethoven, furieux du dedain avec lequel fut 
accueillie sa derniere m61odie, se facha, la fit ex^cuter par lui aux 
amis de l'art, et un succes brillant, 1'enchantement, l'admiration suivi- 
rent" (vgl. Andre de Hevesy, „Petftes amies de Beethoven", S.86f.). 
In diesen Zusammenhang oder ganz nahe daneben gehort ein Briefchen 
Beethovens an Bohm, das zuerst in den „Recensionen und Mit- 
teilungen uber Theater und Musik" von 1861, S. 788, durch H— e 
veroffentlicht und in „Beethovenforschung" II vom Juli 1911 erlautert 



54 Bohmsche Theatergesellschaft — Booklet 

ist. Die Erzahlung vom Bombardement mit den schlechten Eiern bei 
Gelegenheit eines Friihstiicks, das Beethoven dem Geiger Bohm auf- 
tragen lieB, ist durch diesen iiberliefert worden. (Dazu Frimmel, ,, Beet- 
hoven", V. Auflage, S. 72 und 97, und die obengenannten Quellen.) — 
Schon 1818 und 1819 hatte Bohm in Konzerten, die er gab, Beethoven- 
sche Werke spielen lassen, wie die Ouverturen zu „Prometheus" und 
„Egmont", und das Lied, „Wachtelschlag" (Th.-R. IV, S. 570). Bei 
der Beethovenfeier der Concerts spirituels im Mai 1827 trug Bohm das 
Violinkonzert Beethovens vor. 

(Zu Jos. Bohm vgl. die Musiklexika einschlieBlich des F. S. GaBner- 
schen. Hanslick, „Geschichte des Concertwesens" in Wien, passim 
London, „Beethovenalbum" S. 188. C. F. Pohl, „Die Gesellschaft der 
Musikfreunde des oest. Kaiserstaates" [1871], S. 185. Rich. v. Perger, 
R. Hirschfeld und Mandyczewski, ,,Geschichte der Gesellschaft der 
Musikfreunde" [1912].) 

Jos. BOhms Bildnis ist von J. Kriehuber auf Stein gezeichnet worden. 

Bohmsche Theatergesellschaft in Bonn. Nach dem Tode des Kur- 
fUrsten Max Friedrich und der Theaterdirektorin Frau GroBmann 1784 
loste 1785 die Bohmsche Truppe die vorher tatig gewesene GroBmann- 
sche ab. Auf die Bohmsche Truppe folgte 1787 fur kurze Zeit die 
Klossche (Th.-R. I passim). 

Blumenstock. Altwiener Gasthaus, noch heute wenigstens als Kaffee- 
haus bestehend, und zwar im BallgaBchen, innere Stadt, alte Nr.986 
(1816 und fruher Hausbesitzer Mathias Hawranek, jetzt Nr. 6, Kon- 
skriptionsnummer 72), im Volksmund ,,Blumenstockl im Ballgassel" 
genannt. Beethoven besuchte dieses Kaffeehaus sehr oft, woriiber 
Schindler berichtet, der gleichfalls in Gesellschaft anderer „Josephiner" 
hinkam. (Dazu meine Studie „Beethoven als Gasthausbesucher in 
Wien" im neuen „Beethovenjahrbuch", Bd. 2.) 1819 und 1820 diirfte 
Beethoven fur kurze Zeit im Blumenstock gewohnt haben. Eine Ein- 
gabe Beethovens an den Magistrat vom 30. Oktober 1819 und ein 
Rekurs ans Appellationsgericht vom 7. Januar 1820 geben die Wohnung 
an „im Blumenstockl" mit naherer Angabe „neben dem Wiener Zeitungs- 
Comptoir". Doch diirfte Frau Demel (siehe dort) das Aufraumen bei 
Beethoven besorgt haben. 

Booklet, Karl Maria v., Musiker, Geiger und Klavierspieler (geb. 1801 
zu Prag, gest. 1881 zu Wien). Kam 1817 und 1823 in vorubergehende 
Verbindung mit Beethoven (Th.-R. IV, S. 15 und 465). DaB nicht 
Bocklet, sondern Wurfel 1825 Beethovens B-Dur-Trio Offentlich vor- 
getragen hat, geht aus Th.-R. V, S.260 hervor. Die warme Emp- 
fehlung, die Beethoven dem jungen Bocklet an Steiner mitgegeben 



Boer — Boldrini 55 



hat, ist schon bei Seyfried „Beethovens Studien", Anhang S. 35 mit- 
geteilt; Beethoven hielt den jungen Ktinstler nur far einen Virtuosen 
auf der Geige. (Siehe auch Breuning, „Aus dem Schwarzspanierhause", 
S. 76). — Zur Lebensgeschichte Booklets, Musiklexika, Hanslick, „Das 
Concertwesen in Wien", und Th.-R.) 

Boer (Otto de Boer), hollandischer Maler und Musikdilettant (geb. 
Woudsend in Friesland 1797, gest. Leeunwarden 1856). Besuchte 
Beethoven, fur dessen Musik er begeistert war, am 2. August 1825, 
wie man aus den Gesprachsbilchern entnehmen kann. Im Verlauf der 
Unterhaltung auBert de Boer den Wunsch, ein Bildnis Beethovens zu 
malen. Sicher blieb es bei der Absicht. (Vgl. „Studien und Skizzen 
zur Gemaldekunde", Bd. IV, 1 und 2. Lieferung, S.27f., wo die Ver- 
offentlichung eines Konversationsheftes in Kersts „Erinnerungen" 
benutzt ist. Vgl. auch Th.-R. V, S. 226 und: Canones.) 

Boldrini, Carlo. Musikverleger, spater Privatmann. Kam 1804 als 
Hilfskraft (Garzone) in die Kunsthandlung Artaria, wurde schon 1810 
Teilhaber des Geschaftes, heiratete 1824 die Tochter des reichen Arztes 
Martini, der im Hause der Kunsthandlung wohnte. Damals trat er 
aus. (Freundliche Mitteilung des Hauses Artaria.) Einen Brief Beet- 
hovens an Boldrini vom 20. Dezember 1820 habe ich veroffentlicht in 
„Neue Wiener Musikzeitung" (V. Kratochwills Verlag) vom September 
1890. Fehlt in Kalischers Ausgabe. Bei Kastner mit unrichtiger An- 
gabe des Erstdruckes. Faksimile einer Seite dieses Briefes in meinem 
„Beethoven". Urn 1820 stand Beethoven in starkem Verkehr mit 
Boldrini und Artaria, die ihm in Geldangelegenheiten behiflich waren, 
wie man aus diesem und anderen Briefen entnimmt. Boldrini wurde 
von Beethoven scherzweise „Falstaff" genannt, wie Schuppanzigh. 
Wie dieser berQhmte Geiger, war auch Boldrini ein beleibter Herr. Auf 
einem lebensgroBen Brustbild im stadtischen Rollettmuseum zu Baden 
ist er denn auch wohlbeleibt dargestellt. (Herr Haus- und Hofarchivar 
Dr. Fritz ReinOhl teilt mir noch weiter giitigst mit, daB das Bildnis 
einen vornehmen Eindruck macht. „Gewinnende wohlwollende Phy- 
siognomic", auf der Kehrseite der Vermerk „Joh. Ritter von Lampi 
1851"). In den Gesprachsheften um 1820 ist gelegentlich von Boldrini 
die Rede. (Vgl. Walter Nohl I, S.421, und Th.-R. IV, S. 196.) Boldrini 
starb nach Rollett 1850. Demnach durfte das obenerwahnte Bildnis 
erst nach seinem Ableben vollendet worden sein; begonnen wurde es 
wohl bei Lebzeiten des Dafgestellten. — Gemeinsam mit Artaria lieB 
Boldrini die Cholerakapelle bei und ein neues Armenhaus in Baden 
erbauen. (Nach H. Rollet, „Neue Beitrage zur Chronik der Stadt 
Baden III [1890], S.69f.) In einem Beethovenschen Skizzenbuche von 



56 Bondi — Bonn 



1817 steht, wie ich vermute, ein Vermerk fur die Druckerei „Poldrini 
1817, mit inniger Empfindung, doch entschlossen wohl accentuirt 
sprechend vorgetragen". Bezieht sich auf das Lied „ Resignation", 
das im Marz 1818 in der „Wiener Zeitschrift fur Kunst usw." erschienen 
ist. (Vgl. Nottebohm II, „Beethoven", S. 349f.) 

Bondl, Clemente (geb. 1742 zu Mezzana, gest. Wien 1821). Dichter, 
der eine Zeitlang dem Jesuitenorden angehOrt hat noch kurz vor dessen 
Aufhebung. Eine Weile lebte er in Tirol, dann in Brunn als Biblio- 
thekar und Erzieher der Sonne des Erzherzogs Ferdinand. Spater 
war er in Wien bis 1816 Lehrer im Hofstaat der Kaiserin Maria Ludo- 
vica. Es ist sehr wahrscheinlich, daB er in Wien mit Beethoven zu- 
sammengekommen ist, da er dem Kreise Malfatti und Bertolini an- 
gehbrte. Beethoven hat doch eine Kantate ftir Bertolini nach Bondis 
Text geschrieben. (Siehe bei: Bertolini und: Kantaten.) 

Bonn, die bertihmte Stadt am Rhein, in mehrfacher Beziehung 
durch ihre Geschichte, Kunstpflege und sonstige Kultur von hoher 
Bedeutung, ist ftir uns besonders wichtigdadurch, daB Beethoven dort 
geboren und erzogen wurde. Die Taufe failt auf den 17. Dezember 1770. 
Uber den Tag derGeburt herrscht Meinungsverschiedenheit (siehe bei: 
Geburtstag). Ober die fruhe Kindheit ist so gut wie nichts bekannt. 
Die Wohnungen, die von Beethovens bis Ende 1792 benutzt wurden, 
sind von Thayer und Deiters eingehend studiert worden. Jetzt ist die 
Forschung iiber Beethovens Bonner Zeit hauptsachlich in den Handen 
des Vereins Beethovenhaus, der 1889 gegriindet wurde und sehr 
bald mit allerlei Verciffentlichungen und Konzerten auftrat. (Vgl. 
hauptsachlich: F.A.Schmidt und Knickenberg, „Das Beethovenhaus 
in Bonn" [191 1], und den „Bericht uber die ersten fiinfzehn Jahre" des 
Vereinsbestandes von 1889 — 1904, uberdies Viele Konzertprogramme 
und die prachtigen Verbffentlichungen des jtingsten Jahrzehnts, die 
in der „Bibliotheca Beethoveniana" verzeichnet sind. Ober die Zu- 
stande in Alt-Bonn hatte schon Thayer reichlichen Stoff zusammen- 
getragen und verarbeitet, und Ad. Sandberger und Schiedermair er- 
ganzten das Material in dankenswerter Weise. Vieles auch bei Prod'- 
homme, „La jeunesse de Beethoven" [1921], wo [nach Sandberger] auch 
Robineaus Urteil iiber dieMusik in Bonn von 1791 mitgeteilt ist. Sie sei 
„tres bonne" gewesen, was die sonstigen Urteile bestatigt, daB Bonn ein 
Hauptsitz der Musikpf lege zur Kurfiirstenzeit gewesen ist.) — DaB Beet- 
hoven 1789 an der Bonner Universitat (diese war 1786 vom Kurfursten 
Max Franz gegriindet worden) immatrikuliert war, erfuhr man durch 
Ernst Biicken (siehe ,,Die Musik", 2. Marzheft 1913). Die wichtigste 
Quelle fur Beethovens Bonner Zeit, namlich die Fischersche Hand- 



Born — Boucher 57 



schrift, ist vollstandig mitgeteilt bei Th.-R. Bd. I (siehe uberdies 
bei: Breuning, Anklange an altere Meister, Neefe, Verwandte, Wald- 
stein). 

Born, Baronin, Schwester der Majorswitwe Baumgarten. Sie wohnte 
bei der Schwester in Wien zur Zeit, als der Neffe Karl bei Baumgarten 
inder Kost war (Th.-R. IV, S. 211 , und Walt. Nohl, „Konv.-H." I, S. 329). 

Bossier, Heinr. Philipp, Verleger in Speyer, brandenburgisch-onolz- 
bachscher Rat. (Nur das Todesdatum: 1812 ist bekannt.) Bossier hat 
einige Jugendwerke Beethovens herausgegeben, so die drei Kurfiirsten- 
sonaten von 1783 und in der „Blumenlese ftir Liebhaber" im genannten 
Jahr ein Lied und ein Rondo. Das Lied „Schilderung eines Madchens" 
mit der ausdriicklichen Angabe „von Herrn Ludwig van Beethoven alt 
eilf Jahre" (man weiB, daB die Altersangabe unrichtig war). Das Rondo, 
in C-Dur, hat keine Signatur, doch hat Max Friedlander (in „Musik- 
bibliothek Peters", 1899, S. 68f.) hochst wahrscheinlich gemacht, daB 
diese kleine Komposition, die unmittelbar auf das Lied folgt, ebenfalls 
von Beethoven herstammt. (Vgl. auch Th.-R. I nach Register.) Es 
ist anzunehmen, daB der junge Beethoven, der sicher durch Neefe an 
Bossier empfohlen war, den Letztgenannten auch personlich kennen 
gelernt hat. Ist doch in dem Junkerschen Brief, der am 23. November 
1791 in Bosslers „Musikal. Correspondenz" erschienen ist, darauf an- 
gespielt, daB Beethoven schon „Reisen" gemacht hatte, als er Junker 
kennen lernte. Dabei denkt man ja sicher in ersterLinie an die Wiener 
Reise von 1787 zu Mozart, aber wir mtissen uns vorstellen, daB Speyer 
stromaufwarts von Bonn aus unschwer erreichbar gewesen, und dort 
befand sich Bosslers Verlag. Man kann vermuten, daB der junge Beet- 
hoven in seiner Bonner Zeit auch Mannheim besucht hatte, das ja 
am Wege nach Speyer lag (siehe bei: Reisen). 

Boucher, Alexander (geb. 1778 zu Paris, gest. ebendort 1861), be- 
rtihmter Geiger. Nach wiederholten vergeblichen Versuchen, Beet- 
hoven in Wien personlich zu treffen, hatte Boucher am 29. April 1822 
das Gliick, mit dem Meister zusammenzutreffen. Ein Empfehlungs- 
schreiben Goethes hatte bewirkt, was eine ganze Reihe anderer Emp- 
fehlungen nicht vermocht hatten. Diesem Besuch des Geigers Boucher 
bei Beethoven verdankt das kleine zweistimmige Musikstiick vom 
29. April 1822, das im Faksimile veroffentlicht ist, seine Entstehung. 
Diese Angelegenheit ist eingehend besprochen nach alten Quellen, die 
genau angegeben sind im II. Band meiner ,,Beethovenstudien", S.73ff. 
Die kOrperliche Ahnlichkeit Bouchers mit Napoleon I., die nicht anzu- 
zweifeln ist, wird auch herangezogen durch J. Blaschke in dem Aufsatz 
,, Napoleon I. und die Musik" in der „Neuen Musikzeitung", 20. August 



58 Bradamante — Braun 



1907. Nach den „BIattern aus der Qegenwart" von 1845 erzahlt 
P. L. die bekannte Begegnung mit Beethoven (in der „Wiener Sonn- 
und Montagszeitung", 30. Juli 1923). In meinem „Beethoven" ist das 
Musiksttick abgedruckt. 

Bradamante (siehe bei: Opernplane). 

Brauchle (wiederholt: Magister genannt) war Erzieher der jungen 
Erdodys in Jedlersee bei Wien. Er gait sehr viel bei der Grafin und 
bei Beethoven, der so oft bei dieser verkehrte. Schindler erzahlt nur nach 
Brauchle, oder dem HOrensagen eine hochst unwahrscheinliche Ge- 
schichte, daB Beethoven sich aus Liebesgram wegen Giulietta Guicciardi 
im Park zu Jedlersee habe erhungern wollen. Thayer hat langst nach- 
gewiesen, wie einf altig diese Geschichte ist. Im Lauf e der Jahre, die er bei 
Erdodys verbrachte, scheint Brauchle, der oft in Beethovens Briefen 
genannt wird, und auf den der Meister auch einen Kanon geschrieben 
hat, sich etwas oder auch sehr iibernommen zu haben. An der diisteren 
Katastrophe in der Familie, die zur Verbannung der Grafin aus Oster- 
reich ftihrte, ist Brauchle jedenfalls beteiligt gewesen (vgl. Th.-R. 
Bd. II, III, IV und bei: Erdody. Neueste Forschungen von Dr. G. Haupt. 

Braun, Carl v. Braunthal, Schriftsteller (lebte 1802—1866). Er 
teilte 1840 in der „Siiddeutschen Zeitung" oder in der „Abendzeitung" 
(Dresden, Leipzig 4. 1842, Nr. 3) Erinnerungen mit, die sich auf Beet- 
hoven beziehen, wie er in seinen letzten Jahren in einem kleinen Wiener 
Gasthaus verkehrte, und zwar „manchen Winterabend". Die Ge- 
sprachshefte wurden benutzt, wohl auch die Skizzenbiicher. „Bisweilen 
nahm er ein zweites starkeres Heft aus seiner Herzenstasche — ich 
meine die linke Brusttasche eines schlichten grauen Oberrocks, und 
schrieb mit halb geschlossenen Augen." Franz Schubert, zu dessen 
Bekanntenkreis Braun v. Braunthal gehorte, klarte ihn darttber auf, 
daB Beethoven so komponiere. Er trank Bier und rauchte aus einer 
langen Pfeife. (Ich verweise auf Ludw. Nohl, ,, Beethoven nach den 
Schilderungen seiner Zeitgenossen" S. 230ff., und auf Kerst, „Erinne- 
rungen" II, S. 276ff.) 

Braun, Peter Freiherr v. (geb. 1758, gest. 1819 zu Wien), Staats- 
beamter, dann Industrieller, der 1789 eine Seidenfabrik errichtete und 
sie dann mit Erfolg betrieb. Er wurde 1795 Baron, kaufte 1796 die 
Herrschaft Schonau bei Voslau und wurde in jenem Jahre Hofbankier. 
1801 kaufte er die Herrschaft Joslowitz in Mahren. Schon 1794 hatte 
er die beiden Hof theater gepachtet, und diese leitete er vom 1. August 
jenes Jahres bis zum 25. Oktober 1806. C. v. Wurzbach nennt diese 
Jahre der Theaterverwaltung „die goldene Ara" der verwalteten 
Buhnen. Braun fand iibrigens eine sehr ungleiche Beurteilung als 



Braun 59 

Person und als Theaterpachter. Man lieB sogar eine Petition an den 
Kaiser gelangen, die gegen die Verpachtung der Buhnen gerichtet 
war. Nicolai hatte ihn 1784 „zu den grOBten Kennern der Musik unter 
den Liebhabern" gerechnet. „Er schatzt besonders die Kompositionen 
des groBen Philipp Em. Bach. Er hat freylich darin den zahlreichsten 
Theil des Publicums zu Wien wider sich . . .", wo der Geschmack 
eine andere Richtung hatte. „KozeIuch und Steffan waren ihnen [dort] 
fiir das Klavier alles . . ." Aus anderer Quelle erfahrt man, daB Baron 
Braun selbst virtuoser Dilettant im Klavierspiel und Tonsetzer von 
Begabung gewesen. Jedenfalls haben wir ihn als tatkraftigen, hoch 
begabten Mann zu schatzen, der auch Beethovens Talent erkannte. 
Sonst hatte er nicht den „Fidelio" zur Auffuhrung gebracht. Reichardt 
beurteilte ihn offenbar zu hart, wenn er ihn 1808 einen „Mann ohne 
Sinn und Geschmack fiir die Kunst" nennt. Beethoven zerkriegte 
sich iibrigens mit dem sehr einfluBreichen, freilich geschaftlich den- 
kenden Baron, von dem er nach dem geringen Erfolg des „Fidelio" im 
Jahre 1805 die Partitur in brtisker Weise zuruckverlangte. Er arg- 
wOhnte, in der Ablieferung seines Anteils benachteiligt zu sein. So 
erzahlte Jos. Aug. Rockel wiederholt, der damals mit Braun und Beet- 
hoven als Sanger des Florestan in enge Beriihrung kommen muBte 
(Rockels Erzahlungen sind oft gedruckt worden, u. a. bei Thayer, auch 
bei Kerst). FrUher muB das Verhaltnis Beethovens zu Braun ein 
freundliches gewesen sein. Spielte doch der Meister 1797 in der 
Rombergschen Akademie, die Braun veranstaltet hatte, widmete er 
doch der Baronin 1799 die Klaviersonate Op. 14 und noch 1801 die 
Hornsonate. (Dazu Th.-R. II passim. Zu Braun und seiner Theater- 
leitung auch die Lexika von Gerber, Graffer, uberdies Richard Walla- 
schek im IV. Bd. des Werkes „Die Theater Wiens", 1909, S. 18f.) 
Wie sich Beethoven familiar uber Braun aussprach, kann man einem 
Brief Kaspar Karl v. Beethovens an Breitkopf & Hartel vom 22. April 
1802 entnehmen. Braun wird da „ein dummer und roher Mensch" 
genannt (Th.-R. II, S. 112). Ein Brief Beethovens an Baron Braun be- 
fand sich etwa 1884 bei Kapellmeister Ad. Muller (1801—1886) in 
Wien. Kastner Nr. 124. 

Braun, Wenzel. Name eines Bedienten Beethovens. Im Fischhoff- 
schen Manuskript heiBt es: „Mein letzt ausgetretener Bedienter heiBt 
Wenzel Braun — ist am 17. Mai 1817 ausgetreten" (A. Leitzmann: 
„Beethovens personliche Aufzeichnungen", Nr. 145). Er ist derselbe, der 
Beethoven im Fruhling 1817 zu NuBdorf noch bose Streiche gespielt 
hat, wie der Meister in einem Schreiben an Frau Streicher klagte. 
Nach Schindler sei er Beethovens letzter Bediente gewesen. 



60 Braunhofer — Breitkopf & Hartel 

Braunhofer, Anton, angesehener Arzt in Wien, der Beethoven in den 
Jahren 1820—1825 behandelte. Er gab wiederholt eingehende Ver- 
haltungsmaBregeln wahrend der heftigen Gedarmerkrankung des 
Meisters im Winter 1824/25. Dartiber geben die Gesprachshefte Aus- 
kunft, die schon bei Ludw. Nohl III, S.577ff. und Th.-R. V passim und 
S. 192—195 benutzt sind. Siehe audi Schindler II, S. 112. Mit den 
Beziehungen zu Beethoven von 1820 hangt die Widmung des ,,Abend- 
liedes unter dem gestirnten Himmel" zusammen. Es scheint, daB Beet- 
hoven gratis behandelt wurde, obwohl er sich dem Arzt gegenuber 
zahlungspflichtig fuhlte, sonoch 1826 (dazu Th.-R. V, S.285, und „Beet- 
hovenjahrbuch", Bd. I, S.76 und nach Register)* Der Kanon: „Doktor, 
sperrt das Tor dem Tod" ist Braunhofer gewidmet (siehe: Canones). 
In der Todeskrankheit kommt Braunhofer nicht mehr in Frage. Er 
ging nicht mehr ans Krankenlager (Schindler II, S. 132). 

Nach J. J. Littrow, „Gemeinniitziger und erheiternder Hauskalender" 
fiir 1827 und anderen Quellen wohnte Dr. Ant. Braunhofer, „ Professor 
der allgemeinen Naturgeschichte und Technologie an der K. K. Wiener 
Universitat", am Bauernmarkt im Gundelhof Nr. 588. Bei F. H. Bockh 
wird er als Schriftsteller im Fach der Mineralogie angefuhrt. 

Breitkopf & Hartel, das beruhmte Leipziger Verlagshaus, das be- 
sonders fiir Beethoven von groBer Bedeutung ist. Angefangen wurde 
schon 1719 durch Bernhard Christoph Breitkopf (lebte 1695 bis 
1777) mit einer Buchdruckerei. Der Enkel Immanuel Breitkopf (lebte 
von 1719—1794) wurde 1745 Teilhaber des Geschaftes. Seine Ver- 
dienste um den Notendruck und den Musikalienhandel sind weit be- 
kannt. Nach dem Ableben Immanuels ubernahm sein zweiter Sohn 
Christoph Gottlob Breitkopf (lebte von 1750—1800) das Geschaft. 
Er verband sich mit Gottfried Christoph Hartel (lebte 1763 bis 
25. Juli 1827), wonach die Firma Breitkopf & Hartel hieB. Damit sind 
wir in die Zeit Beethovens heraufgeriickt, der von 1801 — 1815 mit 
der Firma in enger Verbindung stand. Der erste Brief des Meisters 
an den Verlag ist vom 22. April 1801 (faksimiliert im Jahrbuch „Der 
Bar" f(ir 1924, Bd. I), der letzte vom 10. Marz 1815. 

In jener Zeit ist eine ganze Reihe groBer und kleiner Werke von 
Beethoven bei Breitkopf & Hartel verlegt worden, so das C-Dur- 
Quintett Op. 29, das Sextett Op. 71, ein Klavierauszug aus „Fidelio", 
die ftinfte und sechste Symphonie, der „Egmont", die,,Chorfantasie", 
die „C-Dur-Messe" und anderes. Ein Hauptverdienst der Firma ist es 
aber, eine Gesamtausgabe der Werke Beethovens veranstaltet zu 
haben, deren Noten und Revisionsberichte zu den wichtigsten Hilfs- 
mitteln der Beethovenforschung gehoren. 



Brentano 61 

(Zur Geschichte des Hauses Breitkopf & Hartel vgl. Osk. v. Hase: 
„Breitkopf und Hartel, Gedenkschrift und Arbeitsbericht", Bd. I, 1917, 
und Bd. II, 1919. — Die Briefe Beethovens an die Firma wurden zu- 
erst fOr den Verlag selbst gedruckt, zusammengestellt von La Mara 
[Privatdruck]. Seither sind mehrere weitere aufgefunden worden. Die 
Briefe Kaspar Karls v. Beethoven an Breitkopf & Hartel aus der Zeit 
von 1802—1805 gedruckt bei Th.-R. II, S.610ff. — In der genannten 
Beethovenbiographie finden sich auch viele Briefe des Meisters an die 
Firma benutzt. Auch die Briefausgaben von Prelinger, Kalischer- 
Frimmel, E. Kastner und anderen. Vgl. auch W. Bode [Weimar]: 
„Die Tonkunst und Goethes Leben" [1912].) 

Brentano, Clemens (geb. 1778 zu Ehrenbreitstein, gest. 1842 zu 
Aschaffenburg). Beruhmter Dichter der romantischen Zeit. Er kann 
mit Beethoven vielleicht schon vor 1811 in Verbindung. Es scheint, daB 
er ihn in einem Wiener Kaffeehaus aufgesucht hat. 1811 waren sie 
gleichzeitig in Teplitz. Clemens Brentano iiberfloB in seiner Art von 
Verehrung Beethovens. Eine Kantate auf den Tod der Konigin Luise 
sollte von Beethoven komponiert werden. Die eigene Handschrift 
und eine Kopie wurden im Januar an Antonie Brentano nach Wien 
geschickt, und Beethoven erhielt das Original. Er hat auch einige 
Gedanken dazu skizziert, ohne den Plan wirklich auszufiihren. (Hierzu 
Heinz Amelung: „Beethoven und die Brentanos" in: „Tagliche Rund- 
schau", Berlin, 14. Mai 1921, wo auch ein Brief ohne Datum von 
Clemens Brentano an Beethoven mitgeteilt ist. Dadurch ist eine 
altere Arbeit von Alfr. Christl. Kalischer im „Euphorion" vom Juni 
1895 und dann wieder in Kalischer und Hirschberg, „ Beethoven und 
Wien", S. 217ff. tiberholt. In Frage kommt auch Max Unger, „Beet- 
hovens Badereisen von 1811 und 1812" in: ,,Neue Musikzeitung", 
Dezember 1917.) 

Brentano, Elisabeth (Bettina), (geb. Frankfurt a. M. 4. April 1785, 
gest. Berlin 20. Januar 1859). Tochter Peter Anton Brentanos und 
seiner Frau Maximiliane, geb. La Roche. 

Bettina war eine der merkwurdigsten, sonderbarsten Erscheinungen 
in der Schriftstellerwelt der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts, in 
vieler Beziehung hbchst f esselnd, ein freilich hysterisches Wesen, aber von 
groBer Bildung und jederzeit in geistreicher Gesellschaft sich bewegend, 
wie es heiBt, auch von korperlichen Reizen. Im Mai 1810 kam sie 
nach Wien, wo sie in der verwandten Familie des Hofrats von Birken- 
stock lebte und bald mit Beethoven bekannt wurde. Der Meister 
wurde von dem „Kinde <! Goethes angezogen, dies steht fest, auch 
wenn es sich als sicher herausstellt, daB er keine leidenschaftliche Liebe 



62 Brentano 

zu ihr gefiihlt hat. Bettina war damals mit Ludwig Joachim v. Arnim 
verlobt. Sehr bezeichnend fur ihr etwas verstiegenes Wesen ist das, 
was Zelter an Goethe anfangs Marz 1811 schreibt: „Bettine hat am 
Sonntage vor acht Tagen Hochzeit machen wollen. Da hatten beyde 
einige Kleinigkeiten zu besorgen vergessen; zum Exempel sich auf- 
bieten zu lassen, eine Wohnung zu miethen, ein Bette anzuschaffen 
und dergleichen. Daruber muB nun die Sache, ich glaube gar bis nach 
Fasten, in statu quo bleiben." Beethoven kam oft zu Birkenstocks, 
und nach Bettinas Abreise von Wien schrieb er an Bettina min- 
destens einen Brief. Bettina hat dann aber drei Briefe als Sen- 
dungen von Beethoven veroffentlicht. Daran knupften sich lang- 
wierige Streitigkeiten , die wohl damit ihren AbschluB finden, daB 
man nun weiB, es sei nur einer der Briefe in der Urschrift gesehen 
worden, die beiden anderen sind entweder ganz oder grOBtenteils von 
Bettina erfunden. Ganz klar ist es heute ffir alle, die nicht durch 
Familienzusammengehorigkeit gebunden waren, wie z. B. Hermann 
Grimm, daB Bettina zwar iiber eine nicht gewohnliche dichterische 
Begabung verfugte, aber ihrerAnlagenach zu irgendwelcher geschichts- 
wissenschaftlichen Veroffentlichung nicht tauglich war. Jedes Wort, 
das sie sagte oder schrieb, ist hOchstens als ungefahr richtig zu 
bewerten, also auch das, was sie 1852 dem russischen Forscher Lenz 
und spater dem Amerikaner Al. W. Thayer erzahlte, besonders aber, 
was sie an Goethe und Puckler-Muskau schrieb (siehe Lenz, „Beethoven, 
eine Kunststudie" I, S. 145, und Th.-R. Ill nach Register). 

Auf die Briefangelegenheit wird an dieser Stelle nicht weiter ein- 
gegangen. Wird sie doch in alien Briefsammlungen mit oder ohne 
scharfe Kritik behandelt. — Bettinen begegnen wir in der, wie man 
weiB, heute schon flberaus heimtuckisch verzweigten Goetheliteratur un- 
zahlige Male (dazu viele Nachweise im „Goethejahrbuch" und neuestens 
in: „Der Bar" 1925). — Das Geburtsjahr ist einmal ohne zwingende 
Grunde mit 1788 statt 1785 angenommen worden (siehe Reinh. Steig, 
„Bettina, Auszuge aus den Werken Bettinas", in der „Deutschen Rund- 
schau" vom August 1892). Ludwig Geiger hat die Angelegenheit nach 
dem Taufbuch der katholischen Stadtpfarre zu Frankfurt a. M. wieder 
in Ordnung gebracht, und zwar in dem Aufsatz: „Wann ist Bettina 
geboren" („Miinchener allgemeine Zeitung" vom 14. Juni 1894, Beil., 
Nr. 135). Bei Goedecke im „GrundriB", in der „allgemeinen deutschen 
Biographic" und in vielen anderen Nachschlagebiichern sind die rich- 
tigen Daten zu finden. Des besonderen auf die Zeit von 1810 auf 1811 
beziehen sich der Aufsatz von Reinh. Steig: „Achim und Bettina 
v. Arnims Verheiratung" in der „Deutschen Rundschau" vom Januar 



Brentano 63 

1904 (S. 124—130) und H. Brunner, „Ludwig Emil Grimm als Schuler 
der Munchener Akademie (seit 1809), aus den Lebenserinnerungen eines 
Kiinstlers", in der Beilage zur „MUnchener Allgemeinen Zeitung" vom 
28. Marz 1907, Nr. 73, in neuerer Zeit Albert Leitzmann in: ..Deutsche 
Revue", Jahr XLIII. Februar 1918, S. 109ff. Jul. Zeitler, ..Goethe- 
handbuch" I, S. Illf. (1916). 

Ein Gedicht, das Beethoven angeblich auf Bettina gemacht haben 
soli, ist nicht echt. Ich konnte es 1909 in der alten Urschrift sehen, die 
gewiB nicht von Beethovens Hand war. — Bettina kann als Anregerin 
zu Beethovens Reisen in die bohmischen Bader gelten (hierzu : „Beet- 
hovenforschung", Heft 10). 

Bettina Brentano-Arnim war nicht die „unsterbliche Geliebte" 
Beethovens (hierzu Max Unger, „Auf Spuren von Beethovens Unsterb- 
licher Geliebter", Heft 37 der Reihe „Musikalisches Magazin" (Langen- 
salza, H.Beyer), 1911, Frimmel, „Beethovens unsterbliche Geliebte" 
in: „Buhne und Welt" (Leipzig, Georg Wigand), Februar 1912, und 
Alb. Leitzmann, „Beethoven und Bettina" in: „Neue Revue" vom 
Februar 1918. Vgl. auch „Die Musik" III, S. 376 ff . — Als wenig be- 
kannte Schrift sei noch angefuhrt G. J. Kern, „Karl Blechens Ende und 
Bettina von Arnim" in der Zeitschrift „Kunst und Kunstler" (Jahr IX, 
Heft 1, Oktober 1910). 

Brentano, Franz, Dominik Maria Josef (geb. 1765 zu Frankfurt a. M., 
gest. ebendort 1844). GroBhandler, eine Zeitlang Schoffe und Senator 
zu Frankfurt. Er veYmahlte sich 1798 mit Antonia Josef a Edlen 
v. Birkenstock, der Tochter des Hofrats v. Melchior von Birkenstock. 
Antonia (1780 zu Wien geboren) zog nach ihrer Verehelichung nach 
Frankfurt. Als Vater Birkenstock 1809 schwer erkrankte, kamen 
Brentanos nach Wien, wo sie dann nach dem Ableben des alten Hof- 
rats (dieses erfolgte am 30. Oktober 1809) drei Jahre verblieben. Jeden- 
falls fallt in jene Zeit der haufigste Verkehr mit Beethoven. 

Franz Brentano hat dem Meister wiederholt in Geldverlegenheiten 
ausgeholfen. Beethoven nannte Brentanos Schindlern gegeniiber 
„seine besten Freunde in der Welt" (vgl. Schindler 1 1, S. 45 f .). Er wurde 
von ihnen niemals an seine Verpflichtungen erinnert, auch nicht, als 
Franz Brentano die Zahlung Simrocks in Bonn fur die groBe Messe 
und anderes vorgeschossen hatte. Beethoven hat die Schuld, sobald 
er nur konnte, selbst abgetragen. — Das Stielersche Beethovenbildnis 
ist auf Veranlassung der Brentanos gemalt worden. 

Mit den Eltern kam auch die kleine Maximiliane, „Maxe" ge- 
nannt, nach Wien, gegen die sich Beethoven freundlich erwies. Sie 
war zehn Jahre alt (ist geboren 1802), als ihr der Meister „zur Auf- 



64 Brentano — Breuning 



munterung im KlaVierspielen" das kleine „Trio in einem Satze" aus 
B-Dur widmete (Thayer, „Chronol. Verz.", Nr. 173, Breitkopf <& Hartel V, 
S. 127). Noch 1821 denkt er anMaxe, welcherdie KlaviersonateOp. 109 
dediziert wurde (Thayer, „Chron. Verz.", Nr. 227). Maximiliane war 
Schiilerin des jiingeren Rust (vgl. Er. Prieger, „Fried. W. Rust, ein Vor- 
ganger Beethovens" [18941, S. 6). Mit Widmung an Antonie Brentano 
sind spater die 33 Variationen uber einen Walzer von Diabelli erschienen. 

(Zu Franz Brentano und den sonst genannten Mitgliedern der Fa- 
milie vgl. R. Jung, „Goethes Briefwechsel mit Antonie Brentano" 
[1896], wo auch eine Stammtafel der Familie zu finden ist, fernerTh.-R. 
Bd.IIIund IV,besondersIII,S.214ff. Daneben auchLudwigNohl,„Die 
Beethovenfeier" [1871], S. 57, und Leopold Schmidt, „Beethovenbriefe 
an Nik. Simrock usw." [1909].) — Ein sonst iibersehener Brief Beet- 
hovens an Brentano befindet sich in Koln („Zeitschrift f. Musikwissen- 
schaft", April 1920). — Antonia Brentano spielte eine wichtige Rolle, 
als Beethoven seinen Neffen Karl zu Sailer nach Regensburg schicken 
wollte (1819). Hierzu Ad. Sandberger, „Beethoven-Aufsatze" (Mun- 
Chen, Drei-Maskenverlag 1924). Vgl. auch Dr. M. Bauer, ,,Geist und 
Leben im alten und neuen Frankfurt" (1918). 

Brentano, Sophie (geb. 1776 zu Ehrenbreitstein, gest. zu Osmann- 
stedt 19. September 1800). Sie war als Herbersteins Braut lange in 
Wien gewesen (Thayer nach 0. Jahn). Ihr vorzeitiger Tod vereitelte 
die Vermahlung. Beethoven hat sie moglicherweise noch in der Bonner 
Zeit oder spater im Birkenstockschen Hause zu Wien kennen gelernt. 

Breuning. Die Familie v. Breuning hatte in Bonn fur Beethovens 
Jugend groBe Wichtigkeit. Die Bekanntschaft mit dem jungen Kiinst- 
ler durfte um 1783 begonnen haben. Dartiber herrscht keine vollige 
Sicherheit, doch ergibt sich diese Zeitbestimmung als hochst wahr- 
scheinlich, wenn alles beachtet wird, was die Quellen sagen. In der 
Riemannschen Neuausgabe des Thayerschen „Beethoven" (I, S. 221 ff.) 
ist zusammengestellt, was zur Sache gehort einschlieBlich der Angaben 
aus der Familie Wegeler. (Siehe bei: Wegeler.) 

Der alte kurfUrstliche Hofrat josef v. Breuning war 1777 beim 
groBen Brande des Schlosses in Bonn in pflichtgetreuer Tatigkeit, als 
er wichtige Akten retten wollte, umgekommen. Seine Witwe Helene, 
eine geborene Kerich, lebte nun mit ihren vier Kindern, die, wenn 
auch alle etwas junger als Beethoven, ihm doch im Alter sehr nahe- 
standen, in Bonn nur gel'egentlich in Kerpen und in Beul (jetzt Neuen- 
ahr) bei Verwandten. In Bonn bewohnten Breunings das alte Familien- 
haus auf dem Miinsterplatz, wo die Leitung der Familie vom Kanoni- 
kus Joh. Lorenz v. Breuning nach dem Tode des Hofrats Josef 



Breuning 65 

tibernommen wurde. Zu diesem Zwecke war er aus NeuB nach Bonn 
gezogen. Dort starb er im Alter von 58 Jahren 1796. Demnach muB 
der junge Beethoven ihn wohl gekannt haben. Auch der Ohm in 
Kerpen, Joh. Phil. v. Breuning, der „ein gescheidter und auBerst 
liebenswurdiger Mann" war, „dessen Haus durch seine unvergleich- 
liche Gastfreundlichkeit zum erkorenen allsommerlichen Tummelplatze 
der gesamten Familie und ihrer Freunde — darunter auch seiner Zeit 
Beethoven, der dann in der Kirche dort oftmals die Orgel spielte — 
bis an sein Lebensende ward". Joh. Phil. v. Breuning starb 1832*). 
Die vier Kinder der Witwe Breuning waren folgende: Christoph, geb. 
1773, Eleonore, geb. 1771, Stefan („Steffen" genannt), geb. 1774, und 
Lorenz („Lenz"), der als Nachgeborener 1777 folgte. In der wohl- 
habenden, angesehenen, gebildeten Familie verkehrten begreiflicher- 
weise Studiengenossen der jungen Leute, u. a. auch Franz G. Wegeler, 
der unsern Beethoven ins Haus brachte, als man fur Eleonoren und 
Lenz einen Klavierlehrer brauchte. Witwe Breuning wurde fur das 
heranwachsende Jtingelchen bald eine Beschiitzerin, „eine zweite 
Mutter". Wie Beethoven spater schrieb, verstand sie es, „die Insekten 
von den Bliiten abzuhalten". Im Gegensatz zu dem oft ungemUtlichen 
Familienleben mit dem trunksuchtigen Vater in Beethovens damaligem 
Heim war das Leben bei Breunings filr den jungen Beethoven erfreu- 
lich, wohltuend. Wegeler in den ,,BiographischenNotizen"(S.9)versetzt 
die Bekanntschaft Beethovens mit der damals neuen deutschen Lite- 
ratur in jene Zeit des Verkehrs bei Breunings. Dort entstand auch 
der allbekannte SchattenriB Beethovens, den Nesen geschnitten hat. 
Von den jungen Breunings wurden zwei Juristen: Christoph und 
Steffen. Die Familie ubte lebhaft Musik. Zugleich mit Steffen lernte 
Beethoven beim alten Ries das Geigenspiel. Lenz wurde spater Medi- 
ziner, ebehso wie der altere Hausgenosse F. G. Wegeler Arzt wurde. Als 
spater Lenz mit Steffen v. Breuning nach Wien gezogen war, 1794, 
genoB er neuerlich Beethovens Unterricht. Die innige Freundschaft 
mit Lenz dauerte aus bis zum Ableben des jungen Mediziners, der im 
Herbst 1797 nach Bonn zuruckgekehrt war und dort im Fruhling 1798 
starb, erst 21 Jahre alt. — Steffen vollendete seine juristischen Stu- 
dien in Bonn, kam dann in Dienste des deutschen Ordens nach Mergent- 
heim, dann nach Wien in den Hofkriegsrat. Am 23. November schreibt 
er noch aus Mergentheim. 1800 war er schon in Wien. B. schreibt 
aus Wien „Steffen Breuning ist nun hier und wir sind fast taglich 

*) In den obigen Angaben folge ich zumeist dem Buch: „Aus dem Schwarz- 
spanierhause" von Gerh. v. Breuning (Wien 1874) und dem neuen Buch 
„Der junge Beethoven" von Ludwig Schiedermair (Leipzig 1925). 

Frlmmel, Beethovenhandbuch. I. 5 



66 Breuning 

zusammen. . ." (Wegeler-Ries, „Notizen" S. 26u.Nachtr. S. 19f.) Schon 
1818 wurde er dort Hofrat. Noch in Bonn mochte derbedeutende Alters- 
unterschied von rund vier Jahren und die Verschiedenheit der Lauf- 
bahnen einem engfreundschaftlichen Verhaltnis zwischen Beethoven und 
Steffen ein wenig im Wege gestanden haben, mag aber mit den Jahren 
weniger fuhlbar geworden sein. In Wien herrschte lange das beste 
Einvernehmen zwischen Steffen und dem Komponisten. Doch waren 
beide von heftiger GemUtsart, und es gab mehrmals arge Streitigkeiten, 
so z.B. 1803 ein ernstliches Zerwiirfnis, allerdings von kurzerDauer. Im 
Juli 1804 erfolgte die vollkommene AussOhnung(Ries, „Notizen" S. 129). 
Jedenfalls tiefer ging ein RiB in der Freundschaft, der durch eine An- 
gelegenheit des Ktinstlerbruders Karl v. Beethoven veranlaBt war. 
Erst spat erfolgte eine vielleicht allmahliche Aussohnung, die erst vom 
Sommer 1825 an deutlich wird. Die alte Freundschaft lebte nun wieder 
auf und dauerte aus bis zum Ableben der beiden. Kurz nach Beet- 
hovens Heimgang (26. Marz 1827) starb auch Steffen, und zwar am 
4. Juni 1827. 

Die AnlSsse zu den Zerwiirfnissen waren aber die: Als Beethoven 
1803 im Roten Haus wohnte, zugleich mit Steffen, und als er der Ein- 
fachheit halber in Steffens Wohnung Ziehen wollte, hatte er vergessen, 
seine eigene Wohnung zu kiindigen. Breuning machte Vorwiirfe. Es 
kam zu einem erbitterten Wortwechsel und zu beleidigenden AuBe- 
rungen. Doch ist schon 1804, das scheint das richtige Jahr zu sein, 
wieder die VersOhnung erfolgt. (Ries, „Notizen" S. 112f., 130—132.) 
Dann war es vermutlich 1809, was freilich nicht sicher ist, oder 
spater, gewiB aber vor der Todeskrankheit des Bruders Kaspaf 
Karl, 1815, daB Beethoven die Unvorsichtigkeit beging, dem 
Bruder Kaspar Karl eine Verdachtigung durch Steffen Breuning 
mitzuteilen, die den Bruder tief verletzen muBte. Es kam zu einem 
recht peinlichen, groblichen Her und Hin, in welchem auch offene 
Schimpfereien und Drohbriefe Kaspars beim Portier des Hofkriegs- 
rates abgegeben wurden. (Hierzu: Schindler II, S. 128ff., Breuning, 
„ Aus dem Schwarzspanierhause" S. 47, Th.-R. 1 1, S. 344f ., und 1 1 1, S. 520, 
wo iibrigens diese beiden Zerwurfnisse vermengt zu sein scheinen. 
Die Sache laBt sich nicht ohne lange Abhandlung erortern, die an dieser 
Stelle nicht beabsichtigt ist,) Eine der Versohnungen, vermutlich ist 
es die nach dem groBen RiB in der Freundschaft, schloB damit, daB. 
Beethoven die Miniatur von Horneman aus dem Jahre 1802 oder 
1803 einem ruhrenden Brief beifugte. „Mein Portrat war Dir schon 
lange [!] bestimmt; Du weiBt es ja, daB ich es immer jemandem be- 
stimmt hatte", so heiBt es u. a. darin. Das genaue Datum der Aus- 



Breuning 67 

sohnung ist unbekannt. Doch ist es sicher, daB jahrelang kein freund- 
schaftlicherVerkehr nachweisbarist, unddaB erst nach einem zufalligen 
Zusammentreffen im August 1825 beide Freunde sich gewissermaBen 
wiederfanden. Steffen hatte unterdessen geheiratet, und zwar 1808 
die Tochter Julie des Stabsfeldarztes Gerhard von Vering, in dessen 
musikliebendem Hause Beethoven schon „um 1800" „heimisch" ge- 
wesen (Breuning, S. 21 ff.). Nach kurzem Ehegliick starb die junge 
Frau schon 1809. Vor jenem traurigen Ereignis hatte Beethoven noch 
oft mit der Frau v. Breuning vierhandig gespielt und auf Breunings 
Brodmannschetn Klavier phantasiert. In zweiter Ehe nahm Steffen 
das Frl. Constanze Ruschowitz zur Frau, und auch diese erwies sich 
dem Meister gegenuber freundschaftlich. Steffen begegnet uns in den 
letzten Jahren des Meisters oft als Forderer und Berater Beethovens, 
besonders in der Vormundschaftsangelegenheit , der die Familie 
bis zur Zeit seiner letzten Krankheit auch wiederholt besuchte und mit 
ihr Spaziergange unternahm. Das Sohnchen Gerhard (geb. 28. August 
1813) wurde sogar der Liebling des kranken Meisters, der von ihm 
des lebhaften Wesens wegen den Beinamen „Ariel" (in Erinnerung 
an den Luftgeist Ariel im „Sturm" von Shakespeare) erhielt, oder auch 
seiner Anhanglichkeit an den Vater wegen „Hosenknopf" genannt 
wurde. Als etwa 14jahriger Junge war er schon erwachsen genug, um 
Beethovens GroBe und Bedeutung wenigstens zu ahnen. Mit grdBter 
Aufmerksamkeit pragte er sich alles ein, was er gelegentlich der fast 
taglichen Besuche bei Beethoven im Schwarzspanierhause sah und 
hOrte. Nach Jahren hat er diese Beobachtungen veroffentlicht in dem 
BUchlein: „Aus dem Schwarzspanierhause" (1870), das, von dem etwas 
miBgliickten und stellenweise unklaren Deutsch abgesehen, eine wich- 
tige Quelle fur Beethovens Lebensgeschichte geworden ist. Gerhard 
v. Breuning war in seiner besten Zeit ein gesuchter Arzt in Wien, der 
nicht ungern mit seinen Beethovenerinnerungen prunkte und gewohn- 
lich in den Konzerten zu sehen war, die Beethovensche Kompositionen 
brachten. Ich habe ihn wiederholt in seiner Wdhnung auf der Seiler- 
statte besucht und dort mit ihm manche Beethovenangelegenheit be- 
sprochen. Er starb 1892. 

Neben der bedeutsamen Literatur, die oben genannt wurde, ist auch 
zu vergleichen, was Kalischer aus den spaten Gesprachsheften iiber den 
Knaben Gerhard mitgeteilt hat in der Sonntagsbeilage der ,,Vossischen 
Zeitung"vom7.Juni 1891 („Beethovens Ariel und Hosenknopf"). Feuille- 
tonistisch gehalten ist der ubrigens wertvolle nachgelassene Auf satz vori 
Ludwig Nohl: „Beethovens Freund Steffen" in Nr. 14 und 15 von 
„Neue Illustrierte Zeitung", Wien 1886. Siehe auch bei F. Wegeler. 

5* 



68 Bridge tower 



(Mehrere Bildnisse Steffens und Portrate anderer Familienmitglieder 
waren 1920 im Wiener Rathaus in der Beethovenausstellung zu sehen, 
ausgestellt vom Enkel des Beethoven-Steffens, von Dr. Stefan Breuning 
in Wien). — 

Ober Lorchen v. Breuning siehe bei: Stammbuch. Ein wichtiger 
Brief Beethovens an Eleonore aus dem Jahr 1793 ist bekannt. 
12 Variationen iiber Mozart, „Se vuol ballare" sind Eleonoren ge- 
widmet. 

Bridgetower, George Polgreen, geb. vermutlich 1779 zu Biala in 
Galizien, gest. 1860 zu Peckham (London), hochgeschatzter Geiger. 
Schindler hielt ihn irrttimlicherweise far einen Schiffskapitan. Schon 
1789 und 1790 konzertierte der junge Mann in Paris und London. 
Der damalige Prinz v. Wales, spater Konig Georg IV., nahm ihn in 
seine Kapelle als ersten Violinspieler auf. Im Jahre 1802 erhielt er 
Urlaub, um seine Mutter in Dresden zu besuchen, um dort zu kon- 
zertieren und dann in Wien einige Monate zu verweilen. Vom oster- 
reichischen Adel wurde er freundlichst aufgenommen. Er spielte auch 
in Konzerten. Durch den FUrsten Lichnowski wurde er mit Beethoven 
persbnlich bekannt gemacht, Graf Moritz Dietrichstein vermittelte 
viele andere Bekanntschaften. Beethoven schrieb fur den wohl- 
gebauten, lebhaften Mulatten seine A-Moll-Sonate, die er ihm auch 
widmen wollte, die aber dann dem Virtuosen Rud. Kreuzer zu- 
geeignet wurde als Op. 47. Mr. Thirlwall behauptete, diese tatsachliche 
Widmung sei auf ein Zerwurfnis mit Bridgetower zurlickzufuhren, 
und ein franzosischer Tonkiinstler hatte behauptet, ein Hauptmotiv 
(aus dem ersten Allegro, SchluBgruppe) sei aus einem schon friiher 
erschienenen Werk R. Kreuzers entlehnt (nach Czerny). Ich habe 
bisher vergebens nach dem Vorbild bei Kreuzer gesucht und auch 
durch die freundlichen Bemtihungen der Geigenvirtuosin Frl. Grete 
Kolbe noch keine Aufklarung erhalten. In einem der Konzerte vom 
Mai 1803 wurde die Sonate zum erstenmal offentlich gespielt, wahr- 
scheinlich am 24. Mai. Ries (S. 82) teilte vieles iiber die eilige Her- 
stellung der Sonate mit, auch daruber, daB Bridgetower den lang- 
samen Satz mit den Variationen im Konzert aus Beethovens Hand- 
schrift spieleh muBte, ,,weil keine Zeit zum Abschreiben war. Hingegen 
war das letzte Allegro in 8 / 8 A-Dur in der Violin- und Klavierstimme 
sehr schon abgeschrieben, weil es ursprdnglich zu der ersten Sonate 
(Op. 30) in A-Dur mit Violine, welche dem Kaiser Alexander dediziert 
ist, gehorte". (Siehe bei: Kreuzersonate.) Vieles bei Th.-R. II, S. 389 
bis 399. Vgl. auch „The musical Times" vom Mai 1908 und die „Neue 
freie Presse" vom 31. Mai jenes Jahres. Fr(immel). 



/' Briefe 69 

~ ■/■/ ■ 

/ Briefe von Beethoven sind gegen 2000 erhalten, von denen die 
/ meisten gedruckt sind, und zwar viele wiederholt. Ober den grofien 
Ausgaben Beethovenscher Briefe scheint aber ein eigener Unstern zu 
' walten. Manches aus den bisherigen Gesamtausgaben ist ja wert- 
i voll, brauchbar, vieles aber verfehlt, miBgliickt. Fast zu gleicher Zeit 
sind die Wiener und Berliner Ausgabe begonnen worden. Prelingers 
Wiener Ausgabe, in vielen Zeitabschnitten wohl vorbereitet, blieb 
ohne erlauternde Bemerkungen, das Vorwort des ersten Bandes stammt 
aus dem September 1906. Der fiinfte Band mit Nachtragen verschie- 
dener Art erhielt sein Vorwort im November 1910. Die Mangel der 
ersten Anlage blieben begreiflicherweise auch beim AbschluB noch 
fuhlbar, wie sehr auch Prelingers Kenntnisse und Bemiihungen an- 
zuerkennen sind. Kalischers Berliner Ausgabe war weniger ausgereift 
und strotzte von geradewegs einfaltigen Kommentaren. Vollstandig- 
keit war bei der Hast des Beginnens nicht zu erwarten, und recht 
auffallende Wiederholungen derselben Briefe mit verschiedener Kom- 
mentierung storten um so mehr, als der Herausgeber sehr hochtrabend 
auftrat. Eine zweite verbesserte Auflage wurde mir selbst nach Ka- 
lischers Ableben aufgetragen. Ich lieferte den 2. und 3. Band fur ge- 
ringe Entlohnung. Die zweite Auflage des 1. Bandes war noch von 
Kalischer besorgt worden. Fur die Bande 4 und 5 konnte ich keine 
befriedigende Vereinbarung mit dem Berliner Verlag finden, so daB 
die zweite reichlich vermehrte und verbesserte Auflage also unvollendet 
geblieben ist. 

Die kleine Gesamtausgabe des fleiBigen Emerich Kastner (Leipzig, 
Max Hesse, 1910) bot zwar einen gewissen Ersatz fur die verungliickten 
groBen Ausgaben, doch verzichtete sie auf jede wissenschaftliche Be- 
grlindung der Reihenfolge, auf diplomatisch getreue Wiedergabe der 
Briefe, auf alle Erlauterungen und auf noch anderes, so daB man auch 
sie nicht als die richtige Gesamtausgabe hinstellen darf (auch nicht 
in der Form der zweiten Auflage), so handlich und bequem ubersicht- 
lich sie auch sonst gewesen sein mag. An Vollstandigkeit geht sie in 
dankenswerter Weise iiber die Berliner Gesamtausgabe hinaus. 

Die VerOffentlichungen einzelner Briefgruppen sind der Forschung 
zumeist willkommen, z. B. solche wie die von Dr. Leopold Schmidt, 
von Dr. Max Unger, um nur einiges aus neuester Zeit anzuftihren, und 
einzelne neu aufgefundene Beethovenbriefe werden stets mit Freuden 
begriiBt, aber dabei ist doch der Gesamtstoff so zersplittert, daB das 
Aufsuchen eines einzelnen Briefes gewbhnlich hOchst zeitraubend und 
oft nur vom besonderen Fachmann iiberhaupt ausftihrbar ist. 

Verfrtiht ware es, jetzt, im Friihling 1926, da noch nicht einmal die 



70 Broadwood — Browne 



neue als vollstandig beabsichtigte Ausgabe von Max Unger begonnen ist, 
noch dazu in dem knapp zusammenfassenden Abschnitt eines Hand- 
buches Abhilfe schaffen zu wollen. Eine wichtige Erleichterung wurde 
durch Kastners Zusammenstellung der Brief anfange geboten im 
II. Band meines Beethovenjahrbucb.es. Nun sind aber schon wieder 
viele Dutzende neu aufgefundener Briefe bekannt geworden, deren 
Einordnung in die fruheren Listen erst zu unternehmen ist. Die augen- 
blickliche Lage ist der Sache nicht gttnstig. 

Beetho.ven als Briefschreiber ware an und fur sich ein ausgedehn- 
tes Kapitel. Man mag den Gegensatz festhalten, der durchschnittlich 
festzustellen ist, zwischen der Sorglosigkeit, mit der Beethoven seine 
Briefe abfaBte, und der Sorgfalt, die er an seine Musikwerke wendete. 
Die Sorglosigkeit im Briefschreiben bezieht sich aufs Gedankliche mit 
erstaunlichen Zerstreutheiten und auf die Schrift, deren Fluchtig- 
keit allbekannt ist (siehe bei: Schrift). Niemand hat wohl an der 
starken Entgleisung vorbeigelesen, wonach im ersten Brief an 
Amenda dieser Freund von zweien der „dritte" genannt wird. Aus- 
gelassene Buchstaben und Worte sind nicht selten. Zumeist ist die 
Sprache und Ausdrucksweise in Beethovens Briefen hochst ungepflegt. 
Mitteilungen iiber Musik begegnen uns selten, doch bieten fur die Er- 
kenntnis des Lebensganges Beethovens seine vielen Briefe hochwichtige 
Behelfe. Das Textschreiben ging dem Meister nicht ebenso von der 
Hand wie das Notenschreiben. „Im Kopfe mache ich ofter die Ant- 
wort; doch wenn ich sie niederschreiben will, werfe ich meistens die 
Feder weg, weil ich nicht so zu schreiben imstande bin, wie ich fuhle" 
(Brief an Wegeler vom 7. Dezember 1826). — Hie und da, wenn der 
Humor durchbrach, lieferte der Meister geradewegs kostliche Be- 
merkungen in seinen Zetteln und Briefen. 

(Zur Literatur aber Beethovens Briefe vgl. Frimmel, „Beethoven", 
6. Aufl., S.88, derselbeinderZeitschrift„DerMerker"vom lO.Dez. 1909. 
und Kastner-Frimmel, „Bibliotheca Beethoveniana" passim. 

Broadwood, Thomas. WeitberUhmte Pianofortefabrik in London, 
die schon 1732 durch den Schweizer Burkhard Tschudi (Shudi) be- 
grundet worden war und zur Zeit des reifen Beethoven die kraftigsten 
Klaviere baute. 1818 schenkte die Firma ein vorztigliches Instrument 
an Meister Beethoven. 

(Vgl.: Klaviere.) 

Browne (vermutlich Johann Georg), Graf v. Wie es scheint, ein 
naher Verwandter des allbekannten Feldzeugmeisters Grafen Georg 
Browne, dessen Tod schon 1794 fallt. Der Graf Browne, mit dem 
und dessen Gemahlin, einer geborenen Vietinghoff, Beethoven in 



Browne 71 

enger Verbindung stand, und zwar um 1800, durfte jener sein, der 
als Graf Johann Georg Browne 1804 und noch spater als Besitzer des 
Hauses Nr. 1052 der „Sailerstadt" und des Hauses 1274 auf der Wasser- 
kunstbastei genannt wird (in Grosbauer, ,,Vollstandiges Verzeichnis" 
aller Hausereigentumer, 1804, und in Gutjahrs Verzeichnis). Dieser 
Browne kommt im Hof- und Staatsschematismus aus den Jahren um 1 800 
nicht vor und durfte russischer Staatsburger gewesen sein. Wenigstens 
wird er in der Widmungsinschrift der Beethovenschen Streichtrios 
Op. 9 genannt als „Comte de Browne, Brigadier au Service de S. M. J. 
de tuttes les Russies" (das schlechte Franzosisch mag inn belustigt 
haben). In derselben Widmung nennt ihn Beethoven den ,, premier 
Mecene de sa Muse" (1798). Das war gewiB sehr gut gemeint, aber 
nicht richtig. Denn Beethoven hat den Grafen Browne sicher erst in 
Wien kennen gelernt, und im Mazenatentum waren ihm schon mehrere 
andere vorangegangen. Indes hat Beethoven sicher im Browneschen 
Kreis viele Forderung erfahren. „L'auteur, vivement penStre de 
Votre munificence aussi delicate que libeiale", sagt Beethoven, 
womit deutlich auf Geschenke angespielt wird, die vom Grafen 
gekommen waren. Man kann ja dabei an das Reitpferd denken, 
das Beethoven von Browne erhalten hat (F. Ries, seit 1801 in Wien, 
erzahlt davon wohl nach dem Horensagen). Ries erzahlt aber auch 
eigene Erlebnisse. Er teilt mit: „Beethoven verschaffte mir ein En- 
gagement als Clavierspieler beim Grafen Browne. Dieser hielt sich 
lange Zeit in Baden bei Wien auf, wo ich haufig abends Beethovensche 
Sachen, theils von den Noten, theils auswendig vor einer Versammlung 
von gewaltigen Beethovenianern spielen muBte." Er improvisierte 
einmal einen Marsch, den er fur eine Arbeit Beethovens ausgab, und 
erregte Entzucken. „Unglucklicher Weise kam Beethoven selbst den 
nachsten Tag nach Baden." Da geriet nun Ries hegreiflicherweise in 
Verlegenheit, und er muBte Beethoven ins Vertrauen Ziehen. „ Beet- 
hoven nahm zu meinem Gliicke die Sache sehr gut auf." Aber die 
Wiederholung des Marsches gelang nicht eben gut. Die Aufklarung 
des Zusammenhangs erregte Gelachter. Spater sagte Beethoven zu 
Ries: ,,Sehen Sie, lieber Ries! das sind die groBen Kenner, welche jede 
Musik so richtig und so scharf beurteilen wollen. Man gebe ihnen nur 
den Namen ihres Lieblings, mehr brauchen sie nicht" (,,Biogr. Notizen", 
S. 10f.). „Dieser Marsch veranlaBte tibrigens das Gute, daB Graf 
Browne gleich die Komposition dreier Marsche zu vier Handen, welche 
der Furstin Esterhazy gewidmet wurden (Op. 45) von Beethoven be- 
gehrte." Wieder bei Browne war es (so erzahlt Ries weiter), als beim 
Spielen der erwahnten Marsche der Graf P. (ohne Zweifel Palfy) so 



72 Browne — Briider 



laut sprach, dal3 Beethoven das Musizieren abbrach, aufsprang und 
ganz laut sagte, „fur solche Schweine spiele ich nicht". Uberdies er- 
zahlt Ries eine oft abgedruckte Geschichte mit einem kleinen Fehler, 
den Ries im Spiel begangen, und den Beethoven durch einen Tupfer auf 
den Kopf des Spielers bestrafte. Die Fttrstin L. (der Name muB sehr 
lang gewesen sein, etwa Liechtenstein, denn es sind zwolf Punkte 
nach dem L. zu zahlen) beobachtete nun Beethovens eigenes Spiel 
(es war die D-Moll-Sonate gewahlt worden), und als er im 54. Takt 
falsch spielte, erhielt er von der Furstin „einige nicht gar sanfte Schlage 
an den Kopf". Endlich erzahlt Ries auch die Begebenheit mit dem 
Reitpferd. „Beethoven war in vielen Sachen sehr vergeBlich. Einst 
hatte er fur die Dedikation der Variationen in A-Dur Nr. 5 Uber ein 
russisches Lied vom Grafen Browne eine schones Reitpferd zum Ge- 
schenk erhalten. Er ritt es einigemal, vergaB es aber bald darauf." 
(Siehe bei : Pferd.) Vorubergehend wurde Ries durch den Grafen Browne 
in dessen vergniigungssuchtiges Leben mit hineingerissen („Notizen" 
S. 1 1 7), was Beethoven bemerkte. Die erwahnten Variationen sind die 12 
ohne Opuszahl, die als neu erschienen am 29. April 1797 in der ,, Wiener 
Zeitung" angekundigt wurden (nach Nottebohm und Th.-R.). Von den 
drei Streichtrios Op. 9 war schon oben die Rede, da sie 1798 dem rus- 
sischen Brigadier gewidmet worden sind. Der Grafin Browne sind 
ferner gewidmet, wieder 1798, die drei Klaviersonaten Op. 10. Dem 
Brigadier widmete er noch Op. 22, die prachtige B-Dur-Sonate, und die 
sechs Lieder Op. 48 nach Gedichten von Gellert. 

In den Gesprachsheften kommt noch spat eine Anspielung auf eine 
freie Fantasie Beethovens bei Browne vor (Kerst, „Erinnerungen" II, 
S. 327). 

Browne (John), schottischer Arzt. Gehorte zwar nicht zu Beet- 
hovens Bekannten, doch spielt der „Brownianismus" in Beethovens 
Leben und Briefe herein. Schon fruh, 1801, wurde Beethoven mit 
dem Namen jenes Arztes bekannt durch Dr. Frank, dann noch spat 
wird im Brief an Dr. Braunhofer vom 13. Mai 1825 auf Brownianer 
und Stollianer hingewiesen, und in einem Gesprachsheft aus derselben 
Zeit (Th.-R. V) ist wieder von der Sache'die Rede (vgl. auch Schweis- 
heimer, „Beethovens Leiden", S. 156). 

Briider Ludwig v. Beethovens (siehe auch bei : Stammbaum,Verwandt- 
schaft). Unter den Briidern des beruhmten Ludwig kommen fur dessen 
Lebensgeschichte zwei besonders in Betracht, beide jtinger als Ludwig, 
beide aber Bonner Kinder. KasparAntonKarl(geb. 1774, gest. 15. Nov. 
1815) und Nikolaus Johann (geb. 1776, gest. Wien 1848). 

Karl v. Beethoven wurde Musiker, war in Bonn als Musiklehrer tatig 



Bruder 73 

(vgl.Thayer, „Chron. Verz.", Vorwort). Urn 1793warervielIeichtvoriiber- 
gehend bei einer franzosischen Regimentsmusik beschaftigt. Von Bonn 
nach Wien muB er schon 1794 gewandert sein. Dies erhellt aus einem 
Brief an Simrock vom „18. Juni" (1794). — Nach Wien war er noch 
als Musiker gekommen, und zwar auch als schaffender. Einige 
Kompositionen von ihm sind am ll.Janner 1801 in der „Wiener 
Zeitung" angekiindigt worden. Doch wird er seit 1800 (wie ich aus 
den Hof- und Staatsschematismen jenerZeiten ermittelt habe) schon als 
Beamter erwahnt, und zwar 1800 als ,, Praktikant bei der k. k. Universal- 
Staatsschuldenkassa" und wohnhaft in der Sterngasse 484. Schon 1801 
kommt er unter den „Kassaoffiziers" vor. Damals wohnte er „Untern 
Tuchlauben 605". Fur 1802 und die folgenden Jahre ist er in derselben 
Wiirde eingetragen, aber mit der Wohnungsangabe „auf der Wien 26", 
1805 und 1806 wohnte er auf dem Neuen Markt 1109, also im groBen 
Biirgerspital, in welchem auch Zmeskall seine Wohnung hatte. 1808 
war er schon an die erste Stelle der ,,Casseoffiziere der k. k. n. 6. 
Classensteuercasse" vorgeruckt. Sein Biiro befand sich im Regierungs- 
gebaude 49 (dieses war nebenbei bemerkt auf dem Minoritenplatz — 
nach Gutjahr), seine Wohnung aber war in der Rauhensteingasse 987. 
Dieses Haus war Nachbarhaus des ,,Blumenstbckls" und bildete die 
Ecke zum ,,Ballgassel". 1811 finden wir ihn schon wieder vorgeruckt 
unter die „Liquidatursadjunkten". Wohnung wieder auf Nr. 987, die 
diesmal als zugehorig zum Ballgassel angegeben wird. Nunmehr hatte 
er sein Amtsgebaude in der nahen SingerstraBe Nr. 940, die als „K. k. 
Banko-Deputations-Haus" bei Gutjahr eingetragen ist und sonst „K. k. 
Universal-Staatsschuldenkasse" genannt wurde. Die letztgenannten 
Hauser stehen noch heute. In den Jahren 1813 bis einschlieBHch 1814 
steht Karl v. Beethoven schon als „Cassier" in derselben K. k. Universal- 
schuldenkassa verzeichnet. In den genannten Jahren wohnte er aber 
„Auf dem Lichtenstege" 566. Dort diirfte er gestorben sein. Ob der 
oftmalige Wohnungswechsel ein Erbiibel gewesen? Es mag so sein. 
Jedenfalls sind all die genannten Wohnungen zugleich Beethoven- 
statten. Denn der Meister stand doch in fortwahrendem Verkehr mit 
dem Bruder Karl (hierzu ,,Beethovenforschung" Heft IV, S. 130ff.). 
In der Wohnung Rauhensteingasse 987 hat Beethoven 1809 wahrend 
der kurzen BeschieBung Wiens durch die Franzosen im Keller Schutz 
gesucht (Ries 121). Den Kopf bedeckte er iiberdies mit Kissen, um 
die Kanonenschusse nicht zu horen. 

Bruder Karl verheiratete sich 1806 mit Johanna Reiss. Schon 1806 
kam ein Sohnchen zur Welt. Es ist der viel besprochene Neffe Karl. Jo- 
hanna, die Schwagerin, nicht weniger oft behandelt und verunglimpft 



74 Briider 

in ungezahlten Beethovenschriften, die auf die Streitigkeiten mit Jo- 
hanna v. Beethoven der Vormundschaft wegen eingehen (siehe bei : 
Neffe Karl und: Schwagerin Johanna). BruderKarl und dessen Gattin 
Johanna kommen dann auch in einer verwickelten Geldangelegenheit 
vor, die mit der Schuld von 1500 fl. Beethovens an S. A. Steiner zu- 
sammenhangt (1813 auf 1814). (Siehe bei: Steiner.) Am 21. Oktober 
1814 wurde ein Vergleich beim Landrecht abgeschlossen, da8 Johanna 
die Schuld in Ratenzahlungen begleichen miisse, was auf die „Haus- 
und Gartenhalfte" „an der Hernalserlinie" vorgemerkt und im Satz- 
buch Nr. 3 Fol. 397 eingetragen wurde (hierzu Th.-R. Ill, S. 633 ff, 
Reinitz, , , Beethoven im Kampf mit dem Schicksal", S. 35f.). Beet- 
hoven aber sollte eine, ja mehrere neue Klaviersonaten an Steiner 
abliefern. 

Der Streit Caspar Karls mit Steffen v. Breuning wurde oben im Ab- 
schnitt Breuning erwahnt. Hier sei nur noch die Leidenschaftlichkeit, 
mit der beide Briider jene Angelegenheit behandelten, und die Zu- 
neigung betont, mit der Ludwig die Sache Karls vertrat. Beachtenswert 
das Testament Karls, in welchem er unter anderm dem Bruder und dem 
Vormund des jungen Karl mehr MaBigung empf iehlt (Th.-R. IV, S. 544 ff.). 
Bruder Karl war verhaltnismaBig klein und rothaarig, wogegen Bruder 
Johann hochgewachsen, von stattlichem Aussehen geschildert wird. 
(Personenbeschreibung nach K.Czerny durch Otto Jahn. Th.-R. 11,6.) 
Ludwig unterstiitzte den Bruder in freigiebigster Weise. 

Nikolaus-Johann war fur den Apothekerstand erzogen worden 
und hat in diesem auch erreicht, was unter den gegebenen Umstanden 
zu erreichen war. In Bonn erwarb er die Vorkenntnisse, und die Lehr- 
zeit brachte er in der dortigen Hofapotheke zu. Noch 1795 ist er in 
Bonn nachweisbar; doch endete im Fruhling jenes Jahres seine An- 
stellung als „Pharmacien de 3. classe" wahrend der Franzosenzeit 
(Th.-R. I, S. 414, Dokument). Im Laufe desselben Jahres kam er nach 
Wien. 1801 machte er seine Prufungsstudien an der Universitat. 
Drei Jahre und acht Monate war er in der Heiligen-Geist-Apotheke 
im alten Btirgerspital angestellt. Dann war er bis mindestens 1803 
„Subjekt" in der Rossauer Apotheke. Diese besteht noch heute in der 
Porzellangasse, hieB damals „Zum Biber" und gehorte Herrn Fr. Mo- 
nitschek. 1808 erwarb er eine Apotheke in Linz a. d. Donau zwischen 
Hauptplatz und alter Donaubriicke (das Haus wurde 1872 nieder- 
gelegt und durch Neubau nicht ganz an der alten Stelle ersetzt. Dazu 
dieArbeiteh von Graf linger und Theodor Haas). 1808 (wenn ich die An- 
gaben Graflingers recht verstehe) erwarb Johann auch die Apotheker- 
konzession in Urfahr bei Linz, in Linz selbst aber betrieb er das 



Briider 75 

Apothekergeschaft. Das Jahr 1809 verhalf ihm zu auBerst eintrag- 
lichen Armeelieferungen, und er wurde ein profiteur de guerre. (Schon 
Thayer hatte diese Verhaltnisse eingehend studiert, vgl. „Ein kri- 
tischer Beitrag zur Beethovenliteratur" und ,,Beethovenbiographie", 
1915 hat Graflinger die Linzer Zeit Johanns neuerlich bearbeitet.) 
DaB der Komponist dem Bruder das Kapital fur die Einrichtung der 
Linzer Apotheke vorgestreckt hatte, ist unwahrscheinlich, ja gerade- 
wegs widerlegt. Denn 1808 schuldete Ludwig sogar an Johann einen 
bedeutenden Betrag (vgl. Max Unger in „Neue Musik-Zeitung" von 
1911). Jedenfalls hob sich das Geschaft sehr bald. (Eine Apotheke 
ist ja immer eine Goldgrube gewesen.) 

1812 kam der Komponist zum Bruder nach Linz, woriiber die 
„GlogglschenMitteilungen" vorliegen (Th.-R. Ill, S.342ff.). Ermischte 
sich in Johanns Familienverhaltnisse, und es kam zu einem Zerwttrfnis, 
wie denn auch sonst wiederholt tiefgreifende Uneinigkeiten vorkamen. 
Das Ergebnis der Einmischung war dem Meister hOchst unerwiinscht. 
Denn Johann nahm danach seine fruhere Geliebte Therese Obermayer 
zur Frau. (Dokument vom 12. November 1812, siehe den Abschnitt: 
Linz. Ober das Privatleben Johanns hat Al. Hajdecky Studien ver- 
Offentlicht.) 

Nachdem Johann reich geworden, verkaufte er die Apotheken in 
Linz. 1819 erwarb er das groBe Landgut in Gneixendorf bei Krems. 
In Wien hatte er iibrigens eine Art Absteigequartier. Dieses wahlte er 
jedenfalls einige Zeit hindurch im Wiener Hause seines Schwagers, 
des Backermeisters Obermayer in der Kothgasse (jetzt Gumpendorfer- 
straBe) und Pfarrgasse. Dieses Haus besteht nicht mehr. Eine Woh- 
nung darin war 1823 an den Komponisten abgegeben worden, woran 
sich allerlei Streitigkeiten kntipften, Schindler hat sie personlich mit- 
gemacht und uns das Wesentliche im „Beethoven" (iberliefert. 

(Ober die Bruder Beethovens ist heute schon ein dickes Buch zu schrei- 
ben, das f iir die Beurteilung mancher Szene in Beethovens Leben nicht 
ohne Belang ware. Im Handbuch kann nur auf die hervorstechenden 
Tatsachen hingewiesen werden. Ober die Bonner und Wiener Zeit 
geben die Mitteilungen von Theodor Haas Auskunft in ,,Neue Musik- 
zeitung", 3. Oktober 1918, vgl. auch die ,,Pharmazeutische Post" vom 
Spatwinter 1919. Ober die Linzer Zeit unterrichtete besonders Franz 
Graflinger in derselben Zeitung vom Oktober und November 1915, 
Jahrg. 1916. In alien Banden bei Th.-R. ist vom Bruder Johann die 
Rede. G. v. Breuning, „Aus dem Schwarzspanierhause", ist gegen Jo- 
hann v. Beethoven merklich voreingenommen. DaB Johann protzig 
und dabei doch knickerig gewesen, wird ubereinstimmend mit Breuning 



I- 



76 Briider 

auch von Schindler behauptet. Auch die Witwe des Neffen Karl, die 
ich noch personlich urn diese Verhaltnisse fragte, nannte inn knickerig. 
Daneben konnte ich noch von vielen Altwienern (darunter der ehe- 
malige Universitatsrektor Wedl, Frau Luise Emmerling-Frimmel und 
Professor der Grazer technischen Hochschule Jos. Wastler) erfahren, daB 
Joh. v.Beethoven in aufsehenerregender Weise in vierspanniger Ka- 
lesche auszufahren pflegte. Mit seiner groBen Gestalt und dem schiefen 
Blick (G. v. Breuning schilderte ihn handschriftlich fur A. W. Thayer, 
vgl. Th.-R. IV, S. 264) war er eine auffallende Erscheinung. Als sich 
das Ergrauen einstellte, farbte er sich den Bart, wie der Neffe im Ge- 
sprachsheft anmerkt (H. Volkmann, ,,Neues iiber Beethoven", S. 13. 
Siehe auch bei: Rellstab). t__. 

Van- den beiden Briidern, die aus Bonn dem, Komponisten nach- 
gekommen waren, scheint Karl dem Herzen Beethovens naher ge- 
standen zu haben, obwohl er jahzornig und unfreundlicher war als 
Johann. 1802 wird im sogenannten Heiligenstadter Testament Johanns 
..Name unterdruckt. Zu Karl hatte er damals das groBte Vertrauen 
(Thayer 1 1, S. 344). Beide Briider waren dem Meister oft in geschaf t- 
lichen Dingen behilflich, haben aber jedenfalls gar oft hinter seinem 
Riicken und ohne Einverstandnis mit ihm gehandelt. Durch die 
Briider wurde das Geheimnis vom Unterricht bei Schenk ausgeplaudert. 
Durch sie wurde er zwar gelegentlich sehr entlastet, aber wohl auch 
wieder geschadigt. Dies hat bei den Zeitgenossen verschiedenartige 
Beurteilungen gefunden. Ries (S. 97) sah alles schwarz: ,,Besonders 
bemiihten sich seine Briider, alle naheren Freunde von ihm fernzu- 
halten, und was diese auch immer Schlechtes gegen ihn trieben, wovon 
man ihn vollstandig (iberzeugte, so kostete es ihnen nur ein Paar 
Tranen, und gleichvergaB er alles. Er pflegte dann zu sagen, ,es ist 
doch immer mein Bruder', und der Freund bekam Vorwiirfe ftir seine 
Gutmutigkeit und Offenheit." Schindler tiberbot womoglich noch die 
Schattengebung bei Ries. (Schindler, 1. Auflage, S. 47 und 75.) Sey- 
fried macht Andeutungen einer Bevormundung durch die Bruder. 
Thayer trjtt zumeist, nicht jedesmal uberzeugend, als Verteidiger 
der Bruder auf (Th.-R. II, S. 340ff.). — Bruder johann, von etwas 
ruhigerer Gemtitsart als Karl, versetzte trotzdem den Meister nicht 
selten in Wut. Aus vielen Briefen ist das zu entnehmen, in welchen 
er ihn als „schurkischen Bruder" (22. und 31. Mai 1825 an den 
Neffen) oder als „unbriiderlichen Bruder" bezeichnet. An Henik- 
stein & Co. schreibt er wenig spater: ,,Denn nicht immer mit 
der Handlungsweise meines Bruders zufrieden." Und doch nimmt 
er noch in Gneixendorf die Beihilfe Johanns in Anspruch. Es scheint, 



Briihl 77 

daB Johann wahrend der zwei Monate, die Beethoven auf dem 
Wasserhof in Gneixendorf verbracht hat, einmal nach Wien und bald 
wieder zuriick reisen muBte. Beethoven beauftragte den Bruder am 
30. Oktober 1826 in Gneixendorf, das Quartett Op. 135 mit dem 
,,SchwergefaBten EntschluB", das fur Schlesinger in Berlin geschrieben 
war, bei Tendler & Manheim in Wien abzugeben und dafur die Be- 
zahlung von 80 Dukaten einzuheben. Den langen Brief in der Angelegen- 
heit des Neffen an den Komponisten hat Johann vielleicht vor der 
Wienreise noch zuriickgelassen. Aus der Zeit des sterbenden Beet- 
hoven im Schwarzspanierhaus erfahrt man freilich nicht viel Freund- 
liches uber den Bruder. Doch ware es einfaltig, dem Manne jetzt 
sagen zu wollen, wie er es sonst hatte machen sollen. Dasselbe gilt 
von Karl und seiner Gattin. Requiescant in pace! (Briefe der Bruder 
sind mitgeteilt bei Th.-R. an verschiedenen Stellen und in „Neue 
Zeitschrift fttr Musik" 1898.) A. W. Thayer hat versucht, den Bruder 
Johann reinzuwaschen, ich ftirchte, nicht mit vollem Erfolg. (Thayer: 
,,Ein kritischer Beitrag zur Beethovenliteratur", 1877.) 

Briihl, Karl Friedrich Moritz Paul Graf v. (geb. zu Pforten 1772, 
gest. Berlin 1837). — Briihl war mehrseitig kiinstlerisch begabt. Fur 
Beethovens Zeiten ist von Belang, daB er 1815 zum Generalintendanten 
der Konigl. Schauspiele in Berlin ernannt wurde. Nach Schindlers Angabe 
hat sich Beethoven zur Zeit des Rossini-Rummels in Wien nach Berlin 
an Briihl gewendet (Schindler II, S. 60). Er erhielt den Auftrag, fur 
Berlin eineOper zu schreiben. An dieGrillparzersche,,Melusine" wurde 
gedacht. Spater erwies sich Briihl dem Meisterfreundlich auch in der An- 
gelegenheit der ersten BerIiner„Fidelio"-Auffuhrung (Kalischer, .Beet- 
hoven und Berlin", S. 156ff., 338, 348 ff.) und in den Angelegenheiten 
der Missa solemnis und der IX. Sympjionie (Th.-R. V, S. 67, 330f.). 

Briihl (die, oder wie man sprachlich genauer sagen sollte, der Briihl) 
bei Modling hat fiir Beethovens Leben besondere Bedeutung. Die 
Briihl ist die Talerweiterung am MOdlinger Bach, bevor dieser die 
sogenannte Klause durchbricht. Westlich der Klause zweigt vom 
Haupttal eine links aufsteigende Mulde ab, die ehedem ,,das runde 
Tal" hieB und jetzt Meiereiwiese heiBt. Diese Gegend, nahe der nur 
zumTeil alten Burg Modling gelegen, hat, wie so viele.andere Gegenden 
um eine alte Burg, noch bis heute den Namen ,, Briihl" behalten. Die 
MOdlinger Briihl ist ungewohnlich reich an landschaftlichen Gestal- 
tungen, die fiir jeden Naturfreund von groBem Reiz sind, und die auch 
auf Beethoven tiefen Eindruck gemacht haben. Sie hatte schon gegen 
1793 den Ruf einer besonders malerischen Gegend, und „ihre natur- 
lichen Schonheiten" werden damals geriihmt (vgl. „Vertraute Briefe 



78 Bruhl 

zur Charakteristik von Wien", Gorlitz 1793, II, S. 101). Auch die 
neueren Schriften iiber Wien und dessen Umgebung kargen nicht mit 
Lob. Fiir Beethovens Zeiten mtissen aber aus der Gegend alle neuen 
Zutaten, die Villen an alien Ecken und Enden mit Parkanlagen und 
Spielplatzen, die Promenadenwege, sogar die neuere Meierei und noch 
anderes weggedacht werden, um eine Vorstellung vom damaligen 
Aussehen dieser bevorzugten Gebirgsgegend zu gewinnen. Ich bot 
dazu Anhaltspunkte, die auf guten Angaben der Ortsliteratur ruhen, 
im V. Heft meiner „Beethovenforschung" (1915). Ehemals, als Beet- 
hoven noch zumeist auf FuBsteigen oder auch ohne solche in den 
Briihler Waldern sich bewegte, gab es noch keinerlei ,, Hotel" in der 
Nahe, und das einzige groBe, vielbesuchte Gasthaus war das zu den 
,,Zwei Raben". Wenn Beethoven einmal lakonisch notierte ,, Bruhl 
beim Lamm"*), so ist damit ohne Zweifel der groBe Gasthof „Zum 
Lamm" gemeint, der sich im nahen Modling befand. Der bestimmte 
Sinn dieser Stelle bleibt iibrigens unklar. Viel deutlicher, wenn auch 
in abgektirztemWortausdruck; ist es, wenn Beethoven schreibt: „Mein 
Dekret hat nur [die Bedingung[, im Lande zu bleiben: wie leicht ist 
in jedem Flecken dieses erfiillt! Mein ungliickseliges Gehor plagt mich 
hier nicht. Ist es doch, als ob jeder Baum zu mir sprache auf dem 
Lande: Heilig, Heilig! Im Walde Entziicken! . . . Schlagt alles fehl, 
so bleibt das Land selbst im Winter wie Gaden, untere Bruhl usw. . . ." 
Mit der „unteren Bruhl" ist die Gegend der Vorderbriihl gemeint, 
von der eben gehandelt wurde. , , Gaden" ist der Ort, weiter im Ge- 
birge, der von der Bruhl auf einem alten StraBenzug, der nach Heiligen- 
kreuz fiihrt, leicht zu erreichen ist. Man braucht nur den Weg iiber 
die sogenannte Hinterbriihl zu nehmen, die bachaufwarts von der 
Vorderbriihl liegt. Zu Beethovens Zeit war sie noch ein ganz unbe- 
deutendes Dorf. An die Erwahnung der Vorderbriihl schlieBt Beet- 
hoven die Bemerkung an: „ Leicht bei einem Bauern eine Wohnung 
gemietet, um die Zeit gewiB wohlfeil. SiiBe Stille des Waldes! Der 
Wind, der beim zweiten schonen Tag schon eintritt, kann mich nicht 
in Wien halten, da er mein Feind ist." Man entnimmt diesen AuBe- 
rungen zunachst, daB der Meister niemals einen rauhen Wintersturm 
im Wald mitgemacht hat mit den Schrecken brechender Aste und ; 
sturzender Baume, und weiterhin, daB er ernstlich daran dachte, sich 
auf dem Lande niederzulassen. Es scheint, daB die mitgeteilten Selbst- 
gesprache 1815 niedergeschrieben sind**). In den Jahren 1818 bis 1820 

*) Nach einer Stelle im Fischhoffschen Manuskript wiedergegeben bei 
A. Leitzmann, , .Beethovens personliche Aufzeichnungen" (Inselverlag, S. 17). 

**) So nach der Fischhoffschen Handschrift, die auch noch einige weitere 
einschlagige Stellen enthalt (Leitzmann a. a. O., S.25 und 27). 



Briihler Tanze — Brunsvik 79 

konnte der Meister dann oft genug die sommerliche Natur in der Mod- 
linger Brtihl genieBen (siehe auch bei: Modling und: Bruhler Tanze). 

Briihler Tanze, auch Modlinger Tanze genannt. Sie sind wahrend 
des Sommeraufenthaltes 1819 vom Meister geschrieben worden, und 
zwar ftir eine Gesellschaft von sieben Musikern, die im Gasthaus zu 
den „Zwei Raben" der Vorderbriihl bei Modling die Tanzmusik be- 
sorgten. Schindler teilte schon 1840 in der ersten Auflage seines „Beet- 
hoven" (S. 1 1 6f .) das Wesentliche dariiber mit, und in der 1 1 1, (bzw. IV.) 
Auflage sagt er (S. 156): ,,Bei Uberreichung des neuen Opus an den 
Chef der Gesellschaft zu Modling war ich anwesend." Wir durfen also 
den Mitteilungen Schindlers Vertrauen entgegenbringen. Er fiigt auch 
eine AuBerung Beethpvens hinzu, die Beachtung verdient, Beethoven 
,,habe diese Tanze so eingerichtet, daB ein Musiker um den anderen 
das Instrument zuweilen niederlegen, ausruhen oder schlafen konne". 
Nachdem der fremde Musikus „voll Freude uber das Geschenk des 
beriihmten Komponisten" sich entfernt hatte, fragte Beethoven, ,,ob 
ich nicht bemerkt habe, wie die Dorfmusikanten oft schlafend spielen, 
zuweilen das Instrument sinken lassen und ganz schweigen, plotzlich 
erwachen, einige herzhafte StoBe oder Streiche aufs Geratewohl, doch 
meist in der rechten Tonart tun, um sogleich wieder im Schlaf zu 
fallen, — in der Pastoralsymphonie habe er „diese armen Leute zu 
.kopieren' versucht". Schindler geht dann auf die Symphonie iiber. 
Zu den Tanzen aber erfahren wir von ihm, daB sie schon zu Beethovens 
Zeiten verschollen waren, und daB der Meister auch die Partitur nicht 
wiederfinden konnte. Hugo Riemann hat nun 1907 im Archiv der 
Thomasschule zu Leipzig die Stimmen jener Tanze aufgefunden, eine 
Entdeckung, die groBes Aufsehen erregte, in der „Zeitschrift der Inter- 
nationalen Musikgesellschaft" verOffentlicht wurde und bei Breitkopf 
& Hartel in Partitur, auch in Klavierauszug erschien. Die ,,Musik" 
Bd. VI, Heft 24, und Riemann im Vorwort zur Partiturausgabe und im 
Vorwort zum IV. Bande des , .Beethoven", sowie „Beethovenforschung" 
Heft V, handelten von den Bruhler Tanzen, die ich auch nach stil- 
kritischer Prufung sofort ins Werkeverzeichnis der 4. Auflage meines 
„Beethoven" aufgenommen habe. Dies sei festgestellt, einer einfaltigen 
Anrempelungwegen, die Riemann in die,,Zeitschrift der Internationalen 
Musikgesellschaft" einzuschieben beliebte. — Die Echtheit der auf- 
gefundenen Stimmen erhellt aus Zusammenhangen mit anderen kleinen 
Werken Beethovens, besonders mit Bagatelle Nr. 7 von Op. 119, dort 
in der Mittelstimme, in den Bruhler Tanzen im Landler Nr. 5. Auch 
weitere Verbindungsfaden sind nachweisbar. 

Brunsvik (auch Brunswick), ungarische grafliche Familie, mehrfach 



80 Brunsvik 



kunstliebend, nicht zuletzt in bezug auf Musik. Mehrere Mitglieder der 
Familie gehorten in den engsten Freundeskreis Beethovens, so der 
Graf Franz (er lebte von 1777 bis 1849) mit dem Beethoven auf Du 
und Du stand, so die Schwestern Therese und Josephine (Therese 
lebte von 1775 bis 1861, Josephine von 1779 bis 1821), mit denen ver- 
traulicher Verkehr gepflogen wurde, ferner die Mutter der bisher ge- 
nannten Brunsviks, Grafin Anna Elisabeth, eine geborene Baro- 
nesse Seeberg, Witwe des Grafen Anton Brunsvik, der schon 1793, 
erst siebenundvierzigjahrig, gestorben war. Audi Philipp v. Seeberg, 
ein Amtsgenosse des allbekannten Beethovenfreundes Nikolaus Zmes- 
kall v. Domanowetz in der ungarischen Hofkanzlei, muB unserm Beet- 
hoven bekannt gewesen sein. Philipp wird spater als Hofrat in Prag 
erwahnt. Ich vermute, daB die Bekanntschaft Beethovens mit der 
Familie Seeberg-Brunsvik sich zufallig durch den Verkehr mit Zmes- 
kall ergab, und zwar schon reichlich vor 1800. Eine „Komtesse Bruns- 
vik" kommt schon 1795 unter den Vorausbestellern der Beethoven-Trios 
Op. 1 vor. Es kann wohl nur die Grafin -Witwe Anna (Elisabeth) ge- 
wesen sein, die sich das neue Werk des immerhin schon ziemlich weit 
bekannten Kiinstlers sicherte. GewiB hatte sie schon von dem auf- 
gehenden Gestirn gehOrt. Die TOchter Therese und Josephine sowie 
der Sohn Franz waren musikbegabt und mochten begierig sein, die 
neuen Sachen aufzufuhren. Eine besonders nahe Beziehung zur Familie 
ist etwa seitl799 anzunehmen, als die Grafin-Witwe mit ihrenTochtern 
Therese und Josephine (von der jungen Charlotte, geb. 1782, spater 
Gemahlin des Grafen Emm. Teleky, war noch keine Rede) nach Wien 
gekommen war, um sie in die Welt einzufuhren und ihnen auch Klavier- 
unterricht bei Beethoven zu verschaffen. Man stieg beim ,,Goldenen 
Greif " in der KarntnerstraBe ab, suchte Beethoven in seiner Wohnung 
auf, und der Unterricht wurde durchgesetzt. Der erste Besuch gait 
freilich der Kunstgalerie des ,,Hofstatuarius Muller" (des Grafen 
Jos. Deym) nahe beim Rotenturmtor. Sie war fiir die damalige Zeit 
eine Hauptsehenswurdigkeit von Wien, wo die Reize vorzuglicher 
Wachsfiguren durch ausgesuchte Beleuchtung und sogar Musik (es 
waren die Stiicke Beethovens fiir ein mechanisches Spielwerk) erhoht 
wurden. (Vgl. „Ein altwiener Wachsfigurenkabinett" von Frimmel in 
Al. Trost, „Altwiener Kalender fUr 1922*'.) 

Graf Deym fiihrte die drei Damen selbst durch die Kunstgalerie 
und verliebte sich, ohne noch den Namen der Komtessen zu kennen, 
sofort in die jugendlich frische Josephine. Man war ja eben aus der 
wurzigen Luft von Marton Vaszar gekommen. Nach wenigen Tagen 
hielt er sofort um die Hand der Komtesse Josephine an. Die alte 



Brunsvik 81 



Grafin wiinschte die Verbindung, die alsbald tiberhastet geschlossen 
wurde, eigentlich gegen das Fiihlen Josephinens, die danach in einen 
Tranenstrom ausbrach. Schon imMai 1800 stellte sich ein Tochterchen 
Viktoria ein. Bald folgten noch zwei Knaben. Im Janner 1804 starb 
nun Graf Jos. Deym. 

Josephine vermahlte sich bald wieder, und zwar mit dem Baron 
Christoph Stackelberg, jenem Stackelberg, der beim Wiener KongreB 
seine Rolle zu spielen hatte (er ist also nicht der beriihmtere Otto 
Magnus Baron von Stackelberg, der Archaolog). Er starb schon 1821. 
Die verwickelten Verhaltnisse danach trieben die Witwe oft nach Mahrert 
zu ihrer Schwester Therese, die dort lebte, auch fruher wurde sie in 
Mahren angetroffen, wie ein Brief aus Stannern beweist, der unlangst 
aufgetaucht ist. (Hierzu Frimmel, „Gemaldekunde", Heft V, 1925, 
iiber die zwei Beethovenbildnisse von NeUgaB.) Die Zuneigung Beet- 
hovens zu Komtesse Josephine und vice-versa fiel in der Familie auf, 
woriiber besonders Andre de Hevesi wertvolle Aufschliisse aus Briefen 
geboten hat. — Im Jahre 1800 schrieb Beethoven den beiden Kom- 
tessen die sechs Variationen iiber das Goethesche Lied ,,Ich denke 
Dein"(D-Dur, Nottebohm, „Themat. Kat.", S. 146, und M.Friedlander, 
„Das deutsche Lied" 1 1 [1902], S. 202; beachtenswert Thayer, „Chrono- 
logisches Verzeichnis", S.38, mitHinweis auf einen Brief an Hoffmeister 
vom 22. September 1803) ins Stammbuch. 

Komtesse Therese, die eine Zeitlang durchaus als die ,,unsterb- 
liche Geliebte" Beethovens, beziehungsweise als die Empfangerin des 
beriihmten dreiteiligen Liebesbriefes gelten sollte, muB den Nach- 
richten iiber ihr Leben zufolge schon frtih in Wien gewesen sein und 
war auch sicher mit Beethoven eng befreundet. Wurde ihr doch die 
zart gestimmte Fis-Dur-Sonate gewidmet. 

Aber das gegenseitige Verhaltnis ist wohl nie iiber eine lebhafte 
freundschaftliche Zuneigung hinausgegangen. 

StSrkere Gefuhlsakkorde sind ftir das Verhaltnis Beethovens zu einer 
anderen Dame aus der Verwandtschaft der Brunsviks, zu Giulietta 
Guicciardi, festzustellen, obwohl auch in diesem Falle, trotzSchindler 
und anderer, nicht anzunehmen ist, daB Giulietta die „unsterbliche 
Geliebte" gewesen ware. (Siehe bei: Unsterbliche Geliebte.) Dem 
frohlichen, ftir Beethoven jedenfalls reizenden Kreise junger Damen, 
die sich namentlich auf dem Brunsvikschen SchloB Marton-Vaszar 
zusammenfanden, gehoren auch die Fintas an, deren Mutter eine 
geborene Grafin Brunsvik war (siehe bei: Finta). Beethoven kam auf 
die ungarischen Besitzungen der Brunsviks, sicher nach Marton-Vaszar 
und Ofen, hOchstwahrscheinlieh auch nach Korompa, wo Onkel Johann 

Frimmel, Bcethovenhandbuch. I, 6 



82 Brunsvik 



Brunsvik viele Gemalde besaB, deren manche auch sich bei anderen 
Familienmitgliedern befanden, z. B. beim Graf en Franz. Dieser war 
nach allem, was ich in Erfahrung gebracht habe, in jungen Jahren 
eine heitere Natur, ohne besondere Tiefe, aber dem Meister herzlich 
zugetan. Ein Bildnis von Thugut Heinrich (in der Sammlung Dr. 
Alb. Figdor in Wien und veroffentlicht in „Studien und Skizzen zur 
Gemaldekunde" Bd. II, Liefg. 3/4, 1916) zeigt uns ein Brustbild, das 
zur gegebenen Charakterisierung paBt. Desgleichen ein unbenanntes 
Aquarell, das aus dem Besitz Herrn Dr. Alfred Nagels als Nr. 169 in 
der Wiener Beethovenausstellung von 1920 zu sehen war. Auch der 
Ton, in welchem Beethoven dem jiingeren Grafen schreibt (mehrere 
Briefe aus der Zeit von 1807 bis ungefahr 1820/21 sind erhalten), paBt 
zu den Vorstellungen, die man sich sonst von dem jungen Aristokraten 
bilden kann. Erst mit zunehmendem Alter wurde er herber, trockener, 
kalter, sogar gegen seine Schwestern. In der Familie erhielt er den 
Spitznamen des Comte Ego. Mit Beethoven scheint es nur einmal 
ein leichtes Zerwurfnis gegeben zu haben, und zwar aus AnlaB des 
Bruders Karl Oder Johann; am 5. August 1807 schrieb namlich Graf 
Franz an seine Schwestern, er habe Beethoven beim Diner im Gast- 
hause getroffen und wegen seiner Vernachlassigung getadelt: „Je lui 
ai fait sentir sa negligeance et la bassesse de son frere" (Hevesi, S. 61). 
Obrigens kOnnte die Angelegenheit klarer sein. Ungefahr 1813 schied 
er aus dem engeren Beethovenkreise aus, ohne die Verbindung damit 
abzubrechen (Schindler I, S. 224). 1819 (ibernahm er die Leitung des 
Pester Stadttheaters, das iibrigens schon 1822 geschlossen werden 
muBte (II, S. 275f.). Graf Franz Brunsvik heiratete in den 1820er 
Jahren Fraulein Sidonie Jurth (Th.-R. Ill, S. 340), die zu jener Zeit 
als Klavierspielerin Aufsehen erregte. Selbstverstandlich war Graf 
Franz musikbegabt. Er spielte das Cello und hielt ein Quartett. Den 
Hohepunkt der Freundschaft mussen wir in die Zeit verlegen, als dem 
Grafen Franz die Sonata appassionata und die Klavierfantasie 
aus Op. 77 gewidmet wurden. Das war also 1806 auf 1807 und bald 
danach. 1811 sollte Graf Franz den Meister nach Teplitz begleiten,. 
doch blieb Brunsvik nicht bei der Sache. 

Ein angeheirateter Verwandter der Familie Brunsvik, Baron Andreas, 
v. For ray, der Gemahl einer Cousine des Grafen Franz, wird in einem 
Brief Beethovens an Brunsvik erwahnt (Th.-R. Ill, 311). Er war (nach 
Kochel) ein guter Klavierspieler und groBer Musikfreund. — Graf Franz 
war 1824 zu Besuch in Wien. Er schrieb damals in ein Gesprachsheft, 
daB er mit seiner Frau in dieAkademie kommen und darauf den Meister 
nach Ungarn mitnehmen wolle. (Kerst, „Erinnerungen" II, 269. > 



Bundeslied — Bursy 83 



Die Literatur Uber die Brunsviks ist ziemlich ausgedehnt, wobei ich 
auch die genealogischen NachschlagebUcher beruhre. Am lebhaftesten 
beschaftigte man sich mit Komtesse Therese. Vgl. M. T. Mariam Tenger, 
eigentlich M. Hrusoczy, „Beethovens unsterbliche Geliebte" (1890), 
ein allerdings phantastisches, irrefiihrendes Buch, (iber das unter andern 
Anton Schlossar Auskunft gab in ..Deutsche Arbeit" (Prag, Karl Bech- 
mann, Jahr IV, Heft 12), und Dr. Alfred Nagel in J. J. Webers „Illu- 
strierter Zeitung" vom 25. Februar 1894, Nr. 2642, S. 194. — Alfr. 
Chr. Kalischer, „Die unsterbliche Geliebte Beethovens", 1891, und spater 
in „Beethovens Frauenkreis". — Siehe auch La Mara, „Beethovens un- 
sterbliche Geliebte" (1909), woran sich ungezahlte Besprechungen 
kniipfen. Spater erschien nach besseren Quellen als die bisherigen 
Schriften A. de Hevesy, „Les petites amies de Beethoven", 1910, in 
Buchform, nach einem langen Aufsatz in der „Revue de Paris", 1910. 
Vgl. auch „Die Musik" III, S.347f., „Buhne und Welt", Februar 1912. 
— Zu den Gemaldesammlungen der Brunsviks vgl. Frimmel, „Lexikon 
der Wiener Gemaldesammlungen" Bd. I, Abschnitt: Brunsvik. — 
Bildnisse aus der Familie, abgebildet bei A. de Hevesi, von dem 
noch manche Aufschliisse zu erwarten sind. Das Lampische Brustbild 
der Komtesse Therese befindet sich im Beethovenhaus zu Bonn. Vor 
Jahren sah ich eine Kopie danach im SchloB Korompa. 

Bundeslied Op. 122. (Siehe bei: Kantaten.) 

Bureau des arts et d'industrie. Ein grofier Kunstverlag. (Siehe 
bei: Kunst- und Industrie-Comptoir.) 

Bursy, Karl v., Doktor der Medizin (geb. 1791 in Kurland, spater 
Arzt in Salzburg, gest. 1870). 

Besuchte, mit einer EmpfehlungAmendas versehen 1816 denMeister 
im alten Haus der Seilerstatte Nr. 1056 (siehe bei: Wohnungen) und 
hat die Eindriicke von mehreren Besuchen in seinem Tagebuch notiert. 
Dieses wurde 1854 in der „ Petersburger Zeitung" verOffentlicht, stark 
zensuriert, doch kennt man den vollstandigen Text, der ehedem in 
der Mitauer Bibliothek sich befunden hat und gegenwartig der National- 
bibliothek in Berlin gehOrt (vgl. Ludwig Nohl, „Psychiatrisches Uber 
Beethoven", Notiz in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung", 1872, 
14. Dezember, Nr. 349), L. Nohl, „Beethoven nach den Schilderungen 
seiner Zeitgenossen", derselbe, „Beethoven, Liszt und Wagner", Kerst, 
„Erinnerungen" I, S. 197 ff., vollstandigerAbdruck, A.Leitzmann,„L.v. 
Beethoven" I, S. 160ff. und II, S.326; bei Th.-R.III, S.566, reichliche 
Ausztige. Vgl. auch A. Leitzmann in „Deutsche Literaturzeitung" Jahr 
XXXV, S. 138 (Janner 1914). Zu den Uneinigkeiten mit Palffy, die von 
Bursy erwahnt werden, Frimmel, „Beethovenstudien" II, S. 41 ff. 

6* 



84 Canones 



c. 

Canones. Die alte, auf Jahrhunderte zurUckreichende Form des 
Kanons im Sinne der strengen Nachahmung wurde von Beethoven mit 
groBer Geschicklichkeit benutzt. Auch wenn den Meister die Geschichte 
dieser Form, die wir heute aus der reichlichen Literatur iiber Kontra- 
punkt kennen, nicht weiter bertihrt haben wird, muBte er die Nach- 
ahmungen in Kanonform doch von den unmittelbaren Vorgangern her 
gekannt haben, nicht zuletzt von Jos. Haydn und Mozart. Auch 
Chr. G. Neefe, der Hauptlehrer Beethovens in Bonn, hat die Kanon- 
form gepflegt, wobei ich an die „Sechs Canons" erinnere, die sich im 
,,Vademekum fur Liebhaber des Gesangs und Klaviers" (Leipzig 1780, 
Breitkopf) gegen Ende des Bandes finden, zwei auf deutsche, 
vier auf lateinische Texte. Auch Salieri liebte Canones. (Siehe 
bei: Salier.i) — Von Beethoven sind weit iiber 40 Canones bekannt 
geworden. Nottebohms ,,Themat. Verzeichnis" war noch nicht an- 
nahernd volIstSndig. Es hatte nur 18 Canones. In der Gesamtausgabe 
sind sie um 5 (im Supplementband) vermehrt. Thayer (im „Chrono- 
logischen Verzeichnis") nennt 28. Zu meinem eigenen, reichhaltigeren 
Verzeichnis (im „Beethoven", 6. Aufl., S. 108, trage ich hier noch einige 
weitere Beispiele nach. — Ein ausgefiihrter, sonst ,,unbekannter" 
zweistimmiger Kanon aus G-Dur im 4 /4 von e *wa 1801 wird ohne 
Angabe der Textworte erwahnt durch L. Nohl in „Beethoven, Liszt, 
Wagner" S. 99. In Castellis Memoiren findet sich etwas Einschlagiges. 
Auf einen versprochenen Kanon, dessen Text nicht genannt ist, wird 
1820 in einem Gesprachsheft hingewiesen (W. Nohl: „Konv.-Hefte" I, 
S. 326.— Ein Kanon zu einem verstummelten Vers aus ,, Faust" findet 
sich erwahnt in Frimmel, „Neue Beethoveniana", 2. Auflage S. 341. — 
Ein weiterer nicht veroffentlichter Kanon: „Fettlummerl, Bankert 
haben triumphiert" ist ohne Noten erwahnt in Kalischers Briefaus- 
gabe V, S. 324. In neuerer Zeit hat sich besonders Riemann mit den 
Canones beschaftigt, und die Gesangsauffiihrungen, die Euseb. Man- 
dyczewski seit etwa 1890 in Wien angeregt hat, brachten manche 
Aufklarung iiber diese kleinsten, aber oft sehr geistreichen Werke des 
Meisters. An die herrliche Anwendung der Kanonform im „Fidelio" 
und in der „Sonnenfels-Sonate" sei an dieser Stelle erinnert. — Dem 
Text und zumeist den Noten nach sind folgende zusammenzustellen. 

Im Arm der Liebe. (Gesamtausgabe Serie XXIII, Nr. 256 — -1. 
Komponiert wahrend der Studien bei Albrechtsberger. Nottebohm, 
, .Beethoveniana" I, S. 50. Text nach dem Liedchen von W. Ueltzen.) 

[Ein andres ist's,das erste Jahr. (Thayer,, .ChronologischesVer- 



Canones 85 

zeichnis" Nr. 80. 1801 kopiert u.zw. aus der „Leipziger allgemeinen 
musikalischen Zeitung" vom 21. Dezember 1799. Vergl. Nottebohm- 
Mies, S. 20. Mit Noten.)] 

Ta, ta, ta . . . . lieber, lieber Malzel. (Gesamtausgabe Nr. 2, 
Frtihling 1812. Mehrmals erwahnt in der Malzelliteratur. Schon 
Schindler weist auf den Zusammenhang mit dem Allegretto scherzando 
der VIII. Symphonie hin. Thayer norgelt selbstverstandlich an Schind- 
lers Angaben. Th.-R. Ill, S. 345ff., vgl. audi Hirschbachs „Reper- 
torium." Der Kanon wurde zuerst bejm Kameel gesungen. Vgl. Ab- 
schnitt: Gasthauser.) 

Kurz ist derSchmerz. (Gesamtausgabe Nr. 3, F-Moll. Komponiert 
fur Naue, 23. November 1813. Eine alte abergetreue Faksimilenach- 
bildung dieses sauber geschriebenen Kanons ist als Einzelblatt und als 
,,Ein Andenken Beethovens" herausgegeben in Autographie von 
B.J.Hirschs Kunstverlagshandlung in Berlin. Text aus Schillers 
,,Jungfrau von Orleans".) 

Kurz ist der Schmerz, Variante des vorigen. (Gesamtausgabe 
Nr. 3b. Fur Spohr am 3. Marz 1815. Vgl. L. Nohl, „Beethoven nach 
den Schilderungen seiner Zeitgenossen", und die neueren ahnlichen 
Bucher von Kerst und Leitzmann.) 

Rede, rede. (Gesamtausgabe Nr. 4. Aus Neates Stammbuch, 
Januar 1816.) 

Lerne schweigen. (Gesamtausgabe Nr. 5, Ratselkanon. Text von 
Herder. Neates Stammbuch, Januar 1816. Nottebohm, ferner „Beet- 
hoveniana" II, S. 330, Th.-R. Ill, S. 533.) 

Ich ktisse Sie. (Fehlt in der Gesamtausgabe. Th.-R. Ill, S. 536f. 
weist auf ,,Die Jahreszeiten", 13. Januar 1853, und berichtigt Ka- 
lis chers Brief ausgabe.) 

Gliick zum neuen J a hr. (Gesamtausgabe Nr. 16, Es-Dur. — Ich 
kenne eine Abschrift von Diabelli mit dem Vermerk: „Canon am ersten 
Tage des Jahres 1815 bey Bar. v. Pasqualati geschrieben und ihm ge- 
widmet vonLudw.van Beethoven". — Diese Abschrift befand sich 1892 
bei Posonyi. — Ist verschieden vom Kanon Nr. 6 vom Dezember 1819 
auf denselben Text.) 

Ars longa, vita brevis. (Zuerst bei L. Nohl, „Neue Briefe Beet- 
hovens", 1867. Fur Hummel, 4. April 1816. — Th.-R. Ill, S. 550.) 

(Nochmals „Ars longa . ." am 6. September 1825 fur George Smart 
zu Papier gebracht. Siehe unten.) 

Gliick fehl' Dir vor allem. (1817 bei Giannatasio del Rio ge- 
schrieben. Frimmel, „Neue Beethoveniana", S. 100.) 

Wie Silber die Rede, doch zu rechter Zeit schweigen ist 



86 Canones 



lauteres Gold. (Far Del Rios geschrieben. Vgl. A. Leitzmann, 
„Beethovens PersOnlichkeit" 1914, S. 222.) 

Bernardus ist ein Sankt. (Thayer, „ChronologischesVerzeichnis" 
Nr. 225 [in Noten].) 

Sankt Petrusistein Fels. (Thayer, „ChronologischesVerzeichnis" 
Nr. 225 [in Noten].) 

Gltick zum neuen Jahr. (Gesamtausgabe Nr.6, furGrafinErdOdy, 
31.Dezember 1819.) 

Alles Gute alles SchSne. (Gesamtausgabe Nr. 7, fQr Erzherzog 
Rudolf, 1. Januar 1820.) 

Edel sei der Mensch. (Gesamtausgabe Nr. 10, geschrieben 20. Ja- 
nuar 1823. Nach Goethes Gedicht: „Das GOttliche". Zuerst gedruckt 
in „Wiener Zeitschrift fur Kunst, Literatur, Theater und Mode", 
21.Juni 1822. [Fur L. Schlosser.]) Eine liederartige kleine Kompo- 
sition, nicht Kanon, ist die zu einem ahnlichen Text „Der edle 
Mensch sey hiilfreich". (Siehe bei: Eskeles.) 

Kiihl nicht, lau nicht. (Gesamtausgabe Nr. 12. Geschrieben in 
Baden 3. September 1823. Wohl zuerst gedruckt bei Seyfried, „Studien", 
Anhang S. 25.) 

Schwenke Dich. (Gesamtausgabe Nr. 11. Entstanden Wien 
17. November 1824. — Vgl. auch Landau, ,,Poetisches Beethoven- 
album". — Th.-R. V, S. 139f. mit Hinweis auf Nottebohms hand- 
schriftliche Bemerkungen und auf Beethovens Brief an Schott, S. 825 
und S. 174.) 

Signore Abbate. (Gesamtausgabe Nr. 14, fur Abb6 Stadler ge- 
schrieben.) 

Hoffmann, sei ja kein Hof mann. (Gesamtausgabe Nr.8, angeb- 
lich im Matschakerhof geschrieben fur den Chorleiter Joachim Hoff- 
mann. Vgl. Th.-R. IV, S. 199f. und V, S. 177. Vgl. auch Landaus 
„Poetisches Beethovenalbum".) 

Tobias. (Gesamtausgabe Nr. 9. Baden, am 10. September 1821. 
Th.-R. IV, S. 225 ff., nach Nottebohms Ermittelungen „Beethoveniana" 
II, S. 152.) 

Erster aller Tobiasse. (Thayer, ,,Chronologisches Verzeichnis" 
Nr. 177, Nachtrag, S. 194. Ohne Notenbeigabe aus einem Brief an 
Haslinger.) 

Brauchle-Linke (Thayer, „Chronologisches Verzeichnis", Anhang 
Nr. 263, mit Noten. Im Text derDruckfehler: BranchlestattBrauchle. 

Ich bitt' Dich, schreib mir die Es-Scala auf. (Gesamtausgabe 
Nr. 15.) 

Ewig Dein. (Gesamtausgabe Nr. 14. Faksimile imLXXXIII. Auto- 



Canones 87 

graphenkatalog von K. E. Henrici, Mai 1923. — Fur Baron Pasqualati, 
ohne Datum.) 

Si non per portas. (Gesamtausgabe Nr. 17. 26. September 1825, 
Wien. Far Mor. Schlesinger. Nottebohm, „Beethoveniana" II, S. If., 
11. Faksimile im „Beethoven" von Marx. Vergl. auch Th.-R. V, 249.) 

Te solo adoro. (Gesamtausgabe Suppl. Nr. 1, Nottebohm II, S.208. 
Kat. des Heyerschen Museums in Kbln IV, S. 188. DUrfte 1824 ent- 
standen sein.) 

DasSchOnezudemGuten. (Fehlt in der Gesamtausgabe. — Gehort 
zu einem Brief vom 3. Mai 1825. Vgl. die Brief ausgaben und Th.-R. V, 
S. 209.) 

Bester HerrGraf.Sie si ndeinSchaf. (Fehlt in der Gesamtausgabe. 
In Hirschbachs „Repertorium" 1844 ein Faksimile mit Schindlers Ver- 
merk „geschrieben den 20. Februar 823 im Kaffeehause zu Birn auf 
der LandstraBe". Vgl. auch Kalischer, „Briefe" V, S. 197. Th.-R. IV, 
S. 388ff. — Schindler hatte diesen Kanon, der doch bei alien freund- 
schaftlichen Beziehungen zwischen Beethoven und dem Grafen Moritz 
Lichnowsky, wie sie fur jene Zeit festzustellen sind, wohl etwas zu derb 
sein diirfte, zurttckgehalten, „um Mifibrauch und Unfrieden" zu ver- 
hindern, und zwar so lange, bis solche nicht mehr zu befiirchten waren. 
So teilte er es mit im erwahnten Herm. Hirschbachschen ,,Musikalisch 
kritischen Repertorium" Bd. I, und zwar in dem nicht unwichtigen 
Artikel „Beethovensche Memorabilien" [S.468f.]. Zur Ortlichkeit vgl. 
meinen Artikel „Beethoven als Gasthausbesucher in Wien" im Sand- 
bergerschen „Beethovenjahrbuch".) 

Freundschaft. (Gesamtausgabe Suppl. Nr. 285, II. Kleines Fak- 
simile in „Oesterreichs illustrierte Zeitung" 1. November 1925, 
S. 1151.) 

Glaube und Hoffe. (Gesamtausgabe Suppl. Nr. 285, 3a.) 

Gedenket heute an Baden. (Gesamtausgabe Suppl. Nr.4. Notte- 
bohm, „Beethoveniana" II, S. 152.) 

Ohne Text als Andenken fur de Boer, den noil. Maler. L. Nohl, 
„Neue Briefe" Nr. 290. Danach Th.-R. V, S. 226. 

Gott ist eine f este Burg. (Fehlt in der Gesamtausgabe. Faksimile 
in der ,,Magdeburger Zeitung" vom 11. Dezember 1920. Siehe auch 
bei Liepmannssohns XXXVI. Versteigerungskat. vom November 1906 
und seither wieder C. E. Henricis Kat. CIV Nr. 7 vom Mai 1925. Gilt 
als unauflosbar. Faksimile bei P. Bekker.) 

Ars longa vita brevis. Fehlt in der Gesamtausgabe. (2. Fassung 
far George Smart, geschrieben im September 1825. — Th.-R. V, S.247. 
Siehe auch oben 1816.) 



88 Canones 



Es muB seyn. (Fehlt in derGesamtausgabe. In Faksimile veroffent- 
licht 1844 im III. Band der GaBnerschen „Zeitschrift fur Deutschlands 
Musikvereine" zu S. 133f. durch C[arl] H[olz]. Th.-R. V, S. 301 ff.) 

GroBen Dank! (Gegen 1823 entstandene Skizze. Vgl. Nottebohm 
II, S. 117, Th.-R. IV, S.443 und V, S.21.) 

Freu Dich des Lebens. (Gesamtausgabe Suppl. Nr. 5. Auch 
Th.-R. V, S. 273, 319, 384. Fur den Musiklehrer Th. Molt aus Quebec. 
Nottebohm „Beethoveniana" II, S. Iff. Faksimile bei P. Bekker 
[groBe Ausgabe Taf. 131].) 

Wirirrenallesamtundjederirret an ders. (Fehlt inder Gesamt- 
ausgabe. Vgl. L. Nohl, „Beethoven, Liszt, Wagner" S. 110.— 1826.) 

Gehabt Euch wohl! (Fehlt in der Gesamtausgabe, erwahnt bei 
Nottebohm II, S. 152.) 

Tugend ist kein leerer Name. (Fehlt in der Gesamtausgabe, er- 
wahnt bei Nottebohm, „Beethoveniana" II, S. 152.) 

Falstafferl. (Mitgeteilt in „Die Musik", II. Jahr, Heft 13. Das 
Faksimile ging von dort iiber in P. Bekkers „Beethoven". Fallt 1823.) 

Doctor sperrt dasThor dem Tod. (Fehlt in derGesamtausgabe. 
Autograph Wien, Gesellschaft der Musikfreunde. Ein lithographiertes 
Faksimile befand sich vor Jahren beim Kapellmeister Ad. Mailer in 
Wien. Der Kanon ist am II. Mai 1825 im Helenental bei Baden ent- 
standen und fur Dr. Braunhofer geschrieben, Th.-R. V, S. 195f. gibt 
auch die altere Literatur.) 

- Ich war hier. (Fehlt in der Gesamtausgabe. — Ein Faksimile fand 
sich im Verzeichnis der Handschriftenversteigerung Martin Breslauer 
in Berlin vom April 1912. Neuerlich faksimiliert als Beigabe zur 
Faksimileausgabe der Klaviersonate Op. 1 1 1 [Miinchen, Dreimasken- 
verlag 1921].) 

Hoi' Euch derTeufel. (Fehlt in der Gesamtausgabe.— Vgl. Thayer, 
„Chronologisches Verzeichnis" S. 137, und Frimmel, „Beethoven- 
forschung" Heft V, S. 18f. und 24.) 

Von einem Kanon: „Da ist das Werk, sorgt um das Geld, sorgt 

I, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 

II, 12, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12 Ducaten, ducaten, du- 
caten, ducaten, ducaten" Iiegt nur eine Abschrift von Carl Holz vor. 
Die Oberlieferungen von der Entstehung sind etwas verworren und 
entsprechen nicht ganz der Wahrscheinlichkeit. Das Stuck wurde 1889 
durch den Sohn des Musikers Holz verkauft. (Hiezu ,,Neue freie 
Pfesse" vom 18., 19., 24. und 25. Oder 26. April 1889 und neuestens 
Th.-R. V, S. 408 f.) Die nicht recht beglaubigte Kopie kam aus dem 
Besitz des Sohnes Holz' nach Heiligenstadt und von dort ins Wiener 



Cappi 89 

Stadtmuseum. Dieser Kanon war ubrigens schon dem Forscher W. Lenz 
bekannt, der in seinem „Kritischen Katalog" Bd. V, S. 219 im Ab- 
schnitt: Karl Holz iiber die funf letzten Quartette, dariiber schrieb. 
Der alte Holz sagte, daB der Kanon mit dem Beethovenquartett und 
dessen neugestaltetem Finale statt der Fuge zusammenhangt, „mit 
diesem Letztwerk schickte mir Beethoven spater [NB.!] auch einen 
hierauf beziiglichen Kanon (,Hier ist das Werk, schafft mir das Geld')". 
Andererseits wurde behauptet, der Kanon sei dem alteren Holz diktiert 
worden, und er sei Beethovens letztes Werk. 

Obersicht nach den Textanfangen in alphabetischer Anordnung: 
Alles Gute alles Schone. — (Ars longa) in zwei Varianten. — ■ 
Bernardus war ein Sankt. — Bester Herr Graf. — Brauchle. 

— (Da ist das Werk.) -^ Das Schone zu dem Guten. — Doktor 
sperrtdasThor dem Tod. — EdelseiderMensch. — (Einandres 
ist das erste Jahr, Abschrift.) — Es muB sein. — Ewig dein. — 
Falstafferl. — Freu Dich des Lebens. — Freundschaft. — 
Gedenket heute an Baden. — Gehabt Euch wohl. — Gliick 
fehl Dir vor allem. — (Gliick zum neuen Jahr) in zwei Varian- 
ten. — Gott ist einefeste Burg. — GroBenDank. — Hoffmann, 
sei ja kein Hofmann. — Hoi' Euch der Teufel. — Ich kiisse 
Sie. — Ich war hier. — Ich bitt' Dich. — Im Arm der Liebe. 

— Kiihl nicht, lau nicht. — (Kurz ist der Schmerz) in zwei 
Varianten. — Lerne schweigen. — Tobias. — Rede, rede. — 
Sankt Petrus ist ein Fels. — Schwenke Dich. — Signore 
Abbate. -^- Si non per portas. — Ta, ta, ta. — Te solo adoro. 

— Tugend ist kein leerer Name. — Wie Silber die Rede. — 
Wir irren allesamt. 

Cappi, Giovanni (Italiener, geboren etwa 1770, gest. 1815), Kunst- 
handler in Wien. Kam anfanglich als Praktikant zu Artaria, wo er 
von 1793 bis 1801 Teilhaber der Firma gewesen (nach den freund- 
lichen Mitteilungen des Herrn Oberstleutnant Franz Artaria in Wien). 
Seit 27. Februar 1802 selbstandiger Kunsthandler. J. W. Fischer 
(„Reisen durch Osterreich" I, S. 161 f.) berichtet gegen 1802, daB sich 
seit einiger Zeit die Kunsthandlungen in Wien sehr vermehrt haben. 
Fruher sei nur Artaria von Bedeutung gewesen. „Jetzt ist auch am 
nemlichen Platze die [Kunsthandlung] des Cappi und endlich eine 
dritte, welchedenTitelKunst- und Industrie-Comtoir angenommen hat 
und welcher Herr Schreyvogel vorsteht." Giovanni Cappis Geschaft 
wurde nach dem Tode des Griinders, 1815, von der Witwe Magdalena 
und seit 1 822 von dem Sohne C a r 1 C a p p i weitergef Uhrt. In „ Redls Ka- 
lender des biirgerlichen Handelsstandes" von 1815 und 1816 werden 



90 Carbon — Cartellieri 



neben den Kunsthandlungen Dom. Artaria auch noch Giov. Cappi als 
Firma genannt, uberdies Pietro Cappi (siehe unten). Seit 1827 hieB 
die Firma: Cappi <& Czerny, die bald in Jos. Czerny geandert wurde. 
Beethoven iiberlieB dem jungen Cappischen Verlag sogleich 1802 die 
Serenade Op. 25 fur Flote, Violine und Bratsche und blieb auch eine 
Spanne Zeit bei dieser Firma mit Op. 26 und Op. 27, den beriihmten 
Klaviersonaten, bis dann das Kunst- und Industrie-Comptoir und die 
Leipziger Firma Breitkopf & Hartel in den Vordergrund des Verlages 
Beethovenscher Werke treten. Die drei Sonaten Op. 31 erschienen 
aber wieder bei Cappi, obzwar aus den friiheren Verlagen zusammen- 
gezogen. Die Sonaten Op. 109, 110 und 111, zuerst bei Schlesinger 
in Berlin veroffentlicht, erschienen bei Cappi <& Diabelli als verbesserte 
Nachdrucke. (Siehe bei: Cappi <& Diabelli. „Die Wiener Zeitung" vom 
Februar 1802, S. 689 und 765 meldet, daB Joh. Cappi seine Kunst- 
handlung eroffnet. Vgl. Th.-R. II, S.51, 103, 358, 617 und IV, S.228ff. 
und 479.) Bei Cappi <& Czerny erschien noch 1827 der Militarmarsch 
fur Klavier in D-Dur. 

Pietro Cappi war ein Neffe des Giovanni Cappi. 1793 trat er 
gleichzeitig mit Domenico Artaria ins Haus Artaria als Praktikant 
ein. 1804 wurde er an den Geschaften beteiligt. 1815 trat er aus 
(gtitige Mitteilungen Artarias). 1816 grilndete er einen eigenen Verlag, 
der 1818 Cappi & Diabelli hieB und bei Redl und anderen mit der 
Adresse Graben 1200 angegeben wird, bald danach mit Nr. 1133. — 
Giovanni Cappi hatte sein Geschaft am Michaelerplatz Nr. 4, wie es 
auf den Urausgaben von Beethovens Op. 26, 27 und Op. 25 angegeben 
ist, franzosisch und italienisch. 

(In „Redls Kalender"wird 1821 ein Kunsthandler„Fr. Cappi" genannt. 
Er scheint in keiner Verbindung mit Beethoven gestanden zu haben.) 

Carbon, Franz Ludwig v., k. k. Hauptmann. Grundbesitzer und 
Hauseigentiimer in Modling, mit dem Beethoven in der Angelegen- 
heit eines beabsichtigten Hauskaufes 1819 verkehrte. Nahere Mit- 
teilungen im Abschnitt: Modling. (Th.-R. IV, S. 166f., Frimmel,„Beet- 
hovenforschung" Heft VIII, 1918, S. 134ff.) 

Cartellieri, Casimir Anton (geb. Danzig 1772, gest. Liebhausen in 
Bohmen 1807), begabter Musiker, Leiter der Lobkowitzschen Musik- 
kapelle. Cartellieri muB bei Furst Lobkowitz den Meister gesehen 
und gesprochen haben. Durch ihn haben sich Erzahlungen iiber Beet- 
hoven und den Cellisten Kraft fortgepflanzt. Wenn Beethoven ge- 
legentlich des Winters zu Kraft kam mit kaiteerstarrten Handen, 
sorgte Frau Katharina Kraft dafUr, daB Beethoven beim Fortgehen 
neue warme Handschuhe im Hut bereit fand. Er zog sie an, ohne 



Casentini — Castelli 91 



sich in seiner Zerstreutheit des Geschenkes bewuBt zu werden. Kraft 
fand hie und da manche Stelle in Beethovens Werken schwer spielbar 
und erlaubte sich die Bemerkung: „sie liegt nicht in der Hand". „MuB 
liegen", erwiderte der Meister. 

(Zu Cas. Ant. Cartellieri, von dem gute Kompositionen erhalten 
sind, vgl. C. v. Wurzbach, ,,Biogr. Lexikon" Bd. 26, Nachtrag, C. 
F. Pohl, „Die Gesellschaf t der Musikfreunde", S. 75, und Frimmel, „Beet- 
hoven" in alien Auflagen (6. Aufl. S. 43. Handschriftliche Biographie 
im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde). 

Casentini, Maria (auch verballhornt Cassentini und noch anders). 
Prima ballerina der Wiener Hofoper um 1800. (Nahere Angaben 
tiber ihr Leben vorlaufig unbekannt.) Fraulein Casentini muB dem 
jungen Meister in den 1790er Jahren bekannt geworden sein, als 
sie 1796 im „WaIdmadchen" von Paul Wranizky tanzte (erste Auf- 
fiihrung am 23. September 1796). Beethoven komponierte sofort Va- 
riationen tiber ein russischesTanzstiick aus diesem Ballett und widmete 
sie der Graf in von Browne. Sie erschienen 1797. Ohne Zweifel kam 
er mit der Casentini wiederholt personlich zusammen, als das Ballett 
„Die GeschOpfe des Prometheus" mit Beethovens Musik vorbereitet und 
im Marz 1801 zum erstenmal aufgefiihrt wurde, und zwar auch ein- 
mal „zum Vorteil der Mile. Casentini" (am 28. Marz). — (Siehe auch 
bei: Prometheus. Vgl.Schindler I, S.78,100und 1 1 1, Th.-R. 1 1, S.216ff., 
Kalischer-Hirschberg, „Beethovens Frauenkreis" 2. Teil, S. Iff.) 

Ein alter Bildnisstich aus dem Besitz der Gesellschaft der Musik- 
freunde war 1920 im Wiener Rathaus ausgestellt. 

Castelreagh, Henry Robert, Stewart, Viscount (geb. 1769, gest. 1822), 
englischer Staatsmann, der beim Wiener KongreB bis Marz 1815 
England vertrat. Ftir Beethoven kommt er insofern in Betracht, als 
ein langer Briefentwurf Beethovens aus der KongreBzeit vermutlich 
ftir diesen Staatsmann bestimmt ist. Beethoven beklagt sich Uber das Aus- 
bleiben einer Antwort in der Angelegenheit der „Schlacht bei Vittoria" 
und der Widmung. In dieser Sache kommt auch Fiirst Paul Esterhazy 
in Frage (Frimmel, ,,Beethovenjahrbuch" II, S. 191 ff., wozu ich nach- 
trage, daB Castelreagh eine Vermittlung in der Angelegenheit der 
Schlachtmusik beabsichtigt hatte, wie es aus einem Brief e Beethovens 
an den Grafen Moritz Lichnowsky vom 21. September 1814 hervorgeht). 
— Castelreaghts Bildnis von Sir Thomas Lawrence befindet sich in 
Windsor Castle. 

Castelli, Ignaz Franz. Zu seiner Zeit beriihmter, noch heute 
gelesener Dichter (geb. 1781 zu Wien, gest. ebendort 1862). Gehorte 
jahrelang zu Beethovens Freundeskreis. Die vielleicht alteste Er- 



92 Castelli 



wahnung Castellis in diesem Kreise kommt vor in eineme Brief Beet- 
hovens an Treitschke vom 3. Juli 181 1. Beethoven hatte durch Palffy 
Castellis Bearbeitung der „Ruines de Babylon" erhalten, an deren 
musikalische Ausfiihrung Beethoven damals dachte (siehe bei:Opern- 
plane). 1809 war er von den Franzosen proskribiert worden. Oftmals 
hatte er unter der Zensur zu leiden, woruber er selbst in humorvoller 
Weise berichtet hat. Ober Beethoven, von dem er zu Thayer sagte: 
„Beethoven war eigentlich die personifizierte Kraft" (Th.-R. Ill, 
S. 182), schrieb er 1861 in den „Memoiren meines Lebens, Gefundenes 
und Empfundenes" (III. Bd. S. 117): ,,Der groBe Beethoven konnte 
mich sehr wohl leiden; so oft er mich sah, fragte er mich immer: Was 
gibt es denn wieder fur kolossale Dummheiten? Ich erzahlte ihm neue 
Bonmots und Anekdoten, und er lachte immer um so herzlicher, je 
derber diese waren." ,,Wenn irgendwo etwas Lustiges vorgenommen 
werden sollte, muBte ich mitwirken, und zum Beweise dessen berufe 
ich mich auf einen Brief Beethovens an seinen Freund Holz ... worin 
er ihm meldete, er wolle dem Musikalienhandler Steiner einen lustigen 
Streich spielen . . . und dazu wOrtlich bemerkte: Dabei muB Castelli 
herhalten" (siehe bei: Steiner). „Als ich meine 1000 SprichwSrter er- 
scheinen lieB, zeigte ich Beethoven dieselben, und da jedes Sprichwort 
nur zwei, wenige vier Verse enthielten, gefielen ihm diese sehr, und er 
sagte mir, sie waren ganz dazu geeignet, um Kanons darauf zu kompo- 
nieren. Ich lieB daher ein Exemplar ganz mit Notenpapier durch- 
schieBen und gab es ihm. Er sagte mir spater, er habe bereits einige 
hineinkomponiert. Als er starb, hatte ich dieses Btichlein gern als eine 
Reliquie dieses groBen Mannes aufbewahrt, allein es fand sich nicht 
vor" (siehe bei: Canones). Castelli erzahlt in der Folge auch die Ge- 
schichte von Beethovens freier Fantasie tiber das Thema 



i 



^ 



* 



£ 



das ihm Castelli vorspielte. Diese Geschichte ist oft nacherzahlt 
worden. Auch tiber Beethovens Zusammentreffen mit Abbe Stadler 
bei Haslinger wuBte er zu berichten. — Zu Beethovens Zeiten wohnte 
Castelli im BallgaBchen (alte Nr. 987, neuere 931). 

Castelli war kurze Zeit (181 1 — 1814) neben Treitschke Theaterdichter, 
gab eine ganze Reihe von VerOffentlichungen heraus, wahrend er 
eigentlich zuerst Praktikant, dann Sekretar der landstandischen Buch- 
haltung gewesen. Er starb unverheiratet zu Wien im Heiligenkreuzer- 
hof (Stadt Nr. 677) und wurde in eine eigene Gruft nach Hutteldorf 
uberfuhrt. Das Trauerblatt wurde von des Dichters Nichte Emilie 



Catalani — Cherubini 93 



Mtlller, geb t Weyringer, und ihren Briidern August und Walter Wey- 
ringer ausgegeben. 

(Reichliche Angaben in den biographischen Nachschlagebuchern, 
z. B. bei Wurzbach II, IX, XI, XXIII, in der Altwiener Theater- 
literatur, in Bauernfelds ,,Aus Alt- und Neuwien", neue Auflage von 
Jos. Bindtner, 1923, in Bauernfelds Tagebiichern; dazu ,,Grillparzer- 
jahrbuch" VI, S. 135, L.Nohl, „Beethoven, Liszt und Wagner", S. 112, 
Frimmel in Kastners „Wiener musikal. Zeitung" 1, S. 52ff., und in 
„Neue Beethoveniana" [nach Register], „ Wiener Abendpost" [Beilage 
der „Wiener Zeitung", 1892, 5. Februar]. In neuester Zeit H. Tietze, 
„Das vormarzliche Wien", 1925, S. 30.) 

Castellis Bildnis wurde Iithographiert. Die Moritz Daffingersche 
Miniatur ist von Blasius Hotel gestochen. In der Wiener Beethoven- 
ausstellung 1920 sah man Castellis Bildnis, ein Gemalde von Natale 
Schiavoni aus dem Jahr 1819. 

Catalani, Angelica (geb. Sinigaglia 1780, gest. Paris 1849), beriihmte 
Sangerin. 

Zwar ist nichts Sicheres von pers8nlichen Beziehungen zu Beethoven 
bekannt, doch mag angemerkt sein, daB sie in ihren Wiener Konzerten 
vom 16. Juni und 2. Juli 1818 Beethovensche Werke auffiihren lieB: 
die „Egmont"-Ouverttire und das Finale desTripelkonzertes(Th.-R. IV, 
S. 570, Hanslick, „Geschichte des Concertwesens in Wien". Alle 
Musiklexika geben fiber das Leben d«r Kiinstlefin Auskunft). 

Cesar, Jos., nachtraglich Bildhauer (geb. 1814, gest. 1876), hat 
noch als Knabe den Meister in Heiligenstadt gesehen und mit anderen 
Jungen geneckt. Diese Oberlieferung ist mir durch den Bildhauer 
Viktor Tilgner erzahlt worden und findet sich mitgeteilt in ,,Neue 
Wiener Musikzeitung", l.Oktober 1890, S. 10. 

Champagnersonate. MiBbrauchlicher, wenngleich sonst ziemlich zu- 
treffend gewahlter Name fur die Klavier-Violinsonate Op. 30, Nr. 3. 
Der prickelnde Rhythmus in den schnellen Satzen rechtfertigt einiger- 
maBen die miBbrauchliche Benennung. 

Cherubini, Luigi (Rufname neben vielen anderen Tauf namen). Geb. 
1760 zu Florenz, gest. Paris 1842. — Der weltbekannte, hochbedeutende 
Tondichter. — 

Die Bekanntschaft mit Beethoven hat sicher schon 1805 begonnen, 
Grillparzer berichtet, es sei 1805 in einer Gesellschaft bei Sonnleithner 
gewesen. Cherubini war mit seiner Gemahlin nach Wien gekommeh, 
um eineOperfiirWienzuschreiben. Dortlernte erBeethovens„Fidelio" 
kennen, fiber den er ebenso krittelig urteilte wie fiber das Klavierspiel 
Beethovens. Schindler hat den franzosischen Tonmeister noch per- 



94 Chorfantasie 



sonlich in Paris kennen gelernt und mit ihm viel und wiederhoit iiber 
Beethoven gesprochen. Cherubinis Gemahlin war unserem Meister 
wohler gesinnt und bewarb sich bei Schindler sogar um eine Hand- 
schrift von ihm. Beethoven, um etwas mehr als zehn Jahre junger 
als Cherubini, verehrte dessen Opern ruckhaltlos und erklarte den 
in der Tat sehr bedeutenden Franzosen fur den besten unter den 
damaligen Komponisten. Im Gasthaus neben dem Josefstadter The- 
ater befand sich eine Spieluhr, unter deren Walzen sich auch eine zu 
Cherubinis „Medea"-Ouvert(ire befand. Beethoven lieB sich diese 
Ouverttire oft vorspielen (nach Seyfried und Schindler). 

Als Beethoven 1823 daran ging, Abschriften der „GroBen Messe" zu 
versenden, wandte er sich um eine Empfehlung beim franzosischen Hof 
an Cherubini. Das Schreiben als Konzept, halb deutsch, halb fran- 
zosisch, ist zuerst bei Schindler mitgeteilt (II, S. 352). Der Brief sollte 
durch Schlesinger an Cherubini gelangen, mag aber nicht abgegeben 
worden sein. 1841 bedauerte Cherubini im Gesprach mit Schindler, 
daB er den Brief nicht erhalten habe. Dieses ist ungewiB. Von einer 
Antwort ist nichts bekannt. (Th.-R. IV, S. 369, und „Beethovenjahr- 
buch", besonders Bd. II, S. 166f. und 173f. mit Benutzung des 
Kolner Gesprachsheftes aus der ersten Halfte von 1825. Schindler, 
„Beethoven in Paris" S. 97, und Gazette musicale 1841, Nr. 17, Hiiffer: 
A. F. Schindler S. 32f., neuestens Lud. Schemann: Cherubini und 
danach „Die Musik" Oktober 1925.) 

(Die Literatur iiber Cherubini ist ziemlich umfangreich und wird in 
den Musiklexika einschlieBlich des Groveschen ausgenutzt und auf- 
gezahlt. Das Wichtigste zu Beethoven ist oben angedeutet. — Cheru- 
binis Bildnis von Ingres mit der allegorischen Figur dabei ist allgemein 
bekannt, unter anderen abgebildet in „ Die Theater Wiens" IV. Bd. 
von R. Wallatschek. Dort auch der Stich von Neidl.) 

Chorlantasle, das ist: ,,Fantasie fur das Pianoforte mit Be- 
gleitung des ganzen Orchesters und Chor in Musik gesetzt und Seiner 
Majestat Maximilian Joseph KOnig von Bayern etc. etc. zugeeignet 
von L. v. Beethoven, 80tes Werk", wie es in der Urausgabe steht, die 
im Juli 1811 bei Breitkopf & Hartel erschienen ist. Geschaffen wurde 
das Werk 1808, und zwar verhaltnismaBig rasch. Die Klaviereinleitung 
folgte erst 1809. Der Text „Schmeichelnd und lieblich . . ." ware nach 
C. Czerny von Kuffner gedichtet, steht aber jedenfalls unter starkem 
EinfluBBeethovens. Die Erstauffiihrung geschah am 22. Dezember 1808. 
(Vgl. Nottebohm, „Them. Verz.", desselben „Beethoveniana" I und II 
nach Register, besonders II, S. 503. Thayer, „Chron. Verz." Nr. 142, 
Th.-R. Ill, Frimmel, „Studien und Skizzen zur Gemaldekunde" 



Christus am Olberg — Clement 95 

Bd. V, 7. Lieferung tnit weiteren Literaturangaben im Zusammenhang 
mit Ant. Halm, „Musikfuhrer" Nr. 98 von Theodor Miiller-Reuter 
[1907].) 

Bei der ersten Auffiihrung 1808 spielte Beethoven noch selbst den 
Klaviertell. Es war sein letztes Auftreten im grofien Konzertstil, noch 
zur Zeit seiner groBten Kraft, die ihn auch dazu verleitete, ein Riesen- 
programm aus lauter eigenen Werken aufzustellen(siehe: Akademie von 
1808). Viele Stimmen aus der Zeit (Ries, Seyfried, C. Czerny, Mosche- 
les, Spohr [nach Seyfried], Dolezalek) berichten von einer Szene bei der 
Probe, wobei die oft erzahlte Ohrfeige vorkommt, die der den Leuchter 
haltende Junge neben dem Klavier abbekommen hat, und von dem 
Unfall bei der Auffiihrung, daB einmal abgeklopft und wiederholt 
werden muBte. Seyfried versetzt die Ohrfeigenszene in die Auffiihrung, 
was jedenfalls ein Gedachtnisirrtum ist (Th.-R. Ill, S. 109ff.). 

1817 am 15. November spielte Ant. Halm den Klavierpart zur Chor- 
fantasie nicht zur Zufriedenheit Beethovens. Dann noch einmal im 
Herbst 1825. (Siehe bei: Halm.) 

Die Widmung an den Konig von Bayern ist nicht von Beethoven 
ausgegangen (hierzu Th.-R. und Ad. Sandberger, „Beethovenaufsatze", 
S. 258f.). 

Die Chorfantasie, , , dieses seltsame Werk", wie es Bekker nennt, 
gehort nicht zu den besten des Meisters. Man merkt es ihr an, daB 
sie auf den Klaviervirtuosen berechnet ist. Was an den vollendeten 
Meisterwerken Beethovens am meisten fesselt, die geistreiche thema- 
tische Arbeit, fehlt hier ganzlich. An blendendem Glanz ist aber kein 
Mangel. Noch heute wird das Werk gelegentlich zur Auffiihrung ge- 
bracht. DaB das Thema im ersten Allegro (bei „Meno Allegro") schon 
die Freudenhymne der 9. Symphonie vorausnimmt, ist langst bemerkt 
worden. DaB diese Melodie schon etwa 1796 bei Beethoven entstanden 
ist, hat schon Nottebohm bemerkt („Beethoveniana" II, S. 255 ff. 
und dazu spater Wilh. Kienzl, „Im Konzert", 2. Aufl. 1908, S. 287 ff.). 
Die Instrumentierung mit Streichern, den gewohnlichen Blasern und 
Pauken ist fur die meisten HOrer reizvoll im abwechselnden Gebrauch 
der verschiedenen Klangfarben. 
Christus am Olberg (siehe bei: Oratorien). 

Clement, Franz (geb. 1780 zu Wien, gest. 1842 ebendort). Hervor- 
ragender Geiger. Sein Name ist in unverganglicher Weise mit dem 
Beethovens verkniipft dadurch, daB Beethoven fur den noch Jugend- 
lichen 1806 sein Violinkonzert schrieb. Schon 1794 hatte er das Gltick, 
von Beethoven gehOrt zu werden und dessen Entzucken zu erregen. 
Der Meister trug sich in Clements Stammbuch ein. Dieses Stamm- 



96 Clement 



buchblatt, vorhanden in der Wiener Hofbibliothek, wurde 1868 durch 
C. F. Pohl veroffentlicht (vgl. „SignaIe fur die musikalische Welt" 
1868, Nr. 52, S. 1092. Vollstandig abgedruckt in „Beethovenforschung" 
Bd. II, S. 108). Beethoven unterschreibt als „ganz dein Freiind" und 
noch mit der Angabe „in Diensten S[einer] K[urfurstlichen] D[urch- 
laucht] zu Kblln". Im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde zu 
Wien befindet sich eine handschriftliche Lebensbeschreibung Clements. 
Clement war ein fruhreifer Junge und setzte schon im Knabenalter 
die Kenner durch sein Violinspiel in Erstaunen. Sein erstes offentliches 
Auftreten geschah schon 1789 in Wien. Dann jahrelange Kunstreisen 
mit dem Vater durch Deutschland, Holland, England. In London er- 
regte er zugleich mit dem jungen Bridgetower am 6. Juni 1790 Auf- 
sehen (vgl.: Bridgetower). Nach seiner Ruckkehr in die Vaterstadt 
wurde er bald Soloviolinist in der Hofoper und uberdies Hilfskraft des 
Kapellmeisters SiiBmayer. Schon 1802 Orchesterleiter im Theater an 
der Wien. In der Zeit urn 1804 dirigierte Clement bei Wurth & Fellner 
in Wien. Clements kiihne Bogenfiihrung und sein vollkommener Vor- 
trag wurden geruhmt. 1806 schrieb Beethoven fur den jungen Geiger 
sein Violinkonzert (Op. 61), das Clement am 23. Dezember jenes Jahres 
zum erstenmal offentlich vortrug. 1808 fallt eine ernste Erkrankung, 
die eigens bei Clements Wiederauftreten im Dezember 1808 in der 
Konzertankundigung erwahnt wird (vgl. „Wiener Zeitung", Dezember 
1808, S. 6262 und 6317). 1811 unternahm er eine Konzertreise nach 
RuBland, die durch den Verdacht der Spionage fast ganzlich miB- 
gliickte. Ohne Hilfsmittel muBte sich der Kiihstler durch Einnahmen 
aus Konzerten in Prag, Lemberg und in anderen Orten bis in die Heimat 
zuruckarbeiten, wo er nun seine friihere Stellung schon vergeben fand. 
Er muBte vorlaufig eine Orchesterstelle in Baden bei Wien annehmen. 
Das war ungefahr 1813. In der Saison von 1813 auf 1814 wurde Clement 
nach Prag berufen. Von 1818 bis 1824 war er wieder im Theater an 
der Wien Orchesterdirigent. Dann folgten weitere Kunstreisen dieses 
unruhigen Musikerblutes, ohne daB es irgendwie bei seiner „unordent- 
lichen Lebensweise" zu einem behaglichen Sein gekommen ware. 1827 
besuchte er noch den todkranken Meister im Schwarzspanierhause 
(Breuning, S. 103). 1842 am 3. November ging der Kiinstler ,,kiimmer- 
lich zu Ende", wie Ed. Hanslick in seiner ,-Geschichte des Concert- 
wesens in Wien" (S. 227ff.) nach guten Quellen mitteilt. Der Kiinstler 
ruht auf dem Wahringer Friedhof (nach Rob. MUller im „Beethoven- 
jahrbuch" I, S. 123); Ein kleiner Brief Beethovens an Clement wurde 
durch F. A. Schlossar mitgeteilt in „Die Musik", Jahr IX, Heft 13, 
S. 38. Weitere Literatur in ,,Beethovenforschung" a. a. 0., Th.-R ; V 



Clementi 97 



bringen vieles iiber Clement aus den Gesprachsheften von 1824. — 
Wie ich wahrend der Korrektur erfahre, haben wir eine neue Arbeit 
iiber Clement von dem Universitatsdozenten Herrn Dr. Rob. Haas 
in Wien zu erwarten. 

Clementi, Muzio, geb. Rom 1746, gest. 1832 auf seinem Landsitz zu 
Evesham (Warwickshire), der beriihmte Tonsetzer und Klavierspieler, 
der seine erste Ausbildung in Italien erhielt, dann zumeist in England 
lebte. 1773 erschienen seine ersten Klaviersonaten. Er war gelegentlich 
groBer Reisen oftmals in Wien. Doch kam er mit Beethoven erst 1807 in 
engere Verbindung. Vorher haben sich die beiden sicher schon jahre- 
lang vom Sehen gekannt. Aber sie saBen z. B., wie Ries erzahlt, an 
getrennten Tischen, ohne sich zu griiBen, wenn sie gleichzeitig in die 
„Schwane" gekommen waren („Notizen", S. 101). Clementi hatte sich 
1798 in London als Musikverleger eingerichtet und dort auch mit 
Klavierfabrikation beschaftigt. Beethoven lernte vermutlich sogleich 
der Reihe nach alle Klaviersonaten Clementis kennen. Schindler fand 
sie dort vor (II, S. 182). Er hatte groBe Achtung vor dem alteren 
Meister, wollte ihm aber, als dieser in Wien war, nicht den ersten Be- 
such machen (wenn Czerny recht unterrichtet war). Clementi seiner- 
seits anerkannte das Genie des Jtingeren und dessen Klavierwerke, 
weniger dessen Klavierspiel. Er nahm auf die Klaviersachen Beet- 
hovens nicht selten Riicksicht. Uber diese Fragen arbeitete schon 
Shedlock (vgl. „The pianoforte sonata" 1895), spater Max Unger (in 
,,M. Clementis Leben", Dissertation 1911, 1913 in Druck erschienen). 
Siehe auch Max Unger in ,,Die Musik", Dezember 1910 und November 
1912, Th.-R. Ill nach Register und Riemanns ,,Musiklexikon" in den 
neuen Auflagen. In den angefiihrten Schriften auch Angabe alterer 
Literatur. In neuerer Zeit berichtete P. Tausig iiber „Muzio Clementis 
Aufenthalt in Baden" (,,Badener Zeitung" vom 8. Marz 1913 und in 
„Beruhmte Besucher Badens"). Ein Brief Clementis an seinen Kom- 
pagnon F. W. Co I lard aus Wien vom 22. April 1807 wurde nach dem 
englischen Athenaum unter anderm mitgeteilt in deutscher Wiedergabe 
durch die „Neue freie Presse", 10. September 1902, bei Kerst, ,,Er- 
innerungen" I, S. 122, ohne Quellenangabe. Dieser Brief enthalt 
wichtige Angaben iiber das Bekanntwerden Collards mit Beethoven 
und uber den raschen AbschluB des Vertrages mit Clementi & Collard. 
Es handelte sieh um den englischen Verlag der drei Rasumowsky- 
Quartette, der IV. Symphonie und der „Coriolan"-Ouverttire. Die Bezah- 
lung lieB sehr lange auf sich warten, und zwar bis in den Friihling 1810 
(Th.-R. Ill, S. 370). 

DaB Clementi in seinen Arbeiten gelegentlich darauf Riicksicht ge- 

Frlmmel, Beethovenhandbuch. I. 7 



98 Collard — Collin 



nommen hat, angehende Virtuosen auf Beethovens Klaviersachen vor- 
zubereiten, ist klar und schon langst bemerkt worden. Ich erinnere 
z. B. an Beethovens Op. 54 (Klaviersonate von 1806) mit den Oktaven- 
gangen und Achteltriolen gleichzeitig links und rechts und die Ubung 
Nr. 65 im III. Teil des „Gradus ad parnassum" Clementis von 1817. 
1825 verschaffte Beethoven dem jungen Gerh. v. Breuning Clementis 
Klavierschule („Aus dem Schwarzspanierhause", S. 69ff., zu Clementi 
auch die Musiklexika einschlieBlich das ,, Dictionary of Music" von George 
Grove). 

Collard, F. W. (Siehe bei: Clementi.) 

Collin, Heinr. Jos. v., der weitbekannte, talentvolle Dichter (geb. 
1771 zu Wien, gest. ebendort 1811). - — Ober den Beginn der Be- 
kanntschaft mit Beethoven ist nichts bekannt. Sicher standen sie in 
den Jahren um 1808 in freundschaftlichem Verkehr. Mehrere Briefe 
Beethovens an Collin sind durch Ludw. Nohl, Kalischer, Thayer und 
Riemann bekanntgemacht worden. (Vgl. Th.-R. Ill, S. 68ff.) Beet- 
hoven, seit dem Zurucksetzen des ,,Fidelio" fortwahrend nach einem 
neuen Opernstoff suchend, wollte einen ,, Macbeth" komponieren, den 
Collin zu schreiben begonnen hatte. Skizzen dazu sind erhalten. Auch 
ein „Bradamante" kam in Frage. Oberdies dachte Beethoven daran, 
Collins Oratorium „Die Befreiung Jerusalems" zu vertonen. Die noch 
unfertigen Dichtungen zum Oratorium und „Macbeth" lagen dem Meister 
zu Beginn des Jahres 1809 vor. Im Marz 1808 hatte der Dichter die 
Haydn-Akademie vom Marz besungen und dabei auch Beethovens ge- 
dacht: ,, Beethovens Kraft denkt liebend zu vergehen, so Haupt als 
Hand kuBt gluhend er dem Greise" (Haydn ist gemeint). Beethoven 
war ja unter denen, die bei der groBartigen Huldigung im Vordergrund 
standen. (Nach „Allgem. musik. Ztg." vom 20. April 1808 und Th.-R. 
Ill, S. 61.) Zu Collins Trauerspiel ,,Coriolan" schrieb Beethoven um 
1807 die Ouverture, die jetzt zu seinen bertihmtesten Werken gehort. 
Es scheint, daB sie in verhaltnismaBig kurzer Zeit vollendet wurde 
(siehe bei:Coriolan-Ouverture). 1809 wurde fliichtig entworfen ein An- 
fang zu Collins „Wehrmannslied". (Siehe Nottebohm, ,,Beethoveniana" 
passim, und Wilh. Kienzel, ,,Im Konzert", 1908. FernerMathausEdler 
v.Collin: „Uber Heinrich Jos. Edlen v. Collin und seine Werke" [Wien 
1814] mit Bildnis, Karoline Pichler, „Denkwiirdigkeiten" 1 1, S. 52, Laban, 
,,F. H. J. Collin, ein Beitrag zur Geschichte der neueren deutschen 
Literatur in Osterreich" [Wien 1879; enthalt auch Beethovens Brief 
iiber den beabsichtigten ,,Bradamante"]. Siehe auch Const, v. Wurz- 
bach, ,,Biographisches Lexikon", einschlieBlich der Nachtrage in 
Bd. 26. Aus neuerer Zeit „Die Theater Wiens" II, 1. Halbband von 



Coriolan-Ouvertiire 99 



Alex. v. Weilen, „Die Musik" Bd. IV, Heft 21, S. 190f. und Dr. Karl 
Fuchs in einem langen Aufsatz der „Wiener Zeitung" vom 23. Juli 
1911.— Zu Collins Grabmal in der Wiener Karlkirche reichliche 
Ortliteratur und manches in den Schriften iiber Zauner und Fuger.) 

Coriolan-Ouvertiire Op. 62, C-MoII. Auf der Urschrift, die ehemals 
bei T. Paterno in Wien gewesen und jetzt dem Beethovenhaus in Bonn 
gehort, steht von Beethovens Hand „Overtura" (dann durchstrichen: 
,,Zum Trauerspiel Coriolan") „composta da L. v. Beethoven 1807". 
(Nach demFaksimile und nach Thayer, „ChronoIogisches Verzeichnis".) 
Im April jenes Jahres war das Werk wohl schon fertig, da es am 
20. April an Clementi zur Herausgabe in England verkauft wurde. 
Am 24. April war die erste Theaterauffilhrung. Beethoven widmete 
es dem Dichter Collin, damals Hofsekretar. Nottebohm im „Thema- 
tischen Kat." gibt den ganzen franzosischen Titel des Werkes, das im 
Verlag des Kunst- und Industrie-Comptoirs erschien, zunachst in Wien in 
einem Liebhaberkonzert kurz vor dem 10. Dezember und bald darauf 
im kleinen Redoutensaal 1807 aufgefuhrt und in der „Wiener Zeitung" 
vom 9. Januar 1808 angezeigt wurde. Reichardt war damals in Wien. 
Er war zunachst von den „Kraftschlagen" der Ouverttire, wie er sie 
in den engen, unpassenden Raumen des Liebhaberkonzertes gehort 
hatte, geradezu betaubt. Von der Auffiihrung im Redoutensaal aber 
hatte er einen besseren Eindruck. Zu dieser ,,herkulischen Ouverttire" 
kam ihm in den Sinn, daB Beethoven „sich selbst noch besser darin 
dargestellt als seinen Helden". Vielleicht hatte Reichardt damit recht, 
doch stimme ich eher Thayer bei, der die Anpassung an das Collin- 
sche Trauerspiel hervorhebt. Richard Wagner, der noch der Meinung 
war, daB der Shakespearesche „Coriolan" dem Meister die Anregung ge- 
boten habe, scheint doch allzuviel aus Beethovens Musik heraus- 
zuhoren. (Dazu auch ,,Die Musik" vom Oktober 1909 und B. Marx, 
„ Beethoven".) In alien groBen Beethovenbuchern findet sich die 
„Ouverture zu Coriolan" besprochen, sehr ausfuhrlich bei Thayer- 
Riemann in Bd. III. Schon Thayer, Ludwig Nohl und andere sprachen 
gegen die Erklarung aus Shakespeare und fur die naheliegende aus 
Collins Trauerspiel. Von Bedeutung waren die eingehenden Be- 
sprechungen bei Lenz und Marx, der eine Art Analyse des Werkes mit 
gutgewahlten Notenbeispielen in folgender Weise abschlieBt: ,,Es gibt 
kein Werk, das Beethovens mannliche und ktinstlerische Energie in 
engem Raum so voll bewahrte, wie der Coriolan." Einige Seiten aus 
der Partitur faksimiliert fur die Verdffentlichung des Vereins „ Beet- 
hovenhaus" in Bonn 1921, Neuausgabe 1924. Zwei andere Faksimiles 
aus derselben Ouverttire in der groBen Ausgabe des Bekkerschen 

7* 



100 Cramer — Cramolini 



„Beethoven". Ober den Ankauf der Urschrift durch den Verein „Beet- 
hovenhaus" berichteten Zeitungsnotizen im Marz 1906. — Beachtens- 
wert fur den Gegensatz einer tnodernen musikalischen Denkweise zu 
Beethovens stilvoller Art war H. Schenker in der Wochenschrift ,,Die 
Zeit" (Wien, 21. Dez. 1895). Es hat auch einige Bedeutung, zu erfahren, 
daB Collin den Shakespeareschen „Coriolan" nicht gekannt hat. So hat 
er selbst 1808 gegen L.Tieck geauBert (Kopke, „Ludw.Tieck" I, S.82, 
angef iihrt bei Ludwig Nohl, „Beethovens Leben", erste Ausgabe 1 1, S.497). 

Cramer, Joh. Bapt. (geb. 1771 zu Mannheim, gest. 1858). Sohn 
Wilhelm Cramers. Seit 1788 auf Konzertreisen, lange in Paris, zumeist 
aber in London. Auch als Musikverleger tatig. Gehorte zu denen, die 
schon fruh Beethovens Bedeutung erkannt haben. Schon bei Op. 1 
sagte er: „Das ist der Mann, der uns fur den Verlust Mozarts trosten 
wird" (Th.-R. I, S. 405). Beethoven redete zumeist Freundliches iiber 
Cramer. Doch schreibt er am 1. Juni 1815 an Johann Peter Salomon 
nach London, Ries hatte ihm gesagt, daB Cramer sich offentlich gegen 
Beethovens Kompositionen erklart habe. „Will jedoch Cramer etwas 
von diesen schadlichen Kunstwerken besitzen, so ist er mir so lieb, wie 
jeder andere Verleger." Ober Cramers Klavierspiel auBerte er sich 
1817/18 sehr anerkennend gegen Cipr. Potter. Ries berichtete: ,,Unter 
den Clavierspielern lobte er mir einen als ausgezeichneten Spieler: 
John Cramer, alle andern galten ihm wenig." In einem Brief an Ries 
vom 5. Marz 1818 laBt Beethoven Cramer grtiBen, „obschon ich hijre, 
daB er ein Kontrasubjekt von ihnen und mir ist". Beethoven besaB 
die ersten zwei Hefte der Cramerschen Etuden, die mit Schindlers 
NachlaB in die Berliner Bibliothek kamen (Dazu J. S. Shedlock, 
„The Beethoven Cramer Studies"). — Cramer war auch unter den Be- 
gutachtern des englischen Fliigels, der durch Broadwood an Beethoven 
gelangte. 

Cramolini, Ludwig. In der Zeit Beethovens noch Knabe und Jung- 
ling, dann Opernsanger. Er starb in hohem Alter zu Darmstadt 1884. 
Seine Erinnerungen an Beethoven wurden erst spat 1907 verOffent- 
licht, und zwar in der „ Frankfurter Zeitung" vom 29. September durch 
Hermann Knispel nach Cramolinis Niederschrift mit wenigen, wie es 
scheint unbedeutenden Anderungen. Das Zusammentreffen mit Beet- 
hoven muB 1818 in den Sommer fallen. Mutter Cramolini und ihr 
Sohnchen Ludwig wohnten in den Sommern 1816 — 1818 in Modling. 
Im letztgenannten Jahre war auch Beethoven drauBen im Hafnerhaus 
der HauptstraBe. Frau Cramolini war nicht zudringlich, obwohl sie 
die Bedeutung Beethovens kannte. Auf Spaziergangen in die Bruhl 
traf man sich gelegentlich. Der kleine Ludwig fing in der damals 



Crevelt — Czapka 101 



schmetterlingreichen Gegend Papillons und brachte sie dem Meister, 
der manchmal den Namen nannte oder den Knaben auch anschnauzte: 
,,Lafi mich zufrieden, kleiner Morder, Plagegeist!" (Vgl. Frimmel, 
„Beethoven in der Modlinger Bruhl" in „Beethovenforschung" Heft 5.) 
Der Kleine brachte dem Meister gelegentlich Papiere, die dieser auf 
dem Wege verstreut hatte. Das Zusammentreffen mit Montecucoli 
wird von Cramolini erzahlt (siehe bei: Montecucoli). 1823 schrieb 
Grillparzer ins Gesprachsheft: „Ich glaube er heiBt Cramolini und 
soil bei einer sehr hiibschen Gestalt eine sehr schbne Stimme haben" 
und „man sagt, die Direction lasse ihn unterrichten. Forti ist doch 
etwas plump." In der Mitte Februar 1827 besuchte der junge 
Cramolini, der unterdessen Opernsanger geworden war und sich mit 
der Sangerin Nanette Schechner verlobt hatte, den schwerkranken 
Dulder im Schwarzspanierhause. Sie waren freundlich aufgenommen 
und durften dem Meister vorsingen, der das Mienenspiel und die 
Bewegungen des Mundes beobachtete. (Die Cramolinischen Er- 
innerungen sind nach der ..Frankfurter Ztg." auch aufgenommen in 
das „Beethovenjahrbuch" Bd. II, in Kerst, ,,Erinnerungen", Bd. I 
und II, und Alb. Leitzmann: „Beethoven" 2. Aufl. II. Bd., S. 347f., 
Th.-R. V, S. 307f. machen es hochstwahrscheinlich, daB Cramolinis 
erst im Februar 1827 bei Beethoven gewesen sind, wogegen in 
Cramolinis Erinnerungen die Mitte Dezember 1826 als Zeit ge- 
nannt ist.) 

Crevelt, J. H., „Arzt", schrieb sich am 1. Oktober (wohl November)* 
1792 als Beethovens ..Verehrer und Freund" in das Stammbuch, das 
man dem scheidenden Musikus vor seiner Abreise nach Wien in Bonn zu- 
sammenstellte. Crevelt gehorte in den Kreis der Witwe Koch (Wegeler, 
„Notizen" 59, Nottebohm, „Beethoveniana" I, 144. Vergl. auch den 
Abschnitt: Rovantini. Th.-R. I, S. 502). 

Cressener, Georg, englischer Gesandter in Bonn. Kam nach Thayer 
1775 dahin und starb dort 1781 im 81. Jahr seines Alters. Nach einer 
Erzahlung Maurers hatte der junge Beethoven eine Trauerkantate auf 
den Tod Cresseners geschrieben, sie Luccesi gezeigt, der sie zunachst 
nicht recht verstand, aber doch auffiihren lieB. Sie soil Beifall gefunden 
haben. Jede Oberpriifung der Sache ist vorlaufig ausgeschlossen, 
denn das Werk ist verschollen (Th.-R. I, S. 141). 

Czapka, Magistratsrat. Kam 1826 in voriibergehende Verbindung 
mit Beethoven aus AnlaB des Selbstmordversuches, den der Neffe Karl 
vertibt hatte. Briefe an ihn sind mitgeteilt durch'G. v. Breuning in 
der „Neuen freien Presse" vom 30. Dezember 1887 und wiederbenutzt 
bei Kalischer und Th.-R. Sie handeln vom Neffen und dessen nachster 



102 Czemy 

Zukunft. Der Brief „Ich ersuche sie dringend anzuordnen" gelangte 
1916 in den Besitz der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. 

Czerny, Joseph (geb. 1785 zu Horwitz, gest. 1842 zu Wien). 
Gesuchter Klavierlehrer, der auch als Nachfolger Carl Czernys den 
Neffen Karl unterrichten durfte, aber nicht mit Carl Czerny verwandt 
ist. Er kommt gelegentlich in den Gesprachsheften vor, wo auch (z. B. 
W. Nohl I, S. 155) davon die Rede ist, daB er die junge Leopoldine 
Blahetka unterrichtet hat. Joseph Czerny wurde 1824 Gesellschafter 
des Musikverlags Cappi <& Co. (1826 Cappi & Czerny), den er spater 
allein fiihrte, aber 1832 verkaufte (Th.-R. passim, Riemann, „Musik- 
lexikon"). 

In Wien waren um 1820 drei Musiker namens Czerny tatig: Carl, 
der Klavierspieler, Josef, „Tonsetzer und Claviermeister", wohnhaft 
Schottenbastei Nr. 127, und ein weiterer Joseph Czerny, der „ Violin 
und Flote" spielte und in der Renngasse Nr. 152 wohnte (nach Anton 
Ziegler, „AdreBbuch von Tonkunstlern" 1823), Franz Heinrich BOckh, 
,,Wiens lebende Schriftsteller usw." kennt 1822 nur die zwei, auch 
sonst genannten Czerny; Carl in der KrugerstraBe 1006 und Josef auf 
der Schottenbastei Nr. 127. 

Czerny, Carl (geb. zu Wien 1791, gest. ebendort 1857). Der 
allbekannte Tonkiinstler war ein wirklicher Schuler Beethovens. Als 
frtihreifes Talent, das vom Vater, dem Wiener Klavierlehrer Wenzel 
Czerny, sehr gepflegt wurde, kam er schon etwa 1800, also noch als 
Knabe in Beethovens kiinstlerische Obhut. Krumpolz fiihrte ihn dort 
ein. Er muBte dem Meister vorspielen und hatte damit Erfolg. Wie 
Czerny selbst erzahlte, sagte Beethoven zum Vater: „Ihr Sohn 
hat Talent; ich will ihn selbst unterrichten, schicken Sie ihn wochent- 
lich zweimal zu mir. Verschaffen Sie ihm sogleich Phil. Em. Bachs 
Lehrbuch iiber die wahre Art das Klavier zu spielen, das soil er 
mitbringen." Bei den Unterrichtsstunden, die nicht regelmaBig ge- 
geben wurden, muBten zunachst die Tonleitern durch alle Tonarten 
geiibt werden. Handhaltung, Gebrauch des Daumens wurden gelehrt. 
Aufs Legato hielt Beethoven sehr viel. Es bildete sich nach und nach 
eine dauernde Verbindung heraus. Czerny wurde, offenbar durch 
Beethovens Empfehlungen, einer der beliebtesten Klaviermeister in 
Wien. Schon 1820 wird er von Dr.W.C.Muller (aus Bremen) einer der 
groBten Klaviervirtuosen genannt. Schon 1806 hatte er in einem 
Augartenkonzert Beethovens Klavierkonzert aus C-Dur gespielt. 1812 
trug er das Es-Dur-Konzert offentlich vor, und spaterhin hat er wieder- 
holt Beethovensche Klavierwerke in die Offentlichkeit eingeftthrt. In 
seiner Wohnung(Stadt, KrugerstraBe) gab er private Sonntagskonzerte, 



Czerny 103 

die nur Beethovensche Werke brachten. Eine ganze Reihe von 
Orchesterkompositionen Beethovens und anderen Instrumentalwerken 
ist durch Czerny furs Klavier eingerichtet worden, und zwar klavier- 
maBiger als andere Auszuge jener Zeit. Die ungeheuere Fruchtbarkeit, 
mit der Czerny padagogische Klavierstiicke schuf, ist weltbekannt. 
Die „Schule der Gelaufigkeit", die „Schule des Virtuosen" und viele 
andere, die er bandeweise und heftweise geschrieben hat, gehen noch 
heute um den Erdball und bilden so ziemlich die wichtigsten Ein- 
flihrungen in den Vortrag Beethovenscher Werke. Hatte Czerny doch 
alles Technische jener Zeit vollkommen inne. Er beherrschte alle 
Klaviersonaten des Meisters, auch die Riesensonate Op. 106, die er 
z. B. 1820 dem Bremer Mtiller vorspielte. Im IV. Teil seiner groBen 
Klavierschule gab er viele hochst wertvolle Winke fur den Vortrag 
der Beethovenschen Klaviersonaten und anderer Werke des Meisters. 
Die Art und Weise, wie Beethoven die Fugen des „Wohltemperierten 
Klaviers" von J. Seb. Bach vortrug, ist durch Czerny festgehalten 
worden. Liegen auch keine Werke vor, die an Tiefe und Erfindungs- 
reichtum denen eines Beethoven auch nur nahekommen, so muB doch 
ein gewisses Mehr als die gewohnliche MittelmaBigkeit in Czernys Ar- 
beiten anerkannt werden. Eine Zeitlang war Czerny Lehrer des Neffen 
Karl (1816 — 1818), und aus jener Zeit stammt auch eine klavierpada- 
gogische AuBerung Beethovens, die oft abgedruckt ist. (Siehe Frimmel, 
„Beethovenstudien" Bd. II.) 

Czerny war slawischen Gebliites, ein echtes Musiktalent. Uber seine 
bescheidene, menschenfreundliche, arbeitsame Natur ist nur eine 
Stimme. Sein letzter Wille (abgedruckt in F. Gloggls ,,Neuer Wiener 
Musikzeitung" von 1857, S. 119, 132f., 139ff., wo sich auch eine „bio- 
graphische Skizze" von Eugene Eiserle findet) enthaltf olgende Stelle : „8. 
2 Originalmanuscripte von Beethoven (1 . das Violinconcert Op. 6 1 und die 
Partitur der Ouverture Op. 1 14, die ich einst Gelegenheit hatte, mir zu 
kaufen) gebe ich der k. k. Hofbibliothek", und ferner: „12. Meine zwei 
Bosendorfer Fortepianos ... die Biiste Beethovens und was sonst auf 
Musik Beziehung hat, vermache ich der Gesellschaft derMusikfreunde." 

Die handschriftlichen „Erinnerungen aus meinem Leben" sind auch 
fur den Unterricht bei Beethoven von Bedeutung (siehe oben), sie sind 
verOffentlicht in C. F. Pohls „Jahresbericht der Gesellschaft der Musik- 
freunde" von 1870 und waren vollstandig abgedruckt in Zellners 
„Blattern fur Theater und Musik". Ausgestellt waren sie 1892 in der 
Internationalen Ausstellung f tir Musik- und Theaterwesen. Auch andere 
Mitteilungen Czernys uber Beethoven sind bekannt und bei Th.-R. 
und bei Kerst abgedruckt. DaB alle Musiklexika, von Schillings 



104 Czerwenka 



Enzyklopadie Bd. II (1835) angefangen, eingehende Mitteilungen iiber 
den bedeutenden Komponisten und Pianisten bringen bis zur neuesten 
Auflage des Riemannschen Lexikons, sei in Erinnerung gebracht. 
Reichliche Angaben iiber Carl Czerny in Frimmel, „Beethovenfor- 
schung" Heft 6 und 7, wo noch weitere Literatur genannt ist. Carl 
Czernys Briefe an Franz Liszt, dieser war bekanntlich Czernys Schiller, 
enthalten einige Stellen iiber Beethoven und den Beethovenforscher 
Otto Jahn. Sie sind durch La Mara veroffentlicht in „Briefe hervor- 
ragender Zeitgenossen an Franz Liszt", 1895, Bd. I, S. Iff. Im Brief 
vom 15. September 1852 sagt Czerny unter anderem: „Ich kannte Beet- 
hoven seit dem Jahr 1800, genofi (bis um 1803) wirklich seinen un- 
mittelbaren Unterricht." Beethoven blieb ihm ,,unwandelbar freund- 
lich gewogen bis an seine letzten Augenblicke. Noch besitze ich viele 
Briefe an mich, die dieses bezeugen". Czerny war auch unter den Fackel- 
tragern bei Beethovens Leichenbegangnis. — Als AbschluB der Auto- 
biographie Czernys findet sich ein Blatt von Dr. Leopold Sonnleithner, 
das hier nichtfehlendarf: „CzernyIebte immer sehr zuriickgezogen und 
floh jede Gemeinheit, daher auch sein beschrankter Umgang mit 
Kunstgenossen. Sein wahrhaft jungfrauliches Gefiihl wurde durch 
jede Roheit verletzt, und selbst im Scherz vertrug er keine Verletzung 
des Anstandes. In ihm starb der letzte wirkliche Schiiler Beethovens, 
der sich noch durch den Vortrag des Meisters selbst die Auffassung 
seiner Werke angeeignet hatte." 

An Bildnissen Carl Czernys kenne ich das Blatt von BI. Hofel nach 
J. Lanzedelli, zwei Blatter von J. Kriehuber, eines mit Czerny noch 
ohne Brille (1828) und eines mit Brille (etwa 1833), 1845 wurde er 
dargestellt in Halbfigur, vor dem Klavier sitzend; seine Pianoforte- 
schule aufgeschlagen auf dem Pult. 1846 kommt er vor im Gruppen- 
bild: Matinee bei Liszt, Steindruck von J. Kriehuber. 

Czerwenka, Oboist. Zeitgenosse Beethovens, der unter den Kiinst- 
lern war, welche Beethovens ,,Terzett mit Variationen aus der Oper 
Don Juan" 1797 auffiihrten. Nottebohm („Beethoveniana" II, S.31) 
teilt den Konzertzettel mit. Die Auffuhrung fand in einem Konzert 
am 12. Dezember 1797 statt, das die Wiener Tonkunstlergesellschaft 
im k. k. Nationalhoftheater zugunsten der Witwen und Waisen gab. 
Czerwenka war einer der Oboisten noch ohne Titel. Spater um 1820 
stehter in BockhsNachschlagebiichern als„k.k. Hof-Oboist" und wohn- 
haft „In der Josephstadt Nr. 69". Thayer im „Chron. Verz." Nr. 52 
hatte diese Komposition mit dem Blastrio Op. 87 verwechselt, stellte 
aber in der neuen Auflage seines „Beethoven" alles richtig. Nur ist 
I, S. 127 der Name Czerwenka in Czerwensky verandert. 



Danhauser — Dembscher 105 

D. 

Danhauser, Josef (geb. 1805, gest. 1845), Maler und Kunstgewerbler, 
gehorte zwar nicht zu Beethovens Kreisen, doch hat er fur die Beet- 
hovenforschung dadurch Bedeutung, daB er 1827 die Totenmaske 
Beethovens anfertigte, den Meister zeichnete und danach eine Btiste 
fertigte. Diese gegenwartig im Besitz des Herrn Rechtsanwalts Dr. 
Bruno Frankl in Wien. (Vgl. Frimmel, ,,Neue Beethoveniana", des- 
selben ,,Beethovenstudien" Bd. I und ,, Beethoven im zeitgenossischen 
Bildnis" [1823], uberdies „Jos. Danhauser und Beethoven" [1892].) 

Deetz. Ein Herr dieses Namens, liber den erst nahere Aufklarungen 
zu geben sind, war aus Berlin 1823 nach Wien gekommen. Aus Ge- 
sprachsheft 90 hat Kalischer („Beethoven in Berlin" S. 338f.) einige 
Zeilen mitgeteilt, die von einem Besuch herriihren, den Deetz bei Beet- 
hoven in Hetzendorf gemacht hat. — 

Degen, Jakob (geb. 1756 im Kanton Basel, gest. 1834 oder bald 
danach in der Nahe von Wien), Mechaniker, der schon zu Beginn des 
19. Jahrhunderts eine Flugmaschine gebaut und erprobt hat. — Beet- 
hoven verfolgte mit Teilnahme die Vorstellungen bzw. Fliige, die 
Degen in Baden bei Wien gelegentlich unternahm. Am 18. April 1808 
war Vorstellung in der Kaiserlichen Reitschule. Um jene Zeit, 1809, 
schreibt Beethoven, daB er „nicht umhin kann, sich mit einigen Degen- 
schen Ausfliigen zu beschaftigen", Brief aus Baden. 1813 scheinen in 
Baden ahnliche Aufstiege Degens geschehen zu sein. (Dazu Otto 
Nierenstein, ,,Luftschiffahrt im alten Wien," 1917, ,, Frankfurter Um- 
schau" vom Juni oder Juli 1917, „Abendpost" Wien, 21. April 1917, 
„Neues Wiener Journal", 14. Juli 1917, Th.-R. Ill, S. 137 und 382. 
Zu Degens Luftfahrten vergl. auch die Zeitschrift: „ Paris, Wien und 
London" I [1811] Nr. 5 S. 74f.) 

Degenhardt, J. M., „candidatus juris", Sohn eines Bonner Platz- 
adjunkten, Freund Beethovens, der 1792 am 23. August (um 12 Uhr) 
vom jungen Meister ein Flotenduett erhielt, Allegro und Menuetto (bei 
Th.-R. I im Anhang vollstandig abgedruckt). Vielleicht aus Dank- 
barkeit dafur regte Degenhardt mit Witwe Koch das Stammbuch an, 
das Beethoven vor seiner Abreise aus Bonn erhielt (jetzt in der National- 
bibliothek zu Wien, Th.-R. 1. Neuestens Ludw. Schiedermair, „Der 
junge Beethoven".) 

Dembscher. Ein reicher Wiener Hofkriegsagent, der in der An- 
gelegenheit des Quartettsatzes „MuB es sein?" genannt wird, und 
dem der Kanon „MuB es sein — ja" gesendet wurde. (Siehe Th.-R. V 
nach Register.) 



106 Demel — Demmer 



Demel, Familie v. Demel in Wien und Modling. Aus dieser stammt 
eine glaubwiirdige Oberlieferung, die mir 1912 aus der nachsteri Demel- 
schen Verwandtschaft durch Herrn Oberinspektor der osterreichischen 
Siidbahn Jos. Kraus mitgeteilt wurde. Dieser schrieb mir: „Ich horte 
von meinem GroBvater Demel . . . wiederholt erzahlen, daB seine 
Mutter das Zimmer Beethovens aufraumte, die Wasche besorgte usw., 
daB es in diesem Zimmer sehr unordentlich ausgesehen haben soil, da 
Notenblatter und Kleidungsstiicke, nicht bloB die wenigen Einrich- 
tungsstQcke, vorwiegend den FuBboden bedeckten. Versuche meiner 
UrgroBmutter, etwas Ordnung in den Raum zu bringen, sollen seitens 
Beethovens mit Unwillen zuruckgewiesen worden sein mit der Be- 
merkung, er fande sodann nichts mehr." Beethoven hatte, so sagt 
die Oberlieferung noch, eine Zeitlang bei Demels in Wien als Zimmer- 
herr gelebt. Dieser Punkt ist jedenfalls anfechtbar. Bei weiterem 
Nachforschen kommt man auf die Vermutung, daB Demels, die in der 
Rauhensteingasse wohnten, allerdings zu Beethoven Beziehungen 
hatten, und daB der Meister einmal fur kurze Zeit ganz nahe bei ihnen 
eingemietet gewesen sei. 1808 bis 1812 wohnte Bruder Kaspar Karl 
in der Rauhensteingasse (Ecke zum BallgaBchen). Demel war Proku- 
rist, spater Teilhaber des GroBhandlungshauses MeiBl & Co. in Wien, 
das seinen Sitz ebenfalls in der Rauhensteingasse hatte. Beethoven 
stand mit MeiBls in Verbindung. (Vgl. Frimmel, ,,Beethovenforschung' 
Heft IV, S. 102f.und 128ff., und „Handbuch", Abschnitt: Blumenstock 
und: MeiBl.) Nun ist es bekannt, daB Beethoven 1820 eine Zeitlang 
das „Blumenstockl" als Wohnort angab. Ich vermute, daB die Ver- 
bindung mit Demel in jenes Jahr 1820 zu versetzen ist. Denn das 
Blumenstockl war ganz nahe bei der Rauhensteingasse gelegen, und 
zwar neben dem Kontor der „Wiener Zeitung" im Haus Rauhenstein- 
gasse, heute 3. (Uber diese Hauser vgl. A.Trost in Orels ,, Wiener Beet- 
hovenbuch" 1921, S. 208.) 

Demmer. Musikerfamilie, aus der mehrere Mitglieder gleichzeitig 
mit Beethoven gelebt haben und mit ihm bekannt geworden sind. Der 
Sanger und Schauspieler Josef Demmer war alter als Beethoven und 
trat schon 1773 an den Bonner Kurfursten heran, um ins Theater ein- 
zutreten (Gesuch mitgeteilt bei Th.-R. Bd. I). Er wurde zu einjahriger, 
offenbar probeweiser Dienstleistung zugelassen unter der Bedingung, 
daB er noch 3 Monate lang bei Johann v. Beethoven Unterricht nehme, 
offenbar im Singen. Er sei Bassist gewesen. 1776 war er zur Ausbildung 
in Holland, sechs Monate in Amsterdam. 1778 wurde er an der Bonner 
Kapelle als BaBsanger angestellt. Es ist nicht denkbar, daB ihn der 
junge Ludwig gar nicht gesehen und gehort haben sollte. Denn er 



Deym — Diabelli 107 



trat erst 1790 aus. 1791 sei er nach Weimar als ,, Tenor" gegangen. 
Es ist wohl derselbe Tenor Demmer, der 1805 in Wien den Florestan 
im „Fidelio" gesungen hat (Th.-R. II, siehe bei: Fidelio). Man mochte 
annehmen, daB er verheiratet war und groBe Familie hatte. Um 1820 
sind in Wien nicht weniger als vier Gesangskrafte namens Demmer 
nachweisbar (Bockh, „Wiens lebende Schriftsteller" usw. usw.), und 
zwar Demmer, Carl, ,,k. k. Hofopernsanger, zugleich k. k. Hofschau- 
spieler", wohnhaft „Auf der Wien Nr. 180". Ebendort wohnte Thecla 
Demmer, ,,k. k. Hofopernsangerin", Friedrich Demmer, „Sanger im 
k. k. priv. Theater an der Wien", wohnhaft ,,im Theatergebaude da- 
selbst Nr. 26". Mit demselben Wohnplatz ist angefiihrt Demoiselle 
Josepha Demmer, „Opernsangerin" im Theater an der Wien. Ober- 
dies kommt in der Musikerliste vor „Christ". Demmer, ,,k. k. Hof- 
opernsanger", wohnhaft an der Wien Nr. 35. Die verwandtschaftlichen 
Verhaltnisse aller dieser Demmer sind nicht klar, doch merke ich an, 
daB in einer Bonner Urkunde von 1773 („Pro memoria", Th.-R. I, 
S. 61) angedeutet ist, daB Josef Demmers Vater „untersacristan im 
domb zu Collen annoch mit 6 Kindern tiberladen ist". — 
Deym. (Siehe bei: Brunsvik, Fidelio, Miiller, Jos.) 
Diabelli, Antonio (geb. 1781 Mattsee bei Salzburg, gest. 1858 
Wien), erhielt eine durchaus musikalische Erziehung in Bayern. 1803 
kam er nach Wien, wo er zunachst Unterricht im Klavierspiel und 
auf der Gitarre gab. Dann ging er unter die Musikverleger, anfang- 
lich als Praktikant bei Steiner, dann seit 1818 mit Cappi verbunden, 
seit 1824 selbst firmierend: Diabelli & Co., Tonsetzer von flussiger 
Feder. Seine leichten Klaviersachen fur Anfanger sind noch heute 
brauchbar, die groBeren Arbeiten wurden durch die gleichzeitigen er- 
habenen Werke eines Beethoven, Schubert und anderer in den Hinter- 
grund geschoben. Im Leben Beethovens kommt er nicht selten vor, 
gelegentlich als „Diabolus" und einmal sogar als wichtiger Anreger zu 
einer umfangreichen Arbeit, zu den „33 Variationen iiber einen Walzer 
von Diabelli", Op. 120. (Siehe bei: Variationen. Ober Ant. Diabelli 
vieles im „Beethovenjahrbuch" Bd. I S. 122, die Jahreszahlen von 
der Grabschrift auf dem Marxer Friedhof nach Fr. Rob. Muller, und 
II, bei Th.-R. und in den Briefveroffentlichungen). 1816 hatte Beet- 
hoven ihn zu Rate gezogen in der Angelegenheit einer Gesamt- 
ausgabe seiner Klaviersachen bei Hoffmeister in Leipzig (Schindler 
II, S. 38). — 

Als erstes groBes Verlagswerk von „Diabelli &Co., Graben Nr. 1133 
(vormals Cappi & Diabelli)" erschien ein Sammelband „Vaterlandischer 
Kunstlerverein", der am 9. Juni 1924 in der „Wiener Zeitung" ziem- 



108 Dienstboten 



Iich pompos angekiindigt wurde. Die erste Abteilung bestand aus 
Beethovens Variationen Op. 120, die schon 1823 mit der Widmung an 
Antonia Brentano erschienen waren, und zwar noch bei „Cappi & 
Diabelli". Die zweite Abteilung enthielt viele fremde Variationen, von 
denen mehrere, wie z. B. Schuberts Variation, schon aus dem Jahre 
1821 stammen. (Dazu Prof. Heinrich Rietsch im 87. Bericht der „Lese- 
und Redehalle der deutschen Studenten in Prag", 1905, Sonderabdruck 
1906. Rietsch hat die ganze Angelegenheit in erweiterter Form noch- 
mals behandelt fur mein ,,Beethovenjahrbuch" Bd. I, S. 28—49.) 
— Diabelli <& Co. dauerten aus bis uber Beethovens Tod hinaus. 

Dienstboten (Bediente, Haushalterinnen, Kochinnen, Magde). Beet- 
hoven setzte sich in verschiedener Weise mit der Notwendigkeit aus- 
einander, im gewohnlichen Leben fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. 
Solange das Gehor sich noch brauchbar erwies, ging es ganz gut, aber 
mit zunehmender Schwerhorigkeit und steigendem MiBtrauen wuchsen 
auch die Schwierigkeiten im Umgang mit den Dienstboten. Um die 
Art zu verstehen, in der Beethoven mit dem Dienstpersonal verkehrte, 
mtissen wir uns um 100 und mehr Jahre zuriickversetzen, in die Zeiten 
vor den gesellschaftlichen Umwalzungen, die es heute unbegreiflich 
erscheinen Iassen miiBten, wenn Unzufriedenheit mit der Bedienung 
in tatlicher Weise zum Ausdruck kame, wie das ehedem der Brauch 
war. Ries schlug den Bedienten Beethovens einfach zu Boden, als er 
ihm mit Entschiedenheit den Eintrittverwehrte (Ries, „Notizen"S.96). 
Und Beethoven selbst hat oft genug die Hand erhoben und zuge- 
schlagen, wenn er dem Dienstpersonal gegeniiber in Zorn geriet. 
Nicht immer ging es so harmlos zu wie etwa 1802, als Beethoven noch 
den Freund Zmeskall fragen muBte, ob der unzufriedene, offenbar 
sehr vornehm tuende Bediente beim Austritt ein Attest bekommen 
musse (Neue Zeitschrift fur Musik, 1889 S. 512). Noch sehr harmlos 
sind Beethovens Erlebnisse in der Zeit, als er im Theater an der Wien 
wohnte (diese ist wohl gemeint, wenn Seyfried von Beethovens Haus- 
wirtschaft erzahlt). War ihm etwas verlegt worden, und jammerte 
er uber die Bedienung, so lieB man den „gutmiitigen Murrkopf" 
einfach jammern. Auch die Kanonade gegen die Kochin, wenn Eier 
mit Strohgeruch zur Brotsuppe aufgetragen wurden, hatte noch keinen 
bOsartigen Charakter. Packte ihn das MiBtrauen gegen die Kochin, 
so kochte er sich einfach selbst, nachdem er das Notige auf dem 
Markte besorgt hatte. Geladene Freunde wuBten, wie eine solche 
Beethovensche Mahlzeit mundete (Seyfried, Anhang zu den „Studien", 
Dr. Wolfgang A. Thomas San Galli, „Als Beethoven eigene Wirt- 
schaft ftihrte", in „Rheinische Musik- und Theater-Zeitung", Jahr XII 



Dienstboten 109 



Nr. 6). Leidlich ging es noch, als Beethoven 1809 das Ehepaar Herzog 
in Dienst genommen hatte. In demselben Jahr 1809 war Beethoven 
eineZeitlang ohneDienerschaft geblieben.wie man ausdenMitteilungen 
des Barons de Tr6mont entnehmen mag. Dann ist von einer Magd die 
Rede. Spaterhin waren es wieder Bediente. 1811 lobt Beethoven in 
einem Brief an Brunsvik seinen Bedienten, „der wirklich ein sehr 
ordentlicher, lieber Kerl ist". Von der KongreBzeit weiB Schindler 
(I, S. 187) die bestimmte Mitteilung zu bringen, daB ein verhaltnis- 
maBig angenehmes Intermezzo zu beobachten war. Es wurde „ein 
Bedienter angenommen, der ein Schneider war, und im Vorzimmer 
des Componisten sein Handwerk ausgeubt hat. Derselbe im Verein 
mit seiner Frau, die jedoch nicht im Hause wohnte, pflegte den 
Meister mit riihrender Sorgfalt bis in das Jahr 1816". Dieser Diener 
muB es sein, der im Brief Beethovens an Baron Nefzern erwahnt 
ist („Musikal. Wochenblatt", Leipzig 26. Marz 1908) mit Angabe der 
Stunden, die er bei Beethoven zu verbringen hatte. 1816, als Del 
Rios den Meister in Baden besuchten, kam es aber zwischen Beet- 
hoven und einem neuen Bedienten zu einer Rauferei. Ein unehrlicher 
Diener kommt vor in Briefen Beethovens vom September und No- 
vember 1816. Dann wurde nochmals ein Diener aufgenommen, 
Wenzel Braun, mit dem dann nach Schindlers Mitteilung (I, S. 266f.) 
die glorreiche Reihe der Bedienten ein Ende fand (Mai 1817). 
Dieser Braun ist es wohl, der noch im FrUhling 1817 zu NuBdorf 
den Meister aus der eigenen Wohnung ausgesperrt hat (Th.-R. IV, 
S. 486 ff.). Vermutlich schon nach dem Auftritt von 1816 notierte 
sich Beethoven: „Nie mit einem Bedienten mehr allein leben! Es 
ist und bleibt das MiBliche, setzen wir nur den Fall, der Herr wird 
krank und der Diener vielleicht audi" (Fischhoffsche Handschrift). 
Nunmehr regierten im Hause dann Kochinnen und Magde in einem 
geradewegs tollen Wechsel, wie es Tagebuchnotizen ausweisen. In 
seiner Zerstreutheit und Schwerhorigkeit wird der Meister begreiflicher- 
weise von seinem Personal betrogen. Das muBte er hinterher gewahr 
werden. Er notiert sich: ,,Das Ktirzeste, ein bestimmtes Bierhaus 
anzuweisen, um den Betriigereien auszuweichen" (1817, Fischhoffsche 
Handschrift). Zu jener Zeit haufen sich die Unannehmlichkeiten 
mit den Dienstboten, und in den vielen Briefen an Frau Nanette 
Streicher ist kein Mangel an Klagen uber die verschiedenen Kiichen- 
dragoner. Zum MiBtrauen in bezug auf die Einkaufe kam damals 
audi die sehr berechtigte Sorge, daB die Dienstboten von Frau Johanna 
v. Beethoven bestochen wurden, um Zusammenkunfte der verdorbenen 
Mutter mit dem Neffen Karl hinter Beethovens Rucken zu vermitteln. 



110 Dietrich 



Es kam wiederholt zu heftigen Szenen, bei denen Baberl, Nanny, 
Pepi usw. nicht immer gut davonkamen, gelegentlich Biicher an den 
Kopf geschleudert erhielten oder gar mit dem schweren Stuhl beworfen 
wurden, der damals sich in Beethovens Besitz befand (1824 muBte 
dieser einer Mieteschuld wegen im Hause Ungargasse 5 zuriickgelassen 
werden, wo er noch 1924 in bose vermodertem Zustande wieder auf- 
gefunden wurde). 

Keine Rune gab es dann bis in die 1820er Jahre. Im Gesprachs- 
heft, aus dem H. Volkmann einiges mitgeteilt hat, sind Spuren einer 
formlichen Beratung iiber die Ziichtigung einer Magd zu finden. Holz 
schreibt auf: ,,Schlagen Sie nicht, Sie konnten doch VerdrieBIichkeiten 
bey der Polizey haben", und unter den Verwandten wurde um jene 
Zeit einmal beraten, ob ein tatlicher Angriff auf das liederliche Haus- 
madchen auszufiihren oder zu unterlassen sei (H. Volkmann, „Neues 
iiber Beethoven" S. 22ff.). 1823 war „Frau Schnaps" bei Beethoven 
im Dienst (Schindler II, S. 51). Ein Diener sollte 1823 aufgenommen 
werden, kam aber offenbar nicht zu Beethoven. (Vgl. Brief an den 
Neffen vom 23. August 1823.) Aus demselben Jahr hat sich das Dienst- 
zeugnis einer Magd erhalten, Therese Kaufmann, die wohl neben Frau 
Schnaps im Dienst war. (Wien, Sammlung Dr. Alb. Figdor. Faksimile 
in „Moderne Welt" 1920, Nr. 9, S. 33.) Von der Bedienung in Gneixen- 
dorf 1826 ist vieles durch alte Berichte bekannt. Einmal wurde die 
Magd, die fiber den taktierenden Beethoven lachte, von ihm hinaus- 
geworf en. Nur der Diener Michael Kren hatte Selbstbeherrschung genug, 
dem Meister ohne Spott das Notige zu besorgen. In Wien hatte Beet- 
hoven dann, wohl durch Breunings Vermittlung, das Gliick, wenigstens 
in seinen letzten Zeiten noch eine aufopfernde Fiirsorge durch ,,Sali" 
zu finden. 

(Neben der schon angefuhrten Literatur noch zu nennen: „Der 
Merker" vom 1. Februar 1915 [Max Unger], die Schriften fiber Fanny 
del Rios Tagebuch, L. Nohl, „Eine stille Liebe zu Beethoven", und 
die neueren Ausgaben von Th.-R. und Leitzmann. Auf Th.-R. Bd. II 
bis V sei im allgemeinen verwiesen. Vgl. auch „Le guide musical" 
1892, S. 102, La Mara, „Klassisches und Romantisches" S. 85 und 90. 
Siehe fiberdies im Abschnitt: Stumpff und Ernest, „Beethoven", S. 344.) 

Dietrich, Anton, Bildhauer (geb. 1799, gest. 1872). Hat unter gfin- 
stigen Umstanden den Meister portratieren kfinnen. Er hatte Zutritt 
zu Beethoven, bei dem er offenbar seinen Modelliertisch aufstellen 
durfte. Gegen 1820 wurde eine IebensgroBe Bfiste fertig, die sogleich 
in die Akademieausstellung gebracht wurde (gehort der Wiener Aka- 
demie der bildenden Kfinste). Eine ganzeReihe von variierten Wieder- 



Dietrichstein 111 



holungen folgte. Eine solche von 1821 befand sich bei Prof. Schrotter 
v. Kristelli in Wien, eine weitere mit nachtraglich eingegrabener In- 
schrift gehort dem Wiener Stadtmuseum. Eine weitere befand sich 
bei Frau Henriette Dux. Ein weiteres, davon verschiedenes Exemplar 
stammt aus dem Besitz des Dichters N. Lenau. Die Beethovenbiisten 
Dietrichs geben die groBen Formen des Gesichtes ziemlich getreu 
wieder, lassen aber eine genauere Individualisierung ganzlich ver- 
missen. (Vgl. Frimmel, „Neue Beethoveniana", desselben ,,Beethoven- 
studien" Bd. I, S. 103ff., desselben „Beethovenjahrbuch' I, S. 192f., 
desselben „Beethoven im zeitgenossischen Bildnis" [Wien, KarlKonig, 
1923], S. 49f.) Dietrich hat in den Jahren von 1821 bis 1826 den 
Meister auch gezeichnet. Das Blatt selbst ist verloren, aber durch 
eine Photographie festgehalten. 

Dietrichstein, Graf Moritz (geb. 1774, gest. zu Wien 1864), gehorte, 
soweit man sieht, zu den wahren Freunden Beethovens. Eine musik- 
begabte, liebenswiirdige Personlichkeit, die uns in Beethovens Leben 
mehrmals begegnet. Als Hofmusikgraf und Leiter der Hofkapelle 
hatte er groBen EinfluB. Als z. B. 1803 der Geiger Bridgetower ein 
Konzert geben wollte, setzte Dietrichstein alles mogliche in Bewegung 
(eine Menge Briefe in dieser Angelegenheit sind erhalten), um dem 
fremden Virtuosen zu einem glanzenden Erfolg zu verhelfen (siehe bei: 
Bridgetower), und in bezug auf Beethoven bewahrte er seine Zuneigung 
besonders 1823, als Beethoven eine Stellung bei Hof anstrebte. Im No- 
vember 1822 war A. Tayber, der k. k. Hofkompositeur, mit Tod ab- 
gegangen. Graf Moritz Lichnowski und Moritz Dietrichstein machten 
nun Beethoven den Vorschlag, eine Messe zu setzen, die dann den 
Zutritt zum vakanten Posten schaffen sollte. Dietrichstein schrieb 
am 23. Februar 1823 an Lichnowski: „Schon langst ware es meine 
Pflicht gewesen, dem guten Beethoven zu antworten, da er sich ver- 
trauensvoll an mich gewendet hat." Nun erfahrt er aber, daB die Stel- 
lung des Hof kompositeurs „nicht mehr besetzt werden wird". „Ich 
mag es Beethoven nicht schreiben, um nicht ungiinstig auf einen 
Mann zu wirken, den ich so aufrichtig verehre..." Ich hebe 
dies hervor, um das Verhaltnis naher zu beleuchten. Lichnowski 
muBte es ubernehmen, den Meister vom Fehlschlagen des Schrittes 
zu unterrichten. DaB aus der neuen Messe nichts wurde, ist bekannt. 
In der Angelegenheit von Grillparzers Operntext wird uns Dietrichstein 
noch begegnen (siehe bei: Grillparzer). 

(Zu Dietrichstein zu beachten C. v. Wurzbach, ,,Biograph. Lexikon" 
bei D und Bd. XIV, S. 423, Meldung, daB der Graf 1864 zu Wien 
im Alter von 90 Jahren gestorben ist. Die groBen Beethovenbio- 



112 Dobling 

graphien kennen den Namen. Siehe auch „Die Musik" IX. Jahr 
(1909) S. 35 ff., ferner Frimmel, „Beethovenforschung" Bd. I, S. 110. 
Vieles bei Th.-R. Bd. II bisV., R. Heuberger „Musikerbuch aus Oester- 
reich" I [1900], S. 40, im Aufsatz von Dr. M. Vanesa, „Ein altwiener 
Konzertsaal". — A. v. Weilen in „Die Theater Wiens" II. Halbbd., 
S. 45ff. Dort auch Dietrichsteins Bildnis nach Passini.) 

Die eine Fassung des Liedes „Merkenstein" Op. 100 ist dem Grafen 
Moritz Dietrichstein gewidmet. 

Dobling, Ortchen in Wiens Umgebung, ehedem eine selbstandige 
Gemeinde, jetzt in die GroBstadt mit einbezogen. SchloB sich an die 
alte „Rossau" und den Vorort Lichtental nordwestlich an. Beethoven 
hat dort 1803 eine Sommerwohnung gemietet gehabt. Das Haus ist 
zum Teil noch erhalten, glucklicherweise gerade in jenem Teil, der 
Beethovens Wohnung bildete. Um die angegebene Zeit war Dobling 
schon ein Villenort und als sommerlicher Landaufenthalt beliebt. 
De Freddi's „Descrizione della cita di Vienna" (1800—1814) sagt: „La 
quantity de' Signori Viennesi che vengono a villegiarvi lo rendono non 
men popolato che allegro. Veggonvisi infatti molti bei Casini con 
magnifici Giardini . ." Noch bis in die neueste Zeit herein war Dobling 
ein Ort mit vielen Landhausern und groBen Garten. Auch das Beet- 
hovenhaus (jetzt HauptstraBe Nr. 92) hatte einen riesigen Garten, der 
glQcklicherweise noch nicht verbaut ist und einen Ausblick auf die 
Donaugegenden gewahrt. 1890 wurde eine Gedenktafel angebracht, 
die, wie manche andere lapidare Inschrift, nicht ganz richtigist. „Hier 
stand das Haus, in welchem Ludwig van Beethoven im Sommer 1803 
wohnte, zur Zeit, als er seine ,Eroica' komponierte. Errichtet im Friih- 
ling 1890." Der Trakt mit Beethovens Wohnung steht noch heute. 
Der Hinweis auf die „Eroica" laBt sich nicht anfechten. Das Gebaude 
gehorte jahrzehntelang einer Kiinstlerin, der Frau Wilhelmine Adler- 
Bieder, und ist erst in neuester Zeit in den Besitz der Stadt Wien iiber- 
gegangen. Im Juli und August 1924 brachten die Wiener Tagesblatter 
Notizen dariiber (Abbildung des Hofes in mehreren derselben, unter 
andern auch in der illustrierten Wochenbeilage der „Neuen freien 
Presse" vom 9. August 1924). Ein Beethovenmuseum soil dort er- 
richtet werden. 

Beethoven wohnte spater noch zweimal in DObling, und zwar im 
Sommer 1821. In einem langen Brief an Erzherzog Rudolf gibt er 
seine Wohnung an als „UnterdObling Nr. 11". Spater zog er nach 
Baden. — Im Sommer 1822 erhielt er von einem Kammerdiener 
oder sonstigen Angestellten desselben Erzherzogs namens Zips ein 
Brief chen mit der Anschrift ,,Pour Monsieur van Beethoven zu Ober- 



Donhoff — Dolezalek 113 



dobling, Alleegasse Nr. 135. Ein Brief an Schlesinger, den Berliner, 
ist am 7. Juni 1821 aus DBbling abgesendet (Erstdruck Frimmel in 
der Zeitschrift ,,An der schonen blauen Donau" 1888, S. 120). Gerhard 
v. Breuning erfuhr von Katharina Frohlich folgendes: , .Beethoven 
wohnte in unserem vaterlichen Hause in Dobling." ,,Wenn er eben 
mtirrischer Laune war und sich niemand zu ihm getraut, wurde ich 
(damals war ich ein Kind) oftmals mit der Augsburger Allg. Zeitung, 
seiner bevorzugten LektUre, zu ihm gesendet. Er lachelte alsdann 
meist mir zu, setzte sich wohl auch bisweilen an das Klavier und phan- 
tasierte. Er liebte es dabei, mit der linken Hand F-Akkorde zu greifen 
und mit der rechten auf und ab liber die Tasten zu wischen, mit phan- 
tastischen Gebarden. Einmal war er dabei so wilden Ausdrucks, daB 
ich mich zu fiirchten anfing und fortgehen wollte. Er aber winkte 
mir dann zu bleiben, gebieterisch mit dem Finger, mich gleichsam 
anweisend, mich niede'rzusetzen, und spielte dann gemaBigter." 
(Aus dem Schwarzspanierhause S. 40f .) Ganz Dobling ist seit Beet- 
hovens Zeiten vielfach verandert worden, ganz abgesehen von ver- 
anderten ortlichen Einteilungen, doch gibt es allerlei Hiifsmittel, sich 
den alten Zustand vorzustellen. So ist z. B. manches vom alten Rahl 
radiert worden. Die Mitteiiungen bei Fr. P. Gaheis, „Wanderungen 
und Spazierfahren in den Gegenden um Wien" (1805), helfen weiter, 
desgleichen L. M. Weschel, „Kurze Geschichte des Ortes und der 
Kirche zu Dobling (Wien, 1828, 120), ferner der Plan und die Haus- 
nummern in Ziegler und Graf Vasquez, „Wieris nachste Umgebungen' 1 
— Dobling 1828. In neuester Zeit erschien ,, Dobling, eine Heimat- 
kunde des XIX. Bezirkes, herausgegeben von Doblinger Lehrern". 
Eine alte Wigandsche Gouachemalerei bringt eine Ansicht von Dobling. 
Sie wurde aus der Auktion Viktor Zuckerkandl (Nr. 237) vor einigen 
Jahren verkauft. 

Donhoff, Graf Ludwig Nikolaus Donhoff (geb. 1769, gest. 1838). 
Kunstliebender Adeliger, bei dem Beethoven 1812 in Linz geladen 
war. (Nach Gioggls Mitteiiungen an A. W. Thayer bei Th.-R. Ill und 
nach F. Graflinger in „Neue Musikzeitung" 4. November 1915. — 
Siehe bei: Linz, Fantasie und: Ungeschicklichkeit.) 

Dolezalek, Joh. Nepomuk Emanuel (geb. zu Chotieborz in Bohmen 
1780, gest. in Iglau 1858), Musiker, Cellist, tiichtiger Tonsetzer und 
Lehrer. Seit 1800 mit Beethoven bekannt, den er mit wahrer Be- 
geisterung verehrte. Er wuBte vieles iiber den Meister zu erzahlen 
und teilte seine Erinnerunge.n an Otto Jahn mit, wonach Thayer 
davon vielfach Gebrauch machte (Th.-R. II, nach Register). Durch 
Dolezalek weiB man z. B. um die Verhaltnisse vom Anfang des 19. Jahr- 

Frimmel , Beethovenhandbuch. I. ° 



114 Doll — Dorner 

hunderts: Die Komponisten waren damals gegen Beethoven, den 
sie nicht verstanden, und der ein bbses Maul hatte. Dolazek hbrte 
viele abfallige AuBerungen Uber Beethoven, lieB sich aber in seiner 
Begeisterung nicht irre machen, und zwar bis ans Ende. Noch auf 
dem letzten Krankenlager wurde Beethoven von Dolezalek besucht und 
in teilnahmsvollster Weise behandelt (Th.-R. V, S. 466). Dolezalek hat ein- 
mal von Beethoven eine runde Dose mit bemaltem Deckel erhalten. Diese 
hat sich in der Familie Dolezaleks vererbt und war 1920 in der Wiener 
Beethovenausstellung zu sehen (als Nr. 266). (Zu Dolezalek vgl. Dlabacz, 
„Allgem. hist. KOnstlerlexikon furBohmen", 1815. Siehe bei: Jahzorn.) 

Doll. Name zweier Wiener Buchhandler, die mit Beethoven nahe 
bekannt waren, und zwar Alois Doll und Anton Doll. Sie werden 
genannt in einem Gesprachsheft, das zwischen 1819 und 1821 benutzt 
wurde (veroffentlicht in „Die Musik" Bd. V, Heft 8, und des besonderen 
erlautert in Frimmel, „Beethovenforschung" [Beethoven in Modling]). 
Alois Doll hatte seinen Buchladen auf dem Stefansplatz im Deutschen 
Haus. Er starb 1826, 59 Jahre alt. Von ihm heiBt es, „Medicinisches 
nachdruckend", also wohl Freibeuter unter dem damaligen gesetz- 
lichen Schutz. Der Laden Anton Dolls in der Goldschmiedgasse, dann 
Bischofsgasse, hielt alles, was eben gesucht wurde, 1812 hatte er 
metrische Obersetzungen vom Wiener Dichter J. B. Rupprecht in 
Kommissionsverlag genommen. — Alois Doll besaB zur Zeit der Mod- 
linger Aufenthalte Beethovens im angedeuteten Markt ein Haus, wie 
ich das aus dem Ratsprotokoll und anderen Quellen ermittelt habe. 
Oberdies hatte er eine unfern gelegene Ziegelei gepachtet. Er besaB 
auch einen Weingarten ebendort. Er verkaufte sein MOdlinger Haus 
mittels Lizitation im Februar oder Marz 1820. (Siehe bei: Modling.) 

Donaldson, Verleger in Edinburgh. Naherte sich mittelbar dem 
Meister 1819, indem er bei diesem Kompositionen bestellte. (Walter 
Nohl, „Konversationshefte" I, S. 116, 128.) 

Dont, Josef Valentin (geb. 1776, gest. 1833), Tonkttnstler, Cellist. 
Gehorte zu Beethovens Bekanntenkreise. Er vermittelte die Sitzungen 
Beethovens fur denMalerKlOber 1818 (siehe bei: Klober). Ein lebens- 
groBes Brustbild Donts von unbekannter Hand war 1920 durch Herrn 
Obermagistratsrat Dr. Jak. Dont in die Wiener Beethovenausstellung 
geschickt worden (Kat. Nr. 351). (Zu Dont auch Hanslick: „Geschichte 
des Concertwesens in Wien S. 237.) 

Dorner, Leibarzt des Grafen J. Ph. Cobenzl. Wird als Bekannter 
Beethovens erwahnt in einem Brief an Gleichenstein bei Th.-R. Ill, 
S. 205. Beethoven schrieb an ihn 1809. (Zuerst bei L. Nohl in Wester- 
manns „Illustrierten Monatsheften" Dezember 1865.) 



Dragonetti — Dresden 115 



Dragonetti, Domenico. Bertihmter Kontrabassist, bedeutender Mu- 
siker, besonders aber ein unerreichter Techniker auf seinem Instru- 
ment. (Geb. Venedig 1763, gest. 1846 zu London.) War um 1799 in 
Wien auf der Durchreise, dann wiederholt bis zur KongreBzeit auf 
langere oder ktirzere Zeit wieder hier. So hat Thayer einen Fremden- 
nachweis fur Wien benutzt (Th.-R. Ill, S. 73), der vom 2. Juli 1808 
stammt. Als gemeldet kommt vor: „Dominik Dragonetti, Tonklinstler 
aus Venedig (London), kommt von Triest, wohnt 1026 (Zum goldenen 
Greif, Karntner Strafie)". London bedeutet den gewohnlichen Aufent- 
haltsort. 1799 hatte Dragonetti Beethoven kennen gelernt, der von 
ihm Ober die Wirkungsmoglichkeiten der BaBgeige aufgeklart wurde. 
Nach Applebys Erzahlung spielte er mit Beethoven die Cellosonate 
Op. 5 Nr. 2, aber auf dem KontrabaB. Beethovens Blicke folgten 
jeder Bewegung Dragonettis, und am Schlusse sprang Beethoven auf 
und umarmte den Kontrabassisten mitsamt seinem Instrument. Im 
Dezember 1813 war Dragonetti bei der Auffiihrung der „Schlacht bei 
Vittoria" auf der BaBgeige tatig. In London war er bald Mitglied der 
dortigen Philharmoniker geworden, zugleich mit Bridgetower, Clementi, 
Cramer, Ries und anderen. 1817 brachte Cipriani Potter, der Beet- 
hoven besuchte, ein Empfehlungsschreiben Dragonettis mit. (Vgl. die 
neuen Musiklexika, welche Caffis Monographie benutzen, einschlieB- 
lich des Groveschen, hauptsachlich aber Th.-R. II, S. 76, 127, 
III, S. 394, 544 und IV, S.55. Uberdies C. F. Pohl, „Haydn in London", 
S. 304ff.) Dragonetti, noch als junger Mann mit glattrasiertem Ge- 
sicht, nur ein Backenbartchen vor den Ohren, ist dargestellt auf dem 
Stich von F. Bartolozzi. — Ein Bildnis Dragonettis kommt vor auf 
einem Tableau mit vielen italienischen Musikerbildnissen von Luigi 
Scotti (Wien, Albertina). Nach einem zeitgenossischen Bildnis ist unter 
andern die Radierung von Fr6d6ric Hillemacher hergestellt, die dem 
Buch von Vidal beigegeben ist, „ Instruments a archet" (1873). — 

Drechsler, Josef (geb. 1782 zu Vlachov-Brezi, gest. zu Wien 1852). 
Tonkiinstler, den Beethoven 1823 dem Erzherzog Rudolph empfahl 
(..Berliner Briefausgabe" V, S. 299, und H. Riemann, ..Musiklexikon"). 

Dresden, die allbekannte Hauptstadt Sachsens. Ob Beethoven 
jemals personlich in Dresden war, ist bis vor kurzem fraglich gewesen. 
Erst durch eine alte briefliche Erwahnung, die bei L. Schiedermair im 
neuen Buch „Der junge Beethoven" (S.320L) nach M. Braubach mit- 
geteilt ist, weiB man, daB der junge Meister 1796 tatsachlich in Dresden 
bei Hof gespielt hat. In einem Brief Schalls an den Kurfiirsten Maxi- 
milian Franz heiBt es unterm 24. April und 6. Mai 1796: „Der junge 
Beethoven ist gestern hier [in Dresden am 23. April] angekommen. 

8* 



116 DreBler — Drieberg 



Er hat Briefe von Wien an Graf Elz, er wird bei Hofe sich horen lassen 
und von hier nach Leipzig und Berlin gehen. Er soil sich unendlich 
gebessert haben und gut komponieren." — Dann liest man wieder: 
, .Beethoven hat sich ungefahr acht Tage hier aufgehalten, jedermann, 
so ihn auf dem Klavier spielen gehort, war entzuckt. Beim Kurfursten 
von Sachsen, einem Kenner in der Musik, hatte Beethoven die Gnade, 
abends ganz allein ohne Akkompagnement bis 1 Va Stunden zu spielen. 
S[eine] K[urfurstliche] D[urchlaucht] sind ausnehmend zufrieden ge- 
wesen und beschenkten denselben mit einer goldenen Tabatiere. Beet- 
hoven reiste von hier nach Leipzig und Berlin. Maximilian Franz 
antwortete, er hoffe, „Beethoven werde von seiner Reise mehr Profit 
Ziehen als Simonetti, der uberall beklatscht, aber nirgends be- 
schenkt werde". 

In dem oft benutzten Brief Beethovens an Bruder Johann aus Prag 
vom 19. Februar (1796) heiBt es: „lch werde noch einige Wochen ver- 
weilen, hier und dann nach Dresden, Leipzig und Berlin reisen, da 
werden wohl wenigstens sechs Wochen dran gehen bis ich zuriick- 
komme." 

DreBler, Ernst Christoph (geb. vielleicht urn 1720, gest. 1779 oder 
etwas spater), war Opernsanger in Kassel (nach Th.-R. I, S. 154f. 
und der dort angefuhrten Literatur). Eine der fruhesten Kompo- 
sitionen Beethovens kniipfte sich an den Namen DreBler. Denn die 
Variationen iiber einen Marsch von DreBler fallen nachweisbar sehr 
fruhe, etwa 1782. Diese Variationen erschienen bei J. M. Gotz in 
Mannheim und waren der Grafin Wolfmetternich gewidmet (geb. 
Baronin von Asseburg). (Dazu hauptsachlich Thayer, „Chron. Verz.", 
Nottebohm, „Themat. Katalog" und Th.-R. a. a. O.) 

Drieberg, Friedrich Johann, Freiherr v. (geb. 1780 zu Charlotten- 
burg, gest. ebendort 1856). Dilettant im Musikfach und als Schrift- 
steller. Lebte in der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts in Paris, Berlin 
oder auf seinen Besitzungen in Pommern, eine Zeitlang, 1809 und 1810 
in Wien. 1856 starber als preufiischer Kammerherr. Thayer vermutete, 
daB er es war, der Beethoven den Text zu den ,,Ruines de Babylon" 
zugeschoben hat, und teilt einen Brief Beethovens an Drieberg mit, 
in welchem es unter anderm heifit: ,,Ihre franzosischen Biicher bringe 
ich Ihnen in einigen Tagen — Treitschke hat schon: les mines." (Ich 
kenne die Urschrift bei Professor jahns in Berlin nicht und vermute 
kleine Verlesungen.) Der Sinn ist jedenfalls richtig wiedergegeben bei 
Th.-R. Ill, S. 265f. Drieberg beschaftigte sich in phantastischer Weise 
mit griechischer Musik, und Beethoven scheint an seinen Vermutungen 
nicht achtlos voriibergegangen zu sein (Th.-R. Ill, S. 290f.). 



Drosdick — Durchfalle 117 



Drosdlck (siehe bei: Malfatti). 

Duncker, Joh. Friedr. Leopold, erster Kabinetssekretar des Konigs 
von PreuBen und Geheimer Oberregierungsrat (gest. 1842). Nahe 
Beziehungen Dunckers zu Beethoven ergaben sich 1814 und 1815, als 
Duncker mit Konig Friedrich Wilhelm III. nach Wien zum KongreB 
gekommen war. Duncker wollte hier sein Trauerspiel „Eleonore Pro- 
haska" zur Auffiihrung bringen, jene Tragijdie eines Madchens, das 
die Befreiungskriege als Soldat mitgemacht hat. Nun war aber am 
l.MSrz 1814 im Leopoldstadter Theater zu Wien ein ganz ahnliches 
Schauspiel: ,,Das Madchen von Potsdam" aufgefiihrt und dann mehr- 
mals wiederholt worden. Und dies durfte das Hindernis gewesen sein, 
daB Dunckers Trauerspiel in Wien angenommen worden ware, nicht 
die Zensur, wie Fraulein Fanny del Rio in ihrem Tagebuch meinte. 
Duncker stand mit Del Rios Iange in brieflichem Verkehr, doch liegt 
iiber den strittigen Punkt keine bestimmte Angabe vor. Beethoven 
schrieb fiir Dunckers Trauerspiel 1814 oder erst 1815 mehrere Stucke, 
so einen Kriegerchor fur Mannerstimmen „Wir bauen und sterben", 
eine Romanze mit Harfenbegleitung „Es blunt eine Blume" und ein 
Melodram mit Harmonika. Im Supplementband der Leipziger Gesamt- 
ausgabe als Nr. 272. Statt eines neuen Trauermarsches wurde von 
Beethoven der aus der Klaviersonate Op. 26 orchestriert. Ich sah die 
eigenhandige Partitur beim Kapellmeister Ad. Miiller vor Jahren in 
Wien. Beziehungen zu Duncker blieben noch jahrelang aufrecht. So 
ist in dem Gesprachsheft von 1823 durch R. W. Henning angemerkt, 
„ Ich habe Ihnen sehr viele Empfehlungen von dem Geheimen Kabinetts- 
rat Duncker zu machen" (Kalischer, ,, Beethoven und Berlin" S. 341 
und 344). — (Die wichtigsten Mitteilungen iiber Duncker bei Notte- 
bohm, II. „Beethoveniana" II, S. 321 ff . Dort sind auch die Entwiirfe 
zu den drei Stiicken mitgeteilt, die sich im Millerschen Skizzenbuch 
finden. Thayer im ,,Chron. Verz." S. 123 spricht von einem Entwurf 
zum Melodram im Besitz Dessauers. Th.-R. 1 1 1, S. 459 und IV, S. 523ff ., 
ferner R. Waldmiiller, „Wanderstudien" II (1861, S. 192f.), L. Nohl, 
„Eine stille Liebe zu Beethoven", und die neuere Literatur Uber Fanny 
Del Rio. Im Autographenkatalog von K. E. Henrici, 50. Verst., 
Februar 1919, wurde die Handschrift des Chores ,,Wir bauen und 
sterben" angekUndigt.) Ein Stuck Handschrift zum Chor „Wir bauen 
und sterben ausTrummern ersteht ist langst unsere Asche verweht", 
zwei Blatter, befanden sich im Juni 1919 bei Karl Ernst Henrici in 
Berlin (Kat. LIII, S. 3, eine Seite ist faksimiliert). 

Durchfalle schwerer Art gehorten im Mannesalter Beethovens nicht 
zu den seltenen Erscheinungen, und bis in die Todeskrankheit sind 



Hi--. 



118 Duschek — Eeden 



solche nachweisbar. Der Zusammenhang mit dem Ableben wird im 
Abschnitt: Krankheiten erortert. 
Duschek, Hafnermeister in Medling. (Siehe bei: Modling.) 
Duschek (tschechisch geschrieben Dussek), Josefa (geb. Prag 1753, 
gest. ebendort 1824). Gefeierte Sangerin. Sie hieB mit dem Madchen- 
namen Hambacher. Ihr Gemahl war der namhafte Prager Musiker 
Franz Duschek (geb. 1736, gest. 1799). Sie gehOrten dem Mozartkreise 
an. Josefa Duschek sang schon 1796 Beethovens Arie: „Ah perfido!" 
in Leipzig. In ihrer Wiener Akademie von 1798 spielte Beethoven 
eine Sonate. Das Programm im Besitz der Gesellschaft der Musik- 
freunde in Wien sagt nicht, welche Sonate es gewesen, sondern nur 
„eine Sonate auf dem Fortepiano mit Begleitung, Komponiert und 
gespielt von Herrn L. v. Beethoven". Man vermutet, daB es eine von 
den Violinsonaten Op. 12 gewesen, und nimmt als Begleiter den Kon- 
zertspieler v. Schuppanzigh an. Es war bei Jahn in der Himnlel- 
pfortgasse. 

(Zur Duschek vgl. Schonfeld, „Jahrbuch der Tonkunst" 1796, 
Dlabacz, „Allgemeines historisches Ktinstlerlexikon fur Bbhmen", 1815, 
und den neuen Nachtrag. Dlabacz verweist auch auf Meusels „Kiinstler- 
lexikon" 1808, Reichardt, „Vertraute Brief e" I, S. 132, Otto Jahn, 
,, Mozart", Prohaska, ,, Mozart in Prag", Hanslick, „Geschichte des 
Concertwesens in Wien" S. 105, A. DOrffel, „Geschichte der Gewand- 
hauskonzerte in Leipzig" S. 31, A. Chr. Kalischer, „Beethovens Frauen- 
kreis" I, S. 114ff., Kalischer geht auch auf Schillers und Korners ab- 
fallige Urteile iiber die Duschek ein. Siehe ferner Th.-R. II, S. 11, 28, 
65, 101, und den Katalog der Beethovenausstellung von 1920 im Wiener 
Rathaus Nr. 90.) 

E. 

Eder, Josef. Wiener Kunsthandlerfirma, 1789 gegrttndet, spaterhin 
Jeremias Bermann. Beethoven verlegte 1798 dort die Klaviersonaten 
Op. 10, die der Baronin Browne gewidmet sind, und die Sonate pathe- 
tique Op. 13, dem Fursten Carl v. Lichnowski gewidmet. (Eingehendere 
Mitteilungen iiber Eder bei Frimmel, „Lexikon der Wiener Gemalde- 
sammlungen" Bd. I, und im Katalog der Wiener Beethovenausstellung 
von 1920.) 

Eeden (auch Eden und noch anders geschrieben), Heinrich van der 
(geb. urn 1710, gest. zu Bonn im Juni 1782). War lange Jahre Hof- 
organist in Bonn, dtirfte Beethovens erster Lehrer auBerhalb der 
Familie gewesen sein. Schon aus dem Datum seines Todes erhellt, daB 



Egmont 119 

ein Unterricht Beethovens bei ihm kaum sehr lange gedauert haben 
kann. Zudem erfahrt man, daB Tob. Friedr. Pfeiffer, der itn Sommer 
1779 nach Bonn gekommen war und bei Beethovens „in Kost und 
Logis" war, den Unterricht des Jungen iibernommen hat (nach der 
Fischerschen Handschrift und nach Thayer-Deiters I. Bd. 3. Aufl., 
besonders S. 136ff.). Einen maBgebenden EinfluB Van der Eedens auf 
Beethoven kOnnen wir nicht annehmen. 

Egmont, Musikzu GoethesTrauerspiel. Op. 84. Gehort zu den meist- 
geschatzten und mit Recht bewunderten Werken Beethovens. Kaum 
ist in einer anderen Komposition der hohe Flug Goethescher Dicht- 
kunst mit der hinreiBenden Kraft Beethovenscher Musik ebenso ver- 
eint wie hier. Marianne von Willemer hat dies erkannt, indem sie 
(am 26. Juli 1821) an Goethe schrieb, die Musik sei ,,himmlisch", hin- 
zufiigend, „Er hat Sie ganz verstanden : ja man darf fast sagen, derselbe 
Geist, der Ihre Worte beseelt, belebt seine TOne". — Das Werk, eines 
der meistbedeutenden deutscher Kunst, das sich finden laBt, ist in 
der Zeit zwischen einem unbestimmten Zeitpunkte von 1809 und dem 
Marz 1810 entstanden, auf Bestellung der Hoftheaterleitung. Es ent- 
sprang aber der reinen Begeisterung Beethovens fur den Dichter, 
ohne jede Beimischung geschaftlicher Absichten. Czerny wollte wissen, 
daB dem Meister, der den „Tell" komponieren wollte, statt dessen der 
„Egmont" zugewiesen worden sei, weil dieserText musikalisch nicht er- 
giebig ware. Sei dem, wie ihm sei : Beethoven hat bewiesen, daB er 
der Aufgabe gewachsen war. Die Entstehung des „Egmont" fallt also 
ins Kriegsjahr 1809, das far Wien Unruhen vieler Art, Waffenlarm, 
Trommelwirbel und Storungen der gewohnlichen Lebensweise brachte. 
Erst spat konnte Beethoven den gewohnten Erholungsaufenthalt auf 
dem Lande in Baden genieBen. Die Hauptarbeit am „Egmont" wird 
wohl in die Spatzeit von 1809 und die ersten Monate von 1810 fallen. 
Die Handschrift der Ouvertiire ist ,,1810" datiert. Am 6. Mai 1810 
bot Beethoven die „Egmont"musik dem Verlag.Breitkopf & Hartel an. 
Die erste Auffuhrung fand in Wien am 15. Juni 1810 statt. In der 
alteren Literatur (auch bei Thayer und Nottebohm) heiBt es noch tiber- 
einstimmend, die erste Auffuhrung habe am 24. Mai jenes Jahres 
stattgefunden. Dr. Eugen Killan in Mtinchen behauptet, daB am 
24. Mai nur die Theaterauffiihrung des „Egmont"dramas geboten worden 
sei (ohne Musik) und erst am 15. Juni Beethovens Werk (siehe unten). 
Die Quellenangabe wird vermiBt. Einige Szenen wahrend der Vor- 
bereitung der Klarchenlieder sind uns durch Toni Adamberger iiber- 
liefert. (Siehe Abschnitte: Adamberger und: AuBere Erscheinung.) In 
Th.-R. Ill, S. 202 wird ohne nahere Angabe eine Eintragung in ein 



120 Egmont 

Gesprachsheft mitgeteilt, „Ich erinnere mich noch an die Qual, die 
Sie bei der Probe von Egmont mit dem Pauker hatten". 

Mit der Herausgabe der „Egmont"musik hatte es Weile. Beethoven, 
der die Obersendung der Partitur an Goethe dem Dichter schon brief- 
lich angekundigt hatte, war sehr begierig, sie ihm nun audi zu senden, 
da er wohl nicht bedachte, daB sie Goethe als viel zu geringen Musiker 
vorfinden werde, urn bloB vom Lesen verstanden zu werden. Vorlaufig 
muBte es bei einer sehr oberflachlichen Kenntnis des Werkes sein 
Bewenden haben, von dem nur weniges zu des Dichters Ohr gelangte. 
Beethovens Freund Oliva war im Mai 1811 bei Goethe in Weimar 
zugleich mit Sulpice Boisser6e: In Boisserees Tagebuch liest man zum 
2. Mai: „NachTisch spielte ein Baron Oliva aus Wien, ich weiB nicht 
welche Beethovensche Komposition, ich glaube, den Gesang der Clar- 
chen" (vgl. Ed. Firmenich-Richartz, „Sulpice und Melchior Boisseree", 
1916, S. 386, und W. Bode, „Die Tonkunst in Goethes Leben" Bd. II, 
1912). Noch am 9. Oktober 1811 sandte der Meister einen Drangebrief 
an Breitkopf & Hartel nach Leipzig. Erst im Januar 1812 traf sie 
in Weimar ein. Am 20. Februar wurde sie ihm von einem Dilettanten 
vorgespielt. Aber nach und nach in den immerhin musikalischen 
Kreisen, die Goethe umgaben, lernte der Dichter Beethovens Werk 
genauer kennen und auch schatzen, so daB er gelegentlich z. B. die 
Musik zum Traum Egmonts im Kerker warm verteidigte: ,,Hier habe 
ich ausdrucklich angegeben, daB Musik seinen Schlummer begleiten 
soil . . . und Beethoven ist mit bewundernswertem Genie in meine 
Intentionen eingegangen." Goethe hatte auch schon Kenntnis von 
der Art der Musikauffuhrung mit (Mosengeils) verbindendem Text. 

Nebenbei bemerkt, zogerte man in Berlin sehr lange mit der Ein- 
fiihrung der Musik Beethovens zum ,, Egmont". Bis zum Januar 1841 
wurde dort Goethes Trauerspiel stets mit der Musik von Reichardt 
gegeben (C. Schaffer und C. Hartmann, ,,Die Koniglichen Theater in 
Berlin", und „Goethejahrbuch" 1788, S. 287). 

Die Anordnung der „Egmont"musik war ursprunglich folgende: 
1. Ouvertiire (von eigenartiger, oft besprochener Formung), 2. Klar- 
chens Lied: Die Trommel gertihret, 3. erste Zwischenaktmusik, An- 
dante, A-Dur. 4. Zweite Zwischenaktmusik, Larghetto, Es-Dur. 
5. Klarchens Lied: Freudvoll und leidvoll, gedankenvoll sein. 6. Dritte 
Zwischenaktmusik, Allegro, C-dur. 7. Vierte Zwischenaktmusik, Poco 
sostenuto e risoluto, Es-Dur. 8. Klarchens Tod, Larghetto, D-Moll. 
9. Melodram, Poco sostenuto, Es-Dur (wichtig fur die Spateren, unter 
andern auch fiir Richard Wagner). 10. Siegessymphonie, Allegro con 
brio, F-Dur (an den SchluBteil der Ouvertiire ankniipfend). 



Ehlers — Ehrungen 121 



Bei verschiedenen Auffiihrungen da und dort wurden Umstellungen 
vorgenommen, um passende Ruhepausen zu gewinnen. Fur Konzert- 
auffiihrungen dient gewohnlich der alte Mosengeilsche oder der Grill- 
parzersche verbindende Text. Das verbindende Gedicht von M. Ber- 
nays war vollstandig zuerst abgedruckt in „Allgemeine musikalische 
Zeitung" 1863. In demselben Jahr war es zu Bonn am 26. Februar 
erstmalig vorgetragen worden. 

(Die Literatur fiber das beriihmte Werk ist unubersehbar, wenn man 
die alten Und neuen Berichte iiber die Auffiihrungen heranziehen will. 
Das Geschichtliche wurde durch Thayer und Nottebohm hauptsSch- 
lich studiert, deren Kataloge selbstverstandlich zu Rate gezogen wer- 
den mussen. Vgl. auch Nottebohm, „Zweite Beethoveniana". Asthe- 
tische Erorterungen in alien groBen Beethovenbiichern, von W. Lenz 
angefangen bis Bekker. In mehrfacher Beziehung wichtig Th.-R. 
Ill, nach Register. 

In neuester Zeit schrieb Dr. Eug. Killan iiber „Egmont" fur die ,,A11- 
gemeine Musikzeitung" [Berlin, 21. Januar 1921]. — Vgl. auch Ab- 
schnitt: Goethe. ■ — Die autographe Partitur in der Staatsbibliothek zu 
Berlin. Ein Skizzenblatt unter anderm im Heyerschen Museum zu 
Koln [Kinskys Katalog IV, Nr. 221, S. 179ff.].) 

Ehlers, Sanger, der 1814 jedenfalls mit Beethoven bekannt war. 
Er wirkte als Tenorist am 11. April jenes Jahres, und zwar in der Auf- 
fiihrung des Treitschkeschen Singspiels „Gute Nachricht", fur das 
Beethoven neben Gyrowetz, Weigl, Kanne, Hummel, Musik geliefert 
hatte, und zwar den SchluBchor. Ehlers wird in einigen Briefen Beet- 
hovens aus dem Jahre 1814 genannt. Schindler (II, S. 152) bringt 
Ehlers mit einer PreBburger Auffiihrung des „Opferliedes" in zweiter 
Bearbeitung und mit dem ,,Bundeslied" in Verbindung (1822). Sie seien 
fur Ehlers geschrieben. 1815 war Ehlers in Breslau tatig gewesen. 
1826 wird er als Regisseur des groBherzoglichen Theaters in Mannheim 
genannt. Dahin schrieb ihm Beethoven am 1. August 1826 einen 
nicht unwichtigen Brief. Dieser ist in den neuen Briefausgaben Ieicht 
zu finden. 

Ehrungen verschiedener Art wurden dem Meister dargebracht, nicht 
nur in der Form lauten Beifalls bei manchen Akademien — besonders 
sei die vom 7. Mai 1824 hervorgehoben — , sondern auch in Form von 
Diplomen. Erinnert sei auch an die folgenreiche Beruf ung nach Kassel 
1809. Im August 1809 sandte man aus Amsterdam die Ernennung zum 
Korrespondenten des Konigl. Instituts fur Literatur und schone Kiinste 
(Th.-R. Ill, S. 144). Mit 16. November 1815 ist die Urkunde datiert, die 
dem Meister das Biirgerrecht der Stadt Wien verlieh (Unterschrift des 



122 Eichhoff — Eppinger 



Bargermeisters St. Ed. v. Wohlleben bei Th.-R. Ill, S. 524 ganzlich 
verdruckt). 1819 ernannten die Philharmonische Gesellschaft zu Lai- 
bach und der Kaufmannische Verein zu Wien den Ktinstler zum Ehren- 
mitglied. 1822 wurde er Ehrenmitglied des Musikvereins in der Steier- 
mark. Die Konigl. schwedische Akademie in Stockholm sandte ihm 
gegen Ende jenes Jahres ihr Diplom, das er wohl zu Anfang 1823 
erhalten haben diirfte. (Die letzterwahnten Urkunden befanden sich 
zu Wien in der Sammlung Trau und werden jetzt im Museum der 
Stadt Wien aufbewahrt.) Bald wurde er auch Ehrenbiirger der 
Stadt Wien, und nach langem Zogern wurde ihm am 26. Oktober 1826 
von der Gesellschaft der Musikfreunde das Diplom des Ehrenmit- 
gliedes ausgestellt. Man wuBte schon lange um die Absicht. In jener 
Zeit traf auch aus Paris, vom Konig von Frankreich gespendet, die 
groBe goldene Medaille ein, die ihn sehr erfreute, und iiber die er 
am 7. September (nicht Oktober) 1826 an Freund Wegeler berichte't. 
Einen verhaltnismaBig tiefen Eindruck hatte ihm aber 1824 die Adresse 
gemacht, die, von vielen Wiener Musikfreunden veranlaBt, besonders 
durch den Grafen Moritz Lichnowski gefbrdert, dem Meister im Februar 
1824 ilberreicht wurde. Schindler war Zeuge (siehe Th.-R. V, S. 67 ff.). 
Die ehrenvolle Behandlung von seiten der Londoner Philharmonischen 
Gesellschaft durch die Aufforderung, eine neue Symphonie zu schreiben 
(1822, 1823), und die Sendung der ersten groBen Handelausgabe an 
den kranken Meister (1826) gehoren ebenfalls in die Liste der Ehrungen. 

Eichhoff, Joh. Jos., einer der Bonner Freunde Beethovens, die im 
Stammbuch vom Herbst 1792 vorkommen (Th.-R. I, S. 290 und 498 
mit einigen Angaben iiber Eichhoffs Lebensweg). 

Elegischer Gesang. (Siehe bei: Pasqualati.) 

Eleonore Prohaska. (Siehe bei: Duncker.) 

Eppinger, Emanuel (geb. 1768, gest. 1846), Administrator des groBen 
Gasthofes ,,Zum ROmischen Kaiser" auf der Freiung in Wien. Kunst- 
freundlicher Herr, der sich um die Auffuhrung des Beethovenschen 
Oratoriums „Christus am Olberg" beim ROmischen Kaiser 1815 gewisse 
Verdienste erworben hat. Jedenfalls gehOrte er zum Bekanntenkreis 
des Meisters. Den Vornamen Emanuel entnehme ich einer Notiz der 
,, Wiener Zeitung" vom 22. April 1812, wo er „Administrator des 
Hauses Nr. 145 zum ROmischen Kaiser auf der Freyung Emanuel 
Eppinger" genannt wird. Bei Th.-R. Ill, S. 489 herrscht Unsicherheit 
iiber diesen Punkt. C. v. Wurzbachs ,,Biograph. Lexikon" kennt diesen 
Eppinger. 

Eppinger, Heinrich, Violinspieler. Begabter Musikliebhaber, der 
schon 1789 mit Erfolg in einem Wiener Konzert spielte und sich schon 



Erard — Erdody 123 



friih um Beethovens Musik annahm (nach L. v. Sonnleithner, Th.-R. II, 
S. 122). 1800 spielte er in den Quartetten bei FOrster sen. (Th.-R. II, 
S. 185). 1801 sollte er bei Odeschalchi in Beethovens Septett mit- 
wirken (Th.-R. II, S. 135, Brief an Zmeskall). In den nachstfolgenden 
Jahren wird er gelegentlich mit Anerkennung erwahnt. 1803 bestatigt 
Heinr. Eppinger, daB der Nachstich des Quintetts furs Umblattern 
ganz unbrauchbar gewesen (Th.-R. II, S. 601). — 

EinDr. Josef Eppinger geleitete 1816 den jungen Anselm Hiitten- 
brenner zu Beethoven. Th.-R. Ill, S. 582 deutet an, dieser Eppinger 
sei exzentrisch gewesen. 

Erard. Fliigel von Erard bei Beethoven siehe: Klaviere. 

Erdody, Grafin Anna Marie, geb. Niczky (1779 bis 1837), vermahlt 
am 6. Juni 1796 mit dem ungarischen Grafen Peter Erdody. Sie 
diirfte etwa 1803 mit Beethoven bekannt geworden sein. Der Graf 
zeichnete in jenem Jahr vier Sitze zum Augartenkonzert, in welchem 
Beethoven mit Bridgetower die Kreutzersonate spielte, im voraus (Th.-R. 
II, S. 394). Bald war sie die erklarte vertraute Freundin Beethovens, 
obwohl man die Schindlerschen Nachrichten in diesem Falle mit vieler 
Vorsicht aufzunehmen hat. Schon 1808 erfahrt man aus einem Brief e 
Beethovens an Oppersdorf, daB der Meister damals bei der Grafin 
wohnte (siehe: Wohnungen). Reichardt war im Dezember 1808 zu 
einem musikalischen Diner bei Erdodys durch Beethoven eingeladen. 
Voll Riihrung berichtet er iiber die „feine, kleine sehr htibsche 25 jahrige 
Frau", die gleich beim ersten Wochenbett ein unheilbares Obel behielt, 
,,dabei doch drei gesunde, Hebe Kinder geboren hat, die wie die Kletten 
an ihr hangen", und „der allein der GenuB der Musik blieb, die selbst 
Beethovensche Sachen recht brav spielt und mit noch immer dick 
geschwollenen FQBen von einem Fortepiano zum andern hinkt . . ." 
Aueh horte er dort Beethoven fantasieren. Ende Dezember desselben 
Jahres war Reichardt wieder dort, wo er die Beethovenschen Trios 
Op. 70 in D und Es vom Meister selbst spielen horte. Diese so vielfach 
verschieden beurteilten Kompositionen waren eigens fiir die Grafin 
geschrieben mit der Widmung: ,,2 Trios fur die Grafin ErdOdy, ge- 
bohren Grafin Niszky, fiir sie geeignet und Ihr zugeeignet." Reichardt 
spricht von einem so ,',himmlisch-cantablen" Satz darin, wie er einen 
solchen von Beethoven noch nicht geh6rt hatte. Gemeint ist offenbar 
der dritte Satz des zweiten Trios, das Allegretto ma non troppo in 
As-Dur. Beethovens Vortrag solcher Satze pflegte die Zuhorer un- 
gewohnlich zu ruhren, und so war es auch bei Reichardt. Baron de 
Tremont bemerkte 1809 die starke Neigung Beethovens zur Grafin. 
Aber noch 1809 gab es eine Triibung des Verhaltnisses aus AnlaB einer 



124 Erdody 

nicht allzu klaren Bedientengeschichte. Eine Aussohnung wurde von 
Beethoven versucht (Brief vom Fruhling 1809) und scheint wenigstens 
einen vollen Bruch der Freundschaft gehindert zu haben. Immerhin 
bezog Beethoven eine andere Wohnung und, soweit man sieht, hat 
sich erst nach Jahren wieder die alte Freundschaft eingestellt. In 
einem Brief Beethovens an die Grafin vom Februar 1815 sagt er: 
,,Ich habe meine werthe Grafin ihr Schreiben mit Vergniigen gelesen, 
ebenso die Erneuerung ihrer Freundschaft fitr mien . . .", was 
hier unterstrichen wird. Nun werden wieder reichlich eigene Kompo- 
sitionen an die Grafin geschickt, und die zwei Cellosonaten Op. 102 
erhalten die Widmung an die Grafin, obwohl Beethoven zwischen dieser 
Zueignung und einer an Charles Neate schwankte. 

Im Mai 1815 geschah ein Ungluck in der Familie., Der einzige Sohn 
August war auf einem Gut in Kroatien plotzlich gestorben, worilber 
Thayer eingehende Mitteilungen macht. Beethoven bewahrt sich teil- 
nahmsvoll. Er denkt an eine Reise zur Grafin. Die freundschaftlichert 
Beziehungen zu ihr dauern fort, auch 1817, als Beethoven in Heiligen- 
stadt ubersommerte. Gegen Ende 1819 war die Freundin wieder vor- 
iibergehend in Wien. Kalischer merkte aus dem Gesprachsheft (Nr. 29, 
Bl. 24b) an: „Grafin Erdody, Karnthnerstr. 1138, 2. St.". Am 31. De- 
zember wird noch der F-Dur-Kanon: „Gluck, Gltick, Gliick zum netien 
Jahr" fur die Grafin geschrieben. Dann trat ein finsteres Ereignis 
ein, fur die Offentlichkeit nicht vOllig klar, aber dem Meister wohl- 
bekannt, das eine Verbannung der Grafin aus den osterreichischen 
Staaten zur Folge hatte. Die Komtesse Mimi, eineTochter der Grafin, 
wurde damals in ein Kloster nach Sankt Polten gebracht. Magister 
Brauchle, der jahrzehntelang eine wichtige Person im Hause der 
Grafin gewesen, kam in polizeiliche Untersuchung, bei der Ober- 
amtmann Sperl eine iiberwachende Rolle zugeteilt erhielt. So ware 
zu schlieBen nach dem Gesprachsheft D. 23 vom Sommer 1820, das 
es auch moglich erscheinen IaGt, Brauchle hatte durch Roheit den 
Tod des jungen Grafen August veranlafit. Es hat wohl einmal Streit 
gegeben zwischen Mutter, Sohn und Brauchle. Thayer behielt die 
Lbsung des Knotens fur sich. — Damit aber war das Verhaltnis Beet- 
hoven-Erdody abgebrochen. Die landesverwiesene Dame starb 1837 
zu Miinchen. 

(Eine ausf uhrliche Studie uber die Grafin Marie Erdody wurde durch 
Alfr. Christ. Kalischer verOffentlicht in „Neue Zeitschrift fur Musik" 
1893 Nr. 35 ff. unter dem etwas sonderbaren Titel ,, Beethovens Beicht- 
vater". Sie ist dann unverandert abgedruckt in ,, Beethovens Frauen- 
kreis". Zusammenfassend Th.-R. II und III. — 1867 war bei 



Erlkonig — Ertmann 125 



Breitkopf & Hartel eine VerOffentlichung der Briefe Beethovens an 
Grafin Erdody von Alfr. Schone erschienen, die nun durch die neuen 
Briefverbffentlichungen liberholt ist. Otto Jahn hat sich in gerade- 
wegs gewaltsamer Weise einige Abschriften verschafft [siehe Th.-R. 
Ill, S. 508].) 

Erlkonig. Nicht nur Franz Schubert und J. K. G. Lowe haben 
Goethes „ Erlkonig" vertont. Auch von Beethoven gibt es eine Skizze 
zu einetn „Erlkonig", die aber unausgefiihrt blieb. Sie gehort der Ge- 
sellschaft der Musikfreunde in Wien und ist von Nottebohm studiert 
worden, der sie, wie ich meine, etwas zu fruh, namlich zwischen 1800 
und 1810, ansetzt („Beethoveniana" I, S. 100f.). In Naumanns „lllu- 
strierter Musikgeschichte" Heft 4 findet. sich ein Faksimile dieser 
Skizze. Ein anderes in J. J. Webers „ Illustrierter Zeitung" vom 
9. Dezember 1897 (Nr. 2841), wo die fremde Ausarbeitung der Skizze, 
die damals in J. Schuberth & Co., Musikverlag, Inhaber Felix Siegel, 
Leipzig, erschienen war, angepriesen wurde. Beethoven hat die Skizze 
nicht mehr vorgenommen. Vermutlich ist ihm Schuberts „Erlkbnig" 
zu Gesicht gekommen, oder wenigstens hat er von dem Enthusiasmus 
Kunde erhalten, mit dem das 1815 komponierte Lied am 25. Januar 
1821 in einem Konzert aufgenommen worden war. Wenige Wochen 
danach wurde der Schubertsche „Erlkonig" bei Diabelli gestochen. — 
Beethovens Ansatze sind zum Teil hochdramatisch, aber noch nicht 
ausgereift, und die neue Bearbeitung muB als unglucklich zuruck- 
gewiesen werden. 

Ernest, Therese, Fischhandlerin, wohl die letzte, bei der Beethoven 
noch einkaufen HeB. Im Passivstand der Abhandlung Beethovens 
kommt Frau Ernest vor mit kleinen Schuldforderungen fur Fogosch, 
Karpfen und Schaidn („Scharn" steht im Dokument). 

Eroica. Sinfonia eroica. (Siehe bei: Symphonien.) 

Ertmann, Dorothea (geb. hochstwahrscheinlich zu Offenbach bei 
Frankfurt a. M. 3. Mai 1781, gest. zu Wien 16. Marz 1849). Ausgezeich- 
nete Klavierspielerin, die besonders durch den verstandnisvolien Vor- 
trag der meisten Beethovenschen Klavierwerke beriihmt wurde. 
DarUber geben Reichardt, Schindler, W. C. MQller aus Bremen, Fel. 
Mendelssohn, Moscheles~TuicPa¥deFe AusKunffr'Trt" einem Geheirh- 
bericht (offenbar far¥eT^^ej£yo, m januar 1817 wlfO^erpbersTin 
Ertmann „die erste. K\av\esmrhta»mJ,£!MASn fr ^^a ] nnt L ,.die Diehs- 
tag bei Feldmarschall Bellegarde gespielt hat". („Osterreichische Rund- 
schau" 1. August 1917, S. 124.) Anfangs Schulerin des jungeren 
(W. K.) Rust in Wien (vgl. Erich Prieger, „Friedrich Wilhelm 
Rust, ein Vorganger Beethovens", 1894, S. 6), dann unmittelbare 



126 Ertmann 

Schiilerin Beethovens selbst, lebte sie sich so in die Weise des Meisters 
ein, daB dieser selbst von ihrem Vortrag hochst befriedigt war. Mit 
dem Madchennamen hieB sie Graumann. Sie war eine ;wohlhabende 
Fabrjkantentochter aus Offenbach und vermahlte sich 1798 zu Frank- 
furt a. M. mit Stefan TreiheTm -vrErtmann, k. k. Hauptmann. Dieser 
erreichte bald hohere Wiirden, Jebtejnit^einer Frau in wohlgestimmter 
Ehe seit 1798 lange Zeit in Wien. Etwa T8T8T<anTl>rlVacn Mailand, 
wb er'alsT^ldmaTsrlTalTeuTnant 1835 starb. (Die meisten Lebensdaten 
werden Herrn Hofrat v. Leber in Wien verdankt. Weiteres findet sich 
in meiner Studie uber Beethovens Cis-Moll-Sonate, die ich in Heft 6 
und 7 meiner ,,Beethovenforschung" veroffentlicht habe. Dort wird 
auch auf den Vortrag dieser Sonate durch die Ertmann eingegangen. 
Die Angaben bei Matilde Marchesi, ,,Erinnerungen aus meinem Leben" 
[1877], und ,,Aus meinem Leben" sind nur insofern zuverlassig, als sie 
durch bessere Nachrichten gestiitzt werden.) Als Baronin Ertmann 
ihren Sohn verloren hatte, trostete Beethoven sie ohne Worte, aber 
durch eine ergreifende freie Fantasie. In einem Briefe spricht Beet- 
hoven sie an als „Meine Hebe werthe Dorothea-Cacilia". Im Fruhling 
1824 war sie wieder in Wien, wo sie unter anderm mit Schindler (nicht 
offentlich) das groBe B-Dur-Trio spielte. In einem Gesprachsheft, 
das Kalischer im ,,Frauenkreis" benutzt hat, schreibt Schindler dem 
Meister auf: „Es wiirde Ihnen viele Freude machen, die Ertmann 
jetzt hOren zu konnen." 1825 oder schon 1826 erfahrt man aus einem 
anderen Gesprachsheft: ,,Die Ertmann ist jetzt nicht hier- — Ungarn — 
sie hat immer bei Zmeskal gespielt." Zur folgenden Bemerkung ist 
zu beachten, daB Zmeskal damals schon schwer gichtisch war. ,,Von 
Zmeskal hort und sieht man nichts mehr." Er wird also um jene Zeit 
auch nicht mehr mit Baronin Ertmann musiziert haben. Der General 
Ertmann kommt dann noch vor in den Gesprachen iiber die Folgen des 
versuchtenSelbstmordes, den man aus der Geschichte des Neffen kennt. 
— Allbekannt ist die Tatsache, daB Beethoven seine Klaviersonate 
Op. 101 inA-dur der Baronin Ertmann gewidmet hat.- — Ein Jugendbild- 
nis der Dorothea Graumann, eine Miniatur von eigentlich unbekannter 
Hand, wurde zuerst abgebildet als Beigabe zu Ludwig Nohls Aufsatz 
in „0ber Land und Meer" 1880 (44. Jahr Nr. 33). Spater folgten 
Abbildungen in meinem ,, Beethoven", in Fritz Volbachs „Beethoven" 
und in anderen Beethovenschriften. — Die Ruhestatte der Baronin 
wurde nach langem Suchen durch Moriz v. Kaiserfeld auf dem Wiener 
Alt-Wahringer Friedhof aufgefunden (vgl. ,,Tagespost", Graz 4. Juli 
1897). In neuester Zeit gab sich der Beethovenverehrer Rob. Franz 
Muller alle Miihe, bei der Auflassung des alten Wahringer Friedhofes 



Eskeles — Essen und Trinken 127 

die Gebeine der bertihmten Klavierspielerin im Denkmalhain des 
Zentralfriedhofes der Nachwelt zu erhalten. 

(Reichliche Literaturangaben in Frimmel, „Beethovenforschung" 
6. und 7. Heft. Sie werden an dieser Stelle nicht wiederholt.) 

Eskeles. Altes Wiener Bankhaus, schon 1773 gegrundet. Fur Beet- 
hovens Zeit kommt offenbar Daniel Bernhard v. Eskeles in Betracht, 
der reiche Kunstfreund, bei dem musikalische Gesellschaften gegeben 
wurden. Eine solche ist dargestellt von Jos. Danhauser auf einem 
Bild von 1841 (dazu Frimmel, ,,Lexikon der Wiener Gemaldesamm- 
lungen" I, S. 320). Sicher stand Beethoven mit diesem Eskeles schon 
1809 in Verbindung (Th.-R. Ill, S. 144). Spater ergab sich eine solche 
gelegentlich, wie 1809 in Geldangelegenheiten mit der GroBhandlungs- 
firma Arnstein & Eskeles. 1825, als man iiber die kiinftige Laufbahn 
des Neffen Karl nachdachte, wurde in Erwagung gezogen, ob der junge 
Mann nicht ins Kontor bei Eskeles eintreten solle. Schlesinger aus 
Berlin und namentlich die Komtesse Marie Eskeles, die beethoven- 
begeisterte Klavierspielerin, wollten in diesem Sinne wirken. Komtesse 
Eskeles hatte noch Gelegenheit, 1825 im Gasthaus „Zum wilden Mann" 
eine freie Fantasie Beethovens anzuhOren. Sie war davon sehr ent- 
ziickt. — Beethoven bat am 20. Mai 1826 den Verlag Schott brief lich, 
daB die Wechsel an Arnstein & Eskeles angewiesen werden sollen 
(Th.-R. V, nach Register). Komtesse Marie Eskeles, spatere Grafin 
v. Wimpfen, sandte an Beethoven ein Notenblatt mit dem Ersuchen, 
ihr einen Beitrag zu einem Album zu liefern. So erzahlte A. S., offen- 
bar Anton Schindler, in A. Schmidts „Allgemeiner Wiener Musik- 
zeitung" von 1843 (S. 589f.); „Beethoven komponierte eilf Takte zu 
dem Text ,Der edle Mensch sey hulfreich und gut', mit Anlehnung an 
Goethes Gedicht ,Das Gbttliche'. Doch hatte er das Albumblatt vier 
Monate lang leer gelassen, ehe er es ausfiillte und an die Comtesse be- 
forderte." Ein altes Faksimile befand sich bei Herrn Dr. Hans Volk- 
mann und wurde bei Kalischer verbummelt. (Siehe auch bei: Canones 
und: Lieder.) 

Essen und Trinken. (Siehe auch bei: Nahrung und: WeingenuB.) 
An eine strenge RegelmaBigkeit der Mahlzeiten war beim Meister in reif en 
Jahren nicht zu denken. Aus der Bonner und ersten Wiener Zeit ist 
freilich nichts Sicheres iiber diese Punkte bekannt. Doch nach 
dem, was man von der Lebensweise des Vaters erfahrt, laBt sich 
auf klostermaBige RegelmaBigkeit der Nahrungseinnahme nicht 
schlieBen, und das Naturell, das sich spater bei Beethoven so aus- 
gesprochen zeigt, deutet auf alles eher, als auf pedantisches Ein- 
halten der Stunden fur die Mahlzeiten. Schindler verallgemeinert 



128 Essen iind Trinken 



zu sehr, wenn er seine Beobachtung aus wenigen Jahren als bezeich- 
nende Ziige fur den Kiinstler hinstellt. Fur die Zeit von etwa 1812 
bis in die letzte Lebenszeit mag Schindler durchschnittlich recht be- 
halten. So bestatigt z. B. Starcke fur 1812 das KaffeeiriihstUck Beet- 
hovens, mit dem Schindlers Mitteilungen beginnen. Schindler sagt: 
,,Zum Friihstiick nahm er Kaffee, den er sich meist selbst in einer 
Glasmaschine bereitethat." Auch Starcke spricht vonderGlasmaschine. 
Einmal notiert er sich aus einer Zeitung eine besonders praktische 
Kaffeemaschine. Schindler fahrt fort: „Kaffee scheint sein unentbehr- 
lichstes Nahrungsmittel gewesen zu seyn, womit er denn auch so 
scrupolSs verfuhr, wie von den Orientalen bekannt. Sechzig Bohnen 
wurden fur eine Tasse gerechnet und oft abgezahlt, besonders wenn 
Gaste anwesend waren. Zu seinen Lieblingsgerichten gehorten Maca- 
roni mit Parmesankase. Diese muBten auBerordentlich schlecht ge- 
raten seyn, bis er selber sie schlecht fand, und daB sie bei der un- 
gewissen Stunde des Servierens" (ich hebe diese Bemerkung be- 
sonders hervor) „6fter schlecht als gut waren, laBt sich denken." 
Wenn dagegen andere Gerichte ihm nicht mundeten, wurde die Haus- 
halterin zur Rechenschaft gezogen, und gegen die GeschmacksauBerung 
Beethovens war Widerspruch untersagt. „Ihr Urtheil ilber die Suppe 
achte ich nicht im mindesten, sie ist schlecht." So bekam es Schind- 
ler zu hOren, als er anderer Meinung war. „Ferner gehorten alle Fisch- 
speisen zu seinen Lieblingsgerichten. Daher wurden Gaste meist am 
Freitag geladen, urn einen schweren Schill (Donaufisch, dem Schell- 
fisch ahnlich) mit Kartoffeln prasentieren zu konnen. Von einem 
Souper war selten die Rede. Ein Teller Suppe und etwas von den Resten 
des Mittags war alles, was er zu nehmen pflegte." „Sein Lieblings- 
getrank war frisches Brunnenwasser, das er zur Sommerzeit fast un- 
maBig zu sich nahm. Von Weinsorten war es der Ofener Gebirgswein, 
den er vorgezogen. Leider mundeten ihm am besten die verfalschten 
Weine, die in seinem geschwachten Unterleib viel Unheil angerichtet. 
Dagegen half kein Warnen. Diese Tatsache mochte wohl allein als 
starkstes Beweismittel gelten, daB Beethoven kein Trinker gewesen, 
als welcher er von seinem letzten Arzt hingestellt worden. — Auch 
liebte unser Meister ein gutes Glas Bier des Abends zu nehmen, wobei 
eine Pfeife Tabak und die Zeitungen Gesellschaft geleistet." Nach 
arztlichen Begriffen von Alkoholismus und Abstinenz muB diesen Aus- 
spriichen Schindlers widersprochen werden. Das Wesen des Alkoholis- 
mus besteht nicht in der ungewohnlichen Menge des genossenen Giftes, 
sondern im gewohnheitsgemaBen taglichen GenuB. Die Bevorzugung 
des Ofener Weines findet auch durch andere Berichte eine Bestatigung, 



Essen und Trinken 129 



doch liegt auch ein scheinbar widersprechender Bericht vor, wenn 
J. Sporchill 1823 mitteilt, daB ihm (Beethoven) ungarische Rotweine 
schaden. Nach Wahners Bericht zog er die ungarischen Weine den 
anderen vor. Sporchill "schrieb: „Sein Tisch ist einfach, aber gut be- 
stellt. Wildbret liebt er besonders, er halt es fur die gesundeste Nah- 
rung. Wein trinkt er maBig, gewohnlich nur roten osterreichischen, 
der ungarische wirkt nachteilig auf seine Gesundheit." Wir wollen 
solche Einzelbeobachtungen nicht verdachtigen, aber gewiB auch nicht 
verallgemeinern. Der Geschmack des Meisters mag gewechselt habeh. 
Unzweifelhaft ist es, daB Beethoven in seinen letzten Jahren sehr oft 
in den Weinstuben saB, z. B. bei Selig oder im „Kameel", wovon viele 
Gesprache in den Konversationsheften Zeugnis ablegen. Allerlei Fein- 
kost wurde genossen. Auch sonst spielt der Wein bei den Mahlzeiten 
seine Rolle, oder er diente sonst zur Erfrischung. AIs Beethoven 1814 
die Nacht hindurch an der „Fidelio"-Ouverture aus E-Dur gearbeitet 
hatte, fand ihn Treitschke des Morgens schlafend und neben ihm einen 
Becher Wein mit Zwieback darin. Gelegentlich gab es auch eine kleine 
Trunkenheit, wie nach dem Gastmahl mit Kuhlau. (Siehe bei: Kuhlau.) 
Im Briefwechsel mitZmeskall, mit Brunsvik, ist offers von Wein die Rede. 
Doch betont er hie und da auch wieder MaBigkeit und Sparsamkeit. 
1 823 wurde fur Beethoven ein iippiges Diner aufgetragen, als Edw. Schultz 
aus London mit dem Meister von Baden aus einen Ausflug ins Helenen- 
tal unternahm. Beethoven tadelte den Luxus und sagte unter anderm: 
„Der Mensch steht fiber anderen Tieren, wenn der Efitisch sein Haupt- 
vergniigen bildet." Schultz bemerkte auch, daB Beethoven Fische 
bevorzugte, und daB Forellen seine Lieblinge waren. Sogleich sei be- 
merkt, daB G. v. Breuning ebenfalls die Liebhaberei fur Fische als 
Eigenschaft Beethovens hervorhebt. Ahnlich so der Londoner Stumpf 
1824. Ein MiBverstandnis in Jahns „Notizen" nach den Erinnerungen 
von Carl Holz sei in diesem Zusammenhang erwahnt. Holz soil gesagt 
haben: „Er aB stark und substantias Frb'sche . . ." Vermutlich soil es 
heiBen Fische! — Als eine Lieblingsspeise aus seiner friiheren Zeit 
wird durch Seyfried weichgekochte Brotsuppe erwahnt, zu der zehn 
Eier bereit sein muBten. In spaterer Zeit ist von Kalbsbraten die 
Rede (durch Schlesinger junior und novellistisch durch Janin). 1820 
steht in einem Gesprachsheft „Es ist Wildschwein da fur Sie fl. 1,48 
vorztiglich". Lachner nennt 1822 als Lieblingsspeise Blutwurst mitKar- 
toffeln (genossen im Gasthaus „Zur Eiche"). Aus der Zeit der letzten 
Erkrankung erfahrt man durch die Gesprachsheftemanchesiiber die Kost 
Beethovens auf dem Krankenlager. Je nach dem Stand der Krankheit 
und nach der arztlichen Verordnung wechselte die Nahrung sehr. Eine 

Frlmmel, Beethovenhandbuch. I. 9 



& 



130 Esterhazy 

kurze Zeit hindurch erwies sich Punscheis als zweckmaBig. Man berat 
Uber den Speisenzettel : „Saftsuppe, Fleisch mit Sauce, Blaukohl mitKa- 
stanien. Wilde Ente" oder statt dieser ,,Haselhuhn, Duckente, Wasser- 
rohrhendl". Dann liest man auch: „Die Wiirste kOnnen nur gebraten 
werden." Es mag schwierig gewesen sein, fiir den Leidenden zweck- 
maBige Ernahrung zu beschaffen. Baron Pasqualati sandte 1827 in 
zuvorkommender Weise allerlei Kompotte und Weine, auch Cham- 
pagner. Moselweine waren in Wien nicht echt zu haben. Dr. Malfatti 
verordnete Gumpoldskirchner. Auch Eskeles sandten dem Leidenden 
Kompott. 

Im allgemeinen ware zu sagen, daB bei Beethoven immerhin Sinn 
fur gute Kost von kraf tiger Nahrhaftigkeit sehr deutlich wahrzunehmen 
ist, wie sich's annehmen laBt, angeerbt. In bezug aufs Trinken durfte, 
trotz Schindler, ein maBiger Alkoholismus nicht abzuleugnen sein. 
Und auch dieser ist als Erbschaft anzusehen. Beethovens Vater war 
ja doch ein unverkennbarer Trunkenbold. Wie in alien Dingen hat 
man sich vorzustellen, daB alles so gekommen ist, wie es eben muBte, 
und pharisaische Erorterungen mogen uns fernbleiben. — 

Esterhazy. Ungarische beriihmte, vielverzweigte Fiirstenfamilie, aus 
der in Beethovens Zeit besonders FCirst Nikolaus (geb. 1765, gest. 1833) 
hervorragt. Kunstfreund ersten Ranges, besonders als Gemalde- 
sammler (hiezu die reichliche Literatur iiber die Galerie im Museum 
der schOnen Kunste zu Budapest und den Abschnitt: Esterhazy in 
Frimmel, „Lexikon der Wiener Gemaldesammlungen", wo der unlieb- 
same Druckfehler zu berichtigen ist, als sei Furst Nikolaus 1714 ge- 
boren, statt 1765). Nikolaus Esterhazy, durch die Beziehungen Haydns 
zum furstlichen Hause allgemein als Musikfreund bekannt, gehort 
auch als zeitweiliger Fdrderer Beethovens in den Bereich dieses Hand- 
buchs. Schon 1795 ist Furst Nikolaus unter denen, die fur Beethovens 
Op. 1, die Trios, bei Artaria unterzeichneten. Er bezog drei Exemplare 
(vgl. Th.-R. I, S. 506). Furst Nikolaus hatte in Wien nach vielen 
Richtungen bedeutenden EinfluB, nicht zuletzt im Direktionskomitee 
der Hoftheater, dem er 1807 nach dem Riicktritt des Barons v. Braun 
angehOrte (Th.-R. Ill, S. 5). In jener Periode bestellte er bei Beet- 
hoven eine Messe. Es war im Spatwinter 1806. Beethoven durfte 
die Arbeit sofort begonnen haben, doch gab es Abhaltungen, Krank- 
heit, vielleicht eine kurze Badereise (nach Pistyan), einen Kuraufent- 
halt in Baden und noch in Heiligenstadt. Der Furst scheint nach der 
bestellten Messe gefragt zu haben. Denn Beethoven schreibt an ihn 
in diesem Sinne am 26. Juli 1807 und stellt in Aussicht, die Kompo- 
sition bis 20. August fertig zu haben. Darauf antwortet der Furst am 



Eybler 13 1 

9. August in der artigsten Weise. Das Konzept des Briefes ist erhalten. 
Die Messe wurde auch zu rechter Zeit fertiggestellt und in Eisenstadt, 
der Sommerresidenz des Fiirsten, probiert. Am 12. September bemerkt 
der Auftraggeber abfallig, daB sich von den ftinf Kontraaltisten vier 
bei der Probe gedrfickt hatten (Brief Esterhazys an den Vizekapell- 
meister Joh. Fuchs, mitgeteilt bei Th.-R. Ill, S. 36). Am 13. September 
war dieAuffiihrung, von der nach derschlechten, mitUnlustgeschehenen 
Vorbereitung anzunehmen ist, daft sie mangelhaft, verstandnislos war. 
Jedenfalls hatte man etwas im hergebrachten Stil mit einer oder 
mehreren Fugen erwartet, und die neue Offenbarung blieb unver- 
verstanden (siehe bei : Messen), auch von Esterhazy. Als man nach 
der Messe zusammenkam, hatte der Fiirst zum Meister gesagt: „Aber, 
lieber Beethoven, was haben Sie denn da wieder gemacht?" (Schindler, 
,, Beethoven", III. und IV. Aufl. I, S. 189). Diese wenig ermurrternde 
Frage, der wohl noch abfallige Einzelheiten folgten, wurde vom ersten 
Kapellmeister (es war Nep. Hummel) mit Lachen begleitet. Begreif- 
licherweise war Beethoven verletzt. Noch am selben Tag verlieB er 
Eisenstadt. Schon in Schindlers erster Auflage S. 78 ist die Angelegen- 
heit recht duster dargestellt, besonders in bezug auf Beethovens Er- 
bitterung noch jahrelang hinterher. Ein wenig milder die III. und 
IV. Aufl. S. 189f. Ich kann den Verdacht nicht unterdriicken, daB 
wohl der furstliche Kaplan Gelinek gegen Beethoven intrigiert hatte. 
(Siehe bei: Gelinek.) 

Esterhazys Einschatzung des Genies Beethoven war sicher nicht 
iiberspannt. Denn von 1808/9 taxierte er den Meister nicht hoher als 
guteSchauspieIer(vgl.C. F. Pohl,in den,,Grenzboten"von 1868 benutzt 
bei Th.-R. Ill, S. 84f.). 

Als Beethoven 1823 seine groBe Messe vollendet hatte, erging auf 
Artarias Veranlassung an den Fiirsten Nikolaus Esterhazy eine Ein- 
ladung zur Abnahme eines Exemplars der Abschrift. Beethoven schrieb 
dartiber an Schinder, daB ein guter Erfolg zweifelhaft sei, und zwar 
mit dem Beisatze, „da ich mich keiner guten Denkensart von ihm 
gegen mich versehe, wenigstens von den friiheren Zeiten zu schlieBen". 
Von einer Subskription war denn auch bei Esterhazy keine Rede (Th.-R. 
IV, S. 373). — Der Fiirstin Marie Esterhazy, geborenen Fiirstin 
Liechtenstein hatte Beethoven 1804 die drei vierhandigen Klavier- 
sonaten Op. 45 gewidmet. (Ober die Fiirstin vgl. A. Chr. Kalischer, 
„Beethovens Frauenkreis".) 

Eybler, Josef (geb. 1764 zu Schwechat bei Wien, gest. Schonbrunn 
1846). Bedeutender Musiker der Slteren Vor-Beethovenschen Kunst. 
Zu Beethovens Zeiten Chorleiter an mehreren Wiener Kirchen, auch an 



132 Faber — Fantasie 



der Hofkapelle. 1810 Musiklehrer bei Hof, dann 1824 nach dem RUck- 
trltt Salieris erster Hofkapellmeister. Da er ganz der alteren Schule 
angehOrte und keineswegs uber mittlere Intelligent hinaufragte, ist die 
Mitteilung Schindlers (II, S. 27) uber Eybler und Tayber hochst glaub- 
wurdig: „Mit Argusaugen bewachte jeder die Pforten zum Pallaste, 
damit ja kein anderer Musiker ihren kaiserlichen Eleven nahe komme, 
und es gltlckte ihnen, selbe vor schadlichen Einwirkungen zu bewahren. 
Diese Hof musiker standen beide fortan in der Vorderreihe der 
Beethovenschen Gegner und bei erstgenanntem (Tayber) verblieb 
es nicht ohne verletzende Ausfalle gegen den groBen Meister am Hofe." 
Wer die geschlossene Reihe der Wiener Kamarilla griindlich kennen 
gelernt hat, wird Schindlers Worte verstehen. Fur einen Beethoven 
war bei Hof nichts zu holen, solange Eybler dort im warmen Neste 
saB. Von personlichem Verkehr ist nichts bekannt, und wenn Eybler 
unter den Fackeltragern war, die Beethovens sterbliche Oberreste 
1827 begleitet haben, so sind daraus gewiB keine groBen Folgerungen 
zu Ziehen (siehe auch bei: Tayber). 

F. 

Faber, Oberst, um 1826 in der Militarakademie zu Wiener Neustadt. 
Wird als maBgebende Personlichkeit in der genannten Akademie ge- 
nannt im langen Brief Beethovens an Carl Holz vom 9. September 1826. 
(Dieser Brief befindet sich seit 1901 in der Wiener Stadtbibliothek. 
Erworben bei Qilhofer und Ranschburg in Wien. Die Wiedergabe bei 
Kalischer, „Briefe" Bd. V, ist ungenau und bringt nicht einmal die 
Anschrift an Holz, der damals in Baden wohnte, und zwar im Sauer- 
hof, Tdr 75.) 

Falstaff. Scherzname fiir Boldrini und Schuppanzigh. (Siehe bei 
diesen.) 

Fasch. (Siehe bei: Berlin.) 

Faust. (Siehe: Opernplane.) 
. Fantasie, freie. Zu den hervorstechenden Merkmalen des Beethoven- 
schen Wesens gehorte die wundervolle Gabe des freien Fantasierens. 
Wie schon die besonders schopferischen Geister unter den alteren Mu- 
sikern und einige aus den Nachgeborenen, so schuf Beethoven neue 
Gebilde ohne Vermittlung des'Notenpapiers und der Feder, nur durfte 
Beethoven zu den meist bewunderungswerten in dieser Gruppe von 
Ktinstlern gehort haben. Wenigstens behauptete Ries, das freie Fan- 
tasieren Beethovens sei „das AuBerordentlichste" gewesen, ,,was man 
horeh konnte, besonders wenn er gut gelaunt oder gereizt war. Alle 



Fantasie 133 



Kunstler, die ich je phantasieren horte, erreichten bei weitem nicht 
die Hohe, auf welcher Beethoven in diesem Zweige der Ausiibung 
stand. Der Reichtum der Ideen, die sich aufdrangen, die Launen, denen 
er sich hingab, die Verschiedenheit der Behandlung, die Schwierig- 
keiten, die sich darboten oder von ihm herbeigefiihrt wurden, waren 
unerschOpflich" („Notizen" S. 100). Ries fahrt fort, indem er einen 
besonderen Fall erzahlt: „Einst, als wir nach beendigter Lektion 
iiber Themas zu Fugen sprachen, ich am Klavier und er neben mir 
saB und ich das erste Fugenthema aus Grauns ,Tod Jesu' spielte, 
fing er an mit der linken Hand es nachzuspielen, brachte dann die 
rechte dazu und arbeitete es nun, oder die mindeste Unterbrechung, 
wohl eine halbe Stunde durch. Noch kann ich nicht begreifen, wie er 
es so lange in dieser hOchst unbequemen Stellung hat aushalten kOnnen. 
Seine Begeisterung machte ihn filr auBere Eindrilcke unempfindlich. 
Ries hat also, wie andere Beobachter, bemerkt, daB Beethovens Ver- 
sunkenheit ins musikalische Schaffen hochst auffallend war. Was 
Beethoven aber dann zustande brachte, erregte Staunen und Bewun- 
derung, schon in seiner Jugend. Der gestrenge Vater duldete nicht 
das Kratzen auf der Geige ohne Noten, und doch wurde er nachsichtig, 
wenn er den kleinen Ludwig hbrte. Im Fischerschen Manuskript liest 
man: ,,Er spielte einmal wieder nach seinem Sinne ohne Noten, da 
sagte sein Vater: horst du denn gar nicht auf nach all' meinem Sagen? 
Er spielte wieder und sagte zu seinem Vater: ist denn das nicht schOn? 
Da sagte sein Vater: das ist nun was anderes, allein aus deinem Kopf, 
dafiir bist du noch nicht da . . ." Also wenigstens eine vaterliche 
Ahnung von dem Improvisationstalent des Knaben, der nun vorlaufig 
allerdings nach Noten iiben muBte. Aber schon in verhaltnismaBig 
friihen Nachrichten vernimmt man fremde Stimmen iiber die freien 
Fantasien des jungen Beethoven. Noch als Knabe von etwa 12 Jahren 
auf der Orgel fantasierte er vor dem Credo iiber ein Thema aus diesem 
so iiberraschend, „daB man ihn langer als iiblig phantasieren lieB" 
(nach Maurers Aufzeichnungen aus Bonn, siehe bei Th.-R. und bei 
Kerst). — 1790 etwa war es, daB er zu Marienforst (bei Godesberg) 
auf der Orgel Themata, die ihm die Gesellschaft aufgab, zu variieren 
anting, so daB wir wahrhaft davon ergriffen wurden (nach Wurzer, 
„KSln. Ztg." 1838, Kerst I, S. 14). Sogar Mozart war iiber des Jungen 
freies Spiel erstaunt, und Kaplan Karl Ludwig Junker geriet geradeweg 
in Verziickung iiber den „beinahe unerschopflichen Reichtum seiner 
Ideen" beim freien Klavierspiel 1791 in Mergentheim. Junker setzte 
den jungen Musiker iiber den beriihmten Abt Vogler (nach Junkers 
altem Bericht). 



134 Fantasie 



Der Tonsetzer Joh. Schenck erzahlt dem Forscher Otto Jahn vieles 
iiber Beethoven, unter anderem audi, daB die freien Fantasien des 
jungen Meisters ganz auBerordentlich gewesen sind. Die bewunderns- 
werte Stufe der Vollkommenheit wird auch durch Abbe" Gelinek an- 
erkannt, trotz eigener Niederlage (siehe bei: Gelinek, Czernys Bericht). 
1798 horte Tomaschek den jungen Meister fantasieren. „Durch Beet- 
hovens groBartiges Spiel und vorzuglich durch die kuhne DurchfQhrung 
seiner Phantasie wurde mein Gemut auf eine ganz fremdartige Weise 
erschuttert; ja ich f White mich in meinem Innersten so tief gebeugt, 
daB ich mehrere Tage mein Klavier nicht berQhrte . . ." Bald danach 
sagte Freund Amenda am SchluB einer Beethovenschen Fantasie: ,,Es 
ist jammerschade, daB eine so herrliche Musik im Augenblick geboren 
und mit dem nachsten Augenblick verloren gent." Beethoven wider- 
sprach: „Da irrst du, ich kann jede extemporierte Fantasie wieder- 
holen", setzte sich hin und spielte sie ohne Abweichung noch einmal 
(Th.-R. II, siehe auch bei: Amenda). Die Wettkampfe mit Wolffl im 
freien Fantasieren sind ziemlich bekannt (dazu A. Trost, „Altwiener 
Kalender" fur 1918 und die daselbst angegebene Literatur). Carl 
Czerny hat den Meister oft fantasieren horen und danach vieles dariiber 
mitgeteilt, auch tiber die Formung seiner kunstvollen Eingebungen 
(Mitteilungen Czernys an Otto Jahn, mitgeteilt unter anderem bei 
Kerst I, S. 47ff.). Beim Grafen Fries fantasierte Beethoven den win- 
digen Virtuosen Steibelt nieder (siehe oben bei: Fries). 1804 horte 
J. B. Gansbacher den Meister fantasieren, er setzte aber sein Spiel 
hinter dem gelehrten des Abbe" Vogler, seines Lehrers, zuruck (nach 
dem handschriftlichen Tagebuch Gansbachers, siehe bei: Gansbacher). 

1805 war Pleyel aus Paris in Wien. In einem Konzert spielte Beet- 
hoven die angekiindigte Fantasie nicht. Aber am nachsten Tag 
spielte er groBartig vor Pleyel. Nach Czerny soil danach Pleyel dem 
Meister die Hande gekiiBt haben (Frimmel, ,,BeethovenstUdien" II, 
S. 254f., und „Beethovenhandbuch" bei: Pleyel). 

Johann Friedr. Nisle hatte 1808 das Gliick, Beethoven fantasieren 
zu horen. „DUstere Schwermut, Erhabenheit, tiefe Empfindung wech- 
selten offers, gleichsam alien Ernst verspottend, schnell mit des Mut- 
willens leicht scherzenden TSnen. Ein lebhaftes fugenartiges Allegro 
machte den BeschluB" (Kerst I, S. 128, nach der „ Berliner Allgemeinen 
Musikzeitung" von 1809, S. 72f.). Im Dezember 1808 fantasierte 
Beethoven vor Reichardt, der in hochstem Grad dadurch geruhrt wurde 
bis zu Tranen (siehe bei: Reichardt). 1809 fallt das wiederholte Im- 
provisieren vor dem Baron de Tremont, fiber das dieser nachtraglich 
schreibt: „Beethovens Improvisationen haben mir die vielleicht leb- 



Fantasie 135 

haftesten musikalischen Erregutigen in meinem Leben verursacht." 
Gelegentlich sagte Beethoven auch: ,,Es fallt mir nichts ein, lassen 
wir es diesmal." (Zuerst im „Mercure musical" 1906 nach einer Hand- 
schrift in der Pariser Bibliothek, dann bei Kerst I.) 1811 horte Varn- 
hagen von Ense in Teplitz Beethovens freie Fantasie. Eine geradewegs 
abgSttische Bewunderung wird von Varnhagen an Uhland mitgeteilt 
(vgl. Uhlands „Briefwechsel" I, S. 279, und das „Echo" 1886 Nr. 4). 

Das Spiel Beethovens vor Goethe 1812 in Teplitz und die kon- 
ventionelle Aufnahme durch den Dichter sind oft besprochen. 1812 
hatte Friedrich Starcke, der Militarkapellmeister, das Glttck, Beet- 
hoven mehrmals fantasieren zu horen. Ganz ausnahmsweise will- 
fahrte Beethoven dem Wunsche Starckes. Er fantasierte „in drei 
verschiedenen Stilen, erstens in gebundenem, zweitens in fugiertem, 
wo ein Thema mit 16telnoten gflttlich und auf die wunderbarste 
Weise durchgefiihrt wurde, und drittens im Kammerstil, worin Beet- 
hoven die groBten Schwierigkeiten mit seiner besonderen Laune zu 
verbinden wuBte" (nach Nohl, „Beethoven in der Schilderung seiner 
Zeitgenossen" S. 114f.). 

1812, als Beethoven beim Bruder Johann in Linz war, spielte er in 
einer Soiree bei Donhof, als sich die anderen Gaste zur Tafel gesetzt 
hatten, im Nebenzimmer „ungefahr eine Stunde", nach und nach 
stand alles auf, um sich dem Klavier zu nahern. ,,Nun fiel ihm erst 
ein, daB man ihn schon lange zum Speisen gerufen — er eilte vom 
Sessel ins Nebenzimmer (NB. wohl das EBzimmer), an der Tur stand 
ein Tisch mit Porzellangeschirr — er stieB aber an den Tisch so an, 
daB das Porzellan auf der Erde lag." (Nach der Erinnerung des horen- 
den und sehenden Zeugen Gloggl jun., siehe bei: Gloggl.) 

Als 1814 Treitschke -den Text des „Fidelio" umarbeitete, hatte er den 
gelungenen Gedanken, fur den halb verhungerten Florestan statt einer 
Bravourarie eine sanftere zu wahlen, „Und spur' ich nicht linde, 
sanft sauselnde Luft . . .". Der Text war eben fertig geworden, 
Treitschke reichte ihn dem Komponisten. „Er las — lief im Zimmer 
auf und ab, murmelte, brummte, wie er gew5hnlich, statt zu singen, 
tat — und riB das Fortepiano auf. Meine Frau hatte ihn oft vergeblich 
gebeten, zu spielen. Heute legte er den Text vor sich und begann 
wunderbare Fantasien, die leider kein Zaubermittel festhalten konnte. 
Die Stunden schwanden, aber Beethoven fantasierte fort." Das 
Musikstuck war tags darauf fertig. — 1818 horte Cyprian Potter 
durch die Tiir Beethovens Fantasien, die freilich nicht mehr tonrein 
waren. Der Meister ertaubte ja schon immer mehr. Als Beethoven 
dann heraustrat und Pottern erblickte, war er anfangs ungehalten. 



136 Fellner — Fidelio 



Denn er sagte: „Ich Hebe es nicht, daB irgend j em and mir zuhort." 

— So war es auch in anderen Fallen gewesen, z. B. in Dobling, wo 
er 1807 oder 1808 mit Grillparzers im selben Hause ubersommerte. 

- Es wurde schon angedeutet, daB Beethoven gewohnlich Oberhaupt 
nicht Klavier spielte, wenn er darum gebeten wurde. Man ersann 
allerlei Kniffe, um den Meister zu hintergehen und durch Tauschungeri 
ans Klavier zu bringen. So machten es Sir John Russel und sein Be- 
gleiter 1821, wie es auch ein andermal ein Begleiter Schnyders von 
Wartensee gemacht hatte (1812). (Russels Bericht bei Nohl, „Beet- 
hoven nach den Schilderungen seiner Zeitgenossen", wo in der Ober- 
setzung einer Stelle sich ein MiBverstandnis eingeschlichen hat: „Wenn 
er ] else spielt . . .", statt der alteren Lesung: ,,Wenn er . . . auf dem 
Piano forte spielt". Richtig bei Kerst I, S. 268). Russel beobachtete, 
nachdem Beethoven zum Klavierspielen gebracht war, das lebendige 
Mienenspiel des Meisters. Viel spater fantasierte Beethoven noch fur 
eineGesellschaftubereinThema, dasCastelli aufgab (siehe bei: Castelli), 
und ab und zu fur musikalische Besuche, wie z. B. fur Friedrich Wieck 
(Th.-R. V, Kerst II). Schindler (II, S. 191) beobachtete, daB 
Beethoven oft in der Abenddammerung zu Hause fantasierte, auf dem 
Flugel oder auch auf der Geige oder Viola. 

Noch 1825 fantasierte Beethoven im Gasthaus ,,Zum wilden Mann" 
im Prater vor Schlesinger aus Berlin und anderen, unter denen auch 
Fraulein Eskeles genannt wird (Th.-R. V). 

Fellner. (Siehe bei: Wlirth.) 

Felsburg, (Stainer von), Hofsekretar, iiberreichte 1824 gemeinsam 
mit Bihler die ehrenvolle Adresse vieler Musikfreunde (Th.-R. IV, 
S. 70). Siehe auch bei: Stainer. 

Fidelio, Beethovens einzige Oper. Ein Wunderwerk, wenigstens an 
dramatischer Kraft und stimmungsgem'aBer Klangfarbe im zweiten 
Akt. Die Entstehungsgeschichte des Ganzen ist verwickelter als die 
der meisten Opern von anderen bedeutenden Meistern. Denn der 
,, Fidelio" ist mehrmals stark umgearbeitet worden, ehe er die Gestalt 
fand, die man als die bleibende annehmen darf. Infolge der verhaltnis- 
maBig geringen Nachgiebigkeit des Meisters, den Anforderungen der 
Singstimmen entsprechend, hatte das Werk schon von Anfang an mit 
groBen Widerstanden zu kampfen, auch war anfangs ohne Zweifel die 
Anlage des ersten Aktes zu breit. — Bis 1803 war noch weder der 
Stoff, noch weniger ein Textbuch festgesetzt. 

Was Beethoven schon im Herbst 1803 bei Deym als Stiicke aus 
einer neuen eigenen Oper vorgespielt hat, lafit sich nicht uberprufen. 
Vielleicht waren es die ersten Anfange des „Fidelio". Fesselnd ist in 



Fidelio 137 

dieser Beziehung eine Briefstelle vom 20. November 1803. Charlotte 
Brunsvik, die jtingste der Schwestern (genannt Roxelane), schrieb da- 
mals liber Deym und einen Musikabend dort. Deym nahm fast jeden 
zweiten Tag Lektion bei Beethoven. Von diesem sagt sie (in dem 
elenden Franzosisch, das bei BrunsViks geschrieben wurde), „il 
compose un opgra et nous en a joue quelques pieces charmant" (He- 
vesi, „Les petites amies de Beethoven", S.49). Nach dem Vorstadium, 
daB Beethoven ein Libretto von Schikaneder komponiefen sollte, zu 
welchem Beethoven nur weniges s'kizzierte, entschloB sich der Meister 
bald, den wirksamen Text der „Leonore ou l'amour conjugal" von 
J. N. Bouilly zu wahlen, eine Verherrlichung treuer Gattenliebe. 
Dieser Stoff wurde, wenig verandert, deutsch bearbeitet, und zwar 
von Jos. v. Sonnleithner. Der franzOsische Urtext ist iiberaus selten 
geworden, aber nun dankenswerterweise durch Ad. Sandberger (,,Beet- 
hovenaufs'atze") 1924 vollstandig abgedruckt, wobei auch die vielen 
Obereinstimmungen angegeben wurden zwischen Bouillys und Jos. 
v. Sonnleithners Texten. DieMusikvon Gaveaux zu Bouillys Operntext 
scheint Beethoven bekannt geworden zu sein (hierzu Herm. Kretzsch- 
mer, „Geschichte der Oper" 1919) und mag auf Roccos Arie vom Gold 
etwas abgefarbt haben. Auf den EinfluB der H-Moll- Invention von 
Joh. Seb. Bach auf den „Fidelio" (II. Akt, Duett des Rocco und der 
Leonore) ist im Abschnitt: Anklange an altere Meister hingewiesen. 
Aus dem eigenen Werk des Ritterballetts hat der Meister einen ganzen 
Satz in den 2. Akt des „Fidelio" herubergenommen, und zwar Nr. 3 
zum zweiten Finale des , , Fidelio": ,,0 Gott, welch ein Augenblick". 
Vergl. Gal, „Die Stileigentumlichkeiten des jungen Beethoven". — 
Zum berUhmten Kanon „Mir ist so wunderbar",derfreilich eineGefUhls- 
ubereinstimmung der vier singenden Personen zum Ausdruck bringt, 
die psychologisch unhaltbar ist, moge man beachten, daB dieselbe 
Stimmung schon anklingt in der Sonnenfels-Sonate Op. 28 von 1801, 
und zwar im letzten Satz. 

(Mit Bouillys ,, Leonore" beschaftigte sich schon 1895 ein langer 
Auf satz von J. V. Widmann in Bern: „ Bouillys Leonore und der Text 
zu Beethovens Fidelio", ,, Deutsche Kunst- und Musikzeitung", heraus- 
gegeben von Ad. Robitschek XXII, Nr. 19 und 20, und dann 1906 
eine Studie von J. G. Prod'homme in Bd. VI der „Sammelbande der 
Intern ationalen Musikgesellschaft".) 

Beethoven erhielt durch den Auftrag von 1803, eine Oper furs 
Theater an der Wien zu schreiben, zugleich mit Abt Vogler freie Woh- 
nung im Theatergebaude und sollte zehn vom Hundert bei den zehn 
ersten Vorstellungen beziehen. In den Skizzen, die zuerst von Ludwig 



138 Fidelio 

Nohl, dann von G. Nottebohm und anderen studiert worden sind, 
trittdie„Leonore" 1803 auf mitten unterNotierungenzur3.Symphonie, 
auch schon zur 4., unter Skizzen zum Klavierkonzert in G-Dur, zum 
Tripelkonzert und zu anderem. Es war eine Zeit machtigen Schaffens, 
Suchens, Feilens und Formens. Was den Skizzen zu „Leonore" ent- 
nommen werden kann, weicht noch in vielem vOllig von dem ab, was 
spater in die Partitur kam. Otto Jahn, der die Entwicklungsgeschichte 
des „Fidelio" mit verstandnisvoller Emsigkeit studiert hatte, macht 
darauf aufmerksam, wie Beethoven von vielen Skizzen stets unter 
Ausscheidung des GewOhnlichen fur die schlieBliche Ausfiihrung das 
meist Passende heraussuchte. Von groBer Bedeutung ist das groBe 
Skizzenheft, beziehungsweise der aus mehreren Heften zusammen- 
getragene Band, den Nottebohm („Beethoveniana" II) eingehend be- 
sprochen hat. Es finden sich 10 bis sogar 18 verschiedene Skizzen fur 
denselben Text. — Die Reihenfolge der Arbeit an den einzelnen 
OpernstUcken aus den Skizzen herauslesen zu wollen,ist vorlaufig noch 
ein gewagtes Unternehmen. Es wurde behauptet, daB Beethoven 
mit dem zweiten Finale begonnen habe, wogegen andere wieder meinen, 
er hatte nach der Anordnung des Textbuches eine Nummer nach der 
anderen vorgenommen. Es fallt auf, daB die Arie „Komm, Hoffnung" 
in Sonnleithners Text gar nicht vorkommt, aber dennoch skizziert 
wurde (vgl. Th.-R. II, S.463ff.). 

Im Lauf des Jahres 1805 wurde der ganze Entwurf trotz mancher 
Storungen beendet und die Partitur wahrend des Sommeraufenthaltes 
festgelegt. Im Spatsommer begannen die Proben im Theater ftir eine 
beabsichtigte Erstauffilhrung am 30. September. Die Zensur meinte 
dareinreden zu mtissen, wie Glossy dies eingehend klargemacht hat 
(,,Archiv fflr Musikwissenschaft" 1920: ,,Beitrage zur Geschichte der 
Theater Wiens", und „Grillparzer-Jahrbuch*' Bd. XXV, S. 83 ff.). So 
gingdenndie„Leonore", jetzt schon „Fidelio" genannt, erst am 20. No- 
vember iiber die Buhne, nachdem Sonnleithner die Sache in die Wege 
geleitet hatte. Man kann sich kaum einen ungiinstigeren Zeitpunkt 
vorstellen fflr die Premiere einer ernsten Oper von tiefem musikalischen 
und ethischen Gehalt. Am 13. November war Wien von den Franzosen 
besetzt worden. Der Wiener Hof hatte die Flucht ergriffen. Im SchloB 
Schonbrunn schaltete und waltete Napoleon. Sicher gab esf iir die meisten 
damaligen GroBstadtbewohner Ernsteres zu bedenken und zu tun, als 
eine ErstauffUhrung zu horen, und zwar eines Werkes von Beethoven, 
dessen ,,Eroica"-Auffuhrung kurz vorher keinen groBen Erfolg gehabt 
hatte. So blieb denn bei den ersten Auff Ohrungen des „Fidelio" am 20., 
21. und 22. November das Theater fast leer. Zudem war aus ver- 



Fidelio 139 



schiedenen Grunden die Auffuhrung mangelhaft. Wahrend der Proben 
war viel gestritten worden, und es hat sich herausgestellt, daB die erste 
„Leonoren"-Ouverture zuriickgewiesen und daB bei der Erstauffiihrung 
schon eine zweite„Leonoren"-Ouvertiiregespielt wurde. Die mannlichen 
Rollen waren ungenugend besetzt. Sebastian Meyer erwies sich als 
zu schwach fur den Pizarro, Weinkopf als Don Fernando konnte in 
der kurzen Partie nicht zur Geltung kommen. CachS als Jacquino 
und Rothe als Rocco waren unbedeutend. Demmer als Florestan war 
seiner Aufgabe nicht gewachsen. Von den weiblichen Kraften war die 
Milder als Fidelio wohl ein hervorragendes Talent, aber noch nicht 
btihnengewandt genug, um durchzudringen. Luise Muller als Mar- 
celline scheint leidlich gesungen und gespielt zu haben. Obrigens 
hatten zur selben Zeit auch andere Opernunternehmungen desselben 
Theaters denselben MiBerfolg wie „Fidelio" (vgl. Th.-R. 1 1, S. 481). Zu- 
nachst gab es keine weiteren Auffuhrungen. Eine solche jedoch wurde 
fur 1806 vorbereitet, und zwar mit Veranderungen des Ganzen, die 
nicht unwesentlich waren. Der Gang der Handlung sollte beschleunigt 
werden. St. v. Breuning stutzte das Textbuch zu. Die beiden ersten 
Akte wurden in einen zusammengezogen, Das Es-Dur-Terzett Nr. 3, 
„Ein Mann ist bald genommen" und Duett Nr. 10, „Um in der Ehe 
froh zu leben" und Roccos Arie, „Hat man nicht auch Gold beineben" 
der ersten Fassung wurden unterdrtickt, und die Ouvertiire erfuhr 
eine neuerliche Umarbeitung, vielleicht sogar im Sinhe einer Kiirzung, 
entsprechend dem Bestreben, alles mehr zusammenzudrangen. (Die 
verschiedensten Ansichten sind iiber die Reihenfolge der „Leonore"- 
Ouverturen geauBert worden, wozu ich verweise auf Th.-R. II, S. 476, 
und die SchluBbemerkung.) Am 29. Marz 1806 war die Oper wieder 
aufgenommen worden. Der Erfolg war schon merklich befriedigender 
als im Herbst 1805, doch kam es bald zu einem Bruch mit Baron Braun 
(siehe Abschnitt: Braun), und Beethoven begehrte in hef tiger Weise 
die Partitur zuruck. ImMai 1809 wurde indes der ,, Fidelio" wieder 
einstudiert, doch unterblieb die Auffilhrung der unruhigen Zeiten 
wegen (anno 9!) Geusaus ,,Geschichte von Wien" (VI, S. 119) sagt 
zum 10. und 11. Mai: „FrUh war noch furs Burgtheater die deutsche 
Oper Leonore angeschlagen, spater ward aber der Zettel wieder ab- 
gerissen. Auch erschien keine Wiener Zeitung." Erst 1814 ging man 
ernstlich an die Wiederbelebung der Beethovenschen Oper. Beethoven 
notierte sich: ,,Die Oper Fidelio vom Marz bis 15. Mai neu ge- 
schrieben und verbessert" (Fischh. Hs.). Treitschke veranderte den 
Text, Beethoven verstand sich zu einigen Zugestandnissen und schrieb 
eine vierte Ouvertiire, es war die in E-dur, die nun freilich fur ihre 



140 Fidelio 

beabsichtigte erste Auffiihrung von 1814 nicht rechtzeitig fertig wurde, 
obwdhl der Meister die letzte Nacht in fieberhafter Arbeit bei der 
Sache war. Man muBte eine andere Ouvertiire von Beethoven ein- 
schieben. 1814 war der Erfolg der Oper, diese nun schon in dritter 
Fassung und mit neuer Besetzung (Th.-R. Ill, S. 426), schon unver- 
kennbar,nochmehrbeidenWiederauffiihrungenvonl822mitWiIhelmine 
Schrdd>r4als Fidelio (Th.-R. IV, S. 314f.). Und seither gehOrt der 
„Fidelio" zum bleibenden Posten im Spielplan aller groBen Opern. 
Schon 1815 am 4. September ging der „Fidelio" in Weimar fiber die 
Buhne, der auch spater dort mehrmals gegeben wurde (vgl. W. Bode, 
,,Die Tonkunst in Goethes Leben" II, S. 136). In Prag veranlaBte 
C. M. v. Weber eine Auffiihrung am 21. November 1814. (,,Ich habe 
den 21. Fidelio von Beethoven gegeben, der trefflich ging, es sind 
wahrhaft groBe Sachen in der Musik, aber sie verstehens nicht — man 
mochte des Teufels werden! Kasperl, das ist das wahre far sie." Nach 
L. Nohl, „Musikerbriefe" S. 243, Brief vom 1. Dezember 1814.) Uber 
die„Fidelio"-Partitur,die 1814 nach Praggesendetworden war, berichtet 
E. Rychnowsky in ..Deutsche Arbeit" Bd. VI, Heft 4, S» 270. Dazu 
auch Frimmel, ,,Beethovenjahrbuch" II, S. 359. In Berlin war die 
Oper durch Beethoven angeboten worden, am 11. Oktober 1815 war 
die erste Berliner Auffiihrung (siehe bei : Brtihl und vgl. „Die Musik" 
III. Bd., Heft 12, S. 433f.; „Allgemeine Musikzeitung", Leipzig 1815, 
XVII. Jahr, S. 398, 413, 429ff.; Bauerles „Theater-Zeitung" 1844, 
4. Mai Nr. 108; L. v. Sonnleithner, ,,Noch ein Wort iiber die Oper 
Fidelio"; Ludwig Geiger, ,, Clemens Brentano und Beethoven" in Bei- 
lage zur ,,Munchener allgem. Ztg." 29. Nov. 1890, und Ign. Schwarz in 
der Zeitschrift „Der Merker" Jahr III, Heft 3;. Kalischer, „Beethoven 
und Berlin", und Wilh. Widmann in ,, Deutsche Buhne", Berlin 3. Ja- 
nuar 1921). In Paris wurde der ,, Fidelio" erst nach Beethovens Tod, 
1829, den Musikfreunden vorgefuhrt (vgl. W. Lenz, ,, Beethoven, eine 
Kunststudie"; Schindler, ,, Beethoven in Paris", und die entsprechen- 
den Stellen in Schindlers ,,Beethovenbiographie" seit der zweiten Auf- 
lage; „Berliner Tageblatt", 29. Dezember 1898, Notiz „Beethoven in 
Paris"). 

Die Handlungdes „Fidelio" ist ausgeradezu ungezahltenTextbtichern 
und aus vielen Beethovenschriften so bekannt, daB sie nicht wieder 
erzahlt zu werden braucht. (Zur Entwicklungsgeschichte des Werkes 
wurde schon einige Literatur angedeutet, doch hebe ich hervor: Otto 
Jahn, „Vorwort zum vollstandigen Klavierauszug der zweiten Leonore 
[Leipzig 1851]; Ricordis „Beethovenalbum" S. 5ff.; Erich Prieger, 
„Vorrede zum Klavierauszug des [ersten] Fidelio" [1905], auch in einer 



Fidelio 141 

Sonderausgabe gedruckt [1906] und Max Chops Heft in der Universal- 
bibliothek Nr. 5124 vom Oktober 1909.) 

Die alten Stimmen aus den Musikzei.tungen sind verarbeitet bei 
Thayer, Deiters und Riemann. Immer wieder hat man nach den alten 
Btichern von Schindler, Seyfried, Wegeler-Ries und G. v. Breuning zu 
greifen. Beachtenswert Schindlers Brief an Schotts vom 29. Sep- 
tember 1827 und Rud. Bunge, , , Fidelio nach den personlichen 
Mitteilungen des Herrn Professors Jos. Rockel" in ,,Gartenlaube" 
1868, seither mehrmals nachgedruckt. 

Was Friedrich Treitschke uber „Fidelio" sagte, wurde zuerst be- 
nutzt bei Ludw. Nohl, ,, Beethoven nach den Schilderungen seiner Zeit- 
genossen" und danach noch von vielen anderen. Weniger beachtet 
A. Wendt in der „Allgemeinen Musikzeitung" (1815) und „Orpheus", 
musikal. Taschenbuch 1844, sowie Ad. Bauerles „Theater-Zeitung" 
von 1843 und 1844. — 

Das Partiturexemplar des „Fidelio" in Mitau vom 29. Juli 1816 ist 
besprochen bei L. Nohl, ,, Beethoven, Liszt und Wagner" (S. 107). — 
Im Laufe der jiingstenZeit: ,,Karlsruher Tageblatt", 5.Dezember 1920, 
Wilh. Zentner, „Zur Textgeschichte von Beethovens Fidelio", und 
Wilhelm Altmann, ,,Leonore oder Fidelio", in „Die Post", 1 1 . Dezember 
1920. Hermann W. v. Waltershausen, „Das Ethos im Fidelio", in 
„Munchener Neueste Nachrichten", 30. Oktober 1920. 

Neben den angedeuteten Schriften kommt die besondere Literatur 
uber die„Leonoren"-Ouverturenund deren Reihenfolge inBetracht, 
so Schindler I, S. 124ff., W. v. Lenz, „Kritischer Katalog" III. Teil, 
2. Periode, S. 151ff., Nottebohm, „Beethoveniana" I, S. 71, Albert 
Levinsohn in der ,,Allgemeinen musikalischen Zeitung" 1882Nr.50 
und derselbe in der ,,Vierteljahrsschrift fur Musikfreunde" IX, 1893. 
Alfr. Chr. Kalischer, ,,Die Anzahl der Leonore- (Fidelio-) Ouver- 
ttiren Beethovens", in Sonntagsbeilage der „Vossischen Zeitung" 
1890 Nr. 23 zu Nr. 261. Robert Schumann schrieb mehrmals 
uber die ,,Leonoren"-Ouverturen, wobei er an der alten Reihenfolge 
festhielt, wogegen Kreisig, der „Schumanns gesammelte Schriften" 
neu herausgegeben hat, folgende Reihenfolge einhalten will: Nr. 1 
sei 1807, Nr. 2 aber schon 1805, Nr. 3 1806 und Nr. 4 erst 1814 
entstanden. Die Entstehungszeit der E-Dur-Ouvertiire Nr. 4 ist ja 
nicht strittig. Ober die iibrige Reihe konnte man uneins werden. 
Verschiedene Musikfiihrer vertreten verschiedene Standpunkte. 1920 
erschien in der grofien Beethovennutnmer der „Miinchener Neuesten 
Nachrichten" (vom 30. Oktober) ein Aufsatz von Wilhelm Alt- 
mann, „Zu Beethovens Leonorenouvertiiren", desselben „Zu Beet* 



142 Finta 

hovens Fidelio und dessen Melusine" („Die Musik" Bd. Ill), und in 
neuester Zeit Arbeiten von Braunstein und Dr. Wilh. Lutge, die jetzt 
(Juni 1926) im Erscheinen begriffen sind. A. Schmitz, „Unbekannte 
Skizzen von Beethoven" (Bonn, Verein Beethovenhaus, 1924) S. 8. 

Finta. Vier jugendliche TOchter des ungarischen Obersten, dann 
Generalmajors Josef v. Finta (etwa 1734 — 1802) und seiner zweiten 
Gemahlin Elisabeth Grafin v. Brunsvik gehorten zum heiteren Kreise, 
der sich in Wien und auf den Brunsvikschen Schlossern urn 1800 zu- 
sammenfand. A. de Hevesi hat diese Gesellschaft, die von der alteren 
Literatur (ibersehen ist, in Beethovens Lebensgeschichte eingefiihrt 
(vgl. „Les petites amies de Beethoven", 1910). Dem Leben Jos. v. Fin- 
tas bin ich selbst nachgegangen. Ober ihn gibt zunachst der ,,0ster- 
reichische Militaralmanach" Auskunft. Seit 1790 kommt er in diesem 
Nachschlagebuch als Generalmajor vor. Er wohnte gegen 1800 in 
Wien. 1804 (nachschleppend) verschwindet er aus dem Almanach. 
Genauere Nachrichten wurden mir von Herrn Oberst Eberl im oster- 
reichischen Kriegsministerium in liebenswiirdiger Weise 1912 zur Ver- 
fiigung gestellt, und zwar aus dem Kriegsarchiv selbst, aus dem Haus-, 
Hot- und Staatsarchiv und dem Hofkammerarchiv. Danach ware 
Jos. v. Finta vermutlich zu KiG-Falud im Eisenburger Komitat urn 
1734 geboren. 1756 trat er („katholisch, ledig") als Kornet bei den 
Husaren ein. Dann wurde er rasch zu hoheren Stufen befordert. 1761 
heiratete er als Premierwachtmeister der ungarischen adeligen Leib- 
garde und (iberdies als Rittmeister eine ungarische Gutsbesitzers- 
tochter Eva Krajnik. Diese starb schon 1768 kinderlos. Bald erhielt 
Finta, damals schon Oberstleutnant, die Erlaubnis zu einer zweiten 
Ehe, und zwar zu der mit Grafin Elisabeth Brunsvik. Die Vermah- 
lung fand 1770 statt. Dieser Ehe entstammten funf Tochter, deren 
erste, 1772 geboren, schon 1787 starb. Die weiteren Tochter waren 
Antonia Vicentina, geb. 1773, Maria Josefa Anastasia Susanna, geb. 
1774, Maria Theresia Josefa Antonia, geb. 1777, und Beatrix Josefa 
Antonia, geb. 1778. 1790 erfolgte die Ernennung Fintas zum General- 
major, die mit der Versetzung in den Ruhestand zusammenfiel. Be- 
sondere Mittel scheinen nicht vorhanden gewesen zu sein, da 1795 
und 1796 Rechnungen eingeklagt wurden, und zwar vom Wiener Arzt 
Dr. Andreas Stift und vom Schneider Rogatsch. 1798 iibersiedelte 
Finta ins Eisenburger Komitat, 1802 verstarb er, wie es scheint, 
ebendort. Seine Witwe El. Grafin v. Brunsvik starb 1805, und so 
waren denn die vier TOchter doppelte Waisen. Weiteres war aus den 
Archiven nicht zu erfragen, aber die Brunsvikschen Familienpapiere 
geben manche Andeutung. So war man noch im Friihling 1802 gesell- 



Fische — Fischersche Handschrift 143 

schaftlich sehr anregend im nordungarischen Bad Pistyan (Postyen) 
mit Brunsviks (wohl auch mit Beethoven) zusammen. 1800 kamen 
sie vor im Kreise des kunstliebenden Grafen Jos. Brunsvik zu Korompa 
und Ofen (Hevesi a. a. 0., S. 23, 28, 41). Die Freudigkeit der Mad- 
chen mag bald gedampft worden sein durch das Ableben der Eltern 
und die Beschranktheit der Mittel. Den weiteren Schicksalen der 
Fintas wird an dieser Stelle nicht nachgegangen, da sie fur das Beet- 
hovenhandbuch nicht von Belang sind. 

Fische waren eine Lieblingsspeise des Meisters und werden gelegent- 
lich eigens erwahnt. Man kennt die Namen einiger Fischhandlerinnen, 
bei denen Beethoven zu kauf en pflegte (siehe bei : Jonas und : Therese 
Ernest). Ganz ausdrucklich bekennt er sich zur Fischliebhaberei dem 
Englander Stumpff gegenuber 1824 in Baden (Siehe oben S. 129). 

Fischenich, Bartolomaus Ludwig, Rechtsgelehrter. Aus dem Kreise 
Beethovenscher Bekannter in Bonn. Fischenich war zu seiner 
Studentenzeit in Jena mit Friedrich Schiller nahe bekannt und kam 
zu diesem ins Haus. (Schiller war im Sommer 1780 auBerordentlicher 
Professor an der Universitat Jena geworden.) Ein Brief Fischenichs 
an Charlotte Schiller vom 26. Januar 1793 nimmt auf Beethoven Be- 
zug. Fischenich schreibt: „Ich lege Ihnen eine Composition der 
Feuerfarbe bei und wtinschte Ihr Urtheil dariiber zu vernehmen. Sie 
ist von einem hiesigen jungen Mann, dessen musikalische Talente 
allgemein angeriihmt werden, und den nun der Churfttrst nach Wien 
zu Haydn geschickt hat. Er wird auch Schillers Freude, und zwar 
jede Strophe bearbeiten. Ich erwarte Etwas vollkommenes, denn so 
viel ich ihn kenne, ist er ganz fur das GroBe und Erhabene. Haydn 
hat hierher berichtet, er wurde ihm groBe Opern aufgeben und bald 
aufhbren miissen zu componieren. Sonst gibt er sich nicht mit solchen 
Kleinigkeiten ab, wie die Beilage ist, die er nur auf Ersuchen einer 
Dame verfertigt hat . . ." Charlotte antwortete am 11. Februar, also 
verhaltnismaBig bgld: „Die Komposition der Feuerfarbe ist sehr gut; 
ich verspreche mir viel von dem Kiinstler und freue mich, daB er die 
Freude komponiert . . ." Mit Beethoven kam Fischenich unter anderm 
zusammen im „Zehrgarten der Witwe Koch", deren Hauptgaste schon bei 
Wegeler(,,Notizen"S.57f.)aufgezahltsind. Fischenich war unter den an- 
gesehenenBesucherndesZehrgartens,wozuWegelereinschaltet„dernach- 
herige Staatsrath". (AuBer Wegeler auch Th.-R. I, S. 278, 30 Iff. und 
neuestens L. Schiedermair, „Der junge Beethoven" [1925] nach Register.) 

Fischersche Handschrift, gegenwartig im Besitz des Vereins Beet- 
hovenhaus zu Bonn. Reichhaltige, wichtige Quelle fur Beethovens 
Jugendzeit. Sie gibt die Erinnerungen an die Familie Beethoven 



144 Fischhoffsche Handschrift — Forster 

wieder, wie sie sich bei Cacilia Fischer (geb. 1762) und ihrem Bruder 
Gottfried (geb. 1780), den Kindern des Bonner Backermeisters 
Theodor Fischer, erhalten haben. Dem alten Backermeister gehorte 
jenes Haus in der Rheingasse, in welchem Beethovens jahrelang ge- 
wohnt haben, und das irrtiimlicherweise fur Beethovens Geburtshaus 
angesehen wurde. Gottfried Fischer begann seine Aufschreibungen 
1838, als der erste Anlauf zu ernster Beethovenforschung geschah, und 
als man von vielen Seiten in Fischers Haus nach den Erinnerungen 
an Beethoven fragte. — Die Fischerschen Aufschreibungen sind in 
der schlichten, unbeholfenen Weise eines ungebildeten, aber gewissen- 
haften Mannes gehalten. Sie sind wenig geordnet, bringen Wieder- 
holungen und viel Nebensachliches, enthalten aber wertvolle, zu- 
verlassige Anhaltspunkte, die zumeist durch spatere ausgedehnte 
Urkundenforschung ihre Bestatigung gefunden haben. (Bei Th.-R. 
Bd. I, Anhang VII, ist die Handschrift fast in Ganze wiedergegeben.) 

Sogenannt Fischhoffsche Handschrift der Berliner Bibliothek. Ist 
von einem oder mehreren Unbekannten gesammelt und vom Wiener 
Musiker Jos. Fischhoff zusammengestel.lt und enthalt tagebuchartige 
Notizen, Kopien nach Beethovenschen Aufschreibungen. Nach W. Alt- 
manns, „Die Musikabteilung der preuBischen Staatsbibliothek in 
Berlin" kam diese wertvolle Sammlung 1859 in die Konigl. Bibliothek 
nicht unmittelbar aus Fischhoffs NachlaB, sondern auf dem Umweg 
iiber den Berliner Musikalienhandler Julius Friedmann. (Vgl. „Zeit- 
schrift fur Musikwissenschaft" und Donaths „Kunstwanderer" 1920, 
sowie „Bibliotheca Beethoveniana", 2. Aufl., S. 69. Ausgentttzt be- 
sonders durch Ludwig Nohl in seinen verschiedenen Arbeiten iiber 
Beethoven, dann auch bei Th.-R. und in Alb. Leitzmann, ,, Beet- 
hovens personliche Aufzeichnungen", sowie in desselben „L. v. Beet- 
hoven" Bd. II.) 

Forster, Emanuel Aloys (geb. in Osterr.-Schlesien zu Niedersteina 
bei Glatz 1748, gest. zu Wien 12. November 1823). Bedeutender Mu- 
siker, bei dem der junge Beethoven bald nach seiner Ankunft in Wien 
oft verkehrte, und den er so sehr schatzte, daB er wiederholt junge 
Musiker an diesen Forster als Lehrer anwies. Der Beginn der Bekannt- 
schaft ist ins Haus des Fiirsten Lichnowski zu versetzen, wie sich das 
schon aus der Erwahnung Forsters bei Wegelers ,, Notizen" annehmen 
laBt. Bei Forsters wurde besonders das Quartettspiel gepfiegt, doch 
spielte der alte Forster auch Klavier, fur welches Instrument er auch 
komponierte. So schrieb er auch einen Beitrag fur Starkes „Wiener 
Pianoforte-Schule". Forster wurde auf Beethovens Anraten Lehrer 
des Grafen (spater Fiirsten) Andr. Cyr. Rasumowsky, wie der Sohn 



Forray — Forti 145 



noch dem Beethovenforscher Thayer mitteilen konnte (Th.-R. II, 
S. 184). Der Sohn erhielt durch Beethoven 1802 einigen Unterricht. 
Die Tochter heiratete einen Conte Contin de Castel-Seprio, meines 
Wissens einen Kunstfreund aits Venedig, wodurch FOrstersche Hand- 
schriften in die Lagunenstadt gekommen sind. (FOrster und dessen 
Musikleistungen werden in neuerer Zeit mehr als friiher beachtet, wie 
aus folgenden Schriften hervorgeht, von denen zwei von der Inter- 
nationalen Musikgesellschaft verSffentlicht wurden, und zwar Karl 
Weigl, „E. A. Forster" im VI. Jahrgang der „Sammelbande" und ein 
Aufsatz von Fr. Ludwig im X. Jahrgang der „Zeitschrift". Zu nennen 
auch Dr. Hans Jos. Wedig in Bd. II der „Ver6ffentIichungen des Beet- 
hovenhauses in Bonn", 1922, S. 9.) Die „Erinnerungen" des kleinen 
FSrster sind erwahnenswert. Danach mu6 Beethoven aus seiner Woh- 
nung im tiefen Graben verhaltnismaBig bald in ein Haus auf dem 
Petersplatz gezogen sein. Im Stockwerk liber Beethovens Wohnung 
waren FOrsters eingemietet, und der kaum sechsjahrige junge FSrster 
muBte oft um 6 Uhr morgens aufstehen und die kalten Stufen zu Beet- 
hovens Wohnung hinabgehen. Der Unterricht sei aus freien Stiicken 
erteilt worden. Beethoven hat den Kleinen auf die Finger geschlagen 
{Th.-R. II, S. 338). Nach den Erinnerungen des jungen FOrster hat 
Beethoven im zweiten Stock jenes Hauses auf dem Petersplatz ge- 
wohnt. (Siehe bei: Lichnowski und: Starke.) 

Forray, Freiherr v. (siehe bei: Brunsvik). 

Forti, Anton, Hofopernsanger (geb. Wien 1790, gest. ebendort 1859). 
War anfangs Violinspieler, dann Kammersanger beim Fiirsten Ester- 
hazy in Eisenstadt, schlieBIich in Wien an der Hofoper (C. v. Wurz- 
bach, „Biogr. Lexikon" Bd. IV und XI). Forti und dessen Frau ge- 
horten zu Beethovens personlichen Bekannten. Er sang wiederholt den 
Pizarro im „Fidelio", auch den Filhrer des Volkes in der Kantate: „Der 
glorreiche Augenblick'V Den Pizarro sang er 1814 und 1822. Fur 
dieselbe Rolle war er auch 1824 vorgeschlagen. Aus Tomascheks Mit- 
teilungen geht hervor, daB er mit Beethoven in einem ungenannten 
Weinhause tiber eine fremde Oper, ,,Die beiden Kalifen", sprach, in 
welcher Forti und Weinmiiller gesungen hatten. Ein Blattchen Beet- 
Jiovens an Forti, das offenbar eine Sendung des Klavierauszugs aus 
„Fidelio" begleitete, ist bei Kalischer in der Berliner Gesamtausgabe 
der Briefe gedruckt. 1823 hat Forti Kenntnis genommen von Grill- 
parzers Text zur „Melusine". — Ein Bildnis Fortis, und zwar der Stein- 
-druck von Lanzedelli, war 1920 im Wiener Rathaus ausgestellt. 

(Vgl. Tomaschek in „Libussa", siehe bei: Tomaschek, Th.-R. Ill, 
S.436f„ 455, 462; IV S.314f.; V S. 86, 89. Manches in den Musik- 

Frimmel, Beethovcnhandbuch. I. 10 



146 Frank — Franz I. 



lexika, z. B. bei Mendel und ReiBmann, bei Riemann. Eine Erwahnung 
in einem Gesprachsheft von 1820. Walter Nohl, „Konv.-Hefte" I, 
S. 167.) 

Frank (Franck) (siehe bei: Gerhardi). 

Franz I., Kaiser von Osterreich (geb. 1768 zu Florenz, gest. 1835 zu 
Wien, Sohn Kaiser Leopolds II.). Zur Zeit, als Beethoven in Wien 
lebte, also Herbst 1792 bis 26. Marz 1827, war der Kaiser, obwohl iiber- 
aus musikliebend und selbst musikalisch, durch politische Angelegen- 
heiten ungemein beschaftigt. 1798 war er in dem Konzert, in welchem 
Haydns „7 Worte" und eine Eyblersche Symphonie aufgefuhrt wurden. 
Beethovens Quintett Op. 16 war auch auf dem Programm, und der 
Kaiser mag auf Beethoven damals aufmerksam geworden sein. Jeden- 
falls aber erfuhr er von Beethovens Wirken schon friih durch seine 
zweite Gattin Maria Theresia. Dieser Kaiserin ist ja das Septett 
Op. 20 gewidmet, das sofort beliebt und bald bertthmt wurde. 
Maria Theresia starb am 13. April 1807. Ein freundliches Einwirkert 
der Kaiserin ist wohl auch in der Zensurangelegenheit des „Fidelio"- 
zu bemerken. Zur dritten Gemahlin des Kaisers Franz, zu Maria 
Ludovica, scheinen keine besonderen Beziehungen sich ergebert 
zu haben, und Kalischer, der von den genannten Kaiserinnen han- 
delte (im „Frauenkreis"), scheint dabei seine Goethewalze mit der 
Beethovenwalze verwechselt zu haben. Spricht er doch ausfuhrlich 
(iber die Verehrung dieser Kaiserin durch Goethe (sie ist iibrigens 
manniglich bekannt), ohne etwas Brauchbares iiber Beethoven zu- 
tage zu fordern. Ware es nicht auch unwahrscheinlich, daB nach einer 
Szene, wie sie von Bettina 1812 dem Fursten PQckler Muskau berichtet 
wurde, der Kern der Sache ist ja doch nicht anzufechten, namlich 
nach einer auffallenden Unart Beethovens dem osterreichischen Hof 
gegenfiber, sich eine besonders enge Beziehung Beethovens zur Kaiserin 
Maria Ludovica oder gar zu Kaiser Franz entwickelt hatte (bei Th.-R. 
nahezu im ganzen III. Bd. sind die beiden Kaiserinnen vermengt). 
Maria Ludovica starb am 7. April 1816 zu Verona. (Siehe den Ab- 
schnitt: Maria Ludovica.) Zur Zeit des Wiener Kongresses muBten 
dem Kaiser Beethovens Riesenerfolge in den groBen Konzerten 
auffallen. Doch gingen irgendwelche Verstandigungen durch die 
Hande des Erzherzogs Rudolf. So muB man denn daran fest- 
halten, daB sich die beiden zwar gekannt haben miissen, daB aber 
von personlichen Beziehungen keine Rede sein kann, am allerwenigsten 
von freundlichen. Man beachte doch, was Baron deTrSmont 1809- 
iiber dieses Verhaltnis vernahm. „Am osterreichischen Kaiserhofe 
gait Beethoven fur einen ausgesprochenen Republikaner. Der Hof 



Franzensbad — Frauen 147 

protegierte ihn durchaus nicht, wohnte vielmehr niemals der Auf- 
ftihrung irgendeines seiner Werke bei. Wenn diese AuBerung auch 
nicht wortlich zu nehmen ist, so weiB man doch nach ahnlichen Fallen, 
daB der damalige Vater des Vaterlandes die ,Republikaner' am 
liebsten auf den Spiegelberg nach Brtinn bringen lieB. Kaiser Franz 
lieB sich gelegentlich einen Geheimbericht iiber Beethovens Verhaltnisse 
vorlegen. Davon ist mehreres aus der KongreBzeit bekannt. Am 
20. Juni 1820 wurde ein solcher Bericht durch Sedlnitzky dem Kaiser 
vorgelegt. Es handelte sich um den Neffen, der damals bei Blochlinger 
erzogen wurde" (,,N.fr. Presse" 25.Dezember 1907). Dann kamnochdie 
gut beglaubigte Begebenheit von der taunassen Wiese bei der Weil- 
burg in Baden, wo Beethovens schroffer Unabhangigkeitssinn wieder zu 
einer Flegelei ausartete. (Die kaiserliche Familie muBte ins nasse Gras 
treten, um dem Komponisten auszuweichen, der sich keineswegs be- 
wuBt war, daB nicht er, sondern der Kaiser Eigentumer der Wiese 
war.) Wen soil es da wundernehmen, daB von ,,oben" her keinerlei 
Freundlichkeiten an Beethoven verabreicht wurden? (Von Bedeutung 
sind Schindlers Mitteilungen [II, S. 26f.]. Vgl. auch Fournier, „Die 
Geheimpolizei auf dem Wiener KongreB" [1913]. Sicher sind viele 
republikanische AuBerungen Beethovens in den Gesprachsheften vom 
vorsichtigen Schindler vernichtet worden. In der Odyssee strich Beet- 
hoven dreimal an: da sonst der Machtigen Brauch ist, daB sie 

einige Menschen verfolgen und andere hervorziehen . . ." MuB man 
da nicht an den Kaiser Franz denken?) 

Franzensbad (Franzensbrunn). Dorthin ging Beethoven von Teplitz 
aus 1812 vortibergehend zur Kur. („Beethovenforschung" 1925, Lie- 
ferung X und die dort genannten Schriften.) 

Frauen. EigentUmlich, wie der ganze Mann, ist sein Verhaltnis zum 
weiblichen Geschlecht. Als Jungling und noch das Mannesalter hin- 
durch war er leicht entflammt und dies sogar heftig, auch wenn er 
sich's nicht merken lieB. Aber eine tiefgehende Nejgung von langer 
Dauer ist niemals nachzuweisen. Der Ausspruch in den Notizen von 
Wegeler & Ries (S. 42), „Beethoven war nie ohne eine Liebe und 
meistens von ihr in hohem Grade ergriffen", traf offenbar den Nagel 
auf den Kopf. „In Wien" (so sagte Wegeler), „wenigstens solange 
ich da lebte, war Beethoven immer in Liebesverhaltnissen und hatte 
mitunter Eroberungen gemacht, die manchem Adonis, wo nicht un- 
moglich, doch sehr schwer geworden waren." In jener Zeit waren 
nach Wegeler die angebeteten Damen meist hbheren Ranges. Nach 
Otto Jahn erzahlten dasselbe auch andere ehemalige Freunde Beet- 
hovens, z. B. Dr. Bertolini: „ Beethoven hatte gewOhnlich eine Flamme: 

10* 



148 Frauen 

die Guicciardi, Frau v. Frank, Bettine Brentano." Er sei namentlich 
fur die Reize anmutiger, aber schwachlicher Frauen nicht unempfang- 
lich gewesen. Der alte Freund Dolezalek auBerte sich in demselben 
Sinne und ftigte hinzu, daB man Beethoven „nie anmerkte, wenn er 
verliebt war". Die angedeuteten Verhaltnisse waren gewiB nicht alle 
gleichwertig aufzufassen. Manche, die in den „Frauenkreis" Beet- 
hovens aufgenommen sind, scheiden entweder aus oder bleiben als 
unsichere Behauptungen in der Forschung zurilck. Beachtenswert ist 
Wegelers Mitteilung („Notizen" S. 42): „Seine und Stephan v. Breu- 
nings erste Liebe war Fraulein Jeanette d'Honrath aus Koln . . ., 
die oft einige Wochen in der v. Breuningschen Familie in Bonn zu- 
brachte. Sie war eine schone, lebhafte Blondine, von gefalliger Bildurig 
und freundlicher Gesinnung, welche viele Freude an Musik und eine 
angenehme Stimme hatte. So neckte sie unsern Freund mehrmals 
durch den Vortrag eines damals bekannten Liedes: 

Mich heute noch von dir zu trennen, 
Und dieses nicht verhindern konnen, 
Ist zu empfindlich fur mein Herz! 

Denn der begtinstigte Nebenbuhler war der dsterreichische Werbe- 
hauptmann in KOln, Carl Greth, welcher die d'Honrath heiratete und 
als Feldmarschall-Lieutnant, Inhaber des Infanterie-Regiments Nr. 23, 
Commandant von Temesvar etc., den 15. Oktober 1827 starb." 
Wegeler fahrt fort: „Darauf folgte die liebevollste Zuneigung zu einer 
schonen und artigen Fraulein v. W., von welcher Werther-Liebe Bern- 
hard Romberg mir vor drei Jahren noch Anekdoten erzahlte." Diese 
junge Dame war Fraulein v. Westerholt. Weniger ins Fach der Liebe 
als in das der Freundschaft gehort das Verhaltnis zu Eleonore v. Breu- 
ning, der Schwester Steffens. Neuestens hat L. Schiedermair in dem 
Buch „Der junge Beethoven" wertvolle Mitteilungen iiber Eleonore 
v. Breuning veroffentlicht. Die Liebe zu Babette Koch, der lieb- 
reizenden Tochter von „Wittib Koch" im Zehrgarten zu Bonn, blieb 
von weiblicher Seite unerwidert (siehe bei:Koch), und Magdalena Will- 
mann, um deren Hand er spater in Wien anhielt, gab ihm einen Korb. 
Wie in den fruheren Fallen trostete er sich bald. Das Werthertum, 
auf das Wegeler anspielte, war also der Natur Beethovens nicht an- 
gemessen. Man darf sich den jungen Meister nicht entfernt als schmach- 
tenden Liebhaber vorstellen, der ganz in seiner Schwarmerei fur eine 
Einzige aufging, vielmehr als einen anfallsweise Begeisterten, der bald 
durch Geist, noch mehr aber durch wohlgeformte Korper, weibliche 
Anmut und Jugend angeregt wurde, durch „Schonheit", wie sich die 



Frauen 149 

Zeitgenossen und noch viele andere bis heute ausdrticken. Dabei 
mttssen wir uns freilich gegenwartig halten, daB die „Schonheit" kein 
Merkmal des Objekts sein kann, sondern lediglich gefiihlsmaBig im 
Beschauer oder Beobachter ausgelSst wird. Man weiB es heute, wie 
grundverschieden die Ausspriiche verschiedener Beobachter desselben 
Objektes sind (vgl. Frimmel, ,,Zur Kunstphilosophie" 1909). Wer 
kann es wissen, wie anderen das ,,liebe, zauberische Madchen" vor- 
gekommen ist, von dem Beethoven urn 1800 an Wegeler schrieb. 
Nach langer Trtibsal hatte er diesem Madchen „wieder einige selige 
Augenblicke" zu verdanken gehabt. Es ist keineswegs sicher, wer 
dieses Madchen war. Indes laBt sich nach anderen Fallen sicherer 
Art behaupten, daB eine gewisse Wohlgeformtheit, RegelmaBigkeit 
des Korperbaues dem Meister sympathisch war, nicht nur bei Frauen, 
sondern auch bei Mannern. Er stand vom Tisch auf, wo sich ein Gast 
mit Gesichtsztigen niedergelassen hatte, die ihm garstig vorkamen. 
Boldrini und Schuppanzigh in ihrer auffallenden Beleibtheit bildeten 
die fortwahrenden Zielscheiben des Beethovenschen Spottes. Am 
18. Marz 1809 schrieb Beethoven an den Freund Gleichenstein, er 
moge ihm in Freiburg eine Frau suchen, „Schon aber muB sie seyn, 
nichts als schOnes, kann ich nicht lieben, sonst muBte ich mich selbst 
lieben . . .". Es ist ja klar, was Beethoven meint, trotz der gewohnten 
fliichtigen, unklaren Ausdrucksweise. Beethoven war eine sinnlich 
angelegte Natur, und Thayer hat hieriiber die richtigen Andeutungen 
gemacht (schon in der ersten Auflage seines ,, Beethoven"). Seyfried 
(Anhang S. 13) behauptet: Beethoven war „nie in einem Liebes- 
verhaltnis". Das muB ein MiBverstandnis sein, oder der Bericht- 
erstatter meint wohl: Beethoven habe nie in einem Konkubinat ge- 
lebt, denn die Stelle beginnt so: „Beethoven war nie verheiratet." 
Das ist ja sicher, aber noch sehr weit entfernt von der geradewegs 
heiligen Keuschheit, die dem Meister von Alois WeiBenbach und ande- 
ren, auch von J. Sporschill, angedichtet wird. Die Gesprachshefte be- 
lehren uns dariiber, was man von dieser Keuschheit zu halten hat. 
Als die Menschlichkeit Beethovens in den Dingen der Liebe nach und 
nach bekannt geworden war, auBerte Joh. Brahms einmal (mir gegen- 
iiber gesprachsweise), wie er sich nunmehr weniger an den Menschen 
Beethoven halte als an den Musiker, seitdem er tiefer in Beethovens 
Leben eingedrungen sei. Und es ist in der Tat wohl das beste, die 
hohe Begeisterung Beethovens fur die Kunst und sein bewunderungs- 
wtirdiges Schaffen und KOnnen von seinem menschlichen Treiben- 
gesondert zu betrachten. Beide gehen aber untrennbar nebeneinander 
und haben sich gewiB gegenseitig beeinfluBt, auch wenn nur groBe 



150 Frauen. 

Zusammenhange erkennbar sind. So haben z. B. Frauen, die im 
Sinne des Beethovenschen Geschmackes ,,schon" waren, sicher an- 
regend auf das kilnstlerische Schaffen gewirkt. Die Widmungen vieler 
Werke geben daftir genUgende Andeutungen, ja Beweise ab, so dunkel 
auch oft die psychologischen Zusammenhange sein mogen. In die 
Furstin Odeschalchi (Anna Luise Babette, geborene Komtesse Kegle- 
vich) war Beethoven, wenn Czerny recht behalt, ernstlich verliebt, 
und dieser Dame sind hervorragende Kompositionen gewidmet, dar- 
unter die Klaviersonate Op. 7. Diese Sonate soil auch eine Zeitlang 
,,die verliebte" geheiBen haben. An das- Klavierkonzert Op. 15 und 
an die beruhmten Variationen Op. 34 sei erinnert. Jedenfalls ging 
auch die Leidenschaft fur die „Unsterbliche Geliebte", diese mag ge- 
heiBen haben wie sie will, ziemlich tief. Aber durchschnittlich be- 
ruhigten sich die Liebeswellen des Meisters verhaltnismaBig rasch, ob 
man nun an Giulietta Guicciardi, an Josephine oder an Therese Bruns- 
vik denkt, oder gar an eine sonstige Dame aus diesem Kreise. Das 
verliebte Zwischenspiel mit Therese Malfatti dauerte nicht lange. 
Was Bettina iiber Beethovens Leidenschaft zu ihr selbst mitgeteilt 
hat, bestand sicher mehr in Bettinens Einbildung als in Beethovens 
Fiihlen. Diese Leidenschaft war sicher bedeutend ktthler als die filr 
die Grafin Erdo'dy und Baronin Ertmann (den meisten der genannten 
Frauengestalten sind einzelne Abschnitte des Handbuchs gewidmet). 
Den hochstehenden Damen, drei Kaiserinnen, mehreren Furstinnen, 
Grafinnen gegentiber erzeigte Beethoven sich kiihler als den Frauen 
gleichen Ranges. Niemals aber war er unterwurfig, auch wenn die 
Widmungen vieler Werke etwas devot aussehen. Die Verleger mogen 
dabei auch ein Wort mitgesprochen haben. Die Furstin Christiane 
Lichnowski (eine geborene Grafin Thun) war nach Schindlers Mit- 
teilung dem jungen Meister eine „zweite Mutter" und hat jedenfalls 
in der Zeit etwa von 1800—1805 groBe Bedeutung fiir Beethovens 
Privatleben. Ihr sind, nebenbei bemerkt, gewidmet die Cellovariationen 
ilber das erhabene Handelsche Thema aus „Judas Maccabaus" und der 
Klavierauszug aus der „Prometheus"-Musik. (Die Bungeschen Phan- 
tastereien iiber die Furstin aus „Gartenlaube" 1868, S. 60 1 ff . bleiben 
hier beiseite.) Als Geschenk von der Furstin hat Beethoven eine wert- 
volle Standuhr erhalten, die man noch jetzt im Bonner Beethoven- 
museum findet. Die Mutter der Furstin Lichnowski, Grafin Marie 
Wilhelmine v. Thun (geb. Grafin v. Ulf eld), hatte ihre personliche 
Liebenswiirdigkeit und das Musiktalent an die Tochter vererbt. Nach 
der Erinnerung der Frau v. Kissow, geb. Bernhard, soil die Grafin 
den jungen Meister einmal kniefallig gebeten haben, Klavier zu spielen. 



Freeh — Freimaurerei 151 



Wenn er auch nicht willfahrt hat, so widmete er der Dame doch das 
friihe B-Dur-Trio Op. 11 (von 1798). 

Zu erwahnen ist noch folgendes: Bei aller leichten Lebensauffassung 
in den angedeuteten Fragen hatte Beethoven stets eine bestimmte 
Achtung vor fremden ehelichen Verhaltnissen. — Auch wenn er bis 
ins Gebiet der Frivolitat gelegentlich zu scherzen beliebte — die Ge- 
sprachshefte sind daftir von besonderem Belang — , bleibt doch immer 
eine gewisse Moralitat erhalten. Die sonderbaren Schwagerinnen, die 
Gemahlinnen des Bruders Karl und Johann, vermogen ihm nur Un- 
willen und Verachtung wachzurufen; nicht, daB er sich je auf ihre 
Stufe herabgelassen hatte. Und was nicht zuletzt festzustellen ist, 
bleibt die Tatsache, daB Beethoven niemals durch Liebe und Liebe- 
leien seiner edlen Kunst auf lange entfremdet worden ware. 

(Beethovens Verhaltnis zu den Frauen hat oftmals zu feuilletoni- 
stischen Versuchen AnlaB gegeben. Viel wichtiger als diese sind die 
quellenmaBig belegten Erorterungen bei Thayer, besonders Th.-R. I 
passim, II, S. 132ff. und 298ff. Ferner L. Nohl, „Eine stille Liebe zu 
Beethoven". La Mara, „Klassisches und Romantisches" ist ein Buch, 
das mit groBer Vorsicht zu genieBen und groBtenteils uberholt ist. 
A. Chr. Kalischer verbffentlichte 1892 viele einschlagige, zum Teil ein- 
gehende Studien in der „Neuen Berliner Musikzeitung" und 1893 in 
Westermanns „ Illustrierten Monatsheften". Das ZusammengehOrige 
wurde zum Teil von Kalischer selbst und dann nach Kalischers Ab- 
leben von Dr. Leopold Hirschberg in Berlin bei Schuster & Loftier 
herausgegeben als „ Beethovens Frauenkreis" in zwei Banden, siehe 
auch Kerst, „Erinnerungen" nach Register. Vgl. auch die Abschnitte: 
Keglevich: Koch: Unsterbliche Geliebte: Magdalena Willmann.) 

Freeh, Hauptmann in Rastadt, dann Beamter des Oberstjager- 
meisteramtes in Wien. Freund Gleichensteins und Bekannter St. 
v. Breunings (nach giitiger alter Mitteilung des Fraulein Marianne 
v. Freeh). Kommt vor als holzliefernder Bekannter in mehreren Briefen 
Beethovens an Gleichenstein (von 1809), in denen der Meister den 
Wortwitz mit , .Seine Frechheit" glanzen laBt. Diese Briefe schon bei 
L. Nohl in Westermanns „ Illustrierten Monatsheften" von 1865, bei 
Th.-R. Ill, S. 119, und in den neueren Briefsammlungen. Bei Freeh 
hat sich ein Briefchen Beethovens an den Grafen Moritz Lichnowsky 
erhalten (abgedruckt in „Montagsrevue" Wien, 12. November 1900, 
Frimmel). 

Freimaurerei. DaB Beethoven Freimaurer gewesen, ist mOglich, aber 
nicht sicher. Die Behauptung von Beethovens Freimaurerei geht auf 
eine vielleicht miBverstandene Stelle im Brief an Wegeler vom 2. Mai 



152 Freudenberg — Friedlowsky 

1810 zuriick, Beethoven schrieb unter anderem: „ . . . Man sagt mir, 
daB Du in euren Freimaurerlogen ein Lied von mir singst, vermut- 
lich in E-Dur und was ich selbst nicht habe, ich verspreche Dir's drei- 
und vierfaltig auf eine andere Art zu ersetzen . . ." („Notizen" S. 47f. 
und 67). Die Anmerkung Wegelers dazu sagt: „Beethoven ist hier 
im Irrthum; es war nicht ein eigenes (wohl Druckfehler fur: eigens) 
Von ihm componiertes Lied, was er nicht mehr hatte, sondern nur ein 
anderer dem Opferlied von Matthisson unterlegter Text. Gleiches 
unternahm ich bei dem von ihm sehr fruh componierten Lied: Wer 
ist ein freier Mann. Ich erlaube mir, diesen Text im Anhang zu- 
zusetzen." Im Anhang ist nun vollstandig abgedruckt „Unterlegter 
Text zu Beethovens Composition des Opferliedes von Matthison": ,Bei 
der Aufnahme eines Maurers', ,Das Werk beginnet! Heil'ge Glut 
Erhebe froh des Neulings Muth . . .'." Dann folgt noch ,,Unterlegter 
Text zum Lied: Wer ist ein freier Mann?", „Maurerfragen", „Chor: 
Was ist des Maurers Ziel?" Betrachtet man diese Mitteilungen Wege- 
lers genau, so fallt auf, daB die erwahnten Beethbvenschen Arbeiten 
urspriinglich nicht mit Freimaurerei zusammenhangen, daB aber 
allerdings Freund Wegeler offenbar Freimaurer in den Rheinlanden 
gewesen. Auch ist zu beachten, daB Beethoven in Wien iiber die 
Freimaurerlogen am Rhein irgendwie unterrichtet war, sei es durch 
Zufall oder durch einen Ordensbruder. In diesem Fall ware also Beet- 
hoven selbst im Orden gewesen. Thayer nimmt dies, freilich ohne 
zwingenden Beweis, als eine ,,Tatsache" hin (Th.-R. Ill, S. 197 und 
210). Ich will die Sache nur melden, ohne Beweis oder Gegenbeweis 
liefern zu konnen. Bei Schindlers erstem Besuch wurde ein Hande- 
druck gewechselt, der vielleicht Freimaurerzeichen gewesen, aber auch 
anderes bedeutet haben kann. „Ein Handedruck besagte das wei- 
tere", schreibt Schindler. Beachten wir, daB Beethoven Schindlern 
auch „Samothracier" nannte, also einen in die samothrazischen My- 
sterien Eingeweihten. Man erinnere sich auch daran, daB im Verzeich- 
nis der Werke Neefes vorkommt: „Freimaurerlied unter dem Namen 
Fenee." 

Freudenberg, Karl Gottlieb (geb. zu'Sigda in Schlesien 1797 r gest. 
1869 wohl in Breslau). Musiker, hauptsachlich Organist, ausgebildet 
in Berlin bei B. Klein. Hauptsachlich in Breslau tatig. Im Juni 1825 
reiste er von Breslau ab. Auf seiner damals begonnenen Reise kam 
er auch nach Wien und zu Beethoven, mit dem er iiber Orgeln und 
Orgelspieler sprach. (Siehe bei: Orgelspiel. Die Daten zu Freudenbergs 
Leben nach den Angaben des bekannten Musikers Karl Liistner.) 

Friedlowsky, Josef. Namhafter Wiener Klarinettist (geb. 1775 nach 



Friedrich Wilhelm m. 153 



Schindler), der von Beethoven sehr geschatzt wurde, und von dem sich 
der Meister genaue Angaben ttber den Mechanismus der Klarinette 
erfragte. Ein Briefchen Beethovens an Friedlowsky ist vor kurzem 
ausgeboten worden in C. E. Henricis „Autographenkatalog" Nr. CIV. 
Beethoven schreibt die Wohnungsangabe vollstandig : ,,Kanalgasse 
an der Wien Nr. 84 Zum Sultan 1 ter Stock". In C. F. H. Bockhs 
Nachschlagebuchern von 1820 f. steht Jos. Friedlowsky verzeichnet 
als „Lehrer der Klarinette bey der Gesellschaft der Musikfreunde des 
Ost. Kaiserstaates und Orchestermitglied des k. k. priv. Theaters an 
der Wien", Wohnung Kanalgasse 92. 1825 spielte er noch in Beethovens 
Septett. 

(Vgl. Schindler I, S. 35; II, S. 169; Th.-R. II, S. 127; V, S. 274. 
C. F. Pohl, „Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien", und R. 
v. Perger, R. Hirschfeld und E. Mandyczewski, „Geschichte der Gesell- 
schaft der Musikfreunde".) 

Friedrich WHHelm III., KOnig von PreuBen (regierte von 1797—1840). 
Schon 1796 hatte Beethoven Gelegenheit, als er in Berlin war, mit dem 
damaligen Kronprinzen bekannt zu werden. Auf dem Wiener KongreB 
spielte Konig Friedrich Wilhelm III. eine der Hauptrollen. Wahrend 
seiner Anwesenheit in der Donaustadt und aus AnlaB der auffallenden 
Triumphe Beethovens diirfte die alte Verbindung irgendwie erneuert 
worden sein. Wenigstens laBt sich annehmen, daB bei Gelegenheit der 
Vorstellungen Beethovens im Palais Razumowsky und beim Erz- 
herzog Rudolf in der Hofburg Beethovens Anwesenheit in Berlin vom 
Jahre 1796 zur Sprache gekommen ist. Von diesen Vorstellungen be- 
richtet Schindler. Der preuBische Kanzler Hardenberg, ubrigens alt 
und leidend, kommt fur irgendwelche Vermittlung nicht in Frage, 
auch von einer Verbindung mit dem Minister Baron Wilhelm v. Hum- 
boldt ist nichts bekannt. Aber es laBt sich annehmen, daB der KSnigl. 
Geheimsekretar Duncker, der zur KongreBzeit mit Beethoven nahe 
bekannt war, den Konig nach Wien begleitet hatte. Im „Acte du 
Congres de Vienne", wo nur die Herrscher und ihre Kanzler und Mi- 
nister aufgezahlt sind, kommt Duncker freilich nicht vor, doch hatte 
Humboldt ein ganzes Gefolge mit sich in Wien, wovon er z. B. in einem 
Briefe an seine Frau vom 1. Oktober 1814 berichtet. Sogar der Urn- 
stand, daB Humboldt im Romischen Kaiser wohnte, wo Beethoven 
oft verkehrte, kann bei der Verschiedenheit der Naturen nicht dazu 
herangezogen werden, eine Verbindung anzunehmen. (Siehe auch bei: 
Duncker, DaB Friedrich Wilhelm III. in der KongreBliteratur einen 
wichtigen Platz einnimmt, ist selbstverstandlich, Es ist nicht notig, 
gerade an dieser Stelle viele einzelne Bucher zu nennen.) 



154 Fries . 

Nicht verschwiegen kann es werden, daB sich Friedrich Wilhelm bei 
der Bezahlung des groBen Festkonzertes 1814 nicht gerade koniglich 
eingestellt hat (20 Dukaten neben den 200 des russischen Kaisers 
[nach Bursy]), und von einer besonderen Huldbezeugung ist aus 
jener Zeit ganz und gar nichts bekannt. Erst nahezu ein Jahrzehnt 
spater laBt sich konigliche Teilnahme an Beethovens Werken bestimmt 
nachweisen. Es war die Zeit der Messeversendung und der Symphonie- 
widmung an den Konig. Fur die Abschrift der Messe erhielt Beethoven 
50 Dukaten, da er einen Orden statt Bezahlung nicht annahm. Die 
Sendung der Abschrift verzogerte sich, und Beethoven erhielt im 
August 1824 ein Mahnschreiben. Denn vermutlich der Konig, sicher 
aber der Minister Hatzfeld, war schon im Sommer 1823 ungeduldig 
geworden und, wie es nach einer Eintragung in den Gesprachsheften 
scheint, sehr aufgebracht, da man zwar die Zahlung geleistet hatte, 
aber die Messeabschrift nicht sofort erhielt. Die Sache wurde aber 
bald in glatter Weise beigelegt (vgl. Kalischer, „Beethoven und Berlin" 
S. 337ff.). Bei der Widmungsangelegenheit der 9. Symphonie hatte 
Beethoven, wer weiB es durch wen angeregt, Lust, doch einen Orden 
anzunehmen. Dr. Spiker aus Berlin schrieb 1826 ins Gesprachshef t : 
,,Der Konig ist sehr fiir Sie eingenommen." Doch kam es nur zu einem 
dankenden Kabinettsschreiben (vom 25. November 1826), in welchem 
ein brillantbesetzter Ring in Aussicht gestellt wurde. In Wien erhielt 
aber Beethoven keinen solchen Ring, sondern etwas Minderwertiges. 
Diese dunkle Geschichte soil zu keinen Anschuldigungen AnlaB geben, 
ist aber nicht aus der Welt zu schaffen. Die Widmungsangelegenheit 
ging durch die Hande des Fursten Hatzfeld und seiner Beamten. Die 
Abschrift fur Friedrich Wilhelm ist so gut wie sicher in Glasers Schreib- 
stube hergestellt worden. Eigenhandig von Beethoven ist aber die 
lange Widmung an den Konig geschrieben. Seit 1924 in Faksimile 
veroffentlicht. (Siehe bei: Missa und: Symphonien.) 

Fries, grafliche Familie, in deren Glanzzeit auch Beethovens Hoch- 
bliite fallt. Der Meister verkehrte im Friesschen Hause, wie die ganze 
Wiener Kunstwelt oft genug. So kann man aus bestimmten Nach- 
richten iiber sein Klavierspiel bei Fries und auch daraus schlieBen, 
daB dem Grafen Moritz Fries mehrere hervorragende Werke ge- 
widmet sind, und zwar die Violinsonaten Op. 23 und 24, das Quintett 
fur Streichinstrumente Op. 29 und noch die 7. Symphonie. Die be- 
stimmten Nachrichten sind ver.kniipft mit der (oft nacherzahlten) Be- 
gebenheit des Beethovenschen Klavierspiels 1800 bei Fries, zur Zeit, 
als der Klavierspieler Steibelt mit seinen Tremolos Wind machte 
(vgl.: Steibelt). Beethoven spielte den Herrn so griindlich nieder, daB 



Fries 155 

dieser nicht mehr kam, wenn Beethoven zugegen war. Man hat 
sich diese Begebenheiten vorzustellen im Palais auf dem Josefsplatze, 
welches der altere Bruder des Grafen Moritz, Graf Josef (er lebte von 
1765 — 1788), hatte erbauen lassen. Beethoven ist also in der Zeit um 
1800 oft durchs Tor mit den Zaunerschen Karyatiden ins Palais 
eingetreten, ein Tor, das alle kennen, die je in Wien gewesen sind. 
Im Palais waltete Graf Moritz und seit 1800 seine Gemahlin, die ge- 
borene Fiirstin Hohenlohe-Waldenburg. Zeitgenossische Quellen 
wissen von erstaunlichem Aufwand zu erzahlen. Graf Moritz war 
Kunstsammler in groBem Stil, wie ehedem sein Bruder, der ihn zum 
Gesamterben eingesetzt hatte. Aber die Ankaufe beider stellten sich 
nur allzuoft als unvorsichtige Erwerbungen heraus. Kopien wurden 
fur Originale angesehen und hoch bezahlt. Ober die Kunstsammlungen 
liegen ganze Reihen von Berichten yor. Ktittner, Seume, PQckler- 
Muskau seien in Erinnerung gebracht. Fiir Beethoven hatte es viel- 
leicht Bedeutung, daB er bei Fries mitten in die klassizistische Kunst 
hineinkam, die dort besonders geschatzt wurde. Die Verschwendung 
im graflichen Haus hatte im ersten Jahrfiinft des Jahrhunderts ihren 
Hohepunkt erreicht. Zwar waren die Einnahmen von den Gutern, 
Fabriken und vom Bankhaus Fries &Co. ganz ungeheure, doch 
merkte man sohon gegen 1809 ein Erbleichen des Glanzes. Reichardts 
,,Vertraute Briefe" sind dafiir als Nachrichten von Bedeutung. Es ging 
wirklich abwarts, und 1815 — 1819 war das Bankhaus passiv. Mehrere 
Giiter und die meisten Kunstsammlungen muBten an fremden Besitz 
abgegeben werden. Schon 1810 hatte es einen starken Ruck nach abwarts 
gegeben, wie Beethoven in dem Briefe vom 24. Juli jenes Jahres an 
den Erzherzog Rudolf andeutet. Der Sturz war schlieBlich nicht mehr 
aufzuhalten. Der Gesellschafter des Grafen im Bankhaus, Mr. Parish, 
stlirzte sich am 28. April 1826 in die Donau. Tags darauf sagte Fries 
den Konkurs an. Den Fall des Hauses uberlebte er nicht lange. Er 
starb am 26. Dezember 1826 zu Paris, wohin er sich mit seiner zweiten 
Frau (einer geborenen Fanny Munzenberg) zuruckgezogen hatte. 

Graf Moritz war eine Person von Gewicht im Rechtsstreit um das 
Quintett Op. 29 mit Artaria (dazu: Frimmel, ,,Beethovenjahrbuch" 
Bd. I, und Th.-R. Bd. II). Zur Geschichte des Hauses: Graf August 
Fries, „Die Geschichte des Hauses Fries" 1884. Die Kunstsammlungen, 
insbesondere der Gemaldebesitz, sind eingehend behandelt in Frimmel, 
,,Lexikon der Wiener Gemaldesammlungen" Bd. I, wo die alteren 
Schriften genannt sind, einschlieBlich der Kataloge. 

Bezuglich Beethovens ist zu erwahnen, daB 1809 und 1810 die ver- 
wickelten Sendungen von Handschriften und Geld an und von George 



156 Frohlich — Fugen 



Thomson in betreff der irischen, walisischen und schottischen Lieder 
durch das Bankhaus Fries & Co. besorgt wurden. Carl Holz wollte 
etwas von einer regelmaBigen Untersttitzung wissen, die Beethoven 
vom Grafen M. Fries bezogen hatte (Th.-R. II, S. 311). Urkundliche 
Belcge dafttr sind nicht bekannt geworden, doch war der Graf so wenig 
Geschaftsmann, daB man Aufschreibungen gar nicht recht erwarten 
darf. 

Graf Moritz gehOrte zu den ersten 50 Reprasentanten der neu ge- 
grundeten Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, 1812 (vgl. Pohl, 
„Die Gesellschaft der Musikfreunde" und R. v. Perger, R. Hirschfeld 
und E. Mandyczewski, „Geschichte der Gesellschaft"). Graf Fries 
wird auch beachtet in Ed. Hanslicks „Geschichte des Concertwesens". 

Uber die Bildnisse des Grafen Fries gedenke ich eine besondere 
Studie zu veroffentlichen (vgl. auch Frimmel, „Beethovenstudien" II). 

Frohlich, Joh. Bapt., Pfarrer in Modling. 1818 hat der Neffe Karl 
dort des Sommers einigen Unterricht genossen, nur kurze Zeit. Denn 
es kam bald zu einem Zerwurfnis mit dem Meister selbst. FrOhlich 
trat damals auf die Seite der Schwagerin Johanna, wie es aus der langen 
Eingabe Hotschevars ans N. 0. Landrecht ersichtlich ist. (Th.-R. IV, 
S. 97 und Anhang III, uberdies Frimmel, „Beethovenforschung" 
Heft VIII, ,, Beethoven in MOdling".) Siehe auch bei: Vormundschaft. 

Fuchs, Aloys (geb. 1799, gest. 1853), Beamter im Hofkriegsrat. Fur 
die Beethovenforschung von Bedeutung als Musikgelehrter und Samm- 
ler, dem man nicht wenige Nachrichten tiber Beethoven verdankt. 
Er teilte sie alle dem Forscher Otto Jahn mit, wodurch sie auch an 
Thayer gelangten. Er verbffentlichte mehreres'uber Beethoven, z. B. 
1845 und 1846 in L. A. Frankls „Sonntagsblattern" und der „Wiener 
allgemeinen Musikzeitung". Ihm verdankt man die erste Zusammen- 
stellung der Bildnisse Beethovens (vgl. Frimmel, „Beethovenstudien" 
Bd. I). Auch far Castellis „Allgem. musikal. Anzeiger" war er tatig. 
In der Beethovenschen NachlaBversteigerung kaufte er ein Skizzen- 
buch. Es ist das spater F. A. Grasnicksche, das Nottebohm beschrieben 
hat (II. „Beethoveniana" S.484). Ober Al. Fuchs vgl. Th.-R. passim, 
besonders IV, S. 24. Kerst, „Erinnerungen" nach Register. 

Fugen. Im goldenen Zeitalter der Musikpflege in Bonn, in welcher 
Beethoven seine Jugend verbracht hat, muBte der Knabe bald die 
Form der Fuge in ihrem allgemeinen Wesen mit dem Fiihrer, dem 
antwortenden Gefahrten und gewOhnlichen Durchftihrungen kennen 
lernen. So konnte er schon um 1783 eine zweistimmige Fuge schreiben, 
Sie steht noch tief unter den Fugen des alten Bach und des Altmeisters 
Handel und erreicht nicht annahernd die entsprechenden Werke eines 



FuB — Gaden 157 



Haydn und Mozart. Zwar gab ihm Neefe das „Wohltemperierte Klavier" 
von Joh. Seb. Bach in die Hand, das er auch dem Gedachtnis so ein- 
pragte, um die meisten Praludien und Fugen auswendig vortragen zu 
konnen. Aber jedenfalls hat er erst sehr spat sich die verwickelten 
Kunststiicke klar gemacht, die in der Fugenform moglich sind. Auch 
noch in der Zeit gegen 1795, als er bei Albrechtsberger Unterricht im 
Kontrapunkt nahm, war es noch nicht das Studium der Fuge, das 
er besonders lebhaft betrieben hatte. Nottebohm sagt in seinem griind- 
lichen Werk iiber ,,Beethovenstudien" (1873): „So viel steht test, daB 
Beethoven bei Albrechtsberger keine Durchbildung in der Fugenform 
gewonnen hat" (S. 200). Der schaffenslustige junge Meister, denn 
Meister war er schon damals, widmete sich bei Albrechtsberger keines- 
wegs mit Feuereifer der alten Fugenkomposition. Wendete sich doch 
der Zug der Zeit vom strengen Kontrapunkt ab und mit Absicht gegen 
die Melodik hin. Und in der Tat zeigen Beethovens Werke aus der Zeit 
bald nach dem Jahr 1795 keinerlei Neigung, die strenge Fuge zu pflegen. 
Sogar Canones und kanonahnliche Nachahmungen sind keineswegs 
so aufdringlich, wie man sie etwa als Nachwirkungen des kontra- 
punktischen Unterrichts hatte erwarten konnen. Zunachst ist nur zu 
beobachten, daB nahezu von Werk zu Werk ungeheuere Fortschritte 
gemacht werden, die sich fur jeden klar ergeben, der Beethovens 
Arbeiten nach der Zeitfolge vornimmt. Doch bleibt dem denkenden 
jungen Kiinstler die Angelegenheit der Fuge im Gedachtnis, und sie 
wird ihm besonders nahegelegt durch den Unterricht, den er dem 
Erzherzog Rudolf in der Komposition erteilte. Im sogenannten letzten 
Stil Beethovens macht sich dann alles, was Fugen betrifft, wieder 
geltend, und seit der Entstehung der Missa solemnis mit der groBen 
Fuge im Credo und der Sonate Op. 106 ist geradewegs eine Vorliebe 
fur die alte strenge Form der Fuge festzustellen. Den Gipfel dieser 
Richtung bildet die ebenso gelehrte wie sinnlich wirkungsvolle riesige 
Quartettfuge Op. 133, die vom Musiker jedenfalls mit gespanntester 
Aufmerksamkeit verfolgt wird und vielen Laien zum mindesten 
Imponiert. 

FuB, Johann, Evangelist, Musiker und Schriftsteller. (Siehe bei: 
Treitschke.) 

G. 

Gaden. Freundliches Ortchen im Anningergebiet, westlich von Mod- 
Jing an der StraBe nach Heiligenkreuz. Beethoven muB den Ort schon 
vor den MSdlinger Sommern (1818—1820) gekannt haben, da Gaden 



158 Gansbacher — Galitzin 

im Sinne einer bekannten Gegend schon 1815 in der Fischhoffschen 
Handschrift vorkommt (Leitzmann, „Beethovens persOnliche Auf- 
zeichnungen" Nr. 68, S. 19). 

Gansbacher, Joh. Bapt. (geb. 1778 zu Sterzing, gest. 1844 zu Wien). 
Gansbacher kam 1801 nach Wien und war dort Schuler des Abbe 
Vogler. Dann in Wien, Prag, Dresden, Leipzig, Darmstadt tatig. 
Sein Urteil tiber Beethovens freie Fantasie ist augenscheinlich durch 
Abb6 Vogler oder wenigstens durch das Schulerverhaltnis Gansbachers 
zu Beethoven beeinfluBt. Wie ich dem handschriftlichen Tagebuch 
Gansbachers entnehme (mir durch Frau Universitatsprofessor Helene 
Gegenbauer bekannt), hat Gansbacher im Jahre 1804 sowohl Meister 
Beethoven als auch den Abt Vogler unmittelbar nacheinander auf dem 
Klavier „phantasieren" gehort. Daruber notiert Gansbacher: „Beet- 
hovens ausgezeichnetes Klavierspiel, verbunden mit einer Fulle der 
schSnsten Gedanken, iiberraschte mich zwar ungemein, konnte mein 
Gefiihl [aber] nicht bis zu jenem Enthusiasmus steigern, womit mich 
Voglers gelehrtes in harmonischer und contrapunctischer Beziehung 
unerreichtes [Spiel] begeisterte." 

Galitzin, Fiirst Nikolas Boris (geb. 1795, gest. 1866), kunstliebender 
russischer Adeliger, von grofiem EinfluB auf die St. Petersburger 
Musikzustande. Gehorte schon als junger Mann zu den Bewunderern 
Beethovenscher Kunst. Seinen Brief an Beethoven vom 9. November 
1822 beginnt er so: „Aussi passione" amateur de musique que grand 
admirateur de votre talent . . ." In diesem Schreiben bestellte er bei 
Beethoven zwei bis drei neue Quartette. Er deutet an, daB er Cello- 
spieler ist. Beethoven antwortete zustimmend, aber erst am 25. Januar 
1823. Fur jedes Quartett habe er 50 Dukaten zu bekommen. Die 
Sache wird abgemacht, und zunachst stellten sich recht freundliche 
Beziehungen ein. Galitzin vermittelt den Verkauf einer Abschrift der 
Messe an den russischen Hof. Beethoven erhielt fCir die Kopie 50 Du- 
katen. Die Aufftihrung der Messe in St. Petersburg am 6. April 1824 
wird offenbar dem Ftirsten Galitzin verdankt (bekanntlich war es 
die erstevollstandige Aufftihrung uberhaupt). Eine weitere Geldsendung 
war eine Anzahlung auf das bestellte erste Quartett. Und nun be- 
ginnen die Unklarheiten in den Beziehungen, die Gedachtnisfehler, 
MiBverstandnisse. Th.-R. sagt: „Entscheidend ist, daB Galitzin sich 
noch in dem Briefe vom 10. November 1826 zu der Schuld von 125 Du- 
katen bekennt. Die Quartette waren schlieBlich alle abgesendet, 
mittels Kuriers das dritte, und alle eingetroffen, aber das Geld kam 
nicht. Auch der Kurier (Lipscher), der bis zum Ftirsten vorzudringen 
wuBte, bekam kein Geld. Galitzin wollte wohl auskneifen. Er begann 



Gallenberg — Gasthauser 159 

mit Winkelzugen zu arbeiten, mit Vertrostungen, Liigen. Mittlerweile 
starb derMeister. DieErben hatten argerlichelangdauerndeMuhe, die 
Summe hereinzukriegen. Es dauerte bis ins Jahr 1852 (!), bis die 
150 Dukaten endlich ausgezahlt wurden. Beethoven selbst hat far 
seine Arbeit so gut wie nichts bekommen. 

(Schon bei Schindler II, S. 33 und 162ff. finden sich ausgebreitete 
Mitteilungen iiber die unerquickliche Angelegenheit. Weiteres dann 
bei Th.-R. im IV. und besonders V. Bd. Auch „Die Musik" 1909 
IX. Bd., l.Oktoberheft [Brief vom 13. Dezember 1823].) 

Noch zur Zeit, als Aussicht auf Bezahlung war, widmete Beethoven 
die groBe OuvertCire: Die Weihe des Hauses (Op. 124) dem Fiirsten 
Galitzin. Die Quartette, von denen die Rede war, und die dem Fiirsten 
dediziert sind, erhielten die Opuszahlen 127 (Es-dur), 130 (B-Dur) und 
132 (A-Moll). (Siehe bei: Quartette, wo die Literatur zusammen- 
gestellt ist.) 

Gallenberg, Wenzel Robert Graf v. (geb. 1783 Wien, gest. 1839 Rom). 
Musiker, der in Wien unter Albrechtsberger ausgebildet wurde. Er 
schuf eine ganze Reihe von Balletten. 1803 vermahlte er sich mit 
der Graf in Giulietta Guicciardi, einer entfernten Verwandten der 
Brunsviks, deren nahe Beziehungen zu Beethoven allbekannt und 
unter verschiedenen Gesichtswinkeln beleuchtet worden sind. Schind- 
ler I, S. 96f., bringt einiges zu Gallenbergs Leben. Thayer und Kali- 
scher haben sich viele Miihe mit den Forschungen iiber die Grafin 
Giulietta Gallenberg gegeben (siehe bei: Guicciardi). 

Galvanl (siehe bei: Willmann). 

Gasthauser, Weinstuben, Kaffeehauser. Beethoven hat sehr oft eine 
eigene Hauswirtschaft gefiihrt oder zu fiihren versucht, gewohnlich 
mit ausgesprochenem MiBerfoIg. Haufiger Gasthausbesuch war oft 
unvermeidlich, ganz abgesehen davon, daB man des Zeitungslesens 
wegen Kaffeehauser aufsuchte. Welche Gasthauser es waren, wurde 
in meinem „Beethoven" (6. Aufl. S. 74) angedeutet und ist in Sand- 
bergers ,,Beethovenjahrbuch" fur 1925 verhaltnismaBig eingehend be- 
sprochen, soweit es die innere Stadt Wien und die Vorstadte betrifft. 
Durch Jahre hindurch bis gegen die Zeit der letzten Erkrankung war 
das Wirtshaus „Zum weiBen Schwane" im alten Schwarzenbergschen 
Stadthaus zwischen KarntnerstraBe und Mehlmarkt der Schauplatz 
der Beethovenschen Besuche, auch seiner merkwiirdigen Stuckchen, 
unter denen das mit der Lungenbratentunke oftmals wiedererzahlt 
wird; Ries war Augenzeuge. Dolezalek und Breuning erzahlten von 
der Zerstreutheit des Meisters, der beim Schwan in seine Arbeit ver- 
sunken, zahlen wollte, ohne noch etwas genossen zu haben. Im be- 



160 Gebauer — Geburt 



ruhmten Hotel „Ignaz Jahn" in der Himmelpfortgasse spielte Beet- 
hoven sein Op. 16 zum erstenmal. Beim „G reif" (KarntnerstraBe, spater : 
„Erzherzog Karl") muB Beethoven urn 1800 verkehrt haben, als Bruns- 
vlks dort eingekehrt waren. Das „Fischtruherl" und der „Seitzer- 
hof" waren kleinere Wirtschaften, von denen man weiB, daB sie der 
Meister besucht hat. Im „Blumenstockl" (heute BallgaBchen 6) 
saB er in revolutionarer Gesellschaft, wie Schindler erzahlt. Sehr be- 
freundet war er mit Arlet, dem Mitbesitzer der Weinstube zum 
„Schwarzen Kamel", und mit Selig (Seelig), einem anderen 
Weinstubenbesitzer (damals Himmelpfortgasse 1064, Selig war auch 
Gemaldefreund). Seit 1814verkehrte Beethoven auch im „Romischen 
Kaiser" (in der Renngasse nachst der Freiung). Man weiB vom-Be- 
such im„Jagerhorn"(in derDorotheergasse),im „Braunen Hirsch" 
(in der RotenturmstraBe) und vielen anderen Wirtschaften, z. B. in 
der Vorstadt LandstraBe, wo sehr haufig die „Birne" und der „Rote 
Hahn" aufgesucht wurden. Im Prater besuchte er oft das erste 
Kaffeehaus, und er war auch im „Wilden Mann" zu Hause. DaB er 
die „Augartensale" kannte, laBt sich aus seinen dortigen Auffuh- 
rungen unschwer entnehmen (siehe bei: Augarten). 

Gebauer, Franz Xaver (geb. 1784 Eckersdorf bei Glaz, gest. 13. De- 
zember 1822 zu Wien), Musiker, der in seiner Wiener Zeit zu den nahen 
Bekannten Beethovens gehOrte. 1 8 10 war er als Musiklehrer in Wien tatig. 
1816 wurde er Regens chori der Wiener Augustinerkirche. Er gritndete 
damals mit anderen die Gesellschaft der Musikfreunde und rief 
die Concerts spirituels ins Leben. Nach F. H. B5ckh, „Wiens 
lebende Schriftsteller" (1822) S. 367 wohnte dieser Gebauer „auf der 
Brandstatt Nr. 630". (Zu F. X. Gebauer: C. F. Pohl, „Die Gesell- 
schaft der Musikfreunde" S. 64; Ed. Hanslick, „Geschichte des Concert- 
wesens" S. 185ff. Rich. v. Perger, Hirschfeld, Mandyczewski, „Ge- 
schichte der Gesellschaft der Musikfreunde". „Allgem. Wiener mu- 
sikal. Zeitung" 1820 Nr. 28 uber die Concerts spirituels, ebendort 
1822 Nr. 98 Nachruf [Sp. 82 If.], Walter Nohl, „Konvers.-Hefte" I, 
S. 411. S. auch bei: Piringer und: Rochlitz). 

Gleichzeitig mit Franz Xaver lebte in Wien auch urn 1810 ein Gott- 
hard Gebauer, der im Zieglerschen AdreBbuch als Mitglied der 
fiirstlich Liechtensteinschen Kapelle Stadt, Herrengasse 264, angeftihrt 
erscheint. An diesen ist nach der Oberlieferung das Briefchen ge- 
richtet, das in der Wiener „Montagsrevue" vom 7. Januar 1901 zuerst 
gedruckt worden ist. Dieser Gebauer soil fttr Beethoven kopiert haben. 

Geburt. Man hat die urkundliche Beglaubigung in der Hand, daB 
Beethoven am 17. Dezember 1770 getauf t wurde. Ob er am 16. oder 



Gehor — Gelbsuoht 161 



17. geboren ist, bleibt unsicher, obwohl schon sundig viele Tinte 
iiber diese Frage vergossen worden ist. Die eigentliche Kenntnis von 
Beethovens Leben wird von dieser Frage gar nicht beruhrt, da sie 
vollig belanglos ist. — Von weiter reichender Bedeutung ist die Frage 
nach dem Hause, in welchem der GroBe das Licht der Welt erblickt 
hat. Die Geschichte der Familie Beethoven hangt damit zusammen. 
Lange war es die allgemein verbreitete Meinung, Beethoven sei in 
dem hohen Haus in der Rheingasse geboren worden (es ist langst 
niedergerissen), bis es nach langen Streitigkeiten klar wurde, daB das 
richtige Geburtshaus in der Bonngasse zu suchen war. Dieses ist noch 
erhalten und wurde vom Verein Beethovenhaus als Beethovenmuseum 
ausgestaltet. (Th.-R. I iiber die Fragen nach der Geburt und dem 
Geburtshaus. Uber das Datum ist zu vergleichen Wegeler in den 
„Notizen", Kalischer in der Sonntagsbeilage der „Voss. Ztg." 11. Ja- 
nuar 1891, Frimmel, „Beethoven" VI. Auflage und neuestens A. Sand- 
berger in ,,Beethovenaufsatze".) 

Gehor. Die Feinheit des musikalischen Horens war bei Beethoven 
in seiner Jugendzeit wohl eine der groBten, die in der Kunstgeschichte 
bekannt sind. Alle Zeugnisse stimmen darin iiberein, und die Ver- 
bindungsbahnen im Gehirn von den Klangzentren zu den motorischen 
Bahnen und zu den Stellen der Gesichtsvorstellungen von allem, was 
zur Notenschrift gehort, mussen urspriinglich von hervorragender Gute 
gewesen sein. Es ist trotz genauer Nachforschung nicht bekannt, 
welcher AnlaB dazu gefiihrt hat, daB Beethoven vom ungefahr dreiBig- 
sten Lebensjahre an einer unerbittlich zunehmenden Ertaubung unter- 
lag, wohl sicher einer „Otosklerose", wenn jemand sich dadurch be- 
ruhigt ftihlen sollte, daB der Zustand medizinisch eingeschachtelt wird. 
Eines ist klar und durch mich auch schon langst festgestellt, daB die 
Erkrankung nicht in den Horzentren des Gehirns gesessen haben 
kann, sonst hatte bei Beethoven alles Musizieren uberhaupt ein Ende 
finden mussen. Wohl durch eine Zerstreutheit wurde 1908 dem Meister 
feines musikalisches Gehor abgesprochen (vgl. ,,Zeitschrift fiir Psycho- 
logie und Physiologie der Sinnesorgane" [Herausgeber H. Ebbinghaus 
und W. A. Nagel] Bd. 50, S.9, ,,Individuelle Verschiedenheiten in der 
Kunst" von Rich. Miiller-Freienfels). Dabei ist iibersehen, wie sich 
das Gehor Beethovens in seiner Jugend mitsamt alien Gehorzentren 
entwickelt haben muB. Diese Zentren und das musikalische Vor- 
stellungsvermogen mit allem, was sonst daran hangt, blieben auch 
wahrend der Taubheit erhalten und sind durch die Otosklerose nicht 
minderwertig geworden (siehe bei: Krankheiten und: Taubheit). 

Gelbsucht. Im Spatfruhling oder erst im Sommer 1821 erlitt Beet- 

Frimmel, Beethovenhandbuch. I. H 



162 Gelinek 

hoven einen schweren Anfall von Gelbsucht (Ikterus, und zwar 
hepatogener Ikterus im Gegensatz zum hamatogenen Ikterus). Die 
Erkrankung dauerte bis Ende August (vgl. Th.-R. IV, S. 220ff., siehe 
auch bei : Krankheiten). 

Gelinek, Josef (geb. 1758 zu Selcz in Bohmen, gest. 1825 in Wien). 
Wurde Priester. Zu Beethovens Zeiten Abbe. Guter Musiker, der zu 
Anfang des 19. Jahrhunderts in Wien groBen Ruf genoB. C. Czerny 
erzahlt in seiner Autobiographie: ,,Ich erinnere mich noch jetzt, als 
eines Tages Gelinek meinem Vater erzahlte, er sei fur den Abend in 
eine Gesellschaft geladen, wo er mit einem fremden Klavieristen eine 
Lanze brechen sollte: Den wollen wir zusammenhauen, fugte Gelinek 
hinzu. Den folgenden Tag fragte mein Vater den Gelinek, wie der 
gestrige Kampf ausgefallen sei. ,Oh', sagte Gelinek ganz nieder- 
geschlagen, ,an den gestrigen Tag werde ich denken. In dem jungen 
Menschen steckt der Satan. Nie habe ich so spielen gehort! Er fan- 
tasierte auf ein von mir gegebenes Thema, wie ich selbst Mozart nie 
fantasieren gehort habe. Dann spielte er eigene Kompositionen, die 
im hochsten Grade wunderbar und groBartig sind, und er bringt auf 
dem Klavier Schwierigkeiten und Effekte hervor, von denen wir uns 
nie haben etwas traumen lassen." Es stellte sich nun heraus, daB 
dieser junge Mann, in dem der Satan stak, iinser Beethoven war, 
der, wie Gelinek meinte, von Lichnowski nach Wien gebracht worden 
sei, um bei Haydn, Albrechtsberger und Salieri zu studieren. Gelineks 
Bewunderung Beethovens gestaltete sich anfangs neidlos. Er fbrderte 
den jungen Kiinstler nach Moglichkeit dadurch, daB er ihn dem alten 
gewiegten Theoretiker Schenk zufuhrte, da Haydns Unterricht nicht 
vom Fleck kam. In Gelineks Wohnung (es war schon damals 
im Esterhazyschen Palast in der WallnerstraBe. Nebenbei bemerkt 
steht dieses Palais noch heute) spielte Beethoven zum erstenmal vor 
Schenk. So erzahlt dieser in seiner Lebensgeschichte (alte Abschrift 
von 0. Jahn, Urschrift verloren), die von groBem Wert ist, auch wenn 
die Zeitangaben nur sehr ungefahr aus der Erinnerung geboten werden. 
Der Unterricht hinter Haydns Riicken begann, muBte aber geheim 
gehalten werden. ,,Nach einem Jahr kam Beethoven mit Gelinek in 
Unfrieden, dessen Ursache mir entfallen ist", heiBt es weiter bei Schenk. 
Die alten Beziehungen waren also zum mindesten gelockert, und es 
ware nicht unwahrscheinlich, daB Gelinek von nun an gegen Beet- 
hoven gewirkt hatte. Aus der Zeit guter Freundschaft stammt noch 
die Einrichtung der 1. Symphonie Beethovens fUr zweihandigen Klavier- 
satz durch Gelinek. Auf dem Titel steht noch „... arrange .. .. 
par son ami l'Abbe Gelinek", was ich hier hervorhebe. Diese Ein- 



Georg — Gerhaxdi 163 



richtung durfte noch 1800 oder bald danach gedruckt worden sein 
(Seltenheit der Wiener Stadtbibliothek, aus der sie 1920 ausgestellt 
war, Nr. 508). Die meisten weiteren Werke Beethovens diirften schon 
weit liber das Verstandnis Gelineks hinausgereicht und sein MiB- 
fallen erregt haben. Vielleicht war die Szene in Eisenstadt nach der 
ersten Aufffihrung der Messe mittelbar durch Gelinek veranlaBt, denn 
der Abbe" warzu jenerZeit schon Hauskaplan bei Esterhazy. Grove sagt, 
seit 1795. AIs solcher ist Gelinek 1825 gestorben. Gegen 1822 wohnte er 
im Esterhazyschen Stadtpalast in der WallnerstraBe. Er war Beet- 
hoven feindlich gesinnt, wie auch aus einem Gesprachsheft hervorgeht, 
das bei W. Nohl veroffentlicht ist (I, S. 406 und 408f.). (Vgl. „Jahres- 
berichte der Gesellschaft der Musikfreunde" von 1870 mit Czernys 
,,Autobiographie", Kerst, „Erinnerungen" Bd. I mit Schenks alten 
Mitteilungen, Th.-R. II und „Wiener allgem. musik. Ztg." 1825 
Nr. 37, S. 618. „Abbe Gelinek, dem wir eine so zahlreiche Sammlung 
eleganter Pianoforte- Variationen verdanken, ist bald seinem Freunde 
Salieri nachgefolgt. Er verlebte seine letzten Lebensjahre als Haus- 
kaplan des Ftirsten v. Esterhazy still zuriickgezogen und ganz seinen 
Berufspflichten gewidmet." Gehassige, abfallige Urteile Gelineks ilber 
Beethoven aus dem Jahre 1814 wurden durch Tomaschek mitgeteilt 
in „Libussa" von 1847. Dortfindet auch die „erdbraune Physiognomie" 
des Herrn Abbe Erwahnung. Bildnis von John nach Letronne.) 

Georg, Konig Georg IV. von England (geb. 1762, gest. 1830). Beet- 
hoven richtete an ihn ein Ianges Schreiben in bezug auf die Ober- 
sendung der Handschrift zur „Schlacht bei Vittoria". Das Konzept 
des Briefes ist in Schindlers NachlaB erhalten geblieben und danach 
gedruckt bei Kalischer, „Briefe" V, S. 344. Wo das eigentliche Schrei- 
ben sich bef unden und ob eine Antwort erfolgt ist, lafit sich heute 
noch nicht sagen. (Siehe auch Ries, „Notizen" S. 108f. und erstes 
„Beethovenjahrbuch" II, S. 191 ff.) 

Gerhard!, (auch :Gherardi) Christine, Sangerin. BegeisterteVerehrerin 
Beethovens und vom jungenMeistergewiBeineZeitlanggeliebt. Wenig- 
stens rechnete Dr. Bertolini sie unter die Flammen, wie die Guicciardi und 
Bettina (Th.-R. II, S. 298). Urn 1795 machte und sandte sie ein Hul- 
digungsgedicht an Beethoven. Dieser antwortete mit einem Brief, 
der noch in dem etwas geschraubten Bonner Stil gehalten ist (Ur- 
schrift fand sich 1925 wieder bei C. E. Henrici in Berlin, Lagerkatalog 
22). Beethoven redet sie noch als Fraulein an. Das Schreiben muB 
also noch vor die Verheiratung mit Med. Doktor Jos. v. Franck 
fallen. Diese ist nach den Pfarrbuchern fur den 20. August 1798 fest- 
gestellt worden (Th.-R. II, S. 133). A.W.Thayer hat noch 1860 

11* 



164 Gerhardi 



einiges iiber Frau Gerhardi-Franck und ihre Verwandten von Leopold 
Sonnleithner erfahren. ,,Sie war die Tochter eines Hofbeamten Kaiser 
Leopolds II. Der Vater war nebst seiner Familie aus Toskana nach 
Wien gekommen, als Leopold II. durch den Tod Josephs II. zum 
Throne berufen wurde. Die Tochter war eine ausgezeichnete Sangerin, 
blieb stets nur Dilettantin und sang vorzuglich in Konzerten zu wohl- 
tatigen Zwecken (deren sie selbst veranstaltete) oder fur ausgezeichnete 
Kiinstler." Dr. Jos. Franck war Sohn des weitbekannten Professors 
Peter Franck, Direktors im allgemeinen Krankenhaus zu Wien, und 
wird 1798 als Primararzt verzeichnet. Direktor Franck war nicht 
nur fur die allgemeine Leitung des Krankenhauses, sondern auch' fiir 
die Schutzimpfung gegen Pocken von Bedeutung, und es laBt sich 
annehmen, daB Beethoven mit ihm angelegentlich iiber diese Krank- 
heit gesprochen hat. DaB er den alten Franck aus AnlaB eines sehr 
schwachenden Durchfalls zu Rate gezogen hat, geht aus dem Schreiben 
Beethovens an Wegeler hervor, einem Brief, der 1801 zuerst vom be- 
ginnenden Gehorleiden und dem schwachen Unterleib Nachricht gibt 
(„Notizen" S. 23f.). „Frank wollte meinem Leib den Ton (NB. „To- 
nus" der alteren Medizin) wiedergeben durch starkende Medizinen und 
meinem Gehor durch Mandelol." Im iibrigen war die Verbindung der 
beiden dadurch gegeben, daB bei Francks in groBem Stil sehr ernst- 
haft musiziert wurde in der Wohnung nahe dem Krankenhaus und im 
Garten. Beethoven begleitete den Gesang der Tochter ofter am Wa- 
vier, „Unterricht hat er ihr nie erteilt" (nach L. v. Sonnleithner). 
Ein weiterer Brief Beethovens an das Fraulein Gerhardi ist in sehr 
vertraulichem Ton gehalten und handelt von einer Bildnisangelegenheit, 
die noch nicht ganz aufgeklart ist. Beethoven schlieBt ziemlich form- 
los „adie hoi sie der Teufel". Die „Flamme" war also so gut wie er- 
loschen. Noch ein drittes Schreiben Beethovens an die Sangerin ist 
bekannt. Dieses handelt von der patriotischen Wohltatigkeitsakademie 
des Jahres 1801, bei der auch Beethoven am Klavier erschien. Mit 
Punto spielte er die Hornsonate. Diese Akademie wurde durch Frau 
Gerhardi-Franck veranstaltet, hatte groBen Erfolg und brachte be- 
deutende Einnahmen fur die verwundeten Krieger (Ausfiihrliches bei 
Th.-R. II, S. 213ff.). Auch 1803 wird die Gerhardi-Franck als aus- 
gezeichnete Sangerin erwahnt. 1804 zog das Ehepaar Franck von 
Wien fort. Vielleicht war die Sangerin 1809 zu Besuch wieder in Wien, 
wie es nach einer Stelle bei Reichardt scheinen konnte. Doch ist sie 
1809 (!) und 1811 in Wilna nachweisbar, so daB man bei Reichardt 
an eine Verwechslung mit einer anderen Frau v. Franck denken 
mochte, die im Lobkowitzkreise erwahnt wird (bei C. v. Wurzbach 



Geschaftsfuhrung 165 



im „Biogr. Lexikon" Bd. XV, Abschnitt Lobkowitz, 1866). Sicher 
ist diese Lobkowitz-Franck mit der Gerhardi-Franck verwechselt 
bei La Mara in dem Buch „Musikerbriefe aus funf Jahrhunderten" 
(1886, II, S. 17), wo ein Brief von Paer „an Frau v. Franck bei Sr. 
Durchlaucht dem Fiirsten von Lobkowitz" mitgeteilt wird mit dem 
Datum 7. Oktober 1803. Und die Frau v. Franck, welche Reichardt 
1809 in Wien gehOrt hat, wird audi nicht die Gerhardi gewesensein. 
Wie Sowinski nach dem „Courrier de Littuane" und nach der ,, Gazette 
de Posen" von 1809 mitteilt, ist die richtige Franck 1809 in Haydns 
,,Sch6pfung" als bewunderteSangerin aufgetreten, und zwar in Wilna, 
wo Dr. Jos. Franck beriihmter Arzt und Universitatsprofessor war. 
1811 sang sie zu Wilna in Salieris Oper ,,Angiolina", die von Merlini 
ins Polnische iibersetzt worden war. 

In Haydns „Schopfung" hatte die Gerhardi Franck schon in Wien die 
Eva gesungen,wie aus einem Briefe Van Swietens an Mile. Gerhardi her- 
vorgeht, den ich vor Jahren bei Dr. Theod. Helm in Wien gesehen habe. Bei 
demselben Musikgelehrten bef anden sich auch Briefe von Salieri und Abt 
Vogler an diese Sangerin. Der Brief Haydns an Madame Franck ist 
nach Eisenberg in Bohmen gerichtet und im September 1804 geschrie- 
ben. Moglicherweise ist das die Gerhardi-Franck, moglicherweise aber 
auch die Lobkowitz-Franck, auf der Adresse ist bemerkt: bei Lobko- 
witz. Das SchloB Eisenberg war ja der Sommersitz der Lobkowitz. 
Es mu6 zwei Sangerinnen Franck gegeben haben. Vielleicht die altere, 
die man sich etwa als Schwiegermutter der Gerhardi-Franck zu denken 
hatte, und die jiingere, die durch ihre Verehelichung in die Familie 
Franck gekommen ist. Die Lobkowitz-Franck blieb in Osterreich, wo- 
gegen die Gerhardi-Franck nach Wilna auswanderte. 

(Zur Gerhardi-Franck vgl. Albert Sowinski, „Les musiciens polonais 
et slaves" [1857], S. 199. Reichardt, „Vertraute Briefe" I, S. 448, 
besonders Th.-R. II, S. 132ff., 213f., 291, 298, 380, A. Chr. Kalischer, 
,,Beethovens Frauenkreis" I, S. 142ff., ferner die Briefausgaben, in 
denen iibrigens der Text der Gerhardi-Briefe nicht tiberall genau ist.) 
Siehe auch den Abschnitt: Vogler im vorliegenden Handbuch. 

Geschaftsfuhrung. An den Beamten der Osterreichisch-ungarischen 
Bank in Wien, Franz v. Salzmann, schrieb Beethoven bald nach 1817: 
„In alien Geschaftssachen [bin ich] ein schwerer Kopf." Dies paBt 
fur die ganze Lebenszeit des Meisters, der jederzeit schwere Kampfe 
mit der Arithmetik zu bestehen hatte. Man braucht nicht Iange zu 
suchen, um Beweise dafiir zu liefern, wie unbequem dem Kiinstler 
die gewohnlichsten Rechnungsarten gewesen sind. Dies muB denn 
auch in der Abwicklung alles Geschaftlichen zum Ausdruck kommen. 



166 Gesellschaft der Musikfreunde in dem osterreichischen Kaiserstaate 

Selbstverstandlich von Geschaftsbuchern keine Rede. Seine Brtider, 
zunachst der jiingere Niklas Karl und dann lange Zeit Johann, halfen 
aus, und viele Freunde wurden in solchen Rechnungsverlegenheiten 
zu Rate gezogen und beteiligten sich am geschaftlichen Briefwechsel, 
an den Vertragen mit den Verlegern, an den Abmachungen fUr Kon- 
zerte, an der Zinsenbehebung von Aktien, deren „allerliebste Divi- 
dende" dem Meister sehr willkommen war, und was es ahnliches noch 
zu besorgen gab. A. W. Thayer hat angefangen, diese Angelegenheit 
ziffernmaBig anzupacken, die im vorliegenden Handbuch nur gestreift 
werden kann. Denn eine aktenmaBige Zusammenstellung von „Soll 
und Haben" bei Beethoven ist eine noch nicht ausgereifte Sache, die 
allein ein Buch fiillen wiirde. In neuester Zeit hat M. Reinitz sich 
mit einschlagigen Studien beschaftigt, was im allgemeinen angedeutet 
sei. Der Brief an Salzmann, der oben benutzt wurde, ist zuerst von 
mir mitgeteilt in Kastners „Wiener musikalischer Zeitung" Jahr I 
Nr. 21 vom 25. Februar 1886, S. 358f. Die Rechnungsschwierigkeiten 
von 1 3 x 24 sind f estgehalten auf der ersten Konzeptseite der „Coriolan"- 
Ouverture als Nebenschrift (Faksimile in „Die.Musik" I. Jahr, Heft 12). 
Ahnliche Beispiele kehren wieder in mehreren Gesprachsheften. Hans 
Volkmann sagt in dem Buche „Neues uber Beethoven" (S. 23), daB 
Rechnungen von fremder Hand in den Konversationsheften haufig 
yorkommen. ,,Es nimmt sich dann hochst drollig aus, wenn Beet- 
hoven, liber ein kompliziertes Exempel staunend, fragt, wie das 
gemacht werde, und der Rechner geheimnisvoll antwortet: Per multi- 
plicationem." Sogar in der kleinen Geschaftsfiihrung der taglichen 
Hausrechnung gab es deshalb Schwierigkeiten, und es ist klar, daB 
der Onkel dem findigen Neffen gegenOber in peinliche Lagen versetzt 
wurde, wenn es sich urns Rechnen handelte. Die Unsicherheit im Rech- 
nen ftihrte auch zu jenem MiBtrauen, das z. B. Schindler nach den 
Akademien von 1824 so empfindlich zu verkosten bekommen hat 
(II, S. 88f.). In der „Geschaftsfuhrung" wackelte es also beim Meister 
gar sehr. (Siehe auch: Vermogensverhaltnisse, Hauswirtschaft und: 
Bildung.) 

„Gesellschaft der Musikfreunde in dem osterreichischen Kaiser- 
staate". Unter diesem Titel wurde 1813 durch den Regierungsrat 
Joseph v. Sonnleithner eine Gesellschaft gegrtindet, die im wesent- 
Iichen bis heute ausgehalten hat und etwa ein Jahrhundert lang eine 
der wichtigsten Wiener Pflegestatten guter Musik geblieben ist. Sonn- 
leithner hatte am 29. November 1812 Handels groBe Kantate „Timo- 
theus" durch mehr als 700 Dilettanten, und zwar im „Saale der k. k. 
Reitschule", zur Ausfiihrung gebracht. „Der groBe Effect und der 



Gesellschaft der Musikfreunde in dem osterreichischen Kaiserstaate 167 

herrliche Vortrag dieses Meisterstiickes, dieser groBten musikalischen 
Darstellung, welche bisher in Europa Statt hatte, erregten bey erst 
erwahntem Herrn Regierungsrathe den Wunsch, daB sich eine so 
groBe Menge der ausgezeichnetsten Kunstfreunde nicht wieder trennen 
mochte; er vereinte daher Alle zu Einem Zwecke, entwarf Statuten, 
welche von der Gesellschaft gepruft und zur Ausfiihrung gebracht 
wurden. Aus diesen Statuten erhellet die Tendenz des Vereins: Empor- 
bringung der Musik in alien ihren Theilen; Bald hatte die Gesellschaft 
des hohen Schutzes Seiner Kaiserlichen Hoheit des Erzherzogs Rudolph 
und des Beytritts der achtungswurdigsten Manner zu erfreuen." 
(BOckh, „Wiens lebende Schriftsteller, Kiinstler und Dilettanten im 
Kunstfache" 1822, S. 349). Die angegebene Quelle nennt dann als 
Vorsitzenden den Landgrafen Egon v. Filrstenberg und alle iibrigen 
WUrdentrager der neugegriindeten Gesellschaft, den Prases-Stell- 
vertreter Hofrat Raph. Georg v. Kiesewetter, den Sekretar Dr. Jos. 
v. Sonnleithner, die Mitglieder des leitenden Ausschusses, unter denen 
sich auch Castelli, Salieri, Zizius und Zmeskall befanden. Es folgt 
ein Verzeichnis der vielen Reprasentanten, in welchem sich mehrere 
Namen aus der AusschuBliste wiederholen. Der Bibliothekar Baron 
Bern. v. Knorr wird gesondert angefiihrt. Als „Expedient und Archi- 
var" wird der Kontrabassist Joseph Langhammer genannt (im Gundel- 
hof Nr. 627 in der Gesellschaftskanzlei). Als Lehrer folgen nun viele 
gute Musiker, unter denen nur wenige unbesoldete Krafte (also Di- 
lettanten), wie z. B. Gottfried Salzmann furs Klavier. Bei.Bockh 
findet sich auch eine lange Liste der ausiibenden Mitglieder. Die 
Satzungen der Gesellschaft geben auch unterstutzenden Mitgliedern 
und Ehrenmitgliedern Raum. — Es fallt auf, daB man fur Beethoven 
keinen bestimmten Platz fand, doch zeigte sich die Verehrung ftir 
den Meister in der Folge durch Auffiihrungen vieler seiner Werke. 
C. F. Pohl hat diese in dem Buch „Die Gesellschaft der Musikfreunde" 
(Wien 1871) zusammengestellt. Ein weiterer Ausdruck der Verehrung 
fur Beethoven war der Antrag der Gesellschaft, Beethoven moge fur 
sie ein Oratorium heroischer Art komponieren. Der Schriftsteller und 
Dichter Karl Bernard lieferte den miBglUckten Text „Der Sieg des 
Kreuzes", aus dem der Tonkunstler nichts machen konnte (siehe bei : 
Bernard). — Auch fur einen Andreas Streicher war in der neuen Ge- 
sellschaft kein Platz. Und doch sollen die vorbereitenden Absichten 
der Gesellschaftsgriindung nicht zum kleinen Teil auf Andreas Streicher 
zuriickgehen und schon bei Gelegenheit des Streicherschen Privat- 
konzertes vom 12. April 1812 erortert worden sein (nach Schillings 
„Enzyklopadie" Bd. VI vom Jahre 1838 und C. F. Pohl). Beethoven 



168 Gesprachshefte 

war nun ein naher Freund Streichers, in dessen Salon die beste Musik 
gepflegt wurde, aber er war der neuen Gesellschaft der „Musikfeinde 
des osterreichischen Kaiserstaates" (so im Brief an Hauschka von 
1818) nicht besonders gewogen. UmfaBte sie doch mehr Liebhaber 
und Liebhaberinnen als Berufsmusiker, ein Umstand, auf den er mehr 
Oder weniger deutlich mehrmals anspielte. Hauschka wird z. B. 1818 
als groBmachtiger ,,Intendant aller Sing- und Brummvereine" an- 
geredet. — Auf die Angelegenheit des Oratoriums „Der Sieg des 
Kreuzes" beziehen sich mehrere Urkunden im Archiv der Gesellschaft, 
die in Rich. v. Pergers, Rob. Hirschfelds und Mandyczewskys „Ge- 
schichte der Gesellschaft der Musikfreunde" alle mitgeteilt sind. Beet-; 
hovens Schreiben vom 23. Janner 1824 ist dort faksimiliert. Schon 
1815 war Freund Zmeskall beauftragt worden, auf Beethoven ein- 
zuwirken, daB dieser ein Oratorium fur die Gesellschaft komponiere. 
Nach einiger Zeit antwortete Beethoven zustimmend. Er begehrte 
ein Honorar von 400 Dukaten. 1818 erhielt Hauschka den Auftrag, 
uber die Sache mit Beethoven zu unterhandeln. 1819 erklart der 
Meister, dafi er geneigt sei, das Oratorium zu schreiben, und bestatigt 
er den Empfang eines unaufgefordert gesendeten Vorschusses von 
400 Gulden Wiener Wahrung auf das zu schaffende Werk. 1820 fragt 
man bei Bernard an. Erst 1823 antwortet dieser, daB Beethoven 
nunmehr den ganzen Text besitze. 1824 fragt die Gesellschaft wieder 
an, und Beethoven antwortet noch im Janner aufschiebend, doch zu- 
sagend. 1825 erhielt Bernard die Ietzte Rate seines Honorars (nach 
Schindler II, S. 92ff. und Th.-R. V, S. 10). Trotz bestimmter Zusagen 
und trotz der reichlichen Anzahlung lieferte Beethoven keine Kompo- 
sition an die Gesellschaft der Musikfreunde. Diese benahm sich dem 
Meister gegenuber sehr vornehm und hat ihn der 400 Gulden wegen 
nicht gemahnt, sondern ubersendete ihm, allerdings sehr spat, erst 
1826, das Diplom der Ehrenmitgliedschaft. 

(Neben den Quellen, die oben angefuhrt sind, vgl. Th.-R. 1 1 1, S. 525f ., 
537; IV, S. 97ff.;V, S. 10, 14ff., 141, 161, 194, 281, 325, 562; Ed. Hans- 
lick, „Geschichte des Concertwesens in Wien", ferner die Abschnitte: 
Bernard, Ehrungen, Kanne, Kjesewetter, Kuffner, Oratorien, Sonn- 
leithner, Streicher, Zmeskall.) 

Gesprachshefte (gewOhnlich undeutsch ,,Konversationshefte" ge- 
nannt). Als Beethovens Gehorleiden den Verkehr mit den Neben- 
menschen schon empfindlich storte, stellte sich allmahlich die Not- 
wendigkeit ein, sich die Antworten der anderen aufschreiben zu lassen. 
Die Anfange solcher Aufschreibungen haben sich in einem kleinen 
Notizbuch von vor 1815, 1816 gefunden, das ich bei der Grafin Amadei 



Giannatasio Del Rio — Glaser 169 

in Wien kennen gelernt habe (dazu : „Neue Zeitschrift fur Musik" 1889 
S. 535f.). Vieles, das meiste muB in Verlust geraten sein, da Beet- 
hoven nicht sogleich auf diese unbequeme Verkehrsart eingerichtet 
war. Spaterhin waren stets eine Schiefertafel oder Papierstreifen und 
Hefte bereit, die dem Gefragten vorgelegt wurden. In der Berliner 
Bibliothek sind aus Schindlers NachlaB noch 138 solche Hefte erhalten 
geblieben, die dort anfanglich gering geschatzt wurden. A. W. Thayer 
erzahlte mir, daB sie ihm bei seinen ersten Studien darin als „Dreck" 
vorgewiesen worden sind. L. Nohl hat vieles daraus benutzt, des- 
gleichen haben Thayer, Deiters, Riemann, Kalischer, L. Volkmann 
und andere vielfach aus dieser Quelle geschopft. Einzelne Gesprachs- 
hefte sind da und dort veroffentlicht und erlautert worden, Krehbil 
hat sie alle kopiert. In neuester Zeit ist eine vollstandige Heraus- 
gabe begonnen worden durch Walter Nohl, deren Fortfuhrung und 
Vollendung mit Spannung erwartet werden. 

(Das Riedel-Amadeische Bilchlein war 1892 in der Internationalen 
Ausstellung fur Musik und Theaterwesen Offentlich zu sehen. Dazu 
Wiener „Fremdenblatt" Nr. 7 und 13. August 1892 [Frimmel, „Beet- 
hovenstudien" in der Ausstellung], auch „Hamburger Signale" 20. Au- 
gust 1892, ferner Frimmel, „Beethovenjahrbuch" II, S. 162, derselbe, 
„Beethoven" 6. Aufl. S. 57 und 93f., Th.-R. IV, S. 152f.) 

Giannatasio Del Rio (siehe bei: Rio). 

Glaser, Franz, Musiker, aus deutsch-bohmischer Familie, Sohn 
Peter Glasers. Wurde 1822 Kapellmeister am neugegriindeten Joseph- 
stadter Theater zu Wien, wo er mit Beethoven oftmals verkehrte. 
1827 oder 1828 ging er zunachst nach Berlin, spater nach Kopenhagen, 
dorthin als erster Kapellmeister, wo er heiratete, wie es heiBt 15 Kinder 
heranwachsen sah und 1851 noch lebte. Spielte eine wichtige Rolle bei 
den Beethovenauffuhrungen 1822 im Josephstadter Theater, war auch 
Gast bei dem Diner, das Direktor Hensler zu Ehren Beethovens gab. 
(Schindler II, S. 8; Th.-R. IV und V.) 

Glaser, Peter, Vater des vorigen. War aus Deutschbohmen eingewan- 
dert, als der Kapellmeister Franz Glaser ihm die Kopiaturen am Joseph- 
stadter Theater verschaffen konnte, zu denen sich noch die am Leopold- 
stadter Theater und am Theater an der Wien gesellten. Peter Glaser 
und einige seiner Tdchter mitsamt dem Sohn Peter arbeiteten in einer 
Schreibstube. Man erinnerte sich an das laute Gekratze dort. Denn 
man schrieb mit zugeschnittenen Stukkaturrohren statt mit Kiel- 
federn. Beethoven behandelte diesen Kopisten mit einer gewissen 
Aufmerksamkeit und Schonung. (Vgl. Frimmel, „Beethovenstudien" 
Bd. II, S. llff. Ein langer Brief an P. Glaser ist dort mitgeteilt.) Der 



170 Gleichenstein 



„Schurke von Kopisten", der 1823 in einem Brief e an Schindler vor- 
kommt, war wohl eine andere Personlichkeit. Briefe Beethovens an 
Glaser sind bekannt, unter andern auch der, der 1889 in den Besitz 
der Wiener Stadtbibliothek gelangt ist: „Lieber Herr Glaser, ich bitte 
sie die Stimmen von dem credo . . .", der 1890 in meinem Aufsatz 
„Beethovenstudien" der „Neuen Zeitschrift fUr Musik" erstmalig ver- 
offentlicht worden. Ein weiterer Brief an Glaser durch mich mit- 
mitgeteilt im „Fremdenblatt", Wien 25. Marz 1892. Diplomatisch 
getreu abgedruckt in meinem Buch ,,Beethovenstudien" II, S. 12ff. 
Durch eine Stelle im Gesprachsheft 55 aus dem August 1826 (in Aus- 
ziigen bei Kalischer, „Beethoven und Berlin" S. 361) wird man darauf 
hingewiesen, daB Glaser die Kopie der 9. Symphonie zu schreiben 
hatte, die durch Dr. Spicker nach Berlin gelangen sollte und tatsach- 
lich an Friedrich Wilhelm III. gelangte (siehe auch bei: Kopisten). 

Gleichenstein, Ignaz Freiherr v. (geb. 1778 zu Heiligenstadt bei Wien, 
gest. 1828). Stammte auseinerreichen altbreisgauischen Familie. Der Va- 
ter, Baron Joseph Gleichenstein, lebte in derZeitgegen 1800 in Wien. 
Dazu ist sehr beachtenswert, was der alte Albrechtsberger am 20. Febru ar 
1797 an Beethoven schrieb: ,,Der alte Baron Joseph Gleichenstein 
sandte heute seynen Kammerdiener zu mir und lieB mich auffordern, 
Sie lieber Beethoven, flir morgen Abend zu seinem Klavier-Konzert 
einzuladen. Auch lieB er fragen, ob Sie sich schon entschieden haben 
wegen des Unterrichtes bei seynem Sohn Ignaz, ich soil ihm, falls sie 
morgen nicht konnen, Antwort sagen . . ." Daraus entnehmen wir, 
daB der jiingere Baron Gleichenstein dem Meister schon 1797 bekannt 
war. Vielleicht zahlte er unter dessen Schiiler. Auf keinen Fall brauchen 
wir mit Thayer anzunehmen, daB die Bekanntschaft erst durch Steffen 
Breuning als Amtsgenossen Gleichensteins im Hofkriegsrat vermittelt 
worden ware. Gleichenstein kommt in jenem Amt zuerst 1804 (wohl 
nachschleppend verzeichnet) vor als Konzipist, und zwar an funfter 
Stelle, wahrend Steffen v. Breuning an zweiter Stelle der Hofkonzi- 
pisten verzeichnet steht. Gleichensteins Charakter wird vom Zeit- 
genossen Julius Schneller ttber die MaBen gelobt (Th.-R. II, S. 558). 
Als Du-Freund Beethovens begegnet er uns in den Jahren gegen 1810 
sehr oft. Eine lange Reihe von Briefen hat sich erhalten, von denen 
viele schon 1865 durch Ludwig Nohl in Westermanns ,,Illustrierten 
Monatsheften" veroffentlicht worden. Neuere Funde, z. B. die Briefe 
im Besitz Paul Muhlbachers in Klagenfurt, erganzen diese Reihe. Das 
Faksimile eines Beethovenbriefes mit Erwahnung Gleichensteins 
findet sich in Volbachs „Beethoven" (Beil. III). Gleichenstein unter- 
schrieb als Zeuge den Vertrag vom 20. April 1807 mit Clementi. Mit 



Gloggl 171 

Malfattis, wo ja auch Beethoven verkehrte, war er innig befreundet 
(siehe bei: Malfatti). 

Schindler (S. 227) teilte mit, daB Gleichenstein urn 1813 Wien ver- 
lieB und dann nur einmal 1824 dahin zuriickkehrte. (Zu Gleichenstein 
vgl. die Briefsammlungen, ferner „Neue freie Presse"? [die Briefe 
bei Miihlbacher], „Die Musik" III, S. 378ff., „Musica divina" vom 
Fruhling 1921, Th.-R. II und III.) 

Dem Freund Gleichenstein war urspriinglich die Widmung des 
Klavierkonzertes aus G-Dur zugedacht (Op. 58), doch wurde ihm 
schlieBlich die Violoncellsonate Op. 69 dediziert. Zwei Werke sind 
das, deren jedes allein den Ruhm eines Tonkunstlers ausmachen konnte. 

Gloggl, Franz Xaver (geb. 1764 zu Linz, gest. 1839 ebendort), Musiker. 
Zu Beethovens Zeit seit 1790 Domkapellmeister zu Linz a. d. Donau. 
1812 kam er, mit Beethoven schon friiher befreundet, in besonders 
lebhaften Verkehr mit diesem. Nach der Kur in den bohmischen 
Badern 1812 war der Meister nach Linz gekommen, ohne Zweifel, um 
sich in die Familienangelegenheiten des Bruders Johann zu mengen, 
der damals schon wohlhabender Apotheker geworden war (siehe bei: 
Briider und Th.-R. Ill, S. 340ff.). Gloggl berichtete ttber Beethovens 
Ankunft sofort in der Linzer Musikzeitung: ,,5. Oktober. Nun haben 
wir auch das schon Iangst gewiinschte Vergniigen, den Orpheus und 
groBten musikalischen Dichter unserer Zeit, Herrn L. v. Beethoven, 
hier seit einigen Tagen in unserer Hauptstadt zu besitzen, und wenn 
uns Apollo giinstig ist, so werden wir auch Gelegenheit haben, dessen 
Kunst zu bewundern und in diesen Blattern unseren Lesern das Weitere 
mitzutheilen." Gloggls Sohn Franz (dieser lebte von 1797 — 1872) war 
damals noch im vaterlichen Hause, beobachtete den beruhmten Be- 
such in einem Lebensalter, aus dem die Erinnerungen wohl am tiefsten 
zu haften pflegen, und hat jene Erinnerungen gegen Ende seines Lebens 
zu Papier gebracht. Sie wurden dem Beethovenforscher A. W. Thayer 
zur Verfiigung gestellt. Dadurch ist man davon unterrichtet, daB 
Beethoven als alter intimer Freund Gl5ggls diesen taglich besuchte, 
daB er mehrmals dort ,,speiste". Auf Gloggls Veranlassung schrieb 
er dort ein Aquale fur (vier) Posaunen. Graf Donhof gab zu Ehren 
Beethovens Soireen, bei deren einer der junge Gloggl Ohrenzeuge 
einer langen freien Fantasie Beethovens gewesen ist. Spater, als 
Gloggl jun. in Wien zu Besuch war, tfaf ihn einst Beethoven, der ihn 
ins „Jagerhorn" einlud, wo er dann wieder Zeuge der starken Zer- 
streutheit Beethovens werden konnte. Die Proben und die Auffuhrung 
des groBen Konzertes vom Dezember 1813 durfte Gloggl durch Beet- 
hovens Vermittlung anhoren. 



172 Gmunden — Gneixendorf 

(Zu Gloggl hauptsachlich Fr. Graflinger in der „Linzer Tagespost" 
vom 21. Februar 1909, ,,Der letzte Turnmeister von Linz".) 

Gmunden am Traunsee. Schon zu Beethovens Zeiten ein viel be- 
suchter, durch landschaftliche Reize der Umgebung ausgezeichneter 
Ort. 1826 dachte Beethoven daran, in Gmunden den Sommer zu ver- 
bringen (siehe bei: Ischl). Doch wurde der Plan nicht ausgefiihrt. 
Beethoven konnte niemals den Traunsee bewundern. 

Gneixendorf, Beethovens letzter Landaufenthalt. In diesem kleinen 
Ort auf den kahlen Hohen nordlich von Krems hatte im Jahre 
1819 Johann v. Beethoven das groBe Gut ,,Wasserhof" gekauft, ein 
ansehnliches SchloBchen mit groBem Ackerbesitz, mit Weingarten, 
ausgedehnten Wirtschaftsgebauden und herrlichem Fernblick in die 
Donaugegenden unterhalb der Stadt Krems. Das Dorf hat weder 
Kirche noch Schule noch Post. Ein Bote aus Krems holte und brachte 
die Brief e. 1822 zahlte man dort nur vierzig Hauser (nach Steinius). 

Bald nach der Erwerbung des Wasserhofes hatte Johann den Bruder 
Ludwig eingeladen, nach Gneixendorf zu kommen. Bei dem gespannten 
Verhaltnis zwischen den Brtidern, man erinnere sich an die vielen 
Uneinigkeiten und besonders an das bOse Zerwtirfnis im Jahre 1812, 
ist es nicht verwunderlich, daB Beethoven mit dem Kommen lange 
zflgerte. Erst 1826 wurde der nicht gar gliickliche EntschluB gefaBt, 
den Herbst in Gneixendorf zu verbringen. Johann war in geschaft- 
lichen Angelegenheiten nach Wien gefahren, und zwar im eigenen 
Wagen, und drangte gegen Ende September zur Abreise, die durch 
Beethoven offenbar um einige Tage verschoben wurde, da dieser vor- 
her noch eigene Geschafte fordern wollte. In der Eile der letzten Tage 
vor der Fahrt ist dann ohne Zweifel manches Datum in Beethovens 
Briefen durch Zerstreutheit verschrieben worden. Zudem war Beet- 
hoven schon schwer krank, iiberhaupt, im besonderen sogar einmal 
bettlagerig. Im September hatte ihn im Schwarzspanierhause noch 
Dr. Spiker besucht. Der Brief an Wegeler, nach der Beethovenschen 
Datierung in Wien am 7. Oktober 1826 geschrieben, fallt ohne Zweifel 
noch in den September. Die Datierung muB verschrieben sein. Auch 
der Brief an Schott nach Mainz, mit dem Datum Wien 29. September 
1826 hat diese Angaben, wie es fast sicher ist, durch den voraus- 
genommenen Gedanken erhalten, daB am 29. September der auBerste 
letzte Termin fur die Abreise besprochen worden sein durfte. Beet- 
hoven, mitten in den Arbeiten fur das letzte Quartett und in geschaft- 
lichen Abmachungen mit Verlegern, muBte Sorge tragen, die richtigen 
Skizzenbiicher, wohl auch Verlegerbriefe zusammenzusuchen. So 
mag denn der ,,29. September" in die Feder gerutscht sein. Denn 



Gneixendorf 173 



sicher ist schon der 28. September als Tag der Abreise zu be- 
trachten. So halt es auch Th.-R. (im V. Band). Die erhaltenen Ge- 
sprachshefte, die wahrend der Reise und in Gneixendorf benutzt wor- 
den sind (ich habe sie selbst in Berlin durchgenommen), beweisen dies. 
Am 29. September war Beethoven schon auf der Fahrt, und zwar 
schon bis Kirchberg a. Wagram nach einer Nachtruhe in Stockerau. 
Am 30. September schreibt der Neffe Karl auf: „Heute ist der 30. Sep- 
tember", und gleich darauf heilJt es, Johann wolle wieder aufs Feld 
gehen, ,,wo wir mit ihm gestern vor Tisch waren". Demnach miissen 
die Bruder schon am 29. September in Gneixendorf gewesen sein. 
Auch schreibt Karl hin, „Morgen ist nichts auf dem Feld zu thun, 
weil Sonntag ist". Damit ist die Zeitfolge gesichert, denn der Sonntag 
fiel auf den 1. Oktober. Die Fahrt von Wien nach Gneixendorf war 
ohne Zweifel am 28. September begonnen worden und iiber Florisdorf, 
Kornenburg zunachst bis Stockerau gegangen. Der Neffe schrieb auf: 
„Heute wird bloB bis Stockerau gefahren, wo ein treffliches Wirtshaus 
ist." Man denkt dabei wohl an den bevorzugten Gasthof ,,Zur weiBen 
Rose", wo Kaiser Josef II. am 7. Juli 1774 ubernachtet hat, oder an den 
„goldenen StrauB'* (siehe bei : Stockerau). Am nachsten Tage fuhr man 
schon des Morgens bis Kirchberg am Wagram, wo gefruhstiickt wurde. 
(Siehe bei : Kirchberg.) Noch am selben Tage traf man auf dem Wasserhof 
ein, und zwar derGutsherr, derKomponist und der Neffe. Eswaredenk- 
bar, daB bei dem nicht recht vorbereiteten Eintreff en der beiden Gaste die 
erste oder zweite Nacht noch nicht im Schlosse selbst verbracht wor- 
den ware, sondern im Nachbargut des Herrn Wisgril, aber fur die 
ttbrige Zeit des Aufenthaltes steht es fest, daB Beethoven im Wasser- 
hof selbst gewohnt hat. (Vgl. Frimmel, ,,Beethovenstudien" Bd. II, 
Beethovens letzter Landaufenthalt und die dort angegebenen Schrif ten.) 
Ober das Zimmer Beethovens in der ,,Burg der Signore Fratello" ist 
eine Meinungsverschiedenheit denkbar, doch spricht die Wahrschein- 
lichkeit fur die Fenster, die ich in meinem „Beethoven" angegeben 
habe (dazu auch Th.-R. V). In Gneixendorf fUhrte man den Meister 
anfangs zu den htibschesten Punkten der Gegend. Man sprach von 
einem Ausflug nach dem sehr nahe gelegenen Imbach im Kremstal 
zwischen Krems und Senftenberg. (Ort mit alter, geschichtlich be- 
deutender Kirche, iiber die vieles in der ,,Topographie von Nieder- 
Osterreich" zusammengestellt ist, welche der Verein fur Landeskunde 
von NiederOsterreich herausgibt). Ein beabsichtigter Ausflug nach 
Gottweig wird wohl unausgefuhrt geblieben sein. Denn es ist mehr 
als fraglich, ob sich der kranke Meister der Beschwerlichkeit unter- 
zogen hat, in dem riesigen, ziemlich fern von Gneixendorf gelegenen 



174 Godesberg 

Stift irgendwelche Eindrucke zu holen, die noch auf die allerletzten 
Schopfungen eingewirkt hatten. Nach Langenlois, damals Markt, 
und nach Lengenfeld ist der Meister sicher mit dem Bruder ge- 
kommen, zu FuB oder zu Wagen. An diese Orte kntipfen sich be- 
stimmte Oberlieferungen, die an dieser Stelle nicht wiederholt wer- 
den. (Siehe bei: Langenlois und: Lengenfeld.) AIlzu herzlich ist 
der Verkehr mit Bruder, Schwagerin, sogar mit dem Neffen nicht 
gewesen. Stand doch der tief gekrankte Onkel noch unter dem 
Eindruck, der vom Selbstmordversuch Karls nachwirken muBte 
(siehe bei: Neffe Karl). Beethovens Bedienung in Gneixendorf 
wurde anfangs durch eine Magd, dann durch den jungen Michael 
Kren besorgt. Der Meister wanderte komponierend iiber die Fel- 
der, stocktaub, ganz in sein Schaffen versenkt, brummend, tak- 
tierend. Ein Ochsengespann wurde dadurch einmal scheu, was einiges 
Aufsehen erregte. Ein anderes Mai verlor er im Freien sein Skizzen- 
buch, das ihm der junge Kren wieder zustande brachte. Es mag ein 
Heft mit Notierungen zum B-Quartett gewesen sein, denn'an diesem 
arbeitete Beethoven in Gneixendorf. Dort wurde es laut Beethovens 
eigener Datierung am 30. Oktober 1826 vollendet. Die Ruckkehr 
zu den Arbeiten in Wien wurde dringend, aber Johann und dessen 
Gattin wollten noch nicht reisen. Der Herrschaftswagen wurde ihm 
nicht zugestanden, und er muBte im kalten Herbstwetter, das nun 
angebrochen war, in einem offenen Milchwagen die Fahrt nach Wien 
unternehmen. DaB der Neffe sofort mit Beethoven nach Wien fuhr, 
ist wahrscheinlich. Die Fahrt muBte des Nachtlagers wegen in einem 
elenden Dorf, das nirgends genannt ist, unterbrochen werden. Beet- 
hoven erkrankte an Lungenentziindung und verbrachte eine qualvolle 
Nacht. Man muBte ihn auf den Leiterwagen legen. In klaglichem 
Zustand traf er am 2. Dezember beim Schwarzspanierhaus in Wien 
ein. (Die letzten Angaben nach dem Krankheitsbericht des Dr. Waw- 
ruch, nach Schindler, Breuning, Th.-R. V, S. 383— 415, und Frimmel, 
,,Beethovenstudien" II und desselben ,, Beethoven". — Ein Brief aus 
Gneixendorf vom II. November 1826 an Haslinger ist mitgeteilt bei 
Max Unger, „Beethoven und seine Verleger" S. 77 (siehe auch bei: 
Bruder.) 

Godesberg. Das bekannte Ortchen in der Nahe von Bonn, unfern 
des Rheinufers. Jetzt uhgemein angewachsen zu einer Art Villenstadt. 
Dort wurde dem Vater Haydn 1792 ein Fruhstiick vom kurfurstlichen 
Orchester gegeben. Bei jener Gelegenheit legte Beethoven dem alten 
Meister eine (oder zwei) Kantaten vor, die von diesem gelobt wurden 
(Wegeler, „Notizen" S. 15f.). Offenbar ist von der Kantate auf den 



Goethe 175 

Tod Josefs II. die Rede (siehe bei: Kantaten). Von Godesberg ging 
Beethoven mit einigen seiner Bekannten nach Marienforst, und dort 
spielte er bewunderungswert auf der Orgel (Thayer nach Wurzer, 
Th.-R. I S. 260). Vermuten laBt es sich, daB er in Godesberg die 
Burgruine besucht hat. 

Goethe. Joh. Wolfgang v. Goethe, der weltberuhmte Dichter und 
Forscher auf vielen wissenschaftlichen Gebieten (1749 — 1832). Er 
stand mit Beethoven in Verbindung, den er auch personlich kennen 
lernte. Das Verhaltnis der beiden GroBen zueinander ist in psycho- 
logischer Beziehung uberaus fesselnd. Durch Bettina v. Arnim wurde 
der Dichter in uberschwenglicher Weise auf den Tonkiinstler auf- 
merksam gemacht, als auf ein Ideal von Menschen (1810). Als sich die 
beiden dann (1812) in Teplitz und auch in Karlsbad personlich kennen 
lernten, wurde Goethe merklich abgektihlt, da dieser uberdies in der Folge 
durch Zelter formlich von Beethoven abgeredet wurde. Beider Naturen 
waren grundverschieden, und geradezu gegensatzlich hatten sich ihre 
Schicksale gestaltet. Goethe, der reiche Patrizierssohn, der mit groBtem 
Erfolg einer umfassenden Bildung zustrebte, ein Mann von feinstem 
Schliff, den er sich im Umgang mit den hochsten gesellschaftlichen 
Kreisen erworben hatte, Beethoven von viel geringerer Herkunft, in 
einer zeitweise geradewegs armen Musikerfamilie aufwachsend und 
fruhzeitig aufs Verdienen hingelenkt, gesellschaftlich unbeholfen, seit 
seinem etwa 30. Lebensjahre schwerhorig, noch dazu den hochsten 
und „allerh5chsten" Herrschaften nichts weniger als freundlich ge- 
sinnt; wie sollen sich diese Gegensatze verstanden haben? Beethoven 
ahnte und ftihlte wohl Goethes Erhabenheit und hat viele Lieder des 
Dichters, uberdies den „Egmont" und anderes, wie „Meeresstille und 
gluckliche Fahrt", in Musik gesetzt, stand aber in allem sprachlichen 
Ausdruck tief unter dem Sprachkiinstler Goethe. Dieser dagegen, 
trotz einer unleugbaren Musikliebe, die ihn von der Jugend bis ins 
Alter nicht verlieB, war weder Musiker, noch hatte er, sogar wenn man 
ihn als Dilettanten wertet, das notige musikalische Verstandnis, um 
Beethovens GroBe und Wucht zu ahnen. Was er je uber das Klavier- 
spiel und die Werke Beethovens geauBert hat, sind allgemeine, ver- 
standnislose Redensarten. Die Gegensatzlichkeit reicht sogar bis in 
ganz kleine Ziige. Goethe haBte das Tabakrauchen, wogegen Beet- 
hoven nicht abgeneigt war, gelegentlich sein Pfeifchen zu rauchen. 
Der Tonkiinstler hatte VergnUgen am Tierleben. Man kennt die Ge- 
schichte von den Schmetterlingen und seine Teilnahme an den Lei- 
stungen des Pudels, den Aubry in Baden offentlich vorftihrte. Bei 
Goethe hat die Abneigung gegen Aubrys Pudel bekanntlich zu einem 



176 Goethe 

tiefen RiB im Verhaltnis zum Weimarer Theater gefiihrt, wo der Grofi- 
herzog die Pudelauffuhrung zugelassen hatte (hierzu Zeitler, „Goethe- 
handbuch", eine Unmasse alterer Goetheliteratur und L. Volkmann, 
„Neues von Beethoven"). 

Das Verhaltnis des TonkUnstlers zum Dichter ist wiederholt- be- 
sprochen worden, auch bei Ad. Sandberger, ,,Beethovenaufsatze" 
S. 272ff., und hat erst neuerlich wieder im Jahrbuch „Der Bar" far 
1925 eine besondere Erorterung gefunden (Leipzig, Breitkopf & Hartel). 
Auch nach Emil Ludwigs "„Goethe" stand der Dichter dem Tonkiinstler 
fremd gegenilber, obwohl er ihn bewunderte. 

Beethoven hat folgende Dichtungen Goethes in Musik gebracht: 
Urn 1790 das Lied ,,Mit Madeln sich vertragen" aus: „Claudine 
von Villa Bella", die 1775 verSffentlicht worden war, ein Stuck, aus dem 
Beethovens. Lehrer Neefe 1777 ein anderes Lied komponiert hatte. 
Beethoven benutzte ftir „Mit Madeln sich vertragen" den Text der 
ersten Auflage von Goethes Dichtung (nach Mandyczewski im Vor- 
bericht zum Supplementbande der Leipziger Gesamtausgabe). Beet- 
hoven wird wohl durch Neefe auf das Stuck hingewiesen worden sein, 
lieB es aber dann jahrzehntelang liegen. Erst 1822 wurde er dem Ver- 
lag Peters angeboten (siehe Thayer, „Chronol. Verz." S. 7, Nr. 15). 

Aus der Zeit urn 1798 ist eine Skizze bekannt zu Goethes Lied „Der 
KuB" ,,Ichwar beiChloenganzallein", das Beethoven in unwesentlicher 
Anderung 1825 als Op. 128 herausgegeben hat(Nottebohm, ,, Them. Verz." 
und ,,Zweite Beethoveniana" S. 473 ff., erschien bei Schott in Mainz). 

Um 1798 fallen einige Skizzen zu Goethes „Neue Liebe, neues 
Leben", die iibrigens ganz verschieden sind von dem gleichnamigen 
Liede, das Beethoven spater nochmals vertont hat, „Herz mein 
Herz, was soil das geben" Op. 75 Nr. 2. 1810 erschienen bei Breit- 
kopf & Hartel und der Fiirstin Kinsky gewidmet, zusammen mit den 
anderen Liedern desselben Opus. 

Skizzen zu Goethes „Ich denke Dein" fallen 1799. Es blieb bei 
demEntwurf. (Nottebohm, „Beethoveniana" II, S.486 — 493. Erwahnt 
ist ein Lied: „Ich denke Dein" in einem Brief e an Breitkopf & Hartel 
vom 26. Juli 1809, vgl. die verschiedenen Briefausgaben.) 

Ein Entwurf zu „Meine Ruh ist hin . . ." fallt um 1800, und bald 
danach dtirfte eine Skizze zur „Rastlosen Liebe" entstanden sein. 
(Nottebohm, , , Beethoveniana" II, S. 575 f„ und Ludwig Nohl, „Beet- 
hovens Leben" II, S. 530.) 

Goethes Lieder „Wie herrlich leuchtet" und „Ich komme 
schon durch manches Land" erschienen 1805 im Juni als Nr. 4 
und 7 von Op. 52 (nach den Verzeichnissen von Thayer und Nottebohm). 



Goethe 177 

In einer geradewegs abschreckenden Ausstattung kamen 1808 
heraus bei Riedl in Wien die vier Melodien zu „Nur wer die Sehn- 
sucht kennt". Mit anderen Liedern zusammen veroffentlicht als 
Op. 52 im Kunst- und Industriecomptoir (vgl. die Verzeichnisse und 
uberdies Th.-R. III). 

1810 erschienen mit anderen Liedern zusammen Goethes „Kennst 
Du das Land", „Herz mein Herz, was soil das geben" (siehe 
oben bei 1798) und „Es war einmal ein Kbnig, der hatt' einen 
grofien Floh", und zwar als Op. 75 der Furstin Kinsky gewidmet. 
(Vgl. die Verzeichnisse von Thayer und Nottebohm. Zum Flohlied 
uberdies Frau Pessiak-Schmerling in ,, Wiener Illustrierte Zeitung" 
1889 Nr. 30, S. 621 ff., Hamburger Signale 20. Februar 1892, Nr. 10, 
S. 125, und „Neue Zeitschrift fur Musik" 1892 Nr. 42 uber andere 
Kompositionen des Flohliedes. — Das Flohlied, das Beethoven bei 
Del Rios vorspielte, war wohl ein anderes als das gedruckte. Die 
Noten zum spateren von 1816 sind nicht bekannt. Die Ezahluhg 
davon durch Frau Pessiak-Schmerling ist auch benutzt bei Th.-R. IV, 
S. 518.) 

Vermutlich 1810hatBeethovenGoethesLieder,,Trocknet nicht..." 
„Was zieht mir das Herz so? . . ." und „Kleine Blumen, kleine 
Blatter..." vertont. (Hierzu Frimmel, ,,Neue Beethoveniana" 
2. Aufl. S. 338). 

Erinnern wir uns an die Musik zu ,,Egmont" und deren Geschichte 
(siehe oben bei: Egmont), die in engster Beziehung zu Goethe steht. 

,,Dem unsterblichen Goethe hochachtungsvoll gewidmet", ist dann 
die Beethovensche Musik zu ,,Meeresstille" und ,,GliickIiche 
Fahrt", die in den Jahren 1814 und 1815 geschaffen wurde, aber 
erst 1822 im Stich erschien. (S. bei: Kantaten.) 

Um dieselbe Zeit, es ist nicht genau angegeben, wann, wurde dann 
auch das Lied „Erlkonig" entworfen, von dem im Abschnitt: Erl- 
kOnig die Rede war. 

Etwa 1820 entstand ein Entwurf zu Goethes „Sah ein Knab' 
ein Roslein steh'n . . .", der spater noch einmal vorgenommen 
wurde, aber unvollendet blieb (Nottebohm, ,, Beethoveniana" II, S. 474). 
" Am 23. Januar 1823 schrieb der Meister fur ein Album, es ist das 
sp'atere Wimpfensche, einige Takte Musik zu den Worten „Der edle 
Mensch sey hulfreich und gut" in Anlehnung an Goethes Ge- 
dicht „Das Gottliche" und den Kanon „EdeI sey der Mensch, 
hulfreich und gut" fur Schlosser, ,,Worte von Goethe, Tone von 
Beethoven, Wien im Mai 1823" (siehe bei: Canones und: SchlOsser 
und Th.-R. IV, S.422). 

Frimmel, Beethovenhandbuch. I. 12 



178 Gottglaubigkeit 



Wiederholt dachte Beethoven daran, den „Faust" zu komponieren. 
Wie man weiB, zahlt der „Faust" zu den vielen Opernplanen Beet- 
hovens, die unausgefuhrt blieben. 

^ Gottglaubigkeit. In der nicht gerade einfach gestalteten Weltan- 
schauung, die bei Beethoven zu verschiedenen Zeiten vermutet werden 
kann, sticht als ziemlich bestandig die vielleicht unerschiitterliche 
Gottglaubigkeit hervor. Sie hangt offenbar mit der katholischen Er- 
ziehung zusammen, die er in Bonn erhalten hat. Er muBte dort mit 
alien Gebrauchen der Kirche wohlvertraut werden, da er doch in 
jungeri jahren als Hof organist die Messe musikalisch zu begleiten 
tiatte. Mit dem Katholizismus war auch der Gottesglaube gegeben. 
Nun mussen sich freilich, wie man aus manchem schlieBen kann, viele 
Veranderungen zeitweilig eingestellt haben. Bei Blochlinger auBerte 
Beethoven (es ist gut beglaubigt) einmal urn 1819: Christus ist doch 
nichts als ein gekreuzigter Jude, womit die Leugnung der Gottheit 
Christi klar genug ausgesprochen war. (Genaueres in Frimm.el, „Beet- 
hovenstudien" II. Bd., S. 117.) Ob man den Ausspruch verallge- 
meinern und auf andere Lebensperioden beziehen diirfe, ist aller- 
dings sehr fraglich. Zu beachten ist dabei Schindlers Beobachtung 
„Mit ziemlicher GewiBheit kann gesagt werden, daB seine religiOsen 
Anschauungen weniger auf Kirchenglauben beruhten, als vielmehr im 
Deismus ihre Quelle gefunden haben" (dem Sinne nach schon 
in der 1. Auflage S. 150, etwas erweitert in den Auflagen 3 und 4 II, 
S. 161). Vom Meister selbst war iiber Religion, die er wie den General- 
baB fur abgeschlossene Dinge hielt, iiber die man nicht reden solle, 
wenig zu erfahren. Wenn er sich in geistliche Kompositionen vertiefte, 
wie bei den zwei Messen, war er sicherlich im Sinne der Texte ein 
religioser Mensch, vielleicht sogar im katholischen Sinne. Da B er sojist 
iiber den Gottesbegriff viel nachgedacht hat, daB er in entfernten 
Literaturen, z. B. bei den AgypternV Indern nachgelesen hat, ist _e_r-_ 
wiesen, doch finden wir in den Aufzeichnungen von 1816 auch _die_ 
wichtige Stelle: „Gott ist immateriel, deBwegen geht er uber jeden 
Begriff; da er unsichtbar ist, so kann er keine Gestalt haben. Aber 
aus dem, was wir aus seinen Werken gewahr werden, kdnnen wir 
schlieBen, daB er ewig, allmachtig, allwissend, allgegenwartig ist." 
Oft^vendete sich der Meister auch in Bedrangnissen an Gott. Dies 
geht aus mehreren Stellen im Heiligenstadter Testament hervor. Man 
beachte auch die geistlichen Lieder nach Gellertschen Gedichten aus 
derselben Schaffenszeit. Das Suchen in fremden Literaturen ist unter 
anderm erwiesen durch die Abschrift einer Stelle aus Reinhold („Bruder 
Decius"), „die hebraischen Mysterien oder die alteste religiose Frei- 



Graetz — Graz 179 



maurerei" (Leipzig 1788): „Ich bin, was da ist. Ich binalles, wasist, was 
war und was sein wird. Kein sterblicherMenschhatmeinenSchleierauf- 
gehoben. Er ist einzig von ihm selbst, und diesem Einzigen sind alle Dinge 
ihr Dasein schuldig." Diese Satze sind von einem Tempel der Gbttin Neith 
in Sais genommen, und Beethoven hat sie sich abgeschrieben und rahmen 
lassen, um sie stets vor sich zu haben. (Die Quelle wurde durch Alb. Leitz- 
mann ermittelt. Vgl. „Beethovens pers6nlicheAufzeichnungen"Nr. 182, 
Leipzig, Inselverlag, ohne Jahr.) Was die franzosische Revolution 
nach Bonn und auch zu Beethovens BewuBtsein gebracht hat, ist bei 
Th.-R. besprochen und bei Neef in „Zeitschrift fur Musik" 1925, 
Heft 15, wo auch die Einflusse von Eulogius Schneider in Bonn er- 
ortert sind. Jedenfalls unterlag Beethoven im nachsten Jahrzehnt 
einer starken Gegenwirkung gegen die franzosische Aufklarung. In 
diesem Sinne sind doch wohl die Worte zu nehmen, die er (am 8. April) 
1802 an Hofmeister & Kuhnel nach Leipzig schrieb. Der Verlag wollte 
von ihm eine revolutionare Sonate. Beethoven will nicht: „ War's 
noch eine Missa pro Sancta Maria a tre voci oder eine Vesper — nun 
da wollt ich gleich den Pinsel in die Hand nehmen und mit groBen 
Pfundnoten ein Credo in unum hinschreiben." In Beethovens An- 
sichten, besonders ethischer Art, spielt auch I. Kant etwas herein, und 
auf eihef indischen Quelle notiert er 1816 „Zeit fjndet bei Gott nicht 
statt" (mit Anlehnung an Psalm 90, V. 4, vgl. Leitzmann, „Beet- 
hovens persOnliche Aufzeichnungen" Nr. 106, S. 28). 

Graetz bei Troppau. (Siehe bei: Lichnowski.) 

Graf, Konrad, Klavierfabrikant (geb. 1782, gest. 1851), Kunst- 
freund. Fur Beethoven bemerkenswert dadurch, daB er dem Meister 
in dessen letzten Lebensjahren ein Klavier zur Verfiigung stellte, be- 
ziehungsweise lieh. Es ist noch erhalten und kam nach mehreren 
Wanderungen 1889 ins Beethovenhaus nach Bonn. 

(Die Literatur dariiber bei Frimmel, „Beethovenstudien" Bd. II 
mit Abbildung des Flugels. Zu Graf: Frimmel, „Lexikon der Wiener 
Gemaldesammlungen" Bd. II, Abschnitt Graf.) 

Graz. Die alte steiermarkische Hauptstadt verfugte iiber ein leb- 
haftes Musiktreiben, besonders in den Zeiten, als Beethoven mittel- 
bar — nicht persbnlich — und Schubert — dieser auch personlich — 
daran Anteil nahmen. Beethovens Ruhm und sein Wohltatigkeitssinn 
ftihrten zu einer engen, wenn auch vorubergehenden Verbindung des 
Meisters mit Graz. Der dortige Professor Julius F. B. Schneller, der 
mit Beethoven im Wiener Gleichensteinkreise bekannt geworden sein 
dtirfte, und der Grazer Hofkammerprokurator Jos. v. Varena, den 
Beethoven in Teplitz 1811 kennen gelernt hatte, bildeten-ohne Zweifel 

12» 



180 Graz 

die Vermittler und gewannen den Meister fur das Leihen vieler seiner 
Werke aus der angedeuteten Periode zu Wohltatigkeitskonzerten in 
Graz. Schon in einer Akademie, die am 25. Juli zu Schnellers Ehren 
gegeben wurde, glanzte Beethovens Pastoralsymphonie als Haupt- 
nummer. Die Wiederholung dieser Akademie am 8. Oktober desselben 
Jahres 1811 wurde zugunsten des Konvents und Spitals der Elisa- 
bethinerinnen in Graz veranstaltet und hatte einen bemerkenswerten 
Gelderfolg. Durch Varena aufgefordert, sandte Beethoven ohne An- 
spruch auf Bezahlung der Reihe nach viele eigene Arbeiten nach Graz, 
so die gedruckte Partitur des Oratoriums „Christus am Olberge" und 
die der „Chorfantasie". Diese wurde durch die junge, sehr begabte 
Marie Koschak vorgetragen (es ist die spatere Pachler-Koschak). Die 
Akademie mit diesen Werken fand am 22. Dezember 1811 statt. 
(F. Bischoff in Graz hat den Spielplan mitgeteilt und iiberdies die 
weiteren Sendungen Beethovens fur die Wohltatigkeitskonzerte in 
Graz an der Hand von Briefen an Varena und Rettich auseinander- 
gesetzt.) Beethoven erwies sich stets sehr entgegenkommend, auch fur 
die Ostersonntagsakademie vom 29. Marz 1812. Musikdirektor Ed. Hy- 
sel leitete die Auffuhrungen. Als Chordirektor wird Heimrich genannt. 
Die Nonnen sandten dem Meister „gute Sachen" zum Naschen, fur 
die er in einem Briefe vom 19. Juli 1812 den „wiirdigen Frauen" 
danken laBt. Man ersucht nochmals um Werke und bietet eine Be- 
lohnung von seiten eines dritten reichen Kunstfreundes. Hinter diesem 
darf wohl der ehemalige Konig von Holland vermutet werden, der damals 
bei Graz lebte und sehr viel mit Schneller verkehrte. Beethoven weist 
dies zuriick und laBt nur den Gedanken durchscheinen, in Graz eine 
Akademie zu seinen Gunsten geben zu wollen. Nur die Kopiaturkosten 
rechnete er an. Dem Entgegenkommen Beethovens verdankten die 
Grazer noch zwei Akademien, die 1813 stattfanden. Die Grazer Aka- 
demie vom 6. Juni jenes Jahres bildete den AbschluB jener Wohltatig- 
keitskonzerte, fur die Beethoven so hochherzig mitgewirkt hatte. Die 
Veranstalter der Akademien sandten dann an den Meister 150 Fl., die 
Nonnen ein Miniaturgemalde in vergoldetem Ebenholzrahmen, wofiir 
Beethoven aus Baden am 4. Juli 1813 dankte. Die Moglichkeit eines 
Besuches in Graz wird vom Meister erwahnt, doch ist er weder damals, 
noch spater dahin gereist. 

Noch sei auf die Namen Anselm Hiittenbrenner und Joh. Bapt. Jenger 
hingewiesen, die engstens mit Graz zusammenhangen. Auch sei noch 
die Ernennung Beethovens zum auswartigen Ehrenmitglied des steier- 
markischen Musikvereins angemerkt, die 1821 beschlossen wurde, und 
deren Diplom das Datum l.Janner!822 tragt. 



Griesinger — Grillparzer 181 



(Vgl. F. Bischoff, „Beethoven und die Grazer musikalischen Kreise" 
im ersten „Beethovenjahrbuch" I, S. 6 — 27. Siehe auch bei: Attems, 
Hiittenbrenner, Hysel, Jenger, Mitleid, Pachler, Schneller, Wohl- 
tatigkeit.) 

Griesinger, Georg August v. (gest. 1828). Musikliebender Zeitgenosse 
Beethovens, den er schon in seiner Jugend kennen lernte. Spater 
Legationsrat bei der sachsischen Gesandtschaft in Wien. Die Be- 
ziehungen scheinen bis in die 1820er Jahre etwas gelockert worden zu sein. 
Dann, am 17. Juni 1822, schrieb Griesinger, angeregt durch Breitkopf 
& Hartel, an Beethoven, ob dieser nicht einen Opernstoff (der nicht 
genannt wird) komponieren wolle. Beethoven antwortete: „Mit Ver- 
gniigen empfange ich von ihnen einige Zeilen, und sobald ich in die 
Stadt komme, werde ich Sie besuchen, Schon seit 5 Monathen krank- 
lich kann ich nur sparsam mit der Ausbeute meiner Kunst seyn — 
mich hat es recht gefreut, etwas von ihnen zu horen, dem verdienst- 
vollen (uberhaupt — und insbesondere in Haidns Lebensbeschrei- 
bung) Manne — 

Hochachtungsvoll 

ihr Ergebenster Beethoven" 

(Mitgeteilt in „Zeitschrift fur Musikwissenschaft" April 1920, S. 427, 
durch G. Kinsky). Das Schreiben fallt wohl noch in den Juni 1822 
und diirfte auf dem Lande in Baden (nicht in Modling, wie Kinsky 
annimmt) geschrieben sein. Dazu auch „Osterreichische Rundschau" 
1. August 1920, wo das Briefchen wiederholt ist. 

Bemerkenswert ist, daB Beethoven die Schreibung des Namens 
Haydn verfehlt. Die Anspielung auf Griesingers Haydnbuch von 1810 
ist wohl allgemein verstandlich. Am 7. Januar 1823 schreibt Beethoven 
dann wieder an Griesinger, und zwar erbittet er Rat wegen der Ver- 
sendung der Messe. Es mag Griesingers Vermittlung zugeschrieben 
werden, wenn bald danach eine Abschrift der groBen Messe beim 
sachsischen Hof abgesetzt wurde. Ein weiterer Brief an Griesinger 
vom 20. November 1823 wurde durch La Mara bekanntgemacht in 
„Klassisches und Romantisches". (Dazu Th.-R. II, S. 69 und IV 
nach Register.) 

Grillparzer, Franz, der beriihmte Dichter, besonders Dramatiker 
(geb. zu Wien 1791, gest. ebendort 1872). Er gehorte zu den meist- 
bedeutenden Zeitgenossen Beethovens. — Als Sohn eines wohlhaben- 
den Wiener Rechtsfreundes widmete er sich zwar dem Rechtsstudium, 
das er 1811 vollendete, doch war die Beamtenlaufbahn seiner Natur 
nicht gemaB. Sie fuhrte auch zu keinen besonders bemerkenswerten 



182 Grillparzer 



Erfolgen (Grillparzer trat 1813 bei der K. K. allgemeinen Hofkammer 
in Staatsdienste, wurde 1824 Hofkonzipist, 1833 Archivdirektor, 
trat 1856 mit dem Titel Hofrat in den Ruhestand). Die bewunderns- 
werte dichterische Begabung trat allmahlich hervor, auch in den Zeiten 
mancher Bedrangnis, nachdem die Familie um ihr altes Vermogen 
gekommen war. Unter schwerem Ringen kamen die ersten Dramen 
an die Offentlichkeit, die noch der Zeit Beethovens angehoren, also 
die „Ahnfrau" (1817), die „Sappho" (1818), das „Goldene VlieB" 
(1822), „Kbnig Ottokars Gltick und Ende" (1825). Bei Grillparzer 
war es mehr ein Innenleben als ein Wirken nach auBen. Sein Tem- 
perament kann als melancholisch-sanguinisch bezeichnet werden. 
Der Dichter war echt musikalisch begabt und so weit in die Musik- 
theorie eingefuhrt, daB er selbst schopferisch tatig war. Einige Kom- 
positionen sind erhalten. Er spielte gern Klavier, fantasierte oft 
stundenlang, er sang und war etwas mit der Violine vertraut. Mit 
seiner Mutter (sie starb 1819), spater mit anderen, z. B. Caroline Pichler 
und bei Frohlichs, tibte er das Vierhandigspielen, wobei auch Beetho- 
vensche Symphonien vorgenommen wurden. (Vgl. Eduard Hanslick 
in ,,Musikalische Stationen", der modernen Oper II. Teil, Kapitel 
„Grillparzer und dieMusik", ursprunglich in der „Neuen freien Presse", 
auch Kurt Borries, ,, Grillparzer und die Oper" in ,, Deutsche Rund- 
schau" September 1923. „Grillparzerjahrbuch" Bd. IV.) 

Die Musik hat fur Grillparzers Leben und Schaffen groBe Bedeutung 
und riB ihn gelegentlich aus geradewegs krankhaften Verstimmungen 
heraus. Deren gab es genug. 

Alles kilnstlerische Schaffen, nicht zuletzt das schriftstellerische, 
stand damals bekanntlich unter dem Druck der Zensur, und besonders 
Grillparzer hatte darunter schwer zu leiden. Auch in Beethovens 
Leben ist durch diese Einrichtung im vormarzlichen Wien gelegentlich 
StSrung gekommen. Die Zeit, die den noch jungen Grillparzer mit 
Beethoven zusammenfuhrte, gehOrt mit zu den Perioden, in denen der 
Dichter am meisten zu leiden hatte. Indes gab es doch groBe Erfolge 
auf der Biihne, und diese konnten dem Komponisten nicht verborgen 
bleiben. Denn dieser suchte schon lange nach einem brauchbaren 
Libretto (siehe: Opernplane). So stellte sich denn eine Verbindung der 
beiden Manner ein, die, beide in den Kreisen hoher Bildung lebend, 
viele gemeinschaftliche Bekannte hatten. Es sei nur an Schreyvogel 
(West) erinnert, an Jos. Sonnleithner, die Grafen M. Dietrichstein und 
Moritz Lichnowski. Die Kreise der beiden GroBen tiberschnitten 
sich. Bei Sonnleithner sah 1805 der junge Grillparzer den Meister in 
einer musikalischen Unterhaltung zugleich mit Cherubini und Abt 



Grillparzer 183 

Vogler. Wenig spater, 1807 oder 1808, als der nachmalige Dichter 
noch in den Flegeljahren gewesen, wohnten Grillparzers und der 
Meister fiber Sommer in demselben Hause zu Heiligenstadt, woruber 
spaterhin Grillparzer berichtete. Es war in dem Hause Nr. 8 der 
GrinzingerstraBe. (Hierzu Kastners ,, Wiener musikalische Zeitung" 
IV. Bd. Nr. 27 und 28 vom 11. und 19. Mai 1887. Frimmel, „Beethoven 
in Heiligenstadt".) 

- Den HauptanlaB zu einem eigentlichen Verkehr des Meisters mit 
dem nunmehr herangereiften Dichter und zu einem neuerlichen Suchen 
Beethovens nach einem Operntext bildete die Wiederauffiihrung des 
,,Fidelio" im November 1822. Fur die Hauptdarstellerin Wilhelmine 
Schroder hatte Beethoven die Zusage geleistet, eigens fUr sie eine Oper 
zu schreiben. Aus Leipzig von Breitkopf & Hartel kam durch Grie- 
singer eine Anregung zum Schaffen einer neuen Oper. Bruder Johann 
wies auf Kind, den Textdichter Webers, hin, auf Rossinis Erfolge. 
Von anderen Seiten wird dieser und jener Vorschlag gemacht, Spor- 
schills ernste Oper ,,Die Apotheose im Tempel des Jupiter Ammon" 
wird von Beethoven durchgesehen und mit Notizen versehen, iibrigens 
sollte die Musik zu den ,,Ruinen von Athen" dazu wiederholt werden. 
Einige Oratorien, als geistliche Dramen, tauchen unter den beabsich- 
tigten Neuschopfungen auf, in erster Lihie Bernards „Sieg des Kreuzes". 
,,Da verfiel Graf Lichnowski Anfang Februar (1823) darauf, Grillparzer 
urn eine Operndichtung anzugehen "(nach Aug. Sauer). Ein Gesprach 
vom 9. Februar 1823 (Sauer Nr. 308, S. 375) konnte die erste Er- 
wahnung Grillparzers im gegebenen Zusammenhang sein. Beethoven 
beabsichtigte um jene Zeit, Grillparzer zu besuchen. Man beachte, 
daB damals von zwei Opern die Rede war. Grillparzer in seinen 
„Erinnerungen an Beethoven" erzahlt, daB Graf Moritz Dietrichstein 
ihn aufgefordert habe, ein Opernbuch fur Beethoven zu schreiben. 
Sauer vermutet, daB Lichnowski der Anreger und Dietrichstein der 
Vermittler gewesen. Grillparzer willigte nach einigem Zogern ein. 
Er wahlte von den dramatischen Stoffen, die er im Auge hatte, die 
,,Melusina". Ein „halb-diabolischer" anderer Stoff, wie es scheint, 
ist „Drahomira" gemeint, und „Des Lebens Schattenbild" blieben bei- 
seite. Eine „Melusine" war schon 1817 von Grillparzer beabsichtigt. 
Es sollte ein Kinderballett werden (nach Sauer Nr. 314, S. 179 und 
Nr. 355, S. 219). Als Opernbuch muBte die „Melusine" eine andere 
Gestalt bekommen. Es wurde rasch, ja fluchtig gearbeitet, und am 
4. und 5. Marz 1823 weiB Castelli in der „Dresdener Abendzeitung" 
zu melden, daB die „Melusine" „geschrieben" sei (nach Sauer). Vor- 
laufig war die Verbindung eine mittelbare, und Schindler besorgte die 



184 Grillparzer 



Vermittlung. Endlich kam es aber zu Besuchen Grillparzers bei 
Beethoven, die durch den Dichter getreulich offenbar wahrheitsgemaB 
erzahlt werden. Nur verwechselt er die fruhere Wohnung auf der Laim- 
grube in der Pfarrgasse zunachst mit der Wohnung in der Ungargasse 
(heute 5), in welcher er den Komponisten erst spater nochmals auf- 
suchte. Die Musik zur „Melusine" sollte sogleich begonnen werden. Im 
Laufe des Sommers 1823 besuchte Grillparzer den Meister in Hetzen- 
dorf. Aus Beethovens Gesprachsbiichern entnimmt man, daB Grill- 
parzer einmal fragte: ,,Sind Sie noch immer der Meinung, daB statt des 
ersten Chores in unserer Oper etwas anderes substituiert werden 
sollte" (Sauer Nr. 196, S. Iff.). Erwahnenswert ist es, daB Grillparzer 
schon damals, offenbar durch eine AuBerung Beethovens angeregt, 
den Gedanken des Leitmotivs ausspricht: ,,lch habe mir iiberhaupt 
gedacht, ob es nicht passend ware, jede Erscheinung oder Einwirkung 
Melusinens durch eine wiederkehrende leicht [zu] fassende Melodie zu 
bezeichnen. Konnte nicht die Ouverture mit dieser beginnen, und 
nach dem rauschenden Allegro auch die Introdukzion durch diese selbe 
Melodie gebildet wird". Beethoven muB also vorher eine Wiederholung 
eines Melusinengesanges schon angedeutet haben. Was er mundlich 
geantwortet hat, ist nicht bekannt. Grillparzer schreibt dann hin: 
,, Diese Melodie habe ich mir als diejenige gedacht, auf welche Melusine 
ihr erstes Lied singt." Beethoven, bekanntlich mit den Variationen 
fiber Diabellis Walzer beschaftigt und mit der Vollendung der Neunten 
und anderem, hatte die „Melusine" noch nicht in Angriff genommen. 
Noch ist nebenbei von „Drahomira" die Rede. Grillparzer notiert einmal : 
„Ihre Musik bleibt uns doch ganz unbegreiflich", was sich verschieden- 
artig deuten laBt. Privatverhaltnisse werden berUhrt. Nach dem 
Besuch in Hetzendorf trat eine wie es scheint mehrmonatliche Pause 
ein. Grillparzer sah sich hingehalten und kam eine Zeitlang nicht 
wieder (Schindler im Gesprachsheft, Th,-R., „Beethoven" IV und V). 
Die dritte Zusammenkunft fand im Januar 1824 in Beethovens 
Wohnung (Ungargasse, heute Nr. 5) statt. An der ,, Melusine" verlangt 
Beethoven Anderungen, und Grillparzer erklart sich zu allem bereit. 
Auch Oratorientexte werden besprochen, und der Dichter lehnt einen 
„Messias"-Stoff ab. ,,Eigentlich kann man ja Jesus Christus nicht musi- 
kalisch ausdriicken. Die Musik muB Schmerz ausdriicken, mensch- 
lichen Schmerz, wo bleibt da der Gott?" Von einer „Judith" ist die 
Rede. ,,Drahomira" wird wieder besprochen. Zensurstreitigkeiten 
wegen „Ottokars Gliick und Ende" kommen zur Erorterung. Durch 
Rellstab wissen wir, daB im April 1825 bei Beethoven keine Geneigt- 
heit mehr vorhanden war, die ,, Melusine" zu komponieren. Im September 



Grillparzer 185 



jenes Jahres hatte er die „Melusine" so weit aufgegeben, daB sie nur 
voriibergehend wieder erwahnt wurde. Gelegentliche Begegnung ist be- 
glaubigt. Die letzte wirkliche Unterredung Grillparzers mit Beethoven 
fand am 8. April 1826 statt. ,,Spater sah ich ihn — ich weis nicht 
mehr wo — nur noch einmal wieder", sagt Grillparzer in seinen „Erinne- 
rungen". Offenbar war das im Gasthaus „Zur Eiche" auf der Brand- 
statt, das Beethoven in jener Zeit Samstags abends zu besuchen 
pflegte, und in welchem Grillparzer Stammgast war. Beethovens 
Gesprachshefte haben einiges von der Unterhaltung iiberliefert, aus 
der hervorgeht, daB Grillparzer durch die Zensurqualereien schwerst 
getroffen war und alle Arbeitslust verloren hatte : „Die Zensur hat mich 
umgebracht" — ,,Ich habe das Ungliick, hypochondrisch zu sein". — 
Bose Zeiten waren es fiir den Dichter. Beethoven spricht ihm zwar 
Mut zu. Aber der Meister selbst schwankte schon dem Grabe zu, und 
so ist denn die Grillparzersche „MeIusine" von Beethoven nicht mehr 
komponiert worden. Vielleicht war eine gegenseitige Verstandigung 
iiberhaupt nicht mOglich gewesen. Grillparzer war allerdings (iberaus 
musikbegabt, wie schon erwahnt, aber von einem besonderen Ver- 
standnis fur Beethovens Musik ist nichts zu finden, auch nicht fur 
Beethovens PersOnlichkeit. Ober eine fast etwas kiihle Hochschatzung 
ist die Zuneigung zum Komponisten kaum hinaufgestiegen. Wie so 
haufig, wirkten Beethovens Wunderlichkeiten hemmend auf die Ent- 
wicklung einer echten Freundschaft. Man erinnere sich an die Ge- 
schichte mit dem Fuhrlohn, die Grillparzer in seinen „Erinnerungen" 
mitgeteilt hat, und die so oft nacherzahlt worden ist, daB sie hier wohl 
wegbleiben kann. — Wie sich die „Melusinen"-Episode in Grillparzers 
Denken umgestaltet hatte nach etwadreiBig Jahren, entnimmt man einem 
Brief e des Dichters vom 13. Juni 1857. Der Empfanger ist unbekannt. 
Grillparzer schreibt: „Hochgeschatzter Herr! Eben auch im Begriff, 
eine Badereise anzutreten, schreibe ich Ihnen mit ein paar Worten, 
daB mein Operntext Melusine bei Wallishauser in Wien gedruckt und 
dort fiir ein paar Groschen zu haben ist. Dieser Text dtirfte Ihnen 
tibrigens nicht zusagen. Er ist auf Aufforderung Beethovens und 
zu einer Zeit geschrieben, als dieser schon vbllig taub und daher nach 
meinem Urteil gar nicht mehr fahig war, eine eigentliche Oper zu 
schreiben, daher auch den Choren und der bloB die Handlung be- 
gleitenden Instrumentalmusik ein viel zu groBer Spielraum eingeraumt 
wurde. Er war iibrigens vielleicht darum damit zufrieden und hatte 
bereits seinen Kontrakt mit der Direktion der Wiener Oper gemacht, 
als eine Auflosung des damaligen Theaterpachtes die Sache riick- 
gangig machte und die Oper liegen blieb." (Mitgeteilt von Carl Glossy 



188 GroBmann-Helmuthsche Theaterleitung — Guicciardi 

GroBmann-Helmuthsche Theaterleitung in Bonn. 1778 forderte der 
Kurfurst Max Friedrich die leitenden Mitglieder der Seylerschen 
Truppe GroBmann und Helmuth auf, in Bonn eine Gesellschaft zu 
bilden und zu leiten, damit „die deutsche Schauspielkunst zu einer 
Sittenschule fur sein Volk erhoben werden mochte" (Th.-R. I, S. 74 
nach J. Wolter in den „Rheinischen Geschichtsblattern" 4. jahrg., 
S. Iff. Siehe auch L. Schiedermair, „Der junge Beethoven" [1925] 
nach Register. Im genannten Buch auch ein Bildnis GroBmanns.) 
Dies geschah, und am 26. November desselben Jahres war die 
erste Vorstellung, die ein GroBmannsches Trauerspiel und ein 
Lustspiel von Ayrenhofer brachte. Madame GroBmann sprach einen 
Prolog. Die besten Krafte der Seylerschen Truppe waren aus Dresden 
mitgekommen. Die Musik war die des kurftirstlichen Orchesters. 
GroBmann und dessen Frau werden im Fischerschen Manuskript als 
„erste und intime Freunde" bei Johann van Beethoven genannt. So 
kam also wohl der junge Ludwig schon fruh in den GroBmannschen 
Kreis. 1783 wurde GroBmanns Vertrag geandert. Seine Truppe war 
machtig angewachsen, ,,aus besonderen Gnaden" wurde „dem Directeur 
vergOnnet, einige Sommermonate mit der Gesellschaft an andern Orten 
zuzubringen". GroBmann blieb einige Zeit in Frankfurt, wahrend 
seine Frau im Herbst jenes Jahres die Leitung des Bonner Theaters 
besorgte; als „Musikdirector" wirkte C. G. Neefe. Frau GroBmann 
starb unvorhergesehen am 29. Marz 1784. Belderbusch war im Januar 
jenes Jahres gestorben, und nun ging noch der KurfUrst Max Friedrich 
mit Tod ab (am 15. April), womit fur die GroBmannsche Leitung die 
Katastrophe unvermeidlich War. Die Hofschauspielergesellschaft 
wurde entlassen mit einem vierwochentlichen Gehalt. Zunachst 
folgte an GroBmanns Stelle Johannes Bohm, der seine Leute aus 
Frankfurt mitbrachte. Von nun an erscheint GroBmann nur mehr 
vorubergehend in Bonn. 

GroBvater. (Siehe: Stammbaum.) 

Gruben, Familie von. Vornehmes rheinisches Geschlecht, musik- 
liebend. Beethoven, Vater und Sohn, verkehrten dort zugleich mit 
Rovantini (Th.-R. I, S. 464 und neuestens Schiedermair, „Der junge 
Beethoven"). 

Guicciardi, Giulietta, Graf in (geb. 1784, gest. 1856). Als Madchen 
eine frische, anmutige Erscheinung, die jedenfalls auf Beethoven einen 
tiefen Eindruck gemacht hat. Sicher aber ist sie nicht die „Unsterb- 
liche Geliebte". Der etwa 30jahrige Meister lernte sie im Brunsvik- 
schen Kreise um 1800 kennen. Beethoven erteilte ihr Unterricht auf 
dem Klavier, woriiber ihre eigenen Erinnerungen bekannt sind. 1803 



Gyika — Gyrowetz 189 



vermahlte sie sich mit dem Grafen Wenzel Robert Gallenberg, mit 
dem sie bald danach Wien fiir lange Zeit verlieB. Vorher aber noch 
in Wien verkehrte Beethoven auch bei Gallenberg, und Josefine Bruns- 
vik schreibt daruber wiederholt an ihre Schwester Therese. Giulietta 
ging mit Gallenberg nach Italien. Nach ihrer Riickkehr scheint sie 
sich dem Meister wieder genahert zu haben, doch wies sie dieser zuriick. 
Diese Angelegenheit ist bei Schindler eingehend behandelt, der die 
Comtesse Guicciardi fiir die unsterbliche Geliebte hielt. 

(Seit Schindler haben fast alle Beethovenschriften sich mit der 
Comtesse Guicciardi beschaftigt in verschiedenem Sinne. Siehe bei: 
,, Unsterbliche Geliebte". Bildnisse Giuliettas sind erstmalig ver- 
offentlicht in J. J. Webers „Illustrierter Zeitung", Leipzig, 1. August 
1891, Nr. 2509, mit Text von La Mara. — Thayers erste Auflage und 
die von Riemann sind wesentlich verschieden. — Ober die Be- 
suche Beethovens bei Gallenberg vgl. A. de Hevesi, „Les petites amies 
de Beethoven", S. 30ff.) 

DaB die Cis-Moll-Sonate der Comtesse Guicciardi gewidmet ist, sei 
in Erinnerung gebracht. 

Gyika de DSsanfalva, ungarische Adelsfamilie, mit der Beethoven 
in Wien durch Ant. Halm bekannt wurde. Frau Anastasia Gyika 
war eine geborene Dadanyi, wie es auf der Widmung des Halmschen 
Op. 33 von 1819 angegeben ist. Eine Baronin Anne Duka de Kdddr, 
nee Gyika de DSsdnfalva kommt vor in der Widmung des Trios Op. 57 
von Ant. Halm. Als Beethoven bei Gyikas zu Besuch war, spielte sich 
die Geschichte mit ^iem ,,Strohhalm" ab, die wir in Halms Lebens- 
abriB kennen lernen werden. 

Gyrowetz, Adalbert, Musiker (geb. 1763 zu Budweis in Bohmen, 
gest. 1850 zu Wien). Erhielt seine Ausbildung in Neapel, war dann 
in Paris und London. 1804 wird er Hof kapellmeister und Dirigent 
der Hofoper. Eine gewandte, wohl nicht ganz gerade Natur, die gewiB 
kein ausreichendes Verstandnis fiir Beethovens hohe Kunst hatte. 
Die vielen Opern, Ballette und anderen Werke, die sein leichtfliissiges, 
aber nicht tiefes Talent hervorbrachte, konnten einem Beethoven 
keine Bewunderung abnotigen, und so ist es denn begreiflich, wenn 
Beethoven und Gyrowetz ' keinen Freundschaftsbund geschlossen 
haben. Dolezalek erzahlte, als er sich das F-Quartett kaufte, habe 
Gyrowetz gesagt: Schade um das Geld! und Beethoven spSttelt in 
einem Brief an Treitschke iiber eine neue Oper von Gyrowetz. DaB 
Gyrowetz unter den acht Kapellmeistern war, die bei Beethovens 
Leichenbegangnis die Bartuchzipfel hielten, beweist nichts fur irgend- 
welche besondere Freundschaft. 



190 Haare — Hande 



(Zu Gyrowetz eine Reihe von Musiklexika, darunter auch das H. 
Riemannsche, wo die Autobiographic Gyrowetz' mit benutzt ist. Des 
besonderen Th.-R. I, II, III und V. Einiges Anekdotenhafte bei 
Hanslick, „Aus meinem Leben".) 

H. 

Haare. Beethovens Haare waren ganz dunkel, wie der Ausdruck 
lautet „schwarz", Uberaus dicht, niemals lang herabhangend, etwa 
gar schlicht, sondern eher struppig und lange Zeit halb kurz geschnitten. 
Die alte franzOsische Haartracht mit dem ZOpfchen (dieses gehOrte 
wohl zur Periicke), wie er sie in seiner Bonner Zeit fiir die Gala kennen 
lernen muBte, wurde jedenfalls unter dem EinfluB der revolutionaren 
Bewegung auch am Rhein bald aufgegeben. In Wien sah man ihn 
1795 schon sicher ohne Periicke. .Frau Bernhard Kissow erinnerte sich, 
daB sein Haar ,,ganz dunkel" war (siehebei: Bernhard). Urn 1800 
war der junge Meister a la Titus f risiert, also ziemlich kurz geschnittenen 
Haares (iiber diese Tracht vgl. Frimmel, ,, Beethoven im zeitgenossi- 
schen Bildnis"). „Das pechschwarze Haar straubte sich zottig" urn 
den Kopf (nach der Erinnerung des jungen Karl Czerny). Um 1805 
hielt er auf gepflegtere Haartracht. So lehren es die zwei Bildnisse 
von NeugaB und die Zeichnung von L. Schnorr von Karolsfeld. Nach 
Grillparzers Beschreibung hatte Beethoven 1804/05 schwarzes wirres 
Haar. Die phantastische Bettina, die ftir eine niichterne Beobachtung 
niemals getaugt hat, sagt um 1800, Beethoven hatte „schwarze 
Haare" gehabt, „sehr lang, die er zuriickschlagt". Auf alien echten 
Bildnissen sind die Haare dunkel. 1817 bemerkt der junge Karl 
Friedrich Hirsch, der einige Lektionen bei Beethoven erhalten hat, 
daB die Haare „meliert" waren, das heiBt, daB man unter den dunklen 
auch schon einige graue fand. Das Erbleichen der Haare, sicher zuerst 
an den Schlafen, und einiger Haarschwund kamen mit den schweren 
Erkrankungen der Spatzeit so ziemlich gleichzeitig heran. Demnach 
sind die erhaltenen Haarbuschel, die in nicht geringer Zahl vorhanden 
sind, nicht alle gleich gefarbt, je nach dem Zeitpunkt, wann und nach 
der Kopfstelle, von der sie genommen worden sind. Die Locken, die 
man von der Leiche abgeschnitten hat, konnen fast weiB genannt 
werden. (Dazu „Beethovenstudien" Bd. I, S. 162, Frimmel, ,,Beet- 
hoven-Jahrbuch" I, S. 134 und II, S. 324, und desselben „Beethoven 
im zeitgenossischen Bildnis" passim, ferner im Abschnitt : Halm. Vgl. 
auch die Abschnitte: AuBere Erscheinung, Bildnisse und: Locken.) 

Hande. Beethovens Hande kommen nur auf zwei Bildnissen vor, 
auf dem ersten Mahlerschen (dem mit der Lyra bei Heimler in Wien) 



Hande 191 

und auf dem Stielerschen (mit der Missa solemnis bei Herrn Geh.-Rat 
Hinrichsen in Leipzig). In beiden Fallen miissen wir ein Idealisieren 
durch den Kiinstler annehmen, doch sind die Hande auf dem ersten 
Mahlerschen Bildnis jedenfalls naturgetreuer wiedergegeben als auf 
dem Stielerschen. Denn von diesem hat Stieler selbst eingestanden, 
daB die Hande aus dem Gedachtnis fertig gemalt worden sind. So 
damenhaft zarte Hande hat der knochig gebaute Meister gewiB nicht 
gehabt. Nach Czernys Beschreibung um 1800 waren seine Finger 
sehr kraftig, nicht lang und an der Spitze „breitgedruckt". 
Diese Form will Czerny vom vielen Spielen in Beethovens Jugend 
ableiten, was denn doch etwas fraglich ist, aber hier verzeichnet werden 
soil. „. . . er [Beethoven] sagte mir [dem jungen Czerny] oft, daB er 
in seiner Jugend ungeheuer oft, meistens bis spat iiber Mitternacht 
exerciert hatte". Von Bedeutung ist die bestimmte Erinnerung des 
Schulers Karl Friedrich Hirsch aus der Zeit von 1816 auf 1817, daB die 
Hande Beethovens „grob und dick" gewesen sind. „Die Finger waren 
kurz. Die Venen auf dem Handrticken dick. Die Nagel kurz ge- 
schnitten." — DaB die Hande von Danhauser in der Sammlung Artaria, 
die fur die Hande Beethovens galten, nur miBverstandlich als solche 
angesehen werden, ist schon bekannt. Wenigstens sind diese Abbil- 
dungen nicht beglaubigt. Im ganzen wolle man beriicksichtigen, daB 
bei Beethovens nachweisbar knochigem Korperbau auch die Hande 
eher derb als zart geformt gewesen sein miissen. (Frimmel, „Beethoven- 
studien" I, S. 153 usw. Siehe auch bei: Klavierspiel.) 

Bemerkenswert sind einige Erkrankungen, die Beethoven an seinen 
Handen durchgemacht hat. 1808 litt er z. B. an einem Panaritium 
(Fingerwurm genannt), einem bOsen Zustand, der Fieber und viele 
Schmerzen verursacht. In den Nachtragen zu den „Biographischen 
Notizen" vonWegeler und Ries (S. 13) teilt der erstgenannte nach einem 
Briefe St. v. Breunings vom Marz 1808 mit: „Beethoven hatte bald 
durch ein Panaritium (Fingerwurm) einen Finger verloren, jetzt geht 
es ihm indessen wieder ganz gut. So entging er einem groBen Ungluck, 
welches verbunden mit seiner Schwerhorigkeit, jede, ohnedies selten 
auftretende gute Laune ganz erstickt haben wurde." (Dazu auch 
Th.-R.III, Frimmel, ,,Beethovenstudien" II, derselbe im ,, Beethoven" 
mit Hinweis auf einen Brief an Oppersdorf, ferner Senfs ,,Signale" 
1880, Nr,46.) 

In einem Brief an Collin schreibt er: „. . . mein armer Finger hat 
gestern eine starke Nageloperation durchmachen miissen, gestern als* 
ich ihnen schrieb, sah derselbe sehr drohend aus, heute ist er vor 
Schmerz ganz schlaff". (Th.-R. II, S. 69.) 



192 Handel — Halm 



Im Jahre 1825 verbrannte sich Beethoven die Hand so sehr, daB 
er im Schreiben gehindert war. Von einem Unbekannten lieS er an 
Ferdinand Ries damals nach Bonn schreiben in musikalischen Angelegen- 
heiten. Er konne fur schone Antrage nicht danken „heute einer 
verbrannten Hand wegen". Die Stelle wird hier hervorgehoben. 
(Vgl. „Vierteljahrsschrift fur Musikwissenschaft" I, Heft 1 — fehlt bei 
Kalischer, Prelinger Nr. 862, Kastner 1271.) 

Handel, Georg Friedrich (geb. Halle a./S. 1685, gest. in London 1759), 
der beriihmte Altmeister. Fur Beethoven war er jederzeit ein Kunstler, 
den dieser bewundernd verehrte und gelegentlich fiir den grbBten Kom- 
ponisten „der je gelebt" erklarte (AuBerung gegen Stumpff 1824). In 
mancher Beziehung wurde er Vorbild fur Beethoven. (Siehe oben: 
Anklange an altere Meister.) 

Haitzinger, Anton, Tenorist am Wiedener Theater, der in der groBen 
Akademie von 1824 mitwirkte (Th.-R. V, S. 85 und 97). Um jene 
Zeit wohnte Haitzinger „Auf dem Schottenfeld" Nr. 206 (nach Bockh). 

Haring, Johann. Wiener Kaufmann, der sich zu Beethovens 
Zeiten als Musiker auszeichnete und die vornehmen ,,Liebhaber-Kon- 
zerte" anfangs leitete, die 1807 begonnen wurden. Haring war ein 
vorzUglicher Geiger und mit den englischen Verlagsverhaltnissen 
wohlvertraut. Er konnte dem Meister wiederholt beim brieflichen 
Verkehr mit Birchall und Neate 1816 behilflich sein. Er war es auch, 
der den Englander Neate bei Beethoven in Wien 1815 eingefuhrt 
hatte. Thayer deutet an, daB Beethovens Bekanntschaft mit Haring 
bis 1794 zuruckreiche (Th.-R. II, S. 122 und III, nach Register). 

Halm, Anton (geb. zu Wies in Untersteiermark 1789, gest. zu Wien 
1872), Musiker, Tonsetzer, Klavierspieler, mit Beethoven bekannt, ja 
befreundet. Nach dem, was Thayer noch von Halm selbst erfragen 
konnte, hatte Halm schon als ganz junger Mensch, noch vor dem 
Militardienst, einige Kompositionen Beethovens offentlich gespielt, 
so das C-Moll-Trio aus Op. 1 und das Klavierkonzert in C-Dur. In 
Graz, wo er seine Ausbildung fand, lernte er auch andere Werke 
des Meisters kennen. Um 1811 konzertierte er schon mit bedeutendem 
Erfolg in Graz. Um 1813 lebte Halm lange Zeit in der ungarischen 
Adelsfamilie Gyika de DSsanfalva, die dann auch durch mehrere Wid- 
mungen Halms ausgezeichnet wurde. Sein Op. 12, 33, 37 und 57 sind 
mehreren Mitgliedern dieser Familie gewidmet. Bei Gyikas lernte 
Halm Fraulein Sebastiani, seine spatere Lebensgenossin, kennen, und 
'in Ungarn wurde er auch mit dem Grafen Franz Brunsvik, dem jugend- 
lichen Freund Beethovens, bekannt. Ein Empfehlungsschreiben 
Brunsviks an Beethoven begleitete das Ehepaar Halm 1814 oder 1815 



Halm 193 

nach Wien. Dort war Beethoven zurZeit, als Halms Op. 12 („Grande[!l 
Trio, dedi6 a" Monsieur, Monsieur Const. Emm. de Gyika") soeben er- 
schienen war, einmal geladen. Der Meister, der nichts von dem ver- 
stand, was geredet wurde, setzte sich auf den Tisch. Dort lag „HaIms 
Trio Op. 12 ganz neu gestochen. Beethoven bemerkte es, las den 
Titel, nahm seinen Bleistift und schrieb zwischen die Namen Antoine 
und Halm das Wort ,Stroh' (das mag urn 1816 gewesen sein). Dann 
suchte er Halm auf, nahm ihn bei der Hand, fiihrte ihn zum Tisch 
und zeigte herzlich lachend mit dem Finger auf das Geschriebene" 
(Thayer nach Halms Erzahlung). Kaum viel spater, vielleicht im 
Zusammenhang mit diesem Scherz, -fragte Halm bei Beethoven an, 
ob er ihm seine C-Moll-Sonate Op. 15 widmen diirfe. Beethoven 
antwortete freundlich am 2. April 1816: „Recht gern mein H[err] V[on] 
Halm werde ich die mir Von ihnen gemachte Zueignung ihrer Sonate 
furs Klavier in C-Moll auch im Stich annehmen — ihr ergebenster 
Ludwig van Beethoven" (nach dem Original, das ich in der Badener 
Beethovenausstellung vor etlichen Jahren kopiert habe). Und so 
wurde denn die Widmung gestochen ,, Grande Sonate pour le Piano 
Forte, composee et dediee a Monsieur Louis van Beethoven par 
Antoine Halm ci-devant Lieutenant de l'ArmSe Imp6riale et Royale". 
Die Erfindung dieser Sonate ist ganz und gar nicht tief, eher seicht. 
Und so steht es auch urn viele andere Kompositionen Halms, ein- 
schlieBlich derer, die dem Grafen Franz Brunsvik, dem Erzherzog 
Rudolf, J. N. Hummel (Op. 17 von 1819), Hofsekretar Zmeskall und 
noch anderen gewidmet sind. Um jene Zeit trat Halm schon wieder- 
holt und mit Erfolg als Klavierspieler auf. Nur hatte er einmal Pech, 
■und zwar am 15. November 1817, als er in der Chorfantasie mit- 
spielte und stark daneben tat. Durch Pixis ist die Unglucksgeschichte 
uberliefert. (Diese stand in der , .Bohemia" von 1899 und danach 
in der ,, Frankfurter Zeitung" 12. April 1899, spater benutzt im ,,Neuen 
Wiener Journal" 9. September 1919.) 

Beethoven schimpfte weidlich, auch bei Steiner & Haslinger im 
PaternostergaBchen. Pixis hatte dort' ein Exemplar der Chorfantasie 
^rgattert und fand darauf von Beethovens Hand die Bemerkung: 
,,Nicht jeder Halm gibt Ahren". Trotzdem gelangte Halm rasch 
zu Ansehen, Ruf und wohl auch Vermb'gen. Beethoven gegenuber 
blieb er aber bescheiden. 1824 unterzeichnete er die Adresse, in der 
viele Wiener Musikfreunde dem Meister huldigten. Das Arrangement 
Halms far Klavier der groBen Quartettfuge fiel nicht zu Beethovens 
voller Befriedigung aus, doch wurde das freundschaftliche Verhaltnis 
weder dadurch noch durch die peinliche Lockengeschichte gestort, 

Frlmmel, Beethovenhandbuch. I. 13 



194 Halm 

die nicht unerwahnt bleiben darf. Frau Halm verehrte den groBen 
Meister sehr und hatte schon lange gewiinscht, eine Locke von ihm 
zu besitzen. „Bei Gelegenheit der Konzertprobe fur die Auffuhrung 
des B-Dur-Trios wurde nun die Bitte um die Locke vorgebracht. Halm 
selbst erzahlte die Geschichte viele Jahre spater in folgender Weise: 
In der Probe war auch meine Frau, ,eine geborene Sebastiani aus 
Trier, welche Beethoven immer seine Landsmannin nannte', gegen- 
wartig. ,Bei dieser guten Gelegenheit ersuchte mich meine Frau, den. 
Beethoven um eine Haarlocke zu bitten. Allein, da Beethoven nicht 
hOrte und mehrere Menschen zugegen waren, nahm ich Anstand, mit 
Beethoven personlich durch sein Notizbuch zu unterhandeln. Ich 
ersuchte daher Karl Holz, den Wunsch meiner Frau Beethoven vor- 
zutragen. In einigen Tagen erhalt meine Frau durch einen Dritten eine 
Locke, die Beethovens Haar sein soil.' Bald danach ,hatte Karl GroB, 
ein geschickter Dilettant auf dem Violoncell, mir gesagt: »Wer weiK, 
ob das Haar echt ist?« und doch hatte ich keinen Verdacht.' Halm 
besuchte damals Beethoven in der Angelegenheit der Quartettfuge. 
Nach seiner. Erinnerung ware es ein Besuch gewesen, bei dem das vier- 
handige Arrangement von Halm uberreicht wurde. Das scheint mir 
■ein Gedachtnisfehler zu sein. Halm fahrt dann fort: ,Wie ich weg- 
gehen wollte, trat er mit einem furchtbaren Ernst im Gesicht mir 
entgegen mit den Worten: »Sie sind mit der Haarlocke betrogenl 
Sehen Sie, mit solchen furchtbaren Kreaturen bin ich umgeben, daft 
sie alle Achtung, die sie respektablen Menschen schuldig sind, auf die 
Seite setzen. Sie haben Haare von einer GeiB.« Und so sprechend,. 
gab er mir in einem weiBen Bogen Papier eine bedeutende Quantitat 
seiner Haare, welche er sich selbst ganz riickwarts ausschnitt, mit den 
Worten: ,Das sind meine Haare.' Wahrscheinlich hat er die Haare 
von hinten abgeschnitten, weil es dort noch schwarz war, wahrend 
vorn schon alles schneeweiB war. — So ging ich im Triumph mit diesem 
erhaltenen seltenen Geschenk nach Hause. — Nicht so meine Frau. 
Sie war liber Karl Holz seine Niedertrachtigkeit entrttstet, schrieb 
sogleich einen den Umstanden angemessenen Brief. Ein Oder zwei 
Jahre spater stand meine Frau bei dem offenen Grabe Beethovens,. 
29. Marz 1827, und sah auf der anderen Seite Holz weinend stehen,. 
der sie nicht aus Scham ansehen konnte. Dadurch geruhrt, reichte 
sie ihm ubers Grab die Hand zur VersShnung." Obwohl auf Halm 
selbst zuriickgehend, ist die Erzahlung nicht in alien Einzelheiten als 
unbedingt richtig anzunehmen. Es gibt noch zwei andere Uberliefe- 
rungen, die in manchen und nicht unwesentlichen Punkten von Halms 
Mitteilungen abweichen. Beethovens Biograph Schindler war nicht 



Halm 195 

Augenzeuge der Vorgange, die sich an die Halmsche Beethovenlocke 
kndpfen. Deshalb ist er auch nicht ganz sicher in seiner Erzahlung, 
die in der ersten Auflage seiner Beethovenbiographie noch ganzlich 
fehlt und in der zweiten anders gestimmt war, als in den folgenden 
Auflagen. Anfangs machte er Angriffe auf Holz, die dann wegblieben. 
Ganz miBglttckt ist seine Mitteilung, als hatte Beethoven urn die Buberei 
gewuBt. Das Heimttickische, das in dem ganzen Vorgang steckt, lag 
Beethoven ganzlich fern. Der Meister war oft grob und unhoflich, aber 
immer gerade ins Gesicht. Schindlers Darstellung ist zu verwerfen. 
Aber die dritte Abwandlung der Geschichte, die wieder aus der Familie 
Halm stammt, ist nicht ganz zu ubersehen. Danach hatte sich Frau 
Halm an Beethovens Neffen gewendet, urn die Locke zu erhalten. 
Der Neffe Karl nun hatte sich bei einem seiner Bekannten ein Btischel 
graulicher Haare von einem Ziegenbock verschafft „und brachte es 
Frau Halm als Locke seines b'eriihmten Anverwandten. Sie tiber- 
haufte den Spender mit tiefgefiihlten Dankesworten und brustete sich 
vor ihrem ganzen Bekanntenkreise voll Stolz fiber ihr kostbares Eigen- 
tum, den Neid ihrer Freundinnen damit erweckend". Dem Neffen 
wurde die Sache aber ungemutlich, und er entschloB sich, noch vor der 
Entdeckung des iiblen Streiches dem Oheim zu beichten, da er uberdies 
in Verkennung der edlen Eigenschaften Beethovens vermeinte, daB 
dieser iiber die Sache lachen werde. Aber Karl verrechnete sich, und 
sein Gestandnis entfesselte ein wiitendes Donnerwetter Beethovens. 
Der erziirnte Meister ergriff dann Hut und Stock und eilte zu Halms. 
Sogleich beim Eintritt rief er: „Sie sind betrogen worden ! Mein Neffe 
hat Sie mystifiziert. Die Haare sind gar nicht von mir, sondern von 
einem Ziegenbock." Und sich mit gespreizten Fingern durch die an- 
gegrauten Haare fahrend, hielt er der verdutzten Frau seinen Kopf 
hin mit den Worten: ,,Da schneiden Sie . . . schneiden Sie ab, so viel 
Sie wollen!" Frau Halm hatte nun das Buschel „vom Scheitel" 
Beethovens abgeschnitten. Wer die Berichte aufmerksam gelesen hat, 
kann sich nicht dariiber im uriklaren sein, daB sich starke Unterschiede 
ergeben. Ohne Zweifel spielen Gedachtnisfehler in beide Versionen mit 
herein. Wie es scheint, waren nicht nur der Neffe, damals ein Junge 
in den Flegeljahren, sondern auch Karl Holz die Schuldigen. Denn 
der ilberlustige Holz war stets zu SpaBen geneigt. Da iibrigens zwei 
beglaubigte Haarbiischel Beethovens aus Halmschem Besitz nach- 
weisbar sind, konnen wohl einige Zilge aus alien Berichten der Wahrheit 
nahekommen. Jedenfalls sind es die beiden. Halmschen Berichte, 
die Glauben verdienen, doch sind Gedachtnisfehler anzunehmen. 
So gut wie sicher sind also die beiden Halmschen Btischel echt, und 

13* 



196 Hammer 



ich mochte nur insofern eine Verwechslung annehmen, als das dicke 
rabenschwarze Biischel schon am 25. Marz 1826 und das braune 
vom „Scheitel" erst am 26. abgeschnitten worden ware. Bei der Ge- 
mutsart Beethovens ist es verstandlich, daB er die Beleidigung mit den 
Bockshaaren durch einen persOnlichen Besuch bei Frau Halm.wieder 
gutmachen wollte, und daB er der beleidigten Frau sein Haupt noch- 
mals hingehalten hat, urn eine zweite Locke abzugeben. Diese wird 
aber die braune vom Scheitel sein. Wollen wir hoffen, daB eine mikro- 
skopische Untersuchung eine Verwechslung mit den Bockshaaren 
ausschlieBt. 

Die Erorterungen uber die Locke werden nach den ,,Studien und 
Skizzen zur Gemaldekunde" Bd. V, Lief. 7 gegeben. 

Halms Wirken als Klavierlehrer gestaltete sich in der Folge noch 
sehr giinstig, doch nimmt es auf Beethoven nur insofern Bezug, als 
durch ihn echt Beethovensche Ziige im Klavierspiel iiberliefert worden 
sind. (Siehe bei: Sonaten.) 

Hammer, Josef, seit 1835 Freiherr v. Hammer-Purgstall (geb. 
zu Graz 1774, gest. Wien 1856), bertihmter Orientalist. Aus reicher 
Familie. Ausbildung an der orientalischen Akademie in Wien, dann 
an verschiedenen Orten, zumeist in Konstantinopel. 1807 wurde er 
in Wien angestellt, wo er bald zur Wiirde eines Wirklichen Rates und 
Hofdolmetschen emporstieg und 1817 Hofrat wurde. Aus drei Briefen 
Beethovens an ihn und aus einem, den er an den Meister gerichtet hat, 
laBt sich f olgendes entnehmen : Als Hammer nach seiner mannigf achen 
Tatigkeit im Ausland in Wien bleibenden Aufenthalt gefunden hatte, 
muB er ein Gedicht an Beethoven gesendet haben. Beethoven 
dankt freundlich fiir das Gedicht, und zugleich fragt er an, ob es 
richtig sei, daB Hammer ein „Operngedicht" fur ihn geschrieben 
habe. Der Orientalist sandte nun zwei Singspiele, die nicht ge- 
nannt werden, und die Beethoven Zeitmangels wegen unkomponiert 
zuruckstellt. Th.-R. Ill, S. 66 vermutet die Ubersetzungen des indi- 
schen Schaferspiels „Memnons Dreiklang" und des persischen Sing- 
spiels „Anahib". Ein Oratorium, „Die Sintflut", das in demselben 
Brief erwahnt wird, durfte kein Werk Hammers, sondern der Dobenz- 
sche Text gewesen sein, den bald danach Ferdinand Kauer kompo- 
nierte. Spater, 1809 ungefahr mag es gewesen sein, wendet sich Beetho- 
ven an Hammer um eine Forderung, bzw. Unterstutzung fur den 
Dichter Stoll, den Sohn des beriihmten Arztes (Th.-R. Ill, S. 190). 
Von weiteren Beziehungen zu Beethoven ist noch nichts bekannt ge- 
worden. Nur laBt sich im allgemeinen annehmen, daB die frucht- 
bare schriftstellerische Tatisrkeit Hammers die Aufmerksamkeit Beet- 



Handbibliothek — Haslinger 197 

hovens auf orientalische Literatur hingelenkt hat, wenigstens vor- 
iibergehend. 

Handbibliothek, siehe bei: Bibliothek und: Lesestoff. — Hier 
sei eingeschaltet ein unerklartes Zettelchen aus der Zeit urn 1814, 
das sich unter den Brief en an Zmeskall in der Wiener Nationalbibliothek 
befindet. Es scheint sich auf Biicher zu beziehen, die anzuschaffen 
oder zu empfehlen waren. In fluchtiger Schrift ist notiert ,,Kanne, 
Kollin, Berner besonders fur Geistliche weiBenbach, auch wohl Pich- 
ler" (NB. Kollin statt Colin, Berner statt Werner). In welchem Buch- 
laden mag Beethoven diese Schriftstellernamen sich aufgeschrieben 
haben? Mit Berner ist ohne Zweifel Zacharias Werner gemeint, der 
1814 als Prediger auftrat und als solcher viel Aufsehen machte. Varn- 
hagen von Ense schildert inn mit Humor. 

Handschrift, siehe bei: Schrift. 

Hanzmann, Minoritenpater zu Bonn. In der Fischerschen Hand- 
schrift heiBt es; „Als Ludwig van Beethoven spater auf der Orgel 
kiihner wurde, mochte er auch gern auf einer groBeren Orgel [NB. 
groBer als die in der Bonner Franziskanerkirche] spielen und machte 
den Versuch in dem Minoritenkloster; er wurde mit dem Organisten 
befreundet und machte sich fest, Morgens um 6 Uhr in der Messe die 
Orgel zu spielen. Die Bank, auf der er gesessen, findet sich daselbst 
noch vor. In dem Minoritenkloster war ein Pater Hanzmann, ein 
guter Organist. Wenn nun Beethovens Konzert zu Hause hatten, 
fand sich Pater Hanzmann immer ein. Ludwig konnte ihn nicht 
leiden und sagte zu Cacilia [NB. Fischer] : Der Mbnch, der findet sich 
auch immer hier ein, der konnte auch wohl in seinem Kloster bleiben 
und sein Brevier beten." (Nach Th.-R. I, S. 455 mit der Anmerkung, 
daB Hanzmann spater den geistlichen Stand verlassen hat. 1811 wurde 
er als Richter am Napoleonschen Tribunal eingesetzt. — Nach dem 
„Bonner Archiv" II.) 

Harfe. Dieses Musikwerkzeug war keineswegs besonders vom Meister 
geschatzt, doch verwendet er es passend und geistreich in der ,,Pro- 
metheus"-Musik. (Dazu Th.-R. II, S. 226.) 

„Harfenquartett." MiBbrauchliche Benennung des Es-Dur-Streich- 
quartetts, Op. 74, die gewiB nicht auf Beethoven zuruckgeht. Schind- 
ler (I, S. 174) sagte davon: „In spateren Jahren hat die liebe Einfalt 
diesem Werk den Beinamen ,Harfen-Quartett' beigelegt. Einen halt- 
baren Grund wuBte wohl niemand dafiir anzugeben." 

Haslinger, Tobias (geb. 1787 zu Zell in Oberosterreich, gest. ebendort 
1842), Musikalienverleger, mit welchem Beethoven jahrelang in 
freundschaftlicher Verbindung gestanden hat. Er erhielt, musikbegabt, 



198 Haslinger 

wie er es war, eine tuchtige musikalische Ausbildung beim alten Gloggl 
in Linz, war hierauf zunachst bei Gloggl selbst, dann in der Linzer 
Buchhandlung Eurich als MusikalienverkSufer tatig und kam 1810 
nach Wien. Dort diente er eine Zeitlang in der Grafferschen Buch- 
handlung. Einige musikalische SchOpfungen Haslingers wurden ge- 
druckt, von denen das „ Ideal einer Schlacht" bei Jupiter Beethoven 
und den andern GOttern ein homerisches Gelachter hervorgerufen 
haben soil. Etwa 1810 kam er in Steiners Musikladen zuerst als 
Buchhalter, dann 1814 als offentlicher Gesellschafter, und dort im 
Paternostergassel, vom Meister der „Fuchsbau" genannt (Schindler 
II, S. 311), muBte er oft genug mit dem Meister zusammentreffen. 
Der vertrauliche Ton, in welchem Beethoven als Generalissimus dort 
mit Steiner, Haslinger und spater Diabelli verkehrte, ist schon durch 
Seyfried bekannt geworden. Eine ausfuhrliche Behandlung des Ver- 
haltnisses zu Beethoven wurde erst in neuester Zeit geboten in dem 
Heft von Dr. Max Unger, ,,Ludwig van Beethoven und seine Verleger 
S. A. Steiner, Tobias Haslinger in Wien und Martin Schlesinger in 
Berlin" (Berlin und Wien, Rob. Lienau, 1921). Darin sind auch die 
eigenen Aufschreibungen Haslingers benutzt, welche den obigen An- 
gaben zu'grunde liegen. Eine lange Reihe von Briefen und Zetteln an 
Haslinger ist in den Briefsammlungen gedruckt. Soweit ich sehe, fehlt 
nur der Brief „Werther Tobias. Es braucht keiner anderen Stim- 
men . . ." aus dem Fruhling 1824 (vgl. „Autographenkatalog" K. E. 
Henrici in Berlin, September 1922, LXXIX, S. 14) und aus der Zeit 
der Vorbereitungen zur groBen Akademie. Es gibt kaum ein Buch 
iiber Beethoven, das an dem Namen Tobias Haslinger voriiber konnte. 
Es waren zwar gewOhnlich, wenngleich nicht immer, die rein sachlich 
musikalischen Fragen, die im Verkehr zur Sprache kamen, auch z. B. 
Familienangelegenheiten, Wohnungssorgen. Im Oktober 1824 muBte 
er behilflich sein, den Neffen Karl, der verschwunden war, wieder 
aufzufinden (,,Beethovenforschung" Heft 4). 1825 weiB er etwas von 
einer Wohnung. Die ruhige, freundliche Gemiitsart Haslingers erhellt 
aus dem Verhalten bei dem unpassenden Witz Beethovens, der in der 
„Caecilia" von 1825 (S. 205) gedruckt wurde, offenbar durch ein MiB- 
verstandnis, um nicht zu sagen durch eine Indiskretion des Verlegers 
der „Caecilia". Beethoven hatte sich in einer scherzhaft ironisch ge- 
faBten kurzen Biographie brieflich bei Schott in Mainz iiber Haslinger 
etwas lustig gemacht, der, von ernsten Musikstudien ausgehend, 
schlieBlich das Kaufmannische in den Vordergrund gezogen habe. 
Von der Fuxschen Wechselnote seien nur mehr die Wechsel Qbrig- 
geblieben. In der Tat war Haslinger Teilhaber des Steinerschen Ge- 



Hartl — Hatzfeld 199 



schafts, und damals daran, den ganzen Verlag selbstandig zu iiber- 
nehmen. Dies geschah wirklich 1826. Die Starting des guten Ein- 
vernehmens wurde aber bald ausgeglichen, obwohl die „Caecilia" eine 
lange Berichtigung Beethovens nicht abdruckte. Bald kehrt wieder 
der mutwillige Ton im Verkehr zurUck, der noch im letzten Brief Beetho- 
vens an Haslinger aus der „Burg des Signore fratello" in Gneixendorf 
vom 13. Oktober 1826 zum Ausdruck kommt. Noch am Krankenbett 
im Schwarzspanierhaus findet sich Haslinger ein zu langem Besuch, 
wie uns Gerard v. Breuning uberliefert hat („Aus dem Schwarzspanier- 
hause" S. 101). 

Ein Bildnis Tobias Haslingers aus nachbeethovenscher Zeit, eine 
Steinzeichnung von Jos. Kriehuber, ist bekannt und war 1920 in der 
Beethovenausstellung der Gemeinde Wien zu sehen. Die Stadtbiblio- 
thek besitzt auch ein inhaltreiches Briefchen Beethovens an Haslinger, 
der als „Adjutanterl" angesprochen wird. 

Tobias Haslinger erscheint schon in Graffer und Czikans ,,0sterrei- 
schischer Nationalencyclopadie" (II, S. 521ff und VI, S. 473f.), wird 
selbstverstandlich in C. v. Wurzbachs „Biographischem Lexikon" ein- 
gehend behandelt, wo sich noch weitere Literatur genannt findet. 
BOckh in ,,Merkwiirdigkeiten von Wien" teilt die Adressen mit. (Lan- 
dau, „Poetisches Beethovenalbum" S. 100, Zur Geschichte mit der 
Caecilia.) Man beachte auch die neueren Musiklexika und die neue 
Literatur, die oben angefiihrt ist. Th.-R. passim. In einem Brief an 
Al. Fuchs nennt Felix Mendelssohn den Verleger Haslinger ,,ungenau 
und nichtumstandlich" („Deutsche Rundschau" von Rodenberg, Oktober 
1888). In jiingster ZeitFrimmel, „Beethovenforschung" Heft 10 (1925). 
Siehe auch bei: Steiner. 

Hartl, Josef , Edler von Buchsenstein. Leitete 1808 bis 1811 (nach 
dem Bericht des Kapellmeisters Weigl) mit Klugheit und Erfolg die 
Hoftheater. Er war damals wirklicher k. k. Regierungsrat, Beisitzer 
der k. k. Wohltatigkeits-Hofkommission, zugleich Hofagent bei der 
obersten Justizstelle und dem Hofkriegsrat (Thayer nach dem „Staats- 
schematismus" und nach Wurzbachs „Biographischem Lexikon"). Er 
erkannte Beethovens Brauchbarkeit zum Nutzen der Theater. Von 
einem Verstandnis fur die hohe Begabung des Kiinstlers ist keine Kunde 
erhalten. Die Akademie von 1808 fiel unter Hartls Leitung (Th.-R. 
Ill, S. 69f., 77f., 148ff., 154, 265; siehe auch bei: Egmont). 

Hatzfeld, Franz Ludwig, FUrst (geb. 1756, gest. Wien, 3. Februar 
1827). Seine Laufbahn hat fur die politische Geschichte Bedeutung. 
Fur unsere Zwecke kommt sie erst von 1822 an in Frage, von der Zeit 
an, als Hatzfeld koniglich PreuBischer Gesandter am kaiserlichen Hof 



200 Hauer — Haushaltung 



zu Wien geworden war. Denn damals gingen die Angelegenheiten mit 
Beethovens groBer Messe und Neunter Symphonie durch seine Hande. 

Eine Abschrift der Messe war dem preuBischen Hofe angetragen 
und von diesem bezahlt worden. Die Sendung der Abschrift verzogerte 
sich, und Hatzfeld HeB die Angelegenheit betreiben im Sornmer 1823 
(vgl. den Abschnitt: Friedrich Wilhelm III.). Dann erwirkte Hatzfeld 
1826 noch die Erlaubnis zur Widmung der neunten Symphonie an den 
.KSnig (vgl. Th.-R. IV, S. 358, und V, S. 368, 371, 466, und Kalischer: 
„Beethoven und Berlin" passim). 

Hauer, Frau Therese v. Hauer, geborene Durfeld. Sie erinnerte 
sich (wie Th.-R. II, S. 563 nach ihrem Brief mitteilt) an die freie Fan- 
tasie Beethovens in der Zeit zwischen 1804 und 1808. Nach ihren 
Mitteilungen wurden in Baden wochentlich sogenannte ,, Unions" 
veranstaltet im Hotel zur „Stadt Wien" auf dem Platz. Dort erschien 
auch Erzherzog Rudolph. „Als ein junges Madchen wurde ich auch 
einmal in dieses Casino mitgenommen, da es verlautete, daB Beethoven 
sich auf dem Fortepiano sollte hOren lassen. Er erschien, lieB sich eine 
Weile bitten, endlich aber trat er ans Clavier, machte zwar ein saueres 
Gesicht, spielte dann, auf von einigen Damen gegebene Themas, im- 
provisierte Fantasien mit hinreiBendem Geftihl und bedeutender Fertig- 
keit, so daB alles entziickt von diesem GenuB sehr befriedigt den Saal 
verlieB." 

Hauptmann, Verlobter, spater Gatte der Sangerin Anna Milder 
(siehe bei: Milder). 

Haushaltung (Hauswesen). Die Wirtschaft bei unserem Meister 
war meistens recht unordentlich. Gait doch jederzeit als oberste 
Richtschnur die Kunstubung. Niemand darf. sich den Tondichter als 
pedantischen Hagestolz vorstellen, der nach der Uhr Iebte, taglich zur 
selben Stunde ausging, aB, zu Bette ging, sondern einen Feuergeist 
leidenschaftlichster Art. Sogar auBerliche Ordnung, die ihm durch 
aufraumende Personen gelegentlich aufgezwungen wurde, hatte fur 
ihn nur den VerdruB der StOrung im Denken und Arbeiten. Uber- 
rascht er die Bedienerin beim Auskehren, so nimmt er den Kubel 
und schattet das Wasser liber den Boden (siehe bei: J. D. Boehm). 
Wird ihm alles nett aufgestellt, was er auf dem Boden umhergeworfen 
hatte, so zankte er. Sich zu bestimmter Stunde bei der Mahlzeit ein- 
zufinden, war nach allem, was man weiB, eherAusnahme als Regel. 
Eine Menge alte Uberlieferungen machen dies klar. "Zu den altesten 
gehOren die Seyfschen (siehe bei: Seyf), die von C. Czerny, Seyfried, 
Ries, Schindler, die Demelsche Tradition, die vielen Berichte der Be- 
suche, die der Meister im Laufe der Jahre empfangen hat, oder die 



Hauschka 201 



auch in seiner Abwesenheit die Wohnung gesehen haben. Nicht selten 
muB ein geradezu wtistes Durcheinander im Heim des Tonktinstlers 
geherrscht haben. Es ist begreiflich, daB ein langes Verbleiben dienst- 
barer Leute nicht moglich war. Hinderlich war da die unruhige Art des 
Meisters, der Ofter als jeder andere Kunstbruder die Wohnung wechselte, 
die oftmalige Anderung aller Anordnungen, seitdem der Neffe dem 
Kunstler als Mundel zugehorte und bald beim Onkel lebte, bald in 
Erziehungshausern Oder im Kosthaus. Ein nuchterner Rechner und 
gewiegter Praktikus muBte er gewesen sein, wenn unter den ungiinstigen 
auBeren Verh'altnissen eine geordnete Hauswirtschaft sich hatte bilden 
sollen. Der war er nun ganz und gar nicht. Sein gespanntes Verhalt- 
nis zu den Geheimnissen des Einmaleins, seine aufbrausende Art, 
dazu das MiBtrauen des Schwerhorigen und schlieBlich vollkommen 
Tauben waren eben nicht zu andern, und wir miissen die vielen An- 
gaben von der MiBwirtschaft in Beethovens Hauslichkeit als glaubhaft 
hinnehmen. (Siehe auch bei: Dienstboten, Essen und Trinken, Biblio- 
thek, Neffe Karl, wo sich die notigen Schriftennachweise finden, iiber- 
dies die Faksimiles mehrerer Kuchenzettel in Bekkers ,, Beethoven", 
ferner Hans Volkmann, „Neues iiber Beethoven", und Max Unger 
in der Zeitschrift ,,Der Merker" vom 1. Februar 1915.) 

Hauschka, Vincenz (geb. 1766 zu Mies in Bohmen, gest. Wien 1840). 
Rechnungsbeamter bei Hof. Vorziiglicher Musiker, Violoncellspieler. 
Die Jahreszahl 1761, die fiir seine Geburt bei Meusel in dem „Teutschen 
Kiinstlerlexikon" I (1808) angegeben ist, durfte unrichtig sein, obwohl 
auf Rieggers „Materialien zur Statistik von Bohmen" XII, S. 239 
hingewiesen ist. Ein ausfiihrlicher LebensabriB in Pietzniggs „Mit- 
teilungen aus Wien" 1835 I, S. 196ff. laBt ihn 1766 geboren sein. 
1821 steht er bei BcSckh in „Wiens lebende Schriftsteller" als Cellist, 
als k. k. Rechnungsrat, ferner als AusschuBmitglied der Gesellschaft 
der Musikfreunde verzeichnet. Als Wohnung wird angegeben Schot- 
tengasse, Melkerhof Nr. 103. Hauschka spielte eine wichtige Rolle 
in der neu gegrundeten Gesellschaft, fiir die er lebhaftest bemiiht war. 
Seine Unterschrift begegnet uns unzahlige Male in den Akten der Ge- 
sellschaft, soweit sie in der Registratur noch aufbewahrt werden. 

1814 waren die Statuten der Gesellschaft genehmigt worden. (Dazu 
C. F. Pohl, „Die Gesellschaft der Musikfreunde", und R. v. Perger, 
R. Hirschfeld und Eus. Mandyczewski, „Geschichte der Gesellschaft 
der Musikfreunde", Hanslick, „Geschichte des Concertwesens in Wien".) 

1815 leitete Hauschka das erste Gesellschaftskonzert. Beethoven und 
Hauschka waren gute Freunde und auf Du-FuB. Beethovens Briefe 
an ihn sind in vertraulichstem Ton gehalten (vgl. Frimmei, „Neue 



202 Haydn 

Beethoveniana" nach Register). 1818 wurde Hauschka von der Ge- 
sellschaft beauftragt, mit Beethoven eines Oratoriums heroischer Gat- 
tung wegen zu unterhandeln, ein Schritt, von dem audi Schindler 
(II, S. 92) berichtet. Leider fiel die Wahl des Dichters auf den Re- 
dakteur Bernard, der fur einen solchen Text nicht die geeignete Kraft 
war, so daB aus dem gewahlten Oratorium „Der Sieg des Kreuzes" 
nichts geworden ist, als eine mehrjahrige Unannehmlichkeit fur den 
Tonkiinstler und den Schriftsteller. Vincenz Hauschka war auch 
Gemaldefreund, wovon ich in der „Geschichte der Wiener Gemalde- 
sammlungen" eingehende Mitteilung gemacht habe (im Lexikon). 

Haydn, Josef (geb. zu Rohrau 1732, gest. zu Wien 1809). Der 
weltberuhmte Tonkiinstler. Die tiefgehenden Einfltisse der groBen 
Vorganger Haydn und Mozart auf Beethovens Musik sind unbestritten. 
Mit beiden Meistern hat Beethoven auch personlich verkehrt. In 
Beziehung auf musikalischen EinfluB hat Mozart, in bezug auf person- 
liche Bekanntschaft Haydn den Vorzug. Denn die Bekanntschaft 
Beethovens mit Mozart 1787 war nur von kurzer Dauer. Den alteren 
GroBmeister Haydn lernte der junge Bonner nicht nur schon in seiner 
Jugend persbnlich kennen, und zwar in Bonn selbst, sondern er genoB 
auch dessen Unterricht und Umgang spater in Wien. Haydn war 
1790 und 1792 in der rheinischen Musikstadt gewesen, das war also 
vor und nach seinem ersten Aufenthalt in England. Beethoven diirfte 
ihn schon 1790 gesehen haben. 1792 wurde er ihm vorgestellt. Eine 
eigene Arbeit wurde damals vorgezeigt. Wegeler („Notizen" S. 15f.) er- 
zahlt: „Als Haydn zuerst aus England zuruckkam, ward ihm vom kur- 
fiirstlichen Orchester ein FrUhstuck in Godesberg . . . gegeben. Bei 
dieser Veranlassung legte ihm Beethoven eine Cantate vor, welche 
von Haydn besonders beachtet und ihr Verfasser zu fortdauerndem 
Studium aufgefordert wurde . . .". Thayer fiigte hinzu: „Es ist nicht 
unwahrscheinlich, daB damals zum Teil die Verabredungen getroffen 
wurden, unter welchen der junge Komponist wenige Monate spater 
Schuler des alten Meisters wurde". (Siehe bei: Kantaten.) Im Spat- 
herbst 1792 traf Beethoven in Wien ein. Kaum wird er sehr lange 
gezogert haben, sich bei Haydn zu melden und dort zu lernen. War er 
doch auf Kosten des Kurfursten zu Haydn geschickt worden. In den 
Resten eines Tagebuchs aus jener Zeit kommen Andeutungen auf 
den Unterricht vor („22 x fur Haidn und mich chokolade" und 
ein anderes Mai „Kaffee 6 x filr Haidn und mich"). Aber der 
ruhmbedeckte Haydn nahm die Aufgabe doch zu leicht, oder er wurde 
anderweitig zu sehr in Anspruch genommen, um sich der Sache mit 
Aufmerksamkeit zu widmen. Der alte Schenk fand einmal bei Beethc- 



Haydn 203 

ven ein Arbeitsheft, in welchem Haydn grobe Fehler hatte unver- 
bessert stehen lassen. Nun nahm Beethoven hinter dem Rucken 
Haydns Unterricht bei Schenk. Die Sache muBte geheim bleiben, 
beziehungsweise vor Haydn verheimlicht werden (siehe bei: Gelinek). 
Meister Haydn reiste im Januar 1794 wieder nach England, wodurch 
nun der Schuler freie Hand bekam. Vielleicht hat ihn Haydn noch 
selbst an Albrechtsberger empfohlen, bei dem er zunachst weiteren 
theoretischen Unterricht nahm. Nach Haydns Riickkehr aus England 
im Sommer 1795 war der Altmeister bald mit groBen, seinen groBten 
Werken beschaftigt, mit der ,,Sch8pfung" und den „Jahreszeiten" 
und der jungere Ktinstler im wesentlichen langst fltigge geworden. 

In den „Notizen" von Wegeler und Ries (86) heiBt es: „Haydn 
hatte gewiinscht, daB Beethoven auf den Titel seiner ersten Werke 
setzen mOchte: , Schuler von Haydn'. Beethoven wollte dieses nicht, 
weil er zwar, wie er sagte, einigen Unterricht bei Haydn genommen, 
aber nie etwas von ihm gelernt habe." Es ist wohl eine augenblick- 
liche Obertreibung Beethovens gewesen, der sich ja doch schon selb- 
standig ftihlen durfte. 

Aber es kam zu keinem Bruch, auch wenn hie und da eine gewisse 
Spannung bemerkbar ist. Soil man auf die spaten Aussagen von Louis 
Drouet Vertrauen haben, die freilich in feuilletonistischer Einkleidung, 
wohl Verkleidung, schon Thayer bekannt geworden sind (siehe Th.-R. 
II, S. 197f.), so hatte der alte Haydn dem jungen Beethoven ein aus- 
ftihrliches Urteil iiber seine ersten Werke abgegeben. Die groBe Er- 
findungskraft wird anerkannt, die Neigung zum Sonderbaren aber 
bemerkt. Die Trios, spater als Op. 1 veroffentlicht, fanden eine Probe- 
aufftihrung beim Fursten Lichnowski, wie Ries erzahlt: ,,Die meisten 
Ktinstler und Liebhaber waren eingeladen, besonders Haydn, auf dessen 
Urteil alles gespannt war." Die Trios machten geradewegs Aufsehen. 
,,Auch Haydn sagte viel SchOnes dariiber, riet aber Beethoven, das 
dritte in C-Moll nicht herauszugeben." Begreiflicherweise fiel dies dem 
jungen Meister auf, denn gerade dieses ist das reifste von den dreien. 
Beethoven argwohnte MiBgunst Oder Neid. Wegeler befragte den Alt- 
meister selbst, wie es scheint nach einiger Zeit und nachdem die Trios 
schon weiter bekannt und beliebt geworden. Haydn antwortete, er 
habe nicht geglaubt, daB dieses Trio (in C-Moll) so schnell und leicht 
verstanden wiirde. Der Alte wird sich eben getauscht haben, als er 
dem Jungen den schiefen Rat erteilte. Beethoven trug ihm die Ver- 
stimmung nicht nach, widmete ihm die Klaviersonaten Op. 2 und be- 
kundete bei der Auffiihrung der ,,SchOpfung" 1808 die warmste Be- 
geisterung fur Haydn. Bald darauf muB die kleine Begebenheit fallen, 



204 Hebenstreit 



die Aloys Fuchs nachtraglich erzahlte (in der „Wiener allgemeinen 
Musikzeitung" 1846 Nr. 39). Haydn hatte die „Prometheus"-Musik 
von Beethoven gehOrt und auBerte dem jtingeren Meister sein Wohl- 
gef alien. Beethoven erwiderte darauf (bescheidenerweise): „0 lieber 
Papa, Sie sind sehr gtitig, aber es ist doch noch lange keine ;Schopfung'." 
Haydn durch diese Antwort iiberrascht und beinahe verletzt, sagte 
nach einer kurzen Pause: „Das ist wahr, es ist noch keine .SchOpfung', 
glaube auch schwerlich, daB es dieselbe je erreichen wird" — worauf 
sich beide etwas verblfifft gegenseitig empfahlen. Haydn nannte den 
jiingeren selbstbewuBten Kilnstler gelegentlich „GroBmogul". 

Ober Haydn ist eine lange Reihe von Buchern einzusehen, alte und 
neue Nachschlagebucher, Biographien, von denen das meiste in H. 
Riemanns Lexikon genannt ist. Fur unsere Zwecke kommen nur die 
Beziehungen zu Beethoven in Betracht. Auf die groBe Leipziger Ge- 
samtausgabe ist im Handbuch wiederholt hingewiesen. (Vgl. auch 
Hermann v. Hase, „Joseph Haydn und Breitkopf & Hartel" [Leipzig 
1909], und die vierte Auflage von Oskarv. Hase, „Breitkopf & Hartel, 
Gedenkschrift und Arbeitsbericht" [1919]. — Aus AnlaB des Haydn- 
jubilaums von 1909 erschienen viele Arbeiten liber den weltberuhmten 
Kiinstler, deren Titel nun freilich hier nicht im einzelnen genannt wer- 
den konnen. Eine gute Wachsbuste Haydns von Franz Thaller be- 
findet sich im Museum der Stadt Wien. Unter den malerischen Dar- 
stellungen ragt hervor John Hoppners Haydnbildnis von 1791 in der 
Musikbibliothek des Buckingham Palace zu London. Ober dieses siehe 
Mc Kay und Roberts „John Hoppner". Andere abgebildet im „Haydn" 
von Leopold Schmidt und anderswo. 

Siehe auch: Anklange an altere Meister.) 

Hebenstreit, Wiihelm (geb. zu Eisleben 1774), Schriftsteller. Kam 
1811 nach Wien und war dort vom Juni 1816 bis zum April 1818 
Herausgeber der „Wiener Zeitschrift f tir Kunst, Literatur, Theater und 
Mode". Fur die „Allgemeine musikalische Zeitung" schrieb er einige 
Artikel iiber die Verdeutschung italienischer Ausdriicke in der Musik, 
frtihe Entwalschungsversuche, die Beethoven ungemein anregten. 

Davon legen einige Briefe Beethovens an die PaternostergaBler 
(Steiner & Haslinger) Zeugnis ab. Bei Op. 101 wurde der Ausdruck 
,,Hammerclavier" fur Pianoforte gewahlt. In einem Brief an T. Has- 
linger kommt die Stelle vor: ,,Den Brief von Hebenstreit iiber die 
Verdeutschung des pianoforte bitte ich nicht zu zeigen sondern mir 
ihn zuruckzuschicken, ich bin schon gewohnt, da ich weder ein ge- 
lehrter noch ungelehrter bin, mich seines Rathes zu bedienen." 
(Dazu Th.-R. Ill, S. 620 und 629ff. Neuestens der inhaltreiche Auf- 



Heiligenkreuz — Heiligenstadt 205 

satz von Dr. Emil Karl Blttmml in der „ Wiener Zeitung" vom 30. Ok- 
tober 1925.) 

Heiligenkreuz, das beriihmte Zisterzienserstift in Niederosterreich, 
westlich von Modling und Gaden gelegen. Beliebter Ausflugsort, in 
welchem es zur Zeit des Kirchweihfestes oder an anderen Feiertagen 
lustig herging. Der Meister diirfte gelegentlich dort gewesen sein. 
In den Notizen von Karl Holz Uber Beethoven heiBt es: ,, Scherzo 
der Pastorale: In Heiligenkreuz wird ein betrunkener Fagottist aus 
dem Wirtshaus geworfen, der dann die BaBnoten blast." 

Heiligenstadt bei Wien, jetzt in die GroBstadt mit einbezogen, aber 
zu Beethovens Zeiten eine selbstandige Gemeinde mit alten Kirchen 
und einem fur die damalige Zeit bedeutenden Badhause. In meiner 
Studentenzeit habe ich es noch gesehen, das einstOckige Gebaude mit 
den vielen Baderaumen und den holzernen Wannen, umgeben von 
einem prachtigen Hausgarten und an weitere Garten angrenzend. 
Freilich war es seit den Zeiten Beethovens wiederholt erneuert und 
hergerichtet worden. Seit Jahrzehnten ist nun alles anders, so grtind- 
lich verandert, daB ich mich gerne an die alten Erinnerungen klammere, 
um mir vorzustellen, daB Beethoven dort 1802 und spater eine Badekur 
unternommen hat. Der neue Park, der sich jetzt dort ausbreitet, ist 
gewiB eine Wohltat fur die seit mehr als hundert Jahren dicht an- 
gewachsene Bevolkerung des Bezirkes, aber Beethovenstimmung hat 
er keine mehr, trotz der Beethovenfigur, die dem arglosen Besucher 
aus dem Gebiisch entgegeneilt. (Es ist die Beethovenfigur von Weigl, 
die als kleine Statuette geschaffen und gedacht, gewiB ihren Wert 
hat, aber in der Aufbauschung zum Monument sich mehr dem Komi- 
schen, als dem Erhabenen nahert.) Und statt der alten Bauerngarten 
blicken jetzt neugierig dreist allerlei hohe Gebaude, manche im Jugend- 
stil, ins Tal herunter. Sogar die alte Kirche ist putzig restauriert 
worden. Man greift nach alten Abbildungen, um die neuen Eindrucke 
zu verscheuchen. (Uber das Bad wichtigdieAngaben bei Fr. P.Gaheis: 
,,Wanderungen und Spazierfahrten in den Gegenden um Wien" 1805, 
VII. Bandchen, die sich gerade auf die Zeit beziehen, als Beethoven 
zum erstenmal in Heiligenstadt ubersommerte. Bei Gaheis auch eine 
Abbildung der gotischen Heiligenstadter Kirche. Eine bessere ist auf 
dem wertvollen groBen Blatt von Janscha und Ziegler gegeben. 
Eine weitere stammt von Raulino. Der altere Rahl hat mehrere 
malerische Ansichten aus Heiligenstadt radiert, so daB man sich bei 
einiger Bemtthung den Ort, wie er zu Beginn des 19. Jahrhunderts 
gewesen, wenigstens vortraumen kann.) 

Die Wohnung Beethovens 1802 ist nur vermutungsweise zu nennen. 



206 Heiligenstadt 



Der alte Carl Friedrich Hirsch, ehedem noch personlich mit Beethoven 
bekannt, wuBte zwar nicht, wo der Meister gerade 1802 gewohnt hat, 
aber ewuBte um die bestimmte Oberlleferung, daB es in Heiligenstadt 
zwei Hauser gebe, in denen Beethoven iibersommert hat. Er nannte 
das Haus des heutigen Pfarrplatzes Nr. 2 und das in der Grinzinger 
StraBe Nr. 64 (alte Nr. 37). Far das Pfarrplatzhaus hatte er noch die 
Erinnerung des Hausbesitzers Schlogl sen. vernommen, der jetzt langst 
tot ist, aber sich ehedem an die Anwesenheit Beethovens im Hause 
erinnerte. Die von Hirsch genannten Hauser sind beide richtige 
Beethovenhauser, aber, wie es scheint, ist keines gerade jenes Haus 
von 1802, in welchem der Meister sein Heiligenstadter Testament 
geschrieben hat. Vielmehr ist man geneigt, die Griinde gelten zu 
lassen, die fiir das Haus, jetzt Probusgasse 6 sprechen. Erst 5 bis 
6 Jahre spater wohnte er sicher in der Grinzinger StraBe 64, und 
zwar mit der Familie Grillparzer zugleich. (Hierzu Abschnitt: Grill- 
parzer und Kastners , .Wiener musikalische Zeitung" Bd. IV, Nr. 27 
und 28 vom Mai 1887, Frimmel, sowie die „Hamburger Signale" vom 
5. Marz 1892, Frimmel, ferner E. v. Komorzynski, „Auf Beethovens 
Spuren" in „Ober Land und Meer" 1907 Nr. 28, derselbe, ,, Beethovens 
Sommerfrische" im „ Berliner Tageblatt" 4. Mai 1906, um nur einiges 
zu nennen, dem im Abschnitt Wohnungen noch manches beizufiigen 
ist. Das Haus in der Probusgasse 6 ist abgebildet bei Bertha Koch, 
,,Beethovenstatten in Wien und Umgebung", und bei Kobald, „Alt- 
wiener Musikstatten" (ohne kritischen Text). Das Beethovenhaus 
auf dem Pfarrplatze, das auch fur 1817 in Anspruch genommen wird 
(vgl. Katalog der Beethovenausstellung von 1920 im Wiener Rathaus 
Nr. 100), ist viel Ofter abgebildet, zumeist aber mit dem Anachronismus 
der Gaslaterne davor, was wieder einmal ganz aus der Stimmung reiBt. 
Eine Zeitlang war in Heiligenstadt ein kleines Beethovenmuseum 
aufgestellt durch die Bemilhungen des Schriftstellers Bockh, das dann ans 
Wiener Rathaus abgegeben wurde. Die sonst bekannten Tatsachen 
sind zusammengefaBt in dem Buche „D5bling, eine Heimatkunde des 
XIX. Wiener Bezirkes, herausgegeben von Doblinger Lehrern" (1923) 
III, S. 358ff. In der kleineri Schrift „Beethovenmonument in Heiligen- 
stadt bei Wien" (1863) ist die Fernkornsche Buste am Bach besprochen, 
die ehedem in der sonst noch freien Natur errichtet worden war und 
nun langst von aller erdenklichen Kultur umgeben ist, besonders seit- 
dem die Zahnradbahn auf den Kahlenberg die nachste Umgebung 
ganzlich verandert hat. Alles, was in neuerer Zeit von der Gegend am 
Bach abgebildet wird, ist grundlich irrefiihrend. Lediglich vom Bade 
selbst handelt ein Aufsatz von „f. s." in der „Wiener Abendpost" 



Heimatliebe 207 



(der Beilage der „ Wiener Zeitung") vom 29. August 1903. Nebenbei 
bemerkt war Heiligenstadt eine Therme, welche der langen Thermal- 
spalte Fischau, VOsIau, Baden, Modling, Meidling angehOrte und zum 
Teil schon von den Romern benutzt wurde. Heiligenstadt ist als 
warme Quelle 1784 entdeckt worden. In neuester Zeit wurde der 
Boden mit seinen schwefelwasserstoff-duftenden Ausdunstungen wieder 
zugeschiittet. (Vgl. den Abschnitt: Wohnungen.) 

Heimatliebe. Im Herbst 1792, wohl am 2. November, verlieB Beetho- 
ven seine Vaterstadt, urn (iiber Remagen, Andernach, Coblenz, Lim- 
burg) nach Wien zu eilen. Einige Tage danach traf er in der Kaiser- 
stadt an der Donau ein. Die eilige Reise, die ersten Tage in der un- 
gewohnten GroBstadt mit ihrem Larm und Getriebe waren gewiB nicht 
gunstig, ein gefiihlvolles Zuriickdenken an die Bonner Jugendzeiten 
aufkommen zu lassen. Denn die neuen Wiener Eindriicke mussen 
zunachst auf die Erinnerungen an den Aufenthalt von 1787 in Wien 
gestoBen sein. Aber nach den Gesetzen der Gedankenverbindung hat 
Beethoven gewiB seines Geburtsortes mitsamt der lieblich malerischen 
Umgebung gedacht, wenn Nachrichten oder Besuche aus den Rhein- 
landen eintrafen. Die festen Gedankenverbindungen, die an den 
Rhein reichten, sind nicht abgerissen und nur im Laufe der Wiener 
Jahre schwacher geworden. Trotz der vielfach getrubten Jugend 
war doch die Erinnerung an sie und die Heimat freundlich gefarbt. 
Mit einer gewissen Sehnsucht wartete der Meister auf eine Gelegenheit, 
die Statten seiner jugendlichen Erlebnisse wieder einmal aufzusuchen. 
DaB der Lebensweg des Meisters immer wieder wo anders hin und 
niemals nach Bonn zuriickfuhrte, ist allbekannt. Aber als die Bruder 
nach Wien gekommen waren, als Wegeler, Steffen v. Breuning, der 
junge Ries und andere in Wien waren, muB die Erinnerung an die 
Heimat oft aufgefrischt worden sein. Wegeler kehrte wieder an den 
Rhein zuriick. In einem Brief an den Jugendfreund aus dem Jahre 
1801 schrieb dann Beethoven: „Mein Vaterland ist mir noch immer 
so schOn und deutlich vor Augen, als da ich Euch verlieB" (,,Notizen" 
S. 22 und Th.-R. II). Als er die Waldsteinsonate Op. 53 schrieb, 
gedachte er wohl oft seines ersten Gonners in Bonn. In einem 
Brief nach Bonn an Simrock vom 19. Marz 1821 kommt die Hoffnung 
zum Ausdruck, daB er die Vaterstadt wiedersehen werde (Th.-R. IV, 
S. 13). Kamen Besuche aus der Heimat, so freute er sich, „bonnische" 
Sprache zu vernehmen. Dem jungeren Ries gegeniiber auBert er sich 
1825 brieflich: „Leben Sie wohl in den mir ewig lieben Rheingegenden." 
Bis in seine letzte Zeit fuhlte sich Beethoven als Bonner. Sonst hatte 
er sich nicht in dem Brief (vom Anfang Oktober) an den KOnig Fried- 



208 Held — Henickstein 



rich Wilhelm III. von PreuBen ,, Burger von Bonn" genannt. Noch 
am 13. Oktober 1826 kommt in einem Brief nach Mainz an Schott die 
Heimatliebe zum Ausdruck, indem der Meister schreibt, daB ihn die 
Gegend bei Krems an die Rheinlandschaft erinnere, „an die Rhein- 
gegenden, die ich so sehnlich wieder zu sehen wiinsche". 

Held, Joh. Th., Mediziner, spater Professor in Prag. Im April 1803 
war er mit dem Grafen Prichowsky in Wien. Man begegnete Beethoven, 
der den Grafen kannte, und der beide zu Schuppanzigh einlud, wo eben 
Beethovensche Musik gemacht wurde. Auch nachher kam Held mit 
Beethoven ofter zusammen. Er schrieb daruber: „Seine pikanten 
Einfalle milderten das Finstere, ich mochte sagen das Lugubre seiner 
Miene. Seine Kritik war sehr scharf , welches ich bei dem Concerte des 
Harfenspielers Nadermann aus Sachsen und bei jenem der damals 
schon alternden Mara am deutlichsten erfahren." Beethoven erzahlte 
dem jungen Prager Doktor auch die Geschichte von Simoni und seiner 
schlechten Aussprache des Deutschen beim Singen. A. W. Thayer 
hat sie festgehalten (vgl. Th.-R. II, S.388f. durch Dr. Edm. Schebek 
aus Helds „Autobiographie" und Abschnitt: Simoni). 

Heller, Ferdinand (geb. zu Mttnchen urn 1750, Todesdatum vorlaufig 
unbekannt). War urn 1784 erster Tenor an der Kurfiirstlichen Kapelle 
in Bonn, spater Regens Chori ebendort. Oft genannt wird er als 
Opfer eines musikalischen Streiches, den Beethoven in der Karwoche 
von 1785 ihm spielte. Es war wahrend des Absingens der Lamenta- 
tionen. Wegeler erzahlt davon in den „Notizen" (S. XIV und 14f.), 
Beethoven habeden Sanger, obwohl einen guten Musiker, durch ungewohn- 
liche Modulationen in der Begleitung so sehr in Verlegenheit gebracht, 
daB dieser den SchluBfall nicht finden konnte. Beethoven begleitete, 
der Karwoche wegen, am Klavier statt auf der Orgel. Heller ver- 
klagte den jungen Kunstgenossen beim Kurfiirsten. Dieser begniigte 
sich aber mit einem sehr gnadigen Verweis und untersagte fur die Zu- 
kunft „derlei Genie-Streiche". Der damalige Musikdirektor der Kur- 
fiirstlichen Kapelle und erste Violinspieler Franz Ries erzahlte aus- 
fuhrlich, „wie sehr der dabei gegenwartige Kapellmeister Luccheri 
durch Beethovens Spiel iiberrascht gewesen sei". 

Heltnuth, Schauspieler und Musiker, der von 1778 an einige Jahre 
mit GroBmann das Bonner Theater leitete. Am 13. Mai 1779 wurde 
in Bonn ein ,,Vorspiel mit Gesang: Der Blick in die Zukunft" auf- 
gefiihrt, zu welchem Stuck Helmuth die Musik geschrieben hatte 
(Th.-R. I, S. 75. Siehe auch bei: GroBmann). 

Henickstein. Angesehenes altwiener Bankhaus. Josef Henick- N 
stein war der alteste Sohn des Bankiers Adam Albert Edlen v. Henick- 



Henning — Hensler 209 



stein. Wie Thayer mitteilt, hatte er „eine schone BaBstimme". Er 
gehorte zur ersten Zusammensetzung der Gesellschaft der Musik- 
freunde in Wien, unter deren „Reprasentanten" er angefuhrt erscheint 
(vgl. BOckh, „Wiens lebende Schriftsteller" 1821, C. F. Pohl, „Die 
Gesellschaft der Musikfreunde" R. v. Perger, Hirschfeld und 
Mandyczewski, „Geschichte der Gesellschaft der Musikfreunde"). 
In Verbindung mit Beethoven finden wir ihn schon 1809 wenigstens 
mittelbar aus AnlaB des Vertrages mit Clementi-Collard. Wie aus 
einem Briefe Beethovens an Gleichenstein hervorgeht, stand er rait 
Henickstein auch in gesellschaftlichem Verkehr (Th.-R. Ill, S. 204f.). 
1818 hat das Haus Henickstein die Beforderung des englischen Fliigels 
an Beethoven besorgt. Am 1. Dezember 1819 schreibt Beethoven an 
den Bankier um ein Darlehn, uber das noch nichts Naheres bekannt 
ist. Eine Summe ist im Brief nicht genannt. Mehrere Male kommt 
dann die Firma Henickstein vor im geschaftlichen Briefwechsel mit 
Galitzin 1823 und in einem Brief an den Neffen Karl, wohl vom 
Jahr 1825. (Th.-R. V, S. 534 und 553—564. Zur Datierung der 
Zahlung aus England vgl. M. Unger in „The musical Quarterly" 
Januar 1925, S. 64.) 

Henning, Carl Wilhelm (geb. zu Ols 1784, gest. zu Berlin 1867), 
Musiker. Zu Beethovens Zeiten koniglicher Konzertmeister und Ka- 
pellmeister am Konigstadtischen Theater. Er besuchte den Meister 
1823 in Wien („Gesprachshefte" Nr. 66 und 82) und brachte GruBe 
von Duncker mit. Beethovens ,,Ruinen von Athen" und die groBe 
Ouvertiire Op. 124 sollten in Berlin aufgefuhrt werden. Aus AnlaB 
eines Berliner Klavierauszuges aus dieser Ouvertiire kam es zu einem 
Zwist mit Henning, da Beethoven in Wien einen besseren Auszug 
herausgeben wollte. Beethoven beschwerte sich am 1. Januar 1825, 
Henning antwortet am 13. jenes Monats. Es folgten eine „Erklarung" 
Beethovens, eine Entgegnung des Berliner Verlegers Trautwein und 
eine ruhige MeinungsauBerung von Breitkopf & Hartel in Leipzig 
uber diesen Fall, der einen verhaltnismaBig ruhigen Ausgang nahm. 
Eine giftige Anspielung auf die Angelegenheit findet sich noch in einem 
Brief Beethovens an den Sanger Ehlers in Mannheim vom 1. August 
1826 (vgl. Th.-R. V, Kalischer, ..Beethoven und Berlin" S. 344ff., und 
die Briefausgaben). 

Hensler, Karl Friedrich (geb. 1761, gest. zu Wien 1825), seit 1784 
in Wien, dramatischer Dichter, Theaterdirektor. Er war eine Zeitlang 
Leiter der vereinigten Buhnen von Baden und PreBburg. Schindler 
(II, S. 5 und 9) berichtet, daB Beethoven von seinen wiederholten 
Badener Aufenthalten her Hensler sehr wohl gekannt hat. ,,Ja der 

Frlmmel, Beethovenhandbuch. I. 14 



210 Herzensgiite 



Tondichter, wie auch der Volksdichter unterlieBen nicht, in mannig- 
facher Weise sich gegenseitige AcHtung und Aufmerksamkeit zu be- 
zeigen. Bereits im Jahre 1821 hatte Hensler das Privilegium des 
Josephstadter Theaters in Wien kauflich an sich gebracht." Er lieB 
den Bau neu aufrichten und eroffnete das neue Haus am 3. Oktober 

1 822 zur Vorf eier des Kaisernamenstages. Er wahlte die Ouverture von 
Beethoven „Zur Weihe des Hauses", „Die Ruinen von Athen" mit Beet- 
hovens Musik, seit der Pester Auffiihrung umgearbeitet und der neuen 
Gelegenheit angepaBt. Die erste Auffiihrung am bestimmten Abend 
wurde noch von Beethoven selbst geleitet mit freundlicher Unter- 
stiitzung durch die angestellten Kapellmeister. Trotz der schwanken- 
den Ausfuhrung jubelte man dem Meister zu. So erfahrt man es von 
mehreren zeitgenbssischen Stimmen (Schindler u. a.), die bei Th.-R. 
(IV, S. 296 und 310f.) vollstandig angefiihrt sind. Beethoven, ,,wieder- 
holt auf die Biihne gerufen", erschien dort „an der Hand des wurdigen 
Direktors Hensler". — Bald nach den ersten Auffiihrungen brachte 
Beethoven das frische Gratulationsmenuett fur Hensler ins 
Theater, eine Komposition fur Orchester, die man standchenweise mit 
vielen anderen Musikstiicken dem gefeierten Direktor am Vorabend 
seines Namensfestes (Karl fallt auf den 4. November) vorfuhrte. Das 
kleine, anspruchslose Stuck diirfte „zu den feinsinnigsten Konzeptionen 
des Meisters zahlen" (Riemann) und wird leider selten zu Gehor ge- 
bracht. Es ist erst 1835 bei Artaria erschienen mit einer Widmung 
an Karl Holz (vgl. auch Nottebohm, „Beethoveniana" II S. 396). 
Direktor Hensler lebte nach den Erfolgen, ja Triumphen vom Herbst 

1823 nicht mehr lange. Er starb am 24. November 1825, „alt 64 Jahre", 
wie „Littrows Kalender fur 1827" (S. 82 und 92) berichtet, der auf 
die gedruckte Leichenrede von Wachter hinweist. 

Die Lebensdaten sind sonst nach C. v. Wurzbachs ,,Biographischem 
Lexikon" nach Th.-R. IV gegeben. Vgl. auch Bauerles ,,Theater- 
zeitung" 1823 und die Quellen, die bei Th.-R. genannt sind. In einem 
Aufsatz „Zur Biographie Karl Friedrich Henslers" von Egon v. Komor- 
zynski in der , .Wiener Abendpost" 5. April 1905 scheint es sich um 
einen anderen Hensler zu handeln, der 1759 zu Vaihingen a. Enz ge- 
boren ist. Komorzyriski beruft sich auf den ,,Wiirttembergischen 
Staatsanzeiger" von 1890 Nr. 18, der mir nicht zur Verfugung steht. 

Herzensgiite. „Vor allem muB man sagen, daB Beethoven, wenn 
auch ein hOchst sonderlicher, doch ein wahrhaft guter Mensch war." 
So sagte Grillparzer zu Hermann Rollett, als sie iiber Beethovens 
Wesen sprachen. Der Dichter bringt Beethovens Giite in Gegensatz 
zu seinem Benehmen, wenn er gereizt wurde. Der Sanger Franz Wild 



Herzensgiite 211 



auBerte sich: es sei mir gestattet, beziiglich seines Charakters zu 

sagen, daB er der Gemutlichste aller Guten war. Ich habe so viele 
Ziige seltener Herzensgiite von ihm erfahren, daB ich nicht anstehe 
zu behaupten, die weltbekannte Rauheit seiner AuBenseite mtisse 
der Tragik seines Schicksals zugeschrieben werden." Damit kommt 
Wild auf die Taubheit zu zu sprechen. Mit der „Rauheit seiner AuBen- 
seite" meint Wild ganz offensichtig nicht nach dem Wortlaut die 
rauhe Haut, sondern das Widerhaarige seines Benehmens (siehe bei : 
Grillparzer und: Wild). Und Beethovens Giite gegen die Briider, den 
Neffen und gegen Wegeler, Steffen v. Breuning, Ferd. Ries, C. Czerny, 
den kleinen Franz Liszt und so viele andere bestatigt das Urteil Grill- 
parzers und Wilds. Besonders in seiner letzten Zeit kommt das giitige 
Wesen stark zum Ausdruck, die Versbhnlichkeit, Dankbarkeit. Gerh. 
v. Breuning weiB gar nicht genug hervorzuheben, mit welcher Giite 
und Nachsicht er im Schwarzspanierhaus vom todkranken Meister be- 
handelt wurde. Ganze Reihen von Mitteilungen der Zeitgenossen 
lassen auf eine naturliche, ungeheuchelte Herzensgiite schlieBen, 
unterbrochen nur durch Berichte iiber unwirsches Benehmen und 
ZornesauBerungen, die ihn aber bald reuten und sogar zu iibertriebenen 
Abbitten bewogen. Ein erfreulicher Fall ereignete sich 1823 bei der 
Hauptprobe der Musik zur feierlichen Eroffnung des Theaters in der 
Josephstadt. „In einem Duett zwischen Sopran und Tenor benahm 
sich die noch jugendliche Sangerin zaghaft und schleppte merkbar. 
Beethoven merkte es gleichfalls, lieB die Sangerin zu sich herantreten, 
sie auf jene Stellen aufmerksam machend, in denen sie sich leichter be- 
wegen sollte, sprach ihr sodannMut zu und empfahl ihr, sich fest an den 
gewandten Tenor anschlieBen zu wollen. Darauf lieB er die Nummer 
wiederholen und auBerte am Schlusse seine Zufriedenheit mit den 
Worten: Jetzt war es gut, Fraulein Heckermann!' Der Tenorist 
in diesem Duett war Herr Michael Greiner, den unser Meister bereits 
vom BadenerTheater kannte" (nach Schindler II, S. 9). Auch anderen 
Sangerinnen gegeniiber, gegen die Schroder, Unger, Sontag, erwies er 
sich giitig. , , Giite und Geduld" beim Umgang mit Louis Schlbsser ist 
bestens beglaubigt. Wiedebein, der sogar bei Beethoven logieren 
durfte, erzahlt eine Begebenheit mit einem verungliickten Fuhrwerk 
und dem hilfsbereiten Beethoven. Fiir wohltatige Zwecke griff er 
tief in dieTasche, und nicht selten konzertierte er in derselben Absicht. 
Das Konzert mit Polledro fiir die brandgeschadigten Badener ist all- 
bekannt. Am meisten aber fallt auf seine nimmer erlahmende Giite 
dem Neffen gegeniiber, der sie ungezahlte Male auf so harte Probe 
stellte, durch Ungehorsam, Falschheit, Faulheit und noch anderes. 

14* 



212 Herzog — Hetzendorf 



Gjillparzer, ein guter Psycholog, hatte recht, den wunderlichen 
Meister einen wahrhaft guten Menschen zu nennen. — Der Zug der 
Giite kommt wohl im Schimonschen Beethovenbildnis am besten zutn 
Ausdruck. 

Herzog, Anton (geb. wahrscheinlich 1771, gest. 1850 zu Wiener Neu- 
stadt). Tuchtiger Musiker. Mit Beethoven personlich bekannt. DUrfte 
um 1800, damals bereits verheiratet, als Schullehrer nach Wiener 
Neustadt gekommen sein. Mit Dekret vom 19. April 1805 wurde er zum 
„Organisten der Hauptpfarrkirche" ebendort „ab 1. Mai 1805" er- 
nannt. 1819 spatestens war er schon Regens chori und Direktor der 
Kreishauptschule. In diesen Wiirden verblieb er bis zu seinem Tod 
am 5. Mai 1850. Er war 79 Jahre alt, als er starb (freundliche Mit- 
teilung von Herrn BUrgermeister Prof. Dr. Jos. Mayer in Wiener 
Neustadt). A. Herzog war es, der Beethoven in Wiener Neustadt von 
der irrttimlichen Verhaftung befreite (siehe bei: Wiener Neustadt). 
Herzog ist auch sonst musikgeschichtlich sehr beachtenswert. Er 
war um 1791 Lehrer an der Patronatsschule des Grafen Walsegg zu 
Klamm in NiederSsterreich und hat wichtige Aufschreibungen fiber 
Mozarts Requiem hinterlassen, das vom Grafen Walsegg bestellt worden 
war. Sie liegen im Archiv des Wiener Neustadter Musikvereins und 
sind benutzt in dem Aufsatz „Zur Entstehungsgeschichte von Mozarts 
Requiem" von Prof. Dr. Jos. Heitzenberger in dem Blatt ,,Die Reichs- 
post" Wien, 5. Mai 1925. Beethoven hat seinerzeit den Streit um 
die Echtheit des Mozartschen Requiems beachtet (vgl. Frimmel in 
,,5sterreichische Rundschau" 15 Marz 1914 und Frimmel, ,,Beethoven- 
forschung" Heft 9). 

Herzog, Ehepaar, das 1809 ftir kurze Zeit bei Beethoven zur Be- 
dienung aufgenommen war (siehe Th.-R. Ill, S. 157 ff.). 

Hetzendorf, Ortchen im Siiden von Wien, nicht allzuweit vom SchOn- 
brunner SchloBpark entfernt, von diesem talwarts gelegen. Ehemals 
selbstandig, nunmehr der GroBstadt einverleibt. Ein kleines herr- 
schaftliches SchloB zu Hetzendorf, das Sailernsche, nicht das 
Kaiserl. LustschloB war damals der Sitz des Kurfursten Max Franz, 
nachdem er aus den Rheinlanden wieder nach Osterreich zurtick- 
gekehrt war (A. Schmidl, „Wiens Umgebungen" III S. 104). 1801 
ubersommerte Beethoven, wie Schindler (I, S. 90) berichtet, in 
Hetzendorf, ohne daB es bisher festgestellt ware, in welcher 
Wohnung, ob in den Nebengebauden des erwahnten Schlosses oder 
sonstwo. Schindler ist fiber die friihe Wiener Zeit Beethovens nicht 
ebenso wohl unterrichtet, wie fiber die Jahre, die er zum Teil sogar als 
Zimmergenosse des Meisters verlebt hat. Hauft er doch (I, S. 153) an 



Hetzendorf 213 

anderer Stelle allerlei Ungenauigkeiten uber die friihen Sommer- 
aufenthalte. Doch folgt ihm, ohne bestimmte Quellenangabe, Thayer. 
Dieser scheint daran gedacht zu haben, daB Beethoven damals des 
Kurfiirsten wegen nach Hetzendorf gezogen ware. Max Franz starb 
am 26. Juli 1801. Wir durfen uns vorstellen, daB Beethoven als kur- 
fiirstlicher Angestellter dem pomposen Leichenbegangnis beigewohnt 
hat. Fur den GenuB der freien Natur mag der Meister den Hetzen- 
dorfer SchloBpark benutzt haben, noch mehr aber den weitlaufigen 
Park des Schonbrunner Schlosses, der gegen Wien zu bald zu erreichen 
war, dessen Gloriette, ein besonders gelungener Bau Hohenbergs, den 
Meister gewiB oft hinangelockt hat. Alles Vertrauen verdient Schind- 
ler, wenn er erzahlt, daB er vom Meister 1823 darauf hingewiesen 
worden sei, wie die Komposition des „Christus am Olberg" in der 
Nahe der Gloriette entstanden sei. Dort hatte Beethoven eine ver- 
kriippelte Eiche gefunden, auf deren niedrigem Ast man bequem sitzen 
konnte (daB heute und schon lange fruher das Suchen nach dieser 
Eiche vergeblich ware und gewesen ist, sei im Vorubergehen angemerkt). 
Derselbe Baumsitz sei auch benutzt worden, als Beethoven am „Fidelio!' 
arbeitete. ,,Auch 1805 wohnte Beethoven in Hetzendorf", berichtet 
Schindler. 

Der wichtigste Aufenthalt Beethovens in Hetzendorf war jedoch 
ohne Zweifel der im arbeitsreichen, fiir Beethovens Leben innerlich be- 
wegtem Jahre 1823. Die groBe Messe war allerdings fertig, aber die 
Angelegenheit der Herstellung und Versendung von Abschriften be- 
schaftigte den Meister und seine nahen Bekannten. An der neunten 
Symphonie wurde gearbeitet, und nicht zu iibersehen sind die 33 Varia- 
tionen uber den Walzer von Diabelli, die im Hetzendorfer Sommer 
entstanden sind. Von groBem Belang sind auch die Unterhandlungen 
mit Grillparzer iiber dessen „Melusine" und „Drahomira", die sich 
zum Teil in Hetzendorf abspielten (siehe bei: Grillparzer). 

In jenem Sommer 1823 wohnte Beethoven im SchloBchen des Frei- 
herrn Sigismund v. Pronay, der sich durch seine botanischen Studien 
ein freundliches Andenken gesichert hat. Dieser besaB das SchloBchen 
in der Zeit von 1816 bis 1839 (nach W. Englmann in ,,Monatsblatt des 
Wiener Altertumsvereins" 1915, S. 164). Die botanischen Anlagen 
werden genannt in C. F. Weidmann, ,,Wiens Umgebungen" S. 84, 
wo sich neben dem kaiserlichen SchloB als bemerkenswerte Gebaude 
auch noch das Sailernsche SchloB und die graflich Zichysche Villa ge^ 
nannt finden. Grundrisse der Villa Pronay sind geboten in „Oster- 
reichische Kunsttopographie" Bd. XV (Wien ,,Kunsthistorischer Atlas" 
S. 188 mit einigen Zeilen Text). Bis weit herein in unser Jahrhundert 



214 Hiller 

konnte man das Pronaysche SchloBchen (noch 1911 habe ich dort 
Notizen gemacht) in nahezu altem Zustand vorfinden. Nur die neuen 
Veranden nach der Gartenseite zu storten ein wenig. An der Schau- 
seite befand sich noch die alte Hausnummer 32. Im Garten, fast 
Park zu nennen, befanden sich noch etliche alte Baume, die sicher 
Beethovens Tage noch miterlebt haben. 

Der Hetzendorfer Aufenthalt ist besonders reich an Briefen Beetho- 
vens. Von den ungefahr 120, die aus dem ganzen Jahre 1823 erhalten 
sind (bei Kalischer sind sehr viele ubersehen), gehoren viele dem Som- 
mer an. Ein vorUbergehendes Zerwtirfnis mit dem Faktotum Schindler 
ist festzustellen, das sich zu Anfang des August einstellte, als Beethoven 
von Hetzendorf nach Baden ubersiedelte. Denn Baron Pronay war 
dem demokratisch gesinnten TonkQnstler viel zu ehrfurchtsvoll, und 
dieser durfte dem devoten Hausherrn wieder zu rQcksichtslos sich be- 
nommen haben. Der Baron soil sich Ruhe iiber seinem Schlafzimmer 
ausbedungen haben, die Beethoven durchaus nicht einhalten wollte. 
Schindler konnte dieses nicht mehr gutheiBen und zog fort. Ob es 
nun fur Beethoven noch mOglich war zu bleiben, sei dahingestellt. 
Mit Schindler gemeinsam suchte Beethoven in Baden Unterkunft. 
Hinter Schindlers Rucken auBerte er sich aber hOchst abfailig iiber ihn. 
(Zu Hetzendorf neben den Schriften, die schon oben angegeben sind, 
auch „Topographie von NiederOsterreich, herausgegeben vom Verein 
fur Landeskunde" [Bd. Ill, 1896].) 

Hiller (Ferdinand), Tonkunstler und Schriftsteller (geb. 1811 zu 
Frankfurt a. M., gest. zu Koln 1885). Aus wohlhabendem Hause 
stammend, genoB er fachgemaBen Unterricht, zunachst in seiner 
Vaterstadt, dann in Weimar bei J. N. Hummel. Fiir unser Handbuch 
hat er nur insofern Bedeutung, als er in seiner Jiinglingszeit noch den 
todkranken Beethoven kennengelernt und iiber ihn verhaltnismaBig 
eingehend berichtet hat. Zunachst geschah dies in der Reihe „Aus 
dem Tonleben unserer Zeit" 1868, 1871 neue Folge, dann in einem Vor- 
trag ,,In Wien vor 52 Jahren", den der greise Hiller in einem Leseabend 
der Wiener „Concordia" im Dezember 1879 hielt. (Dazu Notizen der 
,, Neuen freien Presse" um die angegebene Zeit, Ed. Hanslicks 
Feuilleton vom 24. Dezember jenes Jahres und Landaus ,, Beethoven- 
album" von 1877.) Der Vortrag erschien dann auch im Februarheft 
1880 von ,,Nord und Stid". Durch Hummel eingefiihrt, war der funf- 
zehnjahrige Hiller am 28. Marz 1827 zum erstenmal bei Beethoven. 
Es war im Schwarzspanierhause (vgl. auch Breuning S. 103). Man 
war erstaunt, den Meister „dem Anscheine nach ganz behaglich am 
Fenster sitzend zu finden. Er trug einen langen, grauen, im Moment 



Hiller 215 

ganzlich geSffneten Schlafrock und hohe, bis an die Knie reichende 
Stiefel". Hiittenbrenner erzahlte Thayern, daB Beethoven des an- 
gekiindigten oder angemeldeten Besuches wegen eigens fUr Hummel 
das Bett verlassen habe. Die gegenseitige BegrtiBung war auBerst 
herzlich. Dann wurde Hiller vorgestellt, der sich dem Meister gegen- 
iibersetzen durfte. Geheftete Gesprachsbticher lagen bereit. Zu Be- 
ginn ,,wie ttblich" drehte sich die Unterhaltung „um Haus und Hof, 
Reise und Aufenthalt, um Hillers Verhaltnis zu Hummel. Nach 
Goethes Befinden erkundigte sich Beethoven mit auBerordentlicher 
Teilnahme, und wir durften das Beste melden". ,,Uber sein Befinden 
klagte der arme Beethoven gar sehr." Sehr scharf auBerte sich der 
Meister iiber den „jetzigen Kunstgeschmack und iiber den hi.er alles 
verderbenden Dilettantismus". Eine Hummelsche Verlagsangelegen- 
heit kam zur Sprache, auch die „VerdrieBlichkeiten" mit dem Neffen, 
die sich wohl auf die Folgen des Selbstmordversuches bezogen oder 
auf des Neffen Versaumnis beim Holen eines Arztes. Der Ausfall 
auf den „jetzigen Kunstgeschmack" war jedenfalls durch das damalige 
Oberhandnehmen der italienischen Opern ausgelOst. — „Am 13. Marz 
nahm mich Hummel zum zweiten Male mit zu Beethoven. Wir fanden 
seinen Zustand wesentlich verschlimmert." Trotzdem war noch ein 
Gesprach moglich. Beethoven erwahnte unter anderem, daB er Hum- 
mels Gattin schon „als junges schones Madchen gekannt hatte". Er 
bedauerte seine Ehelosigkeit. Eine Ansicht des Geburtshauses von 
Jos. Haydn wird vorgezeigt. Dann bittet der Meister Hummeln, bei 
dem Konzert zu spielen, das zu Schindlers Benefiz fur die nachste 
Zeit angesagt war. (Hierzu „Beethovenjahrbuch" I, S. 125.) — Der 
Bericht iiber den dritten Besuch beginnt: „Trostlos war der An- 
blick des auBerordentlichen Mannes, als wir ihn am 23. Marz wieder 
aufsuchten. Matt und elend lag er da, zuweilen tief seufzend. Kein 
Wort mehr entfiel seinen Lippen — der SchweiB stand ihm auf der 
Stirn . . ." (vgl. dazu auch Th.-R. V, passim, Kerst, „Erinnerungen" 
II, S. 227f., nach Landau, „Beethovenalbum" von 1877). 

Ferd. Hiller hat auch anderes iiber Beethoven berichtet, und zwar 
iiber das Zusammensein des Meisters mit Paer und den Plan der ,,Leo- 
nore" („Niederrheinische Musikzeitung" 1860, Nr. 24, benutzt bei 
Kerst, „Erinnerungen" I, S. 111). Beethoven sei von Paers „Leonore" 
sehr entzuckt gewesen und soil geauBert haben, er mochte denselben 
Stoff komponieren. Dieses „on dit" ist langst durch L. v. Sonnleithner 
widerlegt und aufgeklart worden. (Dazu ,,Beethovenforschung" 
Heft 4, S. 125ff. und den Abschnitt: Paer.) 

Zu Ferd. Hillers Leben sind die Musiklexika einzusehen, einschlieB- 



216 Himmel 

lich dessen von F6tis. Beachtenswert die Tongersche „Neue Musik- 
zeitung" (Leipzig und Kbln 1. Dezember 1880). 

Himmel, Friedrich Heinrich (geb. zu Treuenbrietzen 1765, gest. 
1814 in Berlin), Musiker, der anfanglich Theologie studierte, dann 
Komponist wurde. Wurde von Kbnig Friedrich- Wilhelm II. nach 
Italien gesandt. Dort kamen zwei seiner Opern zur Auffiihrung. Dann 
wurde er in Berlin Hof kapellmeister (1795). Es folgten weite Reisen 
nach RuBland und Skandinavien, Frahkreich, England und Osterreich, 
worauf er 1806 nach Berlin zuriickkehrte. Himmel wurde mit Beetho- 
ven bekannt, als dieser 1796 in Berlin war. Sein achtbares, aber immer- 
hin bescheidenes Talent stand weit unter der hohen Kunst Beethovens. 
F. Ries („Notizen" S. 1 lOf.) teilt mit, daB sich der Meister iiber Him- 
mel geauBert habe: ,,er besitze ein ganz artiges Talent, weiter aber 
nichts; sein Klavierspielen sei elegant und angenehm, aber mit dem 
Prinzen Louis Ferdinand sei er gar nicht zu vergleichen". Himmel 
soil nun einmal so unvorsichtig gewesen sein, vor Beethoven zu impro- 
visieren. Nach der Oberlieferung sei es in einem Privatzimmer des 
Jagorschen Kaffeehauses unter den Linden gewesen. Nachdem 
Himmel eine Weile gespielt hatte, unterbrach ihn Beethoven mit den 
Worten: ,,Aber, lieber Himmel, wann werden Sie denn endlich einmal 
ordentlich anfangen?" Himmel, merklich alter als Beethoven und 
noch dazu eleganter Hofkapellmeister, war schwer beleidigt, und es 
kam zu einem Wortwechsel, der gewiB nicht mit einer Versohnung 
abschloB, wenigstens nicht sofort. Beethoven auBerte sich spater 
gegen Ries: „Ich glaubte, Himmel habe nur so ein biBchen pralu- 
diert." Die Beleidigung schien nach einiger Zeit vergessen, und es 
stellte sich sogar ein Briefwechsel ein, in welchem Beethoven ofter 
nach Neuigkeiten aus Berlin fragte. Heimtuckischerweise teilte 
Himmel einmal dem Wiener Meister als das Neueste mit, daB eine 
,,Laterne flir Blinde" erfunden worden sei. Beethoven, allzu leicht- 
glaubig, nahm die Nachricht ernst und erzahlte sie uberall in Wien 
weiter, wodurch Himmel herzlich belustigt wurde. Als Himmel urn 
nahere Erlautefungen gebeten wurde, schickte er eine Antwort, die 
nach Ries ,, nicht mitteilbar" sei und die wohl mit ,,Liebes Kind . . ." 
begonnen und mit „blind" geendigt hat. Damit war der Briefwechsel 
abgeschlossen. Himmels Tticke wird etwas verstandlich, wenn man 
seine Angriffe gegen Reichardt zur Vergleichung heranzieht, als dieser 
Salzinspektor in Halle geworden war. Die KunsthOhe Himmels sagte, 
wie nebenbei erwahnt sei, einem Goethe und Zelter sehr zu, von denen 
lobende, bewundernde AuBerungen beglaubigt sind. Am 16. Juli 
1808 hOrte Goethe den Berliner Kapellmeister in Karlsbad. Mit langst 



Himmel — Hirsch 217 



gepragter Redensart heiBt es von Himmel, daB er ,,kostlich spielte". 
In Weimar spielte Himmel im ResidenzschloB 1806, ferner bei Herrn 
v. Spiegel und bei der Herzogin Amalie in Tiefurt, uberdies zu Nieder- 
roBla. Goethe ging (wie W. Bode mitteilt) iiberall hin, ihn zu hbren. 
Und Zelter sagte von Himmels Spiel, „eine bessere bequemere Behand- 
lung des Fortepiano ist mir nicht vorgekommen". Fur einen Beethoven 
diirfte die Behandlung des Fortepiano doch allzu ,,bequem" gewesen 
sein. (Zu Himmel vgl. Freiherr Carl v. Ledebur, „Tonkiinstlerlexikon 
Berlins" [1861], Bode, „Die Tonkunst in Goethes Leben", Th.-R. II, 
Kalischer, „Beethoven und Berlin" S. 18ff. Die Erzahlung von der 
Laterne fur Blinde war schon 1 845 wiedererzahlt worden in L. A. Frankls 
„Sonntagsblattern" Nr. 40.) 

Himmel. Beliebter Ausflugsort in der Nahe von Wien und dem 
Kahlenberge. Beethoven machte einen Ausflug dahin mit Del Rios. 
Dort komponierte er das Liedchen „Wenn ich ein Vbglein war . . .". 
(Zuerst mitgeteilt nach der Uberlieferung der Frau Pessiak-Schmerling 
in Frimmel, „Neue Beethoveniana". Vgl. auch Th.-R. IV, S. 517.) 

Hirsch, Carl Friedrich (geb. zu Wien 1801, gest. zu DObling nach 
1881). Seinem Hauptberuf nach war er „k. k. Hofbuchhaltungs- 
Rechnungs-Offizial", sonst Musiker von Talent aus der Gruppe der 
StrauB und Lanner. Hirsch hat einen kurz dauernden Unterricht bei 
Beethoven genossen. Sein Vater, Franz Thorn. Hirsch, war ein Mann 
von etwas weiterem Gesichtskreis, als er damals in Wien gewohnlich 
gefunden wurde. Dem Titel nach „Rechnungsofficial der k. k. Staats 
Credits und Central-Hofbuchhaltung" aber auch ,,auBerordentlicher 
offentlicher Lehrer der Kalligraphie an der Universitat", der von 
etwa 1813 bis 1820 und wohl noch viel langer Lehrkurse in der ,,Schon- 
und Rechtschreibekunst" abhielt. (Dazu ,, Wiener Zeitung" vom 
Januar 1820 und 9. November 1820.) Den Meister lernte dieser altere 
Hirsch im Hotel „Rbmischer Kaiser" kennen, wohin er von der nahen 
Wohnung in der Renngasse zum Mittagstisch ging. Beethoven fand 
Gefallen an dem gebildeten Manne und erfuhr, daB er einen Sohn von 
musikalischer Begabung habe. Seine Frau Anna war eine Tochter 
Albrechtsbergers, womit ja ein besonderer Ankniipfungspunkt gegeben 
war. Ein Unterricht wurde zugestanden und sogleich im „Rbmischen 
Kaiser" erteilt. Es handelte sich nach allem, was der Schtiler noch 
bestimmt wuBte, um Harmonielehre, wie man das schon aus dem 
Umstand schlieBen kann, daB Beethoven den Jungen auf die mannig- 
fachen Auflosungsarten der verminderten Septimenakkorde aufmerk- 
sam machte (Naheres iiber den Unterricht in Frimmel, „Beethoven- 
studien" Bd. II). Die Zeit, wann Beethoven den jungen Hirsch unter- 



218 Hoehzeitslied — Hochle 

richtet hat, ist einigermaBen festzustellen durch die Erinnerung des 
Schulers, da8 Beethoven damals durch das plStzliche Ableben Wenzel 
Krumpholzens sehr betrubt war. Der Violinspieler Krumpholz war am 
2. Mai 1817 gestorben, und Beethoven hatte zur Erinnerung an den 
verstorbenen Freund eine kleine {Composition fur Mannerchor, „Rasch 
tritt der Tod den Menschen an", in das Stammbuch von Aloys Fuchs 
geschrieben. Hirsch wollte diese Komposition dort gesehen haben, 
was immerhin leicht moglich war, wenn Beethoven einen Entwurf 
umherliegen lieB. Denn der junge Hirsch war sicher auch in Beetho- 
vens Wohnung.ob diese nun im,,R6mischen Kaiser" gewesenoderschon 
in der Seilerstatte. Hirsch hatte noch einige Erinnerung an Beethovens 
Benehmen, auBere Erscheinung und Kleidung. (Dariiber „Neue 
Zeitschrift fur Musik" August 1880, Frimmel, „Neue Beitrage zu 
Beethovens Biographie", dasselbe erweitert in Frimmel, ,,Beethoven- 
studien" Bd. II, auch Bd. I, S. 69f.) 

Hoehzeitslied fur Nanni del Rio, Tochter des Padagogen Gianna- 
tasio del Rio aus AnlaB ihrer Vermahlung mit Leopold Schmerling 
am 6. Februar 1819. Durch eine Abschrift aus dem Besitz der Frau 
Anna Pessiak-Schmerling und durch die Oberlieferungen in der Familie 
war man uber dieses kleine, frisch erfundene Werk einigermaBen unter- 
richtet (Th.-R. IV, S. 155f.). Die Sanger und der Komponist waren 
wahrend der Aufftihrung versteckt und traten erst danach hervor. 
Beethoven (iberreichte der Neuvermahlten die Handschrift. Das Ori- 
ginal, lange vergeblich gesucht, fand sich erst in neuester Zeit im 
Archiv der Firma Breitkopf & Hartel zu Leipzig. Ein Faksimile der 
ersten Seite schmuckt dankenswerterweise den „Katalog des Archivs 
von Breitkopf & Hartel, Leipzig", der jiingst von Wilhelm Hitzig im 
Auftrag der Firma herausgegeben worden ist. Dort auch Hinweis 
auf „Zeitschrift fUr Musikwissenschaft 'VII, Heft3. (Vgl. auch: Rio.) 

Hochle, Johann Nepomuk (geb. 1790?, gest. zu Wien 1835). Bedeu- 
tender Kiinstler, der an Beethovens Wesen lebhaften Anteil nahm 
und nach dem Tod des Meisters auch das Musikzimmer im Schwarz- 
spanierhaus zeichnete. Bestens beglaubigt ist seine ganz kleine Zeich- 
nung mit dem „Beethoven auf der Bastei", die bis in die neueste Zeit 
in der alten Sammlung Fritz Donebauer zu Prag versteckt war. Dort 
war sie unter der oben gegebenen Benennung gefilhrt und im Ver- 
zeichnis der Versteigerung vom Dezember 1915 aufgezahlt worden. 
Herr Generaldirektor der Zivnostenska Banka A. Ruzicka in Prag 
hat das bedeutsame Blatt erworben. (Dazu Leo Griinstein im „Monats- 
blatt des Wiener Altertumsvereins" vom Februar 1916. Ausfiihrliche 
kritische Besprechung in Frimmel, ,,Studien und Skizzen zur Ge- 



Hofel 219 

maldekunde" 3. Lieferung Heft 1 und 2 mit Abbildung genau in den 
Abmessungen des Urbildes [11x6 cm]. Dieses ist eine aquarellierte 
Federzeichnung, die den Meister darstellt, schreitend in einen dicken 
Mantel gehullt, dessen Kragen an einerSeite [es ist offenbar die, von der 
starker Regen herkam] bis ans Ohr aufgeschlagen ist. Der Zylinderhut 
ist mehrfach verbogen.) Hochle hat also den Meister aus dem Gedacht- 
nis gezeichnet. Denn in Sturm und Regen konnte er doch im Freien, 
die Oberlieferung sagt auf der Bastei, nicht zum Studium gesessen 
haben. DaB mehrere Kunstler den Meister auf Spaziergangen be- 
obachtet und danach gezeichnet haben, ist bekannt genug, urn die 
Entstehung des kleinen Blattes verstandlich zu machen. (Brief an Frau 
Gerardi-Franck, Zeichnungen von J. D. Bohm, J. Weidner und von 
einem Unbekannten, nach dessen Skizze Lyser gezeichnet hat. In 
neuesterZeit hat Leo Grunstein einen ausfiihrlichen Artikel Uber Hochle 
fur Thieme-Beckers ,,KunstIerlexikon" geschrieben.) 

Hofel, Blasius (geb. zu Wien 1792, gest. in Salzburg 1865), hervor- 
ragender Graphiker, Kupferstecher, Holzschneider, der in seiner Jugend 
auch ein vorzugliches Beethovenbildnis geschaffen hat. Louis Letronne, 
der um die KongreBzeit in Wien arbeitete, sollte die Zeichnung liefern. 
Sein Machwerk fiel schlecht aus, und der Stecher, HOfel, muBte eigent- 
lich auf der Platte ein neues Bildnis schaffen. Es gelang vorziiglich 
und ist unter den idealisierten Beethovenbildnissen das beste. Beetho- 
ven gestattete, nach Schindlers Bericht, genug Sitzungen, beziehungs- 
weise genug freie Arbeit, um ein reifes Kunstwerk entstehen zu lassen. 
HOfel war ein emsiger, fruchtbarer, sehr beliebter Kunstler. Er stach 
auch nach Daffinger das Brustbild Castellis und nach Suchy das Portrat 
des Erzherzogs Rudolf (Verlag Artaria, angekundigt in der „Wiener 
Zeitung" vom 24. Oktober 1820). Bei Artaria ist auch das Beethoven- 
bildnis von Hofel erschienen, und zwar 1814. Es wurde in groBer 
Auflage gedruckt und ist verhaltnismaBig weit verbreitet, auch in 
neuen Abdrucken von der alten Platte und besonders oft in neuen 
photochemischen Nachbildungen fur eine Menge neuer Beethoven- 
biicher. Beethoven selbst versendete viele Widmungsexemplare, so 
z. B. eines an Frau Antonia Brentano-Birkenstock. Es hat sich in 
der Familie vererbt und tragt die Widmung ,,Hochachtungsvoll der 
Frau Von Brentano gebohren Edle Von Birkenstock von ihrem Sie 
verehrenden Freunde Beethoven". Zum SchluB Beethovens Paraphe. 
(Eine Photographie wurde mir gtttigst aus Longwood, Winchester 
Hants gesendet.) Erhalten ist auch das Exemplar fur Simrock, fur 
Wegeler, fur Herrn Huber. Herr Prof. Siegfr. Ochs in Berlin besaB 
eines „fur H. v. Molt". 



220 Horr — Hohrrohr 



Blasius Hofel ist uns auch dadurch von Bedeutung, daB von ihm die 
meist zuverlassigen Angaben iiber Beethovens Spaziergang nach Wiener 
Neustadt und die irrtOmliche Verhaftung ebendort herstammen. 
(Hierzu Frimmel, „Beethovenforschung" Heft 9 mit der Literatur, 
die dort genannt ist. Thayer hat noch das Wesentliche von Hofel 
selbst erfragt.) Oberdies verdanken wir einem alten Holzschnitt aus 
Hofels Schule die alte Ansicht eines malerischen Hauses, in welchem 
Beethoven um 1816 gewohnt hat. Es ist das sogenannte Lambertische 
Haus mit der Doppelnummer 1055 und 1056 in der Seilerstatte, dessen 
Hinterseite nach der Wasserkunstbastei sah. (Vgl. Abschnitt: Woh- 
nungen.) 

Uber Hofel und sein Beethovenbildnis ist alierlei zu finden, das zu- 
sammengestellt ist in Frimmel, ,,Beethovenstudien" Bd. I, in ,, Blatter 
fur Gemaldekunde V, S. 139, ,,Studien und Skizzen zur Gemalde- 
kunde", bei demselben in ,, Beethoven im zeitgenossischen Bildnis" 
(S. 50ff.). — Ober das Leben Hofels und seine graphischen Arbeiten 
geben Auskunft Jos. Wtinsch, „Blasius Hofel", Wien 1910, derselbe 
im ,,Monatsblatt des Wiener Altertumsvereins" vom Dezember 1909, 
ferner der Abschnitt Hofel im ,,Allgemeinen Kiinstler-Lexikon" von 
Thieme-Becker (Bd. XVII 1924). „HofeIs erstes Blatt, das ihn be- 
kannt machte und ihm viele Auftrage eintrug, war das ausgezeichnete 
Bildnis Beethovens nach Louis Letronne." 

Hbrr, Johann, Schneider und Hausbesitzer in Penzing. Vom 1. Mai 
1824 an mietete Beethoven eine Wohnung in Horrs Hause. Schindler 
teilt Naheres mit, auch die ,,Quittung iiber 180 fl. C. Mz. sage Ein- 
hundert und achtzig Gulden Conv. Miinze, welche ich Endesgefertigter 
von Herrn Ludwig van Beethoven als den Hauszins ftir den Sommer 
pro 1824 in meinem Hause Nr. 43 zu Penzing bestandenen Quartier 
im ersten Stock richtig und baar empfangen habe, hiermit bescheinige. 
Penzing 1. Mai 1824. Johann Horr". (Vgl. auch Th.-R. V, S. lOOf. 
und den Abschnitt: Wohnungen.) 

Horrohr. Als die Schwerhorigkeit dem Kiinstler lastig und lastiger 
wurde, bemuhte er sich, Hilfsmittel zu finden, die ihm eine Verstan- 
digung mit der Umwelt erleichtern, ermoglichen sollten. Malzel und 
Streicher bemuhten sich um diese Angelegenheit. Freund Streicher 
versuchte groBe Schallschirme, die am Klavier angebracht wurden. 
Kleinere Vorrichtungen von verschiedener Form haben sich lange 
in der Berliner Staatsbibliothek befunden und sind 1890 ans Museum 
im Beethovenhaus nach Bonn gelangt. Ein weiteres war in der Wiener 
Beethovenausstellung 1920 zu sehen (Nr. 264). Die Wiener Universi- 
ty besaB ein anderes Horrohr, das Beethoven benutzt hat, und das 



Hoffmann — Hoffmeister 221 

an die Gesellschaft der Musikfreunde abgegeben wurde. (Abbildung 
der Bonner Instrumente bei Frimmel, ,,Beethoven" 6. Aufl. S. 27, und 
bei Waldem. Schweisheimer, „Beethovens Leiden" 1922 bei S. 48. — 
Siehe auch die„Kataloge des Beethovenhauses" zu Bonn und die Ab- 
schnitte: Malzel, Streicher und Wolfssohn.) 

Hoffmann, Ernst Theodor Amadeus, eigentlich Wilhelm (geb. 
Konigsberg 1776, gest. Berlin 1822), der vielbesprochene Schriftsteller 
und Novellendichter, der in den „Phantasiestticken in Callots Manier" 
(erschienen 1814 und 1815) auch auf Beethoven zu sprechen kam und 
schon 1810 in der „Allgemeinen musikalischen Zeitling" uber die 
Pastoralsymphonie und C-Moll-Symphonie geschrieben hatte. Im 
Februar Oder Marz 1820 schrieb ein Besucher Beethovens ins Ge- 
sprachsheft: „In den Phantasiestiicken von Hoffmann ist viel von 
Ihnen die Rede. Der Hoffmann war in Bromberg Musikdirektor, nun 
ist er Regierungs-Rath. Man gibt in Berlin Opern von seiner Kompo- 
sition." Wohl durch diese Mitteilung angeregt, schrieb der Meister 
am 23. Marz 1820 einen freundlichen Brief an Hoffmann, ein Schreiben, 
das seit Nohls Briefsammlung schon oft, aber immer mit starken 
Fehlern, auch bei Kalischer, genauer bei Dr. Max Unger in der Zeit- 
schrift „Die Musik" XIII, Heft 3, vom November 1913, abgedruckt 
ist. Kalischer schrieb in den Sonntagsbeilagen der „Vossischen Zei- 
tung" vom Februar 1888 ein Langes und Breites iiber „E. T. A. Hoff- 
mann und Beethoven". Beethovens Wortspiel mit „Hofmann, sey 
ja kein Hof mann", desgleichen der Kanon Uber denselben Text, sind 
weit bekannt. 

(Dazu besonders Th.-R. Ill und IV, Max Garr, „E. T. A. Hoff- 
mann als Musikschriftsteller", Beilage der ,,Miinchener Allgemeinen 
Zeitung" 1899, 4. Oktober, Nr. 226. — Ober Hoffmann vgl. Hans 
v. Mtlller, „E. T. A. Hoffmanns Tagebiicher und literarische Entwurfe" 
[1915], und desselben Verfassers ,, Brief ausgabe" [1912].) 

Hoffmeister, Franz Anton (geb. 1754 zu Rotenburg am Neckar, gest. 
Wien 1812), Musiker, Buchhandler, Verleger, in Wien 1791 als Buch- 
handler in der Wollzeile 803. Von seinen Werken wurde unter anderem 
1797 die Zauberoper ,,Der erste Kufi" in Wien aufgefuhrt. Mit Beetho- 
ven scheint er urn jene Zeit schon bekannt gewesen zu sein, spatestens 
1799. Denn damals erschienen in seinem Verlage die 6 Variationen, 
die der Grafin Browne gewidmet sind. In jenem Jahre ging er auf 
Reisen. In Leipzig verbiindete er sich mit Ambrosius Kiihnel, 
mit dem er gemeinsam 1800 die Firma F. A. Hoffmeister und Kuhnel 
griindete. In diesem Verlag sind mehrere Werke Beethovens erschie- 
nen in der Zeit von 1800 bis 1803. Aus dieser Zeit sind mehrere freund- 



222 Hohler — Hornemann 



schaftliche, vertraulich gehaltene, launige Briefe erhalten (vgl. ,,Neue 
Zeitschrift fiir Musik" Juli 1914). Es sind die vom 15. Dezembcr 1800, 
15. Januar 1801, 22. April 1801, Juni 1801, 8. April 1802, 14. Juli 1802, 
22. September 1803. Auch ein Brief der Leipziger Firma an Beethoven 
ist bekannt vom 12. April 1806. 1805 war Hoffmeister wieder aus der 
Leipziger Firma ausgetreten und nach Wien zuriickgekehrt, wo er 
einige Jahre danach verstarb (vgl. „Katalog der Beethovenausstellung" 
Wien 1920, „Riemanns Musiklexikon" mit Benutzung von W. H. 
Riehl, ..Musikalische CharakterkOpfe" I, S. 249 ff., und Th.-R. II 
passim). 

Hohler, Emmerich Thomas (geb. zu Schrickowitz in BOhmen 1781, 
gest. in Wien 1846), Padagog, Philolog. Fruchtbarer Schriftsteller. 
Ausgebildet in Tepl und Prag, kam er 1807 nach Wien, wo er 1809 
beim Fursten Schwarzenberg als Erzieher der Prinzen und Prinzessin- 
nen angestellt wurde. Spater blieb er noch 14 Jahre lang furstlicher 
Hausbibliothekar. Eine Zeitlang unterrichtete er im Erziehungshaus 
Blochlinger, wo er mit Beethoven oftmals zusammentreffen muBte, 
als der Neffe Karl dort untergebracht war. 1822 erschien aus seiner 
Feder der Text zu „Abbildungen romischer und griechischer Alter- 
tiimer nach Antiken", einem Werke, das in Wien und Krems bei B. Ph. 
Bauer erschien. Auf dem Titelblatt nennt er sich „hochfurstlich 
Schwarzenbergischer Hauslehrer, Bibliothekar und Rath" (noch viele 
andere Schriften, darunter auch ein lateinisch-deutsches Handlexi- 
kon, sind aufgezahlt in C. v. Wurzbachs „Biographischem Lexikon"). 
Zu Hohler vgl. das Gesprachsheft Nr. 34, verOffentlicht in „Die 
Musik" 1905 und 1906, Frimmel, „Beethovenstudien" II, S. Ill, und 
den Abschnitt: Kunst- und Industrie-Komptoir. 

Holzweg, Matthias. Name, der in einer noch unerklarten Bleistift- 
notiz auf einem Brief Galitzins von 1824 vorkommt. Es heifit dort: 
„Nr. 309 Bockgasse, Mathias Holzweg". Das angedeutete Haus in 
der Bockgasse war in der Nahe der damaligen Wohnung Beethovens 
gelegen, die sich in der Ungargasse (heute Nr. 5) befand. 

Horneman, Christian. Miniaturmaler (geb. 1765 zu Kopenhagen, 
gest. 1844). Er war eine Zeitlang in Berlin tatig und kam 1798 nach 
Wien, wohin er ein Empfehlungsschreiben vom Bildhauer Schadow 
an Ftiger mitnahm (Laban: „H.Fiiger", S.25). In Berlin hatte er den 
Konig Friedrich Wilhelm III., die Konigin Luise (beide Bildnisse 
gestochen von Meno Haas) und den noch kindlichen Prinzen Friedrich 
Wilhelm Karl von PreuBen gemalt (Abbildung bei Lemberger: „Die 
Bildnisminiatur in Deutschland", Taf. XL IX als Nr. 239). 

In Wien war er einige Jahre lang tatig, und Beethovens kleines 



Hotschevar 223 

Brustbild aus dem Jahre 1802 oder 1803 ist offenbar in Wien gemalt 
worden. Vor Jahren habe ich diese Miniatur wiederholt bei Dr. Ger. 
v. Breuning gesehen und damals die Jahreszahl als 1803 gelesen. 
Andere lasen seither 1802. In seinem Buch „Aus dem Schwarzspanier- 
hause", in welchem sich die erste Abbildung der Miniatur findet, wird 
von Breuning die Jahreszahl 1802 angegeben. Ein klassizistisch auf- 
gefaBtes kleines Gruppenbild von Horneman aus dem Jahre 1803 ist 
im Verzeichnis der Wiener Versteigerung bei Schidlof vom Februar 
1920 abgebildet. Mehrere andere Arbeiten aus jener Periode sind 
genannt zusammen mit der Miniaturzeichnung bei Generalkonsul 
Dr. Gotthelf Meyer in den „Blattern fur Gemaldekunde" Bd. I, S. 131f. 
und 147. Eine Hornemansche Miniatur befindet sich im Thorwaldsen- 
museum zu Kopenhagen, viele andere werden im Rosenborgslot eben- 
dort bewahrt (siehe „The Studio" vom 15. November 1913, S. 126ff.). 
Silberstiftzeichnungen aus der Sammlung Kippenberg in Leipzig sind 
abgebildet bei G. Biermann, „Deutsches Barock und Rokoko" (1914). 
Der Sammler Dr. KarlGroB in Wien besaB 1905 mehrere Hornemansche 
Arbeiten, von denen eine signierte aus dem Jahre 1797 stammte. — 
Das Brustbild Beethovens von Horneman ist in neuerer Zeit oft nach- 
gebildet worden, wortiber meine „Beethovenstudien" I, S. 23f., und 
mein Buch „Beethoven im zeitgenbssischen Bildnis" S. 15f. Aus- 
kunft geben. 1920 war es in der Beethovenausstellung des Wiener 
Rathauses offentlich zu sehen. — Ober die Beziehungen Beethovens 
zu Horneman ist vorlaufig nichts Einzelnes bekannt. Man hofft auf 
neuere Forschungen. Ober das Geburtsjahr Hornemans herrscht noch 
UngewiBheit. Ich habe mich an ,,Nyt dansk Kunstnerlexikon" von 
Ph. Weilbach(1896) angeschlossen und an,Thieme-Becker, „Allgemeines 
Kunstlerlexikon" (1924, Artikel von Leo Grunstein) mit der Jahreszahl 
1765 (15. August). In anderen Quellen anderes. Neben den Kiinstler- 
lexika von FiiBli, Nagler, Seubert, Singer auch zu beachten Lichtwark, 
,,Das Bildnis in Hamburg", „Zeitschrift fur bildende Kunst", neue 
Folge Bd. IV, Heft 1, und „Die Kunst fur Alle" 1913, Oktoberheft 
S. 33. Stark vergrofierte Abbildungen der Hornemanschen Beethoven- 
miniatur bei Ley, „Beethovens Leben im Bilde" und Schiedermair, 
„Der junge Beethoven". 

Hornemans kleines Beethovenbildnis gehort trotz der unzweifelhaft 
miBgluckten Nase zu den wichtigsten Hilfsmitteln, die uns einen Be- 
griff vom Aussehen des Meisters urns Jahr 1800 verschaffen. 

Hotschevar, Jakob, Hofkonzipist. Ein Verwandter der Frau Jo- 
hanna v. Beethoven, der in den Streitigkeiten um die Vormundschaft 
und der Erziehung des Neffen Karl von Bedeutung ist. Auf seine 



224 Holz 

Vorstellung ans k. k. Niederosterreichische Landrecht vom 11. Dezem- 
ber 1818 sollte der Neffe ins k. k. Universitats-Convict in Kost und 
Erziehung kommen. Doch wurde dann anders verfugt. — Nach dem 
Ableben Beethovens und Stephans v. Breuning, der 1826 die Vormund- 
schaft iiber den Neffen auf sich genommen hatte, wurde Hotschevar 
gerichtlich bestellter Vormund des Neffen (Th.-R. IV und V). 

Holz, Karl (geb. 1798 vermutlich in Wien, gest. ebendort 1858). 
In den letzten Jahren Beethovens hatte er vielen EinfluB auf diesen. 
Damals war er Kassenoffizier in der Kanzlei der niederosterreichischen 
Landstande, also im Landhaus in der Herrengasse beschaftigt (nicht 
im ,,Badhaus", wie das Thayer aus einem Gesprachsheft von 1825 
herausgelesen hatte. Th.-R. V, S. 183 Anm.: seine Wohnung war: 
Molkerbastei 96, im Bergenstammschen Hause, 1825 und 1826 iiber- 
sommerte er in Baden). Sein Dienst war nicht anstrengend und er- 
laubte ihm Nebenbeschaftigungen, von denen Stundengeben im Violin- 
spiel genannt wird. Holz war ein tilchtiger Geiger und wirkte auch 
gelegentlich im Quartett Schuppanzigh und bei Bohm mit. Erst 1824 
wird er von Beethoven bemerkt und zwar bei Schuppanzigh als zweiter 
Geiger. Im Juli 1825 wurde er zur Kopiatur eines Quartetts heran- 
gezogen, zunachst mit einigem AliBtrauen, aber mit der Hoffnung auf 
ein freundschaftliches Verhaltnis (Brief vom 24. August 1825 an den 
Neffen Karl). Sehr bald ist er dann wirklich Beethovens Freund und 
Berater, wenn man will, auch Verfuhrer. Er war, wie Thayer zutref- 
fend zusammenfaBt, „gesch3ftsgewandt und ein guter Rechner", dabei 
„belesen und gescheut, musikalisch gebildet, bestimmt in seinen AuBe- 
rungen und Ansichten und von einnehmendem Wesen". Diese Eigen- 
schaften muBten ihn Beethoven empfehlen, und er versaumte es nicht, 
sie geltend zu machen. In den Gesprachsheften jener Zeit kommt er 
ungezahlte Male vor, und man gewinnt die Oberzeugung, daB er Beetho- 
ven iiberaus verehrte, auch wenn seine AuBerungen nicht immer ohne 
Schmeichelei geblieben sein mogen. Der kleine Breuning hielt ihn fur 
„falsch". Schindler, der durch ihn in den Hintergrund gedrangt wurde, 
war ihm ubel gesinnt, gab sich aber Miihe, gerecht zu sein. War es ein 
Klatsch, oder eine boswillige Erfindung, wenn Schindler sagte, Holz 
habe ausgestreut, daB Beethoven durch tibermaBiges Weintrinken 
sich die Wassersucht zugezogen habe. DaB aber in der Zeit des Ver- 
kehrs mit Holz Beethovens Neigung zum Wein sehr auffallt, steht 
auBer Zweifel. (Siehe auch bei: Essen und Trinken.) Ebenso ist es 
klar, daB zwischen Beethoven und Holz eine wahre Freundschaft 
herrschte. So wird es denn auch begreiflich, daB der Meister den 
jungen Freund ermachtigte, seine Biographie zu schreiben, obwohl 



Holz 225 

wir alle hinterher einsehen, daB Holz in seiner Leichtlebigkeit nicht 
der richtige Mann fur diese Sache gewesen ware. Fur die Freundschaft 
kommt nicht zuletzt in Frage Beethovens Brief vom 24. August 1825. 
Der Meister sagt darin gegen SchluB : „ Ja leben sie reeht wohl, tausend 
Dank fur ihre Ergebenheit und Hebe zu mir, ich hoffe sie werden da- 
durch nicht gestraft werden. Mit Liebe und Freundschaft der ihrige." 
Und Beethoven hatte auch schon damals und noch mehr spaterhin 
alle Ursache, dem jungen Freund dankbar zu sein, der in Dienstboten- 
noten, im unangenehmen Verhaltnis zum Neffen, im Verkehr mit den 
Behorden sich unverdrossen hilfreich erwies und beim Meister wieder 
den alten Humor aufleben lieB, der eine Zeitlang matt geworden war. 
Eine ganze Reihe von Briefen und Briefchen an Holz hat sich an ver- 
schiedenen Orten erhalten, die von dem besten Einvernehmen Zeugnis 
ablegen. (Irrtumlich ist durch Kastner in dessen Ausgabe der ,,Beetho- 
venbriefe" ein kleines Schreiben, dessen Empfanger noch nicht ermittelt 
ist, dem Jahre 1826 zugeteilt und als Brief an Holz abgedruckt, gltick- 
licherweise mit Fragezeichen nach dem Namen.) Holz, der in seiner 
raschen Auffassung selbst gerne Wortwitze machte (als von Beethoven 
vom Pianisten Wiirfel die Rede war 1826, schrieb er insGesprachsheft: 
,,ich glaube selbst, das Wiirfelspiel sei in diesem Falle kein Hasard- 
spiel"), regte den Meister wieder zu allerlei Wortspielen an, die an den 
Namen Holz anknupften. Bei einem Diner, das Schlesinger 1825 fur 
Beethoven gab, sagte Beethoven iiber das vorher gehOrte Spiel des 
Geigers Holz: „Man sollte Holz unter den Stuhl legen und anztinden, 
damit Holz Feuer bekommt." Anreden wie „Bester Spahn, bestes 
Holz Christi", „bestes lignum crucis", ,, Bestes Mahagoniholz" und 
ahnliche seien in Erinnerung gebracht. 

In der Zeit nach Schindler waren es besonders Thayer und Ludw. 
Nohl, die sich mit der Erforschung des Verhaltnisses Beethoven-Holz 
abgegeben haben. Von Wichtigkeit L. Nohl, „Beethoven, Liszt und 
Wagner" S. 107ff. und 109, Th.-R. V, nach Register, Hans Volkmann, 
„Neues iiber Beethoven" S. 16ff., 29ff., 45ff. — Aus der frUheren 
Literatur zu beachten „Neue freie Presse" 31. Dezember 1886, Feuil- 
leton, ferner Kalischer in ..Deutsche Revue" 1898, S. 353ff., C. v. Wurz- 
bach, „Biographisches Lexikon" IX, S. 243 und XXX, S. 5. 

Wahrend der Vorbereitungen zur Vermahlung Holzens, iiber die 
vorlaufig noch keine genauen Angaben vorliegen, die aber in den Spat- 
herbst 1826 fallen muB (Th.-R. V, S. 436), wurde der Freund etwas 
vom leidenden Meister abgezogen, doch erscheint er noch immer in 
freundlicher Weise bei den Gesprachen. Beim Leichenbegangnis des 
Meisters finden wir ihn dann weinend am offenen Grabe, wo er unter 

Frlmmel, Beethovenhandbuoh. I. lu 



226 Huber — Hiittenbrenner 

anderem mit Frau Halm zusammentraf. Diese verzieh ihm dort den 
Streich mit dem Bockshaarbiischel. 

Holz starb, wie mir Frau Karoline v. Beethoven, die Witwe des 
Neffen, mitteilte, eines raschen Todes an der Cholera. Er hatte damals 
eine Anzahl von Briefen Beethovens bei sich, sowie einige Reliquien, 
die Eigentum der Frau v. Beethoven waren. Eine ehrenvolle Adresse 
fur Beethoven sei dabei gewesen, auf griine Seide aufgespannt. Die 
Eigentumerin hat diese Dinge nach Holzens Tod nie mehr zu Gesicht 
bekommen!! — Eine Violine, die Holz von Beethoven zum Geschenk 
erhalten haben soil, wurde 1880 in mehreren Wiener Blattern an- 
gekiindigt. 

Ein prachtiger Brief Beethovens an Holz befand sich neuestens im 
Antiquariat V. A. Heck zu Wien („Bestes Holz Seid nicht von Holz . . . 
der Ihrige Beethoven") und ist ftir den Katalog XXVI verkleinert 
nachgebildet. 

Huber, Franz Xaver, Wiener Dichter, der vorlaufig von der For- 
schung sehr vernachlassigt ist, so daB auch der emsige C. v. Wurz- 
bach keine genauen Ziffern zu geben weiB. Huber schrieb schon in den 
Jahren 1795 bis 1798 und noch spSter viele Texte zu Wiener Opern, 
unter anderem auch fur Abt Voglers„Samori", fur Winters „Das unter- 
brochene Opferfest". Von ihm stammt auch der Text zum Beethoven- 
schen Oratorium „Christus am Olberg" (Op. 85). Ob der Dichter 
Huber derselbe Huber ist, dem Beethoven 1815 einen Abzug des Hofel- 
schen Blattes sandte (vgl. Frimmel, „Neue Beethoveniana" S. 238), 
ist noch nicht entschieden. Wahrscheinlich ist es immerhin. (Zu 
Huber vgl. Th.-R. II nach Register.) 

Hiittenbrenner, Anselm (geb. zu Graz 1794, gest. in Oberandritz 
bei Graz 1868). Tonkunstler. Kam 1815 nach Wien, um bei Salieri 
Komposition zu studieren. Bald wurde er mit Franz Schubert be- 
kannt, ftir dessen Leben er als treuer Freund von hoher Bedeutung ist. 
Mit dem viel alteren Beethoven, den er hochlich verehrte, kam er schon 
1816 zusammen. Geleitet von Dr. Josef Eppinger besuchte er, wie er 
selbst erzahlt, den Meister. ,,Das erstemal war Beethoven nicht zu 
Hause; seine Haushalterin offnete uns aber sein Wohn- und Studier- 
zimmer. Da lag alles durcheinander — Partituren, Hemden, Socken, 
Bucher. Das zweitemal war er zu Hause, eingesperrt mit zwei Copisten. 
Auf die Parole: Eppinger offnete er dieThUre und excusierte sich, daB 
er eben viel zu thun habe." Da er bei Hiittenbrenner Noten bemerkte, 
lieB er die beiden doch vor, um die Hiittenbrennerschen Kompositionen 
durchzublattern. ,,Darauf sprang er auf, klopfte mir mit aller Kraft 
auf die rechte Schulter und sagte mir nachfolgende Worte, die mich 



Huttenbrenner 227 

beschamten und die ich mir heute noch nicht erklaren kann: ,Ich bin 
nicht werth, daB Sie tnich besuchen!' — War das Detnuth, so war das 
gottlich, war es Ironie, so war es verzeihlich." Bei Steiner sah Hiitten- 
brenner den Meister dann ofter. 1827, als Beethoven schwer erkrankt 
war, kam er mit Schubert und Schindler ans Krankenbett. Dies ist 
einem Briefe A. Htittenbrenners zu entnehmen (Mitteilung in Thayers 
NachlaB, Th.-R. V, S. 480), wo Folgendes steht: „Das weiB ich aber 
ganz gewiB, daB Professor Schindler, Schubert und ich, ungefahr 8 Tage 
vor Beethovens Tode, letzterem einen Krankenbesuch abstatteten. 
Schindler meldete uns beide an, und fragte, wen Beethoven von uns 
beiden zuerst sehen wollte. Da sagte er: Schubert m5ge zuerst kom- 
men." In den letzten Tagen Beethovens war Huttenbrenner noch oft 
beim Meister. Dariiber schrieb er 1860 an Thayer (dazu „Grazer Tages- 
post" 23. Oktober 1868, und L. Nohl, „Beethoven nach den Schilde- 
rungen seiner Zeitgenossen" S.268, Th.-R. V, S. 488ff.). Als Beethoven 
starb, war nur Huttenbrenner imZimmer. Er unterstiitzte sein Haupt, 
,,die Linke ruhte auf seiner Brust. Kein Athemzug, kein Herzschlag 
mehr! Des groBen Tonmeisters Genius entfloh aus dieser Trugwelt 
ins Reich der Wahrheit! — Ich driickte dem Entschlafenen die halb 
geoffneten Augen zu, kuBte dieselben, dann auch Stirn, Mund und 
Hande. — " Nach Streichers Brief vom 28. Marz 1827 waren iiberdies 
der Bruder Johann und der Maler Teltscher zugegen gewesen. 

Eine ausfiihrliche Lebensbeschreibung Anselm Huttenbrenners von 
Otto Erich Deutsch im ,,Grillparzerjahrbuch" fur 1906. Oberdies 
der lange Nachruf in der „Grazer Tagespost" vom Oktober 1868, 
dasselbe Blatt vom 6. und 7. November 1894 (H. v. d. Sann), C. v. Wurz- 
bach, „Biographisches Lexikon", „Neue musikalische Presse" Wien, 
l.Jahrg. Nr. 6 mit Bildnis Huttenbrenners nach Teltscher, „Die 
Musik", 1. Schuberheft S. llf., 26, Heuberger, „Schubert" passim und 
Anmerkung S. 30, 0. E. Deutsch in „Osterreichische Rundschau" X, 
S. 3. Anselm Huttenbrenner schrieb auch einen „Nachruf in Accorden 
am Pianoforte" f Or Beethoven, den ich aus der GeiBIerschen Mappe mit 
Nachrufen fur Beethoven im Archiv der Gesellschaft fur Musikfreunde 
in Wien kenne. 

Huttenbrenner, Josef (geb. zu Graz 1796, gest. ebendort), Musik- 
dilettant. Kam nur wenig mit Beethoven zusammeri. In einem 
Gesprach aus der Zeit unmittelbar nach der ersten Akademie von 1824 
entnimmt man, daB Beethoven nach einem ihm Unbekannten gefragt 
haben muB. Denn Schindler schreibt auf: „Er heiBt Huttenbrenner, 
angestellt im Bureau des Grafen Sauerma, und kommt mit Lichnowsky 
als Bekannter von Gratz. Er ist gut musikalisch und sang in der 

15* 



228 Hummel 



Akademie im Chor mit." (Th.-R.V, S.93f., R.Heuberger, „Schubert" 
Anm. 30, und Fareanu, „Leopold Sonnleitners Erinnerungen an Schu- 
bert" in „Zeitschrift fur Musikwissenschaft" 1919, S. 469, Otto Er. 
Deutsch in „Grillparzerjahrbuch" fur 1906.) 

Hummel, Joh. Nepomuk, beruhmter Musiker, besonders Klavier- 
spieler (geb. 1778 zu PreBburg, gest. 1837 zu Weimar). Sohn eines 
Musikers, der 1786 nach Wien kam. Dort genoB der Junge zwei Jahre 
lang den Unterricht Mozarts. Bald spielte er Offentlich in Wien 
(TH.-R. I, S. 215). Vater Hummel unternahm dann mit dem friih 
gereiften Virtuosen weite, jahrelange Konzertreisen nach Danemark, 
England, Schottland. Die Reisen fuhrten unter anderem auch nach 
Bonn, wo Hummel 1793 konzertierte (Th.-R. I, S. 341). Danach 
folgten noch Studien bei Albrechtsberger und Salieri in Wien. Von 
1804 bis 181 1 war er zuerst Stellvertreter, dann Nachfolger Jos. Haydns 
beim Fiirsten Esterhazy in Eisenstadt, spater Privatlehrer in Wien, 
wo er sich 1813 mit Elisabeth Rockel (geb. 1793, sie starb erst 1883) 
vermahlte. Seit dem Fruhling 1816 Hofkapellmeister, zuerst in Stutt- 
gart, dann seit 1820 in Weimar, wohin er auf Wunsch der GroBherzogin 
Maria Paulowna berufen worden war, und wo er 1837 starb. Oft- 
maliger Ortswechsel wurde schon angedeutet. 1805 wohnte er (iiber 
Sommer) in Baden („Badener Zeitung" 9. September 1911 und P. 
Tausig, „Ber(ihmte Besucher Badens" 1912). — Reichliche Literatur- 
angaben bei Eitner und in vielen Musikerlexika. Ein ausfuhrlicher 
Brief an Sonnleithner enthalt vieles zu Hummels Lebensgeschichte 
(vgl. La Mara, „Musikerbriefe" II, S. 47f.). Schindler I, S. 189f., 
II, S. 195 ff., Ed. Hanslick, „Geschichte des Wiener Concertwesens" 
nach Register und S. 214ff., eine ganze Reihe von Buchern tiber die 
letzte Lebenszeit Goethes in Weimar, nicht zuletzt W. Bode, „Die 
Tonkunst in Goethes Leben", Otto Roquette, „Friedr. Preller" S. 102, 
Breuning, „Aus dem Schwarzspanierhause" S. 49f . Goethe hielt 
groBe Stucke auf Hummels Klavierspiel und horte ihn gern und oft, 
wovon unter anderem auch Eckermann berichtet. fiber das Klavier- 
spiel und die freie Fantasie vgl. auch den Reichenberger Muller, 
„Proksch" S. 264f., in neuester Zeit „Der Bar" (Jahrbuch des Ver- 
lags Breitkopf & Hartel fur 1925) S. 94. 

Beethoven scheint den bedeutend jtingeren Kunstgenossen schon 
fruh, vielleicht schon 1787 im Mozartkreis kennen gelernt zu haben. 
Damals war ja Hummel Mozarts Schuler, und Beethovens Schiiler- 
schaft fallt in jenes Jahr. Nahe Beziehungen sind spater der Reihe 
nach bekannt. Schindler betont, wie es scheint, allzusehr, voruber- 
gehende Zerwiirfnisse, wogegen Thayer, wie fast immer, gegen Schindler 



Hummel 229 



Stellung nimmt. Noch spat erinnerte sich Beethoven mit Erbitterung 
daran, daB Hummel einmal gelacht hatte, als die Auffilhrung der ersten 
Beethovenschen Messe in Eisenstadt den Fiirsten Esterhazy (siehe bei: 
Esterhazy) nicht befriedigt hatte. Schindler spricht deshalb von einem 
dauernden HaB Beethovens gegen Hummel. Im ganzen war der Ver- 
kehr, soweit man ihn iiberblicken kann, recht vertraulich, besonders 
1813 und 1814 zurZeit der grofien Schlachtmusik, fur deren Auffilhrung 
Hummel die groBe Larmtrommel ubernommen hatte (Th.-R. Ill, 
S. 413f. und 432f.). „Allerliebster Hummel! Ich bitte dirigiere auch 
diesmal die Trommelfelle und Kanonaden . . .". Doch gab es, wie 
sonst, einmal Unstimmigkeiten 1814 aus AnlaB des „Fidelio". Als 
Hummel 1816 von Wien Abschied nahm, schrieb Beethoven fur ihn 
den Kanon ,,Ars longa . . .". Erst in der letzten Lebenszeit Beethovens 
sahen sich beide Kunstler wieder. Von Briefen Beethovens wegen 
gewahrter Unterstiitzung war einmal die Rede (1887 in der ,,Neuen 
freien Presse" 24. Oktober), ohne daB Naheres darilber verOffentlicht 
worden ware. Noch immer werden zwei kleine Briefe Beethovens 
„Komme Er nicht mehr zu mir! . . ." und „Herzens Nazerl . . ." bei 
Kastner-Knapp, beziehungsweise in der durch Knapp verdorbenen 
Brief sammlung Kastners (von 1924) mit Hummel in Verbindung ge- 
bracht, ohne jede Begriindung oder Erlauterung. Das Ehepaar Hum- 
mel besuchte den Meister in seiner Todeskrankheit. Frau Hummel- 
ROckel soil als Madchen, damals Sangerin, von Beethoven verehrt worden 
sein, doch ist eine nahe Beziehung unwahrscheinlich. Als Schwester des 
Sangers Jos. Rockel muBte sie allerdings mit dem Meister bekannt sein, 
und Beethoven spielte noch 1827 beim vorletzten Besuch Hummels 
und Hillers auf die Madchenjahre der Frau Hummel an. Kapellmeister 
Hummel nahm sich in Weimar lebhaft um das Bekanntmachen Beet- 
hovenscherWerke an (vgl. besonders W. Bode II, S.330). 1827 bei seinem 
voriibergehenden Besuch in Wien spielte er noch zugunsten Schindlers 
in einem Konzert (vgl. ,,Beethovenjahrbuch" I [1908], S. 125ff. Kalischer 
nimmt auf das Konzert Bezug im V. Bd. der ,, Briefe Beethovens"). 

Seiner Beruhmtheit entsprechend ist Hummel sehr oft portratiert 
worden, schon um 1800 von Cathar. Escherich (geschabt von Wrenk), 
spater auch von dem Weimarer groBherzoglichen Maler Gruenler und 
von David d'Angers (1834) in einem Medaillon. Einige Bildnisse 
zusammengestellt in Const, v. Wurzbachs ,,Biographischem Lexikon" 
und in Drugulins „Verzeichnis von Portrats zur Geschichte des Thea- 
ters und der Musik" (Leipzig 1864). 

Der altere Preller hat ihn auf dem Totenbett gezeichnet (Radierung). 
Man nahm auch eine Totenmaske. 



230 Hunczovsky — Hysel 



Hummel hat in PreBburg vor dem neuen Theatergebaude ein Denk- 
mal erhalten, zu dessen Gunsten Ferdinand Hiller im Dezember 1879 
einen Vortrag iiber Hummel in PreBburg gehalten hat, der mit Be- 
geisterung aufgenommen wurde („Freie Presse" 29. Dezember 1879). 
Die Bildnisbuste in PreBburg ist ein Werk des beruhmten Wiener 
Bildhauers Tilgner. 

Ober Hummels Geburtshaus in PreBburg berichtete die „PreBburger 
Zeitung" in der ersten Halfte November 1878 und danach die ,,Freie 
Presse" vom 12. und 13. November desselben Jahres. 

Hunczovsky, Johann Nepomuk (geb. 1752 zu Czech in Mahren, 
gest. 1798 in Osterreich). Altwiener Arzt und Gelehrter. Kunstfreund, 
mit dem Beethoven schon bei seinem ersten Wiener Aufenthalt 1787 
bekannt geworden sein muB. Er verkehrte, wie Wegeler, damals in 
den Kreisen der Josephinischen Professoren, unter denen Breuning 
des besonderen auch den Dr. Hunczovsky anfuhrt, und spater 1794 
bis 1798 bei den Musikabenden Steffen v. Breunings, „welchen auch 
die Familie Hunczovsky anwohnte". Lenz v. Breuning, der ja ,,Beetho- 
vens Unterricht genoB", kann bei jenen Musikabenden ebensowenig 
gefehlt haben, als Beethoven selbst. Endlich dtirfte Beethoven den 
Kunstfreund Hunczovsky wohl auch bei Artaria getroffen haben. 
Dort wurde ja das Wrenksche Schabkunstblatt verlegt, das 1794 nach 
einem Gemalde von Hubert Maurer im Besitz Hunczovskys (Amor 
und Psyche) bei Artaria erschien. 

(Vgl. Wegeler, ,,Notizen" S.42, G. v. Breuning, „Aus dem Schwarz- 
spanierhause" S. 15 und 19, und Frimmel, „Lexikon der Wiener Ge- 
maldesammlungen", zu welchem hiermit ein kleiner Nachtrag ge- 
.boten wird.) 

•Hysel (Eduard), Musiker in Graz (geb. Hengsberg in Steiermark 
1766, gest. Graz 1841). Kapellmeister des steiermarkischen Musik- 
vereins und Verehrer der Beethovenschen Werke. In Graz wurde er 
1813 Theaterdirektor. Const, v. Wurzbach sagt dazu: „Auf diesem 
Posten entwickelte er eine energische Tatigkeit, und mit ihm lebte in 
Graz der Geschmack f Or klassische Musik auf. Beethovens Symphonien 
und melodramatische Dichtungen kamen durch ihn zur Auffuhrung." 
(„Biographisches Lexikon" Bd. IX [1863].) Von personlichem Ver- 
kehr mit Beethoven wird nichts berichtet, doch muB Beethoven Hysels 
Namen aus den Nachrichten fiber die Grazer Akademien von I8ll, 
1812 und 1813 kennen gelernt haben. (Siehe bei: Graz.) 



Iken — In questa tomba oscura 231 

I. 

Iken, Dr. Karl, Dichter, Redakteur der „Bremer Zeitung", der um 
1820 mit Beethoven in Verbindung trat. Kein personlicher Bekannter 
des Meisters, sondern ein Belastiger aus der Feme durch seine Deu- 
tungen Beethovenscher Werke. Schindler (II, S. 208) gibt eine possier- 
liche Probe einer solchen Deutung, Beethoven wies solche Programme 
seiner Werke zuriick. Im Herbst 1819 diktierte er Schindlern einen 
Brief an Dr. W. Chr. Mtiller in Bremen. Er wehrte sich entschieden 
gegen die Unterlegung von Bildern zu seiner und jeglicher Musik. 
Der Meister wuBte wohl, daB er Musik mache und nicht Asthetik, am 
allerwenigsten eine von der sinnlos verstiegenen Art des Dr. Iken, die 
begreiflicherweise zum Verstandnis der Werke nichts und nur etwas 
zum Verstandnis der Beurteiler beibringt. (Neben Schindler vgl. auch 
Th.-R. IV, S. 206, und „Die Musik" Dezember 1913, S. 279.) 

„In questa tomba oscura", Ariette mit Klavierbegleitung (Notte- 
bohm, „Them. Kat." S. 180). Nach dem .Journal des Luxus und 
der Moden" vom November 1806 teilt Thayer die Nachricht mit, daB 
„vor einiger Zeit" durch einen musikalischen Scherz „ein Wettstreit 
unter einer Anzahl sehr beriihmter Componisten veranlaBt" wurde. 
„Die Graf in Rzewuska improvisierte eine Arie am Clavier. Der Dichter 
Carpani improvisierte sogleich einen Text dazu. Er dachte sich einen 
Liebhaber, der aus Gram, keine Erhorung gefunden zu haben, gestorben 
ist; die Geliebte bereut ihre Harte, sie benetzt sein Grab mit ihren 
Tranen, und nun ruft ihr der Schatten zu: 

In questa tomba oscura 
Lascia mi riposar, 
Quando viveva, ingrata, 
Dovevi a me pensar. 
Lascia che l'ombre ignude 
Godansi pace almen, 
E non bagnar mie ceneri 
D'inutile velen." 

(Zu Deutsch: LaB ruhen mich in Frieden / in dunkler Grabesnacht ! / 
hattst Du Undankbare / Des Lebenden gedacht! / Entweiche, daB 
mein Schatten / in Frieden endlich ruht / Nicht weckt die kalte Asche / 
Der gift'gen Tranen Flut.) Die alte Zeitschrift fahrt fort: „Die Worte 
sind jetzt von Paer, Salieri, Weigl, Zingarelli, Cherubini, Asioli und 
anderen groBen Meistern und Liebhabern in Musik gesetzt worden. 
Zingarelli allein lieferte zehn Compositionen daruber, in allem sind 



232 Irrsinn 

gegen fiinfzig beisammen und der Dichter will sie in einem Heft dem 
Publicum mitteilen." In das geplante und wirklich ausgefiihrte Heft 
(von 1808) kamen sogar 63 Musikstucke. Beethoven war ebenfalls 
unter den Komponisten der Ariette, wurde aber, es ist nicht ganz klar 
warum, als IetzterMitarbeiter angesetzt (vgl. Th.-R. Ill, S. 52). Schind- 
ler (I, S. 159f.) nennt noch viele andere Meister in der Reihe und fugt 
eine Bemerkung bei iiber einen schlechten Kupferstich, der dem Album 
beigegeben war, und den man fur einen bildlichen Spott nahm. ,,Diese 
Parodie hatte samtliche Wiener Componisten in Harnisch gebracht, 
weil sie darin eine boshafte und gemeine Persiflage finden wollten. 
Zufolge eines Wunsches aller ward beschlossen, einen Protest zu ver- 
offentlichen. Salieri, Beethoven und Weigl wurden ersucht, das Wort 
zu fuhren." Es kam aber zu keiner VerSffentlichung aus allerlei Griin- 
den, die Schindler andeutet, darunter auch die Erwagung, daB jenes 
Album ein Privatdruck und nicht fiir die Offentlichkeit sei. Nur eine 
schriftliche MiBbilligung sei erfolgt. Doch gelangte jedenfalls eine 
Probe an die „Leipziger Allgemeine Musikalische Zeitung". Denn 
diese beurteilte das Album und zwar auch unter Erwahnung des 
Beethovenschen Beitrags. „Das Ganze ist dieses trefflichen Meisters 
nicht eben unwerth, wird aber dem Kranze seines Ruhmes schwerlich 
ein neues Blattchen einflechten." Aus AnlaB der Aufforderung zu 
einer ahnlichen Mitarbeiterschaft (zu einer Variation iiber Diabellis 
Walzer) 1822 kam Beethoven auf den MiBerfolg von 1808 Schindlern 
gegentiber zu sprechen (Schindler II, S. 34f.). 

Irrsinn, vermeintlicher. — Kunstlerisches Schaffen und Irrsinn 
stehen nahe genug nebeneinander. Hochbegabte Kunstler zeigen 
gewohnlich irgendwelche Ztige, die stark vom HerkOmmlichen ab- 
weichen. Laien unbedeutender Art, die zu erhohtem Nervenleben 
sich nicht aufzuschwingen vermOgen, reden dann bald von Narrentum, 
Verriicktheit, wo es sich nur um gehobene Stimmung, Vertiefung in 
Gehirnarbeit handelt. Obrigens weiB man, daB Kunstler nicht ganz 
selten wirklichem Irrsinn verfallen, und so ist es begreiflich, daB der 
Meister, der durch viele ungewohnliche Ziige auf fallen muBte, ge- 
legentlich fiir irrsinnig gehalten wurde. Schon die Folgen der Schwer- 
horigkeit und schlieBlichen Taubheit brachten Sonderbarkeiten im 
Benehmen mit sich, die dem Menschen mit gesundem Gehor nahezu 
unverstandlich sind. Dazu kam in der zweiten Lebenshalfte Beetho- 
vens eine Oberlastung mit Sorgen und die fortwahrende Notigung zu 
verdienen. Der Kunstler selbst und sein Neffe brauchten viel Geld. 
Man weiB es in den weitesten Kreiseri, daB der Meister nach dem Tode 
des Bruders Kaspar Karl die Vormundschaft iiber den Neffen Karl 



Irrsinn 233 

iibernommen hatte (Naheres bei: Neffe). Nicht zu iibersehen ist die 
allerdings nicht gewohnliche Reizbarkeit, die sicher angeerbt war; und 
die ja auch den AnlaB dazu gegeben hat, den Meister unter die ,,De- 
generierten" einzureihen. So geschah es durch Lombroso in dem 
Werk ,, Genie und Wahnsinn", deutsch von Kurella, S. 188. Dem Ur- 
teil Lombrosos widersprechend auBerte sich der Psychiater Vieille in 
Lyon, der freilich zu Beethovens sonstigen Leiden auch ein Herzleiden 
hinzukomponiert hat. Vieille halt den Meister fiir geistig vOllig gesund 
und fur einen Vorlaufer, wie alle Genies, einen Progenefe" und keinen 
DegSnere (nach Kerst, „Erinnerungen" II, S.340). Um 1817, als 
die Obliegenheiten fur die Erhaltung und Erziehung des Neffen naher 
und naher an den Meister herantraten, und als die Streitigkeiten mit 
der Schwagerin Johanna sich hauften, als endlich ebenso im Staats- 
haushalt wie im Privatleben die Folgen der Franzosenkriege besonders 
fuhlbar wurden, scheint Beethoven in seinem Wesen oft eine un- 
gewohnliche Aufgeregtheit gezeigt zu haben. Und damals verbreitete 
sich die Nachricht, er sei irrsinnig geworden. Dr. Bursy, der 1816 bei 
Beethoven in Wien Zutritt fand, spielt auf das Geriicht an und ver- 
teidigt in seinen Erinnerungen den Meister gegen die Annahme des 
Wahnsinns. Er schreibt: „Ubrigens finde ich die Aussage, er sei 
zuweilen wahnsinnig, nicht bestatigt, nach den Erkundigungen, die 
ich fiber ihn einziehe. Herr Riedl versichert mir, er sei es durchaus 
nicht und habe nur allein den sogenannten Kiinstlerspleen. Darunter 
denkt ein jeder was besonderes. Riedl z. B., als Kunsthandler und 
Verleger mehrerer Beethovenscher Werke, halt wahrscheinlich den 
theueren Preis, den er auf seine Manuskripte setzt, fiir solchen Spleen, 
denn wirklich sagte er mir, daB Beethoven ungeheuer theuer mit seinen 
Arbeiten sei" (Ludwig Nohl, ,, Beethoven nach den Schilderungen 
seiner Zeitgenossen", und Alb. Leitzmann, „Ludwig van Beethoven, 
Berichte der Zeitgenossen"). Gegen Ende des Jahres 1816 muB sich 
die Kunde von Beethovens angeblichem Irrsinn schon weit herum- 
gesprochen haben. Denn Charlotte Brunsvik (es ist die jungste der 
Schwestern, genannt Roxelane) schreibt am 30. Dezember 1816 aus 
Klausenburg: „Je viens d'entendre hier que Beethoven serait devenue 
fou. Quelle perte irreparable si c'est vrai." Roxelane erfuhr also von 
dem Geriicht (nach Hevesy, ,,Les petites amies de Beethoven" S. 83). 
Um jeneZeit schreibt Beethoven an Caj. Giannatasio del Rio, daB die 
Schwagerin Johanna, die „Kbnigin der Nacht", nicht aufhOrt, ,,alle 
Segel ihrer Rachsucht" gegen ihn ,,aufzuspannen", und in einem ande- 
ren Brief an denselben Empfanger „Das Gerede dieser bOsen Frau 
hat mich so angegriffen, daB ich fur heute nicht alles beantworten 



234 Ischl 

kann". Die stets rankevolle Schwagerin diirfte nichts dagegen unter- 
nommen haben, das weitverbreitete Gerucht von Beethovens Irrsinn 
zu widerlegen. Wollte sie doch im Gegenteil, durch Herabsetzung des 
Meisters, ihm die Vormundschaft fiber den jungen Karl entreiBen. 
Sie und ihre Helfershelfer mflgen es mit Vergniigen vernommen haben, 
daB es beim Komponisten im Oberstubchen hapere. In einem langen 
Brief aus Modling vom 18. Juni 1818 klagt Beethoven wie sonst so 
oft ttber die Winkelzuge dieser Frau, tiber ihr listiges Einverstandnis 
mit den Dienstboten, um ihn zu hintergehen. Er war, nebenbei be- 
merkt, wenige Wochen vorher auf Sommeraufenthalt nach Modling 
tibersiedelt (er war am 19. Mai dort eingetroffen), aber noch immer 
nicht fertig eingerichtet. Der Brief ist an Nanette Streicher gerichtet 
und enthalt in den angedeuteten Zusammenhangen folgende Stelle: 
„Ich lade sie noch nicht hierher, denn alles ist in Verwirrung; jedoch 
wird man nicht nothig haben, mich in den Narrenthurm zu 
fiihren." Dies kann doch wohl nur als Anspielung auf das Gerucht 
vom Irrsinn aufgefaBt werden. Der ,,Narrenturm" war eine Abteilung 
des Wiener allgemeinen Krankenhauses, die in einem groBen Gebaude 
von kreisformigem GrundriB und ansehnlicher H6he den Geisteskranken 
eingeraumt war und ihrer turmahnlichen Form wegen allgemein „Nar- 
renturm" genannt wurde (eine Abbildung bei Kisch, „Die alten StraBen 
und Platze Wiens" II, S. 562). Auch Zelter muB 1819 das Gerucht 
vernommen haben. — Dr. Joh. Malfatti pflegte von Beethoven zu 
sagen: „Er ist ein konfuser Kerl — dabei kann er doch das grbBte 
Genie sein" (nach Th.-R.). Auf das Gerede vom Irrsinn spielt auch 
Frau Grebner an. (S. Weingartner, „Akkorde" S. 2, und Kerst, 
„Erinnerungen" II, S. 82.) Trotz vieler auBergewohnlicher Er- 
scheinungen in Beethovens Wesen kann von einer ausgesprochenen 
Demenz, von wirklichem Irrsinn keine Rede sein. Auch die zweifellos 
vorhandene Vorliebe filr alkoholische Getranke (siehe bei: Essen und 
Trinken und bei: WeingenuB) rechtfertigt es keineswegs, aus dem 
Trinker sogleich einen Irrsinnigen zu machen. 

Ischl. Weltberilhmter Kurort im Salzkammergut. Sicher hat Beet- 
hoven durch Dr. J. Malfatti von Ischl als Kurort reden gehort. Nahm 
sich doch Malfatti so lebhaft um Ischl an, daB man ihn dort zum Ehren- 
biirger ernannte. Beethoven erwog im Fruhling 1826, ob er nicht des 
Sommers nach Ischl zur Badekur gehen solle. Thayer teilt einige 
Stellen aus den Gesprachsheften mit, aus denen eine bestimmte Ab- 
sicht hervorgeht, in Ischl heiBe Bader zu gebrauchen. „Die [Bader] 
in Ischl sind sehr heiB — vielleicht Gastein. Schlammbad in Ischl" 
schreibt Holz auf, der auch noch fragt im Juli: „Wann reisen Sie 



Jagerhorn — Jahzorn. 235 



nach Ischl ab?" und weiterhin: „wie ist die Beschreibung von Ischl?". 
Beethoven selbst notiert: „Nach Ischl c'est le meilleur." Auch 
vom Schlammbad in Gmunden ist die Rede. Beethoven ist aber 
weder nach Ischl, noch nach Gmunden gefahren, sondern in der Nahe 
von Wien verblieben. Erst im Herbst zog er auf einige Wochen zum 
Bruder Johann nach Gneixendorf (Th.-R. V, S. 343). 

J- 

Jagerhorn. Das Schild eines Gasthauses in der Dorotheergasse zu Wien 
(arte Nummern 1172 und 1105 im Leidenfrostschen Haus). Beethoven 
kam nicht ungern dorthin. Mit Gloggl dem alteren traf der Meister 
dort gelegentlich zusammen. Im Eifer des Gesprachs vergaB Beethoven 
das Essen und lieB es kalt werden. Dann schickte er die Speisen fort, 
zahlte aber schlieBlich alle (Th.-R. Ill, S. 342 nach GlOggls Erzahlung). 
Im Friihling 1824 zog er seinen alten Lehrer J. Schenk, dem er nach 
vielen Jahren wieder begegnete, ins , Jagerhorn", wo sie sich ins 
hinterste Zimmer zuruckzogen. Die Begegnung war iiberaus herzlich. 
Das ,, Jagerhorn" wird auch bei G. v. Breuning als Gasthaus genannt, 
das Beethoven besuchte. (Schindler, „Beethoven" I, S. 31, Breuning, 
,,Aus dem Schwarzspanierhause", Frimmel, ,, Beethoven als Gast- 
hausbesucher in Wien" in Sandbergers „Beethovenjahrbuch", siehe 
auch oben im Artikcl: Gasthauser.) 

Jahzorn. Aus_der angeborenen Herzensgtite und der uberlegenen 
Ruhe wurde Beethoven leicht herausgerissen,~und eine Ungerechtig- 
keit, die er wahrnahm oder wahrzunehmen glaubte, eine Luge oder 
sonstige Schiefheit konnte ihn in eine unglaubliche Wut versetzen, 
die rasch aufloderte, aber gewohnlich, wenn die Grundlosigkeit der 
Aufregung erkannt war, auch wieder bald einer Gegensatzstimmung, 
namlich der Reue und Niedergeschlagenheit, Platz machte. Die zwei 
Brief chen an einen nahen Bekannten (nicht Hummel) „Komme er 
nicht mehr zu mir! Er ist ein falscher Hund und falsche Hunde hole 
der Schinder. Beethoven", und einen Tag danach „Herzens-Nazerl! 
Du bist^ein ehrlicher Kerl und hattest recht, das sehe ich ein . . ." 
sind geradewegs typisch fur den angedeuteten Wechsel von Jahzorn 
und Ernuchterung. (Der Beschimpfte hieB Ignaz mit dem Vor- 
namen. Man konnte an Seyfried, an Schuppanzigh denken, sicher 
nicht an Gleichenstein. „Nazerl" ist die altwiener Klirzung fur 
Ignaz). Lombroso in seinem Buch ,,Entartung und Genie" (deutsche 
Ausgabe von H. Kurella, 1894) weist zutreffend auf den raschen 
Wechsel von Zorn zur demiitigen Abbitte hin, doch geht er vielleicht 



236 Jahzorn 

darin zu weit, bei Beethoven sogleich auf eine Regeneration" zu 
schlieBen. Andere Beispiele ahnlichen Wechsels sind bei unserem 
Meister unschwer zu finden. Manche Zornesausbrtiche durften wohl 
nicht immer zu demutiger Reue gefiihrt haben, besonders die, bei 
denen Beethoven sich im Recht wahnte. Nach dem \ Beschimpfen 
P[alffy]s und seiner Gesellschaft („fur solche Schweine spiele ich 
nicht") in Baden ging Beethoven jedenfalls aus dem Hause mit dem 
BewuBtsein, daB P. durch einen Verweis, eine Grobheit gestraft werden 
muBte. Als der Meister nach kurzem Wortwechsel von Baron Braun 
die Partitur des „Fidelio" ungestiim zuriickverlangte, stellte er sich 
jedenfalls vor, daB ein anderes Vorgehen gar nicht moglich sei. 

Ein Zornesausbruch, der etwa 1802 anzusetzen ist, wurde fur Beetho- 
ven sehr verderbenbringend. Der Meister erzahlte es dem Englander 
Ch. Neate selbst, wie es zugegangen (die Erzahlung geschah 1815, als 
Neate in Wien war). Beethoven arbeitete an einer Tenorarie. Der 
Sanger hatte Bedenken und machte Umstande, obwohl Beethoven auf 
denselben Text schon zwei Arien geschrieben hatte. Von der dritten 
Fassung schien der Sanger befriedigt, da er die Handschrift mitnahm. 
Beethoven setzte nach Neates Bericht seine Erzahlung folgendermaBen 
fort: „Ich dankte dem Himmel, daB ich endlich mit ihm fertig war, 
und setzte mien unmittelbar darauf zu einem Werke nieder, welches 
ich um dieser Arie willen beiseite gelegt hatte, und dessen Beendigung 
mir am Herzen lag. Ich war noch nicht eine halbe Stunde bei der 
Arbeit, als ich ein Klopfen an meiner TCir hbrte, welches ich sofort als 
das meines ersten Tenors wieder erkannte. Ich sprang vom Tische 
mit einer solchen Aufregung und Wut auf, daB, als der Mann ins Zim- 
mer trat, ich mich auf den Boden warf, wie sie es auf der Buhne machen 
(hier breitete Beethoven die Arme aus und machte eine erlauternde 
Bewegung), und auf die Hande fiel. Als ich wieder aufstand, fand ich 
mich taub und bin es seitdem geblieben. Die Arzte sagen, der Nerv 
sei verletzt." Die medizinische Seite dieses Falles wird imAbschnitt: 
Taubheit erortert, doch kann schon hier behauptet werden, daB die 
Verderblichkeit dieses Jahzorns auBer Zweifel steht, wie immer man 
Beethovens GehcSrleiden auch auffassen mag (vgl. Th.-R. II, S. 167, 
und Frimmel im „Merker" 1912, S. 572). Nach einer spaten Erinne- 
rung der Graf in Giulietta Gallenberg-Guicciardi, die 0. Jahn erfragt 
hat, erfahrt man vom Unterricht, den Beethoven ihr erteilte, daB Beet- 
hoven „leicht heftig" wurde. Er ,,warf die Noten hin, zerriB sie". 

Oft nacherzahlt ist die Begebenheit mit dem Titelblatt der „Eroica"- 
Partitur, die ursprunglich Napoleon gewidmet war. Als Reichsgraf 
Moritz Lichnowski und Ries zu Beethoven die Nachricht gebracht 



Jahn 237 

hatten, daB Napoleon die Kaiserwiirde angenommen habe, zerriB 
der Kiinstler das Titelblatt im Zorn daruber, daB nun auch Napoleon 
kein uneigennutziger Konsul geblieben war (nach Ries und Schindler). 
— Mit Steffen v. Breuning gab es zornige Auftritte, einmal der Woh- 
nungsmiete wegen im „Roten Haus", ein zweitesmal aus AnlaB einer 
Breuningschen Beschuldigung des Bruders Karl v. Beethoven (siehe 
bei: Breuning). — Mit dem Dienstpersonal, mit Kellnern in den Gast- 
hausern, ja sogar mit dem Neffen gab es Szenen, die durch Beethovens 
Jahzorn herbeigefuhrt wurden. Die Rauferei mit dem Bedienten in 
Baden ist im Handbuch schon erwahnt worden. In einem Wutanfall 
soil Beethoven dem Neffen sogar gedroht haben, ihn zu erwiirgen 
(L. Noh'l, ,, Beethoven" III, S. 170), und dann kamen wieder die liebe- 
vollsten Briefe an Karl, die von den schweren Opfern zeugen, welche 
der Onkel fur den Neffen brachte. In der Familie Dolezalek hat sich 
bis auf den GroBneffen des Musikers J. E. Dolezalek, H. Oskar Dole- 
zalek die Oberlieferung fortgepflanzt, daB ein Degenstock, den Beet- 
hoven besaB, dem Meister von seinen Freunden abgenommen wurde, 
um Unheil zu verhiiten, wenn Beethoven in Wut geriet. Der Degen- 
stock befand sich jahrzehntelang in der Familie Dolezalek, ist aber jetzt 
dort nicht mehr vorhanden. Daneben waren die Zornausbriiche zu 
Hause und in den Gasthausern gewiB recht unschuldig, die sich nur 
auf Eier mit Strohgeruch oder auf zu harte Eier bezogen. Die Haus- 
halterin bekam die riechenden Eier nachgeworfen (Seyfried). Die zu 
hart gesottenen sollen dem Kellner im Gasthaus zum ,,Roten Hahn" 
nachgeworfen worden sein (Breuning, ,,Aus dem Schwarzspanier- 
hause"). Die ubelriechenden Eier, die bei einem Frtihstuck im Prater 
aufgetragen worden waren, flogen einfach zum Fenster hinaus mitten 
unter die Gaste, die im Freien saBen (Frimmel, „Beethoven" 6. Aufl., 
Th.-R. V, S. 180ff., und „Beethovenforschung" 2. Heft S. 61 f.). Grill- 
parzer bezeichnete dem Dichter Dr. Hermann Rollett gegeniiber 
Beethoven als wahrhaft guten Menschen und f tigte hinzu : „Wenn er 
aber gereizt wurde, war er — wie ein wildesTier." Die Venen am Kopf 
schwollen ihm an, und er bekam ein unheimliches Aussehen (Mitteilung 
bei Grillparzer und durch C. F. Hirsch). Fur schriftliche AuBerungen, 
die in zorniger Aufwallung hingewtihlt wurden, seien einer der Briefe 
an Blochlinger und das bekannte Schreiben fur den KopistenWolanek 
als Beispiele angefuhrt. — Wie Beethoven aussah, als er einen Jah- 
zornsanfall iiberstanden hatte, kann man dem Waldmullerschen Bildnis 
des Meisters entnehmen. 

Jahn, Ignaz, Hoftraiteur in Wien (geb. 1744 in Ungarn, gest. 1810 
zu Wien). Jahn erhielt schon 1772 die Traiteurstelle in SchOnbrunn, 



238 Janitschek 



1774 die osterreichische Stadtkochgerechtigkeit. Als die Augarten- 
sale der Offentlichkeit (ibergeben wurden, scheint Jahn bald danach 
auch dort Traiteur geworden zu sein (also bald nach 1775). In der 
inneren Stadt hatte er seine Gasthausraumlichkeiten anfangs am 
Neuen Markt, dann in der Himmelpfortgasse (alte Nr. 965) neben dem 
Stadtpalast des Prinzen Eugen. Jenes alte Haus gehorte den Jahns. 
— Der Sohn Franz Jahn war schon 1802 im Betrieb zu SchOnbrunn 
tatig und pflegte zu Beethovens Zeit besonders das Geschaft im Au- 
garten. Erwurde 1803freigesprochen. Der Hbhepunkt des Jahnschen 
Geschaftsbetriebes scheint urn 1815 erreicht worden zu sein. Dann 
ging es mit dieserFirma zuriick, wahrend derGasthof zum „Romischen 
Kaiser" im Aufsteigen begriffen war. Bei Jahn sen. und jun. hat 
Beethoven verkehrt, desgleichen im ,,R6mischen Kaiser". In der 
Himmelpfortgasse war Beethoven als Klavierspieler tatig 1797, als 
dort sein Klavierquintett Op. 16 aufgefiihrt wurde. Das Programm 
hat sich im Besitz der Gesellschaft der Musikfreunde erhalten. 1798 
am 29. Marz spielte er dort im Konzert der Sangerin Josefa Duschek 
eine Sonate (Programm erhalten und mitgeteilt bei Ed. Hanslick in: 
„Geschichte des Concertwesens in Wien" S. 105. Vielleicht bezieht sich 
ein Briefchen an Zmeskall auf dieses Konzert. Beethoven scheint nicht 
gern dort konzertiert zu haben. Bei Jahns stand ja das feine Essen 
im Vordergrund. „Am brillantesten iBt man in Wien bei Jahn und 
dann folgt Munier" (so heiBt es in „Wien und Berlin in Parallele" von 
F. v. C — n 1808), und davon, daB dort eine Pflegestatte guter Musik 
gewesen, ist nichts bekannt. So versteht man auch den Anfang des 
Beethovenschen Briefes „Die Gebrtider Jahn haben fiir mich ebenso- 
wenig anziehendes als fQr Sie — Sie haben mich aber so iiberloffen . . ." 
(bei Kastner ist der kleine Brief, wie ich meine irrtumlicherweise, dem 
Jahr 1806 zugewiesen). Das obenerwahnte Programm von 1797 ist, 
wenn auch nicht vollstandig, mitgeteilt bei Th.-R. II, S. 21, dazu auch 
II, S. 556. Nebenbei bemerkt machte Beethoven aus Jahn Vater und 
Sohn die „Gebruder Jahn", weshalb man wohl annehmen darf, daB 
er bei Jahns nicht familiar verkehrt hat. Der Gedanke „Ein oder zwei 
Konzerte bei Jahn" zu geben, kommt auf einer Liedhandschrift im 
Heyerschen Museum zu Koln vor (Faksimile bei G. Kinsky im Katalog 
jenes Museums, Bd. IV, S. 166). — In den Augartensalen wurden wieder- 
holt groBeWerke Beethovens aufgefiihrt, und dort muB er nolens volens 
mit dem jiingeren Jahn in Beriihrung gekommen sein (siehe bei : Augarten 
und der Literatur, die dort genannt ist, ferner bei: Gasthauser). 

Janitschek. Herr und Frau von Janitschek (das ,,von" diirfte nur 
die ehemals gewohnliche miBbrauchliche Wiener Zugabe zu den burger- 



Jedlersee — Jeitteles 239 



lichen Namen sein). Es sind Personlichkeiten des oft vorkommenden 
Namens, die noch nicht weiter studiert sind, von denen man aber weiB, 
daB sie dem Bekanntenkreise Beethovens, Bernards und des Hofrats 
Peters angehort haben und um 1820 sehr oft in den Gesprachsheften 
vorkommen. Man war untereinander sehr intim. Sehr freie Ehe- 
gesprache werden vor Beethoven gefuhrt. Im Fasching 1820 scheint 
Beethoven einmal dort iibernachtet zu haben. Beethoven war auch 
sonst bei Janitscheks zu Gast. Das Ehepaar scheint ziemlich vergnii- 
gungssuchtig gewesen zu sein. Ein Janitschek ohne nahere Bezeich- 
nung wird 1819 erwahnt im Zusammenhang mit den Absichten, zu 
Weihnachten eine Akademie zu geben (Th.-R. IV, S. 177, Walter Nohl, 
„Konversationshefte" I, S. 227, 231, 317, 324, 330ff., 348). 

Jedlersee. Zur Zeit, als Beethoven haufig dort verkehrte, ein Dorf 
von 94 Hausern. Es liegt nahe bei Wien und zunachst dem linken 
Donauufer unfern von Fiorisdorf. In der Topographie von Nieder- 
b'sterreich (herausgegeben vom Verein fiir Landeskunde von Niederoster- 
reich Bd. IV, 1896, S. 518) ist auf Beethoven Rucksicht genommen 
mit folgenden Zeilen: ,,Das interessanteste Haus in der Augasse war 
der einstockige Bau (Nr. 58) der Grafin Erdbdy, der kunstsinnigen 
Freundin Beethovens. 1863 brannte das Haus nieder, und seither ist 
jede Erinnerung an Beethovens Aufenthalt in Jedlersee verschwunden" 
(in einer FuBnote Hinweis auf Beethovens Werke, die der Grafin 
ErdOdy gewidmet sind, und auf Schindlers „Beethoven" I, S. 34 und 
93). Zu den topographischen Angaben vgl. Steinius, „Topographischen 
Land-Schematismus. . ." (1822). Jetzt ist die ganze Gegend vollkommen 
verandert. Kein Erdodyscher Park mehr vorhanden, von dem Schindler 
gelegentlich Erwahnung tut. Das Ganze gehort in jenes unerquick- 
liche Gtirtelband der GroBstadt, wo es schon mehr hohe Essen als 
Baume gibt. 

Jeitteles, Alois, Arzt, Dichter, Journalist (geb. Briinn 1794, gest. 
ebenda 1858). C. v.Wurzbach teilt mit, daB er 1819 in Wien das medi- 
zinische Doktorat erwarb. Schon als Student war er dichterisch tatig. 
Der Liederkreis „an die feme Geliebte" muB schon gegen 1816 ent- 
standen sein. Wurzbach teilt mit, daB er mit Beethoven, Castelli, 
Deinhardstein, Grillparzer, Lannoy, Moscheles, Schneller, Veit und 
mit den ersten Ktinstlern des Burgtheaters in Verbindung stand. Er 
schrieb fur die Taschenbiicher ,,Selam", ,,Aglaia" u. a. Gedichte, 
„welche noch durch Beethoven die Weihe unsterblicher Musik er- 
hielten". 1818 schrieb er gemeinschaftlich mit Castelli die Parodie 
der damals Mode gewordenen SchicksalstragOdie „Der Schicksals- 
strumpf". Nach einigen Reisen verblieb er in Brtinn als Arzt. 1827 



240 Jeitteles 

schrieb er das tiefgefuhlte Gedicht „Beethovens Begrabnis": „Im Lenz 
in heitrer Abendstille, da trugen sie Dich hinaus. Wir folgten schwei- 
gend Deiner Hulle bis in ihr unerwiinschtes Haus . . ." (mitgeteilt bei 
J. v. Seyfried, „Beethovens Studien", Anhang S. 79). 

Jeitteles, Ignaz, Kaufmann, Jurist und SchOngeist (geb. 1783 zu 
Prag, gest. in Wien 1843). Stand mit Beethoven in Verbindung, der 
an dem asthetisch geschulten, denkenden Manne Gefallen finden 
mochte. Dr. Ignaz Jeitteles war ein Vetter des Dr. Alois Jeitteles, 
durch den er vermutlich in Beethovens Kreise gekommen ist. Lang- 
jahrige Beschaftigung mit den Kiinsten fand einen bleibenden Nieder- 
schlag in einem Buche „Asthetisches Lexikon", das er 1835 — 1837 
veroffentlichte. Es ist heute — zu Unrecht — vergessen und enthalt 
aber nur einige Stellen ohne Belang tiber Beethoven. Zu einem ande- 
ren Buch von I. Jeitteles, „Eine Reise nach Rom", einem hinter- 
lassenen Werk, hat aber Aug. Lewald ein Lebensbild des Dr. I. Jeitteles 
beigefiigt, das wichtige Nachrichten tiber den Verkehr mit Beethoven 
enthalt. An eine Mitteilung von der vorilbergehenden Bekanntschaft 
des Dr. I. Jeitteles mit Carl Maria v. Weber kniipft Lewald folgenden 
Abschnitt: „Wie man das so oft trifft, daB Manner von sogenanntem 
praktischen Verstande mit groBer Vorliebe der Musik zugetan sind, 
so traf sich's auch bei Ign. Jeitteles. DaB er sich aber auch zu dem 
tiefsten Tonsetzer, der wohl jemals gelebt, zu dem Ernste seines Wesens, 
bei aller Unbequemlichkeit seines Umganges, die teils aus seinen selt- 
samen Eigentumlichkeiten, teils aus seiner starren, volligen Taubheit 
sich herleitete, hingezogen fiihlte, ist wohl als etwas Ungewohnliches 
zu betrachten. Die meisten Abende des Winters von 1821 auf 1822 
brachte er in Gesellschaft Beethovens zu. Sie trafen sich gewohnlich 
in dem Speisehause ,Zum Seitzerhofe', wo sie miteinander zu Nacht 
aBen. Bekanntlich konnte die Unterhaltung mit Beethoven nur 
schriftlich gepflogen werden, und eine Menge kleiner Zettel und Blei- 
stifte lagen zu dem Behufe auf dem Tische und gingen hinuber, heruber. 
Mit inniger Freude erinnere ich [es ist A. Lewald] mien noch einiger 
Abende, die ich auf solche Weise, von Jeitteles eingefuhrt, in der Nahe 
des von mir so hoch verehrten Meisters zubringen durfte. Die Dich- 
tung einer Oper machte gewOhnlich den Gegenstand des Gesprachs aus; 
ich hatte damals manches beendigt und war, wie jeder jugendlich streb- 
sameGeist, auch stets bereitwillig mit allem gleich fertig zu sein. Allein 
Beethovens groBer Sinn war nicht so leicht zu befriedigen. Er trug sich 
mit dem Gedanken an einen Bacchus, zu dem er selbst viele Szenen schon 
im Kopf e fertig hatte." Ign. Jeitteles wohnte urn jeneZeit unf ern des Seit- 
zerhofes in derSchwertgasse Nr.357 (nach Bockhs,,Nachschlagebuch"). 



Jenger 241 

Die Verbindung mit Beethoven war bis vor kurzem nur aus der 
Nachricht bekannt, daB er 1826 den schwedischen Dichter Atterbom 
(siehe den Abschnitt: Atterbom) zu Beethoven ins Schwarzspanier- 
haus gefiihrt hat. Die Mitteilungen August Lewalds erweitern jedenfalls 
den Ausblick auf die Beziehungen zu Ign. Jeitteles nicht unwesentlich 
(vgl. die groBe Beethovennummer der ,,Mtinchener Neuesten Nach- 
richten" vom 30. Oktober 1920, ,, Beethoven und Dr. Ign. Jeitteles", 
Frimmel). — In den Gesprachsheften kommt wohl durch ein MiBver- 
standnis ein L. Jeitteles vor. (Unbedeutende Erwahnung.) 

Jenger, Joh. Bapt. (geb. 1792 zu Kirchhofen im Breisgau, gest. 1856 
in Wien), Militarbeamter, vorzuglicher Musiker, besonders Klavier- 
spieler. Am engsten mit Franz Schubert verbunden, doch auch mit 
Beethoven, den er verehrte, personlich bekannt. Seine Beamtenlauf- 
bahn begann in Wien und endigte noch mehrjahriger Unterbrechung 
ebendort. 1819 bis" 1825 war er amtlich in Graz beschaftigt. Dann 
unterschreibt er sich in Wien als „k. k. Hofkriegsrath. Accessirt beym 
Nied. Oest. G — ral Commando". In Graz lebte er mitten im dortigen 
Musiktreiben. Dort war er Sekretar des Musikvereins fur Steiermark, 
und als solcher unterfertigte er 1822 das Ehrenmitgliedsdiplom jenes 
Vereins fur Beethoven. In Graz und Wien stand er mit den meist 
bedeutenden Musikern seiner Zeit in Verbindung. Er gehorte dem 
Pachlerschen Kreise an. Jengersche Briefe standen mir bei Frl. Ida 
Kuhnl zur Verftigung, und einiges erfuhr ich durch Dr. Faust Pachler, 
den Sohn von Marie Pachler-Koschak. Jengers Briefe handeln unter 
anderem auch von Beethovens „Metronom", den Jenger bei der Nach- 
laBversteigerung fur Pachlers erstanden hatte. Mit Beethoven traf 
Jenger erst im letzten Lebensjahr des Meisters zusammen, als er diesem 
zwei Briefe von Frau Marie Pachler-Koschak zu Ubergeben hatte, 
.einen verspateten aus dem Jahre 1825 und einen neuen von 1826. 
Jenger war dann 1827 dabei, als Beethoven die Sterbesakramente 
empfing (Th.-R. V, nach Register). Wie man weiB, war Jenger viel 
Janger mit Schubert bekannt, weshalb auch die meisten Mitteilungen 
yiiber ihn in der Schubertliteratur zu finden sind, bei KreiBle, Rich. 
Heuberger, 0. E. Deutsch. Von Wichtigkeit das Heft von Faust 
Pachler, ,, Beethoven und Marie Pachler-Koschak" (Sonderabdruck 
aus der ,, Neuen Berliner Musikzeitung" von 1866). — ■ Auf Beethoven 
des besonderen bezieht sich 0. E. Deutsch, ,,Aus Beethovens letzten 
Tagen" in „Osterreichische Rundschau" 1. Februar 1907. (Vgl. zu 
Jenger auch 0. E. Deutsch im ersten Schubertheft der Zeitschrift 
4,Die Musik". Uber Jenger und Beethovens Metronom vgl. „Neue 
ifreie Presse" 26. MSrz 1906 [Frimmel]. Siehe auch bei: Pachler und 

Frimmel, Beettaovenhandbuch. I. 16 



242 Johanna v. Beethoven — Junker 

bei: Letzte Worte. Ein Brief Beethovens an Jenger, wohl aus der 
Zeit, als Beethoven fur Graz tatig war, befand sich vor kurzem im 
Kunstantiquariat V. A. Heck in Wien [Kat. XXVI, Nr. 7].) 

Johanna v. Beethoven (siehe bei : Schwagerin und : Verwandtschaft). 

Jonas, Frau Hoffischerin. Um 1820 hatte sie ihren Verkaufsstand 
in der Leopoldstadt zu Wien, nach guter Uberlieferung unfern der 
Stelle des heutigen Dianabades. Beethoven bestellte bei ihr in jener 
Zeit Fische. Zwei Bestellzettel, die mit Bleistift rasch hingekratzt 
sind, hatten sich bis 1903 im Besitz der Frau Malerswitwe Grandauer 
erhalten und sind veroffentlicht in der ,,Neuen freien Presse" vom 
20. Dezember 1903. (Vgl. den Abschnitt: Essen und Trinken.) 

Junker, Karl Ludwig (geb. um 1740 zu Ohringen, gest. 1797). Geist- 
licher Kunstfreund nicht nur in bezug auf Musik ■ — er komponierte 
selbst — sondern auch in bezug auf bildende Kiinste. Mit Beethoven 
wurde er bekannt, als eine Auslese aus den kurfilrstlichen Bonner Mu- 
sikern 1791 nach Mergentheim befohlen war. Junker, damals fiirst- 
lich Hohenlohescher Kaplan zu Rupertshofen, reiste eigens nach 
Mergentheim, um die Bonner Musik zu horen. Ein langer wichtiger 
Bericht Junkers iiber jene Musik und die meisten Kiinstler dabei er- 
schien in BoBlers „Musikalischer Korrespondenz" vom 23. November 
1791. Dieser Bericht in Briefform wurde durch A. W. Thayer aus- 
gegraben, zunachst im ,, Atlantic monthly magazin" vom Mai 1858 
veroffentlicht und dann im ersten Band des „Beethoven" wiederholt 
(vgl. auch Th.-R. I, S. 268ff.). Was Junker berichtet, gehort zu den 
ergiebigsten Quellen fur die Bonner Musik um die angedeutete Zeit 
und ist fur uns insofern sehr bedeutungsvoll, als darin ein Abschnitt 
iiber Beethoven vorkommt. Wir kbnnen diesen Abschnitt im Hand- 
buch nicht missen. Junker schrieb:„Noch horte ich einen der grofiten 
Spieler auf dem Klavier, den lieben guten Bethofen; von welchem 
in der speierischen Blumenlese vom Jahr 1783 Sachen erschienen, 
die er schon im 11 Jahr gesetzt hat." In einer FuBnote steht „auch 
3 Sonaten fur das Klav. kamen um diese Zeit im BoBlerschen Verlag 
von ihm heraus. Zwar lieB er sich nicht im offentlichen Konzert horen ; 
weil vielleicht das Instrument seinen Wiinschen nicht entsprach; es 
war ein Spathischer Flugel, und er ist in Bonn gewohnt, nur auf einem 
Steinischen zu spielen. Indessen, was mir unendlich lieber war, horte ich 
ihn phantasieren, ja ich wurde sogar selbst aufgefordert, ihm ein Thema 
zur Veranderung aufzugeben. Man kann die VirtuosengroBe dieses 
lieben, leise gestimmten Mannes, wie ich glaube, sicher berechnen, nach 
dem beinahe unerschopflichen Reichthum seiner Ideen, nach der ganz 
eigenen Manier des Ausdrucks seines Spiels und nach der Fertigkeit,. 



Kaffeegemifi 243 

mit welcher er spielt. Ich wiiBte also nicht, was ihm zur GroBe des 
Ktinstlers noch fehlen sollte. Ich habe Voglern auf dem Fortepiano 
(von seinem Orgelspiel urtheile ich nicht, weil ich ihn nie auf der Orgel 
horte) gehort, oft gehort, und Stundenlang gehort, und immer seine 
auBerordentliche Fertigkeit bewundert, aber Bethofen ist auBer der 
Fertigkeit sprechender, bedeutender, ausdrucksvoller, kurz mehr fur 
das Herz, also ein so guter Adagio- als Allegrospieler. Selbst die sammt- 
lichen vortrefflichen Spieler dieser Kapelle sind seine Bewunderer 
und ganz Ohr wenn er spielt. Nur er ist der Bescheidene ohne alle 
Anspriiche. Indes gestand er doch, daB er auf seinen Reisen, die ihn 
der Kurfiirst machen lieB, bei den bekanntesten guten Klavierspielern 
selten das gefunden habe, was er zu erwarten sich berechtigt geglaubt 
hatte : Sein Spiel unterscheidet sich auch so sehr von der gewohnlichen 
Art das Klavier zu behandeln, daB es scheint, als habe er sich einen 
ganz eigenen Weg bahnen wollen, um zu dem Ziel der Vollendung 
zu kommen, an welchem er jetzt steht. Hatte ich dem dringenden 
Wunsche meines Freundes Bethoven, den auch Hr. Winneberger 
unterstiitzte, gefolgt und ware noch einen Tag in Mergentheim 
geblieben, ich glaube, Herr Bethofen hatte mir Stundenlang vor- 
gespielt, und in der Gesellschaft dieser beiden groBen Kfinstler, hatte 
sich der Tag fur mich in einen Tag der siiBesten Wonne verwandelt." 
Fur uns sind seine Arbeiten iiber bildende Kttnste von geringerem 
Belang, doch sei darauf hingewiesen, daB er fur J. G. Meusels Kunst- 
zeitschriften tatig war. So hatte er z. B. 1787 in Meusels „Museum" 
einen Aufsatz „Artistische Bemerkungen auf einer Reise nach Augsburg 
und Miinchen" veroff entlicht. Er hatte auch iiber die Antike, z. B. tiber 
den „Schleifer" geschrieben und besaB ein Gemalde mit Sankt Se- 
bastian, das in Meusels ,,Neuen Miscellaneen" (V. Stuck, S. 1068ff.) 
besprochen ist. Fur seine musikalische Ausbildung vgl. „Von den 
Mitteln, durch welche ich zu einem ertraglichen Grade musikalischer 
Kenntnisse gekommen bin" („Wirtembergisch Repertorium der 
Literatur" III. Stuck 1783, S 442—462), angefuhrt bei A. Sandberger, 
,,Beethovenaufsatze" S. 133. Die Stelle zu Beethovens Klavierspiel 
aus BoBIers „Musikalischer Korrespondenz" von 1791 ist in neuerer 
Zeit oft benutzt worden, auch in der 2. Auflage der „Bibliotheca 
Beethoveniana". 

K. 

Kaffeegemifi war fur den Meister etwas sehr Anregendes. DaB er 
ihn schon in seiner Jugend kennen lernte, darf man wohl voraussetzen. 
Eine Erwahnung von Kaffee findet sich aber erst im friihen Tagebuch 

16* 



244 KaffeegenuQ 

von 1792. Aus spateren Zeiten sind genug Zeugnisse fur den GenuB 
des erfrischenden Gebraus erhalten. Oftmaliger Besuch von Kaffee- 
hausern ist beglaubigt. Schindler teilt dariiber manches mit, unter 
anderem sagt er (II, S. 193f.): „Kaffee scheint sein unentbehrlichstes 
Nahrungsmittel gewesen zu sein, womit er denn auch so skrupulos 
verfuhr, wie von den Orientalen bekannt. Sechzig Bohnen wurden 
fur eine Tasse gerechnet und oft abgezahlt, besonders, wenn Gaste 
anwesend waren." Hinter das Geheimnis eines kleinen bestimmten 
HohlmaBes war er nicht gekommen. Auf anregende Wirkung des 
Kaffees mOchte man schlieBen aus einer Erzahlung des Musikers Starke, 
der beim Meister 1812 ein KaffeefrCihstUck genossen hatte. Starke 
teilte mit: „Nachdetn das FrUhstuck, welches in sehr gutem Kaffee 
bestand (und den Beethoven in einer glasernen Maschine selbst zu 
machen pflegte), bat der Gast nbch um ein Fruhstuck fur Seele und 
Herz." Beethoven willfahrte der Bitte und fantasierte lange und 
bewundernswert auf dem Klavier (vgl. L. Nohl, „Beethoven nach den 
Schilderungen seiner Zeitgenossen", Kerst, „Erinnerungen"). Spater, 
als Louis Schlosser den Meister besuchte, bereitete Beethoven, wie 
gewohnlich, selbst den Kaffee, und zwar auf einer „neu erfundenen 
Maschine, deren Konstruktion er mir sogar umstandlich auseinander- 
setzte" (sagt SchlOsser). Den Kaffeemaschinen widmete der Meister 
groBe Aufmerksamkeit, wie sich dies aus einem Beethovenschen Zettel 
vom September 1825 ergibt. Das Autograph befand sich 1891 bei 
Liepmannssohn in Berlin und wurde mir freundlichst als angeblich 
unentzifferbar gesendet. Das Wesentliche war einwandfrei zu lesen. 
Beethoven notierte sich mit Bleistift eine Kaffeemaschine mit beson- 
derer Vorrichtung, „welche das durch die heiBen Dampfe aufgelosete 
aroma durch Loschpapier mit solcher gewalt durchpreBt, daB auch 
nicht ein Atoma mehr in dem ausgelaugten Kaffeepulver zuriickbleiben 
konne, wodurch Ersparung an Kaffe und Geschwindigkeit Gewonnen 
wird" (zuerst mitgeteilt in einem Wiener Blatt, dessen Ausschnitt 
mir in Verlust geraten ist [nach meiner Erinnerung ware es die „Neue 
freie Presse" gewesen], dann wiederholt in der Musikzeitung „Ham- 
burger Signale" vom 5. Dezember 1891). 

Als Schimon Beethovens Bildnis malte, wirkte zum Gelingen, nach 
Schindlers Bericht zu schlieBen, nicht wenig der genossene Kaffee mit, 
vielleicht ebenso beim Maler, wie beim Tonkunstler. Beethoven lud 
den Maler, der ihn in seinem natiirlichen ungezwungenen Wesen anzog, 
zum Kaffee ein. Schimon benutzte die erste Sitzung am Kaffeetisch 
ztir Ausarbeitung des Auges. „Bei wiederholter Einladung zu einer 
Tasse Kaffee zu sechzig Bohnen war dem Maler Gelegenheit gegeben, 



Kalkbrenner — Kameel 245 

seine Arbeit zu vollenden, mit welcher Beethoven ganz zufrieden ge- 
wesen." Die besondere Frische der Augen in Schimons' Beethoven- 
bildnis, die vom Zeugen Schindler hervorgehoben wird, scheint also 
mit vorher genossenem Kaffee als anregendem Mittel zusammenzu- 
hangen (siehe bei: Essen und Trinken). 

Kalkbrenner, Friedrich Wilhelm Michael (geb. 1788 auf einer Reise 
seiner Mutter zwischen Kassel und Berlin, gest. 1849 in Enghien les 
Bains). AuBerordentlicher Techniker auf dem Klavier, weniger be- 
deutend als Komponist. Beethoven, demgegeniiber in den Gesprachs- 
heften mehrmals von Kalkbrenner die Rede ist, mag ihn 1824 kennen 
gelernt haben, als der fremde Pianist in Wien sein Konzert gab (am 
25. Januar im kleinen Redoutensaal). Schindler schrieb auf: „War 
Herr Kalkbrenner so gnadig Ihnen ein Billet zum Concert zu verehren? 
Er hat sonst gar keine gegeben." DaB der taube Beethoven nicht 
in Kalkbrenners Konzert war, laBt sich annehmen. Von personlichen 
Beziehungen zu Beethoven ist bisher nichts bekannt (vgl. Th.-R. V, 
S. 8, und Hanslick, ,,Geschichte des Concertwesens" S. 221). 1824 
verband er sich mit dem Pariser Klavierfabrikanten Pleyel, der zum 
Bekanntenkreis Beethovens gehorte (vgl. Const. Pierre, „Les facteurs 
d'instruments de musique" Paris 1893, S. 174). 

Kameel, Weinstube zum „Schwarzen Kameel" in der Bognergasse zu 
Wien. Altes Geschaft, dessen Geschichte bis ins 18. Jahrhundert 
zuriickreicht. Schon seit etwa einem Vierteljahrhundert im neuen 
Haus an Stelle des alten noch immer bestehend und bluhend. Beetho- 
ven verkehrte dort oft, was besonders fur die Zeit urn 1820 nachweisbar 
ist und in weiten Kreisen bekannt war. Auch W. v. Lenz hat davon 
erfahren (vgl. ,, Beethoven et ses trois stiles" 1852, S. 232). Beim 
Kameel wurde 1814 der Kanon Ta-ta-ta gesungen (Thayer III, S. 222). 
Dolezalek erzahlte: „Er trank roten Wein im Kameel." Nach anderen 
Quellen konnen wir hinzufugen, daB er auch sehr vielen anderen Wein 
dort genossen hat. In den Gesprachsheften kommt diese Weinstube 
neben anderen oft vor (vgl. z. B. Walther Nohls ,,Konversationshefte" 
S. 353, 374, 383, 394). Bei Th.-R. IV, S. 200 wird von einem „Canehl" 
gesprochen, womit sicher nichts anderes gemeint ist als unsere Wein- 
stube. Beethoven bestellte oft schriftlich allerlei, das ihm dann besorgt 
wurde. So begehrte der Meister um 1820 zwei und eine halbe MaB 
Osterreicher WeiBen, ferner feinen und gewohnlichen Zucker, feinen 
Kaffee, „Alles mit einem Staatssiegel wohl versehn . . . alles SchOne 
an Hrn. Arlet" (bei Kastner miBverstandlich ins Jahr 1802 versetzt, 
obwohl die Schrift auf die letzten Jahre Beethovens hinfiihrt und die 
Namensfertigung lateinisch geschrieben ist. Erstdruck in dem Blatt 



246 Kanka 

,, Deutsche Kunst und Musikzeitung" vom 1. Januar 1891). DerName 
Arlet fahrt uns auf die Geschichte des „Schwarzen Kameels". Zu den 
Zeiten, als Beethoven in Wien war, also voriibergehend 1787 und dann 
1792— 1827, wurde das Geschaft von folgenden Personen gefilhrt: 1777 
bis 1796 von Jos. Kappler, 1796 bis 1803 von Leopold Arlet, dann von 
dessen Witwe. Von 1803 bis 1818 gehorte es Herrn Jakob Parti, der 
im August jenes Jahres seine Weinstube in aller Freundschaft und 
Ordnung an die Herren Jos. Stiebitz, Jos. Sohnel und Ignaz Arlet 
ubergab. (Vgl. die „Gedenkschrift anlaBlich der Demolierung des 
alten Kameelhauses in der Bognergasse" [Wien, Selbstverlag Stiebitz 
1910], und Frimmel, , , Beethoven als Gasthausbesucher in Wien" in 
A. Sandbergers ,,Beethovenjahrbuch".) 

Kanka, Johann, Doktor der Rechte (geb. 1772 zu Prag, gest. 1865 
ebendort [die Ziffern sind der Inschrifttafel an detn Monument Kankas 
im Park des Gutes Jetrichowitz entnommen: ,,Joh. Nep. Kanka, 
Landesadvokat in Prag f 15. April 1865 im 93. Lebensjahr". Das Ge- 
burtsdatum auch bei Dlabacz, Gerber, C. v.Wurzbach und anderen.]). 
Kanka stammte aus einer musikliebenden Familie und wird schon 1795 
als ausubender Musiker genannt. War schon 1798 Advokat, 1815 De- 
kan der juridischen Fakultat in Prag. Beethoven wurde mit der Familie 
in Prag schon 1796 bekannt. 1811 war er in Karlsbad zur Kur (Max 
Unger in ,,Neue Musikzeitung" Dezember 1817). Vielleicht ist er mit 
Beethoven in Teplitz in jenem Jahr zusammengetroffen. Nach dem 
Tode der Fiirsten Kinsky und Lobkowitz wurde Kanka deren Ver- 
lassenschaftskurator, und in dieser Eigenschaft hatte Beethoven oft 
mit Kanka zu verhandeln. Nach dem Finanzpatent von 181 1 bemtihte 
sich ja Beethoven, sein Gehalt, das durch Kinsky, Lobkowitz und Erz- 
herzog Rudolph verbiirgt war, nicht in der herabgekommenen Wahrung, 
sondern in altem Geld (wir wurden sagen valorisiert) ausgezahlt zu er- 
halten. In diesen Gehaltsangelegenheiten hatte Kanka ein groBes 
Wort zu reden, und er benahm sich dem Meister gegentiber durchaus 
freundschaftlich. V. Kratochvil (Archivar in Wien) hat die Angelegen- 
heit 1909 genau durchstudiert (vgl. Frimmels ,,Beethovenjahrbuch" 
II. Jahrgang S. 15ff.). Vor nicht langer Zeit ist durch Max Unger 
im „Auftakt, Musikblatter fur die tschechoslowakische Republik" 
3. Jahrg. 2. Heft und fast gleichzeitig in ,,Neue Musikzeitung" (Leipzig 
1923) Heft 10 ein Brief ' Beethovens an Kanka mitgeteilt worden. Es 
ist ein Betreibungsschreiben in der erwahnten Gehaltsangelegenheit 
aus dem Jahre 1816. 

Kanka war auch Gemaldesammler. 19 Gemalde kamen aus seinem 
NachlaB 1866 ins Prager Rudolfinum. Geringwertige und einige 



Kanne 247 

gute Sachen verblieben auf detn Gute Jetrichowitz bis in die 
jetzige Zeit. 

(Zu Dr. Kanka vgl. Th.-R. II, S. 13, III, besonders S. 441 ff., Schon- 
felds ,,Jahrbuch der Tonkunst" 1796. Siehe audi die neueren Brief- 
sammlungen.) 

Kanne, August Friedrich (geb. 1778 zu Delitsch in Sachsen, gest. 1833 
zu Wien), Dichter, Musiker, Kritiker. Hochbegabter Mensch, der 
keinerlei Joch vertragen konnte, sich zu keinem bestimmten Beruf 
entschloB und in bezug auf seinen Unabhangigkeitssinn und Eigensinn 
mit Beethoven einige Ahnlichkeit hatte. Er gehorte zum Bekanntenkreise 
des Meisters und stand mit Beethoven auf dem DutzfuBe. Schindler 
(II, S. 165) nennt ihn einen ,,Mann von universeller Bildung, der, bevor 
er Komponist und musikalischer Schriftsteller geworden, zuerst Theo- 
logie, dann Medizin in Leipzig studiert hatte". Constant v. Wurzbach 
widmete ihm einen verstandnisvollen Abschnitt seines „Biographischen 
Lexikons", in welchem er fleiBig die altere Literatur verarbeitet hat, 
einschlieBlich der wichtigen Mitteilungen von Franz Graffer in ,,Kleine 
Wiener Memoiren" (1845) II, S. 70 und III, S. 80 und vieler anderer 
Quellen, iiberdies einer Kritik der Angaben in den alteren Lexika. 
Wurzbach verschweigt auch nicht den unseligen Hang zum Alkohol 
und die unstate Sonderlingsnatur des merkwiirdigen Mannes. Wann 
und wodurch Kanne mit Beethoven bekannt geworden, steht nicht 
fest. Doch weiB man, daB dieser Sonderling erst 1808 nach Wien ge- 
kommen ist, also nicht ,,zu Anfang des Jahrhunderts", wie Schindler 
berichtet. Ob sie sich in einer Weinstube, oder einem Kaffeehaus, oder 
sonstwo kennen gelernt haben, muB vorlaufig unklar bleiben, doch sei 
daran erinnert, daB Kanne ein leidenschaftlicher Besucher von Gast- 
hausern und Kaffeehausern war und auch im ,,Schwarzen Kameel" ver- 
kehrt hat. Als er spiirte, daB es zu Ende ging, schleppte er sich noch 
ins niichste Weinhaus, trank dort eine halbe MaB. Dann ging er 
nach Hause zu sterben. Beethovens Gesprache mit Kanne scheinen 
iiberaus anregend gewesen zu sein nach dem, was Schindler auf mehre- 
ren Seiten seines ,, Beethoven" mitteilt. Es war ein Gesprach fiber 
die „Charakteristik der Tonarten", die Beethoven richtig erkannt 
hatte und fuhlte, wogegen Kanne sie leugnete. Schindler berichtet 
iiberdies (I, S. 228): ,, Kanne zog sich in spateren Jahren aus ihn allein 
betreffenden Grunden von aller Gesellschaft zuriick. Doch verblieb 
er noch Kritiker quand meme, auch IieB er sich noch zuweilen von 
Beethoven zu Tisch einladen. Mit diesem Sonderling ohnegleichen 
verloren sich die Impulse zu oft hartnackigen, fur die Anwesenden sehr 
anregenden und belehrenden Kontroversen zwischen beiden Kiinstlern, 



248 Kantaten 

von denen der eine vorwarts, der andere aber riickwarts zu schauen 
liebte, deren kunsttheoretische wie asthetische Ansichten nur selten 
ubereinstimmen wollten." Fiir Kannes schriftstellerische Begabung 
hatte aber unser Meister mehr Verstandnis, und jedenfalls war er davon 
angenehm berilhrt, daB Kanne aberzeugungstreu zu ihm hielt. Kanne 
leitete in den wichtigen Jahren gegen 1824 die „Allgemeine musika- 
lische Zeitung" in Wien und wies oftmals auf die Vorzuge Beethoven- 
scher Werke hin. In seinem langen Bericht fiber die Akademien von 
1824 (Nr. 38, 40 und 44) nennt er Beethoven „eine der groBten Er- 
scheinungen des Jahrhunderts". Beethoven fragte ihn 1825 um Rat 
in der Angelegenheit des verrannten Oratoriumtextes, den Bernard 
bekanntlich verbrochen hatte. Kanne rat, den Text zu kiirzen. Ab 
und zu erteilte er iiber Biicher Rat, Auf Schleiermachers Plato- 
iibersetzung wies er z. B. hin. Kannes musikalische Tatigkeit wird 
mehrfach gelobt. Er war auch unter den Tonkttnstlern, die bei 
dem Singspiel „Die gute Nachricht von 1814" mitgetan haben. Die 
Ouverture war von J. N. Hummel, der SchluBchor von Beethoven. 
Kanne hat das Stuck Nr. 7 geliefert, das mir vorderhand nicht be- 
kannt ist. Kanne gait als Anhanger Beethovens. Er begleitete 1827 
auch Beethovens Sarg. 

(Zu der obengenannten Literatur noch Kanne, ,,Ludwig v. Beetho- 
vens Tod" [Wien 1827, Tendler, gr. 8°], Schindler I, S. 72 und 227, 
Castelli, ,,Memoiren", Bauerle, „Allgemeine Theaterzeitung" 41. Jahrg. 
[1848], „Beethoven und Kanne" aus Laubes „Reisenovellen", Ed. 
Hanslick, „Geschichte des Concertwesens in Wien" S. 168, Th.-R. Ill, 
IV und V, nach Register, Kerst, „Erinnerungen" II. In neuester Zeit 
hat Armin Friedmann im „Neuen Wiener Tagblatt" vom 20. Septem- 
ber 1925 Kanne als Sonderling besprochen [„Altwiener Sonderlinge"].) 

Kantaten. Beethoven pflegte Gesangswerke, die irgendwie iiber 
das gewohnliche Lied hinausreichten, sei es durch besondere Aus- 
dehnung, sei es durch besonders reicheBegleitung bis zur Orchestrierung 
Kantaten zu nennen. So bezeichnete er das weit ausgesponnene Lied 
„Adelaide" als Kantate (siehe bei: Adelaide). Ferner fallen Gesangs- 
werke, die bei festlichen Gelegenheiten zu dienen hatten, von einfachen 
Satzen, wie die Hochzeitsgesange, BegruBungsmusiken (z. B. fur Berto- 
lini, beziehungsweise Malfatti, fiir Del Rios, Lobkowitz, Tuscher und 
Dr. Leon. WeiB und andere) bis zu der umfangreichen Musik „Der 
glorreiche Augenblick" in dieselbe Benennungsgruppe. 

Die alteste Kantate, von der man Kenntnis hat, ware eine, leider 
verschollene, Trauerkantate fiir den englischen Gesandten George 
Cressener in Bonn. Dieser ist im Handbuch schon erwahnt. Da 



Kantaten 249 

nun die Kantate selbst verloren ist, sehen wir uns auf das Wenige be- 
schrankt, das durch einen Fachgenossen des jungen Beethoven, durch 
B. J. Maurer, iiberliefert ist. Maurer hat aber die Entstehung dieses 
Werkes nicht in Bonn selbst miterlebt. Ist doch Cressener erst ge- 
storben (1781), als Maurer schon (1779) von Bonn fortgezogen war 
(Th.-R. I, S. 141). Immerhin scheint es, daB Maurer liber die Kantate 
gut unterrichtet war, von der er schreibt. Cressener („Kretzner" 
steht dort) hatte die Familie Beethoven unterstutzt. Er starb in Bonn, 
und ,, Louis componierte zu seinem Andenken eine Trauercantate, 
sein erster Versuch im Componieren. Er (ibergab seine Partitur dem 
Capellmeister Lucchesi zur Durchsicht und bat ihn, die Fehler zu ver- 
bessern. Lucchesi gab sie ihm mit der AuBerung zuriick, er verstehe 
sie nicht und konne seinen Wunsch daher nicht erfiillen, wolle sie aber 
auffiihren lassen. In der ersten Probe staunte man iiber die Origi- 
nalitat der Composition, allein der Beifall war getheilt, nach mehreren 
Proben steigerte sich derselbe und sie wurde mit allgemeinem Beifall 
aufgeftihrt". Ein anderer Bericht ist bisher nicht gefunden worden. 
Obrigens konnen wir vermuten, daB Maurer zur Auffiihrung nach 
Bonn gekommen war. Eine Verwechslung ist ganz und gar nicht 
anzunehmen, da die erhaltenen Beethovenschen Kantaten alle viel 
spater als die Cressener Kantate entstanden sind. Auch IaBt sich 
annehmen, daB Beethoven die vermutlich noch nicht sehr umfang- 
reiche Arbeit bald vergessen hatte. Wurden doch nicht lange danach 
schon Werke gedruckt, die ihm des Druckes wegen deutlicher im Ge- 
dachtnis haften muBten (z. B. die drei Kurfiirstensonaten), als die 
Cressener Kantate, die nicht veroffentlicht wurde. Spaterhin no- 
tierte Beethoven im Rand der KurfUrsten-Sonaten mit Bleistift: „Diese 
Sonaten und die Variationen von DreBler sind meine ersten Werke." 
Das Exemplar mit dieser Bemerkung war in Prof. Otto Jahns Besitz. 
(Beethovens eigenhandige Bemerkung ist mitgeteilt in Thayers ,,Chro- 
nologischem Verzeichnis" S. 183 in den Nachtragen.) DaB sich die 
Bemerkung Beethovens nur auf gedruckte Werke bezieht, ist 
sonnenklar, seitdem die Friihzeit des Komponisten genauer studiert wird. 
Ist nun diese erste Kantate immerhin kein festbeglaubigtes Werk, 
so betreten wir sicheren Boden bei den zwei Kantaten von 1790, deren 
eine auf den Tod Kaiser Josefs II. und deren andere auf die Thron- 
besteigung Leopolds II. komponiert sind. Die erste dieser Kom- 
positionen ist wohl gemeint, wenn Wegeler („Notizen" S. 15f.) mit- 
teilt, daB der junge Beethoven dem schon langst beruhmten Haydn 
in Godesberg eine Kantate vorgelegt habe (,,als Haydn zuerst aus Eng- 
land zuriickkam"), ,,welche von Haydn besonders beachtet" wurde 



250 Kantaten 



und dazu AnlaB gab, daB ihr Verfasser ,,zu fortdauerndem Studium 
aufgemuntert wurde". „Spater sollte diese Cantate in Mergentheim 
aufgefiihrt werden, aber mehrere Stellen waren fur die Blasinstru- 
mente so schwierig, daB einige Musiker erklarten, solche nicht spielen 
zu konnen, und so ward auf die Auff iihrung verzichtet. Diese Cantate 
ist, soviel uns alien hier bekannt geworden, nie im Druck erschienen." 
Wegelers Nachricht IaBt es unbestimmt, in welches Jahr die Begeben- 
heit zu versetzen ist. Anscheinend auf den ersten Besuch Haydns in 
Bonn 1790 (Winter) bezogen, scheint sie doch erst beim zweiten Besuch 
im Fruhling 1792 sich ereignet zu haben. Wann die Auffuhrung in 
Mergentheim geplant war, ist auch nicht klar. Es scheint wohl, daB 
Wegeler meint, ,,spater" als der angedeutete Besuch Haydns fallt. 
Das kOnnte 1791 bei Gelegenheit der Musikerreise von Bonn nach 
Mergentheim gewesen sein und wurde wieder darauf hindeuten, daB 
Wegeler doch den ersten Besuch Haydns wirklich gemeint hat. Es 
lieBen sich viele Vermutungen auBern, doch hat fur uns an dieser 
Stelle hauptsachlich die Tatsache Bedeutung, daB Wegeler bestimmt 
von einer Kantate berichtet, die 1790 oder 1792 Haydn vorgelegt 
wurde. Damals hatte der junge Meister die zwei Kantaten, die oben ge- 
nannt wurden, vollendet. Die grOBere, bedeutendere, auf den Tod Kai- 
ser Josefs wird es wohl sein, die dem Altmeister vorgelegt worden ist. 
Die Kopien der Handschriften beider kamen nach langem Verborgen- 
sein im Hummelschen NachlaB bei List & Franke in Leipzig 1884 
wieder zum Vorschein. Armin Friedmann in Wien, seither drama- 
tischer Dichter und Journalist, erwarb diese bedeutsamen Urkunden. 
Ed. Hanslick und Brahms pruften sie, und der erstgenannte berichtete 
fachgemaB fiber den Fund in der „Neuen freien Presse" vom 13. Mai 
1884. Das Titelblatt der ersten Kantate lautet: ,,Trauer Cantate auf 
den Tod Joseph des Zweiten. In Musik gesetzt von Ludwig van 
Beethoven". Sie ist fur Orchester, Chor und Solostimmen geschrieben. 
Das Orchester besteht aus den gewohnlichen vier Streichern, je zwei 
Floten, Oboen, Klarinetten, Fagotten und Hornern, wie man also be- 
merkt aus den Hauptbestandteilen des ,,Beethovenschen Orchesters". 
Die Musik bringt ftinf wohlgewachsene Stiicke, zunachst einen Trauer- 
chor in C-Moll (Largo 3/ 4 ): „Todt, Todt! stohnt es durch die ode 
Nacht . . .". Daran schlieBt sich ein bewegtes Rezitativ des BaBsolisten : 
,,Ein Ungeheuer, sein Name Fanatismus, stieg aus den Tiefen der 
Holle . . .". Eine BaBarie (D-Dur Allegro moderato 3 / 4 ) etwas alt- 
vaterisch mit sehr vielen Wortwiederholungen und eine Sopran-Arie 
(Andante con moto, F-Dur, s / 4 ) reihen sich an. Darin kommt eine 
Stelle vor, die spater im „Fidelio" wiederkehrt. (Dazu auch die 



Kantaten 251 



Studie von Dr. Alfred HeuB in „Zeitschrift fur Musik", Oktober 
1924, „HumanitatsmeIodien im Fidelio".) Es ist die zarte Melo- 
die der Oboe, die dann in der Oper bei ,,0 Gott, welch ein Augenblick" 
nochmals in verwandter Stimmung benutzt wird. Als viertes Stuck 
reiht sich an ein etwas diisteres Sopran-Rezitativ: ,,Er schlaft, von 
den Sorgen seiner Welt entladen", und eine Arie in Es-Dur (Adagio 
con affetto */*)> wonach nochmals der Trauerchor in C-Moll erklingt, 
dessen SchluBbildung reicher gestaltet ist als in der ersten Nummer. 
Die Kantate schlieM abnehmend, leiser, langsamer. — Die „Cantate 
auf die Erhebung Leopold des Zweyten zur Kayserwiirde" hat zwar 
nahezu dieselbe Ausdehnung wie die Trauerkantate, doch umfaBt sie 
nur drei Nummern. Das Sopran-Rezitativ zu Anfang kniipft an die 
Trauerkantate an. Dann erscheint (imText) Leopold, und die Arie ist 
lebhaft genug, um einer freudigen Stimmung Ausdruck zu verleihen 
in etwas hergebrachter Weise. Ein Terzett fur Sopran, Tenor und 
BaB in A-Dur verlauft etwas ruhiger. Der SchluBchor ,,Ihr stiirzt 
nieder, Millionen" gemahnt an die Stimmung im Finale der neunten 
Symphonie, ohne notenmaBig damit tibereinzustimmen. 

Die Auffindung der Noten zu den friihen Kaiserkantaten hat eine 
Art Umwalzung in der Einschatzung des Bonner Beethoven bewirkt. 
Man wurde gewahr, wie hoch der junge Tondichter schon hinaufge- 
kommen war, noch ehe er Bonn verlieB. Vor dem Funde war eine 
solche Vorstellung noch nicht moglich. 

(Zu diesen Kantaten vgl. auch Thayer, „Chronologisches Verzeich- 
nis" S. 5, derselbe 1. Aufl. S. 232, Kastners „Wiener musikalische 
Zeitung" 30. Marz 1886 und „Musikalische Chronik" I, S. 68f., Th.-R. 
I, S. 274 [Simrocks Erinnerungen], Ed. Hanslick, „Suite" [1885] 
S. 153ff., Abdruck der Feuilletons von 1884. Besonders E. Mandyc- 
zewski, ,,Revisionsbericht" im Supplement der Gesamtausgabe Nr. 264. 
Beide Kantaten kommen vor im Beineschen ,,NachlaBverzeichnis" 
[Wien 1813].) 

Die erste Auffuhrung der Trauerkantate fand am 23. November 1884 
im Wiener Gesellschaftskonzert statt. Andere Auffuhrungen folgten 
in vielen groBen Musikstadten zu verschiedenen Zeiten. Die Hand- 
schriftenkopien gelangten in die kaiserliche Familien-FideikommiB- 
bibliothek und von dort (wie mir Herr Dr. Rob. Haas freundlich mit- 
teilt) in die Nationalbibliothek. 

Es gibt auch einen alten Klavierauszug ,,mit einer willkurlichen 
Violine", der fur BoBlers Verlag in Speyer gestochen ist. 

Unter den Kantaten und kantatenartigen Werken Beethovens ragt 
noch besonders hervor, weniger durch klinstlerisches Gewicht, als 



252 Kantaten 



durch musikgeschichtliche Bedeutung, namlich durch den groBen 
Erfolgim Jahre 1814 beim Wiener KongreB, „Der glorreiche Augen- 
blick" (von Beethoven genannt „Der heilige Augenblick"). Eine 
Prachtausgabe ist erst nach dem Tode des Kiinstlers bei Tobias Has- 
linger erschienen. Ein von Adolph Dworzack gestocheries Titelblatt 
lautet: „Der glorreiche Augenblick, Cantate, gedichtet von Dr. Al. 
WeiBenbach, in Musik gesetzt von Ludw. van Beethoven. Partitur. 
Vor den allerhochsten Monarchen und hdchsten Herrschaften am 
Wiener Congresse 1814 zum erstenmale aufgefiihrt." Unten Verlags- 
angabe. (In der Zierumrahmung unten eine schlechte Ansicht von 
Wien.) Zweites Blatt: ,,Den erhabenen Monarchen der groBen Allianz 
den huldreichen Schiitzern und Beforderern der Kiinste und Wissen- 
schaften." Dann drei Blatter mit den Wappen der Kaiser Franz I., 
Nikolaus I. und Friedrich Wilhelm III., endlich das Blatt mit der 
Widmung: ,,in tiefster Ehrfurcht allerunterthanigst gewidmet von 
dem Verleger Tobias Haslinger". Dann folgt der Text und die Musik. 
Nr. 1 ist ein Chor Allegro ma non troppo in A-Dur § „Europa steht", 
mit Begleitung des groBen Orchesters, alles in breiter Anlage. Es 
folgt ein Rezitativ als Nr. 2: „0 seht sie nah und naher treten!" (Fiihrer 
des Volks, BaB). Ein kurzes Allegro vivace Jeitet zu einem Andante 
sostenuto in F-Dur, 2 / 4 , Ruf des Genius: ,,Erkennst Du nicht das 
heimische Gebild?" und zum Chor: ,, Vienna". — Nr. 3 ist Rezitativ: 
„0 Himmel" mit nachfolgendem Allegro ma non troppo: „Alle die 
Herrscher darf ich gruBen", Einleitung und Chor. — Nr. 4. H-Dur- 
Rezitativ der Seherin: ,,Das Auge schaut, in dessen Wimpergleise . . ." 
und G-Dur-Adagio : „Dem die erste Zahre . . ." (Cavatine). — Nr. 5. 
Cis-Moll-Rezitativ und Quartett der Vienna, der Seherin, des Genius 
und Ftihrers: ,,Der den Bund im Sturme festgehalten . . ." und Alle- 
gretto: „In meinen Mauern bauen sich . . .". — Nr.6. Chor, gemischt 
C-Dur: „Es treten hervor die Scharen der Frauen . . .", 2 Aund SchluB- 
chor C-Dur Presto $. ' 

Diese Kantate wurde im September 1814 begonnen, eilig hingeschrie- 
ben, schon am 29. November desselben Jahres zum erstenmal auf- 
gefiihrt und am 2. und 25. Dezember wiederholt. Skizzen zu dieser 
Kantate sind besprochen in der Zeitschrift ,,Die Musik" vom Oktober 
1909. Als Solisten sind zu nennen und das in vorteilhaftem Sinne: 
Frau Milder-Hauptmann, Frl. Bondra, Herr Wild und Forti. Von 
den Handschriften befindet sich eine in der Habsburg-Lothringischen 
FideikommiBbibliothek, die andere bei Herrn Wilhelm Lienau in Wien 
(nach Angabe des Katalogs zur Beethovenausstellung 1920). 

Das ganze Werk ist leicht verstandlich, teilweise feierlich, festlich, 



Kantaten 253 

laBt aber die eigentliche Tiefe Beethovens vertnissen. Man sucht 
vergebens nach fesselnden Durchfiihrungen, nach bedeutender Ent- 
wicklung, doch mag die Wirkung in der Zeit gerade nach der Volker- 
befreiung eine hinreiBend groBartige gewesen sein. Bei der Stelle : „Was 
nur die Erde Hoh' und Hehres hat, in meinen Mauern hat es sich ver- 
sammelt" brach ein unerhorter Beifallssturm los. So wie es aus den 
gleichzeitigen Berichten erhellt, eine Wirkung, die vielleicht gerade 
der Einfachheit in der Form verdankt wird. Dr. WeiBenbachs Text, 
der freilich durch Beethoven selbst und dann noch durch Bernard 
geandert wurde, gibt zu herber Kritik AnlaB. Augenscheinlich hat 
sich Beethoven fur dieses Gedicht nicht begeistert. 

Auch „Meeresstille und gliickliche Fahrt" muB zu den Kan- 
taten gerechnet werden, doch meine ich dieses Werk besonders be- 
handeln zu sollen. 

Der vierstimmige Chor mit Orchester ,,Ihr weisen Grander", 
auch eine kurze Kantate (Gesamtausgabe Serie XXV, Nr. 267) zur 
Huldigung fur die Monarchen des Wiener Kongresses, steht noch weit 
hinter dem „Glorreichen Augenblick" zuriick und wurde zwar fur 
eine Akademie im Herbst 1814 entworfen, aber nicht aufgefiihrt. 
(Thayer, „Chronologisches Verzeichnis" S. 123, Th.-R. Ill, S. 412, 
440, 446, 483. ,,1814 am dritten September" steht auf einer Kopie, 
die ehedem bei Haslinger gewesen.) 

Um jene Zeit entstand auch der kantatenartige Abschiedsgesang 
,,Die Stunde schlagt", der aus Gefalligkeit fur Tuscher geschrieben 
wurde, als Dr. Leopold WeiB aus Wien nach Stadt Steyer fortzog 
(siehe bei: Tuscher). 

Gleichfalls 1814 fallt auch die kleine Gesangsmusik auf den Text 
„Un lieto brindisi / tutti a Giovanni", den Beethoven fiir Freund 
Bertolini zum Johannestag (24. Juni) und zu Ehren des Doktors Joh. 
Malfatti in Musik setzte (Th.-R. Ill, S.428f.). 

Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang auch an den Elegischen 
Gesang „Sanft, wie Du lebtest . . ." Op. 118. Entstanden 1814 
und geschaffen fiir Baron Pasqualati, als dessen Gemahlin hingegangen 
war. Es ist eine stimmungsvolle, nicht sehr ausgedehnte Kantate fur 
vier Singstimmen, Klavier und vier Streicher (siehe bei: Pasqualati). 

Die sogenannte Lobkowitz-Kantate ist ein kurzes Musikstiick, 
das zuerst bei Ludwig Nohl, dann in der Gesamtausgabe (Supplement 
Nr. 274) gedruckt wurde. Beethoven hat es fiir Peters, den Erzieher 
der jungen Fiirsten Lobkowitz, geschrieben. Die Prinzen sollten es 
am 7. Dezember 1816 ihrem Vater vorsingen, doch starb der Fiirst 
noch vorher (siehe bei: Lobkowitz). 



254 Kantaten 



Thayer weiB mitzuteilen (Th.-R. Ill, S. 580f.), daB diese kleine 
Komposition in Urschrift von der Witwe Peters an Dr. Ottokar Zeit- 
hammer in Prag gelangt ist. Eine Abschrift befand sich bei Schebek 
in Prag und trug die Aufschrift: ..Abends am 12. April 1822 vor dem 
Geburtstage S. D. des Fiirsten Ferdinand Lobkowitz". Thayer fugt 
hinzu: ..Dieser junge Fiirst vollendete am 13. April 1822 sein 25. Le- 
bensjahr" und erzahlt, was Peters ihm iiber die Entstehung der Lob- 
kowitzkantate schrieb. 

1814 wurde auch das kantatenartige Terzett: Tremate fur Sopran, 
Tenor und BaB vollendet, das schon 1802 entworfen worden war (siehe 
bei: Tremate). 

Der Gesang der Monche aus Wilhelm Tell ..Rasch tritt der Tod 
den Menschen an", eine kleine Kantate, ist bald nach dem 3. Mai 
1817 geschrieben (siehe bei: Krumpholz). 

Das Hochzeitslied fur Giannatasio del Rio stammt aus dem 
Janner 1819 und wurde zu Ehren der Tochter Anna aufgefuhrt (vgl. 
Thayer, ..Chronologisches Verzeichnis" S. 137, ..Zeitschrift fur Musik- 
wissenschaft" 7. Jahrg. Heft 3, oben den Abschnitt: Hochzeitslied 
und die dort angegebcne Literatur). 

Gesangsscherze von nur wenigen Takten wurden oft fur Freunde 
geschrieben. Sie sind freilich nur Ansatze zu Kantaten, so z. B. die 
17 Takte fur Schuppanzigh von 1801 und ein Scherz fur Zmeskall 
(Thayer, „Chronologisches Verzeichnis" S. 46 und 48), ganz abgesehen 
davon, daB manche Canones der Kantatenbenennung wiirdig waren. 

1822 wurde Beethoven ausgeforscht, ob er nicht geneigt ware, das 
Gedicht „Der erste Ton" in Musik zu setzen. Rochlitz, der Verfasser 
des Gedichtes, hatte in diesem Sinne an Tob. Haslinger geschrieben. 
Beethoven ging auf die Sache aber nicht ein, indem er die Besorgnis 
auBerte, die musikalische Bearbeitung des „Ersten Tons" mochte 
an Haydns „Schopfung" erinnern. (Vgl. KreiBle v. Hellborn, ,, Franz 
Schubert" S. 413.) 

Auch der Kuffnersche „David und Saul" wurde weder als Kantate 
noch als Oratorium komponiert. 1825 wurde dem Meister angetragen, 
eine Kantate fur die feierliche Eroffnung des Judentempels in der 
Seitenstettengasse zu schreiben. Was iiber diese Angelegenheit auf- 
zufinden war, auch im Gesprachsheft 25, ist von Hans Volkmann 
dankenswerterweise zusammengestellt im ersten ,,Beethovenjahrbuch" 
Bd. I, S. 51 ff. Ein bestimmter Plan Oder gar Entwtirfe sind bisher 
nicht gefunden worden. 

(Zu den Kantaten vgl. die Verzeichnisse von Thayer und Nottebohm, 
Nottebohm, ,,Beethoveniana" nach Register, Th.-R. passim.) 



Karl van Beethoven — Karlsbad 255 

Karl van Beethoven (siehe bei: Neffe). 

Karlsbad. Der altberiihmte Kurort in Nordbohmen. Beethoven 
war 1812 auf kurze Zeit dort. Die Anmeldung ist folgende gewesen: 
Zahl: 1046, Ankunftstag: 31. Juli, Name: Ludwig van Beethoven, mit 
einem Bedienten, Charakter: — , Vaterland: Bonn a. Rh., Bisheriger 
Aufenthalt: Teplitz, Absicht der Ankunft: Gesundheitspflege, Ein- 
kehrhaus: Nr. 311 „Auge Gottes", Gedenkt sich aufzuhalten: un- 
bestimmt, Bemerkung des Passes: — , Tag der Abreise, wohin: — . 
Anmerkung: Gibt vor, den PaB in Teplitz zuriickgelassen zu haben, 
wird solchen aber in einigen Tagen nachbringen. („Musikalisches 
Wochenblatt" und „Neue Zeitschrift fur Musik" 15. Februar 1912. 
M. Kaufmann, dann wiederholt in Frimmel, ,,Beethovenforschung" 
Heft 3, S. 100, Marz 1912). — Schon am 27. Juli hatte Goethe an seine 
Frau geschrieben: ,,Es ist Herr von Beethoven von hier einige Tage 
nach Karlsbad gegangen." Am 6. August konzertierte Beethoven 
mit dem Geigenvirtuosen Polledro in Karlsbad, und zwar im Bohmischen 
Saale „zum Vortheil der durch Feuer verungluckten Bewohner der 
Stadt Baden bei Wien" (Max Unger nach J. Lenhart, „Carlsbader 
Memorabilien"). Beethoven, dessen Leistung in der angedeuteten 
Quelle besonders hervorgehoben wird, berichtete iiber das Konzert in 
einem ausfuhrlichen Schreiben an Erzherzog Rudolph, auch iiber die Ein- 
nahme von nahezu 1000 Gulden Wiener Wahrung (958 bei Lenhart) 
und schreibt: ,,Es war eigentlich ein armes Conzert fur die Armen" 
und weiterhin: ,,Ich fand . . . hier nur von meinen fruheren Sonaten 
mit Violine. Da dieses Polledro durchaus wiinschte, mufite ich mich 
eben bequemen, eine alte Sonate zu spielen. — Das ganze Concert 
bestand aus einem Trio, von Polledro gespielt, der Violinsonate von 
mir, wieder etwas von Polledro gespielt und dann fantasiert von mir." 
In Karlsbad ist er so gut wie sicher mit Franz Brentano und dessen 
Familie zusammengetroffen, die gleich Beethoven im ,,Auge Gottes" 
abgestiegen war. Eine Reihe weiterer Personen aus dem Bekannten- 
kreise des Meisters ist gleichzeitig in der Kurliste nachweisbar. Eine 
Zeitlang war Beethoven von Karlsbad aus in Franzensbad zur Kur. 
Danach wieder in Karlsbad, diirfte er dort mit Goethe zusammen- 
getroffen sein, nochmals, wie frtiher schon in Teplitz (vgl. Frimmel in 
,,Der Bar" (Jahrbuch der Firma Breitkopf & Hartel, 1925) und 
,,Beethovenforschung" vom Januar 1925 S. 44 ff.). Goethe war aber 
am Tage des Konzcrtes nicht in Karlsbad. Die meisten alteren Nach- 
richten iiber Goethe und Beethoven beziehen sich auf Teplitz und 
nicht auf Karlsbad. Beethoven war 1812 spatestens am 17. September 
schon wieder von Karlsbad nach Teplitz zuruckgekehrt. (Vgl. ,,Beetho- 



256 Karth - Keglevich 



vens Auf enthalte in den bohmischen Badern" in„Beethovenforschung" 
Heft 10 vom Januar 1925 und die dort angegebenen Schriften.) 

Karth, Witwe. Thayer fuhrte die wichtigen Angaben der Frau 
Karth fiber die Familie Beethoven aus der frUhen Jugendzeit des Kiinst- 
lers in die Forschung ein. Frau Karth erzahlte von der Reise der 
Mutter Beethovens mit dem kleinen Ludwig nach Rotterdam im 
Jahre 1781, jedenfalls nach Erinnerungen in der Familie Hertel zu 
Bonn. Nach Thayers Angaben ist die Karth erst 1780 geboren. Als Frau 
Karth, geborene Hertel etwa 7 Jahre alt war, sah sie unter anderem 
den Grafen Waldstein bei Beethoven, dem er einen Fliigel zum Ge- 
schenk machte. Ihr Bruder Peter Hertel legte ein wichtiges Zeugnis 
ab fur die Geburt Beethovens im Hause der Bonngasse (Th.-R. I, 
S. 145, 167, 171, 220, 234f., 237, 280, 493). 

Kassel. Die in vielfacher Beziehung wichtige Stadt hat fur Beetho- 
ven dadurch groBe Bedeutung erlangt, daB er 1808 an den Hof Jerome 
Bonapartes dahin als Kapellmeister berufen wurde (siehe bei: Berufung 
und: GroBmann). Der Meister ist aber nicht nach Kassel gekommen. 

Kayserllng (auch Keyserling). Ein Adeliger aus dem Kreise Amen- 
das, der im Auftrag Amendas 1815 bei Beethoven war und diesem einen 
Brief, einen Operntext ,, Bacchus" und Nachrichten brachte und dann 
einen Brief von Beethoven an Amenda ubernahm (Th.-R. II, S. 119, 
III, S. 501). 

Keglevich, Anna Luise Barbara (Babette). Grafin Keglevich v. Bu- 
zin, deren Lebensgeschichte noch nicht genugend studiert ist, war die 
Tochter des Grafen Karl Keglevich und der Grafin Barbara Zichy. 
Sie starb 1813. Beethoven unterrichtete sie gegen 1800 im Klavier- 
spiel, wohl auch, nachdem sie den Fiirsten Innocenz d'Erba Ode- 
schalchi geheiratet hatte. Otto Jahn teilt mit nach einer Aussage 
Czernys (fur die keine gedruckte Quelle genannt wird), daB Beethoven 
in die (nicht schone) Grafin verliebt gewesen sei und die Sonate Op. 7 
die „verliebte" genannt habe. Nach einer Mitteilung des Neffen der 
Grafin Babette Keglevich an G. Nottebohm ist die erwahnte Sonate 
von Beethoven fur die Grafin Babette geschrieben, ,,als sie noch Mad- 
chen und er ihr Lehrer war. Er hatte die Marotte — eine von den 
vielen — , daB er, da er vis-a-vis von ihr wohnte, im Schlafrock, Pan- 
toffeln und Zipfelmutze zu ihr ging und ihr Lektionen gab". Beethoven 
ist nicht nur in Wien, sondern wohl auch spater in PreBburg mit der 
Grafin, dann Fiirstin zusammengekommen. Dort hatte Odeschalchi 
seinen gewohnlichen Wohnsitz (nach Nottebohm, „Beethoveniana" 
II, S. 512). DaB Beethoven der Grafin iiberhaupt Unterricht gegeben 
hat, wird auch durch die Erinnerungen der alten Grafin Gallenberg 



Kerpen 257 

bestatigt, die von dem Unterricht zu Otto Jahn 1852 fcrwahnung tat. 
Op. 7 ist 1797 erschienen mit dem Titel: „Grande Sonate pour le 
Clavecin ou Piano Forte, composee et dedi6e a Mademoiselle la comtesse 
Babette de Keglevics par Louis van Beethoven" (nach Thayer, ,,Chro- 
nologisches Verzeichnis", angezeigt in der ,, Wiener Zeitung" vom 
7. Oktober 1797, Verlag Artaria). Schon 1795 war ihr Op. 15, das 
erste Konzert fur Klavier und Orchester, zugeeignet worden, das aber 
erst 1801 erschien (Thayer, ,,Chronologisches Verzeichnis" S. 14f. 
Nottebohm : „Thematisches Verzeichnis" gibt den Titel der Uraus- 
gabe: ,, Grand Concert pour le Forte Piano avec deux Violons, deux 
Alto, Basso et Violoncelle, deux flutes, deux Oboe", deux Clarinettes, 
deux Bassons, deux Trompettes, et Timballes compose" et dedie" & Son 
Altesse Madame la Princesse Odeschalchi n6e Comtesse Keglevics 
par Louis v. Beethoven Oeuvre 15" (Mollo & Co.). 

1799 erschienen die 10 Variationen (iber ein Thema ,,La stessa, la 
stessissima" aus Salieris Oper ,,Falstaff", noch der , .Comtesse Babette 
de Keglevics" gewidmet (Verlag Artaria). 

Op. 34, die beruhmten sechs Variationen aus F-Dur tiber Beethovens 
eigenes Thema sind dann, 1802 geschaffen, 1803 erschienen in Leipzig 
bei Breitkopf & Hartel, der „ Princesse Odeschalchi n6e comtesse de 
Keglevics" gewidmet. (Dazu die Kataloge von Thayer und Notte- 
bohm, ferner den Brief vom 26. Dezember 1802 an Breitkopf & Hartel, 
wo auch der Vorbericht Beethovens mitgeteilt wird. Dieser lautet: 
,,Da diese V[ariationen] sich merklich von meinen fruheren unter- 
scheiden, so habe ich sie, anstatt wie die vorhergehenden nur mit 
einer Nummer . . . anzuzeigen, unter die wirkliche Zahl meinergrOBe- 
ren musikalischen Werke aufgenommen, urn so mehr als auch 
die Themas von mir selbst sind. Der Verfasser.") Demnach haben 
diese Variationen auch eine eigene Opuszahl erhalten, 34, wie die so- 
genannten „Prometheusvariationen" Op. 35. Bei Odeschalchi wurde 
gute Musik gemacht. Der Furst war spater Vorstandsmitglied der 
„Gesellschaft der Musikfreunde" und erhalt noch im November 1819 
Beethovens Versicherung, daB er das Oratorium (,,Der Sieg des Kreu- 
zes" ist gemeint) gern komponieren wolle. Odeschalchi war auch 
schauspielerisch begabt (Reichardt, „Vertraute Briefe" I, S. 409. 
Zu Keglevics vgl. auchTh.-R. II, S. 135, und A.Ch. Kalischer, ,, Beetho- 
vens Frauenkreis" II, S. 133—141, A. D. Marx, „Beethoven" I, S. 65, 
die neuen Briefsammlungen, ,,Die Musik" III, S. 371 f.). 

Kerpen. Der bekannte kleine Ort in der preuBischen Rheinprovinz. 
Beethoven war dort mehrmals mit der Familie Breuning, wie Gerh. 
v. Breuning in seinem Buch ,,Aus dem Schwarzspanierhause" (S. 7) 

Frlmrael, Beethovenhandbuch. I. 17 



268 Kerpen — Keyser 



erzahlt. Er spielte dort in der Kirche oftmals die Orgel. Die Burg- 
reste in Kerpen mussen dem Jiingling zu denken gegeben haben. Viel- 
leicht spielen sie die Rolle romantischer Erinnerungen in Beethovens 
spaterem Leben. (Vgl. Abschnitt: Breuning, S. 64 bei Joh. Philipp 
v. Breuning.) 

Kerpen, Ftirstin Charlotte Kinsky, geb. Freifrau v. Kerpen (siehe 
bei: Kinsky, Furst Ferdinand). 

Keyser, Elise (geborene Giannatasio del Rio), Sangerin. Urn 1800 
in Wien, spater in Dresden. Sie scheint mit Beethovens bekannt ge- 
wesen zu sein. Dies geht aus einem Brief von einem der Bruder des 
Komponisten hervor, einem Dokument, das eine Zeitlang als Auto- 
graph des Meisters gegolten haben diirfte, aber gewiB nicht von diesem 
geschrieben ist. Ich setze ihn vollstandig her: ,,Meine Hebe Keyser! 
Auf mein Schreiben vom 15. vorigen Monats zuriick komment, ersuche 
ich sie in dieser Angelegenheit um umgehende Nachricht. Die Proben 
beginnen mit Anfang des nachsten Monats und ich mu6 wissen, wann 
sie von Mailand nach Wien zu kommen gedenken, da ich mir die Zeit 
dann entsprechend einteile. Zu den Soireen beim Fiirsten Lichnowski 
wurden sie oft schon gewunscht, auch Furst Kinsky frug nach ihnen. 
— Vergessen sie ob dieser Scala ihre Lieben nicht — Ihre Antwort 
baldigst erwartend — herzlich ihr Beethoven." Dieser Brief tragt 
den Stempel der Sammlung Lanna, die sich in Prag befunden hat, 
wurde mir aber erst 1919 bekannt, als er sich bei Frau Dr. Romana 
Seib in Modling befand. Als den Schreiber vermute ich einen der 
Bruder, in erster Linie Kaspar v. Beethoven, der ja lange Zeit an dem 
Wiener Musikleben durch seinen bertihmten Bruder Anteil nahm. 
DaB die Keyser, an welche der Brief gerichtet ist, gerade Elise Keyser, 
geb. Giannatasio del Rio sei, ist unsicher. Denn diese kommt 1817 
im Zusammenhang mit dem Dresdener Hoftheater vor (vgl. K. E. 
Henricis „Auktionskatalog" IX von 1912, S. 43, Nr. 455) in eit^em 
Vertrag mit dem Theaterleiter Franz Sekonda. Nur der Madchenname 
Del Rio scheint auf eine Herkunft aus Wien zu deuten. E. Kastner 
hat in einem Brief an mich die Vermutung geauGert, da6 Elise Keyser 
jene ,, Elise" ware, fur die jenes kleine Klavierstuck aus A-Moll ge- 
schrieben ist, bei dem man noch keine Ahnung hat, welche Elise es 
sein kann. Das Klavierstuck stammt aus Wiener musikalischen Krei- 
sen und lieli sich bis auf Therese v. Drosdick zuriickverfolgen (vgl. 
Ludw. Nohl, „Neue Briefe Beethovens" 1867, S. 28). Elise Muller 
aus Bremen kann gewiB nicht gemeint sein, deren Besuch in Wien 
(Th.-R. IV, S. 39, 206) viel spater fallt, als man den oben mitgeteilten 
Brief und das Klavierstuck ,,Fur Elise" ansetzen kann. — Von Dr. 



„Kidd" — Kiesewetter 259 



Max Unger werden bessere Grtinde fur eine andere Vermutung bei- 
gebracht, die voll uberzeugen wiirden, wenn man nicht ein Verlesen 
von Elise fur Therese annehmen miiBte, um die Hypothese Ungers 
sogleich anzuerkennen. Unger meint namlich, daB jenes Klavierstuck 
,,Fur Elise" eine Huldigung fur Therese Malfatti sei und dem Jahre 
1810 zugehore (vgl. „Die Musik" Februar 1923, S. 334ff., und denAb- 
schnitt: Klavierstuck fur Elise). 

„Kidd", General, war 1816 bei Beethoven in Wien. Istwohl derselbe 
General, der 1816 in einem Brief Simrocks an Dr. H. Huffer ,,Ham" 
oder ahnlich so genannt wird. Kidd (oder wie er hieB) sprach dem 
Meister gegenuber 1816 von der „Philharmonischen Gesellschaft" in 
London, als ob er den Antrag zu bestellen hatte, eine oder zwei Sym- 
phonien fiir jene Gesellschaft zu schreiben, Kompositionen, die kurz 
und faBlich sein sollten, wie die ersten Beethovenschen Symphonien. 
So wie Bertolini an O. Jahn die Sache mitteilte, sei Beethoven uber 
diese Anforderung ,,wiitend" gewesen, ,,und die Freundschaft mit 
Bertolini war aus". Die Zusammenkunft mit Kidd sei 1816 geschehen. 
Kidd, der aus Ostindien kam, lieB sich in Wien von Malfatti behandeln. 
,,Auf seinen Wunsch ftihrte ihn Bertolini bei Beethoven ein, der sich 
gerade rasierte und mit Schnittwunden, Loschpapier und Seife schreck- 
lich aussah. Der General brach mit einem Stuhl zusammen", meinte 
deshalb, daB Beethoven arm sei, und brachte (ob gerade darum, ist 
nicht klar) den Antrag vor, Symphonien fiir London zu schreiben. 
Beethoven lehnte entriistet ab. 

(Die Erzahlung Simrocks und Bertolinis, abgedruckt bei Kerst, 
,,Erinnerungen" 1, S. 205 und II, S. 193, lassen sich ohne Schwierig- 
keiten zusammenreimen. L. A. Frankls ,,Sonntagsblatter" Bd. II, 
S. 57f. bringen die Erzahlung mit der Uberschrift ,, Beethoven und 
General Kitt".) 

Kiesewetter, Raphael Georg, Edler von Wiesenbrunn (geb. 1773 zu 
Holleschau in Mahren, gest. zu Baden bei Wien 1850). Zum Staats- 
dienst erzogen, dann im Hofkriegsrat Beamter, Hofrat. War mit 
eingehenden musikgeschichtlichen Arbeiten beschaftigt schon zur Zeit 
Beethovens. Diesen verehrte er sehr. Als die „Gesellschaft der Musik- 
freunde" gegrundet wurde, setzte man ihn sogleich als Stellvertreter 
des Vorstandes in die erste Linie. Er war Sanger und spielte die Flote. 
1824 unterzeichnete er mit vielen anderen die ehrende Adresse, die 
man dem Meister damals iiberreichte. In einer Sitzung der „Gesell- 
schaft der Musikfreunde" vom 29. November 1825, die er leitete, wurde 
Beethoven zum Ehrenmitglied vorgeschlagen. 1 826kommt er gelegentlich 
in den Gesprachsheften vor im Zusammenhang mit Kuffners „Saul". 

17* 



260 Kinsky 

(Ober Kiesewetters wissenschaftliche Tatigkeit geben die Musik- 
lexika AufschluB. Zu seiner Wirksamkeit in der „Gesellschaft der Mu- 
sikfreunde" vgl. Bockh, „Wiens lebende Schriftsteller" 1822, S.351ff., 
Th.-R. V, S. 69, 272, 327, 437, C. F. Pohl, „Die Gesellschaft der Musik- 
freunde" [1871], und R. v. Perger, Rob. Hirschfeld und E. Mandyc- 
zewsky, „Geschichte der Gesellschaft der Musikfreunde". Kiese- 
wetter wohnte zu Beethovens Zeiten auf dem Salzgries Nr. 184. 
Siehe auch Abschnitt: Gesellschaft der Musikfreunde und: Kuffner. 

Kinsky, Furst Ferdinand Joh. Nep. Josef v. Wchinitz und Tettau 
(geb. Wien 4. Dezember 1781, gest. Weltrus in Bohmen 3. November 
1812). Schlug die militarische Laufbahn ein und stieg bis zum Ulanen- 
Obrist auf. Vermahlt 8. Juni 1801 mit Karolina Maria Freiin v. Ker- 
pen (1782—1841). — Kunstfreundlicher Mann, in Vergleichung zu 
Beethoven noch jung und fur den Tonmeister begeistert. Deshalb 
beteiligte er sich auch mit einer verhaltnismaBig hohen Summe an 
dem Vertrag, besser an dem Stiftungsbrief von 1809, in welchem dem 
Meister far den Fall, daB er im Lande bleibe, ein Jahresgehalt aus- 
gesetzt wurde. Dies geschah nach der Berufung, die Beethoven von 
Wien nach Kassel Ziehen wollte (siehe bei: Berufung, Erzherzog Ru- 
dolph, Lobkowitz). Die hOchste Ziffer von 1800 Gulden jahrlich wurde 
von Kinsky gezeichnet, der Erzherzog Rudolph sagte 1500 fl. zu, 
Lobkowitz 700 (Th.-R. Ill, S. 123ff.). Die gezeichneten Summen 
vom Erzherzog Rudolph und vom Fursten Lobkowitz waren im Mai 
an Beethoven gelangt, die Zahlung Kinskys blieb damals aus, sie ge- 
langte auch nicht so bald an inn (vgl. den Brief vom 26. Juli 1809 
an Breitkopf & Hartel). Kinsky war in militarischen Angelegenheiten 
verreist und voll in Anspruch genommen durch Schaffung einer Legion 
in BOhmen, dann bei Regensburg, bei Aspern, Wagram und Znaim. 
Trotzdem ordnete er die Auszahlung der Pension bei der Wiener Kasse 
an (und zwar aus Budenitz 20. Juni 1810, siehe erstes ,,Beethoven- 
jahrbuch" Bd. II, S. 25). Beethoven erhielt die Summe am 1. Juli 
1810. Bis 181 1 erhielt er in unregelmaBigen Abstanden mehrere Raten 
ausgezahlt. Da erschien am 20. Februar 1811 das Finanzpatent, 
das die alte Wahrung in ahnlich grausamer Weise herabdruckte, wie 
es nach dem Weltkrieg nicht nur in Wien und Berlin, sondern auch 
in anderen Staaten durch die Rechenkiinste des Staates in ahnlicher 
Weise, aber in erhOhtem MaBstabe geschehen ist. „Seit dem 15. Marz 
1811 bildeten die Einlbsungsscheine als .Wiener Wahrung' die einzige 
Valuta fur das Inland" (V. Kratochvil im angefuhrten ,,Beethoven- 
jahrbuch"). Die Einzelheiten der Folgen fur die Auszahlung des Ge- 
halts, oder wenn man will der Pension fur Beethoven, sind von A. W. 



Kinsky 261 

Thayer ziffernmaBig berechnet worden, und Kratochvil erweiterte 
noch die Angaben durch Benutzung der 2. Auflage des ,,Osterreichi- 
schen Staats-WOrterbuches" von Mischler und Ulbrich (II. Aufl. 1906). 
Bei Kinsky wurde die Umrechnung sogleich vorgenommen, und die 
,,ursprunglichen 1800 fl. Bankozettel wurden jetzt 726 f I. Wiener 
Wahrung gleichgesetzt", wobei Beethoven ohnedies besser gehalten 
war, „als es die allgemeine Bestimmung des Finanzpatentes vermuten 
lieB" (Kratochvil). Beethoven jammerte in mehreren Briefen vom 
Jahre 1812 nicht wenig iiber den Entgang der vollen Zahlung. Diese 
wurde ihm vom Erzherzog Rudolph gewahrt schon im Februar 1812 
und wenig spater vom Fiirsten Lobkowitz. Ober die Auszahlung der 
Kinsky-Rate wurde in Prag mit dem Fiirsten selbst verhandelt, als 
Beethoven auf der Reise nach Teplitz Prag beruhrte. Der Ktinstler 
erhielt als Anzahlung 60 und eine hoffnunggebende Zusage, die aber 
zunachst durch Kinsky nicht eingehalten wurde. Der fast plotzliche 
Tod des Fiirsten bei einem Ritt im Chotekschen Park zu Weltrus an 
der Moldau am 2. November 1812 — der Fiirst sturzte kopftiber vom 
Pferd und war nach wenigen Stunden tot — machte nun eine gewaltige 
Zasur in der Abwicklung der Gehaltsangelegenheit. Offenbar verleitet 
durch den Rechtsanwalt Dr. Wolf in Prag versucht Beeth oven zuerst den 
gerichtlichen Weg, von dem er aber bald abkam, um mit hoflichen Ge- 
suchen an das k. k. Landrecht und an die Fiirstin-Witwe zum Ziel zu 
gelangen. Diese Schriftstiicke sind erhalten und veroffentlicht. Dr. J. 
N. Kanka hatte die Angelegenheit der Kinskyschen Verlassenschaft 
in der Hand und hat nach redlicher Bemuhung fur Beethoven erwirkt, 
was dieser brauchte, namlich die Auszahlung der lebenslanglichen Pen- 
sion. Die Belege dafiir sind von Kratochvil im genannten ,,Beethoven- 
jahrbuch" zusammengestellt (siehe auch Th.-R. IV, S. 221). Freilich 
gab es in der Auszahlung wieder Einschrankungen und Stockungen, 
z. B. 1816. 

(Zu Kinsky vgl. Jos. Erwin Folkmann, ,,Die gefurstete Linie des 
Geschlechtes Kinsky" [1860], wo auch von der Gehaltsangelegenheit 
die Rede ist. Dazu auch „Neue freie Presse" Wien, 30. Dezember 
1920 und dasselbe Blatt vom 7. Januar 1921 [Otto Erich Deutsch]. 
Ein neuer Brief in der Gehaltsangelegenheit wurde mitgeteilt durch 
Dr. Max Unger in der Zeitschrift „Auftakt" von 1923 S. 43 ff. Dieser 
Brief beweist, daB die Briefe an die Fiirstin nur Klugheitssache ge- 
wesen sind, nicht aber der Oberzeugung Beethovens entsprungen sind, 
daB Kinskys den, wie er meint, gerechten Anspriichen des Meisters 
entsprochen hatten. Zu den Briefen an Kanka, die bei Nohl und 
dann wieder bei Kalischer sehr fehlerhaft wiedergegeben sind, ein 



262 Kirchberg 

kritischer Artikel ohne Unterschrift in dem Tagesblatt ,,Die Zeit", 
Wien, 22. Marz 1908.) 

Musikalische Verbindungen mit Kinskys miissen angenommen wer- 
den, obwohl keine bestimmten Beweise jetzt daliegen. Aber vier groBe 
Widmungen sagen auch etwas. Es sind die Widmungen der C-Dur- 
Messe Op. 86 an den FQrsten, die der sechs Gesange nach Goetheschen 
Gedichten, nach ReiBig und anderen an die Furstin, ferner die von 
Op. 83 der drei Gesange nach Goethes Dichtungen und endlich der 
Widmung von Op. 94 „An die Hoffnung" (1816) aus Tiedges „Urania", 
die letztgenannten alle an die Furstin. Die Reihe dieser Huldigungen 
hangt augenscheinlich mit der Kinskyschen Gewahrung der Pension 
zusammen. (Bildnisse aus der Familie der Kinskys waren vor Jahren 
bei Gelegenheit der Wiener Kunstwanderungen im Wiener Palais zu 
sehen. [Hierzu Frimmel, ,,Lexikon der Wiener Gemaldesammlungen" 
II, S.377f.] Die Wiener Beethovenausstellung von 1920 enthielt die 
Bildnisse des Fursten und seiner Gemahlin, beide von B. de Guerard. 
Der Steindruck von Jos. Kriehuber, den Fursten Ferdinand Kinsky 
darstellend, ist ziemlich bekannt.) 

Kirchberg am Wagram. Wohlhabender Markt am Rande der An- 
hohen, die das breite Tal der Donau von der Hippersdorfer Gegend 
bis Krems begleiten. Auf halbem Wege zwischen Stockerau und Krems 
gelegen war dort ehedem an der Kremser StraBe die Poststation fur 
das nahe Weikersdorf. Hatte 1822 nur 48 Hauser (nach Steinius). — 
Kirchberg ist durch die einmalige Anwesenheit Beethovens am 
29. September 1826 zur Beethovenstatte geweiht. AIs der Meister vom 
Bruder Johann zum Landaufendhalt nach Gneixendorf gefuhrt 
wurde in Johanns Kalesche und in Begleitung des Neffen Karl, brach 
man von Wien am 28. September auf. In Stockerau wurde ubernachtet. 
Des nachsten Morgens fuhr man bis Kirchberg a. W. Dort wurde das 
(vielleicht zweite) Fruhstuck genommen, worauf man bis Krems und 
Gneixendorf fuhr (Th.-R. V, S. 383 nach Gesprachsheften). Die Ort- 
lichkeit, wo man in Kirchberg anhielt, ist mit befriedigender Genauig- 
keit anzugeben als das Gasthaus unten an der StraBe. Kirchberg ist 
namlich zumeist auf der AnhOhe gelegen, an die Bergkirche sich an- 
schlieBend, wahrend an der Kremser StraBe ganz unten keine bedeu- 
tenden Privathauser und nur das alte Armenhaus mit einem Kirchlein 
darin und das angedeutete Gasthaus bemerkt werden. Oben, erst auf 
einer steilen StraBe erreichbar, befinden sich der groBe Marktplatz, 
zwei Denksaulen, das Rathaus und mehrere GasthOfe. Von diesen 
kommt aber f iir unseren Fall keiner in Frage. Denn es ware widersinnig 
und unzweckmaBig gewesen, die Kalesche von der Kremser StraBe 



Kirchhoffer — Kirchlehner 263 

den steilen Bergweg hinaufziehen und wieder herunter Tahren zu lassen, 
um vielleicht gerade oben das Friihstiick einnehmen zu wollen, da 
doch unten hart an der StraBe ein vielbesuchtes Wirtshaus zur Ver- 
fiigung stand. Vielbesucht war es jedenfalls, wie man aus dem mach- 
tigen Schuppen schlieBen kann, der sich hinter dem Gasthaus noch er- 
halten hat. Der heutige Einkehrgasthof (heute Herrn Franz Anker 
gehorig) ist nicht mehr ganz der alte von 1826 und dtirfte nur mehr 
in den groBen Abmessungen dem Bau entsprechen, den Beethoven 
gesehen und betreten hat. Jedenfalls ist dieser Bau wiederholt er- 
neuert und dabei geandert worden. Der Balkon mit eisemem Gelander 
und der steile Giebel kOnnten noch aus der Zeit Beethovens stammen. 
Dagegen ist es sicher, daB Beethoven bei der Einfahrt und Ausfahrt 
das schloBchenartige Gebaude von 1694 bemerken muBte, das hinter 
dem Wirtshaus noch recht wohl erhalten ist und den Hof nach hinten 
abschlieBt. Der reichverzierte Barockgiebel mit den gedriickten Vo- 
luten an den Seiten, die datierte TUr im ersten Stock, mit den ,,ge- 
brochenen" Giebelstucken daruber, die Freitreppe mit Gelandern (die 
jetzt freilich offenbar vertauscht sind), die dort hinaufgeleiten, sind 
ja so auffallend, daB sie von keinem Besucher ubersehen werden kon- 
nen. Die Steilen der Ausfahrt und Einfahrt sind noch heute, 1925, 
zweifellos erkennbar, wenngleich vermutlich sehr vereinfacht. Irgend- 
welche Oberlieferung von dem Besuch der drei Beethoven hat sich 
nicht erhalten, auch ist nach dem, was man heute noch vorfinden 
kann, kein altes Zimmer nachweisbar, das Beethoven betreten haben 
muBte. Aber eines ist sicher, daB der Schauplatz des Fruhstiicks, das 
der Meister, sein Bruder und Neffe dort eingenommen haben, im all- 
gemeinen einwandfrei nachzuweisen ist. Der untere Gasthof in Kirch- 
berg a. Wagram ist eine richtige Beethovenstatte. 

Kirchhoffer, Franz Chr., um 1824 Buchhalter im GroBhandlungshaus 
Ofenheimer zu Wien. Mehrere Briefe an ihn von Beethovens Hand 
sind mir 1889 zuganglich gewesen und damals von mir in der (Wiener) 
\,Neuen illustrierten Zeitung" (Bd. II, Nr. 43) veroffentlicht worden. 
Sie handeln von der bevorstehenden Vollendung der IX. Symphonie, 
von der Versendung der groBen Messe an Ries nach London und an- 
derem: ,, Lassen [Sie] den Brief an Brentano, ich glaube, iiber Triest." 
Der Meister ladt Kirchhoffer nach Baden ein, muB also einigermaBen 
nahe Beziehungen zu ihm gehabt haben. 

Kirchlehner, Franz. Musikliebender Privatmann, der dem Meister 
sehr ergeben war. Vermutlich ist er mit Beethoven in NuBdorf be- 
kannt geworden. Nach Beethovens Tod war er fur die Errichtung 
des Grabsteins auf dem Wahringer Friedhof mit Erfolg tatig. Ign. Sey- 



264 Klassizismus 

fried teilt im Afihang zu seinem oft angefiihrten Buch auf S. 13 folgen- 
des mit: „Nicht mit Stillschweigen darf hier der Nahme eines wahren 
Kunstfreundes Herrn Franz Kirchlehner, Biirger[s] und Hauseigen- 
thumer[s] in NuBdorf nachst Wien — iibergangen werden, der sich als 
warmster Verehrer des Entschlafenen erwies, durch unermudete TMtig- 
keit das Unternehmen fSrderte und das Deficit der benothigten Total- 
summe groBmttthig aus eigenen Mitteln deckte." — Ein Joseph Kirch- 
lehner kommt als austibendes Mitglied in der Gesellschaft der Musik- 
freunde vor (Bockh S. 357 und Frimmel, „Lexikon der Wiener Gemalde- 
sammlungen" Bd. II). 

Klassizismus bei Beethoven. Durch die Erziehung Beethovens, die 
ihn ja auch mit dem Latein, wenngleich nicht griindlich, bekannt 
machte, muBte ihm schon in Bonn manche auffallende Erscheinung 
aus dem klassischen Altertum bekannt werden. Mag auch die Er- 
wahnung der „Muse" in der Vorrede zu den Kurfurstensonaten von 
1783 moglicherweise auf Neefes Rechnung kommen, so sind doch aus 
spateren Jahren, ja sogar bis in die Zeit der Todeskrankheit, so viele 
Anspielungen auf die klassischen Vblker nachzuweissen, daB diese 
Seite der Beethovenschen Bildung eine gesonderte Betrachtung ver- 
dient. Der allgemein ausgebreitete Klassizismus in der Zeit Beethovens 
muBte ja seine Spuren auch im Leben und Wesen des Kiinstlers ein- 
graben. Erlebte Beethoven in Wien doch viele hochst auffallende 
Ereignisse, die ihn auf die klassische Kunst hinweisen muBten. Das 
Christinendenkmal von Canova in der Augustinerkirche machte 1805 
geradewegs Furore. Vom Theseus desselben Kiinstlers und dem anti- 
kisierenden Tempel muBte er jedenfalls Kenntnis nehmen. Der Bau 
des auBeren Burgtors von Nobile konnte ihn nicht unbertihrt lassen, 
da der Kiinstler durch diesen Ausgang sicher oft genug gegangen ist. 
So muB er auch bestimmt bei den Zaunerschen Karyathiden wieder- 
holt vorbeigekommen sein, wenn er das Palais Fries betrat, des musik- 
freundlichen Graf en, bei dem er jahrelang verkehrte. Das Zaunersche 
Josephsdenkmal auf dem Platz vor dem Palais Fries war nun gar 
nicht zu iibersehen. 1807 war es enthulltworden. Um noch bei solchen 
auffallenden Erscheinungen zu verweilen sei daran erinnert, daB 
Beethoven sich den groBen Stich (von Kinninger) nach Fugers „An- 
tiochus und Stratonice" ins Zimmer gehangt hatte, wie er 1801 an 
Wegeler schreibt, der ihm den Stich geliehen zu haben scheint. In 
demselben Brief wie die Anspielung auf den Antiochus kommt auch 
eine auf Plutarch vor („Notizen" S. 26 und 37). Und wie tief beim 
Meister die Neigung zum klassischen Altertum, freilich in der damali- 
gen Auffassung, gegangen war, geht aus vielen Briefstellen hervor. 



Klassizismus 265 

Um 1807 schreibt er an Freund Gleichenstein: „Wenn Du kannst, so 
schicke mir Baahrd iibersetzung des Tacitus." 

/Wieder 1807 in einem Brief an Camille Pleyel kommt vor unter ande- 
rem „Camillus, so hieB, wenn ich nicht irre, der Romer, der die bosen 
Oallier von Rom wegjagte" (ilber diesen Brief vgl. Frimmel, „Neue 
Beethoveniana" S. 79). 

Von noch grOBerer Bedeutung ist es, daB Beethoven im Heiligen- 
stadter Testament von 1802u.a. auf die unerbittlichen Parzen anspielt. 
Zumeist sind es Briefstellen, wie schon angedeutet, aus denen eine 
anzuerkennende Vertrautheit Beethovens mit dem klassischen Alter- 
tum erhellt. In einem Brief aus dem Jahre 1809 an den Grafen Franz 
Brunsvik wird auf Odysseus und die Sirenen angespielt, ferner auf 
Herkules und Atlas, Daedalus und das Labyrinth inBriefen von 
1812 anZmeskall. Von einer „Herkules-Arbeit" ist 1818ineinemSchrei- 
ben an Nanette Streicher die Rede. Sogar in einem Brief an den Wiener 
Magistrat vomFebruar 1819 kommt ein Hinweis auf Plutarch vor(vgl. 
„DieMusik" 1902, S.404und 409). Um 1820,alsdesMeistersNeffeimEr- 
ziehungshaus Blochlinger untergebracht war, scheint E.Th. Hohler, der 
Philolog, der auch mit Blochlinger bekannt war, noch des besonderen 
Beethovens Teilnahme an den Stoffen des klassischen Altertums ge- 
fordert zu haben. Auch Kannes EinfluB ist nicht zu unterschatzen. 
So rat Kanne dem Meister einmal, Plato in deutscher Ubersetzung 
vonSchleiermacherzu lesen (Walter Nohl,„Konv.-Hefte" I, S.418). Die 
Studien des Neffen leiteten auch oft genug aufs Altertum zuriick. Als 
Beethoven um jene Zeit neuerlich nach einem Opernstoff suchte, hatte 
er sich vorab ,,fur altgriechische und rOmische Stoffe" ausgesprochen 
(Schindler II, S. 47f.). 1822 schrieb Beethoven an Peters, daB es 
ihmdoch nicht vergdnnt ist, „alleTage imOIymp bei Jupiter zuGaste 
zu sein . . .". DaB gerade die „Coriolan"-Ouverture zu den schwung- 
vollsten Werken des Meisters zahlt, hangt wohl auch mit Beethovens Be- 
geisterung furs klassische Altertum zusammen. An „Prometheus" 
sei im Voriibergehen erinnert. Dann fallt es auf, daB Schindler 
gegeniiber der Ausdruck „Samothrazier" gebraucht wird (1823), 
was nebenbei bemerkt wohl auch mit Freimaurerei zusammenhangt 
(Faksimile des angedeuteten Briefchens an Schindler in Hirschbachs 
„Repertorium" II, S. 51, 1844). Vom jungen Bauernfeld hatte er einen 
Operntext ,, Brutus" gewiinscht (siehe oben bei: Bauernfeld). 1824 
fallt eine Stelle aus einem Brief an Schott, die neben dem mittelalter- 
lichen Knochenmann hauptsachlich antike Figuren benutzt: „Apollo 
und die Musen werden mich nicht dem Knochenmann iiberliefern 
lassen, denn noch so vieles bin ich ihnen schuldig und muB ich vor 



266 Klaviere 



meinem abgang in die Elesaischen Felder (statt elyseischen) hinter- 
lassen" (Th.-R. V, S. 112). Die tief eingewurzelten Namen alter Gott- 
heiten werden auch im Jahzom nicht vergessen. In der wutschau- 
menden Antwort auf Wolaneks, des Kopisten, Absage (etwa 1825), 
liest man: „das ist gerade, als wenn die Sau die Minerva l'ehren 
wollte". In einem Brief an Karl Holz aus dem Jahre 1825 ist von 
der ,,Laterne des Diogenes" die Rede (siehe M. Ungers Aufsatz in: 
„Die Musik" Oktober 1923, S. 25). Die Redensart ,,Vale et fave" 
kommt in diesem Brief und auch in frtiheren vor. Die Erinnerungen 
an klassische Schriftsteller reichen bei Beethoven bis in die letzten 
Lebenstage. Das ,,Plaudite amici, finita est comodia" ist zwar nicht 
das ,,letzte Wort", aber sicher eine der ganz spaten AuBerungen des 
Kunstlers. Schindler (II, S. 130, 134, 136) berichtet: „Plutarch, Ho- 
mer, Plato, Aristoteles und andere derlei Gaste wurden noch auf dem 
Krankenlager hervorgesucht." 

Der Klassizismus Beethovens, der ja bekanntlich auch in des Meisters 
Tracht hereinreicht, kann nicht ebenso, wie auf seine Belesenheit und 
antikisierende Richtung des Denkens auch auf seine Musik angewendet 
oder aus ihr abgeleitet werden. Denn zu Beethovens Zeiten hatte man 
keine geniigenden Kenntnisse von antiker Musik, um darauf einen 
musikalischen Klassizismus aufbauen zu konnen. Die Benutzung alter 
Tonarten kommt bei Beethoven nur ganz vereinzelt vor. Ich erinnere 
an das Streichquartett Op. 127 in A-Moll. Der Zusammenhang der 
Musik in der „Coriolan"-Ouvertiire mit der klassischen Antike ist ein 
ganz auBerlicher, nicht musikalischer. So auch beim „ Prometheus". 
Dies sei deutlich ausgesprochen. 

(Andeutungen iiber die Beziehungen Beethovens zum allgemeinen 
Klassizismus finden sich in meinem ,, Beethoven" in alien Auflagen, 
in der 6. auf S. 35. Volbachs , , Beethoven" [S. Iff.] geht von anderen 
Voraussetzungen aus. Dazu auch Zeitschrift der internationalen 
Musikgesellschaft, Juni 1907, S. 367f. — Siehe bei: Lesestoff und: 
Ruinen von Athen.) 

Klaviere Beethovens. Was Beethoven an Klavierinstrumenten 
alles beruhrt und benutzt hat, laBt sich gewiB nicht vollstandig nach- 
weisen, und wir haben im besten Falle ftinf gut oder leidlich beglau- 
bigte Instrumente zur Verfiigung, die dem Meister selbst oder seinen 
Freunden gehort haben. Verloren sind die Klaviere, auf denen er in 
Bonn gespielt hat, z. B. das im Vaterhaus, vielleicht noch ein Klavi- 
chord, verloren ist das Klavier, das Graf Ferd. Waldstein dem jungen 
Musiker geschenkt hat. (Siehe den Abschnitt: Karth.) Verschollen 
sind die Klaviere, auf denen er in Bonn bei mehreren Gelegen- 



Klaviere 267 

heiten offentlich gespielt hat. Man hat nichts tnehr erhalten von 
den Klavieren, auf denen er privatim Unterricht gegeben hat. 
Auch aus der Wiener Zeit fehlen uns die Instrumente bei Van 
Swieten, bei Lichnowski und vielen anderen. Ein Klavier, das 
Beethoven nach alter Uberlieferung von der Fiirstin Lichnowski 
zum Geschenk erhalten haben soil, ist allerdings, wie es scheint, 
noch vorhanden. Es diirfte das mit dem Bildnis Beethovens im 
Stimmstock sein, das 1892 in der groBen Ausstellung fur Musik und 
Theaterwesen offentlich zu sehen war. Wenigstens sprechen die Ober- 
lieferungen, die sonst merklich auseinandergehen, von der Fiirstin 
Lichnowski, die es aus Pest von der Firma S. A. Vogel an Beethoven 
gelangen HeB. Von Beethoven sei das fast sechsoktavige Instrument 
an Bernhard Feiler gelangt, der einmal ,,Lieblingsschuler" Beethovens 
und dann wieder Klaviermacher genannt wird. Vielleicht war er 
beides. Er sei als Klavierlehrer in der Familie Kallay tatig gewesen. 
In den 1880er Jahren gehorte dieses Klavier Herrn Thomas Zach 
in Wien, dessen Angaben uber die Vorbesitzer nicht ganz mit dem 
ubereinstimmen, was sonst iiber die Geschichte dieses Instruments 
gedruckt worden (z. B. in ,,Neue freie Presse" 6. Dezember 1924). 
Als neuester Besitzer wird der GroBindustrielle Dr. Siegfried Strakosch 
genannt. Man kann begierig sein, wie sich die Herkunftsfrage noch 
entwickeln wird. Die Angaben dariiber bis 1905 sind im II. Band S. 22f. 
meiner ,,Beethovenstudien" zusammengestellt, wo auch die Beziehun- 
gen des Brustbildes auf dem Klavier zu den fruhen Bildnisstichen 
vermerkt wird. Danach ware das Klavier urn 1800 an Beethoven 
gelangt. In jener Zeit spielte der Kiinstler zumeist auf Walterschen 
Fliigeln (nach Czerny, vgl. auch Frimmel, ,,Beethovenstudien" Bd. II, 
S. 223), gelegentlich auch auf einem von Jakesch. Spater bevor- 
zugte er die Streicherschen Klaviere. 

In Beethovens eigenem Besitz war ein Fltigel von den Brudern 
Erard in Paris mit der Datierung 1803. Das Instrument ist von der 
Firma im Jahre 1803 an Beethoven als Geschenk gelangt, wie Herr 
Bannelier aus den Geschaftsbuchern der Firma in Paris ermittelt hat. 
Dariiber berichtete Hanslick in der ,,Neuen freien Presse" vom 15. Ok- 
tober 1875 nach der ,, Revue et Gazette musicale de Paris" vom 5. 
und 12. September 1874. Bei Th.-R. II, S. 412f. ist die ganze Hans- 
licksche Notiz abgedruckt. Die Mitteilungen Johanns v. Beethoven 
iiber dieses Klavier sind unrichtig. Nur eines ist sicher, daB Johann 
das Instrument zum Geschenk vom Meister, nicht durch Erbschaft, 
erhalten hat. Dies diirfte gegen 1825 geschehen sein. (Dazu Frimmel, 
„Beethovenstudien" II, S. 224f., wo die Hanslicksche Notiz noch nicht 



268 Klaviere 

benutzt ist.) Der Erardsche Fliigel befindet sich im Museum Francisco- 
carolinum zu Linz a. d. Donau. (Uber die Wiener Fortepianos um 
1805 vgl. „ Wiener Zeitung" 1805, S. 249, 667 und 2085.) 

Ein weiterer Fliigel, der Beethoven gehorte, und der noch erhalten 
ist, kam 1818 an den Meister, und zwar als Geschenk der Firma John 
Broadwood & Sohn in London. Dreichoriges Instrument von 
nahezu 6 Oktaven mit der alten Inschrift: Beethoven (in Majuskeln), 
darunter der Firmentafel, den Unterschriften der Prufer Ferd. Ries, 
J. B. Cramer, Ferrari und Knyvett und der Angabe, daB Thomas 
Broadwood in London der Geschenkgeber ist (,,Hoc instrumentum 
est Thomae Broadwood [Londini] donum propter ingenium illustrissimi 
Beethoven"). Thomas Broadwood war also der eigentliche Geschenk- 
geber. Thayer vermutet, daB Thomas Broadwood, der kurz vor 1818 
die wichtigsten Stadte Deutschlands besucht hatte, bei jener Gelegen- 
heit in Wien den Meister persOnlich kennen gelernt hat. Als das Kla- 
vier zur Versendung bereit war, wurde Beethoven benachrichtigt, der 
nun Schritte machte, um die Einfuhr einzuleiten (Th.-R. IV, S. 84ff.), 
und die Bewilligung erhielt, das Instrument zollfrei einzufiihren. .Am 
3. Februar 1818 schrieb der Meister aus Wien einen Dankbrief an 
Thomas Broadwood mit der Oberschrift: „Mon trds cher ami Broad- 
wood!" Diese vertrauliche Anrede sttitzt die Vermutung, daB der 
Meister unseren Londoner Klavierfabrikanten personlich kannte. 
Das Instrument kam iiber Triest auf die Wiener Hauptmaut, dann 
in Streichers Pianofortelager und noch im Fruhling 1818 in die Mod- 
linger Wohnung zu Beethoven. Aus Modling wanderte es nach Wien, 
dann wieder mit dem Meister auf mehrere Landaufenthalte, schlieB- 
lich ins Schwarzspanierhaus in die letzte Wohnung des Meisters, aus 
dessen NachlaB es der Musikalienhandler Spina erwarb. Spater war 
es bei Franz Liszt in Weimar. Aus Liszts NachlaB kam es an die 
Furstin Sayn-Wittgenstein, deren Tochter Fiirstin Marie Hohenlohe 
es dem Budapester Nationalmuseum schenkte. (Vgl.„The 
Musical News" von 1892, Schindler II, S. 187, Th.-R. IV, S. 84f., 
Ludw. Nohl, „Beethoven" 1. Aufl. Ill, S. 835, 838, derselbe, „Beetho- 
ven nach den Schilderungen seiner Zeitgenossen" S. 125 und 141, 
Frimmel, „Beethovenstudien" II und die dort angegebenen Schriften, 
Lina Ramann, „Franz Liszt" Bd. II, 2. Abt., S.37.) 

Als drittes Klavier aus Beethovens Besitz ist der Fltigel zu nennen, 
den der Klavierfabrikant Konrad Graf um 1823 dem Meister zur 
Verfiigung stellte, gewissermaBen als Leihgabe auf Lebenslange, nicht 
als ausgesprochenes Geschenk. Daher beanspruchte Graf auch die 
Herausgabe des Instruments aus Beethovens NachlaB. Von Graf 



Klaviere 269 

gelangte es zum Wiener Buchhandler Franz Wimmer, der es fur seine 
jiingere Tochter Lotte kaufte. Diese heiratete Herrn Pfarrer Wid- 
mann in Liestal und nahm den Beethovenfliigel in die Schweiz mit. 
1889 wurde der Fliigel vom Verein Beethovenhaus erworben, 
der ihn noch heute bewahrt. (Vgl. die Literatur iiber die Beethoven- 
sammlung in Bonn und die Schriften, die in meinen ,,Beethoven- 
studien" II, S. 230ff. benutzt sind.) 

Ein Klavier, auf dem Beethoven nachweislich ofter gespielt hat, 
ist noch in kein Museum eingedrungen, sondern noch im Besitz von 
Steffen v. Breunings Enkel, des Herrn Dr. Steffan v. Breuning in 
Wien. Die Sicherheit der Herkunft laBt nichts zu wiinschen tibrig. 

VerhaltnismaBig unsicher ist die Herkunft eines Klaviers, das sich 
vor kurzem noch in Modling befand und 1922 durch Herrn Ranitzsch 
in Modling der Kunsthandlung Wolfrum in Wien zum Kauf angeboten 
wurde. Angeblich stamme es aus dem Speerschen Haus, in welchem 
Beethoven 1820 gewohnt hat, doch fehlt ein bestimmter Nachweis, 
und man wird immer geneigt sein, eher anzunehmen, daB Beethoven 
ein eigenes Klavier nach MOdling mitgebracht habe — er besaB ja 
damals deren zwei — , als daB er sich erst in Modling um ein fremdes 
Klavier umgesehen hatte. Wenn man den Kilnstler im Speerschen 
Haus am Klavier gesehen hat, was ja nach der Helfschen Oberlieferung 
richtig ist, so war jenes Klavier sicher das seine, sei es der Erard von 
1803, sei es der Broadwood von 1818, der ja schon im genannten Jahr 
bei Beethoven in Modling nachweisbar ist. Und nicht zu iibersehen 
ist der Umstand, daB die Helfsche Oberlieferung nicht nur ein Klavier 
erwahnt, sondern auch einen auffallenden Schalldeckel darauf. Einen 
solchen auf einem fremden Klavier anzubringen, ist jedenfalls viel 
weniger wahrscheinlich, als das Anbringen am eigenen Klavier. 

Was den Schalldeckel anbelangt, so mag es Erwahnung finden, 
daB Streicher nicht nur bemuht war, fur Beethoven tonstarke 
Klaviere zu bauen, sondern daB er auch allerlei Versuche machte, 
dem Schwerhorigen die Oberprufung des Gespielten am Klavier zu 
ermoglichen. (Th.-R. Ill, S. 486, und A. Trost, „Altwiener Kalen- 
der fur 1925", Frimmel, „Beethoven und das Ehepaar Streicher". 
Vgl. iiberdies den Brief Beethovens an Zmeskall vom November 1802, 
aus diesem Schreiben geht hervor, daB mehrere Klavierbauer sich be- 
muhten, den Wiinschen Beethovens entgegenzukommen. In den 
Gesprachsheften aus der Zeit um 1 820 sind mehrere mechanische Hilfs- 
mittel erwahnt, um dem Schwerhorigen das eigene Spiel vernehmbar 
zu machen, so z. B. ein Klavier mit zwei hornerartigen Ansatzen, oder 
mit einer Resonanzkuppel [S. Walter Nohl, „Konv.-Hefte" I, S. 427 f., 



270 Klavierspiel 



auch Kerst, „Erinnerungen" II, S. 257f.]. Streicherfragt z.B.: „Haben 
Sie nicht versucht auf einem aufrechten Klavier zu spielen? ich bin 
der Meinung, daB Sie nichts Besseres haben konnen. — Wir wollen es 
vorn zumachen und zwei Horn hineinmachen, welche gegen Ihre Ohren 
gerichtet sind. — Da es zu viel kostet und man nicht gut stehen kann, 
so wollen wir es zuerst von Holz versuchen. — Dieses Papier beweist, 
daB wir kein Messing notig haben. — Aber ich glaube, daB es die Ohren 
mehr angreift [als] Messing, [,als' durchstrichen] : ,Das war ja bei Malzls 
Maschin auch der Fall'. — ich mache morgen bei mir zu Hause einen 
Versuch." — Dann spater: ,,Wir haben eine neue Idee, diese hoffe ich, 
wird gut sein. — Ein Bogen, der geht bis hinten am Klavier — es 
kann oben und von den Seiten kein Ton heraus. Dieser Bogen wird 
von sehr dtinnem Resonanzholz — und es hat diesen groBen Vorteil, 
daB das Klavier ganz offen ist, und derTon doch nicht heraus kann — 
wenn ich Ihnen das mache, so milBten Sie mir eben Ihr Klavier schicken 
... — Ich mache eine Probe von Pappendeckeln, denn wenn ich es 
von Holz mache, so muB ich Ihr Klavier haben, weil der Form von 
meinen Instrumenten nicht paBt. — Wenn es von Holz geht, so geht 
es auch von Pappendeckeln. — — " Die Zwischenreden Beethovens 
sind wie in ahnlichen Fallen mehr oder weniger leicht zu erraten. 

(ZurBibliographie iiber Beethovens Klaviere die Angaben in Frimmel, 
„Beethovenstudien" Bd. II, und ,,Neue Zeitschrift fur Musik" 1879, 
S. 511, Th.-R. VI und III passim.) 

Klavierspiel. Die meist auffallende Leistung des jungen Beethoven 
war nicht die Tiichtigkeit in der Komposition, sondern das Spiel auf 
der Orgel und dem Klavier. Begreiflich dies. Das musikalische 
Schaffen, ohne daB jemand es hort, ohne daB Auffuhrungen des Ge- 
schaffenen geboten werden, kann ja nach auBen nicht wirken, wird 
nur in engem Kreis verstanden und bleibt zunachst so gut wie ver- 
borgen. Daher kommt es, daB Beethovens friiheste Werke mit wenigen 
Ausnahmen bis in die neueste Zeit unbeachtet blieben, ja Schopfungen, 
wie die ,,Kaiserkantaten" von 1790 ruhten nahezu ein Jahrhundert 
lang im Verborgenen. Dagegen machte Beethoven schon fruh Auf- 
sehen durch seine Beherrschung der Tasten. Schon fruh wurde er 
vom Vater Johann v. Beethoven zum Klavierspiel angeleitet. Mehrere 
Bonner Zeitgenossen haben den Kleinen noch auf einem Schemel am 
Klavier wahrend des Unterrichts stehen gesehen, gelegentlich weinend, 
wenn der vaterliche Lehrer sehr streng war. (Dazu Th.-R. I, S. 453 
nach dem Fischerschen Manuskript.) Bald kam der Knabe unter 
die Leitung Tobias Friedrich Pfeiffers. Der Cellist Maurer, der 1777 
nach Bonn gekommen war, erzahlte :,,... oft, wenn Pfeiffer mit Beetho- 



Klavierspiel 271 



vens Vater in der Weinschenke bis elf oder zwolf gezecht hatte, ging 
er mit ihm nach Hause, wo Louis im Bette lag und schlief. Der Vater 
rtittelte ihn ungestiim auf; weinend sammelte sich der Knabe und 
ging ans Clavier, wo Pfeiffer bis zum fruhen Morgen bei ihm sitzen 
blieb, da er das ungewohnliche Talent desselben erkannte." Pfeiffer, 
der in demselben Hause wie Beethovens wohnte, verblieb nur ein 
Jahr in Bonn. Es ist iiberliefert, dal3 er auch Flote gespielt hat 
und vom kleinen Ludwig auf dem Klavier vorzuglich begleitet wurde 
(Fischersches Manuskript). 

Im Klavierspiel, auf der Orgel und wohl auch in den Anfangen der 
Komposition folgte nun Van der Eden als Lehrer. 1778 spielte der 
Knabe zu Koln in einer Akademie. Man hat keinen Bericht iiber 
sein Spiel zur Verfiigung. 

Von weitaus groBerer Bedeutung als der Unterricht durch den Vater, 
durch Pfeiffer und Van der Eden muB die Unterweisung angenommen 
werden, die dem jungen Ludwig durch Christian Gottlob Neefe 
zuteil wurde. Die Lehrbucher von Marpurg, „Kunst das Klavier zu 
spielen", und K. Phil. Em. Bachs „Versuch einer wahren Art das 
Clavier zu spielen" waren damals auch bei Neefe maBgebend fur die 
Klaviertechnik. Neefe schloB sich eng an K. Phil. Em. Bach an, 
und wir haben alle Ursache, anzunehmen, daB er den Schiiler Beetho- 
ven in die Art des genannten Bach am Klavier eingefiihrt hat. (Nahe- 
res hierzu in Frimmel, ,,Beethovenstudien" II, S. 208ff., vgl. auch 
den Aufsatz iiber „Die Spielweise einiger Stellen in Beethovens Clavier- 
compositionen" [Frimmel] im ,,Musikalischen Wochenblatt" von E. 
W. Fritsch [Leipzig, 18. Februar 1897], wo nach K. Ph. Em. Bachs 
Anweisung das Auslassen eines Anschlags vorgeschrieben wird, wenn 
rasch darauf dieselbe Note iiberquer kommt, und wenn durch den 
zweiten Anschlag das Aushalten des ersten gehindert wurde.) Also 
lernte er ruhiges Spiel, ohne an den Anweisungen des alteren, steifen 
Klavierspiels unbedingt festzuhalten. Das Orgelspiel, das der Junge 
bald erlernte und regelmaBig ausiibte, zwang ihn zu einem gebundenen 
Vortrag. Fur die Unabhangigkeit der Finger an der Linken sorgte 
das Spiel auf Viola und Violine, das er in Bonn pflegte, ohne gerade 
Virtuose zu werden (,,Beethovenforschung" a. a. 0. S. 214). Beetho- 
vens Spiel blieb bis in die Zeit um 1808 ,,meisterhaft ruhig, edel und 
schOn, ohne die geringste Grimasse" (C. Czerny und ahnlich so J. W. 
Mahler). Wegeler nennt sein Spiel in der Bonner Zeit rauh und hart, 
bis er bei Sterkel in Mergentheim vorubergehend eine weichere ge- 
falligere Spielweise annahm. Durch Kaplan Junker wird besonders 
die Eigenartigkeit des Beethovenschen Spiels hervorgehoben. Bern- 



272 Klavierspiel 



hard Romberg auBerte sich Schindler gegeniiber in dem Sinne, daB 
das Spiel nicht fein gefeilt war. „Beethoven selbst schob die Schuld 
seines damaligen harten Spiels auf das viele Orgelspiel" (Schindler I, 
S. 1 1 f.). Unbedingt miissen wir es uns charakteristisch und kraftvoll 
vorstellen. Die freien Fantasien werden als hOchst bewunderungs- 
wert geschildert, und so ist es denn klar, daB der musikalische Gehalt 
hauptsachlich den Horer mitriB und fesselte, nicht aber die leere Tech- 
nik. Appleby, der ihn 1798 belauscht hatte, berichtete iiber sein Spiel; 
„Alles in allem genommen sei Beethoven, wenn nicht der erste, doch 
einer der ersten und bewunderungswiirdigsten Klavierspieler, die er 
je gehOrt, sowohl hinsichtlich des Ausdrucks als auch der Fertigkeit" 
(Th.-R. II, S.78). 

Wie schon angedeutet, war Beethoven in jener Zeit hauptsachlich 
als Klavierspieler bewundert, so in der letzten Bonner Zeit, wie in den 
ersten Wiener Jahren. Die Reisen nach Prag, nach Berlin, haben 
sogar etwas von Virtuosenreisen an sich, doch stehen sie hoch iiber 
den Vorfuhrungen eingeleierter fremder Stiicke, die gewohnlich das 
Virtuosentum ausmachen. In Wien war Beethoven 1792 mitten in 
die musikalischen Zirkel des Adels gekommen. Er spielte bei Van 
Swieten (dort zumeist J.Seb. Bachs ,,Wohltemperiertes Klavier" aus 
dem Gedachtnis), beim FQrsten Lichnowski, bei Kliipfeld, bei Baron 
Browne in Baden und genug anderen. Leider sind nur wenige Einzel- 
schilderungen des Spieles erhalten. So weiB z. B. Kiibeck 1797 nur 
Allgemeines zu sagen (siehe: Kiibeck). Beethoven spielte damals 
nicht ungern in Gesellschaften, dann aber gar nicht, wenn man ihn 
zwingen wollte. Wie er iiber Gelinek siegte, ist schon an anderer Stelle 
erzahlt worden. Von den Wettstreiten mit Wolffl und Steibelt werden 
wir noch hfiren (siehe bei diesen Narrlen). Schenks Urteil ist uns durch 
den Abschnitt iiber Beethovens freie Fantasie nahegeruckt worden. 
Aus alien Urteilen ist zu entnehmen, wie auBerordentlich Beethovens 
Spiel auf die musikalischen Horer wirkte. Sein geschicktes sicheres 
Transponieren, sein rasches Oberblicken von Partituren wird hervor- 
gehoben. Seine Mitwirkung bei groBen und kleinen Konzerten wird 
gesucht. Offentlich trat Beethoven in Wien zum erstenmal 1795 auf, 
und zwar mit einem eigenen Klavierkonzert in einer Akademie der 
Tonktinstlergesellschaft. Bald danach spielte er im Konzert der Sig- 
nora Bolla, und so der Reihe nach bis zur Akademie mit der Auffuh- 
rung der Chorfantasie, womit dann das Spiel vor der Offentlichkeit 
so gut wie abgeschnitten war (vgl. Abschnitte: Akademie, Chorfan- 
tasie). Noch in der Zeit von 1804 bis 1808 spielte er in einer der aristo- 
kratischen ,, Unions", die damals wochentlich in Baden abgehalten 



Klavierspiel 273 



wurden (Th.-R. II, S. 563 nach einem Brief der Frau Therese v. Hauer, 
geb. Diirfeld). Bis dahin gait er als der „Riese unter den Klavier- 
spielern", als ,,Herr des Klavierspiels" (Tomaschek). Aber da macht 
sich die Gehorskrankheit schon so fuhlbar, daB es mit dem Klavier- 
spiel vor der Offentlichkeit nicht mehr geht. Eine Menge Stimmen 
uber Beethovens Klavierspiel bis gegen jene Zeit f inden sich zusammen- 
gestellt in meinen ,,Beethovenstudien" (II, S.243ff., wozu ich nun 
nachtrage, was Gansbacher 1804 uber Beethovens freie Fantasie no- 
tierte [siehe bei: Gansbacher], und was 1805 Cam. Pleyel uber ein Ver- 
sagen der Phantasie im Konzert mitgeteilt hat fsiehe bei: Pleyel j.) 
Im ganzen wurde tiberall die GroBartigkeit und Kraft seines Spieles 
anerkannt. Manche wunschten groBere Deutlichkeit. DaB Beethoven 
bei zunehmender Taubheit immer karger mit seinem Klavierspiel 
wurde, kann nicht wundernehmen. Doch spielte er immerhin 18.11 
in Teplitz vor Varnhagen von Ense, woruber dieser ganz verzttckt an 
Uhland berichtete (im Brief aus Prag vom 23. Dezember 1811, mit- 
getheilt in „Uhlands Briefwechsel" I, S. 279, wieder abgedruckt in 
mehreren Zeitungen vom Februar 1922 [vgl. auch Varnhagen v. Ense, 
„Denkwiirdigkeiten"]). 

1812 spielte er noch vor Goethe in Teplitz, woruber allein schon 
eine ganze Literatur anzuftihren ware. Als er von der Badereise aus 
Bohmen zuriickkehrte, besuchte er bekanntlich den Bruder Johann 
in Linz an der Donau. Dort fantasierte er auch bei Gelegenheit 
einer Gesellschaft im graflich DSnhoffschen Hause (siehe bei: Donhoff 
und: Glbckel). Im April 1814 spielte er bei Schuppanzigh Klavier 
im grofien B-Dur-Trio. Beim Wiener KongreB begleitete er noch 
dem Sanger Wild die „Adelaide" am Klavier. Dieses Wagnis lief 
glticklich ab. Aber, wie Schindler sich ausdriickte, „die Elasti- 
zitat der Finger" lieB schon nach. Die Taubheit kam immer naher, 
und Beethoven begehrte immer starkere, andere Instrumente als 
die, welche er nicht mehr recht vernahm, wenn er darauf spielte. 
Wir wissen schon, wie sehr sich Freund Streicher bemilhte, abzuhelfen. 
Aber die Nachrichten von Unsicherheit im Horen und dem Finden der 
richtigen Tasten werden nun immer haufiger, wenn auch manche lich- 
tere Augenblicke zu verzeichnen sind. Die vollige Ertaubung war 
schlieBlich nicht mehr zu leugnen,und so hOrte denn auch das Klavier- 
spiel allmahlich auf . Der schaffende Kunstler Uberwog den Virtuosen. 

(Als Literatur iiber den Gegenstand ist auBer den oben genannten 
Schriften noch anzuftihren ein Versuch von Ludwig Nohl, ,, Beethoven 
als Pianist" in der niederlandischen „Cecilia" vom 15. September 1880, 
ein kleines, unzureichendes Kapitel von demselben Verfasser in „Mo- 

Frlmmel, Beethovenhandbuch. I. 1° 



274 Klavierstiick fur Elise — Kleidung 

saik" [1882, S. 266— 273], Frimmel, „Beethoven als Klavierspieler" 
in „Neue Beethoveniana" [1888, S. 1—62, erweitert in „Beethoven- 
studien" Bd. II], Wasielewski, „Beethoven als Klavierspieler und 
Dirigent" in „Ludwig v. Beethoven" [1888, II, S. 1—22], danach die 
Zeitschrift „Der Klavierlehrer" vom 15. August 1888, H. Riemann, 
„Katechismus des Klavierspiels" [1897], Friedr. Kerst, „Beethoven 
im eigenen Wort" [1904, passim], Thomas San Galli, „Beethoven als 
Klavierpadagoge" in „Rheinische Musik- und Theaterzeitung" [1910, 
Nr. 48], Dr. Konrad Volker, „Beethoven als Klavierspieler" in „Neue 
Musikzeitung" [Stuttgart, Herbst 1914], Fritz Volbach, „Die Klavier- 
sonaten Beethovens" [1919] in der Einleitung, Konrad Huschke, 
„Beethoven als Pianist und Dirigent" [1924], vgl. auch die Abschnitte: 
Appleby, Heller, Klaviere, Neefe, Streicher, Sonaten, Wild.) 

Klavierstiick fur Elise. 'Eine Ieichte, oft gespielte kleine Arbeit 
Beethovens, die nach Angabe der Gesamtausgabe am 27. April 1810 
entstanden ware. Die „Elise" ist noch nicht mit Sicherheit festgestellt. 
Sollte diese nach Em. Kastners Vermutung die Sangerin Elise Keyser 
sein? Warum dann ein Klavierstiick und kein Lied? Vielmehr spricht 
die Vermutung Max Lingers an, die von diesem wohlunterrichteten, 
emsigen Forscher in der Zeitschrift „Die Musik" vor kurzem ver- 
Offentlicht worden ist (1923, Februar, S. 334ff.). Unger namlich sieht 
in der genannten Elise Therese Malfatti, die junge, lebhafte Dame, 
die damals um 1810 von Beethoven angebetetwurde. Freilichsetztsich 
Unger dariiber hinweg, daB die alten Besitzer des Klavierstilckes aus- 
drucklich erklarten, dieses kleine Werk sei nicht fur Therese Mal- 
fatti geschrieben. Elise sei nach Ungers Vermutung verlesen fur 
Therese. Wenn man sich daran erinnert, daB noch viel argere Ver- 
lesungen nachweisbar sind, wie z. B. Lamperl statt Ramperl, Beyer 
statt Reger usw., wird man geneigt sein, Ungers Vermutung fur sehr 
annehmbar zu halten. — Eine Skizze zum KlavierstUck „Fur Elise" 
befindet sich im Beethovenhaus zu Bonn. Ober die Datierung vgl. 
auch Nottebohm, „Zweite Beethoveniana" S. 526 (siehe bei: Keyser 
und: Malfatti). 

Kleidung. Eine Reihe von Nachrichten und Bildnissen gibt einigen 
AufschluB iiber das AuBerlichstei das es am Meister zu beschreiben 
gibt. Fur diesen war die Kleidung von geringer Bedeutung, und nur 
der gesellschaftliche Zwang lieB ihr einiges Gewicht zugestehen. In 
seiner besten Zeit besuchte er die auserlesenen Gesellschaften und Kon- 
zerte in feinster Kleidung, wogegen er sonst nicht selten sein AuBeres 
vernachlassigte. Gewohnheiten solcher Art zeigten sich schon in der 
Jugend. Aus den Fischerschen Nachrichten erfahrt man, daB der 



Kleidung 275 

Halbwiichsige zumeist „schmutzig" ausgesehen hatte. Wenn er aber 
als Hofmusiker aufzutreten hatte, sah er sauber und stattlich aus in 
dem seegrunen Frack, den kurzen Beinkleidern mit Schnallen und den 
weiBen oder schwarzen Seidenstrumpfen. WeiBseidene gebliimte 
Weste mit Klapptaschen. Schuhe mit schwarzen Schleifen. Zopfchen- 
frisur des Rokoko. Degen mit silberner Koppel und „ein Klackhut 
unterm linken Arm". In der Wiener Zeit seit dem Herbst 1792 scheint 
er anfangs dieselben Gegensatze vertreten zu haben, weil in seinen 
Notizen noch vorkommen: ,,Periikenmacher", . .. ,,schwarze seidene 
Striimpfe", aber auch „Stiefel". — Und schon aus seiner friihen Wie- 
ner Zeit erzahlte Frau Bernhard-Kissow davon, wie er bei Kltipfeld 
dadurch aufgefallen sei, daB er nicht mehr gepudert und mit Perticke 
erschien, sondern in der freieren uberrheinischen Mode, ja fast nach- 
lassig gekleidet zu kommen pflegte. Auch KUbeck (siehe dort) ver- 
miBte das gepuderte Haar. Bald danach schildert ihn der kleine 
Czerny als eine Art Robinson Krusoe mit einem offenbar eng an- 
liegenden Anzug aus langhaarigem Stoff. Eine ,,Hasenhaar gestrickte" 
Weste findet im ersten Brief an Eleonore v. Breuning bestimmte Er- 
wahnung. Zu Hause liebte er den Schlafrock, in welchem er sogar der 
Grafin Babette Keglevich Unterricht erteilte (siehe bei: Keglevich). 
Noch in der Zeit um 1816 ist von einem gebltimten Zeugschlafrock die 
Rede. Ein ahnliches Kleidungsstiick wird noch aus der Zeit der letzten 
Krankheit erwahnt. Die hausliche Bekleidung scheint gewohnlich 
vernachlassigt, ja unsauber und so unordentlich gewesen zu sein, wie 
die ganze Hauslichkeit uberhaupt. Die Uberlieferungen Seyff tind 
Demel betonen diese Umstande besonders. Auf den friihen Bildnissen 
nach Stainhauser, Horneman und Mahler erscheint er modisch ge- 
kleidet mit der weiBen Halsbinde, die bis ans Kinn reicht und vorn 
mehr oder weniger kunstvoll gekniipft ist. Auf den Bildnissen von 
NeugaB kehrt wohl die weiBe Binde wieder, doch kommt im ganzen 
mehr eine stutzerhafte AuBerlichkeit zum Ausdruck. Das Bildnis aus . 
der Familie Brunsvik zeigt iiber die helle Weste schief herabreichend 
eine diinne Doppelkette, die jedenfalls zu einer Lorgnette gehorte. 
VQn einer solchen ist spaterhin die Rede. Schindler erzahlt vom 
Februar 1824: „man sah ihn (namlich Beethoven) wieder durch die 
StraBen schlendern und mit seinem am schwarzen Bandchen hangen- 
den ,Stecher' die schonen Auslagekasten belorgnettieren" (II, S. 56). 
Aus dem Jahre 1804 oder 1805 weiB man durch den jugendlichen Grill- 
parzer, der den Meister in einer Abendgesellschaft bei Sonnleithner 
getroffen hatte, daB Beethoven ,,gegen seine spatere Gewohnheit 
hochst elegant gekleidet" war. Er trug Brillen, j,was ich mir darum 

18* 



276 Kleidung 

so gut merkte, weil er in spaterer Zeit sich dieser Hilfsmittel eines 
kurzen Gesichtes nicht mehr bediente" (Grillparzers „Samtliche Werke" 
Bd.VII, S. 109ff.). Bis mindestens 1817, wohl auch noch spater, 
trug Beethoven haufig Brillen. 

StutzermaBig sieht der Meister auch aus auf dem Brustbild, das 
Ludwig Schnorr v. Karolsfeld gezeichnet hat (um 1808). Die Hals- 
binde bis ans Kinn kehrt wieder an der Franz Kleinschen Biiste von 
1812, die ubrigens im Gegensatz zu den frilheren Bildnissen einen Rock 
erkennen laBt, der bis an den Hals geschlossen ist und zwei Reihen 
Knopfe hat. Blasius HOfel stellt den Meister dann 1814 wieder so dar, 
daB man bis zur halben Brust herunter das helle Gilet zu sehen be- 
kommt. Auf den Mahlerschen Bildnissen laBt die Halsbinde oben den 
Hemdkragen hervorragen. Das Heckelsche Portrat zeigt etwas wie 
„Vatermorder", also Kragen, die seitlich an den Wangen emporstehen. 
Ahnliche Halsbekleidungen in Waldmullers Beethovenbildnis und auf 
den Zeichnungen von Dietrich und Decker. Im Schimonschen Bildnis 
ein bescheidener Umlegkragen, ein breiterer sogenannter Schiller- 
kragen auf dem Stielerschen Brustbild. Bei Del Rios bemerkte man 
1816, als Beethoven den Oberrock anzog, ein Loch am Ellenbogen, 
offenbar im Anzug. Fur die spateren Lebensjahre ist jedenfalls zu 
beachten, was Schindler (II, S. 294) sagt, namlich, daB Beethoven 
,,es bis in seine letzten Lebenstage liebte, nach Umstanden sorgfaltige 
Toilette zu machen, in welcher stets harmonische Ubereinstimmung 
zu finden gewesen". Ich vermute, daB der vorziigliche Schneider Lind, 
den" Beethoven beschaftigte, fur die Harmonie gesorgt haben wird. 
Schindler fahrt fort: ,,Ein Frack von feinem blauen Tuche (die bevor- 
zugte Farbe in jener Zeit) mit metallenen Knopfen kleidete ihn vor- 
trefflich. Ein solcher nebst einem anderen von dunkelgrtinem Tuche 
fehlte in seinem Schranke niemals. Zur Sommerszeit sah man ihn 
■ bei guter Witterung stets mit weiBen Pantalons, Schuhen und weiBen 
Striimpfen (Mode der Zeit). Weste und Halsbinde waren in jeder 
Jahreszeit weiB und zeichneten sich bei ihm selbst an Wochentagen 
durch musterhafte Reinlichkeit aus." Schindler sieht hier durch rosige 
Brillen. Wir haben schon sehr beachtenswerte Stimmen vernommeji, 
welche die Sorgsamkeit im Anzug nicht so hervorheben, wie Schindler. 
1818 sagt z. B. der Maler KlOber: ,, Seine Kleidung bestand in einem 
lichtblauen Frack mit gelben Knopfen, weiBer Weste und Halsbinde, 
wie man sich damals trug, doch alles bei ihm sehr negligiert." Dieser 
Zusatz sei beachtet. Kltiber teilt uberdies mit, daB Beethoven damals 
einen breitkrampigen grauen Filzhut trug. In anderen Quellen ist 
auch von Strohhilten die Rede, ferner von Zylinderhuten. Diese waren 



Klein 277 

entweder niedrig, so auf dem Weidnerschen Figtirchen, Oder hoch 
nach oben schon ausgebauscht und hinten verbogen, wie es durch 
Breuning ttberliefert und auf den kleinen Bildnissen zu sehen ist. Die 
sonderbare Zusammenstellung in der Kleidung, in der Beethoven 
einmal zu BlOchlinger ins Erziehungshaus gegangen war, erregte den 
Spott der Zoglinge. In der beruhmten Akademie vom Mai 1824 trug 
Beethoven einen griinen oder schwarzen Frack (vgl. Chantavoine im 
,, Bulletin francos de la Soci^te" Internationale musicale" vom Juni 
1909). Von modisch sauberer Kleidung erfahrt man dann wieder aus 
dem Sommer 1824, als Stumpff aus London den Meister in Baden be- 
suchte (vgl. Th.-R. V, S. 129). 

(Viele der oben gebotenen Mitteilungen sind mit Angabe der Quellen 
schon benutzt im I. Bd. meiner ,,Beethovenstudien". Einiges wurde 
beigefiigt. Siehe auch Frimmel, „Beethoven im zeitgenOssischen 
Bildnis" an mehreren Stellen, ferner die Abschnitte: AuBere Er- 
scheinung, Bildnisse, Kurzsichtigkeit, Lind.) 

Klein, Franz (geb. in Wien urn 1778, vielleicht schon 1777, gest. 
zu Wien 30. Oktober 1840). Bildhauer und Anatom, der 1812 bei 
Streichers in Wien die Maske des lebenden Beethoven formte 
und danach eine lebensgroBe Biiste modellierte. Das Abnehmen 
einer Gipsmaske vom Lebenden ist eine etwas langwierige Sache. Denn 
das Modell muB liegen, Rohren zum Atmen in den NasenlOchern stecken 
haben, eingeolt werden und ruhig aushalten, bis der aufgegossene 
Gipsbrei geniigend erhartet ist, um abgenommen werden zu kOnnen. 
Beethoven furchtete, unter der lastigen Ummauerung des Gesichtes 
zu ersticken und riB die erste Abgipsung herunter. Erst der zweite 
Versuch gelang. Damit ist uns das kostbarste Bildnis Beethovens 
gegeben, das getreueste, und zwar aus der besten Zeit des Tonkunstlers. 
Die Entstehung der Maske wurde mir vor Jahren von der Schwieger- 
tochter Andreas Streichers nach der noch lebendigen Oberlieferung 
in der Familie erzahlt (dazu Kabdebos „Kunstchronik" vom Mai 1880). 
Die Gipsmaske, die damals erzielt wurde, gelangte zum Bildhauer 
Dietrich, der sie nur oberflachlich benutzte beim Modellieren seiner 
Beethovenbtisten. Ich vermute, daB er sie von Streichers ausgeliehen 
oder zum Geschenk erhalten hat. Aus Dietrichs NachlaB gelangte 
die Maske an die Wiener Bildhauersozietat, und von dieser erhielt sie 
der berUhmte Wiener Plastiker Professor Kaspar Zumbusch, als er 
das Beethovenmonument schuf. (Mundliche Mitteilung des genannten 
Professors aus der Zeit gegen 1880, als Zumbusch alles noch in frischem 
Gedachtnis hatte. Aus der Form, die damals bei Zumbusch vorhanden 
war, ist die Maske gegossen, die fur die Abbildungen in meinen Arbeiten 



278 Klein — Kleinheinz 



vorgelegen hat. Ich besitze noch heute den vorziiglichen AbguB aus 
der zuverlassigen Form.) Die Jahreszahlen zu Fr. Klein sind 
dem „Alt-Wiener Kalender" von A. Trost far 1925 entnommen, 
der das Totenprotokoll benutzte. Klein war 63 Jahre alt, als er 
1840 starb. 

(Ober die Bedeutung der Maske und Buste vgl. Frimmel, „Beetho- 
venstudien" I, und denselben in „Beethoven im zeitgenossischen 
Bildnis".) 

Klein, Heinrich (starb hochbetagt 1831). Er war ein angesehener, be- 
deutender Musiker in PreBburg und stand jahrelang mit Beethoven in 
Verbindung. Unser Meister hat ihn einmal in PreBburg besucht, und Klein 
kamgelegentlichzu Beethoven nach Wien. ImGesprachsheft33 auf Blatt 
46b aus der Zeit von 1819 auf 20 findet sich Olivas Eintragung: „Der 
Professor Klein aus PreBburg war zweimal bei Ihnen, er wunscht Ihre 
groBe Sonate zu haben und kommt bald wieder hierher." Von Beetho- 
vens Besuch bei Klein in PreBburg meldet eine Oberlieferung des 
Kontrabassisten Sebastiani, die durch den PreBburger hochst gewissen- 
haften Stadtarchivar J. B. Batka festgehalten und 1899 im ,,Fest- 
blatt zum Empfange des deutschosterreichischen Verbandes fur Bin- 
nenschiffahrt" in PreBburg mit einigen Worten erwahnt ist (S. 7). 
Dazu auch ein Brief Batkas von 1900. Naheres fiber die Glaubwurdig- 
keit der Oberlieferung im II. Bd. meiner ,,Beethovenstudien" S. 33ff. 
Dort ist auch auf eine Erwahnung H. Kleins bei F6tis hingewiesen. 
Die Stelle aus dem Gesprachsheft aus W. Nohl, „Konv.-Hefte" I, 
S. 169. (Siehe auch bei: Marschner und: Halm.) 

Kleinheinz, Franz Xaver (geb. gegen 1772 zu Mindelheim in Schwa- 
hen, gest. vermutlich 1832 zu Pest). Musiker von Begabung, doch ohne 
■die obersten Stufen zu erreichen. Kam 1799 oder 1800 nach Wien, 
•wo er bald ein beliebter Klavierlehrer wurde. Mit Beethoven kam er 
oft in Beruhrung im Brunsvikschen Kreise, wo man ihn als Lehrer 
sogar hoher schatzte als selbst Beethoven. Er unterrichtete Therese 
Brunsvik, auch Giulietta Guicciardi. Einige Beethovensche Werke 
wurden von ihm fur Klavier und Begleitung eingerichtet. (Dazu 
Beethovens Brief an Breitkopf & Hartel vom 21. Mai 1803, Oskar 
v. Hases ,,Gedenkschrift" I, S. 166, 1917.) Durch Brunsviks kam 
Kleinheinz nach Ungarn und mitten unter den dortigen Adel, was 
aus vielen Widmungen seiner Werke hervorgeht. Auch der Comtesse 
Guicciardi ist eine Sonate von Kleinheinz gewidmet. Schon 1810 war 
er in Pest ansassig, wo er als Kapellmeister wirkte. (Ad. Sandberger 
hat ihm eine kleine Sonderstudie gewidmet in „Beethovenaufsatze" 
[1924], S. 226ff., der auch die alten Musiklexika ausniitete. Oberdies 



Klemmer — Klober 279 



Eitner Bd. V, und A. d. Hevesi, „Les petites amies de Beethoven", 
La Mara, ,, Beethoven und die Brunsviks".) 

Klemmer. Einer der Bonner Freunde Beethovens, der sich am 
1. November 1792 in das Stammbuch eintrug, das dem scheidenden 
jungen Meister vom Kreise der Babette Koch mitgegeben wurde 
(Nottebohm, „Beethoveniana" I, S. 144, Th.-R. I). 

Klippel, Michael (geb. vermutlich 1819, gest. 1907), Weinbauer in 
NuBdorf. Bei seinem Tod wurde er als der letzte bezeichnet, der 
Beethoven noch gesehen hatte (,,Neues Wiener Tagblatt" 26. und 
27. April 1907, in vielen anderen Zeitungen nachgedruckt). Die Er- 
innerungen des 88jahrigen, der Beethoven oft und lange beim Fischen 
an der Donau beobachtet haben will — auch hatte er inn beim Schrei- 
ben am Bach gesehen — , sind mit grOBterVorsicht aufzunehmen. Die 
einfache Tatsache, daB man die „Erinnerungen", die man einem klei- 
nen Kinde nicht zumuten kann und von Klippels Geburt ca. 1819 um 
ftinf bis sechs Jahre heraufrucken muB, also bis etwa 1825 und spater, 
geniigt allein, die Sache verdachtig zu machen. Oberdies wollte Klippel 
den Mann, der am Bache schrieb, fur einen Schriftsteller nehmen. 
Klippel hat ohne Zweifel oft Gehortes fiber Beethoven in NuBdorf 
und Heiligenstadt mit der Zeit in seinem Alter fur eigene Erinnerungen 
angesehen, die begreiflicherweise ein wohl unbrauchbares Gemisch 
von fremden Erzahlungen, vielleicht von fremden Erinnerungen dar- 
stellen. Vielleicht hat ein alterer NuBdorfer Zeitgenosse Klippels den 
Meister wirklich beim Fischen gesehen. Denn es ist wahrscheinlich, 
daB der groBe Ichthyophage Beethoven, der bekannte Fischliebhaber, 
wenigstens Versuche gemacht hat, sich die Lieblingsspeise selbst ein- 
zufangen. Aber an Geduld und Ausdauer wird es ihm gewiB gefehlt 
haben. In einem Gesprachsbuch von 1819 (W. Nohl, ,,Konversations- 
hefte" Bd. I, S. 138) heiBt es: „Hochbergs Manufactur in der Rossau 
Servitengasse Nr. 89 sind alle Gattungen zum Fischfang gebrauchlicher 
Maschinen zu haben, gans [NB. ganz] N[atur?]jager auf den lichten- 
steinischen Bergen bleiben." Die ganze Stelle scheint sich auf eine 
beabsichtigte Selbstversorgung mit Fischen und Wild zu beziehen. 
Mit den Liechtensteinschen Bergen kann Beethoven 1819 nur die HShen 
bei Modling gemeint haben. — Nun war aber Klippel 1819 vielleicht 
noch nicht geboren. Von einem nachtlichen Verweilen Beethovens 
im Fischerhaus bei NuBdorf ist Ubrigens bestimmte Kunde erhalten 
(Kerst, ..Erinnerungen" II, S. 296). Kuffner erinnerte den Freund 
Beethoven gesprachsweise an eine Mondnacht im Fischerhaus zu NuB- 
dorf (siehe bei: NuBdorf und: Essen und Trinken). 

Klober, August Karl Friedrich (geb. in Breslau 1793, gest. zu Berlin 



280 Klober 

1864). Maler, aber erst seit 1810, ausgebildet an der Berliner Akade- 
mie. 1813 Freiwilliger bei den Gardejagern und an mehreren Kampfen 
wahrend der Freiheitskriege beteiligt. Nach dem Kriege setzte er 
seine Studien in Wien fort, wo er unter anderem im Belvedere kopierte. 
Naglers Lexikon spricht von einer Kopie nach Correggios 'Jo. Auch 
malte er Grillparzer in Wien. 1818 war er sicher dort, und es war 
1818, daB er auch Beethoven portratierte, zeichnete und malte. 1820 
erhielt er dann groBe Auftrage durch Schinkel in Berlin. Von 1821 
bis 1828 lebte er in Italien. 1829 wurde er Professor an der Berliner 
Akademie. Damit sind wir nun schon iiber Beethovens Lebenszeit 
hinaus. Der Maler war in der Zeit um 1 81 8 und sicher in jenem Jahre in 
Wien. Er versuchte es, sich dem weltberuhmten Tonmeister zu nahern, 
um dessen Bildnis zu malen. So viel Gliick er damit hatte, daB ihm 
Beethoven Sitzungen gewahrte, so viel Ungliick hatte er mit dem 
groBen Gemalde, das bald verschollen war. Es ist in Modling 1818 
begonnen und wurde schon in jenem Jahre beschrieben, und zwar in 
der „Wiener Zeitschrift ftir Kunst, Literatur und Mode" (S. 1134). 
Die damalige Notiz lautet: „Wien. H[err] Klober aus Breslau hat 
in der letzten Zeit das Bildnis unseres groBen Meisters der Tone Lud- 
wig van Beethoven in 6hl vollendet. Nicht bloB dessen auBere 
Umrisse und Ziige wuBte dieser ausgezeichnete Kiinstler treu aufzu- 
fassen und darzustellen, sondern er brachte zugleich auch die hohere 
Ahnlichkeit, die geistige Physiognomie des genialen Mannes wahr 
und glticklich zur Anschauung. In der Nahe des schon gelegenen 
Modlings, wo Beethoven seinen diesjahrigen Sommeraufenthalt ge- 
wahlt hatte, in der freyen Natur von den Bergen der herrlichen Briihl 
umgeben in dem hochsten Augenblicke ktinstlerischer Thatigkeit, im 
Produzieren erscheint hier der gewaltigeMeister, den Blick voll heiligen 
Ernstes zu jenen Regionen erhoben, von wannen er die himmlischen 
Zaubertone herniederlockt zur Wonne der erstaunten Horer. Die 
Linke halt ein Notenbuch, die Rechte hat fest und kraftig den Griffel 
gefaBt, die Eingebung des Genius ftir die Ewigkeit hinzuzeichnen. 
Der Wind spielt in den nachlassigen Locken des unbedeckten Hauptes. 
Seitwarts unter einem Baume lagert ein Knabe, Beethovens Neffe, 
dessen Hut neben sich." Weder das Gemalde selbst, noch eine Nach- 
bildung sind bisher aufgefunden worden. Der Kopf aber, es ist doch 
wohl der, der im Gemalde dargestellt war, ist uns in zwei Zeichnungen 
erhalten, von denen die in der Musikverlagsfirma C. F. Peters jeden- 
falls den Vorzug verdient. Ein anderes Exemplar, ehedem bei Dr. E. 
Prieger, schien mir eine spatere Entstehung zu verraten. Die grofie 
Lithographie tragt mit Oder ohne Recht das Datum 1817. Daruber 



Kliipfeld — Koch 281 



berichtete ich in „Beethovenstudien" Bd. I, S. 70 — 79, die auch eine 
eingehende Kritik des KlOberschen Beethovenkopfes geben, und in 
„Beethoven im zeitgenossischen Bildnis" S. 35ff. Gelungen ist an 
Klobers Bild nur Kinn, Mund und die Tracht der Haare. Im tibrigen 
lassen sich bedeutende zeichnerische MiBgriffe feststellen. Von Wert 
sind aber Klobers Mitteilungen iiber Beethoven und die Besuche Klo- 
bers in Modling 1818, die 1864 in den ,,Miscellen" der „Allgemeinen 
musikalischen Zeitung" S. 324f. veroffentlicht sind. Ludwig Nohl 
hat davon Gebrauch gemacht im Buche ,, Beethoven nach den Schilde- 
rungen seiner Zeitgenossen", desgleichen Kalischer in der Sonntags- 
beilage der „Vossischen Zeitung" vom 24. Februar 1889, ferner Frim- 
mel in der Beilage der ,,AlIgemeinen Zeitung" (Miinchen, 14. Marz 
1895). — Zu Klober auch die Kiinstlerlexika, einschlieBIich Bbtticher, 
,,Meisterwerke des 19. Jahrhunderts", und die Literatur, die in meinen 
,,Beethovenstudien" Bd. I benutzt und genannt ist. Siehe auch Kerst 
in den „Erinnerungen". (Vgl. ferner Frimmel, ,,Beethovenforschung" 
8. Heft, und die Schriften, die dort genannt sind. — Siehe auch bei : 
AuBere Erscheinung, Bildnisse, Kleidung.) 

Kliipfeld (auch Klupfell und Kliipfel) war russisch kaiserlicher Hof- 
rat und Gesandtschaftssekretar des Fursten Rasumowsky. Bethoven 
verkehrte dort in der Zeit gegen 1800. 

In den Notizen, die Ludwig Nohl noch von Frau Kissow-Bernhard 
erfragt hat, kommt er als Klupfell vor. Im Hof- und Staatsschema- 
tismus der 1790er Jahre steht wieder „Herr von Kliipfel". 1793 wohnte 
er in der Rauhensteingasse im „Gerlischen Hause" (also in einem 
Hause, das Baumeister Gerl gebaut hatte). 1797 war seine Wohnung 
„Wollzeil 915". Nun wird aber der Mann bei Wassiltschikoff ,,Les 
Rasumowsky" jedesmal Kliipfeld genannt (Bd. II, 1. Abteilung S. 127, 
380, 404, 3. Abteilung S. 110, 112, 117, 122, 4. Abteilung S. 196 in 
einem Brief von 1795). Deshalb habe ich mich fur die Schreibung 
Kliipfeld entschieden, indem ich bei anderen Versionen einfach eine 
schwer leserliche Unterschrift als Quelle annehme, auch im Hof- und 
Staatsschematismus, der iiber den Auslander nicht ebenso genau 
unterrichtet zu sein brauchte, wie iiber einheimische Beamte. (Siehe 
auch bei: Bernhard.) 

Koch, Witwe und deren Tochter Barbara und Marianne. Die Mutter 
Koch betrieb ein vornehmes Wirtsgeschaft im sogenannten Zehr- 
garten am Markt zu Bonn in den Jahren um 1790. Wegeler („Notizen" 
S. 58f.) nennt viele der Personlichkeiten, welche dort verkehrten. 
„Nicht nur jungere Kunstler, wie Beethoven, die beiden Romberg, 
Reicha, die Zwillingsbriider Kiigelgen usw.", tiberdies „geistreiche 



282 Koch — Koferle 



Manner von jedem Stand und Alter, wie Doktor Crevelt, der Hausgeno$se, 
der fruh verstorbene Professor Velten, der nachherige Staatsrath Fische- 
nich, Dereser, der nachherige Bischof Wrede, die Privatsecretaire des 
Kurfttrsten Heckel und Floret, der Privatsecretair des Oesterreichi- 
schen Gesandten, Malchus, der nachherige Hollandische Staatsrath 
von Keverberg, der Hofrath von Bourscheidt, Christoph von Breuning 
und viele andere". Wegelers Aufzahlung zielt hauptsachlich darauf 
hin, die Gesellschaft zu zeichnen, in der sich die eine Tochter der Witwe 
Koch, Barbara, eine anerkanrite Schonheit, bewegte, die von Wege- 
ler selbst und wohl von Beethoven hOchlich verehrt wurde. Derselbe 
Berichterstatter sagt von ihr: ,, Barbara Koch aus Bonn, nachherige 
Grafin Belderbusch, eine vertraute Freundin der E[leonore] v. Breuning, 
eine Dame, welche von alien Personen weiblichen Geschlechts, die ich 
in einem ziemlich bewegten Leben bis zum hohen Alter hinaus kennen 
lernte, dem Ideal eines vollkommenen Frauenzimmers am nachsten 
stand. Und dieser Ausspruch wird von Allen bestatigt, die das Gluck 
hatten, ihr nahe zu stehen." Sie heiratete spater nach langer Bekannt- 
schaft den Grafen Anton v. Belderbusch, Neffen des Ministers 
gleichen Namens, 1 802. Von einer Zuneigung zu Beethoven ist eigentlich 
nichts bekannt, und man weiB nur sicher, daB der junge Meister mit 
den Kochs freundschaftlich verbunden war. Mutter Koch schrieb 
sich noch am 1. November 1792 „am Abend unseres Abschiedes" in 
Beethovens Stammbuch ein,und zwar als „Ihre wahre Freundin Wittib 
Koch". Schon am 24. Oktober jenes Jahres, in welchem Beethoven 
von Bonn Abschied nahm, hatte Marianne Koch sich ins Stamm- 
buch eingeschrieben. Aber gerade Barbara fehlt darin. Ein 
„Freund Koch", der in demselben Btichlein vorkommt, gehOrte sicher 
derselben Familie an und gilt vorlaufig als Sohn der Wittib. Eines ist 
sicher, daB Beethoven bei Kochs in einem durchaus „intelligenten" 
Kreise verkehrt hat. Auf eine gewisse Zuneigung zu Barbara Koch 
laBt es wohl schlieBen, daB Beethoven 1793 aus Wien an Eleonore 
v. Breuning unter anderem schreibt: ,,Sollten Sie die B. Koch sehen, 
so bitte ich Sie, ihr zu sagen, daB es nicht schon sei von ihr, mir gar 
nicht einmal zu schreiben. Ich habe doch zweimal geschrieben; an 
Malchus schrieb ich dreimal und — keine Antwort." (Wegeler, 
,,Notizen" S.56, Th.-R. II und die Briefsammlungen.) 

Koch, Willibald, Franziskanerbruder in Bonn. (Siehe bei: Musi- 
kalische Erziehung.) 

Koferle, Josef. Zu Beethovens Zeiten Beamter im Finanzarchiv. 
Daneben SchOngeist, eine Zeitlang im Erziehungshaus Blochlinger 
tatig als Lehrer. Jedenfalls unterrichtete er auch den Neffen des 



„K6nigin der Nacht" — Korner 283 

Meisters, Karl, der vom 22. Juni 1819 bis Ende August 1823 in jenem 
Institut erzogen wurde. Wie mir der Enkel matterlicherseit.s des 
genannten Herrn Koferle, Herr Schulrat Johann Schwetz aus Baden, 
giitigst mitteilte, fand er bei BlOchlinger einen Nebenverdienst dadurch, 
daB er gewohnlich [jedenfalls wenn Ausgang gestattet war] den Neffen 
zum Onkel und wieder zuruck zu geleiten hatte, ,,was im Auftrage des 
Institutsinhabers geschah". Titel und Amt wurden nicht angegeben, 
doch schrieb der Enkel, daB Koferle amtlich den jeweiligen Borsen- 
kommissar zur Borse begleiten muBte. Dadurch wird ein unvoll- 
standiger Brief erklarlich, der von Bankaktien, vom Oberbuchhalter 
der Nationalbank Salzmann handelt. Dieses Schreiben, das um 1820 
anzusetzen ist, befand sich vor einigen Jahren bei Herrn Dr. Ignaz 
Schwarz in Wien und wurde durch mich in der „Neuen freien Presse" 
(Wien 4. Mai 1918) veroffentlicht. Der Kopf des Schreibens fehlt, 
doch klart eine Nachschrift von der Hand des Neffen iiber die Person 
des Empfangers auf. Sie lautet: „Lieber Herr v. Koferle! Mein guter 
Onkel hat Ihnen schon geschrieben, daB er Sie Sonntag erwartet, und ich 
schreibe Ihnen daher nur eilig, daB ich Sie, was Sie schon wissen werden, 
auch mit vieler Freude erwarte. Den Brief an Salzmann geben Sie 
nur gef alligst ab, wenn Sie esnOthigfinden. IhrC[arl]v[an] B[eethoven]." 

DaB er mit dem adelbezeichnenden Wortchen „von" versehen wird, 
ist natiirlich nur der bekannte altwiener MiBbrauch. Nach der Mit- 
teilung des Enkels Schwetz, der den alten Koferle oft um Beethoven 
gefragt hat, war dieser Lehrer des Neffen sehr langlebig. Ob die In- 
stitutsinhaberin Louise Koferle, die bei Schmidl in „Wien und seine 
nachsten Umgebungen" (1852) S. 123 genannt wird, mit Josef Koferle 
verwandt war, ist noch nicht ermittelt. Vielleicht war es die Witwe. 
Eine Erwahnung KOferles in Th.-R. IV, S. 192f. ist unsicher. Der 
Brief Beethovens an KOferle ist unter anderem nachgedruckt in ,, Ham- 
burger Correspondent" vom 7. Mai 1918. (Siehe auch: Salzmann.) 

„Konlgln der Nacht". So nannte Beethoven seine Schwagerin 
Johanna in der Zeit, bald nachdem sie Witwe geworden war und in 
Anspielung auf die Figur in der ,,Zauberflote" und auf das Nachtleben 
der Schwagerin. Diese Benennung wurde von ihm, so scheint es, 
zuerst bei Del Rios gebraucht und kommt in Briefen an den Instituts- 
vorsteher vor. (Siehe bei: Schwagerin.) 

Korner, Karl Theodor (geb. Dresden 1791, gef alien 26. August 1813 
in einem Dorfe unweit Gadebusch). Der beftihmte Dichter und Frei- 
heitsheld, auch Musiker und Musikfreund, Spielte Violine, Gitarre 
und Zither. Die Bekanntschaft mit Beethoven muB in die Zeit fallen, 
als er 1811 nach Wien gekommen und dort rasch beliebt geworden 



284 Konzerte 



war. Er muB irgendwie davon vernommen haben, daB Beethoven 
vviedej eine Oper schreiben wolle, und sandte diesem Texte, und zwar 
laBt sich vermuten „Der Kampf mit dem Drachen" oder „Die Berg- 
knappen" und danach noch den , .Odysseus". Karoline Pichlers„Denk- 
wiirdigkeiten", Castellis „Memoiren" und Spohrs „Selbstbiographie" 
handeln von KOrners Wiener Aufenthalt, der im August 1811 begann. 
In welchem Musikkreise er mit Beethoven in Beruhrung kam, ist noch 
nicht ermittelt, obwohl es Personlichkeiten genug gabe, die ebenso 
mit KSrner, wie mit Beethoven befreundet waren. Man denkt wohl 
in erster Linie an den Freund Korners, Andreas Streicher. Dieser 
war einer derAnreger zurMonstreproduktion des Handelschen „Alexan- 
derfestes", bei dem Korner im BaB mitsang. Beethoven lieB dieOpern- 
texte eine Zeitlang bei sich ruhen und antwortete am 21. April 1812, 
sich entschuldigend, daB er kranklichkeitshalber sich noch nicht iiber 
Korners Oper erklaren konnte. Er bittet um eine Unterredung „iiber- 
morgen Vormittags", „und wirwerden uns zusammen iiber ihre Oper 
bereden, und auch iiber eine andere die ich wiinschte, daB Sie filr mich 
schrieben . . .". 1813 schrieb er mit Bezug auf diese Angelegenheit: 
,,Fur Beethoven bin ich um Ulysses Wiederkehr angesprochen worden." 
Bald danach zog Korner nach Deutschland zuriick, um sich an den 
Freiheitskampfen zu beteiligen. Eine feindliche Kugel machte dem 
Leben des Helden und damit alien Arbeiten fur Beethoven ein plbtz- 
liches Ende. Ludwig Nohl berichtet, daB der Brief Beethovens vom 
April 1812 — es ist der einzige,der sich erhalten hat — sich in Korners 
Brieftasche vorfand, als der Mutige im Gefecht gefallen war. 

(Die Literatur iiber Korner ist ziemlich ausgedehnt und verzweigt 
und wird an dieser Stelle nicht im einzelnen aufgezahlt. Zusammen- 
fassend A. Chr. Kalischer in „Beethoven und Wien" S. 131 ff. Toni 
Adamberger wurde Korners Braut, wie dies schon im Abschnitt 
Adamberger mitgeteilt ist. Viele Bildnisse und Urkunden zu Korner 
im Peschelschen Kornermuseum zu Dresden.) 

Konzerte. Beethoven ist sehr rasch zu jener kunstlerischen Hohe 
aufgestiegen, in der es ihm moglich war, eigene Konzerte zu schaffen 
und vorzutragen. Begreiflicherweise hatte bei diesem jungen Kunstler 
das Klavier den Vortritt. Als friiheste Leistung dieser Art, die bisher 
bekannt geworden ist, kann das Klavierkonzert in Es-Dur ohne 
Werkzahl angesehen werden, das aus Dr. Priegers Besitz in die Berliner 
Bibliothekgelangtistzusa'mmenmitanderemausdergroBenArtariaschen 
Sammlung. Nur eine Abschrift hat sich erhalten mit der Aufschrift ,,un 
Concert pour le Clavecin ou Fortepiano compose par Louis van Beethoven 
age" de douze ans". Zieht man in Rechnung, daB der junge Meister 



i, 



Konzerte 285 

durch den Vater immer um mindestens 2 Jahre j linger angegeben 
wurde, so wird man dieses Klavierkonzert etwa 1784 entstanden an- 
nehmen konnen. Thayer hat es schon gekannt und im „Chronolo- 
gischen Verzeichnis" als Nr. 7 angefiihrt. In neuerer Zeit hat Guido 
Adler dieses Werk im Supplementband der ,,Breitkopf & Hartelschen 
Gesamtausgabe" veroffentlicht (Serie 25, Nr. 310) und in der ,,Viertel- 
jahrsschrift fur Musikwissenschaft" (1888) besprochen. In einem Be- 
nefit iiber das Personal der Bonner Hofmusik aus dem Jahre 1791, 
den Thayer benutzt hat, heiBt es: ,,Klavierkonzerte spielt Herr v. 
Beethoven." Thayer vermutet, daB das Klavierkonzert in Es schon 
1784 von Beethoven gespielt worden sei, um sich beim neuen Kur- 
fiirsten einzufiihren (Th.-R. I, S. 168ff., mit einer Erganzung zur Ge- 
samtausgabe — Zwei Takte). 

Als weiteres Klavierkonzert aus der Jugendzeit ist das nicht 
ganz erhaltene oder nicht ganz vollendete in D-Dur zu nennen. Es 
ist veroffentlicht durch G. Adler in der ,,Vierteljahrsschrift fur Musik- 
wissenschaft" von 1888 (S. 451 f.) und hat auch in den Erganzungs- 
band der Gesamtausgabe Eingang gefunden (Serie 25, Nr. 311, dazu 
Th.-R. I, S. 315f. — Selbstverstandlich ist auch fQr die folgenden 
Konzerte die Gesamtausgabe einzusehen). 

Aus der Jugendzeit ist auch bekannt geworden das BruchstUck 
eines Konzertes ftir die Violine. Man vermutet, dali der Rest ver- 
loren gegangen ist. Josef Hellmesberger hat es erganzt und darin leider 
in Wiedergabe des Erhaltenen etwas willkiirlich gehaust. (Wien, 
Friedrich Schreiber, vormals Spina. Dazu Th.-R. I, S. 317.) 

In der Wiener Zeit entstanden dann die allbekannten fiinfKIavier- 
konzerte, und zwar alle in den Jahren bis 1808. Das erste dieser 
Konzerte, das in C-Dur als Op. 15 bei Mollo & Co. erschienen, ist der 
Ftirstin Odeschalchi gewidmet (siehe bei: Keglevich). Es bekundet 
einen machtigen Fortschritt gegen die Werke ahnlicher Art aus der 
Bonner Zeit. Das C-Dur-Konzert entstand spater als das in B-Dur, 
das in der Opusreihe danach kommt. Wegelers Mitteilung, als hatte 
Beethoven das C-Dur-Konzert schon im Marz 1795 gespielt, ist seither 
als Irrtum erkannt worden, der dadurch veranlafit ist, daB das C-Dur- 
Konzert eher gedruckt wurde und erschienen ist als das in B-Dur. 
Skizzen zum B-Dur-Konzert finden sich, so deduzieren Nottebohm 
und Thayer, nach Obungsstiicken, die bei Albrechtsberger geschrieben 
sind, und zusammen mit Skizzen zu Op. 14 Nr. 1, wodurch wir auf 
die Zeit von 1794 auf 1795 hingewiesen werden. Vom Kohzert in 
C-Dur sind erst spater Nachrichten festzustellen. 1795 hat also Beetho- 
ven hochstwahrscheinlich das B-Dur-Konzert gespielt. Spater spielte 



286 Konzerte 

Beethoven dieses nach Tomascheks Mitteilung in Prag. Man hat sich 
iibrigens in dieser Angelegenheit durch allerlei Gedachtnisfehler bei 
Czerny, Schindler, auch bei Tomaschek durchzuarbeiten, und Thayer 
kommt zum Ergebnis einer groBten Wahrscheinlichkeit fur die frtihere 
Entstehung des B-Dur-Konzertes und die spatere dessert in C-Dur. 
Thayer fuhrt uberdies als weitere BegrCindung ins Feld, daB das C-Dur- 
Konzert viel reicher orchestriert ist als das in B-Dur, bei dem noch 
Klarinetten, Trompeten und Pauken fehlen. Eigentliche stilkritische 
Unterschiede sind nicht aufzufinden. Gehoren doch auch beide Kon- 
zerte derselben Stilperiode an. Fur eine sehr fruhe Entstehungszeit 
des B-Dur-Konzertes hat sich auch Mandyczewski ausgesprochen in 
seiner Studie uber das nachgelassene von K. Czerny etwas aufgeputzte 
Rondo in B fur Klavier und Orchester, die er im I. Band der „Sammel- 
bande der Internationalen Musikgesellschaft" veroffentlicht hat. Dieses 
Rondo gehorte ursprunglich zum B-Dur-Konzert. 

Von Wichtigkeit und wie es scheint ausschlaggebender Bedeutung 
ist das, was Beethoven selbst andeutet in einem Briefe an Hoffmeister 
vom 15. Dezember 1800. Der Meister teilt mit, was er zur Veroffent- 
lichung bereit hatte. Darunter kommt vor ,,III° ein Concert fur's 
Clavier, welches ich zwar fur keins von meinen Besten ausgebe, sowie 
ein anderes, das hier bei Mollo herauskommen wird". Am 22. April 
1801 richtet er an Breitkopf & Hartel die ahnliche Mitteilung, daB 
bei Hoffmeister eines „von meinen ersten Concerten heraus- 
kommt, und folglich nicht zu den besten von meinen Arbeiten 
gehort, bei Mollo ebenfalls ein zwar spater verf ertigtes [ ! !] Concert, 
aber ebenfalls noch nicht unter meine besten von der Art gehort . . .". 
Ober die Entstehung eines wichtigen Motivs aus dem C-Dur-Konzert 
im Hinterstubchen bei Artaria gab der Abschnitt: Artaria Auskunft. 

Im Gegensatz zu seinen spateren zumeist hochfein gefeilten Werken 
scheint Beethoven beim C-Dur-Konzert nicht unbedingt an den hin- 
geschriebenen Noten festgehalten zu haben. Ries (,,Notizen" S. 106f.) 
sagt: ,,Ich erinnere mich nur zweier Falle, wo Beethoven mir einige 
Noten sagte, die ich seiner Composition zusetzen sollte, einmal im 
Rondo der Sonate path^tique und dann im Thema des Rondos seines 
ersten Concertes in C-Dur, wo er mir mehrere Doppelgriffe angab, um 
es brillanter zu machen. — Uberhaupt trug er letzteres Rondo mit 
einem ganz eigenen Ausdruck vor. " Czerny („ Pianof orteschule" IV. T.) 
warnt vor ,,humoristischer Willkur" beim Vortrag dieses Konzertes. 
W. Lenf macht darauf aufmerksam, daB in der Haslingerschen Aus- 
gabe des C-Dur-Konzertes tadelnswerte Anderungen im Notentext 
vorkommen (im „Kritischen Katalog" Bd. Ill, S. 157). Uberdies 



Konzerte 287 

bespricht Lenz den deutlichen Zusammenhang des Konzertes mit 
Mozart. 

Obwohl frtiher als das I. groBe Konzert entstanden, wird das B-Dur- 
Konzert doch herkommlicherweise als das II. verzeichnet. Es er- 
schien 1801 bei Hoffmeister & Kuhnel in Leipzig unter dem Titel: 
, .Concerto pour le Pianoforte avec 2 Violons, Viole, Violoncelle et 
Basse, une Flute, 2 Oboes, 2 Cors, 2 Bassons compose" et dedie" a Mon- 
sieur Charles Nikl Noble de Niklasberg, Conseiller aulique de sa 
Majesty ImpSriale et Royale, par Louis van Beethoven. Oeuvre XIX." 
Wie sich aus den Mitteilungen ilber das I. grofie Konzert ergibt, han- 
deln die Schriften zumeist von beiden Werken zugleich. W. Lenz spricht 
wieder vom Zusammenhang mit Mozart. Begreiflicherweise hebt er 
das Adagio hervor. Es erstrecken sich viele Zusammenhange von den 
beiden ersten Konzerten zu Kompositionen derselben Periode, so z. B. 
vom Klavierkonzert in C-Dur zur Klaviersonate Op. 14, Nr.2 in G-Dur, 
zur Violinromanze und anderem, und vom B-Dur-Konzert sei im 
Voriibergehen angemerkt, daB darin eine Vorstufe einer Stelle in der 
Klaviersonate Op. 90 vorkommt, doch noch ohne die Engfiihrung, die 
dort im ersten Satz, im Durchfuhrungsteil, die Riickkehr des Haupt- 
satzes so fesselnd gestaltet. — Das C-Dur-Konzert hat augenscheinlich 
auf jiingere Musiker eingewirkt. Franz Schubert muB es gekannt 
haben, und die Takte im Rondo Beethovens nach dem 3. Tutti 
und ihre Parallelstellen haben jedenfalls in den Mtillerliedern mit- 
komponiert. Sollte ferner nicht die Stelle in A-Moll, die der unbeque- 
men BaBstelle wegen von alien Spielern besonders geiibt wird, auf 
die Etude von Chopin Op. 25 Nr. 4 nachgewirkt haben? Die Wurzel 
mancher Mendelssohnschen „Lieder ohne Worte" scheint in Beethovens 
Largo des C-Dur-Konzertes zu liegen, womit nur Andeutungen gemacht 
sein sollen. (Zu Niklas von Niklasberg vgl. „Die Musik" III, Heft 13, 
S. 27ff.) 

Ungleich beriihmter als die beiden ersten Klavierkonzerte ist das 
C-Moll-Konzert, das als Op. 37 erschienen ist, erst 1804 im ,,Kunst- 
und Industrie-Comptoir" unter dem Titel „Grand Concerto pour le 
Pianoforte, 2 Violons, Alto, 2 Flutes, 2 Hautbois, 2 Clarinettes, 2 Cors, 
2 Bassons, 2 Trompettes et Timbales, Violoncelle e Basse, compose" 
et dedi£ h Son Altesse Royale Monseigneur le Prince Louis Ferdi- 
nand de Prusse par Louis van Beethoven". Geschrieben ist es be- 
deutend fruher, und zwar 1800. Nach Nottebohm steht auf der Hand- 
schrift ,, Concerto 1800 da L. v. Beethoven". Die erste AuffQhrung 
war 1803 im Konzert vom 5. April 1804. Ries spielte dieses Konzert 
mit seiner eigenen Kadenz. (Ausfuhrliches in den „Notizen" S. 113f.) 



288 Konzerte 

Was den Verlag betrifft, so ist aus Briefen bekannt, daB Ludwigs 
Bruder Karl das Konzert 1802 an J. Andre in Offenbach und im Januar 
1803 an Breitkopf & Hartel in Leipzig angeboten hatte. SchlieBlich, 
wie schon angedeutet, kam es im ,, Wiener Kunst- und Industrie- 
Comptoir" heraus. 

C-Moll ist eine Tonart, in der Beethoven fast immer etwas rauh, 
befehlshaberisch, kraftvoll mannlich auftritt. Einige Sonaten fur 
Klavier, eine fiirVioline, eines der Trios in Op. 1, die Symphonie sind 
Belege dafiir. Das III. Klavierkonzert gesellt sich dazu. Verbindungs- 
faden erstrecken sich auch von diesem im ganzen sehr eigenartigen 
Werk dahin und dorthin. Auf die Analogie des langen Schleifers, 
der die Reprise einleitet, indem er in diatonischer Leiter von der Domi- 
nantseptime zurTonika herabschieBt, mit dem Schleifer, der in Mozarts 
Fantasie und Sonate in C-Moll vorkommt und dann in Beethovens 
eigener „Sonate path6tique" wiederkehrt, sei aufmerksam gemacht. — 
Die Wahl von E-Dur furs Largo fallt insofern auf, als sie nicht unmit- 
telbar an die Terz der Haupttonart des vorhergehenden Satzes an- 
knupft. 

Aus dem SchluB des Finale hat Beethoven selbst fur Starkes Kla- 
vierschule ein besonderes sehr glanzendes Stack gemacht, das vor 
einiger Zeit im ,,Merker" abgedruckt wurde (siehe bei: Starke). — 
Wollen wir doch auch beachten, daB die Gruppe im ersten Satz des 
C-Moll-Konzertes, funftes Solo mit Achteltriolen im BaB, f ur J. B. Cramer 
AnlaB bot, Etiiden zu schreiben, die auf die Ausfiihrung dieses Basses 
vorbereiten. J. Field kniipfte im allgemeinen an diese Stelle an in 
mehreren seiner Nokturnen. — Franz Schubert muB den Anfang des 
Largo nicht aus dem Kopf gebracht haben. Die Modulation klingt an 
in der „Wandererfantasie" (vgl. Frimmel in „Die Musik" Marz 1925). 
— W. Lenz weifi mitzuteilen, daB das zweite Thema des Rondo auch 
bei Bellini vorkommt, und zwar in der Sonnambula „come per me 
serene". Der SchluB erinnert ihn an Aubers „FranceV. Oberdies 
sagt er: „Beruhmt ist die enharmonische RQckung, in der das Thema 
einmal erscheint (251 und ff. Takte), wo as in gis verwandelt wird." 
Als altere Literatur ist noch zu nennen die „Allgemeine musikalische 
Zeitung" von 1804, S. 776, und von 1805, S. 446. 

Das IV. Klavierkonzert in G-Dur tritt durch seinen milden 
Charakter in einen merklichen Gegensatz zum C-Moll-Konzert. So- 
gleich die beweglichere Harmonisierung des Hauptsatzes wiirde den 
Ausdruck Lieblichkeit rechtfertigen. Das hOchst gelungene Werk ist 
als Op. 58 im Verlag des „Kunst-und Industrie-Comptoirs" erschienen, 
und zwar im August 1808 unte'r dem Titel: „Viertes Concert fur das 



Konzerte 289 

Pianoforte mit 2 Violinen, Viola, FlOte, 2 Hautbois, 2 Clarinetten, 
2 Hornern, 2 Fagotten, Trompeten, Pauken, Violoncell und BaB. 
Seiner KaiserliChen Hoheit dem Erzherzog Rudolph von Oesterreich 
unterthanigst gewidmet von L. van Beethoven". 

Die Entstehungszeit dieses Wunderwerkes ist mit 1805 anzunehmen. 
Im Februar 1807 war es druckfertig. Erste Aufftihrung in einem Pri- 
vatkonzert beim Fursten ,,L." (wohl ist Lobkowitz gemeint). Das 
G-Dur-Konzert sollte dem Freund Gleichenstein gewidmet werden 
(Th.-R. Ill, S. 19). 1808 wurde es in der Akademie vom 22. Dezember 
offentlich gespielt von Beethoven selbst, in jener Akademie, in der 
auch die ,,Chorfantasie" gehort wurde. Das achte Stack war „ein 
neues Pianoforte-Konzert von ungeheurer Schwierigkeit, welches Beetho- 
ven zum Erstaunen brav, in den allerschnellsten Tempis ausfiihrte. 
Das Adagio ein Meistersatz von schonem durchgef iihrten Gesang, sang 
er wahrhaft auf seinem Instrumente mit tiefem melancholischen Gefuhl, 
das auch mich dabei durchstrOmte". So berichtete Reichardt in den 
„Vertrauten Briefen" iiber die erwahnte Akademie. Wir verstehen 
Reichardts Bewunderung. Denn das G-Dur-Konzert bietet Gedanke 
fur Gedanken Inhalt, hohe Kunst, Feile, Wohlklang. DaB die Wieder- 
holungen des Hauptthemas bewegter als zu Anfang gestaltet sind, 
belebt den Hauptsatz ungemein. Man beachte dabei auch, daB in den 
Figuren ein Motiv vorkommt, 



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te£ pgg fe gg&u ^teffa 



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das ganz ahnlich so im langsamen Satz benutzt wird. Dieser Satz, 
der von Reichardt im Gegensatz zum ersten Allegro moderato, das 
durch schnelle Passagen und eilige Begleitungsfiguren rascher er- 
scheint, „Adagio" genannt wird, ist besonders bemerkenswert durch 
Eigenartigkeit, Neuheit, knappe Zusammenfassung dessen, was der 
Tondichter zu sagen hatte, und mit allem diesen durch seine kunst- 
geschichtliche Bedeutung. Die.Jiingeren seit Beethoven haben dies 
sogleich erkannt, voran Felix Mendelssohn und vielleicht noch mehr 
Robert Schumann, der hier schon seine sogenannte Wechselnote vor- 
fand. Chopin hat dieses Andante gekannt, und es klingt nach in der 
PreMude Op. 45. — Dieses Beethovensche Andante con moto war eine 
Fundgrube fiir die Romantiker. Man weiB nicht, was Beethoven dabei 
gedacht hat; um so leichter liefi sich gar vieles hineingeheimnissen. 
Ries erzahlt in den ,,Notizen" (S. 114): ,, Beethoven kam eines Tages 
zu mir, brachte sein viertes Concert in G-Dur (Op. 58) gleich unter dem 

Frlmmel, Beethovenhandbuch. I. 19 



290 Konzerte 

Arme mit und sagte: .Nachsten Sonnabend miisen Sie dieses im 
Karnthner-Tor-Theater spielen.' Es blieben nur funf Tage Zeit zum 
Einuben. Zum Unglttck bemerkte ich ihm.daB diese Zeit zu kurz sei, 
um es schon spielen zu lernen; er mochte mir lieber erlauben.das c-moll- 
Concert vorzutragen. Dartiber wurde Beethoven aufgebracht, drehte 
sich um und ging gleich zum jungen Stein, den er sonst wenig leiden 
konnte. Dieser war auch Klavierspieler, und zwar ein alterer als ich. 
Stein war klug genug, den Vorschlag gleich anzunehmen." Aber auch 
dieser Ersatzpianist konnte in der kurzen Zeit das neue G-Dur-Konzert 
nicht bewaltigen und muBte das C-Moll-Konzert spielen. Dieses 
machte keine groBe Wirkung, und man fragte den Meister: „Warum 
lieBen Sie es nicht von Ries spielen, da dieser doch so viel Effect damit 
hervorgebracht hat?" Ries schlieBt nun damit, daB ihm diese AuBe- 
rungen die hochste Freude gemacht haben. Beethoven sagte spater zu 
Ries :,, Ich glaubte, Sie wolltendasG-Dur-Konzert nicht gem spielen." 

W. Lenz weiB das G-Dur-Konzert zu wiirdigen, aber nicht ganz. 
Furs Andante con moto hat er wenig Verstandnis. Oberdies ist es be- 
fremdlich, daB er den Anfang des ersten Satzes ..pastoral" findet. 

Das fiinfte Klavierkonzert ist das in Es-Dur, das als Op. 73 
im Verlag von Breitkopf & Hartel in Leipzig mit folgendem Titel 181 1 
erschien: , .Grand Concerto pour le Pianoforte avec accompagnement 
de l'Orchestre compose" et dedie & son Altesse Imperial Roudolph 
ArchiDuc d'Autriche etc. par L. v. Beethoven". Begonnen wurde das 
Werk in der Zeit von 1808 auf 1809 (nach Nottebohm und Th.-R. Ill, 
S. 166f.). In der verlegerischen Korrespondenz taucht das Konzert 
zuerst am 4. Februar 1810 auf, was aber in diesem Falle nicht beweist, 
daB es nicht fruher fertig gewesen ware. In die Offentlichkeit fiihrte 
es der Meister nicht mehr selbst ein, sondern sein Schuler Karl Czerny 
1812 (Th.-R. Ill, S. 301 f.). Seit der Akademie von 1808 lieB sich ja 
der Halbtaube nicht mehr als Konzertspieler ho'ren (siehe: Klavier- 
spiel und: Akademie). 

Das Es-Dur-Konzert ist vielleicht groBartiger als sein lieblicher 
Vorganger in G, doch hat es wenigstens fur mich immer etwas Auf- 
regendes im Gegensatz zu den beruhigenden Klangen des G-Dur-Kon- 
zertes. Das sind natUrlich subjektive Eindrucke, die aber jedenfalls 
durch die GroBartigkeit dieser vollendeten Komposition angeregt sind. 
W. Lenz (IV, S. 159) macht auf die „wichtige Rolle" der Pauke auf- 
merksam in diesem Konzert, und ich erinnere mich, daB Fr. Liszt die 
Paukenstelle bei der Probe wiederholen lieB, als er das Es-Dur-Konzert 
in Wien spielte, — Beethoven wiitischte zum Es-Dur-Konzert keine 
Kadenz. 



Konzerte 291 

Noch ist das sogenannte Tripelkonzert anzureihen, das als Op. 56 
im Jahre 1807 erschienen ist mit dem Titel: ,, Grand Concerto con- 
certant pour Pianoforte, Violon e Violoncelle, avec accompagnement 
de deux Violons, Alto, Flute, deux Hautbois, deux Clarinettes, deux 
Cors, deux Bassons, Trompettes, Timballes et Basse, compose" et dedie" 
a Son Altesse Serenissime le Prince de Lobkowitz par Louis v. 
Beethoven". Es ist ein Werk, das hauptsachlich auf auBerlichen 
Glanz berechnet ist und sich mit den Konzerten in G und Es nicht an- 
nahernd messen kann. Entstanden ist es ura 1804. (Siehe bei: Kraft.) 

Hort man in neuerer Zeit das konzertante Tripelkonzert nur mehr 
selten, so hat sich Beethovens Violinkonzert, Op. 61 in D-Dur 
einen bleibenden Platz im Konzertsaal erobert mit seinem klaren, wohl- 
gebauten Allegro ma non troppo, dem weihevollen Larghetto und 
iibermiitigen Rondo. Es erschien erst 1809 unter dem folgenden Titel 
im ,, Bureau des arts et de l'industrie" : ,, Concerto pour le Violon avec 
accompagnement de deux Violons,. Alto, Flute, deux Hautbois, deux 
Clarinettes, Cors, Bassons, Trompettes, Timballes, Violoncelle et Basse, 
Compose et dedie" a son ami Monsieur de Breuning Secretaire Aulique 
au service de Sa Majesty l'Empereur d'Autriche par Louis van Beetho- 
ven". Geschrieben wurde es schon 1806, wie dies auf der alten Hand- 
schrift im Besitz der Hofbibliothek, jetzt Nationalbibliothek vermerkt 
ist: , , Concerto par Clemenza pour Clement primo Violino e direttore 
al Theatro di Vienna Dal L. v. Bthvn. 1806". Franz Clement spielte 
es noch 1806 am 23. Dezember (siehe bei: Clement). Beethoven selbst 
richtete dieses Konzert auch als Klavierkonzert ein (Ries, „Notizen" 
S. 94). Kadenzen von Beethoven frtiher bei Haslinger, jetzt bei 
Breitkopf & Hartel. Die kostbare Handschrift des Violinkonzertes 
kam aus dem Besitz Karl Czernys in die Hofbibliothek (siehe bei: 
Czerny). 

(Zu den Klavierkonzerten neben der obengenannten Literatur auch 
noch die einschlagigen Stellen bei Marx, Wasielewski und P. Bekker. 
Selbstverstandlich sind fiir die genannten Werke die Verzeichnisse von 
Thayer und Nottebohm aufzuschlagen. Nach Seyfrieds Mitteilungen 
[„Studien", Nachtrag S. 19] war die Klavierstimme der Konzerte nur 
ganz unvollstandig geschrieben. Beethoven machte sich den Scherz, 
Seyfried zum Umblattern einzuladen und sich an seiner Angst zu 
weiden. 

Die metronomischen Angaben bei K. Czerny im IV. Teil der Piano- 
forteschule geben jedenfalls ungefahr die Tempi, die Beethoven ge- 
wiinscht hat. In F. Kullaks Ausgabe der Klavierkonzerte [2. Aufl. 
1881] sind diese Tempi verzeichnet. In der Einleitung zu dieser Aus- 

19* 



292 Kongrefi — Kopisten 



gabe finden sich reichliche Mitteilungen iiber den Vortrag der Konzerte 
mit Benutzung der Czernyschen Angaben aus dessen Pianoforteschule. 

Im Handschriftenarchiv der Firma Breitkopf & Hartel befinden 
sich 3 Kadenzen zum 1. Satz des I. Klavierkonzertes, 1 Kadenz zum 
1. Satz des II., 2 Kadenzen zum 1. Satz des IV., 1 Kadenz zum Rondo 
dieses Konzertes, 1 Kadenz zum 1. Satz des nach dem Violinkonzert 
Op. 61 bearbeiteten Klavierkonzertes und der Eingang vom Andante 
zum Rondo dieses Konzertes [nach dem Jahrbuch der Firma Breit- 
kopf & Hartel „Der Bar" furs Jahr 1924, S. 74].) 

KongreB (siehe bei: Wiener KongreB). 

Kopisten. Ganz zu Beginn der Laufbahn des Tonsetzers wird dieser 
selbst seine Reinschriften besorgt haben. Allmahlich aber wurden 
Kopisten unentbehrlich, besonders fur das Ausschreiben einzelner Stim- 
men. In der Bonner Zeit wurde Paraquin genannt. 1781 im Februar 
wurde dieser Joh. Bapt. Paraquin als BaBsanger und Kontrabassist 
an der Bonner Kapelle angestellt. Wegeler lobt ihn ,,als Kunstler 
ausgezeichnet wacker und als Mensch hochgeachtet", und zwar in einer 
Bemerkung zu Beethovens Brief an Eleonore v. Breuning, in welchem 
Paraquin als geschickter Notenschreiber Erwahnung findet (,,Notizen" 
S. 61 f.). Beethoven muB Paraquin in Bonn von dieser Seite gekannt 
haben. Im Notizbuch, das Beethoven von 1792 auf 1793 benutzt hat, 
kommt vor „Copist 58 x". Wenig spater haufen sich die Beweise dafiir, 
daB Beethoven Kopisten beschaftigt hat. Sie kommen nicht immer 
gut weg in den Beischriften des Meisters, und der eine oder andere 
wird mit dem Ehrennamen „Esel" bedacht (ein Faksimile mit einer 
solchen Bemerkung in „Moderne Welt" 1920, Heft 9, S. 17). Einmal, 
als der eine (nicht namentlich angefuhrte) Kopist krank und der andere 
dringend beschaftigt war, wurde Ries ersucht, die Abschrift eines An- 
dante zu ubernehmen (Wegeler und Ries, ,,Notizen" S. 82). Als das 
C-Dur-Klavierkonzert rasch zur Auffuhrung vorbereitet wurde, fand 
man vier Kopisten im Vorzimmer arbeiten, die sogleich die Abschriften 
besorgten, sobald Beethoven einen Bogen fertig hatte. Wahrschein- 
lich handelte es sich um die Orchesterstimmen („Notizen" S. 36). Ver- 
muten laBt es sich, daB ein sonst wenig genannter Musiker Gottfried 
Gebauer eine Zeitlang um 1805 ftir Beethoven gearbeitet hat. Etwa 
1811 schreibt der Meister an Freund Zmeskall: ,,Ich bin gesonnen 
einen Menschen, der Noten kopiert und der sich angetragen in Dienste 
zu nehmen: dieser hat noch seine Eltern in Wien, und dieses konnte 
manches Gute zur Folge haben, doch wiinsche ich iiber die Bedingungen 
mit Ihnen . . . zu sprechen." Spater ist noch oftmals von Kopisten 
die Rede, die 1814 die Hande voll zu tun hatten, z. B. mit der rasch 



Korompa — Kotzebue 293 



geborenen Kantate „Der glorreiche Augenblick" (vgl. Tomaschek in 
„Libussa" von 1846). Jahrelang schrieben der Kopist Schlemmer 
und seine Mitarbeiter fur den Meister. Der Mann (nicht zu verwechseln 
mit dem Kostherrn Schlemmer des Neffen Karl) war fur Beethoven 
von Wichtigkeit und kommt oftmals in Briefen Beethovens vor. Seit 
ungefahr 1816 begegnet uns neben ungenannten Kopisten, die ge- 
legentlich Schurken genannt werden, auch Rampel. (Zu diesem 
vgl. meine Bemerkungen in der 2. Aufl. der ,, Berliner Briefausgabe" 
III, S. 74, Nr. 557. Der Brief war dann 1917 bei Henrici in Berlin, 
Kat. XXXIX, S. 49, Nr.418. Siehe auch bei: Rampel.) 

1818 klagt er einmal in einem Brief an Thomson (vom 21. Februar), 
daB sein Kopist krank ist und er die Abschrift der schottischen Lieder 
selbst besorgen muBte (Th.-R. IV, S. 571). Vermutlich war der kranke 
Kopist Herr Schlemmer, der schon seinem Ende zuschwankte. Er starb, 
alt und schon unzuverlassigen Auges, im Sommer 1823 (siehe bei: 
Schlemmer). Nach und nach arbeitete sich G laser der altere so weit 
ein, daB er Beethovens Vertrauen erwarb und neben Rampel als wich- 
tigste Kopistenkraft der Spatzeit Beethovens anzusehen ist. Mit 
Ferd. Wolanek gab es ein Donnerwetter, dessen Zeuge der bekannte 
Brief ist, den der Verein Beethovenhaus hat faksimilieren lassen. 
Als freundliche Episode ist zu vermerken, daB 1825 Karl Holz zu Be- 
ginn seiner Bekanntschaft mit Beethoven sich um eine Quartett- 
kopiatur angenommen hat. Mit dem Kopisten und Tonkunstler 
Paul Maschek war der Meister nicht zufrieden. (Erste Mitteilung 
hieruber im „FremdenbIatt", Wien, 12. Marz 1892 im Feuilleton: 
,, Beethovens Handschrift" [Frimmel], nachgedruckt in Bertlings ,,Mit- 
teilungen fur Autographensammler", August und September 1892. 
Genaue Mitteilung in Frimmels ,,Beethovenjahrbuch" II, S. 209f. 
Zusammenfassend fiber Beethovens Kopisten Frimmel, ,,Beethoven- 
studien" Bd. II, S. Iff. Siehe auch bei: Maschek.) 

Korompa, Dorf in Ungarn im Tyrnauer Bezirk. Dort das prachtige 
Brunsviksche SchloB mit beruhmtem Park in der htigeligen Gegend 
(vgl. Christian Crusius, „Topographisches Postlexikon", Band fur 
Ungarn und Siebenburgen, 1804ff.) Beethoven war jedenfalls dort 
in der Zeit um 1800. 

Koschak, Marie Pachler-Koschak (siehe bei: Pachler). 

Kotzebue, August v. (geb. Weimar 1761, 1819 ermordet zu Mann- 
heim). Fruchtbarer Btthnenschriftsteller von groBem Ruf, der von 
Baron Peter von Braun zur Leitung des Burgtheaters nach Wien ge- 
zogen wurde und diese zu Ende des Januar 1798 ubernahm. Sehr 
bald verfeindete er sich mit den Schauspielern, deren Verhalten ihn 



294 Kotzebue 



veranlaBte, schon im Dezember desselben Jahres seine Entlassung 
zu nehmen. Man sicherte sich seine ktinftigen Arbeiten fur das Wiener 
Hoftheater durch eine Pension von 1000 Gulden. Am 10. April 1799 
zog er ganzlich von Wien fort (dazu Kotzebue, ,,Mein Aufenthalt in 
Wien und meine erbetene Dienstentlassung", Wien 1799). Nach einem 
Intermezzo in Sibirien und kurzem Aufenthalt in Jena griindete er 
in Berlin die Zeitschrift „Der Freimuthige" zu Kampfzwecken gegen 
die Gruppe Goethe-Schlegel. Dann veroffentlichte er einen fur uns 
bedeutsamen Artikel im „Freimuthigen" vom 12. April 1803, „Die 
Vergnugungen der Wiener nach dem Fasching" (in Nr. 58), der be- 
weist, daB Kotzebue damals schon von Beethovens auBerordentlicher 
Begabung Kenntnis genommen hatte. Man liest dort: ,,Die vor- 
ztiglichsten Clavierstiicke, die man in der letzten Faschingzeit bewun- 
dert, waren ein neues Quintett von Beethoven, genialisch, ernst, voll 
tiefen Sinnes und Charakter, nur dann und wann grell hier und da d en - 
sprunge nach der Manier dieses Componisten . . .". (Nach Th.-R. 
II, S. 380 ware es das Quintett Op. 16 gewesen). AuchheiBtes: ,,GroBe 
Kiinstler auf dem Pianoforte sind Beethoven, Hummel, Madame 
Aurnhammer u. m.." Wohl ebenfalls von Kotzebue stammt der Be- 
richt Ciber das Oratorium Beethovens „Christus am Olberg", dessen 
Textdichter F. X. Huber getadelt wird. SchlieBlich wird gesagt, 
Herr v. Beethoven habe gezeigt, daB „ein Tonsetzer von Genie selbst 
aus dem schlechtesten Stoffe etwas GroBes zu machen im Stande ist". 

1808 berichtete der „Freimuthige" ganz kurz fiber die B-Dur-Sym- 
phonie und die ,,Coriolan"-OuvertUre. 

1811 ergab sich wieder eine Verbindung des Tonkiinstlers mit dem 
Dichter, der damals auf seinem Gut in Esthland weilte. Beethoven 
schrieb am 9. Oktober jenes Jahres einen langen Brief an Breitkopf 
& Hartel, worin er bittet, ein Schreiben an Kotzebue, das er in Aus- 
sicht stellt, an den Aufenthaltsort des Dichters zu befordern. Es 
handelte sich um die Arbeiten, die Beethoven fur das neue Theater 
in Pest liefern sollte. Schon 1 808 war die Aufftihrung des neuen Hauses 
durch Kaiser Franz genehmigt worden. Erst im Juli 1811 traf aber 
der Auftrag fur Beethoven bei diesem ein (Th.-R. Ill, S. 156 und 264). 
Den Text zu den Stucken, die bei der Eroffnung des Theaters an 
Kaisers Namenstag am 4. Oktober aufgefuhrt werden sollten, hatte 
Heinrich v. Collin beistellen sollen. Dieser sagte ab, und nun wurde 
Kotzebue aufgefordert, einen Text „Ungarns erster Wohltater", das 
Drama „Belas Flucht" und das Nachspiel ,,Die Ruinen von Athen" 
zu verfassen. „Belas Flucht" wurde ausgeschieden, um nicht daran zu 
erinnern, daB Kaiser Franz vor kurzem vor den Franzosen hatte fliehen. 



Kozeluch 295 



mussen. Die beiden anderen Kotzebueschen Texte schickte man an 
Beethoven zur Vertonung. Diese geschah 1811 in Teplitz, wie das 
Varnhagen v. Ense am 4. September jenes Jahres an den Grafen v. 
Bentheim berichtet. An Tiedge schreibt er um jene Zeit, daB die 
Notensendung abgegangen ist, aber noch einen Monat bis zur Auf- 
f tinning warten miisse (Th.-R. Ill, S. 283, 289f., auch fiber den arm- 
seligen Text Kotzebues). Das neue Theater in Pest wurde nicht, wie 
beabsichtigt, am 4. Oktober 1811 eroffnet, sondern erst am 9. Februar 
1812. So lange muBte sich Beethoven also gedulden. Vorher aber, 
am 28. Januar 1812, hatte er schon an Kotzebue geschrieben, daB er 
lebhaft wiinsche, eine Oper von dessen einzigem „dramatischeri Genie" 
zu besitzen, ,,moge sie romantisch, ganz ernsthaft, heroisch, sentimen- 
tal [sein] . . . Freilich wurde mir am liebsten ein groBer Gegenstand aus 
der Geschichte sein und besonders aus den dunkleren Zeiten z. B. des 
Attila usw.". (Dieser Brief ist bei Th.-R. Ill, S. 299 vollstandig ge- 
druckt, und zwar nach A. Leitzmann, ,, Ernst Elster zum 26. April 1910". 
Die Veroffentlichungen vorher waren alle unvollstandig.) Es ist nicht 
bekannt, ob Kotzebue irgendwie auf Beethovens Wunsch Rucksicht 
genommen hat. 

(Die Figur Kotzebues ist aus reichlicher Literatur bekannt, darunter 
auch aus W. v. Kotzebue, „Aug. v. Kotzebue, Urtheile der Zeitgenossen 
und der Gegenwart" [Dresden 1881, Baensch], Vgl. ,,Der Sammler" 
1812, S. 84, Cramer, „Das Leben August v. Kotzebues", Leipzig 1820, 
August Schumann, ,,Erinnerungsblatter", Zwickau 1821, Nottebohm, 
„Beethoveniana" II, S. 140, 385, 388, die „Neue Illustrierte Zeitung" 
Wien 1889, Nr. 43, S. 391, Heinr. Dorings „Kotzebue" [ist mir jetzt 
nicht zuganglich], Rabany, ,, Kotzebue, sa vie et son temps", Nancy 
1893, A. v. Weilen in „Die Theater Wiens" Bd. II, 1. Halbband, 
S. 105f. Die meisten ausfuhrlichen Biographien Beethovens, voran 
die von Ludwig Nohl und Th.-R., geben aber die Beziehungen Kotze- 
bues zu Beethoven AufschluB.) 

Kozeluch (Kozeluh), Leopold (geb. zu Welwarn in Bohmen 1753, 
gest. 1818 in Wien). Fruchtbarer Tonsetzer, der in Prag Jura studiert 
hatte, sich aber dann nach dem Erfolg einer Ballettmusik der Tonkunst 
widmete und noch viele Theatermusiken, darunter 24weitere Ballette, 
schrieb. 1778 kam er nach Wien, war also dort schon vor Beethoven 
einheimisch, zumal er bald der Musiklehrer der Erzherzogin Elisabeth 
und 1792 schon kaiserlicher Kammerkomponist geworden war. (Siehe 
die Lexika von Dlabacz mit ausfuhrlichen Mitteilungen und von Hugo 
Riemann.) Kozeluch scheint sich als Hofbeamter mehr gedunkt zu 
haben als der stellungslose Beethoven. Als der junge Dolezalek dem 



296 Kraft 

tschechischen Ktinstler Beethovens C-Moll-Trio vorspielte, warf es 
ihm Kozeluch vor die FilBe (Th.-R. II, S. 180). Beethoven verachtete 
den weniger begabten Kozeluch und verwahrt sich in einem Brief an 
Thomson gegen eine Vergleichung mit Kozeluch, den er „Miserabilis" 
nennt (Th.-R. Ill, S. 271 f. und 596). Otto Jahn in der ,jMozartbio- 
graphie" schildert Kozeluch als einen eitlen und dunkelhaften Charak- 
ter. Gegen Haydn und Mozart trat er gehassig auf. (Siehe auch 
Eitner, ,,Quellenlexikon".) Sehr milde beurteilt sind seine Streich- 
quartette durch Jos. Wedig in „Beethovens Streichquartett Op. 18 
Nr. 1" (Verlag Beethovenhaus Bonn 1822). Um 1800 scheint er Kunst- 
handler in Wien gewesen zu sein. (Nach dem Kommerzialschema von 
1798.) 

Kraft (auch Krafft geschrieben), zwei bedeutende Violincellisten dieses 
Namens, die mit Beethoven bekannt waren, und zwar der Vater Anton 
Kraft (geb. zu Rokitzan in BOhmen 1752, gest. 1820 in Wien) und 
der Sohn Nikolaus Kraft (geb. 1778 zu Esterhaz, gest. 1853 in 
Stuttgart). Kraft der altere war jahrelang Cellist des fUrstlich Ester- 
hazyschen Orchesters (1778—1790), dann bis 1795 bei Grassalkowitsch 
und danach bis 1820 bei Lobkowitz. Dort kam er jedenfalls oft mit 
Beethoven zusammen, wenn Musikauffuhrungen waren. Auch bei 
Lichnowski muB er Beethoven getroffen haben, und die mehrmals er- 
zahlte Geschichte mit „muB liegen" bei der schwierigen Stelle furs 
Cello stammt jedenfalls aus solchen Musikabenden. Die beiden Kraft 
waren beliebte Mitwirkende bei solchen Gelegenheiten. Fur Kraft, 
Seidler und Erzherzog Rudolph war urspriinglich 1805 das Tripelkonzert 
bestimmt, das dann, erst 1807, als Op. 56 dem Ftirsten Lobkowitz ge- 
widmet wurde (Th.-R. II, S. 497). 1809 gab der jiingere Kraft ein Kon- 
zert, und zwar am 5. Marz. Die Gleichensteinsonate fur Klavier und 
Cello wurde gespielt, und zwar spielte Kraft, nicht Zmeskall, das Cello 
(Th.-R. Ill, S. 133f.). 1812 spielten Vater und Sohn unter anderem 
auch beim franzosischen Botschafter (vgl. die Zeitschrift „ Paris, Wien, 
London" 1812). 1813 wird Kraft als Mitwirkender bei der Invaliden- 
akademie genannt. 1814 ging der jungere Kraft von Wien nach Stutt- 
gart, der altere wirkte weiter in Wien, doch waren seine Verhaltnisse 
nicht eben giinstig, wie man das aus einem Brief Beethovens an Erz- 
herzog Rudolph vom Sommer 1815 entnehmen mochte. Der Meister 
schreibt: ,,Gestern war der alte Kraft bei mir; er glaubte, ob es nicht 
moglich zu machen, daB man ihm in Ihrem Palaste eine Wohnung 
gabe; er wurde dafiir E. kais. H[oheit] so oft zu Diensten sein, als Sie 
es nur immer verlangten. 20 Jahre sei er jetzt im Hause des Fiirsten 
Lobkowitz, lange Zeit hindurch habe er keinen Gehalt bekommen, jetzt 



Krankheiten 297 



miisse er auch seine Wohnung raumen, ohne irgend eine Entschadigung 
dafiir zu erhalten. — Die Lage des armen, alten, verdienten Mannes ist 
hart, und ich hatte mich wohl auch gewiB einer Harte schuldig ge- 
macht, wenn ich es nicht gewagt hatte, sie Ihnen vorzutragen." 1820 
ging es mit dem alten Kraft zu Ende. Im Gesprachsheft Nr. 22 heiBt 
es: „Der alte Kraft ist krank. Wir haben daher das Trio bei Lobko- 
witz noch nicht machen kCnnen", und im Gesprachsheft Nr. 34 aus 
ungefahr derselben Zeit, eher noch frUher fallend, entnimmt man einer 
Aufschreibung Bernards, daB die kunstlerische Leistung Krafts schon 
zuriickgegangen war. „ Ich hore, Kraft hat schon etwas abgenommen" 
(Walter Nohl, „Konversationshefte" I, S. 335 und 372). Am 28. August 
1820 verschied er. 

(Schindler I, S. 35, Th.-R., siehe oben und in denAbschnitten: Linke, 
Schuppanzigh. Bei Walter Nohl ein Bildniskopf des alten Kraft 
abgebildet. Hanslick in der „Geschichte des Concertwesens in Wien" 
ist irgendeiner Verwechslung zum Opfer gefallen, da er davon spricht, 
daB der alte Kraft noch 1824 sich den Daumen verletzt habe. Be- 
achtenswert Eitners „Quellenlexikon" Bd. V, C. F. Pohls „Haydn" 
[zur Tatigkeit Krafts beim Ftirsten Esterhazy bis zur Auflosung der 
Kapelle .1790].) 

Krankheiten. Beethoven wurde gelegentlich als ein Bild der Kraft 
und Gesundheit oder ahnlich so bezeichnet. Der erfreuliche Zustand 
des Wohlbefindens war aber oft genug unterbrochen worden. Es 
miiBten Wunder geschehen sein, wenn z. B. Beethoven von den sonst 
unvermeidlichen Kinderkrankheiten verschont geblieben ware. Sie 
gingen voriiber, ohne daB davon bestimmte Nachrichten Kunde geben 
wiirden. Nur von einer schweren Pockenerkrankung sind so viele 
sichtbare Folgen zuriickgeblieben, daB man Beweise der veranlassenden 
Krankheit vor sich hat. Je nach der Anlage des einzelnen gehen 
Masern, ROteln, Scharlach und ahnliche Ausschlage voriiber, ohne 
merkliche Spuren zuriickzulassen. In der Zeit vor den Schutzimpfun- 
gen war dagegen eine Blatternerkrankung eine besonders schwere 
Schadigung. Wer soil es wissen, welche Leiden alle sich bei Beethoven 
durch die Pocken vorbereitet haben. Nicht selten lassen sogar Kinder- 
krankheiten wie die angedeuteten Exantheme bleibende Schaden 
zuruck. Und wenn wir viele Einzelheiten vorausnehmen aus ganz 
bestimmten Angaben, so mtissen wir dem Freund Seyfried wider- 
sprechen, da er von Beethoven sagt (Anhang S. 13), daB er „Krank- 
heiten nie gekannt hat". Widerspricht er sich doch selbst, indem er 
kurz vorher (S. 11) schon von „korperlichen Leiden" gesprochen hatte. 
Bestimmte Angaben und Andeutungen sind in allerlei Berichten und in 



298 Krankheiteh 



Briefen verstreut. So soil im Fruhling und Sommer 1787 den Jiingling eine 
bedeutende Krankheit befallen haben (Th.-R. I, S. 218). Im Herbst 
desselben Jahres schreibt er selbst an den Advokaten Schaden in 
Augsburg, daB er mit der „Engbriistigkeit" behaftet sei, was auf Kurz- 
atmigkeit, wo nicht Asthma hindeutet, also auf eine Erkrankung 
der Atmung. 1801 schreibt er an Wegeler iiber sein abnehmendes 
dehor und iiber ein Leiden im „Unterleib", der schon damals (gemeint 
1 ist die Zeit von 1794 bis 1796) „elend" war. Bestandiger „Durchfall" 
< wird erwahnt. Dann berichtet das Fischhoffsche Manuskript von einer 
gefahrlichen Krankheit im Jahre der Berliner Reise. Thayer gibt zu, 
daB diese Erkrankung vielleicht geheimgehalten wurde. Die Mog- 
lichkeit, es sei die typhusartige Erkrankung gewesen, um welche schon 
1814 Dr. WeiBenbach wuBte, wird erortert (Th.-R. II, S. 19, 22). 
Beethoven schreibt 1801 von „schwacher Qesundheit", was von Thayer 
einfach als Ausrede abgetan wird. Schindler (I, S. 85) spricht von 
einer Erkrankung im Jahre 1802, die er nicht naher bezeichnet. Auch 
1804 ist von einer Krankheit die Rede (Th.-R. II, S. 428), und ins 
Jahr 1805 kann man die Brief stelle versetzen, die in einem Brief 

an den Bassisten Seb. Mayer vorkommt. Beethoven schreibt: Ich 

kann nicht kommen, indem ich seit gestern Kolikschmerzen, 
meine gewShnliche Krankheit, habe." Ich hebe die Stelle ihrer 
Wichtigkeit wegen hervor. Kein Zweifel, daB Beethoven entweder 
an einer chronischen Darmerkrankung litt oder durch oftmalige Fehler 
in der Art der Ernahrung nicht zu geordneter Verdauung gelangen 
konnte. 1807 auf 1808 fallt die Erkrankung an Panaritium (siehe 
bei: Hand). Eine Zahnerkrankung wird 1807 erwahnt (Th.-R. Ill, 
S. 33). Von wiederholtem Fieber, es braucht nicht gerade Intermittens 
gewesen zu sein, wird geredet im Dezember 1809 und Januar 1810. 
Ob wohl dieses Fieber und anhaltende Kopfschmerzen von 1810 auf 
1811 mit VerdauungsunregelmaBigkeiten zusammenhingen? Dr. Mal- 
fatti verordnete des Leidens wegen eine mehrmonatliche Kur in Teplitz 
(Th.-R. Ill, S. 268). In einem Brief chen an Zmeskall und einem 
Schreiben an Erzherzog Rudolph (Th.-R. Ill, S. 176), das wohl 1811 
fallt, ist von einem FuBIeiden die Rede, das iibrigens keineswegs be- 
denklich gewesen zu sein scheint. Am 15. Februar 1813 schreibt 
Beethoven an Freund Zmeskall: „Ich bin, mein liebe'r Zmeskall, seit der 
Zeit ich Sie nicht gesehen beinahe immer krank" (Th.-R. Ill, S. 373), 
wobei die Art der Erkrankung vOllig unklar bleibt. Von einer Gesund- 
heitsstorung weiB man auch durch Briefe vom Fruhling 1813 (Th.-R. 
Ill, S. 376). In den Jahren, als der Neffe bei Del Rips im Institut 
war, reihten sich allerlei Erkrankungen aneinander. Es waren meist 



Krankheiten 299 



Koliken (vgl. L. Nohl, „Eine stille Liebe zu Beethoven" S. 76, 79, 
136, 142, 163, 185, und Th.-R. IV passim). Bedeutender war ein „Ent- 
zilndungskatarrh", eine ,,grofie Krankheit", die vom 15. Oktober 1816 
mit Unterbrechung bis in den Juni 1817 dauerte. Die Unterbrechung 
bezieht sich darauf, daB Beethoven am 1. Marz 1817 schreibt, er be- 
finde sich ,,wieder in ziemlich gesundem Zustand" (Th.-R. IV, S. 42, 
44). Nach dieser Krankheitsperiode stellte sich wahrend der drei Mod- 
linger Jahre ein verhaltnismaBig gunstiger Stand der Gesundheit ein 
(Frimmel, „Beethovenforschung" 8. Heft S. 116ff.). Eine bemerkens- 
werte Erkrankung ist erst wieder im Spatjahr 1820 festzustellen, die 
bis in den Januar 1821 gedauert zu haben scheint („AIIgemeine musi- 
kalische Zeitung" 10. Januar 1821). Vielleicht war es eine Influenza, 
die man damals rheumatisches Fieber nannte. Im Sommer 1821 stell- 
ten sich dann ernstere Zeichen ein, die sehr deutlich auf eine Leber- 
erkrankung hinweisen. Es handelte sich um Gelbsucht (hepato- 
genen Icterus), woruber man aus Briefen unterrichtet wird. Diese 
Krankheit dauerte bis etwa Anfang September. Am 12. November 
1821 schrieb Beethoven unter anderem an Franz Brentano: ,,den Som- 
mer uber . . . war ich mit der Gelbsucht befallen, dies dauerte bis 
Ende aug. . . .". (Vgl. auch einen Brief an Erzherzog Rudolph vom 
18. Juli 1821. In diesem Schreiben ist auch von rheumatischen Zu- 
fallen im verflossenen Winter die Rede.) 

Im VorUbergehen sei an eine schmerzhafte Augenerkrankung er- 
innert, die sich 1823 einstellte. Einmal in jenen Jahren verbrannte 
sich Beethoven auch die Hand. 1 824 f allt die fiir Beethoven besonders 
anstrengende und aufregende Akademie mit einem deutlichen Choc 
danach. In den Briefen aus den nachsten Jahren haufen sich die 
Klagen Beethovens Uber „schwache Gesundheit", Magenschwache, 
Nasenbluten, und 1825 kehrte die sogenannte Gedarmentzundung 
mit groBer Heftigkeit wieder. Wahrenddem sich die Lebererkrankung 
deutlicher und immer deutlicher zeigte, hatte der Meister noch das 
Ungluck, sich auf der Heimfahrt von Gneixendorf nach Wien im No- 
vember 1 826 eine Pneumonie (Lungenentzundung) zu holen. Diese wurde 
zwar uberstanden, aber der todliche Verlauf der Leberkrankheit war 
nicht mehr zu andern. Beethovens wassersuchtiger Bauch muBte gegen 
Ende der Erkrankung punktiert werden. Die erste Punktion war am 
20. Dezember 1826, die zweite am 8. Januar 1827, die dritte am 2. Fe- 
bruar und die vierte am 27. Februar 1827 (vgl. L. Nohl, „Musikalisches 
Skizzenbuch" passim nach Wawruchs Bericht). Dann ging es rasch 
zu Ende (siehe bei: Letzte Noten, Letzte Worte, Testamente). Der 
Verlauf des Leidens ist typisch fiir Lebercirrhose, wie ich das schon 



300 Krankheiten 



1880 ausgesprochen habe. Den „ursachlichen" Zusammenhang ver- 
steht nattirlicherweise kein Mensch, nicht nur deshalb, weil er sicher 
bis auf undenkliche Zeiten zurttckreicht, sondern auch deshalb, weil 
nicht einmal alle veranlassenden Tatsachen zweifellos und felsenfest 
nachgewiesen sind. Der behandelnde Arzt Beethovens zielt auf den 
AlkoholgenuB als Hauptveranlasser der todlichen Krankheit hin. 
In der neueren Literatur begniigte man sich ubrigens einfach damit, 
Beethoven am Undank der Welt und an „Wassersucht" zugrunde 
gehen zu lassen. Mit diesen Phrasen habe ich schon 1880 aufgeraumt 
in meiner Arbeit „Beethovens Leiden und Ende" („Die Presse" Wien, 
8. September 1880). Man darf ja sicher nicht vergessen.daB die Fami- 
lienverhaltnisse mit der entarteten Schwagerin und dem damals heillos 
liederlichen undankbaren Neffen keineswegs dazu angetan waren, ein 
aufkeimendes Leberleiden zu unterdriicken, daB auch das Hinneigen 
des Wiener Publikums zu den blendenden Melodien des neuen Sterns 
Rossini dem Meister in den 1820er Jahren empfindliche Stiche ver- 
setzen muBte. Aber die Angelegenheit der kranken Leber stak doch 
tiefer und reichte mit ihren Wurzeln sicher weiter zuriick als aller 
Arger und alle Krankungen, auf die eben angespielt wurde. Thayer 
wuBte darum, daB Beethoven kein Tugendheld war und sich gelegent- 
lich Gefahren ausgesetzt hat, die fur die Gesundheit verderblich wurden. 
Er schrieb mir schon 1880 in diesem Sinne („Beethovenforschung" 
Heft 3, 1912, „Der Merker" 1912, S. 574). Vor wenigen Jahren ver- 
offentlichte auch Dr. Leo Jacobson auf Grundlage einer anderen Quelle 
bestimmte Verdachtsgriinde (,,Der Tag" 1919, 12. Dezember), auf die 
ich auch in meinem ,, Beethoven" Riicksicht genommen habe. Der 
Widerspruch, als sei eine Krankheit, wie die angedeutete, unvereinbar 
mit der sonstigen GroBe und Erhabenheit Beethovens, wird ganzlich 
hinfallig, wenn man die Sittengeschichte groBer Meister studiert. Man 
hat bei der Vorgeschichte der Beethovenschen Lebercirrhose die Wahl 
zwischen den Veranlassungen der chronischen Gedarmerkrankung, des 
habituellen Weingenusses und der ominOsen Lues, wozu endlich noch 
das verwickelte Zusammenwirken aller drei Faktoren kommt. Seit 
den 1890er Jahren sind manche Falle geheilter Lebercirrhose bekannt 
geworden, doch stand die Sache Beethovens gegen Ende 1826 schon 
so libel, daB man sie auch heute fur hoffnungslos halten wtirde. Bei 
hochgradiger Schrumpfung der Leber hilft eben keine arztliche Kunst 
mehr. Der Leichenbefund spricht zu deutlich. Er wird vollstandig 
mitgeteilt bei: Leichenoffnung. 

Die wichtigste Erkrankung Beethovens, das Gehorleiden, soil des 
besonderen behandelt werden im Abschnitt: Taubheit. 



Krems 301 

(Es gibt keine Lebensbeschreibung des Meisters, die nicht von dessen 
Gehorserkrankung und seiner Todeskrankheit Notiz nehmen wiirde. 
Den Krankheiten Beethovens ist das ganze Buch von Dr. Waldemar 
Schweisheimer gewidmet, „Beethovens Leiden, ihr EinfluB auf sein 
Leben und Schaffen". Auf meine Arbeit von 1880 ist im Text hin- 
gewiesen. Etwa noch zu beachten Kastners ,,Musikalische Chronik" 
1886, S. 53 und 55. Die besondere medizinische Literatur bleibt an 
dieser Stelle weg.) 

Krems. Die alte, mehrfach bemerkenswerte Stadt an der Donau, 
die von Beethoven beriihrt werden muBte, als er im Herbst 1826 
zum Bruder Johann auf dessen Gut nach Gneixendorf fuhr. Der Weg 
von Wien ftihrte auf der PoststraBe iiber Stockerau und Kirchberg 
a. Wagram nach Krems. Man fuhr von dort, sicher ohne langen 
Aufenthalt in Krems, sogleich nach Gneixendorf, und zwar auf der 
Langenloiser StraBe, bergaufwarts. Die alte StraBe, von der noch 
mehrere Stiicke erhalten sind mit alten Gebauden daran, war holperig, 
steinicht. Stellenweise verlief sie als Hohlweg zwischen schieferigem 
Urgestein. Der Weg bot dem Meister iibrigens einen mannigfachen 
Ausblick auf die befestigte Stadt mit ihren Kirchen, dem Pulverturm 
hoch am Ufer der Krems aufragend, weiterhin auf die Kirchtilrme 
der nahen Stadt Stein, auf feme Hohenzuge bis Gottweig, wo das riesige 
Stift iiber die Lande hinausschaut, auf die Donauniederungen und die 
vielen Weingarten im Vordergrunde. Die Kremser Gegend erinnert 
an die rheinischen Ufer unfern Bonns, was Beethoven auch in einem 
Brief aus Gneixendorf ausspricht. 

Nach allem, was man iiber den Herbst 1826 weiB, scheint Beethoven 
wahrend seines letzten Landaufenthaltes keinerlei lebhaften Verkehr 
mit Krems unterhalten zu haben. DaB die Gange zur Post, die sich in 
Krems befand, oft durch die Leute vom Landgut oder durch den Neffen 
besorgt wurden, der wohl auf alten Ktirzungswegen zur Stadt hinab- 
lief und heraufkam, ist anzunehmen. DaB die Spaziergange des 
Meisters gewohnlich auf die Felder und Weingarten in der Nahe Gneixen- 
dorfs beschrankt waren, ist ziemlich sicher. In Krems mogen ihn die 
begonnenen Arbeiten fur den Kaiser-Franz-Kettensteg einigermaBen 
gefesselt haben. In fertigem Zustand hat er ihn wohl nicht gesehen, 
denn der Eisensteg ist, laut Datierung, erst 1827 vollendet worden. 
Die Langenloiser StraBe fiihrt nahe beim Steg vortiber. Das Denkmal 
des Generals H. v. Schmidt, das 1805 errichtet worden war, liegt am 
entgegengesetzten Ende der Stadt, ziemlich weit von der Langen- 
loiser StraBe entfernt und braucht vom Meister nicht gesehen worden 
zu sein. 



302 Kren — Kreutzer 



(Eine reichliche topographische Literatur fiber Krems hat fur unsere 
Zwecke nur geringe Bedeutung und wird deshalb hier nicht aufgezahlt. 
Das Heinr. v. Schmidt-Denkmal ist von H. Reinhold nach Fr. Le 
Febvre 1819 radiert.) 

Kren, Michael (Vater und Sohn). Beide waren auf dem Gut Johanns 
van Beethoven in Gneixendorf bedienstet, zur Zeit, als der Meister im 
Herbst 1826 dort weilte (vgl. Frimmel, „Beethovenstudien" II, S. 154ff., 
und oben den Abschnitt: Gneixendorf). 

Krengel, Johann. War in Beethovens Jugendzeit ,,Stadtschul- 
meister" an einer Art Mittelschule, die Beethoven besuchte (Th.-R. I, 
S. 131 f, und Schiedermair, „Der junge Beethoven"). Ein Schul- 
genosse Beethovens, der spatere Landesgerichtsprasident Wurzer, 
teilt in seinen handschriftlichen Memoiren etwas iiber den jungen 
Ktinstler mit, das mit Vorsicht Beachtung verdient, mit Vorsicht, 
da die mitgeteilten Vermutungen nicht alle zutreffen. Denn Wurzer 
sagt: „Seine Mutter war damals aller Wahrscheinlichkeit nach be- 
reits verstorben, denn Louis v. Beethoven zeichnete sich ganz beson- 
ders durch Unsauberkeit, Vernachlassigung usw. aus." Das wider- 
spricht den Tatsachen. Denn Wurzer ging im Herbst 1781 von Krengels 
Unterricht ans Gymnasium Uber, Beethoven aber nicht, und Beetho- 
vens Mutter starb erst 1887 (siehe bei: Wurzer). Die Mitschulerschaft 
muB also noch in die Lebenszeit der Mutter fallen. Die ,, Unsauberkeit" 
und , ,Vernachlassigung" ist aber jedenfalls glaubwiirdig, da auch das 
Fischersche Manuskript davon spricht. 

Kreutzer, Konradin (geb. zu MeBkirch in Baden 1780, gest. zu Riga 
1849). Erhielt frilhzeitig Musikunterricht, widmete sich aber erst 
nach 1800 ganz der Musik. 1804 kam er nach Wien zu Albrechts- 
berger. Sein kleines, aber liebenswiirdiges Talent drang bald durch. 
Schon 1808 bei der beriihmten groBen Akademie zu Ehren Haydns 
saB er am Klavier (nach Th.-R. Ill, S. 60, wo der Stollsche Bericht 
benutzt ist). 1812 wurde er wurttembergischer Hof kapellmeister in 
Stuttgart, 1817 Kapellmeister des Fursten Fiirstenberg in Donau- 
eschingen. 1822 ging er wieder nach Wien, wo er seine Oper „Libussa" 
zur Auffuhrung brachte und von 1822 bis 1827 als Kapellmeister am 
Karntnertortheater wirkte. Wenn nicht schon fruher, so muBte 
Beethoven 1808 bei Gelegenheit der Haydn-Akademie auf den jungen 
Musiker aufmerksam werden. 1824 beteiligte er sich an der groBen 
Beethovenschen Akademie bei den Proben und bei der Auffuhrung. 
1827 am 22. Februar in einem Brief Beethovens an Schotts in Mainz 
heiBt es: ,,Ihren letzten Brief habe ich durch den Kapellmeister 
Kreutzer erhalten." Aus dieser trockenen Feststellung laBt sich nicht 



Kreutzer 303 

auf die Stimmung Beethovens Kreutzer gegeniiber schlieBen. Der 
jiingere Musiker hatte aber den hochuberlegenen Meister in jenen 
Jahren einmal verletzt und war bei diesem miBliebig. Durch Robert 
Hornsteins „Memoiren" (mitgeteilt in den „Siiddeutschen Monats- 
heften" 4. Jahrg., Heft 9, S. 303ff.) erfahrt man Genaueres daruber, 
das auf Schindlers Mitteilungen zuriickgeht. Kreutzer hatte den 
Meister in einer Theaterloge aufgesucht und „etwas auffallig als Kol- 
legen behandelt". ,,DarUber wurde Beethoven so wiitend, daB er 
ihm von da an jede Annaherung unmoglich machte." Als man merkte, 
daB es mit Beethoven zu Ende ging, wollte Kreutzer nicht, daB Beetho- 
ven im Groll von ihm scheide. Durchaus wollte er nochmals zum 
Meister, und er wurde dort durch Schindler eingeschmuggelt. „Beetho- 
ven erblickte plOtzlich den Konradin Kreutzer, drehte sich um . . . 
Kreutzer stammelte einige Worte der Entschuldigung und suchte ihn 
durch Bitten zu ruhren. Vergeblich! Er verharrte in seiner respekt- 
widrigen Lage, bis Kreutzer zur Tur hinaus war. Wenige Tage nachher 
starb Beethoven." Kreutzer begleitete den Leichenzug. 

(Zu Kreutzer die Musiklexika und Th.-R. Ill, S. 60, und V, S. 92, 
473, 495, iiberdies Frimmel, „Beethovenjahrbuch" II, S. 368f.) 

Kreutzer, Rudolf (Rodolphe) (geb. 1766 zu Versailles, gest. 1831 
in Genf). Der beruhmte Musiker und Geiger, uber den alle Nach- 
schlagebiicher Auskunft geben. Mit Beethoven wurde er im Kreise 
Bernadottes bekannt schon 1798, und zwar in Wien, wohin er den 
General begleitet hatte. Man muB auf einen freundschaftlichen Ver- 
kehr schlieBen. Hat doch Beethoven dem alteren Kunstbruder die 
Sonate fur Violine und Klavier, Op. 47, 1803 gewidmet. Auf der ersten 
Ausgabe, die einige Zeit danach bei Simrock in Bonn erschien, liest 
man: „Sonata / per il pianoforte ed un violino obligato Scritta in un 
(NB. statt ,uno' vor s impura) stile molto concertante / quasi come 
d'un concerto / composta e dedicata al suo amico / R. Kreutzer / 
membro del Conservatorio di musica in Parigi, primo Violino dell' 
academia delle arti e della camera imperiale / da L. van Beethoven 
Op. 47 / Bonn, presso N. Simrock, Prezzo 6 Frs (proprieta del editore." 
(Im Skizzenbuch von 1803 Entwurf des Titels mit Schreibfehler: stilo, 
statt stile.) Auf das Erscheinen der Sonate muBte der Meister lange 
warten. Sie erschien erst 1805. Im Herbst 1804, am 4. Oktober, 
schrieb Beethoven an Simrock um Auskunft iiber das lange Ausbleiben 
der Veroffentlichung. In diesem Brief kommt auch die Stelle vor: 
,,. . . dieser Kreutzer ist ein guter lieber Mensch, der mir bei 
seinem hiesigen Aufenthalt sehr viel Vergniigen gemacht, seine An- 
spruchslosigkeit und Natiirlichkeit ist mir lieber als alles Exterieur 



304 Kreutzersonate 



oder int6rieur aller Meister Virtuosen — da die Sonate fur einen tiich- 
tigen Geiger geschrieben ist, um so passender ist die Dedication an 
ihn. — ." Kreutzer muBte wohl Kenntnis davon haben, da6 das Werk 
nicht fiir ihn, sondern ursprUnglich fur Bridgetower bestimmt war. 
Vielleicht trug er dies dem jUngere'n Musiker nach. Er spielte die 
Sonate — niemals ! So teilte es W. Lenz mit, der sich auf Berlioz, „ Voyage 
musical" Bd. I, S. 261 beruft „. . . le celebre violon ne put il jamais se 
decider a jouer cette composition outrageusement intelligible" (im 
Lenzschen „Beethovenkatalog" III, S. 264). — (Zu Kreutzer die Nach- 
schlagebiicher von Fdtis, Gerber usw. bis zu den neuen Auflagen des 
Hugo Riemannschen „Lexikons", Nottebohm-Mies, „Zwei Skizzen- 
biicher von Beethoven" 1924 [Breitkopf & Hartel]. — Siehe auch 
die Abschnitte: Bridgetower, Bernadott und: Kreutzersonate.) 

Kreutzersonate. Unter diesem Namen geht gewohnlich die Sonate 
fiir Klavier und Violine Op. 47, die dem beriihmten Geiger Rudolf 
Kreutzer gewidmet ist. Geschrieben wurde sie 1803 fiir den Violin- 
virtuosen Bridgetower, der damals in Wien konzertierte (siehe bei: 
Bridgetower). Ries (,,Notizen" S. 82f.) teilt mit, daB diese Sonate in 
kurzer Zeit entstanden ist, „obschon ein Theil des ersten Allegros friih 
fertig war. Bridgetower drangte ihn sehr, weil sein Concert schon 
bestimmt war und er seine Stimme iiben wollte. ■ — Eines Morgens liefi 
mien Beethoven schon um halb funf Uhr rufen und sagte: Schreiben 
Sie mir diese Violinstimme des ersten Allegros schnell aus (Sein gewohn- 
licher Copist war ohnehin beschaftigt). Die Clavierstimme war nur 
hier und da notiert. Das so wunderschOne Thema mit Variationen 
aus F-Dur hat Bridgetower aus Beethovens eigener Handschrift im 
Concerte im Augarten, Morgens um 8 Uhr spielen miissen, weil keine 
Zeit zum Abschreiben war. — ■ Hingegen war das Ietzte Allegro in 
a / 8 A-Dur in der Violin- und Clavier-Stimme sehr schon abgeschrieben, 
weil es urspriinglich zu der ersten Sonate (Op. 30) in A-Dur mit Vio- 
line, welche dem Kaiser Alexander dediziert ist, gehorte. Beethoven 
setzte nachher an dessen Stelle, da es doch fur diese Sonate zu brillant 
sei, die Variationen, die sich jetzt dabei finden." Eine weitere Mit- 
teilung wurde von A. W. Thayer einer Aufschreibung entnommen, die 
"im Bridgetowerschen Exemplar der Kreutzersonate vom Geiger an- 
gebracht worden war (bei Thayer sogleich ins Deutsche iibertragen) : 
,, Beethoven Op. 47 betreffend. Als ich ihn zu Wien in dieser concer- 
tierenden Sonate begleitete, ahmte ich bei der Wiederholung des ersten 
Teiles des Presto den Lauf im 18. Takte der Pianofortepartie dieses 
Satzes in folgender Weise nach." Bei Thayer in der 1. und 2. Auflage 
und bei Th.-R. sind die Noten zu finden. Beethoven sei hoch erfreut 



Kreutzersonate 305 

gewesen, , .sprang auf, umarmte mich und sagte: ,Noch einmal, mein 
lieber Bursch!'. Dann hielt er das offene Pedal wahrend dieses Laufes 
auf dem Ton C bis zum neunten Takte aus." So Thayer naeh Mit- 
teilung Applebys. Nach C. Czerny teilt er mit, daB der erste Satz 
in vier Tagen komponiert und daB das markante Motiv des letzten 
Satzes einem Kreutzerschen Werke entlehnt sei. Bridgetower hatte 
sehr „extravagant" gespielt, so daB man ihn auslachte. Die Stelle 
bei Kreutzer, die Beethoven entlehnt haben soil, ist bis heute noch 
nicht gefunden (siehe bei: Bridgetower). Czerny hat auch eine An- 
deutung iiber die Tempi der Sonate an anderer Stelle gegeben, namlich im 
IV.Teil S. 84 seiner „Pianoforteschule", wo er das Adagio sostenuto mit 

J • =12, das Presto mit J= 144, das Andante mit J ■ = 80 und das 

letzte Presto mit J.= 88 ansetzt. 

Die Sonate, fur Bridgetower geschrieben, sei dann aber eines Zer- 
wQrfnisses wegen — ein Madchen soil dabei eine Rolle gespielt haben — 
einem anderen, namlich Kreutzer, gewidmet worden. So hatte in 
spateren Jahren Bridgetower einem Bekannten (Thirlwall) gegenuber 
sich geauBert (Th.-R. II, S. 397f.). 

Die Czernysche Mitteilung, daB der erste Satz in 4 Tagen kompo- 
niert worden sei, widerlegt sich selbst aus einer umfangreichen Skizze 
dazu, die schon vor der Ankunft Bridgetowers in Wien geschrieben 
worden sein muB. Ober diese Skizze, die Ludw. Nohl im Wereweti- 
nowschen Skizzenbuch studiert hat, berichtet der genannte Forscher 
in „Beethoven, Liszt und Wagner" S. lOOf. Es handelt sich also bei 
diesem ersten Satz der Kreutzersonate um ein schon skizziertes Werk, 
das freilich unmittelbar vor dem Konzert erst fertiggestellt wurde. 

DaB die Kreutzersonate technisch nicht leicht ist und in der Auf- 
fassung nur von echten Kunstlern bewaltigt wird, sei angemerkt. Die 
beste Auffflhrung, die ich gehort habe, war die durch D'Albert und 
Bronisl. Hubermann. D'Albert lieB das Klavier nur halb offen, jeden- 
falls um einen schmetternden Eindruck zu vermeiden. Auch Bruno 
Walter, der sie mit A. Rose" vorziiglich spielte, hatte das Klavier ge- 
schlossen. Welcher wohltatige Gegensatz zu dem MiBgriff, die Sonate 
zu orchestrieren 1 ! Im ersten Band seiner ,,Brahmsbiographie" (S. 28) 
berichtete Kalbeck von der ,,monstr8sen Umgestaltung", die 1835 in 
Hamburg vorgenommen worden ist. 

Die Kreutzersonate gehort heutigen Tages zu den viel gespielten 
und hat in manchen K5pfen viel Unordnung hinterlassen. Leo Tolstoi 
hat sich durch sie zu einem Roman ,,Die Kreutzersonate" anregen 
lassen. Es ist eine Schaudergeschichte mit Mord, die ziemlich sinnlos 

Frlmmel, Beethovenhandbuch. I. 20 



306 Krumpholz 



zu ihrem Titel gelangt ist. „. . . sie spielten die Kreutzersonate von 
Beethoven. Kennen Sie das erste Presto? . . Es ist etwas Schreck- 
liches um diese Sonate. . . namentlich um den ersten Teil derselben. . . 
Nach diesem Presto spielten sie das weniger hervorragende Andante, 
die faden Variationen und das ganz schwache Finale" ! ! ! Nun Tolstoi 
war kein Musiker. — Von der weiten Verbreitung der Sonate legt auch 
die bildende Kunst Zeugnis ab. RSne" Prinet hat ein Bild gemalt, 
das durch die Sonate und durch Tolstoi angeregt ist. Umarmung des 
Violinspielers und einer Dame (bekannt aus Seemanns „Die Meister 
der Farbe"). Balestrieris Bild ist gleichfalls durch Nachbildungen 
sehr bekannt. 

(AuBer der Literatur iiber Beethovensche Sonaten im allgemeinen 
vgl. besonders Wilh. Lenz, ,,Kritischer Katalog samtlicher Werke 
Ludw. v. Beethovens" [1860] S. 257. Bei Lenz ist auch der Bericht 
aus der ,, Allgemeinen musikalischen Zeitung" von 1805 mitgeteilt. 
„Beriot hat das Thema der Variationen seinem Tremolo zu Grunde 
gelegt." Lenz weist auf einen Zusammenhang mit Mozart hin. Eine 
Parallelstelle zur groBen „Leonoren-Ouverture"wird namhaft gemacht. 
— Nottebohm im „Thematischen Katalog" S. 46f. sagt: „Eine revi- 
dierte Abschrift ist im Besitz von N. Simrock in Bonn." Der letzte 
Satz war schon 1802 geschrieben worden. Die ganze Sonate war 1804 
druckfertig und erschien 1805 bei Simrock in Bonn. In Thayers 
,,Chronologischem Verzeichnis" ist S. 55 die ganze Stelle aus Ries 
wiederholt. Zu beachten auch B. Marx [Ausgabe von Behncke 1884] 
I, S. 303ff., „Die Musik" III, S. 47f., W. Hutschenruyter, „Pro- 
gramma van den Beethovencyclus", s'Gravenhage 1911, S. 219ff. 
Dort wird auch eine Personbeschreibung Bridgetowers mitgeteilt 
nach dem ReisepaB vom 27. juli 1803. Bridgetower war von vater- 
licher Seite Afrikaner und daher Mulatte. Manches ttber Rud. Kreutzer 
und die Kreutzersonate ist feuilletonistisch zusammengefaBt durch 
A. Kohut im „Hamburger Korrespondent" 17. November 1916.) 

Krumpholz, Wenzel (geb. vermutlich um 1750 und wahrscheinlich 
in Schlesien oder Mahren, gest. 1817 zu Wien). Vorziiglicher Violin- 
spieler und Mandolinenvirtuos, Mitglied des Theaterorchesters. Er- 
teilte Privatunterricht auf der Geige. Krumpholz war ein Bruder des 
bertihmten Harfenvirtuosen in Paris, J. B. Krumpholz. Wenzel 
Krumpholz gehorte zu den alten fruhen Freunden Beethovens. Schon 
etwa im Jahre 1800 fuhrte er bei Beethoven den jungen Dolezalek ein 
(Th.-R. II, S. 179), und auch der jugendliche Karl Czerny verdankt 
dem alten Krumpholz seine Einfiihrung beim Meister. Er scheint 
diesem bei Lichnowski nutzlich gewesen zu sein nach K. Czernys An- 



Krumpholz . 307 



deutungen in dessen Lebensbeschreibung („Jahresbericht von 1870 
des Konservatoriums der Gesellschaft der Musikfreunde" S. 4 und 9). 
Sicher eine der altesten Nachrichten iiber ihn steht bei Dlabacz im 
,,Ktinstlerlexikon ftir Bohmen" gedruckt (S. 144). Danach ware 
Krumpholz 1795 oder spater nach Wien gekommen. Dlabacz berichtet 
„lebt noch daselbst 1808". Ries in den „Notizen" (S. 119) weiB ganz 
bestimmt mitzuteilen, dafi Beethoven noch in Wien bei Krumpholz 
Violinunterricht genommen hat, und da8 er den alteren Freund ver- 
trauensvoll iiber seine neuesten Schbpfungen befragt habe. Einige 
beachtenswerte Mitteilungen iiber Krumpholz wurden vom Musiker 
F. GlOggl geboten, der sie 1857 in der „Neuen Wiener Musikzeitung" 
veroffentlicht hat (S. 132). Krumpholz verkehrte viel in der Familie 
Czerny. Er wird besprochen als „Violinist im Orchester des k. k. Hof- 
theaters, ein hochst geftihlvoller Kunstenthusiast und einer der ersten, 
welche Beethovens GroBe ahnten und erkannten. Er hing sich auch 
an Beethoven mit einer Beharrlichkeit und Aufopferung an, daB dieser, 
obschon er ihn immer nur ,seinen Narren' nannte, ihn als intimsten 
Hausfreund aufnahm, ihn mit jedem Compositionsentwurfe sogleich 
bekannt machte und ihm iiberhaupt das grOBte Vertrauen schenkte. 
Durch Krumpholz, welcher von 1797 an fast jeden Abend bei Karls 
Eltern [Karl Czerny ist gemeint] zubrachte, erfuhr nun auch dieser 
taglich, was Beethoven eben componierte etc. und wurde gleich ihm 
ftir diesen Tonheros enthusiasmiert". Auch Gloggl erzahlt, daB er den 
jungen Czerny bei Beethoven einfiihrte. Zur Erganzung der Gloggl- 
schen Mitteilung iiber Beethovens Vertrauen Krumpholz gegeniiber 
dient uns die Erzahlung des jungen Ries, der mit Krumpholz zugleich 
das erste Spiel des sogenannten , .Andante favori" durch Beethoven 
gehort hatte („Notizen" S. 102f.). „Es gefiel uns aufs hochste, und 
wir qualten ihn so lange, bis er es wiederholte. Beim Rtickweg am 
Hause des Fiirsten Lichnowski vorbeikommend, ging ich hinein, urn 
ihm von der neuen herrlichen Composition Beethovens zu erzahlen 
und wurde nun gezwungen, das Stuck, so gut ich mich dessen erinnern 
konnte, vorzuspielen." Lichnowski lernte bei wiederholtem Horen 
einen Teil des Stiickes. Nachsten Tages machte sich Lichnowski den 
unpassenden Scherz, zu Beethoven zu gehen und das Andante als eigene 
Arbeit auszugeben. „Beethoven war hieriiber sehr aufgebracht, und 
diese Veranlassung war Schuld, daB ich Beethoven nie mehr spielen 
horte." Ries sollte von nun an das Zimmer verlassen,wenn Beethoven 
spielte, so auch bei einer der ersten privaten Auffilhrungen aus der 
noch ganz neuen ,,Leonore". Da Ries nicht zugelassen wurde, gab es 
einen kleinen Auftritt Beethovens mit Lichnowski. Dem Freund 

20* 



308 Kudlich 



Krumpholz gegeniiber auBerte sich der Meister 1803, daB er nun im 
Schaffen einen neuen Weg betreten wolle. 

Das Ableben des alten Freundes am 12. Mai 1817 versetzte den 
Meister in tiefe Trailer, und zu den wenigen Werken aus jener Zeit 
gehort der Trauergesang aus „Wilhelm Tell": Rasch tritt der Tod den 
Menschen an (dazu Abschnitt: Hirsch). 

(Ober Wenzel Krumpholz vgl. die Musiklexika, einschlieBlich dessen 
von Grove [II, 1906], „Die Musik" III, S. 47, L. Nohl, „Beethoven 
nach den Schilderungen seiner Zeitgenossen", Kerst, ,,Erinnerungen" 
II, S. 195, die Literatur uber Beethovens Kompositionen fur Mando- 
line, Th.-R. II und III passim.) 

Kudlich, Johann (bei Th.-R. auch als Hermann und als Josef ver- 
zeichnet), war um 1820 Leiter einer Erziehungsanstalt in Wien. Als 
Beethovens Neffe 1818 endgitltig aus dem Institut Del Rio ausgetreten 
war, kam er vortibergehend in Kudlichs Institut, beziehungsweise 
wurde er von Kudlich unterrichtet, offenbar auch wahrend der kurzen 
Zeit, als er bei seiner Mutter Johanna v. Beethoven wohnte. Anfangs 
war der Meister fur Kudlich und seine Lehrart ganz Feuer und Flamme. 
Ein Schreiben an den Wiener Magistrat vom 1. Februar 1819 hebt alle 
VorzUge dieses Erziehungshauses hervor (Th.-R. IV, S. 555, „Die 
Musik" 2. Jahrg. Heft 6). Das Institut war in der Nahe der damaligen 
Wohnung Beethovens auf der LandstraBe gelegen. In Bockhs Nach- 
schlagebuch von 1821 („Wiens lebende Schriftsteller") wird es an- 
gefUhrt als Erziehungshaus von ,, Kudlich Johann. Auf der Land- 
straBe. ErdbergerstraBe Nr. 91". Es war damals noch ganz beschei- 
denen Umfangs, da Beethoven hervorhebt, daB der Neffe Karl nur 
allein mit einem Zogling sei. Bald aber schlagt die Begeisterung um. 
Die Beaufsichtigung des Neffen war bei Kudlich nicht streng genug, 
um die Mutter des Knaben und ihren verderblichen EinfluB fernhalten 
zu kOnnen. GroBte Unzufriedenheit stellte sich ein. Beethoven zogert 
sogar mit der Zahlung, allerdings vermutlich der Unklarheit wegen, 
in der gerade damals die Vormundschaftsangelegenheiten schwebten. 
Es wurde erwogen, ob der Knabe nicht zu Sailer nach Landshut 
geschickt werden solle. (Hiezu A. Sandbergers Studie in „Beethoven- 
aufsatze".) Endlich entschloB man sich zum Eintritt des Neffen ins 
Erziehungshaus Blochlinger. Dort trat er am 22. Juni 1819 ein. 
Kudlichs Institut wurde erst 1820 so ausgebaut, daB es als Erziehungs- 
haus gelten konnte. 1825 heiBt es in der , .Wiener Zeitung" vom Mai 
1825 (im Hauptblatt S.451), daB das „seit 1820 bestehende Erziehungs- 
haus" Kudlich vom Mai 1825 an im Sinaschen Gebaude Nr. 511 unter- 
gebracht ist, nicht mehr wie frliher auf der LandstraBe 93. 



Kubeck 309 



(Vgl. Th.-R. IV, S. 138, 555, Ludw. Nohl, „Beethovens Leben" III, 
S. 175, Walter Nohl, „Konv.-Hft." I, S.98f., 106, 126, 130, 161,229,289, 
„Die Musik" Dezember 1902, S. 403ff. und 409, Frimmel, „Beethoven- 
jahrbuch" I, S. 86. Siehe audi bei: Neffe: Schwagerin: Tuscherund: 
Vormundschaft.) 

Kiibeck, Karl Friedrlch Freiherr v. (geb. 1780, gest. 1855). Aus bur- 
gerlicher und wenig bemittelter Familie stammend, mit der Zeit zu 
Ehren und Wiirden gelangt. In den „Tagebuchern des Carl Friedrich 
Freiherrn Kubeck von Kttbau", die 1909 in Wien bei Gerold &Co. ver- 
offentlicht worden sind, finden sich mehrere Stellen, die von Beethoven 
handeln und jedenfalls furs Beethovenhandbuch von Wert sind. Kubeck 
kam als armer Student nach Wien im Oktober,wie es scheint vor 1795. 
Er lernte dort in einer Musikerfamilie „M . . . r" (ich vermute die Fa- 
milie des Bassisten Seb. Mayer) Beethoven kennen. Dieser nahm 
sich freundlich des jungen, mittellosen, musikalisch ein wenig, wenn 
auch nicht hochbegabten Mannes an und empfahl ihn in einem adeligen 
Hause fur den Unterricht der jungen Haustochter. Die Person- 
beschreibung Beethovens, die von Kubeck notiert wurde, ist folgende: 
,,Ein kleiner Mann, mit struppig emporwachsendem Haar ohne Puder, 
was seltsam laBt, ein von Blattern mishandeltes Gesicht, kleine blin- 
zende Augen und eine fortwahrende Bewegung aller Gliedmafien des 
Kbrpers. Er setzte sich zum Fortepiano und rneisterte das Instrument 
durch eine halbe Stunde zum Entziicken. Nina M . . . r, die lustige 
Tochter ihres kiinstlerischen Vaters, legte es nun darauf an, mich zu 
peinigen und stellte mich dem groBen Meister als einen vor kurzem 
aus der Provinz angekommenen jungen Ktinstler vor. Ich errotete, 
und es kamen mir iiber den Spott Tranen in die Augen. Beethoven 
sah mich mit Riihrung an, und sein sonst wildes Aussehen druckte 
sichtbar Theilnahme aus. Er verwies Nina ihren Mutwillen und sagte: 
,Wir wollen sehen, ob der knabische Jiingling Musiktalent habe. 
Aber heute nicht. Kommen Sie morgen — indem er sich zu mir 
wandte — da jage ich Alle aus dem Zimmer, und wir werden uns allein 
versuchen.' Ich kam, es war der 5. April [NB. offenbar 1796]". „Wie er 
es vorher sagte, waren wir bald allein. Er lieB mich, wohl eine Stunde, 
Verschiedenes spielen. Als wir fertig waren, sagte er mir: ,Mein Lieber, 
Sie haben kein besonderes Talent fur die Musik. Verlieren Sie damit 
nicht viel Zeit. Doch fehlt es Ihnen nicht an einiger Fertigkeit und 
strenger Schule. Die M.schen haben mich von Ihren sonstigen Ver- 
haltnissen unterrichtet. Ich kann Sie an einem Orte brauchen und 
Ihnen zugleich ntitzlich sein. Ich unterrichte eine junge Person einige 
Male in der Woche. Ofter kann ich nicht, und das ist nicht zureichend, 



310 Kubeck 



urn sie weiter zu bringen. Wollen Sie die Stiicke mit ihr taglich ein- 
studieren, deren Kunstvortrag ich sie dann lehren werde, so werde ich Sie 
empfehlen?"' Kubeck nahm den Antrag mit Freuden an. „Am8. April 
[1796] bestellte mich Beethoven zu sich und fiihrte mich an dem Orte 
auf, von dem er mir sagte. Vater, Tochter und eine Gouvernante 
machen die Familie aus. Sie sind aus Venedig. Der Vater [Marchese 
genannt] hat mit unserer Regierung geheime Geschafte und weilt 
darum in Wien ... Er heiBt M . . . n. Seine Tochter . . . heiM Julie, 
sie wird aber Litta genannt." Kubeck schildert die 13jahrige Tochter 
als sehr schOn. 

Der Marchese wies den jungen Kubeck an die (auf vielen Reisen 
gebildete) Gouvernante, ,,. . . welche mir vor Herrn von Beethoven 
sagte, daB ich taglich von 5 bis 6 Uhr abends kommen, in ihrer Gegen- 
wart mit der Kontessina Fortepiano spielen und iibrigens mich genau 
an die Weisungen des Herrn von Beethoven halten soil, wofiir ich 
monatlich 20 fl. erhalten werde. Falls ich so zufrieden sei, konne ich 
gleich morgen kommen. Ich nahm Alles an. Dem Beethoven hatte 
ich die Hande kilssen mogen, er lehnte aber alien Dank ab." 

Im Juni 1796 notiert Kiibeck: „Unsere Obungen in der Musik 
schreiten jetzt zur groBen Zufriedenheit Beethovens vorwarts, und 
ich selbst gewinne am meisten dabei. Der Wert des Fingersatzes und 
der strengsten Genauigkeit wird mir erst jetzt recht klar. Ich studiere 
die Stiicke, die Beethoven vorlegt, vorher selbst zuhause recht gut 
ein, dann (ibt sie die Kontessina unter meiner Aufsicht und Anleitung, 
und endlich lehrt sie Beethoven den eigentlichen Kunstvortrag. Die 
liebliche Kontessina ist jetzt ungemein fleiBig . . ." Aus einer Stunde 
wurden gewOhnlich zwei oder noch mehr, die Kiibeck im Hause des 
Marchese M. verbrachte. Der Unterricht dauerte auch im Juli fort. 
Im August bestand Kiibeck eine Priifung. In demselben Monat notiert 
der Studibsus: „Der Marchese gab eine groBe Gesellschaft, in der 
sich Kontessina unter Leitung Beethovens produzierte. Ich war 
ebenfalls eingeladen und zugegen. Litta hat ungeheueren Beifall er- 
halten. Sie sagte mir, es sei ihr so gut gegangen, weil sie immer an 
mich gedacht hat. Das Hebe Madchen!" Kubeck blieb dann vom 
8. September bis zum 14. Oktober in Znaim bei seinen Eltern, denn 
der Marchese und seine Familie verreisten. Am 17. Oktober kehrte 
der Marchese mit seiner schflnen Tochter wieder nach Wien zurtlck, 
und der Unterricht im Klavierspiel wurde fortgesetzt. Ohne Zweifel 
hat in jener Zeit sich auch Kiibecks Bekanntschaft mit Beethoven 
erneuert, der iibrigens den Unterricht bei der Kontessina im Januar 
1797 aufgab (nachholende Eintragung vom Marz 1797): „Beet- 



Kiigelgen 311 



hoven, was ich zu notieren vergaB, ist schon im Janner selbst aus- 
getreten. Der Mann ist anderweitig so sehr in Anspruch genommen 
und lehrt nur aus Gefalligkeit." Kiibecks Unterricht wurde am 
10. Marz [1797] abgebrochen, da der Marchese politischer Griinde 
wegen von Wien fort muBte. RUhrender Abschied. Nach einiger 
Zeit Wiederkehr der Kontessina und Wiederaufnahme des Unterrichts. 
— Kontessina wurde 1799 durch den Marchese mit einem reichen 
Venezianer verlobt. — Traurige Zeiten fur den jungen Kiibeck, der 
erst ins achtzehnte Jahr ging und die Kontessina mit der Sehnsucht 
erster Liebe anbetete. Sie liebte den jungen Lehrer nicht weniger. 
Der Marchese muBte also ein testes Band zerreiBen. Bei der Trennung 
im Mai 1799 erhalt Kiibeck Littas Bildnis. 

1801 wohnte Kiibeck in einem Hause des „Tiefen Grabens". Dort 
konnte er Beethoven gelegentlich gesehen, wohl auch gesprochen 
haben. Denn auch dieser wohnte damals in einem Hause derselben 
StraBe. Und so geschah es denn auch. Am 20. Februar wird ins 
Tagebuch eingetragen: „Wie sehr uberrascht war ich, als ich heute 
morgens, BeethovenI begegnete, der in seinem genialen Rennschritt 
auf mich loskam und seine Freude des Wiedersehens mir zu erkennen 
gab. Wir sprachen allerlei. Er fragte mich, ob ich recht noch Musik 
treibe. Gar nicht mehr; ich folge Ihrem Rate; Sie haben mir ja Talent 
dazu abgesprochen, und ich fuhle, daft Sie Recht hatten. Erbarmlich, 
wer sich mit Dingen abplagt, wozu er kein Talent hat. Darum ist der 
Mensch sozial, damit seine FQlle yon der ganzen Gesellschaft realisiert 
werde;jedes Individuum aber seinenTon — aber rein und vollkommen — 
zu der Harmonie liefere, nicht aber selbst die ganze Harmonie zu sein 
sich anmaBe. Beethoven: Nicht iibel, aber nicht wahr. Ich mag 
mit keinem Menschen umgehen, der immer nur einen Ton von sich 
gibt. Das ware ein langweiliger Kumpan, ware sein Ton auch noch 
so rein. Der Mensch representiert einzeln ebenso das Gesamtleben 
der Gesellschaft, wie die Gesellschaft nur ein etwas groBeres Indi- 
viduum vorstellt. Doch, was horen Sie von unserem groBnasigen 
Marchese und seiner engelschonen Tochter? Ich erzahlte kurz und so 
gefaBt als mijglich, was geschah. Er nahm Alles ziemlich gleichgiiltig 
auf und ging auf sein Lieblingsthema, die Politik liber, die mich sehr 
langweilt. Wir trennten uns. Ich nahm das Bildnis meiner Litta." 
(Nach Frimmel, „Beethovenforschung" Heft 2 vom Juli 1911.) 

Kiigelgen (Kiigelchen), Gerhard v. (geb. zu Bacharach 1772, er- 
mordet 1820 bei Loschwitz). Maler, der sich bald einen groBen Ruf 
machte. Doch kommt er als Maler fUr uns wenig in Betracht, sondern 
als Jugendfreund Beethovens, der nur in Bonn mit dem jungen 



312 Kiigelgen 



Meister zusammen war, im Kreise der Witwe Koch und vermutlich 
auch an der Universitat. Karl Ferdinand v. Kiigelgen war Zwil- 
lingsbruder Gerhards und wlrd oft mit diesem zusammen genannt. 
Wegelers „Notizen" S. 58f. berichten vom Gasthaus zum „Zehrgarten" 
der Witwe Koch in Bonn, daB Beethoven dort mit Eleonore v. Breu- 
ning, Romberg, Reicha und den Zwillingsbriidern Kiigelgen zusammen- 
kam. Auch bei der Witwe Breuning muB er mit ihnen verkehrt haben. 
Denn dort waren die Zwillinge wie zu Hause, und Mama Breuning 
mufite ihnen, die ,,tagliche Gaste" waren, verschiedenfarbige Ab- 
zeichen geben, um sie unterscheiden zu konnen, so ahnlich sahen sie 
sich (Oberlieferung in der Familie v. Breuning, siehe G. v. Breuning, 
„Aus dem Schwarzspanierhaus" S. 1 1 ff .)- Beide Brttder wurden Maler 
und hatten zur Zeit, als Beethoven noch in Bonn war, ungefahr die- 
selben Schicksale. 1791 gingen beide auf Kosten des Kurfttrsten nach 
Italien, 1795 nach RuBland, wo sich aber ihre Wege trennten. Gerhard 
kehrte nach Deutschland zuriick und wurde Professor an der Akademie 
in Dresden, wahrend Karl in RuBland blieb. Er starb 1832 in Reval. 
Wie oben erwahnt, war Beethoven an der neuen Bonner Universitat 
eingeschrieben. Karl Ferdin. v. Kiigelgen kommt dort gleichzeitig 
vor als eingeschriebener HOrer (vgl. Ernst Biicken, „Anton Reichas 
Leben und Kompositionen" [1912], und desselben, „Beethoven und 
Reicha" in „Die Musik" 1913, 2. Marzheft, siehe auch Abschnitt: Bil- 
dung und Th.-R. I, S. 245f.). Thayer vermutet, daB sie bei der feier* 
lichen Erbffnung der Universitat anwesend waren, nicht nUr Gerhard 
v. Kiigelgen, von dem bestimmte Nachrichten vorliegen, sondern auch 
Beethoven (vgl. F. Ch. A. Hasse, „Das Leben Gerhards v. Kiigel- 
chen", 1824, S. 37). Fur Beethoven ist die Sache freilich unsicher. 
(In den Nachtragen zum groBen „Ktinstlerlexikon" von FiiBli ist 
der Ktinstlername in ,,Ktichelgen" verandert. Dort alte Literatur- 
angaben. Auf Hasse ist schon hingewiesen. In mehreren Auflagen 
ist erschienen: Wilhelm v. Kiigelgen, ,,Jugenderinnerungen eines 
alten Mannes". — Eine Miniatur mit dem Bildnis Steffen v. Breunings 
hat sich in der Familie Breuning erhalten [mit „G. Kiigelgen . . . 1788" 
bezeichnet], desgleichen ein Medaillonportrat der Witwe Eleonore v. 
Breuning. Beachtenswert ist J. v. Hormayrs „Archiv fiir Gesch., 
Geographie usw. . . ." von 1820, S. 401 und 405 mit Benutzung alterer 
Literatur, sowie der lange Artikel Uber die Kiigelgen in der 7. Auf 1. des 
„Brockhausschen Konversationslexikons" von 1827. Sehr weit ver- 
zweigt ist die neuere Literatur uber die Kiigelgen, die in viele fremde 
Gebiete hintiberreicht, z. B. auch in die Goetheliteratur. Unter ande- 
rem zu beachten Leop. Kaufmann, „Bilder aus dem Rheinland" [Koln 



Kuffner — Kuhlau 313 



1884], und Herm. Riegel, „Geschichte des Wiederauflebens der deut- 
schen Kunst" S. 172, ferner die neueren Kiinstlerlexika, einschlieBlich 
Bottichers. — Das aquarelllerte Selbstbildnis G. v. Kiigelgens befindet 
sich zu Dresden im Stadtmuseum.) 

Kuffner, Christoph (geb. Wien 1777, gest. ebendort 1846). Dichter. 
Schon im kunstfreundlichen Vaterhaus versuchte er sich in Dichtkunst 
und in Musikiibung. Paul Wranitzky unterrichtete den jungen Kuff- 
ner in Gesang und Violinspiel. Mozart und Haydn gehorten zu den 
Freunden des Hauses. Doch wurde er nicht Kunstler von Beruf, 
sondern k. k. dsterreichischer Beamter, 1803 „Hofkriegsraths-Con- 
cepts-Praktikant, 1819 BQcher-Censor, 1831 Staatsraths-Concipist". 
Samtliche dramatische Werke von Chr. Kuffner erschienen in zwei 
Banden „bey Kaulfus und Krammer" 1825. Die gesammelten Schrif- 
ten Kuffners fullen 20 Bande, in deren letztem F. C. Weidmann 
(S. 349ff.) einen kurzen LebensabriB des Dichters gab. Diesem sind 
obige Angaben entnommen. Kalischer spricht ohne jede Begriindung 
(in der Zeitschrift ,,Euphorion" 1897, 3. Erganzungsheft) davon, daB 
Kuffner „zu den altesten Dichterfreunden Beethovens" gehort habe. 
Das ist auf alle Falle unrichtig und leicht zu widerlegen. 1808 erst 
kommt Kuffner wenigstens mit Wahrscheinlichkeit in Beethovens 
Kreisen vor. Er soil nach Czernys allerdings bestimmter Mitteilung mit 
Beethoven gemeinsam die Worte zur „Chorfantasie" gestaltet haben 
(Th.-R. Ill, S. 110, IV, S. 29, Nottebohm, „Beethoveniana" II, S. 503). 
1813 stand er mit Beethoven in Verbindung, der den Triumphmarsch zu 
Kuffners Drama „Tarpeja" komponierte. (,,Tarpeja" steht im Bd. II 
von ,, Samtliche dramatische Werke von Chr. Kuffner" S. 128ff. wieder 
abgedruckt.) Es ist bekanntlich kein hervorragendes Werk und 
scheint den Tonkiinstler nicht ganz gepackt zu haben. Aber ein spate- 
res Werk Kuffners, einOratorium „Saul" oder„David und Saul" konnte 
den Komponisten geradewegs fesseln. Aus den Gesprachen ist das 
zu entnehmen, die aber schon in zu spate Zeit fallen, 1826, um mit 
irgendwelchen Skizzen des Meisters in Zusammenhang gebracht werden 
zu kcmnen. Nebenbei bemerkt, war Kuffner unter den Kunstfreunden, 
die 1824 dem Meister die ehrende Adresse unterzeichneten. Ob ein 
Brief chen, das ich 1888 in einer Zeitschrift ,,An der schonen blauen 
Donau" veroffentlicht habe, und das bei Th.-R. V, S. 258 auf Kuffner 
bezogen wird, nicht doch an Schindler gerichtet ist, bleibt vorlaufig 
unentschieden. (Gesprachsheft vom April 1826 enthalt viele AuBe- 
rungen Kuffners und die Erinnerung an eine Mondnacht im Fischerhaus 
bei NuBdorf [siehe bei: Klippel].) 

Kuhlau, Friedrich (geb. 1786 zu Olzen in Hannover, gest. 1832 zu 



314 Kuhlau 



Lyngbye bei Kopenhagen), der bekannte Tonkunstler, dessen leichte 
Sonatinen noch heute beliebte Unterrichtsstilcke sind. Er schrieb 
auch Opern und anderes. Als er 1825 nach Wien kam als danischer 
Konzertmeister, fuhlte er begreiflicherweise das Bediirfnis, unseren 
Meister kennen zu lernen. Seyfried berichtet dariiber (in den „Stu- 
dien", Anhang S. 24ff.), daB Haslinger zum Zweck der Zusammenkunft 
fur Kuhlau und einige andere Musiker einen Ausflug nach Baden ver- 
anstaltete, wo Beethoven den Sommer verbrachte. Professor Sellner 
vom Konservatorium scheint die Gelegenheit benutzt zu haben, den 
Meister personlich kennen zu lernen. Er war gleichzeitig mit Holz 
und Konr. Graf ebenfalls bei der Partie. Man machte einen anstrengen- 
den Spaziergang. „Da muBten denn alle Lieblingsplatze aufgesucht 
werden, und zwar keineswegs auf den gebahntesten Wegen. Bald 
hieB es gemsenartig klettern zu Rauhenecks und Rauhensteins Ruinen", 
von deren Zinnen man die in der Tat herrliche Aussicht genoB. Beetho- 
ven voran, ergStzte sich an der Unbeholfenheit des Gehens und Laufens 
der stadtischen Gaste auf den schlechten Wegen. Ein Mittagsmahl, 
das im Helenental bestellt war, verlief uberaus heiter. AuBer der 
erwahnten Gesellschaft waren keine Gaste da, und man fuhlte sich 
ganz ungestort. Schindler sah sich hinterher veranlaBt, Blatter, die 
offenbar etwas starke Witze enthielten, aus dem Gesprachsheft heraus- 
zureiBen. „Hatte schon hier der perlende Sillery mehr noch als 
seine Schuldigkeit getan, so vollendete der in Beethovens Wohnung 
zum Johannissegen reichlich flieBende Voslauer vom besten Ge- 
wachs das begonnene Werk. Der joviale Hauspatron war in der liebens- 
wtirdigsten Laune, von welcher sich auch seine Freunde, ohne die 
Granzen der Wohlanstandigkeit zu ilberschreiten, mit fortgerissen 
fuhlten. Kuhlau schrieb aus dem Stegreif einen Canon iiber den 
Namen Bach, und Beethoven weihte dem Andenken dieses genuB- 
reichen Tages nachstehendes Impromptu." Es folgt in Noten der 
Kanon: „Kiihl nicht, lau nicht . . .", wozu Beethoven die Nachschrift 
beifiigte: ,,Ich muB gestehen, daB auch mir der Champagner gestern 
gar sehr zu Kopf gestiegen, und ich abermals die Erfahrung machen 
muBte, daB dergleichen meine Wirkungskrafte eher unterdriiCken, als 
befOrdern, denn so leicht ich sonst auf der Stelle zu antworten im 
Stande bin, so weis ich doch gar nicht mehr, was ich gestern geschrieben 
habe. Erinnern Sie sich zuweilen Ihres Ergebensten Beethoven m. p. 
Baden am 3. September 1825." Was Beethoven tags vorher ins Ge- 
sprachsheft geschrieben hatte, entspricht nicht genau dem Kanon, 
den Kuhlau zur Erinnerung erhielt. Dazu auch ein hastiges, etwas 
verworrenes Briefchen an Holz, der gebeten wird, den Kanon an Kuhlau 



„Kunst- und Industrie-Comptoir" 315 

zu ubergeben. Aus dem „Konversationsheft" erfahrt man dann audi, 
daB Beethoven einen Gegenbesuch bei Kuhlau versucht hat. Zweimal 
war er vergeblich dort (Th.-R. V, S. 240). (Vgl. Thayer, „Chronolo- 
gisches Verzeichnis" S. 155, und Th.-R. V, S. 234ff.) Wie Thayer 
aus den Gesprachsheften mitteilt, „scheint sich Haslinger etwas (iber- 
nommen zu haben". Wurfel ware noch hinzugekommen. (Siehe 
auch bei: Sellner, WeingenuB, Wurfel.) 

„ Kunst- und Industrie-Comptoir" in Wien. Unternehmen, das vom 
Anfang des 19. Jahrhunderts bis 1814 far Wien und Beethoven von 
Bedeutung war. 1801 suchte Jos. Schreyvogel (Karl August West 
mit dem Decknamen), angeregt durch Jakob Hohler nach dem Vorbild 
des Weimarer Kunst- und Industrie-Comptoirs in Wien eine ahnliche 
Anstalt zu griinden (,,Journal des Luxus und der Moden", November 
1802, S. 634 ff., Meusels „Archiv fur Kiinstler und Kunstliebhaber" 
I, 1804, S. 15ff., G. Glossy, „Jos. Schreyvogel, eine biographische 
Skizze als Einleitung zu dessen Tagebuchern" 1903, Frimmel, „Lexi- 
kon der Wiener Gemaldesammlungen" II, S. 475ff.). Es nannte sich 
,, Bureau des arts et de l'industrie". In vielen Briefen Beethovens 
kommt es als „Industriecomptoir" vor. Man pflegte dort die graphi- 
schen Kiinste, den Notenstich, gab wertvolle Musikalien und bedeu- 
tende Kupferstiche nach guten Gemalden heraus. Anfangs bliihte 
das Unternehmen. Dann trubten sich die Aussichten durch Zwistig- 
keiten und Rechtsstreitigkeiten zwischen Hohler und Schreyvogel 
und nicht zuletzt durch den Staatskrach von 1811. Als Mitbegrilnder des 
Kontors sind auch Dr. Joh. Siegmund Rizi und Dr. Jos. v. Sonn- 
leithner anzufiihren. 1814 kam das Ganze ins Wanken, als Schreyvogel 
sich wieder der Dramaturgie zuwandte und Hoftheatersekretar wurde, 
wie er es schon in der Zeit gegen 1802 gewesen war. Hohler fiihrte 
das^Kontor weiter bis 1826, nachdem ein Konkurs iiberstanden war. 
Nach Schindler (II, S. 277) ist der ganze Verlag schlieBlich an Tobias 
Haslinger ubergegangen. Die Verbindung des Kontors mit Beethoven 
ist schon 1802 vollzogen worden. Die Sonnenfelssonate Op. 28 ist 
damals im Kunst- und Industrie-Comptoir erschienen (angezeigt in 
der ,, Wiener Zeitung" vom 14. August 1802). Bald folgten andere 
Werke Beethovens von nicht geringerer Bedeutung, unter denen 
hervorzuheben sind: die B-Dur-Symphonie, die Klavierkonzerte in 
C-Moll und in G-Dur, die Rasumowskyquartette, die „Coriolan"- 
Ouverture, die Violinromanze Op. 50. 

Auch gehSren diesem Verlag an die 4handigen Marsche Op. 45 und 
die zwei Klaviersonaten Op. 49, die Bagatellen Op. 33, das sogenannte 
,, Andante favori". 



316 Kunz & Co. — Kurzsichtigkeit 

(Siehe Thayer, „Chronologisches Verzeichnis", Nottebohm, „The- 
matischer Katalog", „Fuhrer durch die Beethovenausstellung der 
Stadt Wien" 1920, Nr. 448 und 469 ff., Th.-R. II und III nach Re- 
gister, Ludw. Nohl, „Beethovens Leben" 1. Aufl. II, S. 498. — Siehe 
auch bei: Cappi und: Schreyvogel.) * 

Kunz & Co. Wiener GroBhandlungshaus zu Beethovens Zeit. Der 
Meister hatte jedenfalls irgendwelche Verbindung mit diesem Haus. 
Auf der Badener Beethovenausstellung von 1920 durch Herrn Kapell- 
meister Rudolf Nilius ein Briefchen Beethovens ausgestellt, das an 
dieses Handlungshaus gerichtet ist und folgendermaBen lautet: 

,,P. S. Die Herrn Kuntz und Kompagnie sind hbflichst ersucht, 
beyliegende 3 Gesange Von Goethe an Breitkopf und Hartel nach 
Leipzig zu befordern — je Geschwinder, je besser, dero ergebenster 
Diener Ludwig Van Beethoven." 

Es handelt sich um Op. 83, das 1810 entstanden und im November 
1811 erschienen ist. (Ober Op. 83 vgl.: Lieder.) Kunz & Co., geleitet 
von Gottfried Kunz und Gotthold Kunz, die ihre „Schreibstube und 
Niederlage am Hohenmarkt Nr. 592 zu ebener Erde" hatten. Die 
Hausnummer kann auch 582 gewesen sein (vgl. die Jahrgange 1810, 
1811 und 1812 des „Handlungs-gremial-Schemas" von Wien und Frim- 
mel, „Die Beethovenausstellung in Baden" in der „Wiener Zeitung" 
vom 15. August 1920). 

Kurzsichtigkeit (Myopie). Beethovens Augen waren kurzsichtig. 
Im allgemeinen berichten Breuning und Grillparzer davon (Breuning, 
„Aus dem Schwarzspanierhause" S. 65, und Grillparzer, „Samtliche 
Werke" Bd. VII, S. 109f.). Aus den erhalten gebliebenen Brillen und 
dem Nachweis einer Doppellorgnette, die er lose an einer langen Kette 
oder einer Schnur trug, kann man schlieBen, daB eine Nachhilfe beim 
Sehen notwendig war. Denn aus reiner Ziererei hat ein Beethoven 
keine Brillen aufgesetzt. Nachzuhelfen war bei einer mittleren 
Kurzsichtigkeit, und Seyfried (in der Zeitschrift „Caecilia" IX, S. 21 8f.) 
ist wohl im Irrtum, wenn er von „concaven sehr scharfen Brillengla- 
sern" spricht. Vielleicht hat er solche einmal bei Beethoven vor- 
gefunden, doch sind die Brillen, die sich durch Schindlers Obsorge 
erhalten haben, keineswegs sehr scharf. Sie kamen durch den Genann- 
ten an die Berliner Bibliothek, wo ich sie vor Jahren (1880) durch 
Dr. Kopfermanns Freundlichkeit genau besichtigen konnte. Scharfe 
Glaser durften von Beethoven nur ausnahmeweise benutzt worden 
sein. Was A.Ch. Kalischer laienhafterweise in „DieMusik" II. HeftS. 12 
und 13 ilber den Gegenstand vorbringt, kann nicht anerkannt werden. 
Dagegen hat man die Arbeit von Prof. Hermann Cohn in der „Wochen- 



Lablache — Lachner 317 



schrift fur Therapie und Hygiene des Auges" 1901 auf 1902 Nr. 32, 
S. 5 zu beachten und die Bemerkungen Dr. Schweisheimers in seinem 
ersten Artikel iiber „Beethovens Krankheiten" in der „Mtinchener 
medizinischen Wochenschrift" von 1920 Nr. 51 (vgl. auch ,,Zentral- 
zeitung fur Optik und Mechanik" 1917 S. 227) und danach die Notiz 
in „Bohemia", Prag 8. Juli 1917 Nr. 185 und die „0sterreichische 
Volkszeitung" ungefahr derselben Zeit. Wiederholt ist von Beetho- 
vens Augen und seiner Kurzsichtigkeit die Rede in meinen Arbeiten 
iiber den Meister, unter anderem in den „Beethovenstudien" Bd. I, 
S. 161. — Siehe auch Th.-R. II, S. 566, Schindler II, S. 56. 

GewiB ist Beethovens Wesen durch die Kurzsichtigkeit beeinfluBt 
worden, da er ja nicht, wie die meisten seiner Mitmenschen, sicheren 
Blickes in die Feme schweifen konnte, also auch beim Erkennen von 
Bekannten aus der Entfernung in Verlegenheit kam. Beachtenswert 
dies, auch wenn die Storungen des Wohlbefindens durch die Kurz- 
sichtigkeit nicht annahernd so empfindlich waren, wie die durch das 
mangelhafte Horen. -r- StOrend scheint eine Erkrankung der Augen 
(wohl eine Konjunktivitis) im Jahre 1823 gewirkt zu haben. 

L. 

Lablache, Luigi (geb. 1794 zu Neapel, gest. daselbst 1858), Sanger 
von Bedeutung. Wahrend der letzten Lebensjahre Beethovens in 
Wien als Opernsanger angestellt. Er hat als solcher gewiB Beethoven 
gekannt. Er verkehrte bei Del Rios (Th.-R. IV, S. 519). Naheres Uber 
einen persSnlichen Verkehr ist vorlaufig nicht zu berichten, und daB 
1827 Lablache beim Requiem far Beethoven am 3. April in der Au- 
gustinerkirche mitgewirkt hat, ist wohl ein Zeichen von Verehrung far 
den Meister, beweist aber nichts dafiir, daB der Sanger in nahem Um- 
gang mit Beethoven gelebt und die letzten Worte vernommen hatte, 
wie sie von Lablache wiedergegeben worden sein sollen. Es ist weder 
iiberliefert, noch irgendwie wahrscheinlich, daB man Lablache beim 
sterbenden Kotnponisten vorgelassen hatte. (Siehe bei: Letzte Worte. 
— Ober Lablache vgl. die Musiklexika, einschlieBlich derer von H. Rie- 
mann und G. Grove. — Ein Bildnis des Sangers, auf Stein gezeichnet 
von J. Kriehuber, war 1920 im Wiener Rathaus ausgestellt als Nr. 381 
der Beethovenausstellung.) 

Lachner, Franz (geb. 1803 zu Rain in Oberbayern, gest. 1890 zu 
Munchen), berUhmter Musiker, der in den 1820er Jahren wiederholt 
mit Beethoven zusammentraf und ganz wohl in den Kreis des Meisters 
einzubeziehen ist. 1822 war Lachner nach Wien gekommen, wo er 



318 Lachner 

bald wichtige Verbindungen ankniipfte, unter anderem mit dem jungen 
Franz Schubert und dem betagteren Beethoven. Uber die Bekannt- 
schaft mit diesem schrieb Lachner selbst in den „Munchener Neuesten 
Nachrichten" vom Juni 1882 in dem „Erinnerungsblatt an Schubert 
und Beethoven", das in derselben Zeitung am 20. oder 21. Januar 1890 
aus AnlaB von Lachners Ableben wieder zum Abdruck kam und von 
dort in viele Tagesblatter (iberging. (Nach Angabe des „Zentralblattes 
der deutschen Musikwissenschaft" von 0. Wille und A. MeiBner Heft 1, 
1890, S. 7. Siehe auch „Munchener Allgemeine Zeitung" vom 13. Fe- 
bruarl890[BeilagezuNr. 44], „ Hamburger Signale fur die musikalische 
Welt" 1892, 5. Marz, Nr. 11, J. Lewinsky, „Vor den Kulissen" II, 
[1882].) Kerst „Erinnerungen" I, S. 294f. Der Abdruck, den ich 
hier von der fur uns wichtigsten Stelle gebe, entspricht dem „Abend- 
blatt der Neuen freien Presse" vom 22. Januar 1890. Lachner 
schrieb: „Wenn mir Wien durch Gluck, Mozart, Haydn und Beet- 
hoven geheiligt erschien, so war insbesondere das damals schon 
ruhmgekrbnte Wirken des Letzteren fur mich von dem hochsten 
Interesse. Kein Wunder daher, daB es von dem ersten Augen- 
blicke meines Verweilens in Wien an mein groBter Wunsch war, 
ihn zu sehen und seine personliche Bekanntschaft zu machen. Ihn zu 
sehen, war in den letzten Jahren seines Lebens in dem Gasthause 
,zur Eiche' auf der Brandstatte regelmaBig jeden Samstag Abends 
Gelegenheit gegeben. Beethoven fand sich dort ein, urn sein Lieb- 
lingsgericht zu sich zu nehmen, dazu Regensburger Bier zu trinken 
und dann eine Pfeife Tabak zu rauchen. Er hatte dort in einem Winkel 
sein Tischchen, an welches sich aus Respekt Niemand weiter setzte. 
Sehr haufig besuchten in Wien anwesende Fremde dieses Local, bios 
urn Beethoven zu sehen. 

„Mir war es vergonnt, seine persOnliche Bekanntschaft im Streicher- 
schen Hause zu machen. Dasselbe war damals der Sammelplatz 
aller auf Musik einwirkenden PersOnlichkeiten; so kam es, daB auch 
ich, wenn auch bios Organist und ausiibender Clavierkunstler, Zutritt 
fand. Eines Tages war ich allein dort und saB am Fltigel neben Nanette 
Streicher, welche eben das groBe B-Dur-Trio von Beethoven Op. 97 
studirte. Da trat plotzlich Beethoven, auf dessen Hauswesen Frau 
Streicher viel EinfluB hatte, in das Zimmer, eben als wir bis zum An- 
fang des letzten Satzes gekommen waren. Er horte unter Anwendung 
des stets in seiner Hand befindlichen Horrohres einige Augenblicke 
zu, zeigte sich aber alsbald mit dem zu zahmen Vortrage des Haupt- 
motivs des Finales nicht einverstanden, sondern beugte sich iiber die 
Clavierspielerin hinttber und spielte ihr dasselbe vor, worauf er sich 



Laibach — Landaufenthalt 319 

alsbald wieder entfernte. Jch war von der Hoheit seiner Erscheinung, 
seinem energischen Auftreten und der unmittelbaren Nahe seiner im- 
posanten Personlichkeit in solchem Grade aufgeregt und erschuttert, 
daB ich geraume Zeit brauchte, bis ich wieder in ruhige Verfassung 
kam. Ein zweitesmal traf ich ihn bei dem beriihmten Abbe" Stadler, 
dem Componisten des Oratoriums ,Das befreite Jerusalem' und meh- 
rerer Sonaten und Fugen, bekannt auch durch seine im Jahre 1826 
herausgegebene Vertheidigung der Echtheit des Mozartschen Requiems 
gegen die Angriffe Gottfried Webers. Beethoven hielt sich jedoch 
nicht lange dort auf und erwiderte, als Stadler mich ihm vorstellte: 
,Ich habe ihn ja bereits gesehen.' 

„Spater besuchte ich Streicher in Baden und traf in seiner Gesell- 
schaft mit Beethoven auf der Promenade zusammen. Bei dieser Ge- 
legenheit war es, wo Streicher Beethoven um die Erlaubnis bat, mich 
zu ihm fiihren und ihm eine meiner Compositionen vorlegen zu diirfen. 
Dies wurde freundlich zugestanden, und bei meinem alsbald erfolgen- 
den Besuche hatte ich mich einer auBerst giitigen, mich in hohem 
Grade entzuckenden Aufnahme zu erfreuen. Beethoven las die von 
mir mitgebrachte Claviersonate in A-Moll genau durch, anderte daran 
eigenhandig einige Tacte und stellte sie mir dann unter aufmunternden 
Worten und mehrfachen AeuBerungen seiner Zufriedenheit zurttck. 
AuBerdem sah ich Beethoven auch noch bei den Proben zu der im 
Karntnerthortheater veranstalteten AuffQhrung der Neunten Sym- 
phonie. Beethovens Einwirkung auf die Proben war (ibrigens wegen 
seines damals schon weit vorgeschrittenen Gehorleidens nicht vor- 
theilhaft. 

„Leider war es mir bald darauf beschieden, die Nachricht von dem 
am 26. Marz 1827 eingetretenen Ableben des noch nicht 57jahrigen 
Tonheros zu vernehmen und Theilnehmer des seiner Leiche folgenden 
hochst groBartigen Zuges zu sein." 

(In der ausgebreiteten Literatur tiber Franz Lachner ist oft von 
Beethoven die Rede. — Siehe auch Schindler II S. 177 neben der 
Literatur, die oben genannt ist. Im allgemeinen ist auch zu nennen 
die Literatur uber Schwind, Schubert und andere, die dem Lachner- 
kreise angehoren. Siehe auch bei: Opernplane.) 

Laibach, Philharmonische Gesellschaft in. Ernannte den Meister 
1819 zum Ehrenmitglied (siehe: Ehrungen). Die Gesellschaft war 1702 
gegriindet worden als eine der altesten Musikvereinigungen in Mittel- 
europa. Nach mannigfaltigen Drangsalierungen endete sie 1921 (zur 
Aufhebung vgl. „Neues Wiener Tageblatt" 10. Juni 1921). 

Landaufenthalt. Beethoven war von Kindheit an gewohnt, die 



320 Landshut — Langenlois 

Jahreszeit der langen Tage fur Spaziergange auszunutzen. Dies er- 
gibt sich, wenn man im Fischerschen Manuskript nur ein wenig zwischen 
den Zeilen lesen will. Denn von vielen Ausfliigen in Bonns Umgebung 
ist die Rede, und zur Zeit, als er schon mit Breunings bekannt war, 
durfte er mit dieser Familie jeden Sommer in Kerpen verbringen. 
Wie er es in den ersten Jahren der Wiener Zeit gehalten hat, ist nicht 
bekannt, nur weiB man sicher um Besuche in den landschaftlich sehr 
verlockenden Umgebungen des alten Wien. Der Sommer in Heiligen- 
stadt von 1802 ist dann allbekannt, und daran reihen sich alljahrliche 
Landaufenthalte. Im Riedel-Amadeischen „Notizbuchlein", das zu- 
gleich das alteste erhaltene Gesprachsheft bildet und etwa 1815 auf 
1816 benutzt worden ist, kommt die Aufschreibung vor „Karte von 
den nahen Umgebungen von Wien landaufenthalt suchen — 12 fl" 
(erste Mitteilung in ,,Neue Zeitschrift fur Musik" 1889, S. 536). Das 
vorliegende Handbuch widmet mit Absicht den Landaufenthalten des 
Meisters erhohte Aufmerksamkeit, da in den bisherigen Schriften bis 
in die neueste Zeit auf die Sommersitze so wenig geachtet worden ist, 
daB nicht einmal die Register auf die Orte RUcksicht nehmen. Will 
jemand mit Hilfe der Register (auch bei Th.-R. und Schiedermair) 
etwas uber Baden, Heiligenstadt, Hetzendorf, Kerpen, Modling, Pen- 
zing und wie die Orte alle heiBen, auffinden, so ist er ganzlich auf dem 
Holzwege, deshalb sind den meisten Orten von Bedeutung, an denen 
Beethoven geweilt und besonders tibersommert hat, im Handbuch 
eigene Abschnitte gewidmet. Damit soil eine Vorarbeit fur ein Itinerar 
des Meisters geboten sein. 
(In bezug auf Landaufenthalte vgl. auch : Natursinn und:Wohnungen.) 
Landshut. Zwar kein Aufenthaltsort des Meisters, aber oft genannt 
als beabsichtigter Unterkunftsort fur den Neffen Karl im Jahre 1819. 
(Vgl. Walter Nohl, ,,Konversationshefte" Bd. I passim und die Ab- 
schnitte: Neffe und: Sailer.) 

Langenlois. Zu Beethovens Zeiten ein bluhender Markt, seit dem 
Februar 1925 Stadt. Im „Topographischen Landschematismus von 
Niederosterreich" (von Steinius, 1822) steht es als landesfiirstlicher 
Markt mit 424 Hausern. Unter den beigefugten Angaben auch: „Die 
nachste Poststation zur Abgabe der Briefe ist Krems." Beethoven 
war von Gneixendorf aus mindestens einmal in Langenlois und dies 
in Begleitung des Bruders Johann, des Gutsherrn von Gneixendorf, 
der geschaftlich in Langenlois zu tun hatte. Eine Langenloiser Uber- 
lieferung, die als einwandfrei bezeichnet wird (in „Kunstwanderungen 
durch die Heimat in Wort und Bild" von Schulrat Friedr. Widter, 
7. Ausflug von Dr. Fritz Dworschak, S. 20) sagt, daB Beethoven in 



Latzel 321 

Langenlois das Gasthaus in der Wiener Gasse (jetzt Nr. 81) wiederfiolt 
besucht.habe. Es war das Gasthaus ,,Zum Hirschen", schief gegeniiber 
der Kirche. Herr Stadtbiirgermeister Anton Wober teilte mir im 
Friihling 1925 gutigst mit, daB alte Leute zu erzahleh wuBten, Beetho- 
ven habe in jenem Gasthaus auf einem dunklen Tische Noten geschrie- 
ben. An einen Besuch der beiden Bruder Johann und Ludwig in 
Langenlois kniipft sich auch folgende Uberlieferung, die 1861 erhoben 
wurde (,, Deutsche Musikzeitung" 1862, S. 78): „Johann van Beetho- 
ven hatte zufallig bei dem Syndicus Sterz in Langenlois Geschafte 
abzumachen. Ludwig begleitete ihn dahin. Wahrend der ziemlich 
langen Verhandlungen blieb Ludwig regungs- und theilnahmslos an 
der Thiire der Amtskanzlei stehen. Beim Abschied machte Sterz 
gegen diesen viele BUcklinge und frug dann den Kanzellisten Fux, 
einen Enthusiasten fur Musik und namentlich fur Beethovensche 
Musik: Wer, denken Sie wohl, mag der Mann gewesen sein, der dort 
bei der Their gestanden? Fux erwiederte: Da ihm Herr Syndicus 
so viele Complimente gemacht hat, mag es wohl mit ihm eine 
eigene Bewandtnis gehabt haben, sonst aber hatt' ich ihn allerdings 
fur einen Trottel halten miissen. Fux erschrack nicht wenig, als 
ihm sein Chef den Namen des Mannes nannte, den er fur einen 
Idioten gehalten." 

(Langenlois ist geschichtlich zu beachten. Neben der oben genann- 
ten Literatur vgl. auch „Osterreichische Kunsttopographie" Bd. Krems, 
S. 286ff. — ,,Topographie von NiederSsterreich", herausgegeben vom 
Verein fur Landeskunde von NiederSsterreich. Viele Zeitungsartikel 
aus der Zeit der Erhebung zur Stadt handelten von dem Ort.) 

Latzel, Franz, Wiener Musiker aus der Zeit Beethovens. Latzel 
war urn 1820 Gesangslehrer und kommt als Kontrabassist im Verzeich- 
nis der ausiibenden Mitglieder in der Gesellschaft der Musikfreunde 
vor (nach F. H. BOckh). Beethoven richtete mittelbar an ihn einen 
Brief in einer Wohnungsangelegenheit. Dieses kurze Schreiben, das 
hier folgt, war offenbar einem anderen Briefe beigelegt, der verloren 
gegangen ist. Aus der beigeschriebenen Wohnungsangabe laBt sich 
schlieBen, daB Latzel zur Zeit, als Beethoven an ihn schrieb, in der 
Alleegasse 36 gewohnt hat. Die Wohnung, die Beethoven mieteh 
wollte, ist nicht genannt, nicht einmal angedeutet, und Latzel hat 
jedenfalls nur vermittelt. — • Nach guter alter Oberlieferung, die 1885 
dem Herrn Inspektor der Staatseisenbahngesellschaft Ferd. Pokorny 
bekannt war, ist das Briefchen an den Wiener Musiker F. Latzel ge- 
richtet. Jos. Weyl ermittelte nun aus Polizeiakten, daB Latzel von 
Jakobi 1819 bis Georgi 1823 im Hause Alleegasse 36 gewohnt hat' 

Frlmmel, Beethovenhandbuch. I. 21 



322 Lauska — Lebensgang 



In diese Sparine Zeit fallt also das Briefchen. Dieses ist zuerst bei 
E. Kastner, „ Wiener musikalische Zeitung" I, S. 7 gedruckt. 
Zu Georgi 1823 wurde Latzel nach Schottenfeld Nr. 73 abgemeldet. 
Das Briefchen lautet: 

„No. 36 in der alleegasse 

3ter Stock 
Da ich ihren Werthen Namen nicht weiss, schreibe ich ihnen nur, 
dass ich die wohnung, welche ich gestern sah, gewiss behalten werde, 
heute war es nicht mOgl. u. morgen auch nicht, aber iibermorgen 
werden sie das Darangeld erhalten [Paraphe]. 

in Eil ihr 

ergebenster 

Beethoven" 

[Paraphe]. 

Lauska, Franz Seraphikus (geb. 1764 zu Brunn, gest. 1825 in Berlin). 
War in Wien Albrechtsbergers Schiller, spater lebte er in Munchen 
und seit 1798 in Berlin. DaB Lauska mit Beethoven persOnlich be- 
kannt gewesen ware, ist nicht erwiesen, doch wahrscheinlich ; bittet doch 
Beethoven in einem Brief vom 6. Juli 1821, daB Schlesinger eine 
Korrektur durch Lauska uberprilfen lasse. „Herr Lauska, dem ich 
mich empfehle, bitte sorgsam nachzusehen." 

Lebensgang. 1770. Geburt 16. oder 17. Dezember. — 1773. 24. De- 
zember Ableben des GroBvaters Ludwig van Beethoven. ■ — 1774. Der 
Bruder Kaspar Anton Karl geboren (Taufe am 8. April). — 1775. Ab- 
leben der GroBmutter Maria Josefa v. Beethoven. — 1776. Der Bruder 
Nikolaus Johann geboren (Taufe am 2. Oktober). — 1778. Erstes Auf- 
treten des Knaben Ludwig in der Offentlichkeit. Unterricht bei V. d. 
Eden, dann bei Pfeiffer. — 1779Herbst. Eintreffen Christian Gottl. 
Neefes in Bonn. — 1781. Reise mit Verwandten nach Rotterdam. 
Der junge Kiinstler spielt in PrivathSusern. — 1782. Der junge Beetho- 
ven darf den Hoforganisten Neefe auf der Orgel vertreten. — Bekannt- 
schaft mit Gerh. Wegeler und den Breunings. — Erstes gedrucktes 
Werk in der Offentlichkeit (Variationen uber einen Marsch von DreB- 
ler). — 1783. Notiz Neefes uber Beethoven in Cramers „Magazin der 
Musik". — In Stellvertretung Neefes wirkt Beethoven als Cembalist 
im Kurfiirstlichen Orchester. — Erscheinen der drei Kurfiirstensonaten. 
— 1784, 15. Februar. Beethovens Gesuch urn Anstellung als Hof- 
organistenadjunkt. — 1785, 15. April Tod des KurfQrsten Max Fried- 
rich. Max Franz folgt als Kurfiirst nach. Beethoven wird zu Beginn 
des Sommers Hoforganist. — 1787. Reise nach Wien, Tod der Mutter 



Lebensgang 323 

am 17. Juli. — 1788. Feierliche Aufnahme des Grafen Waldstein in 
den deutschen Ritterorden. — 1789. Beethoven spielt im Hoftheater- 
orchester Viola. Er erhalt zur Erziehung der jUngeren BrUder die 
Halfte des vaterlichen Gehalts. — 1790. Tod Kaiser Josefs II. Aus 
diesem AnlaB und auf die Kr8nung Leopolds II. zwei Kantaten. — Im 
Dezember Besuch Jos. Haydns in Bonn. Eintreffen am 25. Dezember. 
— 1791. Spatsommer bis in den Herbst Reise der ausgewahlten Mu- 
siker zum Kapitel des deutschen Ordens nach Mergentheim, Aufent- 
halt in Aschaffenburg. — 1792. Zweiter Besuch Haydns in Bonn. 
Abreise Beethovens von Bonn am 2. oder 3. November. Eintreffen in 
Wien vermutlich am 10. November. — 1793. Unterricht bei Haydn 
und bei J. Schenk. — 1794. Unterricht bei J. G. Albrechtsberger und 
Salieri. — Bruder Karl kommt nach Wien. — 1794 bis 1796 Be- 
ginn des Gehorleidens. — 1795. Beethoven spielt zuerst offentlich in 
Wien. Akademie zum Besten der Witwen der Tonkiinstlergesellschaft 
im Burgtheater. Erstauffuhrung des Klavierkonzertes in B-Dur. — 
Im Mai wird Op. 1 (die Trios) in der „ Wiener Zeitung" mehrmals an- 
gekiindigt. — Tanzmusik fur den Ball der Gesellschaft der bildenden 
Kiinstler im Redoutensaal vom 22. November 1795. — Beethoven 
spielt ein eigenes Klavierkonzert am 18. Dezember im Konzert Jos. 
Haydns. — Die BrUder aus Bonn sind nun beideinWien. — 1796. Beet- 
hoven spielt im Konzert derSignoraBolla ein eigenes Klavierkonzert. — 
Reise nach Prag, Dresden, vermutlich Leipzig und sicher nach Berlin. 
Spater Aufenthalt in Ungarn. — 1797. In einem Konzert bei Jahn 
wird das QuintettOp. 16 aufgefiihrt. — 1798. Bernadotte in Wien. Beet- 
hoven in Bernadottes Kreise. — 1799. Bekanntschaft mit Wolffl, Drago- 
netti, Cramer. — 1800. Am 2. April Erstauffuhrung der ersten Sym- 
phonle. Am 18. April Erstauffuhrung der Hornsonate Op. 17. Steibelt 
wird niedergespielt. Im Sommer wird dem Meister vom FUrsten 
Lichnowski ein Jahresgehalt von 600 Gulden zugesagt. Karl Czerny 
erhalt Unterricht. — 1801. Wohltatigkeitskonzert im Redoutensaal. 
Hornsonate mit Punto am 30. Januar. Am 26. Marz Erstauffuhrung 
der ,,Prometheus"-Musik. Am 26. Juli Tod des KurfUrsten Maximilian 
Franz in Hetzendorf. Bonner Freunde kommen nach Wien: Steffen 
v. Breuning, Ant. Reicha, Ferd. Ries. — 1802, Sommer in Heiligen- 
stadt. 6. Oktober Testament noch in demselben Ort. — 1803, 5. April. 
Konzert im Theater an der Wien mit der Erstauffuhrung des Orato- 
riums ,,Christus am Olberg", der 2. Symphonie und des Klavierkon- 
zertes in C-Moll. — In einem Augartenkonzert spielt Beethoven mit 
Bridgetower die Kreutzersonate. Streit mit Breuning. Erkrankung, 
Arbeiten fUrs Theater an der Wien. Sommer in Baden und DSbling. 

21* 



324 Lebensgang 

Verbinduhg mit Thomson in Edinburgh. — 1804. Beethoven beginnt 
den „Fidelio". Baron Braun Theaterdirektor. 20. Mai. Napoleon wird 
Kaiser. Im Sommer Privatauffilhrungen der „Ero'ica" bei Lobkowitz, 
dann bei Wiirth &Fellner.— 1805. Die „Eroica" wird am 7. April wieder 
in der Offehtlichkeit gehort in einer Clementschen Akademie. Be- 
setzung Wiens durch die Franzosen 13. November. 20., 21. und 22. No- 
vember die Erstauffuhrungen des „Fidelio". — 1806. „Fidelio"umgear- 
beitet. Auffilhrungen am 29. Marz und 10. April. 25. Mai Hochzeit 
des Bruders Kaspar Karl. Beethovens Aufenthalt in Graz bei Trop- 
pau. Die „Appassionata" dortvollehdet. Streit mit Lichnowski. Heim- 
kehr iiber Troppau. — r Erstauffiihrung des Violinkonzertes durch 
Franz Clement 23. Dezember. — 1807, Marz. Konzert im Palais Lob- 
kowitz. Erstauffiihrung. der 4. Symphonie, der ,,Coriolan"-Ouverture 
und des Klavierkonzertes in G-Dur. — Sommer in Baden und Heiligen- 
stadt. — 13. September die erste Messe in Eisenstadt. — 1808, 27. Marz. 
Ehr.ung Haydns durch Auffiihrung der „Schopfung". — Beethovens 
Finger schwer erkrankt (Panaritium). — Ende Oktober Berufung nach 
Kassel. Im November Aufenthalt Reichardts in Wien. — 22. Dezember 
denkwUrdige Akademie mit Erstauffuhrungen der 5. und 6. Symphonie 
und der „Chorfantasie". Freie Fantasie. Das letzte Klavierspiel Beet- 
hovens in groftem Stil. — 1809. Zusage der Jahresrente von 4000 fl. von 
Erzherzog Rudolf, Ftirst Lobkowitz und Kinsky. 31. Mai Tod Haydns. 
8. September. Beethoven leitetdie„Eroica"-Auffuhrung in einem Wohl- 
tatigkeitskonzert. Krankhcit. — ■ 1810> Mai. Bettina in Wien, 24. Mai 
Erstauffiihrung der „Egmont"-Musik. — 1811. Finanzpatent vom 20. Fe- 
bruar und dessen Folgen fiir Beethovens Jahreseinkommen. — Kur- 
aufenthalt in Teplitz; Verkehr mit Varnhagen v. Ense, Rahel, Tiedge, 
Elise v. d. Recke, Amalie Sebald und anderen. Auffiihrung der C-Dur- 
Messe in Troppau unter Beethovens Leitung. — 1812. Die„Ruinen von 
Athen" und „Konig Stefan" in Pest aufgefilhrt am 9., 10., ll.Februar. 
Am 12. Februar spielte K.Czerny in Wien zum erstenmal das 5. Kla- 
vierkonzert (Es-Dur). — Sommer in Teplitz, zum Teil in Karlsbad, 
Franzensbad und wieder Teplitz. Zusammentreffen mit Goethe. Kon- 
zert mit Polledro fur Baden. Brentanos. Besuch bei Bruder Johann 
in Linz. Todliche Verungliickung des Ftirsten Kinsky am^ November. — 
8. November Verheiratung des Bruders in Linz. — 29. November. 
Die Sonate fur Klavier und Violine Op. 96 wird in Wien vom Erzherzog 
Rudolf und dem Geiger Rode am 29. Dezember gespielt. — 1813. Die 
7. und 8. Symphonie werden beim Erzherzog probiert. Der Sieg Wel- 
lingtons bei Vittoria begeisterte den Meister zur ,,Schlachtsymphonie". 
MalzelsEinfluB. — Erstauffiihrung der 7. Symphonie und der„Schlacht- 



Lebensgang 325 

musik" am 8. Dezember im Universitatssaal. Wiederholung am 12. De- 
zember. Benefizkonzert Beethovens. — 1814, 27. Februar zweites Bene- 
fizkonzert. Erstauffiihrung der 8. Symphonic — 16. und 17. Marz 
wird die „Schlachtmusik" in Munchen aufgef tihrt. 1 1. April spielt Beetho- 
ven im „Romischen Kaiser" zum erstenmal das Trio Op. 97, dann das- 
selbe noch einmal im Prater, womit Beethoven auch fur die kleineren 
offentlichen Auffiihrungen vom Klavier Abschied nimmt. April. An- 
fang der personlichen Bekanntschaft mit Anton Schindler. 15. April 
Tod des Fiirsten Lichnowski. 23. Mai Auffuhrung des „Fidelio" in 
neuer Umarbeitung, 26. Mai, 18. Juli weitere Auffiihrungen, ditto 
26. September und in Prag am 21. November. 29. November groBes 
Konzert im Redoutensaal. Erstauffiihrung der Kantate „Der glor- 
reiche Augenblick" und Wiederholung der 7. Symphonie und der 
,,Schlachtmusik". Am 2. Dezember wird dieses Konzert wiederholt, des- 
gleichen am 25. Dezember. 31. Dezember groBer Brand im Rasu- 
mowskyschen Palast. — 1815. 25. Januar Hofkonzert in der Burg. 
Beethoven begleitete noch den Kanon aus,,Fidelio"und die„Adelaide". 
Polonaise fur die Kaiserin von RuBland Op. 89. — AbschluB der Strei- 
tigkeiten mit den Erben Kinskys und Lobkowitzens. Rechtsstreit mit 
Malzel. — U.Oktober„Fidelio"in Berlin zum erstenmal. — 15. Novem- 
ber. Bruder Kaspar Karl stirbt. Er hat dem Meister die Vormund- 
schaft (iber den jungen Karl ubertragen. Im Biirgerspitalfonds-Kon- 
zert vom 25. Dezember Erstauffiihrung der Ouvertiire Op. 115 ,,Zur 
Namensfeier" und der Kantate ,,Meeresstille und gluckliche Fahrt". 
— 1816, 2. Februar. Der Neffe Karl kommt ins Erziehungshaus Del Rio. 
Dort im Herbst die Heilung einer Hernie durch Operation. Beethovens 
lange Krankheit. — 16. Dezember Ableben des Fiirsten Lobkowitz. ■ — 
1817, 2. Mai. Freund Krumpholz stirbt. Bemerkenswerte Besuche 
bei Beethoven durch Cyprian Potter, H. Marschner, Kuffner und durch 
Frau Pachler-Koschak aus Graz. AbschluB der Streitigkeiten mit 
Malzel. — 1818, Januar. Der Neffe Karl wird aus dem Erziehungshaus 
genommen. Im Friihling trifft Broadwoods Fliigel ein. Beethoven 
laBt ihn nach Modling bringen. Er schreibt die Sonate Op. 106 und 
beginnt die groBe Messe. Streitigkeiten in der Vormundschaftsangele- 
genheit. Karl beim Oheim in Wien. Entlaufen am 3. Dezember. Er- 
orterungen beim Landrecht und dann beim Magistrat. — ■ 1819. Der 
Neffe kommt fur kurze Zeit zu Kudlich. In einem Wohltatigkeits- 
konzert am 17. Januar dirigiert Beethoven die 7. Symphonie. Im 
Marz ist die Sonate Op. 106 druckfertig. Weitere Streitigkeiten in 
Sachen der Vormundschaft. Karl soil von Wien fort. Doch er kommt zu 
Blochlinger. 2. August. Bruder Johann kauft das Gut in Gneixendorf. 



326 Lebensgang 



Im September viele Streitigkeiten der Vormundschaft wegen, die sich 
noch lange hinziehen (Beethoven gegen den Magistrat. Eingabe ans 
Appellationsgericht). — 1820. Die groBe Messe wird dem Bonner Ver- 
leger Simrock angeboten am 18. April. — Durch Entscheidung des 
Appellationsgerichts wird die Schwagerin Johanna von der Vormund- 
schaft ausgeschlossen. Beethoven und Hofrat Peters Vormiinder. Im 
Spatherbst Erkrankung an „Rheuma". 1820 entstand die Sonate 
Op. 109. An der groBen Messe wird gearbeitet. — 1821. Landaufenthalt 
in Unterdobling, spater Baden. — Gelbsucht. — Der Neffe bei Bloch- 
linger. — 1822. Beethoven wird Ehrenmitglied des steiermarkischen 
Musikvereins. Die groBe Messe soil einen Verleger finden. Briefe an 
Simrock, Schlesinger und andere Verleger. — Sommer in Oberdflbling, 
spater in Baden. Friedr. Rochlitz besucht den Meister im genannten 
Kurort. Am 3. Oktober wird das Josephstadter Theater eroffnet. 
Ouvertiire „Weihe des Hauses". Freundschaft mit Direktor Hensler, 
fur den eine Gratulationsmusik geschrieben wird. Wiederaufnahme 
des „Fidelio" mit Wilhelmine Schroder. Beethovens Leitung versagte 
schon bei der Hauptprobe. 9. November. Galitzin bestellt drei Streich- 
quartette. — 1823. Briefe in der Angelegenheit der Messe, von der 
Abschriften an vielen Stellen angeboten werden. 19. Marz. Dem Erz- 
herzog Rudolph wird eine Abschrift ilberreicht. — Der junge Franz 
Liszt wird dem Meister vorgestellt und erhalt im KonzertdenWeihekuB. 
Verkehr mit Grillparzer. Augenleiden. —r Ehrenmitglied der schwe- 
dischen Akademie. Sommer in Hetzendorf, dann in Baden. Dort 
der Besuch K. M. v. Webers am 5. Oktober. — 1824. Das Augenubel 
dauert fort. Am 20. Februar erhalt Beethoven die Medaille von Louis 
XVIII. — Ehrung durch die Adresse der Wiener Kunstfreunde. — 
Erstauffiihrung der groBen Messe in Sankt Petersburg am 6. April. — 
Bertihmte Akademie am 7. Mai im Karntnertor-Theater, wo die IX. 
Symphonie und drei Hymnen aus der groBen Messe zum erstenmal 
offentlich gehOrt werden. Beethoven leitet nur zum Schein. Be- 
geisterter Jubel. Wird am 23. Mai wiederholt im Redoutensaal. Dann 
kurzer Aufenthalt in Penzing und danach in Baden. Stumpff aus 
London besucht den Meister dort. — Aufforderung zu einer Reise nach 
London. Neates Brief vom 20. Dezember. 

1825. Erste Vorfuhrung des Streichquartetts Op. 127 bei Schup- 
panzigh. Bessere Auffiihrungen durch B5hm. — Karl Holz tritt in 
Beethovens Kreise ein und laBt Schindler in den Hintergrund treten. — 
Krankheitserscheinungen. — Sommer in Baden. — Besuche, z. B. auch 
der Kuhlau's. — 9. September. Erste Privatauffiihrung des Quartetts 
Op. 132 im Wiener Prater beim „Wilden Mann". — 11. September. 



Lebensgang 327 

Ebendort kommen Musiker zusammen, um privatim Op. 132 zu horen. 
Beethoven gibt noch eine freie Fantasie zum besten. — Im Oktober 
Einzug ins Schwarzspanierhaus. — 6. November. Erste Offentliche 
Auffiihrung des Streichquartetts Op. 132 im Konzert Linkes. — Beetho- 
ven wird Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde. 

1826. Krankheiten. 6. Februar schreibt Beethoven einen Brief uber 
Mozarts Requiem an Abt Stadier. — 21. Marz wird durch Schuppan- 
zighs Quartett Beethovens Op. 130 bffentlich aufgefiihrt, noch mit der 
Fuge. Neue Werke beabsichtigt. — 30. Juli Selbstmordversuch des 
Neffen. Empfindliche Storungen dadurch. — Das Quartett Op. 131 
wird an Schott nach Mainz gesandt. — Ende September Fahrt nach 
Gneixendorf uber Stockerau, Kirchberg am Wagram und Krems. 
Dort wird das Quartett Op. 135 vollendet. Absendung an Schlesinger. 

— Schwere Erkrankung auf der Heimfahrt nach Wien, wo der Meister 
anfangs Dezember eintrifft. — Vergebliche Bemiihung der Arzte, 
ihn am Leben zu erhalten. — Die Prachtausgabe der Handelschen 
Werke, gesendet durch Stumpff aus London, trifft am 14. Dezember 
ein. — Erste Punktion des wassersuchtigen Unterleibes 20. Dezember. 

1827. Der Neffe Karl, der beim Militar eintritt, reist am 2. Januar 
nach Iglau zum Regiment Stutterheim. — 3. Januar. Letzter Wille. 
8. Januar. Zweite Punktion. — Mehrere Besuche um diese Zeit. — 
2. Februar dritte Punktion. — Wegelers Brief aus Bonn trifft ein, der 
am 17. Februar beantwortet wird. — Briefe nach London und Mainz. 

— 27. Februar vierte Punktion. — Einige Briefe. — Besuch Hummels 
(mit Hiller) am 8. Marz, am 13. Marz Hummel (allein), am 23. Marz in 
Begleitung der Gemahlin. Besuche bei Beethoven: Schubert, K. 
Kreutzer und andere. — 23. Marz Kodizill. — 24. Marz. Letzte Olung. 

— Nach dem Eintreffen einer Weinsendung von Schott die letzten 
gesprochenen Worte. — BewuBtlosigkeit. — Ableben am 26. Marz 
nachmittags um 5 Uhr wahrend eines Gewitters. 

(Alle Schriften und Quellen, aus denen das obige Schema Nachrichten 
geschopft hat, kOnnen nicht aufgezahlt werden. Ich verweise auf die 
neue Auflage von 1925 der „Bibliotheca Beethoveniana" [Kastner- 
Frimmel] und hebe nur besonders hervor die Verzeichnisse von Thayer 
und Nottebohm, welche beide Forscher in erster Linie die Obersicht 
uber Beethovens Leben angebahnt haben in mehreren Biichern. An 
neueren Zusammenfassungen ist kein Mangel. Die Tabelle in P. Bek- 
kers „Beethoven" ist in den meisten Punkten mit Sorgfalt zusammen- 
gestellt. Verzeichnisartige Abschnitte schon bei Schindler und Lenz, 
A.B.Marx, L.Nohl, in Eitners„Quellen-Lexikon", im„Beethoven" von 
Ernest und noch anderen. Da8 fur die Personen und Werke, die im 



328 Lebensweise 



„Lebensgang".genannt sind, die einschiagigen Abschnitte des Hand- 
buchs aufzuschlagen sind, sei in Erinnerung gebracht.) 

Lebensweise. Van einer regelmaBigen Zeiteinteilung war Beethoven 

niemals gequalt. Was sich bei pflichtgetreuen Arbeitern, Beamten, 

Handwerkern von selbst ergibt, daB ihre Tatigkeit an bestimmte Stun- 

den gebunden ist, war nur dem jungen Beethoven bekannt, als er Orgel 

zu spielen hatte oder im Theaterorchester beschaftigt war und dann, 

wenn er zu bestimmten Stunden Unterricht zu geben hatte. In seiner 

reifen Zeit war er gewohnlich in dieser Beziehung ziemlich frei, denn 

auf tagliche Amtsstunden brauchte er nicht zu achten. Daftir hat er 

selten genug die Wohltat einer regelmaBigen Lebensweise genossen. 

Seine unruhige Natur, sein oftmaliger Wechsel des Aufenthalts, auch 

der Wohnung und noch mehr des Dienstpersonals bewiesen, daB er 

kein Pedant der LebensfUhrung sein konnte. Daher ist, wie schon in 

fruheren Abschnitten angedeutet worden, jede Verallgemeinerung 

uberlieferter, wenn auch gut beglaubigter Einzelheiten zu vermeiden 

oder mit groBer Vorsicht anzuwenden. Schindler beurteilt Beethovens 

Lebensweise zu sehr nach den Jahren, die er mit Beethoven verbracht 

hat. Wie man sich, Beethovens Lebensweise vorher in Bonn und dann 

in Wien bis etwa 1814 vorzustellen hat, bleibt ziemlich unklar, auch 

wenn man die alten Quellen nach Moglichkeit ausschopft. In Bonn 

wird die Lebensweise in der nahezu armen, kinderreichen Familie recht 

einfach gewesen sein. Aber spater in Wien, wo der junge Meister in 

raschem Aufsteigen den hochadeligen Kreisen zugezogen wurde, muB 

er vielen Luxus verschiedener Art kennen gelernt haben. Oppiges 

Leben war auch in den Altwiener Biirgerhausern nichts Unerhortes. 

Nicht staunen diirfen wir also, wenn der Meister in Wien nicht zum 

Abstinenzler wurde, sondern in den meisten Beziehungen das Gebotene 

auch benutzte, sich nicht zurtickhielt in mancherlei Geniissen. Ge- 

legentlich scheint Beethoven zu friiher Stunde an die Arbeit gegangen 

zu sein. Er hieB den jungen Ries aufstehen, um rasch einiges kopieren 

zu lassen. Spater in einem Gesprachsheft vom Fasching 1820 ist von 

einem Aufstehen um 5 Uhr die Rede (Walter Nohl, „Konversations- 

hefte" I, S. 328). Sicher war diese auffallend friihe Tatigkeit nicht 

die Regel. Besondere RegelmaBigkeit ist weder im Schlafen, noch 

Wachen, nicht in der Nahrungsaufnahme nachzuweisen. Das Schlaf- 

bediirfnis scheint bei Beethoven ein ansehnliches gewesen zu sein, wie 

es eben bei genialen Menschen so haufig vorkommt. In der Zeit der 

Bekanntschaft mit Schindler scheint der Meister gerne an den Vor- 

mittagsstunden seine Partituren ausgearbeitet zu haben. Erfunden 

und skizziert wurde haufig im Freien, bei Spaziergangen oder bei 



Leber ■ — Leichenbegangnis 329 

ruhigem Liegen und Sitzen drauBen in der Natur, auch im Wirtshaus 
und im warmen oder auch ungeheizten Heim. Gearbeitet wurde 
eigentlich immer, so daB fur die Umgebung nicht viele Aufmerksam- 
keit iibrigblieb. Wenn von arbeitsarmen Zeiten die Rede ist, so sind 
diese entweder durch eingreifende auBere Storungen veranlaBt gewesen, 
oder durch kOrperliche Leiden. — Beethoven las gerne, und es diirfte 
diese Eigenschaft ihm von der Entwicklungszeit bis ans Sterbelager 
treu geblieben sein. Mit WiBbegier nahm er Neuigkeiten auf. — AIs 
Bratschist und besonders als Klavierspieler muB er wohl in seiner 
Jugend oft geiibt haben. An eine besondere RegelmaBigkeit der Obung 
wollen wir nicht recht glauben. DaB die Obungen schlieBlich vernach- 
lassigt wurden, laBt sich aus dem Verlauf der Periode des Klavierspiels 
ablesen, das immer mehr verfiel, je weiter das Gehorsleiden fortschritt. 
In den letzten Jahren des Meisters war es vom Komponieren ganz in 
den Hintergrund geschoben. (Vgl. die Abschnitte: Essen und Trinken, 
Gasthauser, KaffeegenuB, Krankheiten, Lesestoff, Tabak.) 

Leber, Peter Edler v., Hausbesitzer in Wien, Verwandter der Barone 
Johann und Joseph Pasqualati, 1812 Nachfolger des Barons Johann 
im Hausbesitz auf der MOlkerbastei. (Siehe Schimmer, „Hauserchronik 
von Wien", und die Abschnitte: Pasqualati und: Wohnungen.) Leber 
unterschrieb sich auch als Zeuge auf dem Testament des Bruders Karl. 
Leberleiden (siehe bei: Krankheiten). 

Leichenbegangnis. Am 26. Marz 1827 hatte Beethoven seinen letzten 
Atemzug getan. Die Kunde verbreitete sich rasch, und man traf An- 
stalten zu einer feierlichen Bestattung. Breuning und Schindler waren 
fieberhaft tatig. Denn sie wuBten, daB ganz Wien, ja die ganze Kunst- 
welt von Beethovens Hingang betroffen worden, obwohl sich wahrend 
der letzten Lebensjahre des Meisters eine merkliche Vernachlassigung 
eingestellt hatte. Noch in der beruhmten Akademie vom Mai 1824 
hatte man ihm zugejubelt, aber danach, als er schon dem Grabe zu- 
schwankte, hielten nur die nachsten Freunde in Treue beim groBen 
Dulder aus. Von den letzten Noten, den letzten Worten Beethovens 
wird eigens gehandelt. Die Krankengeschichte hat uns bis ans Lebens- 
ende geleitet. Dann folgten noch die unvermeidlichen Vorbereitungen 
zur Beerdigung. Die Leichenoffnung war voruber. Danhauser hatte 
die Maske genommen, die letzte Fahrt war vorbereitet. Diese gestaltete 
sichzu einem Ereignis, das die ganze Stadt bewegte. Tausende kamen 
auf das Glacis von dem Schwarzspanierhause, in welchem der Ver- 
blichene aufgebahrt war, flankiert von acht brennenden Kerzen. Das 
Gemach ist zwar fur die Aufbahrung geraumt, aber nicht schwarz aus- 
geschlagen. Man kommt, dem Meister den letzten GruB zu entbieten. 



330 Leichenbegangnis 



Sali, die hervorragend pflichtgetreue, dem Kunstler ergebene Kochin, 
empfangt die vielen Besuche. Fiir den 29. war das Begrabnis angekun- 
digt. Der sehr ausgedehnte Hof ist schon iiberfullt. Gegen 3 Uhr 
nachmittag wird das Haustor geschlossen, um dem Andrang von 
groB und klein zu wehreh, wozu man militarische Beihilfe braucht. 
Breuning hatte sie bestellt. Man schlieBt um 3 Uhr den Sarg, auf dem 
man das bekranzte Kreuz, das Evangelienbuch und die Burgerkrone 
aufgestellt hatte. Neun Priester des Schottenstiftes geben ihren Segen, 
worauf ein Trauergesang von B. Anselm Weber anhebt. Unter den 
Sangern war auch der junge Cramolini. (Alle mitwirkenden Sanger sind 
genannt in Robert Franz Mullers eingehender, fleiBiger Arbeit ,,Beetho- 
vens Begrabnis", einem Feuilleton der „Reichspost", Wien, 26. Marz 
1925, das auch fur mehrere folgende andere Angaben benutzt wurde.) 
Cramolini, dem man wertvolle Erinnerungen an die letzte Fahrt Beetho- 
vens verdankt, mit den andern Sangern trugen den Sarg in die Kirche. 
Sie hielten die breiten, weiBen Atlasbander, die vom Sarge herabhingen 
(nicht die Zipfel des Bahrtuches). Acht Kapellmeister (Eybler, Hum- 
mel, Kreutzer, Seyfried rechts, Gansbacher, Gyrowetz, Weigl, Wiirfel 
links) schreiten mit umflorten Kerzen daneben. Es folgten viele Fackel- 
trager, unter denen der Schauspieler Anschiitz, der Redakteur Bernard, 
der Musiker Blahetka, der Virtuose Jos. BOhm, die Dichter Castelli, 
Grillparzer, der Pianist Karl Czerny, der Klavierfabrikant Graf, meh- 
rere Schauspieler und Sanger, die Musikverleger T. Haslinger, Steiner 
und Mechetti, nicht zu vergessen Franz Schubert, Lincke, Mayseder, 
Piringer, Schuppanzigh, Freund Holz und Wolfmayr. Posaunisten 
und Sanger bringen das „Miserere" zu Gehflr, das nach den Posaunen- 
Equales von Beethoven aus dem Jahre 1812 bearbeitet worden war. 
So bewegte sich der Zug langsam bis zur Kirche. Auf dem Weg durch 
die AlserstraBe spielte die Harmoniemusik den Marsch aus Op. 26. 
In der glanzend erleuchteten Kirche sangen die Hofopernsanger ein 
,, Libera" von J. v. Seyfried. Die Kirche in der AlserstraBe, der alten 
Kaserne und dem allgemeinen Krankenhaus gegenuber gelegen, sah 
nun das dichte Gedrange, das sich wahrend der Einsegnung ergab. 
Ohnmachtig Gewordene muBten ins nahe Spital geschafft werden. Zu 
den Tausenden, die den eigentlichen Leichenzug bildeten (im „Samm- 
ler" las man, es seien 10000 gewesen, G. v. Breuning sprach von 20000), 
kamen ja ungezahlte Neugierige, die bei ahnlichen Anlassen nie fehlen. 
Kaum konnten die nachsten AngehOrigen (namlich Bruder Johann, 
wie es heiBt auch Johanna v. Beethoven, die Schwagerin des Kiinstlers, 
Steffen v. Breuning und der junge Gerhard) ihre vorbereiteten Platze 
in der Kirche einnehmen. Viele nicht unmittelbar Beteiligte, wie Hof- 



Leichenoffnung 331 



rat v. Mosel, Kapellmeister Drechsler, viele Schiiler des Konserva- 
toriums folgten. Dahinter wartete der „ganz schone Galawagen" 
mit den vier Pferden, beigestellt vom Kirchenmeisteramt St. Stefan, 
um den berUhmten Toten auf den Gottesacker zu fiihren. Nun ging 
es durch die Spitalgasse abwarts zum Alserbach, beim sogenannten 
Narrenturm und einer alten Ziegelei voriiber, dann zurWahringerLinie 
und zur Wahringer Pfarrkirche. Dort wird nochmals eingesegnet und 
eine kleinere Grabesmusik gemacht. Durch Trager wird von dort der 
Sarg bis vors Tor des Friedhofs geschafft. Den Zug eroffnen die Schul- 
kinder des Dorfes, gefuhrt von den Schulgehilfen. In ganz Wien waren 
die Schulen aus AnlaB der pompOsen Leichenfeier geschlossen. Vor 
dem Gottesacker sprach Anschiitz die Grillparzersche Grabrede, iiber 
deren genauen Text eine Meinungsverschiedenheit herrscht, ich glaube 
noch heute. Nach den iiblichen kirchlichen Feierlichkeiten laBt Has- 
linger drei Lorbeerkranze, die ihm gegeben wurden, in die Grube fallen. 
Das herko'mmliche Nachwerfen von Erde vereint noch viele der Leid- 
tragenden am Grabe, wo sich schlieBlich auch Frau Halm und Karl 
Holz zur Versohnung die Hande reichen. Sie hatten sich aus AnlaB 
der Haarlocke zertragen. (Vgl. „Der Sammler" vom 14. April 1827, 
Schindler, Breuning, Seyfried, Th.-R. [DieAbschnitte: Halm, Krank- 
heiten], Anschiitz, Grillparzer, tlberdies: Frimmel, „Beethoven" in 
alien Auflagen. — ,, Bulletin francais de la Soc. Internat. musicale", 
1909, Juniheft, S. 577, „Osterreichische Rundschau", 15. November 
1913 [Otto Erich Deutsch, der Ausziige aus dem Tagebuch Franz 
v. Hartmanns bietet], Bd. XXXVII, Heft 4, und die oben angefilhrte 
„Reichspost", Cramolinis „Erinnerungen" [..Frankfurter Zeitung" 
29. September 1907].) 

Leichenoffnung. Sogleich am Tage nach dem Ableben des Meisters, 
also am27.Marz 1827, wurde im Schwarzspanierhaus Beethovens Leich- 
nam geOffnet. Dariiber haben wir einen fachmannischen Bericht, 
dessen Urschrift allerdings in Verlust geraten ist, den aber Seyfried 
im Anhang (S. 49f.) zu seinen „Studien" veroffentlicht hat, wir wollen 
hoffen ganz wortgetreu. An eine Absicht zu falschen kann man nicht 
denken, und im ganzen gibt darin nichts irgendwelchen AnlaB zu Mifi- 
trauen. Nur scheint es ein Druckfehler oder Schreibfehler zu sein, wenn 
im Bericht Knoten „an" statt „in" der Leber bemerkt werden. Sey- 
fried konnte ja nicht wissen, daB dies einen Unterschied in den Ruck- 
schltissen auf die Krankheit machen kann. Knoten in der Leber 
kOnnen auf Leberkrebs bezogen werden, „an" der Leber gibt keinen 
medizinisch bedeutsamen Sinn. Einer Lebererkrankung ahnlicher 
Natur ist auch der Neffe Karl.erlegen, die Leberkrebs genannt wurde. 



332 Leichenoffnung 



Beide Krankheiten gehen ja mit Leberschrumpfung (cirrhosis hepatis) 
einher. — Im folgenden wird der ganze Bericht, wie er bei Seyfried 
geboten ist, wiederholt, um freie MeinungsauBerungen zu gestatten: 
„Obductionsbericht uber den Leichnam des P. T. Herrn Ludwig 
van Beethoven, welcher in Gegenwart des Herrn Med.-Doctors und 
Professors Wawruch in seiner Wohnung pathologisch untersucht und 
hieriiber nachstehender Befund erhoben wurde. 

Der Leichnam war, insbesondere an den GliedmaBen sehr abgezehrt 
und mit schwarzen Petechien iibersaet, der Unterleib ungemein wasser- 
suchtig aufgetrieben und gespanni Der Ohrknorpel zeigte sich groB 
und regelmaBig geformt, die kahnfCrmige Vertiefung, besonders aber 
die Muschel [NB. Im Mozarteum zu Salzburg wird ein Aquarell auf- 
bewahrt, welches die keineswegs schbn geformte Ohrmuschel Mozarts 
darstellt. Von Beethovens Ohrmuschel steht uns keine Abbildung 
zur Verfiigung, weBhalb diese Stelle des Obductionsberichtes, zwar an 
und f tir sich unbedeutend, doch ein gewisses Gewicht erhalt] desselben 
war sehr geraumig und um die Halfte tiefer als gewOhnlich; die ver- 
schiedenen Ecken und Windungen waren bedeutend erhaben. Der 
auBere Gehorgang erschien, besonders gegen das verdeckte Trommel- 
fell, mit glanzenden Hautschuppen belegt. Die Eustachische Ohr- 
trompete war sehr verdickt, ihre Schleimhaut angewulstet und gegen 
den knOchernen Theil etwas verengert. Vor deren Ausmilndung und 
gegen die Mandeln bemerkte man narbige Grubchen. Die ansehnlichen 
Zellen des groBen und mit keinem Einschnitte bezeichneten Warzen- 
fortsatzes Waren von einer blutreichen Schleimhaut ausgekleidet. 
Einen ahnlichen Blutreichthum zeigte auch die sammtliche, von an- 
sehnlichen GefaBzweigen durchzogene Substanz des Felsenbeines, 
insbesondere in der Gegend der Schnecke, deren hautiges Spiralblatt 
leicht gerothet erschien." [NB. Es muBte also zum wenigsten ein 
Labyrinth Beethovens erbffnet worden sein und durften daher heutzutage 
von einer in den Sechziger-Jahren durch verschiedene Tagesblatter so 
heiB ersehnten Wiederauffindung der, zwar eine zeitlang aufbewahrten, 
dann aber in Verlust geratenen, Schlafebeine nicht mehr viel neue 
Aufschliisse ilber das ohnehin klare Gehorsleiden Beethovens zu er- 
warten sein.] Die „Antlitznerven waren von bedeutender Dicke; die 
H'ornerven dagegen zusammengeschrumpft und marklos, die langs 
derselben verlaufenden Gehorschlagadern waren uber eine Raben- 
federspule ausgedehnt und knorpelicht. Der linke viel dunnere 
Hornerve entsprang mit drei sehr dilnnen graulichen, der rechte mit 
einem starkeren hellweiBen Streifen aus der in diesem Umfang viel 
consistenteren und blutreicheren Substanz der vierteh Gehirnkammer. 



Leidesdorf 333 



Die Windungen des sonst viel weicheren und wasserhaltigen Gehirns 
erschieneh nochmal so tief und (geraumiger) zahlreicher als ge- 
wbhnlich. Das SchadelgewOlbe zeigte durchgehends groBe Dichtheit 
und eine gegen einen halben Zbll betragende Dicke." [NB. Eine. mo- 
derne sehr umfangreiche Beethoven-Biographie schreibt, einen ganzen 
Zoll Dicke.] 

„Die Brusthohle zeigte, sowie ihre Eingeweide, die normgemaBe Be- 
schaffenheit. 

In der BauchhOhle waren vier MaB graulich-brauner truber Fliissig- 
keit verbreitet. Die Leber erschien auf die Halfte ihres Volumens zu- 
sammengeschrumpft, lederartig fest, grilnlich-blau gefarbt und an 
ihrer hockerichten Oberflache, sowie an ihfef Substanz mit bohnen- 
groBen Knoten durchwebt; deren sammtliche GefaBe waren sehr enge, 
verdickt und blutleer. Die Gallenblase enthielt eine dunkelbraune 
Fliissigkeit nebst haufigem griesahnlichen Bodensatze. Die Milz traf 
man mehr als nochmal so groB, schwarz gefarbt, derb; auf gleiche 
Weise schien auch die Bauchspeicheldriise grOBer und fester^ deren 
Ausfiihrungsgang war von einer Gansfederspule weit. Der Magen war 
sammt den Gedarmen sehr stark von Luft aufgetrieben. Beide Nieren 
waren in eine zolldicke, voh truber, brauner Fliissigkeit vollgesipkerten 
Zellschichte eingehiillt, ihr Gewebe blaBroth und aufgelockert ; jeder 
einzelne Nierenkelch war mit einem warzenformigen, einer mitten- 
durchschnittenen Erbse gleichen Kalkcongremente besetzt. 

Doctor Joh. Wagner, 
Assistent beym pathologischen MusSum." 

Dererste Wiederabdruck des Berichtes wurde von mir geboten in 
dem Tagesblatte ,,Die Presse", Wien 8. September 1880 (Feuilleton 
„Beethovens Leiden und Ende"). Es ist eine Arbeit, die nach den 
neuesten medizinischen Forschungen sicher einer Umarbeitung bedarf. 
Nach der Urschrift des Leichenbefundes habe ich im anatomischen 
Institut und beim langlebigen Bruder des Obduzenten vergeblich ge- 
sucht. Das Verschwinden der Urkunde ist jedenfalls fur die Forschung 
schmerzlich. — Ober den Zeitpunkt der Leichenoffnung und die erst 
nachfolgende Herstellung der Totenmaske wurde in meinem Hefte 
„Jos. Danhauser und Beethoven" (1892) Auskunft gegeben, wo sich 
WaWruchs Bericht benutzt findet (nach Ludwig Nohl, „Musikalisches 
SkizzenbucH"). In neuester Zeit hat Schweisheimer den Obduktions- 
bericht benutzt („Beethovens Leiden" S. 184ff,). 

Leidesdorf, Max Josef (geb.Wien 1780, gest. zu Florenz 1839), Ton- 
kiinstler, eine Zeitlang Verleger. Bei BOckh (,,Wiens lebende Schrift- 



334 Leidesdorf 



steller" 1821, S. 372) steht er als „Tonsetzer und Klaviermeister", der 
in Wien Seilergasse 1083 wohnte. Gegen die angegebene Zeit schrieb 
er unter anderem ein Stiicklein fur Starkes Pianoforteschule (Teil III, 
1821). M. J. Leidesdorfsche Kompositionen sind durch den Verlag 
Steiner & Co. (Graben 612 „am Anfang des PaternostergaBchens" an- 
gekundigt in der, , Wiener Zeitung"vom 8. November 1820. 1 823 lief erte 
Leidesdorf eine der Variationen, die uber Diabellis Walzer geschrieben 
wurden, ferner hat Leidesdorf einen Nachstich von Op. Ill heraus- 
gegeben, der in einem Brief Beethovens an Schlesinger erwahnt wird 
im Sinne einer tauschenden Kopie (Frimmel, „Beethovenjahrbuch" II, 
S. 185f.: „hier von Leidesdorf so tauschend nachgestochen, daB keins 
vom anderen zu unterscheiden ist. auch denselbigen preis"). Die Un- 
freundlichkeit, gelinde gesagt, die mit dem Nachstich gegeben ist, war 
offenbar mehr dem Verleger in Paris fiihlbar als dem Komponisten. 
So verstehen wir, daB auch die Bagatellen, die Schlesinger erworben 
hatte (spater Op. 119), bei Leidesdorf und Sauer in Nachstich heraus- 
kamen. (Leidesdorf hatte den Sauerschen alten Verlag ubernommen 
1816, dem er dann bis 1822 als Gesellschafter angehOrte. In dieser Ge- 
sellschaft gab er 1821 oder 1822 ein Heft mit Beethoven-Liedern 
heraus, in welchem auch das „Abendlied" enthalten war. 1827 zog 
Leidesdorf von Wien fort.) Auch ist Leidesdorf in der Adresse unter- 
schrieben, die 1824 dem Meister von Wiener Kunstfreunden iiberreicht 
wurde. Ein Zettelchen Beethovens an Leidesdorf, das man um 1805 
ansetzen mag, und das in meinem ,,Beethovenjahrbuch" (Bd. I, 1908) 
faksimiliert ist, lautet: 

„Dorf des Leides — Gebt dem Oberbringer Dieses H[errn] Ries 
einiges leichtes 4handiges oder noch besser Umsonst — betragt euch 
nach der gereinigten Lehre — lebt wohl 

Beethoven 
minimus." 
(Mit Bleistift ohne Datum, „Ries" und ,, Beethoven minimus" latei- 
nisch, sonst alles deutsche Kursive. Urschrift 1908 bei Frau Prasi- 
dentensgattin Anna Aigner, friiher bei SchOnstein, Harasowsky und 
Klob. — Schon bei L. Nohl in der 1. Briefsammlung als Nr. 35. Her- 
kunftsangaben im erwahnten „Beethovenjahrbuch" S. 186f.) Das 
Wortspiel zu Anfang ,,Dorf des Leides" statt Leidesdorf kann bei 
Beethoven nicht iiberraschen. Im Text hat der raschest mit Bleistift 
hinkratzende Meister sicher ein Wort ausgelassen, wohl „billiges" nach 
vierhandiges. Es durfte sich um einfache Musik far einen Schliler han- 
deln, der bei Ries lernte. Die Noten sollten nicht teuer sein und wo- 
mOglich umsonst abgegeben werden. Das „Betragt Euch nach der ge- 



Leipzig — Leitung von Musikauffuhrungen 335 

reinigten Lehre" kOnnte einen Bezug auf Freimaurerei haben. DaB 
die Unterschrift lateinisch geschrieben ist und nicht deutsch, wie 
Beethoven vor 1816 seinen Namen zu schreiben pflegte, wird ganz 
begreiflich dadurch, daB der Meister trotz der Eile an das lateinische 
„minimus" dachte, das er doch nicht in deutscher Schrift hinsetzen 
konnte. 

(Zu Leidesdorf vgl. auch Eitners „Quellen-Lexikon" und den 
,,Katalog der Beethovenausstellung in Wien" 1920 Nr. 454.) 

Leipzig, die beriihmte Stadt des deutschen Buchhandels und Noten- 
druckes. Leipzig hat fttr Beethoven ungewohnliche Bedeutung. Zu- 
nachst dadurch, daB er schon 1796 dort so gut wie sicher Aufenthalt 
genommen hat (siehe bei: Dresden). Dann noch mehr dadurch, daB 
er jahrelang zum Hause Breitkopf & Hartel in engen Beziehungen 
stand. Diese begannen 1801 und dauerten bis ins Jahr 1815. Ob schon 
1796 eine gegenseitige Bekanntschaft angekntlpft wurde oder nicht, 
bleibt unklar. Die Erwahnung von August Eberhard Mailer in einem 
Brief Beethovens an die genannte Firma vom 5. Juli 1806 scheint mit 
einer Leipziger musikalischen Bekanntschaft zusammenzuhangen. 
Nach den Mitteilungen Rochlitzens ware anzunehmen, daB Beethoven 
nur voriibergehend in Leipzig gewesen ist (siehe bei: Rochlitz und bei 
den Orten Berlin, Prag, Nitrnberg und bei: Reisen). 

Leitung von Musikauffuhrungen. Durch sein rasches* Aufsteigen 
in der Kunst kam der junge Beethoven friih an die bedeutsame Stelle 
als Cembalist im Kurfiirstlichen Theater zu Bonn. Leitend war er 
auch damals in der Karwoche, als er den Sanger Heller in Verlegen- 
heit brachte (siehe bei: Heller). Spater dirigierte er dutzendemal 
seine Symphonien, Ouverturen und die Auffiihrungen von Kammer- 
musikwerken, bei denen er am Klavier mitwirkte. Ign. v. Seyfried, 
der den Meister seit ungefahr 1803 beobachtete, nicht zuletzt beim 
Leiten von Musik, die ja immer vom Meister selbst war, faBt die Er- 
fahrungen seit jener Zeit allgemein zusammen, jedenfalls zutreffend. 
Man muB dies zugestehen, wenn man eine Menge anderer Stimmen 
iiber Beethovens Leitung damit vergleicht. Seyfried sagt: „Im Diri- 
gieren durfte unser Meister keineswegs als Musterbild aufgestellt wer- 
den, und das Orchester muBte wohl Acht haben, um sich nicht von 
seinem Mentor irre leiten zu lassen; denn er hatte nur Sinn fur seine 
Tondichtung und war unablassig bemuht, durch die mannigfachsten 
Gesticulationen den identisierten Ausdruck zu bezeichnen. So schlug 
er oft bey einer Starken Stelle nieder, sollte es auch im schlechten 
Tacttheile seyn. Das Diminuendo pflegte er dadurch zu markieren, 
daB er immer kleiner wurde und beym pianissimo, so zu sagen, unter 



336 Leitung von Musikauffiihrungen 

das Tactirpult schlupfte. So wie die Tonmassen anschwellten, wuchs 
auch er wie aus einer Versenkung hervor. Mit dem Eintritt der ganzen 
Instrumentalkraft wurde er, auf den Zehenspitzen sich erhebend, fast 
riesengroB und schien, mit beyden- Armen wellenfOrmig rudernd, zu 
den Wolken hinaufschweben zu wollen. Alles war in regsamsterThatig- 
keit, kein organischer Theil mussig und der ganze Mensch einem per- 
petuum mobile vergleichbar. Bey zunehmender HarthOrigkeit entstand 
freylich Otters ein derber Zwiespalt, daB der Maestro in Arsin battierte 
und die Musiker in Thesin accompagnierten. Dann orientierte sich 
der von der HeerstraBe abgekommene, am Leichtesten beileisen Satzen, 
wahrend er von dem gewaltigen Forte rein nichts verstand. Auch 
kam ihm in solchen Fallen das Auge zu HUlfe. Er beobachtete namlich 
den Strich der Bogeninstrumente, errieth daraus die eben vorgetra- 
gene Figur, und fand sich bald wieder zurechte." (Anhang S. 17f.) — 
„Unser Beethoven gehdrte schlechterdings nicht zu den eigensinnigen 
Componisten, dem kein Orchester in der Welt etwas zu .Dank machen 
kann; ja zuweilen war er gar zu nachsichtsvoll und lieB nicht einmal 
Stellen, die bey den Vorproben verungliickten, wiederholen;. das 
nachste mahl wird's schon gehen meinte er." Ries („Notizen" 
S. 83f.) bespricht aber auch Falle von Beleidigung des ganzen Orchesters 
durch den Meister. Dieser wurde denn auch durch die Orchestermusiker 
einmal sog»r von der Leitung ausgeschlossen. — „Bez(iglich des Aus- 
drucks, der kleinen Nuancen, der ebenmaBigen Vertheilung von Licht 
und Schatten, sowie eines wirksamen Tempo rubato, hielt er auf 
groBe Genauigkeit, und besprach sich, ohne Unwillen zu verraten, 
gerne einzeln mit Jedem dartiber. Wenn er nun aber gewahrte, wie 
die Musiker in seine Ideen eingingen, mit wachsendem Feuer zusam- 
menspielten, von dem magischen Zauber seiner TonschOpfungen er- 
griffen, hingerissen, begeistert wurden, dann verklarte sich freudig 
sein Antlitz, aus alien ZUgen strahlte VergnOgen und Zufriedenheit. 
Ein wohlgefalliges Lacheln umspielte die Lippen, und ein donnerndes 
,Bravi tutti' belohnte die gelungene Kunstleistung." Beim notwendi- 
gen Wiederholen mancher Stellen im a vista-Spiel blieb er geduldig. 
„Kam besonders in den Scherzos seiner Symphonien beym plOtzlichen 
unerwarteten Taktwechsel alles auseinander, dann schlug er eine droh- 
nende Lache auf, versicherte: er hatte es gar nicht anders erwartet; 
hatte schon zum voraus darauf gespitzt und auBerte eine fast kindische 
Freude, daB es ihm gegliickt, so btigelfeste Ritter aus dem Sattel zu 
heben." Im Konzert mit der „Chorfantasie" muBte er abklopfen. 
Beethoven erzahlte davon : „Einige Instrumente hatten sich verpausiert. 
Hatte ich noch einige Takte weiter spielen lassen, ware die graBlichste 



Lengenfeld 337 

Disharmonie entstanden" (Mitteilung von Karl Czerny an Otto Jahn). 
Als beim Fursten Lobkowitz die „Eroica" probiert wurde, brachte Beet- 
hoven bei der langen Stelle mit den Synkopen das Orchester so auBer Takt, 
„daB wieder von vorn angefangen werden muBte" (nach Ries, „Notizen" 
S. 78). Was oben von Beethovens Gebarden beim Dirigieren aus Sey- 
frieds Beobachtungen entnommen worden, findet voile Bestatigung 
durch die Berichte Spohrs, des Sangers Fr. Wild, des Musikers Toma- 
schek, des Dichters Atterbohm, der Sangerin SchrOder-Devrient, des 
Geigers Jos. BOhm und des Pianisten Moscheles und des Barons Weck- 
becker. Fremde Hilfe muBte bei der Orchesterleitung immer mehr in 
Anspruch genommen werden, je unzuverlassiger das Gehor wurde. 
Bei der Eroffnung des Josefstadter Theaters 1822 (nach Schindlers 
Bericht) saB zwar Beethoven am Klavier, aber eigentlich leitete 
Glaser jun. das Orchester. Von der Scheinleitung Beethovens in der 
groBen Akademie im Jahre 1824 berichten viele Stimmen. Auch Frau 
Grebner, die bei der Erstauffiihrung der IX. Symphonie mitge- 
sungen hatte. Fraulein Fanny Del Rio, die viele von Beethovens 
AuBerungen in ihr Tagebuch geschrieben hat, berichtet aus dem 
Jahre 1816: „Er bemerkte einmal, wie zur Orchesterleitung auch 
korperliche Kraft erfordert wurde. Ich habe manchmal daruber 
sprechen gehort, daB Beethoven als Director manchem Spielenden 
nicht so angenehm war als ein anderer, geiibter Dirigent; ich weis 
nicht, vielleicht war es nur bei einigen so; aber jedenfalls stellte er 
selbst, wenn ich so sagen darf, das vollstandige Bild des aufzuiiihren- 
den Stiickes dar ..." 

Wir sind heute durch mehrere hervorragende Dirigenten so verwohnt, 
daB uns Beethovens eigenartiger Umgang mit dem Orchester etwas 
befremdet. Aber gerne wtirden wir Beethovens Grimassen mit in Kauf 
nehmen, wenn wir noch seine wichtigen Bemerkungen zu den Auf- 
fuhrungen seiner Werke horen konnten. 

. (Th.-R. passim, auch I, 158, Kerst, „Erinnerungen" nach Register, 
Wasielewskys „Beethoven", Felix v. Weingartner, „Akkorde" [1912] 
S. Iff. — Siehe auch unten bei: „Meeresstille und gluckliche Fahrt".) 

Lengenfeld. Ansehnlicher Markt in einem weiten Tal unfern der 
Hochebene, auf der das Gut Gneixendorf des Apothekers Johanh v. 
Beethoven, jetzt Schweitzerscher Besitz, liegt. Von Krems ist es 
1 l / a Geh-Stunde entfernt gegen Gfohl zu. Lengenfeld -ist Pfarrort 
und hat eine Schule. Zu Beethovens Zeiten hatte es 222 Hauser (nach 
Steinius). Der Postverkehr ging iiber Krems. DaB Beethoven ein- 
mal in Lengenfeld gewesen ist, ist so gut wie sicher. UngewiB sind nur 
die Einzelheiten seines Besuchs. Im Hause des Lengenfelder Arztes, 

Frlmmel, Beethoyenhandbuch. I. 22 



338 Lesestoff 

des Chirurgen Karrer, das erst ganz vor kurzem abgebrannt sein sol], 
weiB man auch um die Uberlieferung, daB Beethoven vor dem Doktor- 
hause gesessen habe, als er fur den Bruder Medikamente holte (nach 
den freundlichen Mitteilungen der Frau Schuldirektorin Bertha Eisen- 
menger, die seit Jahren in Senftenberg bei Krems unfern von Lengen- 
feld lebt). Auch wird mitgeteilt, daB der Spitzname „Der kraupete 
Musikant" dem Meister in jener Gegend angehangt wurde. Nach den 
Kleyleschen Erhebungen von 1862 ist eine andere Uberlieferung mit 
Lengenfeld verknupft. Beethoven hatte mit dem Bruder Johann 
einen Ausflug nach Lengenfeld gemacht. Dies wurde ubrigens schon 
1862 von Beethovens Diener Michael Kren jun. in Zweifel gezogem 
Man hatte beim Chirurgen Karrer zu tun. Johann hatte es versaumt, 
seinen Bruder vorzustellen. Frau Karrer tischte fur alle tibrigen reich- 
lich auf. Den auf der Ofenbank sitzenden Tonkiinstler hielt sie fur 
einen Bedienten. Sie reichte ihm ein Krilgl Heurigen mit den Worten; 
•„Na, da hat er auch einen Trunk". Als der Chirurg spat abends nach 
Hause kam, erriet er aus der Beschreibung, wen seine Frau fur Johanna 
Bedienten angesehen hatte: „Liebes Weib, was hast Du getan. Der 
groBte Tonsetzer unseres Jahrhunderts war heute in unserem Hause, 
und Du hast ihn so sehr miBachtet" (nach Lorenz, beziehungsweise 
nach Kleyles Erhebung, veroffentlicht in „Deutsche Musikzeitung" 
1862, S. 77f.). Wie man diese Uberlieferungen zusammenreimen kann, 
ist vorlaufig noch unklar. Immerhin glaube ich, antiehmen zu durfen, 
daB Beethoven iiberhaupt einmal in Lengenfeld gewesen ist, und daB 
man das alte Doktorhaus als richtige Beethovenstatte atizusehen hat* 
Eine Verbindung des Apothekers Johann v. Beethoven mit dem Land- 
chirurgen Karrer, der wie alle Chirurgen in abgelegenen Orten auch 
Medikamente fiihren muBte, kann ja nicht im mindesten auffallem 
Johann braucht nur einmal dem Chirurgen Arzneimittel verschafft, 
gebracht zu haben, wohl zu Wagen, worin auch der Tonkunstler Platz. 
fand. Von dieserFahrt braucht Kren jun. gar nicht erfahren zu haben. 
Dann konnte er sich begreiflicherweise auch 1861, als er danach aus- 
gefragt wurde, nicht daran erinnern. (Siehe auch Frimmel, „BeethOT 
venstudien" II, S. 154 und 164. Die Glaubwurdigkeit des Kleyleschen 
Berichtes ist sehr gunstig zu beurteilen. Siehe bei: Gneixendorf,. 
Langenlois, Lorenz.) 

Lesestoff. ImAbschnitt: Handbibliothek wurde auf Lesestoff ver- 
wiesen. Die Biicher in Beethovens Besitz sind ja niemals irgendwie 
bibliotheksmaBig aufgestellt gewesen. Schindler sagt ausdrucklich, 
daB nicht einmal ein Bucherschrank beim Meister zu finden war. Aber 
die vorhandenen Biicher dienten dem Kunstler im besten Sinne zum 



Lesestoff 339 

Lesen, wie aus Beethovens hervorhebenden Bleistiftstrichen an der 
Seite und unter den Zeilen mancher Stellen hervorgeht, von denen 
tiberdies nicht wenige eigens als Tagebuchnotizen abgeschrieben wur- 
den. Anton Schindler hat wertvolle Nachrichten uber diesen Ausdruck 
Beethovenscher Freude an manchen Stellen des Gelesenen mitgeteilt 
(im „Beethoven" I, S. 23, II, S. 136, 180f., 281 ff., 367ff.). Als „vor- 
zugsweise der Aufbewahrung werth" wurden von Schindler und St, 
v. Breuning erachtet: Homers Odyssee in der Obersetzung von VoB, 
Christian Sturms ,,B'etfa~chtungen der Werke Gottes im Reiche 
der Natur" (2 Bande) und G o e t h e s , ,Westostlicher Divan". Die Odyssee 
wurde vom Meister der Uiade bedeutend vorgezogen. Von Goethe 
muBte Beethoven yiele Gedichte als Liedertexte durch die Hande be- 
kornmen haben, auch den „Egmont". Im NachlaB des Meisters waren 
„auBeFdem Divan nur Wilhelm Meister, Faust und die Gedichte da-", 
DagegelTstahd „in Eschenburgs Obersetzung der ganze Shakespeare 
^da". Von der Schlegelschen Obersetzung wollte Beethoven nichts 
wissen. Schindler erwahnt dann noch ,,von Schiller nur die Ge- 
dichte und einige Dramen, von Tiedge die Urania, die Gedichte von 
Seume, Matthison und einige noch von gleichzeitigen Dichtern. 
Als ein von ihm sehr geschatztes und viel empfohlenes Buch darf in der 
Sammlung noch genannt werden: „Briefe an Natalie fiber Gesang von 
Nina d'Aubigny Engelbrunner". So hat denn Beethovens unbesol- 
deter Sekretar manches gerettet, das dann nicht in die NachlaBver- 
steigerung kam. Ein Gliick fur die Beurteilung der Sache. Denn 
Schindler wollte darum wissen, daB in jene Auktion Bucher einge- 
schmuggelt worden sind, die niemals in Beethovens Besitz waren. 
Trotzdem ist die Liste der Bucher aus der NachlaBversteigerung von 
Bedeutung, da bei vielen wenigstens die Wahrscheinlichkeit vorhanden 
ist, sie seien vorher von Beethoven benutzt worden. In meinen 
,,Beethovenstudien" 1 1 ist noch jenes Verzeichnis der Bucher iibergangen 
worden der angeblichen Einschiibe wegen, von denen Schindler spricht. 
Aber Alb. Leitzmann hat in seinem „Ludwig van Beethoven" (1921, 
II, S. 379ff.) diese Lucke ausgeftillt, indem er nicht nur das Inventar 
der Beethovenbiicher aus Schindlers Besitz, sondern auch das BUcher- 
verzeichnis aus der NachlaBversteigerung vollstandig mitteilt. Zu 
dem, was Schindler ohnedies in seiner Beethovenbiographie andeutet, 
kommen demnach noch einige Hilfsbiicher, wie Scheller-Ltinemann, 
,,Lateinisch-deutsches und deutsch-lateinisches Worterbuch", von dem 
jetzt der IV. Band fehlt, De la Veaux' „Dictionnaire", Jagemanns „ Italie- 
nisches" Worterbuch, eine „NouveIle grammaire a l'usage des dames" 
(1782), Shakespeares „Sturm" in Schlegels Obersetzung (Nachdruck 

22* 



340 Lesestoff 

von 1825) und Schillers „ Jungfrau von Orleans" und „Wilhelm Tell". Im 
Verzeichnis der Versteigerung deuten elnige Biicher ziemlich bestimmt 
auf Beethovens Besitz hin, da sie durch kopierte Stellen in Beethovens 
Tagebuch als Beethovenbucher beglaubigt sind oder sonstwie auf 
Menschen aus Beethovens Bekanntenkreis hinweisen, wie z. B. Werke 
von Sailer, einem Autor, iiber den man in der Lebensgeschichte des 
Neffen manches erfahrt. Tiirk, „Anweisung zum GeneralbaBspielen", 
Kant, „Naturgeschichte und Theorie des Himmels", Schenk, „Taschen- 
buch fUr Badegaste Badens" (Wien 1805), Klopstocks „ Werke", Heinse, 
„Linz und seine Umgebungen" (1812), Ciceros,,Epistolae"mitdeutschen 
Noten und Obersetzungen, Plutarchs „Biographien", Matthesons 
,>yollkommener Kapellmeister" und Marpurg, ,,Abhandlung von 
der Fuge". Sie hangen alle mit Beethovens Leben und Wirken zu- 
sammen, so daB man sie nicht als EinschQbe betrachten kann. Und 
bei der Behauptung Schindlers fehlt zur Richtigkeit immer noch der 
Beweis, daB Schindler auch den NachlaB Buch far Buch gekannt und 
im Gedachtnis behalten hatte, urn dann die Einschabe einwandfrei 
nachzuweisen. Wie leicht konnte ihn das Gedachtnis getauscht haben. 

(Gesprache aber Bacher und Buchhandlungen bei Walter Nohl, 
..Konversationshefte" I, S. 416—426, Th.-R. IV, S. 179.) 

In einem Konvolut der Bibliothek der Gesellschaft der Musik- 
freunde zu Wien mit der Aufschrift „Verschiedenes aus fruherer Zeit, 
8 Blatter Erlkonig und rastlose Liebe-Skizze" findet sich mit mehr 
als zollhohen ZOgen von Beethoven geschrieben: „Aus Lessing einiges 
das gespenst u. ein duett". — In der Wiener Nationalbibliothek be- 
findet sich aus dem Besitz der alten Hofbibliothek ein Blattchen, das 
wohl fUr Zmeskall bestimmt war, eine Reihe von Namen: „Kanne, 
Kollin, Berner (besonders far Geistliche), WeiBenbach, auch wohl 
Pichler". 

Beethoven hat auch viele andere BUcher gelesen, die nicht im Nach- 
laBverzeichnis vorkommen, auch nicht vorzukommen brauchen. Denn 
manches wurde durchgenommen, sogar zum Teil abgeschrieben und 
ausgezogen, das Beethoven ausgeliehen oder nachtraglich verschenkt, 
verloren hat. Der oftmalige Wohnungswechsel war dem Verlieren 
sehr ganstig. A. Leitzmann hat viele AnfUhrungen aus Herders Ge- 
dichten, aus Mailers „Die Schuld" nachgewiesen, die im NachlaB- 
verzeichnis nicht vorkommen. (Das Heft „Beethovens personliche 
Aufzeichnungen" Leipzig, Inselverlag, bietet dasselbe wie Leitzmanns 
„L. v. Beethoven".) 

Die Geschichte der Beethovenschen BUcher ist jedenfalls sehr ver- 
wickelt, und mit den Mitteilungen Schindlers und den spaten Ver- 



Letronne 341 



zeichnissen ist keineswegs ein vollstandiger Oberblick gewonnen. DaB 
Schindler und Breuning ausgewahlt haben, wissen wir. Der Hauptstock 
kam am 5. November 1827 zu offentlicher Versteigerung, nachdem sie 
in der „Wiener Zeitung" angekundigt worden war. Die Auswahl, die 
Schindler unter Breunings Beisein fur sich getroffen hatte, gelangte 
mit Schindlers NachlaB in die Berliner Bibliothek. Die Spuren des 
Gebrauchs durch Beethoven bestehen in Form von Ohren, beigeschrie- 
benen kurzen Randbemerkungen und besonders vielen Strichen, 
Kreuzen, Ausrufungszeichen und Fragezeichen, ,,deren Form, GroBe und 
Anzahl vielfach Schliisse auf den Warmegrad des Affekts erlauben, 
mit dem sie das Temperament des Lesenden hingezeichnet hat" (Leitz- 
mann). Eine sehr wertvolle Erganzung unserer Kenntnisse iiber Beet- 
hovens BUcher wurde jtingst geboten durch Walter Nohl in „Neue 
Musikzeitung vom Dezember 1925 und Janner 1926, „Biichernotizen 
Beethovens aus Zeitungen und Zeitschriften". Manche der dort an- 
gegebenen Bucher sind wohl vom Meister durchblattert worden. 

(Neben der angegebenen Literatur im Text noch zu vergleichen der 
Aufsatz A. Leitzmanns , .Beethovens literarische Bildung" in „Deutsche 
Rundschau" 1913 und ..Deutsche Literatur-Zeitung" [XXXV. Bd.] 
vom 17. Januar 1914, derselbe in ..Zeitschrift far Musikwissenschaft" 
I [Dezember 1918]. Vielleicht ubertrieben ist wohl Th.-R. Ill, S. 192, 
wo jedenfalls die orientalistisch-literarischen Kenntnisse Beethovens 
iiberschatzt sind. Sehr beachtenswert Ludw. Nohl, ,, Beethovens 
Brevier" [siehe auch bei: Linz].) 

Gar nicht zu tiberblicken ist die Menge von Biichern, die Beethoven 
in seinem Leben ausgeliehen und gelesen hat. Zu einer solchen Ober- 
sicht ist noch nicht einmal der Anfang gemacht. Ich gebe nur ein 
Beispiel. So hatte Beethoven 1825 ein Buch vermutlich physikalischen 
oder technischen Inhalts von einem ..Kunstmaschinisten" am Graben 
ausgeliehen, das er im Sommer jenes Jahres zuriickstellen sollte. Des- 
halb schrieb er an den Bruder und an den Neffen. 

Letronne, Louis, franzosischer Zeichner, der um 1805 aus Frankreich 
nachWien kam und dort bis gegen 1818 verblieb. Er hat Beethovens 
Brustbild gezeichnet und zwar schlecht genug, wenn man in einer alten 
Radierung danach aus dem Jahre 1837, die als groBe Seltenheit er- 
halten ist, nicht iiberhaupt einen Scherz von spaterer Hand erblicken 
will (Faksimile in der Zeitschrift „Die Musik" Bd. I, Heft 12). Einzel- 
heiten personlicher Art iiber die Herstellung der Zeichnung sind bisher 
nicht bekannt geworden, ebensowenig als genaue Angaben iiber Letron- 
nes Lebensgang. Ober seinen alteren Bruder findet sich einiges in 
Michaud, ,,Biographie universale ancienne et moderne". Naglers 



342 Letzte Noten 



„Kunstlerlexikon" laBt ihn „vor 1821" sterben. Aus den Bildnis- 
zeichnungen, die sich von Louis Letronnes Hand da und dort noch 
finden, laBt sich auf einen wenigstens nicht ungeschickten Kiinstler 
schlieBen, der hoch iiber dem angeblichen Beethovenbildnis steht. 
Letronne scheint in Musikerkreisen bekannt und beliebt gewesen zu 
sein. Die Bildnisse des Opernsangers Franz Wild, des Abtes Gelinek, 
des Geigers Jos. Mayseder, des Musikalienverlegers Haslinger und 
des Fursten Odeschalchi filhren uns nach dieser Richtung. Auch kennt 
man die Miniaturbildnisse des Prinzen Leopold von Salerno, der Erz- 
herzogin Klementina (vermahlten Prinzessin Salerno), ferner die kleinen 
Brustbilder des Hofrats Lohr von 1816 und des Wiener Arztes Jos. 
v. Stift (1818 gestochen). 

Beethovens Brustbild von Letronne hangt offenbar mit der ziemlich 
plotzlichen Weltberuhmtheit zusammen, die sich an die Leistungen des 
Tonkiinstlers beim Wiener KongreB anschloB. GroBe Verbreitung 
wurde dem HOf elschen Stich nach Letronne zuteil, der 1814 bei Artaria 
erschien (siehe bei: Hotel). Beethoven selbst hat mehrere, sicher ziem- 
lich viele Exemplare verschenkt. 1815 wurde Hotels Blatt nach- 
gestochen durch Riedel, und auch von diesem Blatt durfte Beethoven 
Exemplare verschickt haben. Ein Exemplar mit der Widmung an 
Malzel ist mir durch Nachbildung bekannt. (Was ich vor einigen Jahren 
iiber Louis Letronne gesammelt hatte, ist zusammengestellt in ,,Stu- 
dien und Skizzen zur Gemaldekunde" Bd. V, S. 75ff. Abbildungen 
seit Frimmel, „Neue Beethoveniana" 1888 in vielen neueren Beethoven- 
biichern bis herauf zu Schiedermair, „Der junge Beethoven" [1925].) 

Letzte Noten. Mancherlei Behauptungen (iber das letzte Werk 
Beethovens sind geauBert worden und auch auf die Titelblatter einiger 
Stiicke iibergegangen. So ist z. B. 1840 ein kleines Stuck in B-Dur 
bei Schlesinger in Berlin erschienen mit der Benennung „Derniere 
pensSe musicale". Dieses Stuck stammt aus dem Jahre 1818 (Notte- 
bohm, ,,Thematisches Verzeichnis" S. 152, und desselben beethove- 
niana" I,S.79). Mit dem„letzten Gedanken" ist's also ein Irrtum. Als 
letzte groBe, abgeschlossene Arbeit kann nur der SchluBsatz des 
Streichquartetts Op. 130 gelten. Dann wurde aber 1838 bei A. Diabelli 
& Co. herausgegeben „Beethovens letzter musikalischer Gedanke aus 
dem Originalmanuskript im November 1826. Skizze des Quintetts, 
welches die Verlagshandlung A. Diabelli &Comp. bei Beethoven bestellt, 
und aus dem NachlaB kauflich mit Eigenthumsrecht an sich gebracht 
hat". Das ist richtig, aber trotzdem handelt es sich nicht urn den 
„Letzten Gedanken". Dieser laBt sich nach Schindlers gutem Zeugnis 
als ein anderer ganz kurzer Gedanke feststellen,und zwar als zweiTakte, 



Letzte Worte 



343 



die sich ganz zu Ende eines kleinen Skizzenbuches in der Berliner 
Bibliothek vorfinden: 




Schindler merkt dazu an: „Dies hier auf dieser Seite sind die letzten 
Noten, die Beethoven ungefahr 10 bis 12 Tage vor seinem Tode in 
meinem Beisein geschrieben." Nottebohm im zweiten Band seiner 
,,Beethoveniana" hat uns diese Aufklarung gegeben (S. 523). 

Letzte Worte. Mit voller Sicherheit ist die Frage nach Beethovens 
letzten Worten nicht zu beantworten. Doch hat die Mitteilung 
Schindlers, der in der letzten Zeit des Meisters wieder in Gnaden 
aufgenommen war, jedenfalls das groBte Gewicht. Sie findet sich in 
Schindlers Bericht an die Verlagshandlung Schott in Mainz fiir die 
,,Caecilia". Am 12. April 1827, also noch mit frischer Erinnerung an 
die Ereignisse, die nur etwa zwei Wochen vorher eingetreten waren, 
schrieb er: „Ich kann mich nicht enthalten, Ihnen zugleich etwas aus 
den letzten Stunden seines BewuBtseins (namlich am 24. Marz von 
friih bis gegen 1 Uhr nachmittags) zu melden, da es gerade f Qr Sie, meine 
Herren, von nicht geringem Interesse sein dtirfte. — ■ Nachdem ich am 
Morgen des 24. Marz zu ihm kam, f and ich sein ganzes Gesicht zerstort 
und ihn so schwach, daB er sich mit groBter Anstrengung nur mit 
hochstens zwei bis drei Worten verstandlich machen konnte. Gleich 
darauf kam der Ordinarius (Prof. Dr. Wawruch), der, nachdem er ihn 
einige Augenblicke beobachtete, zu mir sagte: Beethoven geht mit 
schnellen Schritten seiner Auflosung nahe! Da wir nun die Sache 
mit seinem Testament schon tags vorher, so gut es immer ging, be- 
endigt hatten, so blieb uns nur noch ein sehnlicher Wunsch ubrig, ihn 
mit dem Himmel auszusohnen, um auch der Welt zu zeigen, daB er als 
wahrer Christ sein Leben beendigte. Der Professor Ordinarius schrieb 
ihm also auf und bat ihn im Namen aller seiner Freunde, sich mit den 
heiligen Sterbesakramenten versehen zu lassen, worauf er ganz ruhig 
und gefaBt antwortete: , Ich will's'. — Der Arzt ging fort und UberlieB 
mir, dies zu besorgen. Beethoven sagte mir dann: ,Ich bitte Sie nur 
noch um das, an Schott zu schreiben und ihm das Document zu 
schicken. Er wird's brauchen. Und schreiben Sie ihm in meinem 



344 Letzte Worte 



Namen, denn ich bin zu schwach: ich IaB ihn recht sehr bitten um den 
versprochenen Wein. — Auch nach England schreiben Sie, wenn Sie 
heute noch Zeit haben.'" [NB. GewiB hat man sich diese Auftrage 
nicht so zusammenhangend vorzustellen, wie sie bei Schindler zusam- 
mengedrangt sind, sondern in einzelnen miihsamen Ansatzen vor- 
gebracht.] Schindler berichtet weiter: ,,Der Pfarrer kam gegen 
12 Uhr, und die Funktion ging mit der groBten Auferbauung voruber; 
— und nun erst schien er an sein letztes Ende selbst zu glauben, denn 
kaum war der Geistliche drauBen, als er mir und dem jungen Herrn 
von Breuning (Sohn des Hofraths) sagte: .Plaudite amici, comoedia 
finita est (Klatscht Beifall, ihr Freunde, das Schauspiel ist zu Ende!). 
■ — Hab' ich's nicht immer gesagt, daB es so kommen wird?'" 

Nebenbei betnerkt, kann doch niemand aus dem Plaudite amici 
einen Spott fiber die Spendung der Sakramente herausfinden, der die 
Mitteilung Schindlers aufmerksam liest, besonders wenn man die er- 
ganzende Nachricht beachtet, daB Beethoven unmittelbar nach der 
letzten Olung zum Pfarrer gesagt hat: „Geistlicher Herr, ich danke 
Ihnen, Sie haben mir Trost gebracht." So weiB man es durch Beetho- 
vens Schwagerin, die bei der Zeremonie zugegen war und davon zu 
Anselm Hiittenbrenner gesprochen hat. Wie Schindler fortfahrt, 
erinnerte Beethoven nochmals an die Dankbriefe ftir Schott und nach 
England ,,Gott wolle sie segnen! und dergleichen". — „In diesem 
Augenblicke trat der Kanzleidiener des Herrn Hofrat v. Breuning 
mit dem Kistchen Wein und dem Tranke, von Ihnen geschickt, ins 
Zimmer. Dies war gegen 3 / 4 auf 1 Uhr. Ich stellte ihm die zwei Bouteil- 
len Rudesheimer und die anderen zwei Bouteillen mit dem Tranke auf 

den Tisch zu seinem Bette. Er sagte: ,Schade! — Schade! 

zu spat!' — Dies waren seine allerletzten Worte. Gleich darauf 
verfiel er in solche Agonie, daB er keinen Laut mehr hervorbringen 
konnte. Gegen Abend verlor er das BewuBtsein und fing an zu phan- 
tasieren." Wovon der Sterbende phantasierte, ist nicht iiberliefert, 

und so muB das „Schade — Schade zu spat" als letzte bewuBt ge- 

sprochene AuBerung festgehalten werden. Dem widersprache die 
Aussage des Opernsangers Luigi Lablache, die uns freilich nicht von 
einem Ohrenzeugen, sondern nur durch eineMittelsperson tiberliefert ist. 
Bei W. Lenz, , .Beethoven, eine Kunststudie" I, 1885, S. 78 heiBt es, 
daB Lablache Beethovens letzte Worte folgendermaBen tiberliefert 
hatte: „H6rt Ihr die Glocke? Die Decoration wechselt." (An den 
Theatern Wiens gab eine Glocke das Zeichen der Verwandlung.) Ich 
meine, daB niemand Schindler hier nicht als Ohrenzeugen und als 
berufenen Berichterstatter wollte gelten lassen, um einer ganz unsiche- 



Lewald — Lichnowski 345 



ren sonstigen Mitteilung"Geltung zu verschaffen. Von einem Ver- 
weilen des Sangers Lablache am Sterbelager Beethovens ist nichts 
bekannt. Dann sieht auch das ganze Lablachesche Wort mehr nach 
der Bilhne, als man dies beim sterbenden Beethoven erwarten sollte. 
Zudem ist beim stocktauben Meister das Anknupfen an einen Gehors- 
eindruck („H5rt Ihr die Glocke") geradewegs befremdend. Wir blei- 
ben bei Schindlers Oberlieferung, die auch von Thayer anerkannt 
worden ist (Th.-R. V, S. 488ff.). Dankenswert war es iibrigens von 
Erich Kiihn, die Lablache-Angelegenheit aus dem Buch von W. Lenz 
hervorgesucht zu haben (vgl. den Aufsatz von Erich Ktihn, „Beetho- 
vens letzte Worte, eine neue Lesart" im „Hamburger Correspondent" 
25. Mai 1921, und dasselbe in „Neueste Nachrichten" Dresden 10. oder 
12. Juni 1921. Dazu auch ,, Beethovens letzte Worte, eine AuBerung 
Prof. Leitzmanns" im ,, Hamburger Correspondent" vom 4. Juni 1921. 
Aus der Slteren Literatur sei in Erinnerung gebracht A. B. Marx, 
„Beethoven" [1. Aufl.] II, S. 329 mit Verwirrung, die bei Schindler II, 
S. 1 42 ff . berichtigt wird, G. v. Breuning, ,,Aus dem Schwarzspanier- 
hause", Ludw. Nohl, ,, Beethoven nach den Schilderungen seiner Zeit- 
genossen", A. Chr. Kalischer in der ,,Unterhaltungsbeilage" des .Ber- 
liner Lokalanzeigers" vom 4. Mai 1894). Neben Schindlers Bericht 
hat in den beruhrten Fragen das meiste Gewicht ein Brief Ans. Hut- 
tenbrenners an A.W.Thayer aus dem Jahre 1860, eine Urkunde, die 
auch bei Breuning und Th.-R. benutzt ist. 
Lewald, August. (Siehe den Abschnitt: Jeitteles, Ignaz.) 
Lichnowski (auch Lichnowsky geschrieben), altes Adelsgeschlecht, 
aus Polen stammend, in Schlesien eingewandert, in PreuBen und 
Osterreich begiitert. Fur Beethoven von Wichtigkeit durch den 
Fursten Karl Lichnowski (geb. 1756 nach Angabe des ,,Katalogs 
der Wiener Beethovenausstellung von 1920", nach anderen anders, 
gest. 15. April 1814). Schindler schrieb: „Unter den vielen Bekannt- 
schaften aus dem hohen Adel steht die mit der ftirstlichen Familie 
Lichnowski im Vordergrund" (,, Beethoven" I, S. 21). ,,Der Iiebens- 
wiirdige Fiirst v. Lichnowski stand an der Spitze von Beethoven- 
Verehrern" sagt Seyfried. Lichnowski hatte noch mit Mozart in Ver- 
bindung gestanden, dessen SchOler er war. Der junge Beethoven 
wohnte in seiner ersten Wiener Zeit bei Lichnowskis in der AlserstraBe. 
Er war durch die Verbindung mit dem Fursten mitten ins Altwiener 
Musiktreiben hineingekommen. Durch Frau v. Kissow-Bernhard er- 
fahrt man, daB Lichnowski ,,ein freundlicher feiner Herr" war. Er 
lud Fraulein Bernhard oft zum Klavierspielen ein (vgl. L. Nohl, , .Beetho- 
ven nach den Schilderungen seiner Zeitgenossen"). Spater muBte 



346 Lichnowski 



auch der kleine Karl Czerny Beethovensche Sachen beim Fursten spie- 
len. Er konnte viele aus dem Gedachtnis vortragen, was Beethoven 
nicht billigte (Th.-R. II, S. 297). Auch Ries, der 1800 bis 1805 in 
Osterreich war und wiederholt den Sommer beim Fursten auf den 
Giitern, so in Gratz bei Troppau, zubrachte (wohl kaum auf den Giitern 
in PreuBisch-Schlesien), war der Musik wegen mit ihm in Verbindung, 
empfohlen durch den Meister selbst. Um jene Zeit wohnte Lichnowski 
nicht mehr in der AlserstraBe, sondern auf der Molker Bastei, wo ja 
die Beethovenstatten nahe beieinander stehen, und wo sich in den 
Jahren bis zum Tod des Fursten die vielen Auffiihrungen Beethovenscher 
Werke abspielten, die den Fursten fesselten oder ihm gewidmet waren. 
Im Dezember 1805 wurde beim Fursten die wichtige Beratung tiber 
,,Fidelio" veranstaltet, an der nicht nur das Fiirstenpaar, sondern auch 
der Sanger Meyer und Rockel, ferner Breuning, Treitschke, Collin 
teilnahmen. Uber die anfangliche Aufgeregtheit Beethovens der ver- 
langten Kiirzungen wegen und die spatere gute Laune berichteten 
Ries und Rockel. Nach der hitzigen Beratung lieB der Fiirst „ein 
glanzendes Souper" auftragen. — Ein kleines Zerwilrfnis mit Lich- 
nowski hatte es gegeben, als Ries miBbrauchlich das sogenannte „An- 
dante favori" aus dem Gedachtnis nach dem Horen dem Fursten vor- 
gespielt hatte und dann fur immer von Beethoven ausgeschlossen 
wurde, wenn dieser spielte („Notizen" S. 102 f.). Jederzeit aber hat 
sich dieser vornehme Gonner dem jungen Meister gegeniiber forderlich 
und liebevoll benommen. Als die Trios Op. 1 angekilndigt wurden, 
die freilich dem Fursten gewidmet waren, zeichneten die Lichnowskis, 
der Fiirst und seine Verwandten, 27 Exemplare. Zum Konzert, in 
welchem Bridgetower mit Beethoven die Kreutzersonate zum ersten- 
mal spielten (1803) nahm Lichnowski zehn Karten. Im Jahre 1800 
hatte der Fiirst dem Komponisten ein Jahresgehalt von 600 fl. aus- 
gesetzt, bis er sicher versorgt ware. Mit Freude teilte Beethoven 
dies kurz nacheinander seinen lieben Freunden Amenda und Wegeler 
brieflich mit. Von einer Biiste, den Fursten darstellend, die Beethoven 
ohne Zweifel vom Fursten zum Geschenk bekommen hatte, werden 
wir sogleich vernehmen. Unter anderem schenkte der Fiirst dem 
Meister seine hoch wertvollen Instrumente, auf denen bei ihm Streich- 
quartette gespielt wurden. (Sie befinden sich nach mannigfachen 
Wanderungen seit einiger Z'eit im Beethovenmuseum zu Bonn.) Als 
der Wettkampf mit Wolffl stattfand, stand Lichnowski unbedingt auf 
Beethovens Seite (siehe bei: Wolffl). Auf die Umgestaltung des „Fi- 
tielio" hatte Lichnowski jedenfalls groBen EinfluB. Im Heiligenstadter 
Testament (1802) gedachte Beethoven in Dankbarkeit des furstlichen 



LichnowSki 347 



Gonners, und 1804 (am 26. August) schrieb er folgendes an Breitkopf 
& Hartel: „Furst Lichnowski wird ihnen nachstens wegen meinem 
Oratorium schreiben — er ist wirklich — was in diesem Stande wohl 
ein seltenes Beispiel ist — einer meiner treuesten Freunde und Befor- 
derer meiner Kunst." Die Fiirstin Marie Christine, eine geborene 
Grafin Thun, behandelte den Meister mit solcher Zartheit, daB sich 
Beethoven daruber spater in dem Sinne auBerte, sie hatte am liebsten 
einen Glassturz iiber ihn gestellt. Beethoven aber war gelegentlich 
Vom Hochmutsteufel besessen. Als er des Fiirsten Stimme vernom- 
men, wie Lichnowski dem Leibjager Auftrag gab, Beethoven zuerst 
zu bedienen, wenn beide klingelten, nahm Beethoven noch am selben 
Tage einen eigenen Bedienten auf, wie er sich denn auch ein eigenes 
Reitpferd anschaffte, obwohl der Furst ihm seinen Marstali gewiB 
zur Verfugung gestellt hatte (nach Wegeler, „Notizen" S. 33 f.). Diese 
beleidigende, hochmiitige Handlungsweise mag bei Lichnowskis be- 
merkt, wohl auch besprochen worden sein. Noch in den 1820er Jahren 
spielt der Meister auf die Geschichte an in einem Briefe an den Neffen 
(siehe weiter unten.). 

Ein andermal spielte der unvermeidliche Jahzorn Beethovens herein 
und verursachte eine ubrigens vorubergehende Triibung der Freund- 
schaft. Im Oktober 1806, als der Meister in Graz bei Troppau den 
Fiirsten besuchte, waren franzOsische Offiziere dort, die ja keine groBen 
Musikkenner gewesen zu sein scheinen, aber Lichnowski wollte ihnen 
den Gefallen erweisen, daB Beethoven ihnen vorspiele. Beethoven 
weigert sich. Der Furst wird unangenehm dringend, und es kommt 
zu einer unwUrdigen Szene, aus der Beethoven sich im strOmenden 
Regen entfernt, um ohne weiteres nach Wien zuriickzukehren. Die 
Handschrift der ,, Sonata appassionata", die er damals vollendet hatte, 
wurde vom Regen durchnaBt. Der damalige Krankenhausvorstand 
und ftirstliche Hausarzt Weiser in Troppau vermittelte die Weiterreise, 
beziehungsweise den fiirstlichen PaB. Den Kern der Sache mit dieser 
Flucht aus Graz hat schon Seyfried erzahlt, nur mit allgemeiner An- 
deutung der Einzelheiten, doch fiigt er hinzu, was andere Quellen 
nicht mitteilen. „Zur Genugthuung fur erlittene Schmach muBte 
des GOnners Buste ein Siihnopfer werden. Sie fiel, in Trttmmern 
zerschlagen, vom Schranke herab zur Erde" (noch weitere Einzelheiten 
in Frimmel, „Beethoven" VI. Auflage S. 41f., und desselben „Beet- 
hovenjahrbuch" I, S. 63ff., Oberlieferungen aus dem Spital und aus 
Musikerkreisen in Troppau). Begreiflicherweise muBte nach dem 
Auftritt in Graz einige Zeit verstreichen, ehe wieder die alte Freund- 
schaft aufleben konnte. Damit hangt es wohl zusammen, wenn 



348 Lichnowski 



Reichardt in den ,,Vertrauten Briefen" (S. 82) aus dem November 1808 
mitteilt, daB Beethoven zwar im selben Haus wie der Furst wohnte, 
er „hat sich aber von dem Fursten Lichnowski, der den oberen Teil 
des Hauses bewohnt, und bei dem er sich einige Jahre ganz aufhielt, 
ganzlich getrennt". Auch erfolgten dann keine Widmungen mehr, 
wogegen fruher auBer den schon erwahnten Trios Op. 1 mehrere Werke 
dem Fursten gewidmet worden waren, so die Variationen Ober Quant' 
e piu bello!, die Sonaten Op. 13 und Op. 26 und die zweite Symphonie 
Op. 36. Wenn im .Journal des Luxus und der Moden" von zwei Kon- 
zerten schon im Februar 1807 in der Wohnung des Fursten „L" ge- 
schrieben wird, kann man wohl auch an Lobkowitz anstatt Lichnowski 
denken. Nach Thayer (Th.-R. Ill, S. 8f.) soil die Versohnung schon 
so weit gediehen sein, daB die Konzerte bei Lichnowski abgehalten 
worden waren. Jedenfalls sind im einschlagigen Abschnitt bei Thayer 
die zwei L. (Lobkowitz und Lichnowski) durcheinander geworfen. Man 
beachte auch, daB Beethoven noch im November 1808 dem Graf en 
Oppersdorf Anspielungen auf die Behandlung in Graz geschrieben hat. 
Die Stelle ist von Bedeutung und lautet: „ Ich wohne gerade unter dem 
Fursten Lichnowsky. Im Falle sie einmal mir in Wien die Ehre ihres 
Besuches geben wollen — bey der Grafin Erdody. — Meine Umstande 
bessern sich — ohne Leute dazu notig zu haben, welche ihre 
Freunde mit Flegeln traktieren wollen." — Auch Rust wuBte 
davon, daB sich Beethoven aus AnlaB des Nichtspielenwollens mit 
Lichnowski entzweit habe (Th.-R. Ill, S. 63). Noch spat, wie das bei 
Beethoven gelegentlich vorkam, brach der alte Groll, der schon ver- 
gessen schien, wieder durch. So schrieb er noch 1825 an den Neffen : ,,Der 
punkt von Bonheur ist zu beriihren, denn an Lichnowsky (verstorben) 
habe ich schon erfahren, wie diese sogenannten grofien Herrn nicht 
gern einen Kunstler, der ohnehin ihnen schon gleich ist, auch wohl- 
habend sehn." (Th.-R. V, S. 433.) Doch schon 1811 besuchte Beetho- 
ven wieder den Fursten in Gratz, wie Otto Jahn notierte, der auch 
folgendes mitteilte: ,,In Troppau wurde die Messe in C aufgefiihrt, 
wozu man alles zusammentrommelte. Der Turnermeister wurde an 
die Pauke gestellt; im Sanctus muBte ihm Beethoven das Solo selbst 
vorschlagen. Drei Nachmittage wurde probiert. Nach der Auffiihrung 
phantasierte Beethoven 1 / 2 Stunde auf der Orgel zum groBten Er- 
staunen aller. Fuchs war Sopransolist." Dieser Fuchs war der jugend- 
liche Aloys Fuchs, der spater an verschiedenen Orten Mitteilungen 
uber Beethoven verSffentlicht hat. Lichnowski bewahrte die Freund- 
schaft fur Beethoven bis ins Alter. Noch zu